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—
MUSKEGON, MICHIGAN
May 25m 1888.
NrAR I IDDADTS
—
Ber Salon
für Lileralut, Kunſt und Geſellſchaſt
Herausgegeben
3. 8. Payne
Sand 1. 1889.
Seipzig- Reudnitz,
Verlag von A. 9. Payne
1889,
Ss 144 Ar [a y Sülrenr,
u
/
Inhalt des erſten Bandes.
Des {höne Wälberfind. Ein Lebenebilb von Benno Rüttenaner . . .
Eine unkefannte Boffsliteratur. Bon Guſtav Karpeled. . . .... 18
Bilder aus Weft-Gibirien. Bon Dr. Hermann —B nn 32
Auferflanden. Novelfette von T. Tihärnan. . . Pa}
Theodor Storm. Bon P. Aamufjen . - . ....68
Unwiberftehlih. Gedicht von A. von Reigenau . ...78
Die Berliner Kunſtausſtellung. Bon Robert Diette Pau ER 7T
Lieb. Bon Rudolf Knuffert. . . . . Pa}
Aus Defterreih. Reiſeſtige von * FH... ”“
Iagdglüd. Eine Sportgeihichte. Von Waldemar Stropp FE 121
Rahllänge an Bayreuth. Bon Ferdinand Bfohl-keipig . - . . . . 134
Das moderne nordiſche Drama. Bon Joh. Beterfen. . 2... . 155
Ein Bogel. Cebit von Benno Rüttenaner . . 2 2 2 =... 167
Cine vornehme Heirat. Bon Ludwig Haleoy . . 2... 168
Logerfeben in den Prärien. Bon A. 9. son ven. 188
Im Balve. Gediht von D. Saul . . EEE
Ein Literarhiforiler. Bon Mar Bogler 2.22.0202... 206
Meertraum. Gedicht von Hermann dirfhfeld. . 211
Die Iubiliums-Gewerbe-Ausfellung in Wien. Bon Mar: » Beißentpurn 212
Der Than. Gedicht von Rudolf Knuffert . . .. 218
zu Kaſernengeſpenſt. Humoresle von Karl Georges en. 2a
Die Berggnelle. Gedicht von Frida Schwab . 209
Emf von Wildenbrud als dramatiſcher Dichter. Aritiſche Sri von aan
Branfemetter . . . 2
Die Iefpten Tage volieirts. Vor Richard George EEE
Menjenthum. Gedicht von Alfreb Friedmann . . . 2.2... .
Zaube Bliten. Bon Clara Müller-Colberg.
Meflolins. Gedicht von Hermann Hirfhfeld .
Ueber dwörter. Bon Dr. Karl Banli . .
Bhotographien aus dem Offiziersleben. Bon A. von Geridorf
Frida von Schüg. Bon Anna Löhn-Siegel . . .
Münden im Jahre 1888. Bon Adolf Sleiigmann.
Eine Beiberlaune. Bon Natalie Gluth .
Karl Guttomw und das Gutztow · Dentmal Bon Dr. Aboiph eobut
Zu dienen ber Kunſt. Gedicht von Wilhelm Arent . .
Abmont. Bon A. €. 9. Röttinger . .
Eine Mutter. Nah dem Dänifhen von A. Steenbuch
Zauber der Weihenacht. Gedicht von Wilhelm Arent
Auf Capri. Plaudereien von Anton Andrea . .
Friedrich Hölverlin. Ein Lebensbilb von Dr. Emil Traut
Sharon. Gedicht von Zantippus . .
Beitskitner aus dem Südoflen Europas. Bon Some von Tolt- Boron
auenhand. Bon Baronin Gildern
g in Berlin. Eine Studie von C. Trog
Schreiber. Roveliette von dermance » er
12 — 1888. Bon .
und Jung. Bon ©. Kalmar !
ber Scheidung. Novelle von Eduard Müller .
drei Verbrechen. Gedicht von Benno Rüttenauer .
"iler a aus dem Süboften Europas. don Ku, von Zreit voron
aß). -
Stite
Ein Genoſſe und Maler der Genies. Bon Dr. Adolph Kohut. ..*. 630
Mumenſchanz. Gedicht von Rihard George . . . . 641
Der Bater des modernen Klavierſpiels. Bon A. von Win terfel BD. 642
Marianela. Novelle von Perez Goldos. Dem ‚Spanifen naderzäßtt ı von
Emil Jonas. . . 649
Henriette He. Bon Kigard George » 668
Aus alter Zeit ber Fiſcherei B . 678
&8 war ein Traum! Bon I. Engei “. . 684
An Adalbert Mattomely. Bon W. Arent. 693
B 64
Die Soffioni. Bon P. Beterjen
Am Kamin. 220.
Neueſte Moden .. .
"96. 219. 338." 453. 586. 699
113. 233.. 353. 473. 593. 709
Aunfblätter.
Stilivergnügt. Nah einem Driginal-
gemälde von Mathias Symib.
Auf Recognoseirung. Nah einem Dri-
ginalgemäfde von ‚Theodor Breid-
w
Bie mir, fo ih Dir! Nad einem
Driginalgemälde von C. Reichert.
Anfiht von Gahburg.
Dirndl und Dadjferl, Nach einem Ori-
ginalgemäfbe von Adolf Eberle.
Allein zu Haus. Nad einem Driginal«
gemälde von Th. Kleehaas.
Unentfcieben.
Die Befalin.
Sonnenuntergang: Rach einem Original.
gemäfde von R. Reinede.
Eine Rovität. Nah eimem Drigmal-
„gemälbe von 9. Kotfchenreiter.
in Brü ch einem Original-
—8 von H. Kotſchenreiter.
Mutter und Kind. Nach einem Driginal-
gemälde von’®. Laeverenz.
Neujahrs- Bilder. Nah einer Original-
jeihnung von Wilhelm Grögler.
Im der Chriſtnacht. Nach einer Originaf-
zeihnung von Wilhelm Grögler.
Karl Gutzkows Porträtbüfte vom Ongkor-
Dentmal in Dresden.
Sefpenftergefhichten. Nach einem Ori-
ginalgemälde von Alfred Seifert.
Murillos „Unbefledte Eimpfängnig".
Bor der Soiree. Nach einem Driginal-
gemälbe von Fr. Sonberland.
So zielte ich! Nach einem Originalgemälbe
von Abolf Eberte.
Die Berbfüfften. Nach einem Originale
gemälbe von Mar Liebling.
Einen Gruß an beinen Herm. Nah
einem Driginalgemäfde von Carl
Radler.
Männertren, Nach einem Originalgemäfbe
von Jac. Leiften.
Neuigkeiten. Rad) einem Originalgemälbe
von Heinz. Loſſow.
Gemſen auf ber Flucht vor bem Adler.
Nah einem Vriginalgemälde von
Morig Müller.
——
Deine, Google
Das ſchöne Wälderkind.
Ein Lebensbild von Benno Rültenauer.
L
ın jchrieb in der Chriftenheit 1789. In der Niefenmwelt-
ftadt an der Seine, im Herzen der europäijchen Civilifation,
wie fie ſich felber nennt, fündigten immer uneubigere Bulfe,
immer aufgeregtere, ftürmifchere Herzichläge bereit# die
Krifis einer gewaltigen Krankheit an. In dem heiter grünen Winkel
des Schwarzwaldes, in der reinlichen, ländlich idylliſchen Stadt des
Breisgaus |pürte man noch nichts davon.
er blaue Himmel, eine goldene ——— und der Schloß⸗
berg mit ſeinen Blütenhecken lachten ſo freundlich als je über Frei—
burg und ſeinem Münſter und ſchienen fo wenig als die harmloſen
Leute unten in den Gafjen, Werkftätten, Schreibftuben und Wein-
häufern eine Ahnung von ben welterfchütternden Ereignifjen zu
haben, welche dieſer Menfchenwelt fo nahe bevorftanden.
Die reinliche Salzgafje hinunter war fo heimlich), fo ftil. Der .
are Rinnenbach, welcher von der Dreifam her hindurch fließt, machte
zeitweilig das einzige Geräufch hier. - Die Straße hatte ein vor-
nehmes Ausfehen, nicht weniger die Häufer darin, der PBalaft der
Öfterreichifchen Regierung, die Stabthöfe derer von Kageneck und
Zandenberg und beſonders der ſchwere, rothfandfteinerne Renaifjance- .
bau des Sifingifchen Palais mit feinem antiken Giebel und feiner
verſchwommenen, zwergartigen Rokokoſkulptur auf ber Höhe bes
Firftes. Vornehm fahen auch die beiden Männer aus, die in der
Rähe des Palais in einem bejcheibenen Bürgerhauſe am offenen
jenjter faßen.
Es war ein kindlich offenes, jonnigheiteres Geficht, das des
inen Mannes. Der ſchöne Frühlingsmorgen war nicht freundlicher
als die Züge in diefem Geficht, als diefe findlichen Augen, aus denen
ine frohjelige, janfte Begeifterung ihre Reflexe ſpielen ließ, wie das
Betterleuchten eines eben durch die Seele gezogenen Gedankens. Die
ganze Haltung des ſchwächlich ſcheinenden Körpers, der im einen
Der Salon 1889. Heft I. Banb IL ı
Bas ſchõne Wälderkind.
weichen Schlafrof mit rofarothen Umſchlägen
einen altväteriihen Armftuhl Hingegoffen war,
ck faft weiblicher Weichheit und einer gewiſſen pe
gkeit. Wollendet wurde dieſes Bild häuslicher Be—
ie grüne, wollene Mütze, die behäbig nad) hinten
in ihrer Form nicht undeutlih an die Kopfbe-
womit man ben Dichter Petrarfa abgebildet fieht
auch daran erinnern follte; denn der Mann, der
ein Dichter, der die Liebe befungen und der mit
deutfchen Anakreon ſich wohl neben einen Petrarka
Im gemeinen Leben war er der Hofrath und Pro-
rg Jakobi.
ver bildete einen durchgreifenben, ſehr interefjanten
zierlih weichlichen Erſcheinung dieſes deutſchen
it, Beſtimmtheit, und ein energiſcher Wille ſprachen
erben, aber ungemein wohlwollenden männlichen
anze Gejtalt uni ‚Saltung, die durch den kühnen
tichen, j weren Ueberrods nur gewinnen konnten,
ſich felbjt ruhenden, fertigen Charakter an. Diejer
jeheimrath Koffer, markgräflich badifcher Ober»
E en.
lieber Schloffer“, fagte Jakobi, erwartungsvoll zu
(idend, „Sie haben fie geſehen? Und ich genieße
Glückes. Beneiden Sie mic, nicht darum, befter
ıen mein Herz, Sie willen, daß ich nie mempfinb-
3 Schöne, nie und doch — Sie werben vielleicht
t Frevel gegen mein poetifcies Schaffen, gegen
enius ift — feit ich dieſes Mädchen täglich ſehe,
ichmal vor, als ob feither alles nur ein Spielen 1
ngen geweſen wäre, ein leeres, lächerliches Spiel, {
nich erſt gelehrt hätte, was es heißt, das Schöne 1
feiner anyen Wahrheit und Unmittelbarfeit, in !
digen et ichfeit im warmen Herzen lebendig und
pfinden.... Nein, feien Sie unbejorgt, ich bin
er. Das Mädchen da drüben eh mic) ja eigent-
[ber ift e8 meine Schuld, daß fie mir wie eine
‚und e3 mir felig Bi Muthe wird, wenn ich ihr
ht jehe? Das ift der Zauber des Göttlichen, er
Zuthun, und fteht nicht in der Macht unferes
3 jehen Sie, die Süße erfcheint oben am ſter
, fie ſteigt auf das Geſimſe, welch ein Fuͤßchen!
e ſtreckt ſich auf den Zehen in ihren grünen Pan--
Sie nur, die zierlichen Knöchel, und darüber,
indung! Was fagen Sie, verehrtefter Freund?“
1", antwortete Schloffer lächelnd, „doch... .“
t Iakobi, „eine Chloe, eine Daphne, eine Naide ift
yejehen, wie leicht, wie fylphenhaft fie die, Gaſſe
Y
Bas ſchõne Wälderkind. 3
herauf fam? Sie ſchwebte nur, und feine Spur von Kunft in allem,
nur Natur, eine keuſche, göttliche Natur. Wie A: iös fie ihren
feinen, ſchlanken Körper trägt! Ihr Gang. ift Hi Und diejes
jiebliche, Eleine Köpfchen, dieſe tiefen, blauen, himmliſchen Augen, ül
die fie immer die großen Wimpern heruntergejenft Hat, wie heilige
Vorhänge vor dem Allerheiligften eines ſüßen Gottesgeheimnifjes.“
offer Elopfte dem Profeffor leicht auf die Sehutter „Sie
fchwärmen, beſter Freund“, fagte er fcherzend, „aber dafür find
Mr Poet und fehen die Dinge anders als wir andern GSterb-
en.“
„Nie“, entgegnete der deutſche Anafreon nicht ohne Anflug von
Empfindlicheit, „nie ift es mir in den Sinn gelommen, zu meinen,
daß ſolche Weſen, wie fie in unfern Poefien leben, je in der wirt-
lichen vorfamen. Da Hätten wir fie ja nicht erfunden, nicht
erdichtet; denn darin befteht gerabe das Wejen der Poefie, daß die
Welt, die fie und vorführt mit allen ihren Geftalten und Bildungen
ein nur aus dem Gehirn bes Dichter Hervorgegangen ift und mur
im Gedanken, nur in der Phantafie eriftirt, fo Hatte ich wenigſtens
gemeint. Dieje Wr Schäferin aber ift Wirklichkeit, ift Tebendig und
wahr, aber iſt fie bewegen nicht ebenſo poetifch ſchön wie nur je
unfere erdichteten Scheingeftalten? Aber vielleicht vermag nur ein
poetijches uge dies zu jehen.“
BGewiß — ie recht, mein Lieber“, verſetzte Schloſſer; „mas
wir überzeugungsvoll empfinden, ift für uns Wirklichkeit und
Wahrheit.“
Hier Ienfte das Geſpräch der beiden Freunde von feinem bis-
herigen Tontreten Gegenftand ab und ging in abſtrakte Erörterungen
ber. Aber bald benußte Jalobi eine eingetretene Paufe, um auf
feine geheimen Lieblingsgedanken zurüdzulommen.
„Meinen Sie nicht, befter Freund“, fagte er plöglich, indem er
ohne ittlung auf das verlaſſene a zurüdfam, „meinen Sie
Vermittli If das { Thema zurüdfe inen Si
nicht, daß in einem fo herrfichen Körper auch ein ſüßer Geift fchlum-
mere, ben zum Bewußtſein zu erweden eine göttliche Miffion fein
müßte? Sie verftehen mich nicht, Tiebfter Schloffer, jeßte er Hinzu, fo
will ich Ihnen jagen, daß ich an unfere Hirtin drüben denke, denn
es widerfteht mir, fie anders zu nennen; ic) habe einen geheimen
Blan mit ihr, ſchon der Gedanke daran entzückt mich, es giebt ein
Mittel, fie in meinen Umgang zu ziehen.“
„Freund, Freund“, droht Schloffer mit erheucheltem Ernſt. „Sie
1 eben doch nichts leichtfertiges im Schild führen... .“
Liebſier Schloffer, bei meinem Alter!“ wehrte Jakobi ab, nicht
ı ne leife Berlegenheit.
„Na, na“, meinte jener lachend.
„Ach, ich Habe Sie mißverſtanden“, rief der Dichter mit Befrie—
i gung, „Sie ſcherzen, nım ja, Sie fennen mic, zu gut, verehrtefter
: reund, Sie wilfen, daß ich felbft in jüngeren Jahren von der Uns
huld gefungen habe:
« ı*
4 Bas [chöne Wälderkind.
Did ſoll ein Dichter nicht entweihen,
Der gerne mit bem Amor fpielt -
Und boch den Werth der Meieheit fühlt.“
Im diefem Augenblick ertönte die Tifchglode im anftoßenden
Zimmer, und die Freunde erhoben ſich von ihren Sigen.
I
Nun war es fpät in der Nacht, die Salzgaffe hinunter war eine
Lampe nad) der andern an ihrer ſchweren Stette a len um
vom Lampenwärter außsgelöfcht zu werben. Tiefe Stille lag in der
Straße, nur hier und hörte man durch das Dichte Dunkel der
mondlofen Nacht die unfichern Tritte eines fpäten Nachtwandlers,
und ber Rinnenbach, den die Dreifam durch die Salzgaffe ſchickt,
machte jegt mit feinem feifen, faum hörbaren Flüftern erit recht das
einige Geräufch in der nachtitillen Straße.
Auch, in dem Sikingijchen Palais waren die Lichter nah und
nad erloſchen, mit Ausnahme in einer Dachfammer gegen den Hof
hinaus. Das Singige Heine Fenſter, welches das einjame Lichtlein
an die äußere Welt verrieth, jtand offen. Man jcheute fich drinnen
nicht vor dem fühlen Odem der finitern Schwarzwaldmainacht, die
mit Ye tiefjhwarzblauen Mantel über der Stadt und dem Schloß-
berg ſchwebte und mit ihrem hellen, weitjtrahlenden Jupiterauge fed-
lich durch die enge Luke fchaute. Auch die Fledermäuſe, Die, ange-
zogen von dem milden Lichtbündel, der wie mit einem warmen Athem-
pauch aus ber Fenſterſpalte drang, geſpenſtiſch vorüber Hufchten,
tauchten Feine Umftände zu machen und konnten fich alles anfehen,
was drinnen in ber ftillen Kammer vorging. Die Zledermäufe, eine
Frühlingsnacht und eine „Hirtin“ find alte Bekannte.
Drinnen auf ſchmalem niederm Bettlein faß, Halb entHleidet, ein
gerabe zur Jungfrau entiwideltes Mädchen, eine liebliche Erfcheinung,
die eilt in ihrem augenblidlichen Koftüm und der gegenwärtigen
Beleuchtung, leicht um ein Beträchtliches weicher und zarter erſcheinen
mochte als in Licht und Luft des nüchternen Tages. %
einen Händchen, fonft vielleicht roth und rauf von Arbeit, ſchienen
bfeich und weiß in dem matten, fahlen Schein ihres Lämpchens, und
die Haut an Schultern und Bruſt war von delifater Feinheit, gegen
das grobe hänfene Hemd und den plumpen wollenen Unterrod.
Wenn man nicht allzugenau Hinfah, konnte man die Geftalt für eine
ſchöne Komtefje aus der Bel-Etage de3 Palais drunten halten, die
ſich den Scherz machen wollte, in der ftillen Nacht in verlafjener
Dachtammer Märchen zu fpielen, und die ſich Fi dem Zwede in grobe
Leinen und ein altfränkiſches bäuerliches Mieder geftedt Hatte. Das
ganze Bild war von unleugbarem Liebreiz, und ß geſchaut, lich es
die ſchwärmeriſche Zeiſrimng des Beofelfors Johann Deo Jalobi
auch für einen Nicht-Boeten egreiflich erjcheinen. — Das Mädchen
der Dachkammer war nämlich) die Naide des deutfchen Anafreon, der
hre auffallend --
Y
Bas [döne Wälderkind. 5
Gegenftand des vormittägigen Geſprächs zwiſchen dem Profefjor und
dem Amtmann.
Marie nähte, fie befjerte an ihrem Rod. Dabei dachte fie an
den, der am Morgen in der Küche Kienholz feilbot und ihr nichts
gejagt hat, fein Bart, obgleich er, wie fie ſicher vermuthete, nur
ihretwegen gelommen war. Sie hatte fich I" gefreut den Peter ein-
mal wieder zu jehen, und e3 ihm auch gejagt. Er war aber fcheu
und troßig geblieben, der hohe lange Menſch mit dev jchiefen linken
Schulter, Taum, daß er fie recht angejehen.
Umfonft zerbrad ſich Marie den Kopf, fie wurde nicht Hug aus
Betragen bes Irummen Peter. Aber e3 war auch jehr ſpät in
der Nacht, und nach und nad) verirrten fi ihr die Gedanken, das
Heine Köpfchen twurbe immer ſchwerer und nicte immer tiefer auf
die Bruft, die herabgeſunkenen Händchen ließen die Arbeit fallen.
Ueber die großen ftillen Augen hatten fi lange ſchwarze Wim»
pern inter geſenkt, die Stille der engen Kammer war nod) ftiller
geworden, nichts bewegte fich mehr als leife fanfte Athemzüge, welche
ein halb aufgefnöpftes Mieder in regelmäßigen Abfägen hoben und
jenkten. Immer Fühler drang durch die offene Dachiuke der Hauch
r Mitternacht, das tief heruntergefunfene Gefichtchen und der ent-
blößte Hals und Naden des fchlafenden Mädchens waren noch blei-
her und blaffer geworden in der Fühlen Nachtluft, faft marmorweiß,
die Erſcheinung hatte jegt in dem Lichte des rußiggelben, ängſtlich
flackernden Flämmchens im bfechernen Aempelchen wirklich etwas
märchenhaftes.
Es war wie in einem verwunjchenen Schlofje, wo droben unter
dem höchſten Thurmdach ein böfer Alraum die ſchöne Königstochter
in feinem umftridenden Zauber hält. Schlaf hieß er diesmal, der
mãchtige Zauber, er war aber ganz und Bw gutartiger Natur und
nicht einmal allmächtig. Nicht Marie, das Waldmädchen Ing in feinem
Bann, nur ihre arbeitmübden Glieder fühlten feine Gewalt. Schlaff
ineinander gejunfen, wie ohne inneren lebenwirfenden Zufammenhang
Hingen fie da, als ob fie nie wieder aus dem lähmenden Zauber er-
wachen follten. Die jchöne Marie aber war unterdeffen der fchlaf-
umzauberten Kammer gleichjam wie durch ein noch mächtigeres Wunder
entrüdt und befand fich weit fort in ihrer alten Wälderheimat. Da
war fie wieber ein Fleines Mädchen, eine arme Tagtöhnermaile hin⸗
"m auf dem Saalgut an den füblichen Abhängen des Kandelbergs
Und nicht Mai war's, grüner blühender Mai, fondern ein No-
‚mbertag, falt und neblicht. Unfichtbarer, feiner Regen riefelte durch
en grauen Nebel und machte den Iehmigen Boden naß und chlüpfrig,
:aurig und verdrofien ſtanden die halblahlen Bäume, und es Fröftelte
nen, wenn man fie anfah. Die Rinder ſchnoberten am naffen Gras
zum, doch dafjelbe jchmeckte ihnen nicht, es war als wenn ein git
ger Thau darauf liege, und eins ums andere blöfte unwillig
6 Bas fchöne Wälderkind,
naffen Nebel an ober gab durch ein leijeres weicheres Muhen dem Sehn⸗
ſuchtsgefühl feines Stallheimwehs einen rührenden Ausdrud. Die Schafe
und Ziegen aber nahmen die Situation humoriftifch, fuchten fich unter
Heden und Steingeröll trodene Gräschen und Blättchen, und wenn
es ihnen zu langweilig werben wollte, trieben fie allerlei Spiele,
. B. Engländers! Aufgepaßt! Kopf vor! los! bumms ftießen die
Birnfehafen aneinander; das war gut gebozt.
So machten fie fih warm, und das Mariele hätte beffer gethan,
auch mit zu pielen, ftatt unter ben raffen Hafelbufch gefauert, ſtill
da zu figen und mit ben Augen fo grad-in die Welt hineinzufehen,
als ob e3 träume und die weißfleckige Gizzel, die braune Hattel. und
feine Freundin Schönbärtle ganz vergejjen habe.
Mariele ſchien Heute nicht aufgelegt, das begreift aber ein Thier
nicht, und Schönbärtle, die kohlſchwarze Ziege mit ber weißen Stirne
und dem weißen Bart, ber Liebling des Mädchens, das brolligfte
Thier der ve fam immer und immer wieder vor den Hafelbujch
und gudte feine ftille Kameradin fragend an, aufmunternd mit dem
Kopfe nidend. Es half aber nichts, alles was fie mit ihren Heraus-
forderungs- und Au fmunnterungaberfugien erreichte bejtand darin, daß
das zujammengefauerte Menjchentind leiſe über feinen Liebling
lächelte. Aber auch nur leife, faum fichtbar. Nur ein feiner Be—
obachter gütte es verftanden, dieſes innere Lächeln der Seele, nicht
um den Mund, fondern nur aus den Augen heraus.
Ein folcher wäre vielleicht überrascht ftehen geblieben und Hätte
das barfühige, barhäuptige Mädchen mit den najjen, froſtrothen
Füßen und Talbnadten Beinen, mit dem zotteligen zerſchleißten, nach
unten nafjen Rödchen und dem Löcherigen Schürzchen drüber, worunter
das Kind die Händchen, fo gut es gehe wollte, verftedt hielt, ver⸗
wundert angefchen und fich gefagt, daß es ein ſchönes Kind fei, trotz
dem nicht ganz faubern, verwetterten Gefichthen, und den nod) une
fauberern braunen Haaren. Auf dem Schwarzwald wäſcht man ſich nicht
jeden Morgen, wenn man ein armes Waiſenlind ift und frühe hinaus
muß in Thau und Regen; da kann man draußen vom Regen genug ge
wajchen werben, wenn man auch nicht beſonders ſauber dabei wird. Und
wenn es dann da fit unter dem Hafelbujch, daS braune Haar aus den
göpfehen losgelöſt und in zufammengeflebten nafjen Strähnen über
ugen, Stine und Geficht hängend, — das ift nicht ſchön wie die
achjäbrige Komtefje drumten in der Stadt im Palais und der fünf—
jährige blonde Junge des Kaufherrn daneben, es iſt ein anderes
Genre, man muß fi) darauf verftehen. Und wenn der ſchwärmeriſche
Brsfeffer Johann Georg Jakobi von Freiburg jegt die ſchmierige
jerghalde bahergefommen wäre und hätte das arme Sind gefehen,
er möchte in feiner guten menfchenfreundlichen Seele vor biefer
Armuth erſchrocken fein. Und, ohnmächtig zu helfen, hätte er ſich
wohl raſch davon gewandt und wäre, weil es ihm auf die Nerven
geihtagen, fiebernd und frank heimgefommen, um ein paar Tage daß
jett zu hüten.
Bas ſchõne Wälderkind. 7
Huh!“ machte es plöglich hinter dem Hafelbufch, Marie und
die weißbärtige, weiß geſtirnte Biege fuhren erichroden auf. Noch
war das Thier ganz verwirrt, die junge Hirtin aber lachte ſchon. —
„Das ift Dir gelungen, Peter“, rief fie, „ich bin auch leicht zu er-
ſchrecken, doc fomm jegt nur. Haft Bunder?“
na“, vage der frumme Peter hinter dem Strauch hervortretend.
Seine linfe Schulter war höher als bie rechte, drum hieß er fo.
Er langte in jeine ale:
„Siehft! der Großätti hat mir's geben, der Bauer war auf der
Tenne. Und da hab’ ich dürres Holz, einen halben Sad voll.“ So
jprechend entleerte er den Sad.
PR ul Du follit die Kutte Haben“, fügte er Hinzu; „gelt e8 friert
Das Mädchen lächelte wieder mit den Augen. Der Bub’ aber
ftülpte die eine untere Sadede nad) innen. Das giebt warın, meinte
Fi und drüdte ihn dem Mädchen auf den Kopf, e3 war eine rechte
apuze.
„Nun nichts als Feuer“, plauderte der Knabe, „das muß luſtig
werden. — Erzählſt mir dann auch die Geſchichte vom Kandelgeijt
und dem verfunfenen Schloß, willft? Oder nein, eine neue, Du halt
mir's verfprochen, die von der rau Teufelinne und dem Ritter don
Ufhaufen. Nun blas!" Peter hatte umterbeffen euer angejchlagen
und ben Zunder in einen Strohwiſch gewidelt. Nun bliefen fie zus
fammen. „Es brennt“, rief Peter; „fei froh Mariele, ſiehſt; ich weiß,
es geht Dir nichts Über gebratene Erdäpfel, die da hab’ ich in der
Küche ermilcht. Was haſt Du denn? Schüttelt's Dich, gelt Du
frierſt? Willſt's immer nicht fagen.”
*
Und ſonderbar — auch drinnen in Freiburg in der dunkeln
Dachkammer, wo das Dellämpchen unterdeſſen erloſchen war, auch
hier ſchüttelte es die weißen halbentblößten Glieder. Und dann be—
wegten ſich die nackten Arme, wie wenn fie etwas ſuchten, etwas an
ſich ziehen wollten; ber gufammengefauerte Körper auf ber Bett
feringe richtete fich auf, auch das Köpfchen hob fich ein wenig, doch
ei ae nicht recht gehen, noch weniger wollten bie fehweren Liber
ich öffnen. —
In derjelden Stunde ſaß der Hofrath und Profeffor Johann
Georg Satebi drüben an feinem Schreibtif und dichtete jein Gedicht
rn die Hirtin“, worin es unter anderm heißt:
Und eure Mädchen liegen
Auf zartem Rafen weich
Am Blütenbeum und ſchmiegen
Bertranter fih an end.
Und fern von euern Chören
Erfgallt der Flöte Rlang,
Unb Chloe Tommt zu hören
Den lodenden Geſang.
*
Bas [cöne Wälderkind.
tand er Marie, feine eingebildete Geliebte —
‚ ftehend, mit Halblauter Stimme las er das
nd, daß e3 gut fei. Dann fuchte er befriedigt
IL
ı unterbefjen Hingegangen — bie drei inhalts-
ltgeſchichte
opäiſchen Civiliſation, wie es ſich ſelber nennt,
oloß krankhaft fieberheißen Schlägen, wie ein
will. Der Riß war ſchon geſchehen, das Herz
jum Vulkan geworden. In unheildrohenden
vor den Augen der erfchrodenen Welt die
ten zum Himmel empor. Immer höher ftiegen
n, die weitleuchtenden Feuerkugeln einer trun-
rung. Viele zerplagten als hohle Blaſen.
am höchſten Horizonte der Menfchheit als
ce neuen Zeit, al3 flammende Sonnen der auf-
ie Nacht vom 4. Yuguft war hingezogen und
rfreiheitstag aufdämmern laſſen, die Menjchen-
worden.
ler als Eonftituirende Verfammlungen und alle
ber Welt Hatten zu allen Beiten — in geiftig
ıfgeklärt fortjchrittlichen, in rohen, barbariſchen,
iſirten und übercivilifirten — hatten andere,
Bewalten Diefe einfachen Rechte der Menjchen
tirt und werden fie ewig biftiren.
die gewaltigfte diefer Gewalten ift die Schöns
jeimnigvolle Zauberkraft der Liebe.
vdringlicher, herzensinniger als in ber Geſchichte
zn, und ohne den Schwall eines öffentlichen
08 fprechen die Nechte des Menſchenthums oft
tcht im Archiv der Weltgefchichte aufbewahrt
unbeachteten Geſchichte eines armen Menſchen⸗
unpolitiſchen, ſtillen Winkel der Welt.
liſcher Winkel war das Haus des Dichters
Ruhe, ſtille Sammlung, behaglich häusliche
er fromme Mir Penaten faßen mit dem
ı an der freundlich fladernden Flamme feines
‚ die fi dazu gefellte, war nicht weniger ftill
lich, ja philifterlich deutſch wenn fie gleich in
anakreontifch Tüfternem Koſtüm erſchien, das
Aber eine andere — Mufe, Göttin, oder wie
ıennen foll, fam dazu und war nicht poetiſch
ein fehlichtes bürgerliches iskleid an, wie
3 mit ſich brachte. Ste ſaß wohl von Zeit
uch, aber die meifte Zeit war fie mit Kochen, .
Bas ſchõne Wälderkind. 9
Bembennähen und Strumpfftriden — Während der beiden
jegten Hantirungen feb, wenn anders fein Beruf ihn nicht abhielt,
jenige bei ihr, welchen die deutſche Nation ihren Anakreon nannte,
und hielt ihr feine Privatissima aus den Kunft- und Wiffenfchafts-
gebieten aller neun Muſen, wobei fie ihm mit großen, Eugen, mand)-
mal aber aud) ungewiffen Augen zuhörte.
Diefe leibhaftige fchlicht-einfache Poeſie, einem lebendigen Sym-
bol des Volfsliedes vergleichbar, hieß Marie, und die Leute nannten
fie das ſchöne Wälderfind.
Jakobi hatte feinen Plan, den er feinem Freund Schloffer einft
angebeutet, ausgeführt. Weber drei Jahre ſchon war Marie im Haufe
des Profejfors und war feine Haushälterin und Gefelljchafterin, an
deren Geijtesbildung zu arbeiten feitdem feine Tiebfte Sorge war.
Die Leute mochten darüber allerlei denken und reden; fie moch-
ten, wenn der Herr PBrofeffor und feine „Haushälterin“ fcherzend und
plaudernd mit einander am offenen Fenſter ſaßen, oft deutlich die
söpfe Thitteln. A Hofrat mb Profe lerd 5
arie war dem Herrn ath und Profeſſor allerdings mehr
als bloß Haushälterin, auch mehr als Gefechten. fie war ihm
eine Freundin. Und es war ihm fehr ernſt mit dieſer Freundichaft.
Er wußte zwar auch, daß Gleich⸗ und Ebenbürtigfeit die erſte und
notömendiglte Bedingung jenes heiligen Bundes ijt. Doch äußere
Standesunterfchiede galten ihm in einem ſolchen heiligen Verhältniß,
ala welches er die Freunbfehaft auffaßte, nichts. Für ihn war Marie
eine heilige Blüte der Menfchheit, ein Gedicht Gottes, welches ihn
mit allen mern der Ehrfurcht erfüllte. Er hätte einer Gemalin
ober Braut feine andere Behandlung angedeihen laſſen, als fie die
Haushälterin von ihm erfuhr.
Vielleicht Tiegt alles in dem einen Wort: er liebte. Schwär-
meriſch liebte er, jo ſchwärmeriſch wie nur ein fentimentaler Fünf-
iger, der zugleich ein Poet ift, lieben kann. Ein Fünfziger? Nein,
ein Zwanziger. In diefem Stüd war er jung geblieben, ein echter
deutſcher Jüngling. So überglüdjelig, fo ſelbſtvergeſſen, jo jentimental
Ionnte er ſchwärmen, wie in ber Zeit der Lorenzodofen.
Und er glaubte fic) geliebt. Warum follte er es nicht glauben?
Marie war jo freundlich, jo hingebend, fo felbftlos. Sie zeigte ein
fo feinfühliges Verftändniß für jein Weſen und feine Art. Sie er-
rieth immer feine geheimften Wünjche, war nur freundlich und heiter
in feiner Nähe und hatte immer ein bezauberndes Lächeln, wenn er
Sn Schulftaub abjchüttelnd ins Haus zurückkam. Es Hatte ihr ja
iemand Leftion darin gegeben, wenn nicht die Liebe.
Nicht nur die Nachbarn und Nachbarinnen munfelten allerlei
ber das Verhältniß oder blinzelten bei deſſen Erwähnung verftänd-
ißvoll mit den Augen; auch die nächiten Freunde Jakobis fehüttel-
m bedenklich bie Köpfe. ir der eine, Schloffer Tächelte darüber.
Er fchmeichelte fi, einen Jakobi beffer zu kennen und gewiß zu
ein, daß jelbe fein Zeus, weber ein Olympiſcher noch — ein
Bas ſchõne Wälderkind.
fondern ein Anakreon und zwar der beutfche Er
reund, wenn bdiefer in feinem Lied: „An Belindens
g:
Did) foll ein Dichter nicht entweißen,
Der gerne mit bem Amor fpielt
Unb doc ben Werth ber Weißheit fuhlt.
Nein, ungeküme Bünfge mist
Soll biefer Meine Tempel hören,
Nur Seufzer barf ich mir gewähren.
ſchiedlich auch die Ausdrüde waren, in denen die ver—
ſchbaſen weiblichen und männlichen Geſchlechts, über
18 ſchöne Waldmädchen ſich ausfprachen, die Gevat-
letzgers⸗, Schneibers-, Krämerfrauen einerfeit3 und die
zunde und Freundinnen Jakobis andererfeits, darin
e überein, dab fie Marie ftrenger tadelten und bitterer
8 den Hofrath. Dod) auch in diefer Beziehung machte
ahme; und das war der frumme Peter vom Saaihor.
d zu einmal in das Jakobiſche Haus, welches indeß
in der Salzgaffe, dem Palais gegenüber war, fondern
aſſe lag und zwar an deren Ausgang, da wo fie am
mit ber erjtern zufammen ftößt. Ber Peter mußte
chen entweder vom Zufall außerordentlich begünftigt
iber auflauernd zu Werke gehen; er kam immer,
:ath ausgegangen war. Marie fah den Kindheitöge-
gern, jo Gehe aud fein ganz und gar verändertes,
» fcheues Weſen fie befremdete. Sie fuchte ihn oft zu
Rüdfunft des Profeſſors abzuwarten, dem fie von ihm
id ber ihn gern fennen lernen möchte. Aber da war
erbar und hatte ein Art fie anzubliden, daß fie vor
Und ſeltſame Worte ließ er fallen. „Habe fein Ver:
fehen“, ftieß er hervor, „wäre wohl beffer, wenn d'
'ſehn Hättft. Ich glaube nichts, aber ich Frieg einen
Leut' fo... Ich will nicht drüber reden — am
mich der Pfarr’ daheim, ich möcht ihm fein Maul
tt, laß die Leute doch“, fagte dann Marie begütigend,
leicht, weil der Herr Profeffor ein Lutherifcher iſt, er
nenſch, bei dem man jein Chriftenthum einbüßt, und
ch jo fromm, und kann jo hrijtlich veden, beffer wie
crer auf der Kanzel.“
ıtgegnete ber Peter nichts, ſondern fah fie mit großen
an, und ein faum bemerfbarer Glanz in feinem Blick
thun, das ihm ihre Rede gefiel.
mer bei ihm bleiben“, warf er dann gelegentlich einmal hin.
ft mir“, gab fie zur Antwort, fein Menſch auf der
> gut gegen mich wie der Herr Profeffor.“
Bas ſchõne Wälderkind. 1
Gar finfter bfidte der Peter drein, wenn er ſich verabfdjicdete,
alle Liebe und Freundlichkeit Marie fchienen nichts über ihn zu
vermögen, auch fam er feit einiger Zeit immer feltener.
W.
Ta war's ber erjte Mai und ein Sonntag. Luftig und lärmend
ging es in der Stadt (Freiburg her, befonders in ber font jo ruhigen,
vornehmen Salzgaffe. Hier waren die Häufer befränzt und drapirt,
Blumen und wehende Maien winkten von den Fenſtern und fanden
vor den Thüren. Buntes Volt wogte durd) die Strafe, ftäbtifches
und ländliches, Teßteres in mannigfaltig, auffallenden Trachten:
Slotter- und Wildthälerinnen mit ihren hohen; cylindriichen Stroh-
hüten, Dearfgräfferinnen, hohe dralle Geſtalten mit vollen runden
Geſichtern und dem wehenden „heiligen Geift“ darüber, wie fie Die
ſchwarze fchmetterlingsartige Zlügelfapuze mit den bis zur Erde
mallenden breiten Bändern heißen, junge Bauern mit weißen Stittel
und Fuchspelzmütze, Volt vom „Wald“, von St. Peter, St. Märgen
und Eſchbach, mit flachen, abgebogenen Hütchen Die Frauen, mit
mächtigen Dreimaftern die Männer, Elzthälerinnen mit den apfel-
großen roth⸗, blau- und grünfarbigen Wollenballen auf freisrunden
ten — alles bunt durcheinander, einzeln, paarweije und in
ufen.
In der Ferne Iujtige Mufil. Die tönt von Oberlinden, von
dem freien Plag, in den die Salzgaffe und die Pfaffengaije zufam-
menlaufen und wo an der Ede eine Linde ihre Aejte über einem
Hohen, rothjanditeinernen Brunnen, den ein Muttergottesbild krönt,
ſchůtzend ausbreitet. Der gange Play bis weit in die Pfaffen- und
Salzgaffe hinein, und hinaus bis zuni Schwabenthor, das mit jeinem
vierſchrötigen Thurm über die befcheidenen Dächer der Bürgershäufer
hinweg, fühn in den Plag herein fehaut, ijt von Menjchen erfüllt,
Um die Linde buntes, jauchzendes Leben. Ueber dem fanditeinernen
Brummen auf einem hohen, hölzernen Gerüft thront eine Muſik—
bande. Unter der Linde, rund um den Stamm herum, nur wenige
Zuß über dem Pflafter, ift von blanken Brettern ein Tanzboden ge—
zimmert.
Mit rothem Band an den Stamm gebunden, ſteht in der Mitte
der Bühne und recht wie ein Opferlamm dreingudend in all die Luft
und ben Lärm, ein fauber gewafchener weißer Hammel. Auch ge—
müdt iſt er wie ein Opferlamm mit farbigen Seidenbändern und
em Kranz von rothen, blauen und gelben Wiefenblumen. Neben
‚a auf einem Tifchhen brennt eine Kerze, in deren Mitte ungefähr
‚ne dünne Silbermünze horizontal eingedrüdt ift.
Zuftig walzt es um den Baum und den Hammel. Eines der
fchmücten Paare ſchwenkt immer ein rothes Fähnlein mit herum,
weimal, dann nimmt das folgende Paar cs ihm ab und jo weiter.
Ein wildes Gewoge geht durch die zufchauende Menge, noch ift
Bas ſchõne Wälderkind.
Spannung, es kann noch lange dauern, bis das Licht
e herunter gebrannt ift!
der Maffe fchien fi) um dag ganze Treiben um ihn
ı kümmern. An eine Hausede der Pfaffengaffe gegenüber
nt, eine Hohe fräftige Geftalt mit verjchränkten Armen.
ach dem offenen Fenſter bes zweiftöcdigen Haufes ihm
in ältlicher Herr mit zarten, Keinen Zügen ftand dort
ind neben ihm eine hochgewachfene weibliche Geftalt.
ven hatte feinen Hut genommen, „adieu, Marie!“ fagte er
Hänbedrud, dann war er weggegangen. Bu, —* ſich
eitete der an der Straßenecke, wie eben der Bro rejfor
ı aus ber Thüre fchritt, ſich mit beiden Ellenbogen
die Menge. Das war fein Eleines, aber es ging. Wer
f ober zwei über die Menge emporragt, ber läßt fich,
uch bränge, nicht von ihr ſchieben und bahnt fich frei
mmend eigene Wege, trog der Menge.
and nun alfein drüben am Zenfter. Sie fchaute nicht
elig drein wie vorhin im heitern Geſpräch mit Jakobi.
eele jchien ein Gedanke zu ziehen und einen Anflug
Schatten . über ihre vorher fonnenhellen Augen zu
hatte ſich auf den Stuhl am Fenfter niedergelaffen,
gen gefaltet im Schoß.
tal fuhr fie feis zufammen, die Thüre ging auf und
mn ber Hausecke drüben erfhien im Zimmer.
du...” dann hielt fie erjchroden inne. Die Beiden
am an.
&, Peter“, fagte Marie dann, „ic, war erfchroden, Deine
jo — ich habe gemeint, Du hätteft wieder — Seh. Dich
tteft gemeint?"
ih erjt! Du habeft einen Rauſch, hatt’ ich gemeint.
irklich wahr, fie fanen, daß Du das Trinken anfangit.
Gütchen geerbt, willft'3 vertrinfen und verfpielen?“
auf ankommen.“
auf anfommen? Peter, Du machft mir Angft, bift deß—
1? Ich meinte, Du würdeft „nein“ jagen und „es ift
ie Leute fügen“, Peter, ich verjtche Dich nicht mehr,
als ich Dir draußen vor dem Thor begegnet bin, und
habe, daß Du wieder einmal zu mir fommen mögft,
iſt Du mir fo verwirrt vor. Du wirft doch fein böfer
n wollen. Denk an den Heidenhofmarten, der auch
ngefangen hat und Spielen und Schulden machen, Du
3 mit ihm kam. Du warft ja immer brav gewejen,
nicht mehr daran, da wir noch auf dem Saalhof beis
. Haft mir ja oft genug die fchauerliche Gejchichte vom
Ilt daß uns beiden gegrufelt hat, dent an den Karfunfel!“
ſchon daran, ich hab’ ihn ſelber Dadrin, den Karfuntel.“
Bas fdöne Wälderkind. 13
n®ott, wie Du wieder red’it!”
„om Teufel wird er nicht fein, wenn er ſchon brennt wie die Hölle.”
Marie Ir} auf. Sie erſchrak, ber Peter fnitterte an jeinem
Hut, feine ſtarke Fauſt ſchien leis zu zittern, fein Mund nad) Wor-
ten zu ringen.
„Marie, ſag', möchtet nicht — ich will jagen, willft nicht wieder
heim kommen nad) St. Peter?“
„Ach Gott, ‘ habe ja niemand“, ftieß fie hervor. Peter ſah
fie eine lange Weile an.
„Sag, 1118 wahr, wirſt bald Frau Profefforin werben?“
„Sagen fie das auch in St. Peter?“ entgegnete Marie mit
ſchmerzlichem Lächeln, „dann wiffen die mehr wie ich. Meinft, der
— dent’ noch einmal and Heiraten? Und meinſt, ein ſolcher
würde mich als Frau nehmen?“
„Und würbeft Du ihn nehmen?“
"Immer Deine fonderbaren Gefchichten, es ift ja zum Lachen, wer
denft denn daran?“
„Würdeſt Du?“
Ich glaub’, ich thät’s“, antwortete fie nachdenklich, „ich könnt'
ihm nichts abfchlagen, er it zu gut gegen mich, verlaffen bin ich Doch
und niemand, und ob ich al3 Frau oder als Haushälterin ihm
diene. Wenn er mich nicht weg ſchickt, werbe ich ja doch nie von
ihm gehen.“
Auch nicht, wenn D’ Heiraten könnt'ſt? Aber eine Bauernfrau
mögt ja nicht mehr werben.“
möcht'8 auch nicht, doch dafür ift geforgt. Was für ein
Sau“ ſollt' mich denn heiraten, ein armes Ding, da dazu nod) das
Schaffen verlernt hat, ein Bauer muß eine Bäuerin heiraten.“
„Haft am Ende recht.“
Peter fehrte fich um, als ob er gehen wolle. Un der Thüre blieb
er ftehen, den Kopf auf die Bruft gefentt, I] er ftumm auf den Boden.
Bin rm Augenblide ftand er da, dann hob er langjam den Kopf in
ie Höhe.
De Marie, wie mein Karfunfel heißt?“ begann er mit uns
- fiherer Stimme, Du weißt'3 nicht, Du würdſt's aus nicht berftehen,
wenn id, Dir’ fagen wollte. Peter griff nad, der Thüre. Ein
unheimliches Stöhnen rang fi aus int Gehen Brut. Dann
fehrte er ſich noch einmal um.
„Weißt was, Marie; ich...“ ba hielt er an, „ich bin ein Bauer,
Du haft gehört, daß ich den Hinterdorfforg beerbt Hab’, meines
Vaters Bruder, und ich will — ich will Dich nehmen, Marie? —
Du erfehridit! Ich wußte wohl, Du heirateſt feinen Bauern, ich
5ab'3 ſchon en daß Du mich nicht magft, Du haft Angit
vor mir. krumme Peter, meine Hände find auch immer
zauher und N pe jer worden und mein Rüden immer frummer, und
Du krumme Peter, aber wenn ich daran dachte,
wie wir u miteinander geweſen find als Kinder und ſpäter, da
Bas ſchõne Wälderkind.
teft auch daran denfen, und 's könnt' vielleicht
den. Wenn id) Dir dann aber unter die Augen
r mir jah, da hatt! ich fein Herz, aber bin doch
men; das war mein Karfunfel. Die andern haben
m gewollt, fie haben mir fchlimmes von Dir
uch geglaubt, aber den Karfunkel wurde ich nicht
t fommen und hab' Dir frei ind Aug’ gegudt.
’ ich da nicht ſehen können und ift mir wohler
z in ber Stadt gehört hab’, der Profeffor wollt’
itt's dann wieder don neuem angefangen, dadrin-
io arg wie noch nie. Und dann bin ich lang’
ſchaffen konnt' ich nichts mehr, dann hab’ ich
Dich zu vergejfen, hab’ auch wieber Hoffnung
wenn Du den alten Zipperleinsmann heiraten
ı Ende auch der frumme Peter nicht Ein ſchlecht
ch beſſer; Du habeſt ihn doch früher leiden mö-
unfer Herrgott lieber fehen, als mit dem Alten,
traurige Sache wär und ganz und gar, wie ich
Sebot. So, nun iſt's raus, einmal hat's fein müſſen.
hen, Du warjt nicht froh drüber, Du haft mich
m... Hab’ feine Angft, ich geh‘, Du ſiehſt mic)
ter ihre Hand ergriffen und in feiner umgefihlach-
it jo gebrüdt, daß Marie unwillkürlich laut aufe
unten in fieberhafter Spannung und lautlofeiter
em Lichte jah, am welchem jeden Augenblick die
ıllen mußte, um den Gewinn des Hammels für
yeiden, welcher in dieſem Moment tanzend das
ıenkte, hatte man den Schrei Mariens von dem
inter gehört und der Hilferuf eines Webereifrigen
than, um jo mehr als erfahrungsgemäß bei der:
die allgemeine Freude und Aufregung und die
ve Sorglofigfeit und Unachtſamkeit von Strolhen
ı werben pflegt. Ein Dieb, ein Mörder, Hilfe,
Seiten, und ehe Peter und Marie fich recht be
was vorgegangen war, wurde aud) fchon die Thüre
tänner und Bürger ftürzten herein, und von ber
:oßer Tumult herauf.
Einfprache gegen Peters Verhaftung zu erheben.
und die Aufregung waren zu groß, man hörte
ging’3 mit dem Peter, über den Play, durch die
ngniß lag nicht fern. Die Menge war in fürchte
Der böfe Peter, er hatte ihnen das Spiel ver-
vüthend auf ihn. Alles fchrie: „Mörder, Dieb,
it ihm, am Galgen mit dem Dieb.”
Bas ſchõne Wälderkind. 15
In bergmeiflun Bvoller Rathlofigkeit war Marie zurüdgeblieben,
pm Glück fam Jakobi bald nach Haus, der, nachdem Marie ihm
Vorgefallene mitgetheilt, fofort Schritte zu Peters Befreiung that.
* *
*
Seit den Vorfällen beim Hammeltanz waren zwei Wochen hin-
Marie hatte die frühere Heiterkeit nicht mehr erlangt, fie
9 meiſt allein in ihrer Kammer und hing ihren Gedanken nad.
Die gewaltige Macht einer leidenſchaftlichen Liebe hatte, wenn auch
nur von augen her, ihr Herz berührt, und dieſe Berührung hatte
genügt, dafjelbe tief zu erſchüttern.
Peter Fam ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie wurde im-
wer unruhiger und aufgeregter, immer geängjtigter, von Stunde
zu Stunde, von Tag u Tag, bis fie ſich aid jagte, daß es ſo
nicht fortgehen könne, daß fie von Peter etwas erfahren, daß fie ihn
ieleigt Iehen, mit ihm reden müſſe und — ja, was weiter, das
wußte fie nicht. .
Da ſah fie nad) langer Zeit die Halden wieder, wo fie einft
wit Peter gehütet hatte, und unter der Macht der Erinnerungen wid)
die Beingfttgenbe Gegenwart nach und nad) in ihren Gedanken zurüd,
fonnige Bil ſchoben ſich vor fie hin. Dann war fie wieder ein
Kind, faß bei der Heerde und jätete im Kartoffelader und der Peter
war immer um fie.
Immer deutlicher und farbenreicher, immer lebensvoller ſtand
bie Vergangenheit in ihr auf, und alles war fonnig und heiter darin.
Das Shlimme und Schmerzliche, die Armuth und das Elend ftanden
nicht mit auf, die waren begraben und vergeffen, und wo einft heiße
Thränen Singefallen blühten leuchtende Blumen hervor.
Immer deutlicher — und es war iht, ala ob fie gar nicht weg-
gewejen wäre von Bergen und Halden.
Es war mitten im Nachmittag, ala Marie nad, St. Peter kam.
Was wollte fie hier? Sie wußte es kaum. Den Peter befuchen?
Und was bei ihm thun? Nur hören wollte fie von ihm. Darauf
brauchte fie nicht lange zu warten. Der Peter fei ganz aus dem
Häusle, er komme aus dem Trinken und Spielen nicht mehr heraus,
und wenn er feinen Rauſch habe, ſchweift er trübjelig umher, und
nad) feinen Sachen ſehe er gar nicht und fümmere fi um nichts,
auch heut’ fei er wieber weg, niemand wilfe wohin.
Marie hatte noch eine entfernte Baſe in St. Peter, bie fuchte
"af. Sie fand feinen freundlichen Empfang, es wurde ihr gleich
jehalten, daß man nichts gutes von ihr fage. In einem andern
I hätte es Marie weh gethan, heute hörte iM es nidt.
Uebergeit, daß fie etwas thun müſſe, wollte fie bei der Baſe
: Nacht bleiben am andern Morgen, bie Leute mochten jagen,
s fie wollten, den Peter auffuchen. Sie durfte ihm doch nicht
derben laſſen.
Am andern Morgen war der Peter nicht da, er war die Nacht
16 j Bas ſchõöne Wälderkind.
nicht heim gekommen. Marie wollte das Herz brechen. Sollte fie
auf ihn warten? Sie würde ihn gerne Fugen, wüßte fie nur wo.
ann war auf einmal brüben bei der Slofterficche ein Bufam-
menlaufen von Menfchen, und Frauen ftredten die Köpfe zufammen
mit einem Ausdrud ihrer Gefichter, als ob fie ſich entfegliches be=
Tichteten.
Man hatte die Leiche Peters gebracht. Un der Wolfsſchlucht
draußen, wo der FZußpfad von Wagenfteig herüber führte, hart an
dem Zelfen vorbei, hatte man fie gefunden.
* *
*
Ziemlich gefaßt war Marie nach) einigen Tagen in Jakobis Haus
zurädgefommen, fie war ſehr bleich, fehr ftill. Weber bie Ereigniffe
in ©t. Peter fam nie eine Silbe über Marie Lippen, und mit der
eit wurde fie auch wieder heiterer. Jakobi hatte bald eine größere
reude an Marie als je. Ihr Charakter ſchien noch wei
worben zu fein, ihr Gemüth tiefer, fie fand ix noch mehr als Früßer
Genuß an erniter Lektüre, befonder8 an der Bibel. Nur zog fie jegt
das neue Teftament vor. Gegen Jakobi war fie von einer zart-
fühlenden Aufmerkjamteit, daß er —— gerührt wurde und ſich immer
gluͤcklicher ſchätzen mußte, dieſem herrlichen Mädchen begegnet zu fein.
Da glaubte Jakobi mit der Ausführung eines län, faehegten
Planes nicht mehr Länger zögern zu dürfen. Er hatte alle Hinber⸗
niſſe, deren Größe er zuerſt weit entfernt geweſen war, auch nur zu
ahnen, und bie ihn auf eine Zeit lang eingejchüchtert hatten, aufept
muthig überwunden; Schloffer Hatte ihn ftet3 aufgemuntert.
hatte ıhm auch beigeftanden, feine Familie mit dem Vorhaben aus-
uföhnen. Die Reden der Welt glaubte er verachten zu fünnen, er
dat Marie um ihre Hand.
Im November war die Hochzeit, ein ftilles, inniges Feſt.
u Freiburg machte fie viel Redens.
„Der Herr — jor Jakobi iſt doch ein Ehrenmann“, ſagte der
Nachbar Schreiner.
Pr vi , Tieh, eh fiat ai ER drüben bie
uftersfrau; „wer hätt’ das gedacht, wird die doch noch Frau Pro-
fefforin. Ja, wem das Glüd will!“ 9
„Die hat das auch nicht verdient“, ſagte manche Betſchweſter,
„ba mag wohl der Teufel mit im Spiel fein.”
„Ob fie diefes Opfer werth ift, das unſer allzugroßmüthiger
Jatobi dabei bringt!“ hüftelte der Hofrath Dingskirch
„Was fo ein Dichter Grillen hat“, meinte der Herr Regierungs-
rath Ypfelon, „nun, der Dirne kann man gratuliren, die braucht bie
voranggegangenen Jahre nicht zu bereuen.“
an hatte in Freiburg lange über nichts mehr jo disfurirt wie
über dieſe Hochzeit, und das aing fange fort, zulegt aber hörte es
auf, und niemand ſprach mehr darüber.
Bas ſchõne Wälderkind. 17
Es gab andere Ereigniffe: Krieg, Belagerung, Ueberfälle, Rüd-
zug des Moreau, Schlachten, Friede, Kongrefje, Wechſel des Landes
heren, und wieder Krieg und wieber Friede und neue Revolutionen.
— Die Frau Hofrath Jakobi Hatte einen Sohn geboren, hatte ihn
groß wachen jehen, und dann ins Grab gelegt.
Sie hat ihren Mann ins Grab gelegt, und dann noch lange
gelebt — einfam, till, in einer fchönen, reichen Welt — in der Welt
ihrer Erinnerungen, und dies jo ausichtichtig, daß fie mit der andern,
die fich doch allein für die wahre umd wirkliche Welt hält, allen Zu-
funmenhang verloren, jritben fie nichts mehr darin hatte, worauf fie
ihre Empfindungen und Gedanken hätte beziehen fünnen.
Sie that deßhalb, als ob diefe Welt gar nicht für fie da wäre,
überhaupt gar nicht erifticte, oder wenigftens gar feinen Werth, gar
feine Bedeutung hätte, neben „ihrer“ Welt, neben der Welt ihrer
Erinnerungen. Das ärgerte die andere Welt, und aus Aerger fagte
fie, die gute Frau fei verrüct und mieb fie. Für die vornchme
Geſellſchaft, welche fie einmal dulden gemußt, war fie nicht mehr
v .
ein Geſpenſt die Pfaffengajfe hinunter taften. Es war, als ob fie
niemand kenne, niemand redete fie an, niemand grüßte fie. Nur hier
und da jahen ihr die Menjchen verwundert mad und dann gingen
fie wieder weiter und fchüttelten die Köpfe. Die alte Frau gin
dann auf den Kirchhof, hier konnte fie tagelang verweilen und felbit
wenn es dunkel wurde und andere Menfchen ſich zwifchen ben Grab-
fteinen unbehaglich fühlten, bfieb fie.
Um fie herum war e8 Nacht, aber fie war doc, mitten im Son-
nenjchein ihrer Welt, der fchönen Welt ihrer Erinnerungen.
„Der guten Frau iſt's im Kopf mic echt”, fagten die Leute.
„Ihr Geift ift leider getrübt", fagten die Bekannten und hatten Mit-
leid mit ihr. Aber in den Bildern ihrer Vergangenheit war nichts
getrübt, wenn auch die Geftalten ihres verftorbenen Sohnes, Arfobis
und des frummen Peters in eine zılfammenfloffen, und aus einem
einzigen Antlig ihr entgegen zu bliden dienen. .
, Eine ganz neue Zeit war gefommen, die alte Frau ging nor)
immer auf ben Kirchhof. Eines Tages aber ging fie nicht mehr
hinaus, fie wurde Hinausgetragen, ruhig ausgeftreit zwiſchen ſechs
ſchwarzen Brettern, imd faſt ſo einſam und allein, wie ſie vorgeſtern
noch hinaus gegangen war.
Einft hatte die Welt fie wohl einmal gefannt, aber das war
I je her, und die Gefchichte des ſchönen Wäldermäbchens, welche der
! It einmal fo interefjant vorgefommen, war längft vergeffen wie
«altes Märchen.
inden.
Noch mande Jahre a man die alte, grau gewordene Frau wie
9 —
Der Salon 1889. Heft I. Band I. 2
ine unbekannte Bolkstkiteratur.
Bon Guflav Karpeles.
n ber Literatur eines jeden Volfes begegnen wir neben
den großen, mächtigen und für Die Stellung dieſes
Volkes in der Weltliteratur ——— gebenden
Strömungen gewöhnlich auch einer kleinen, gering-
ES fügig jcheinenden Unterjtrömung, welche von ben
Literarhiftorifern gar nicht beadhtet, von der Nach—
welt gemeinhin vergeffen wird, aber doch in ihrem ganzen
Verlauf wichtig und bedeutend genug ift, um die Aufmerfjam-
feit jpäterer Generationen zu Seifen, Gerade in diefer un-
beachteten Unterftrömung erfennen wir den Charafter eines Volkes
beffer und deutlicher, als aus feiner Stunftliteratur, den Charakter
jenes Volfes, aus deſſen Bewußtfein fie entſprungen ift, deſſen Wille
fie trägt und in deſſen Leben fie einmündet. Cine folche geiftige
Unterftrömung ijt auch im Judenthum von altersher vorhanden. In
den Tagen, da die Propheten ihre Ermunterungen, ihre ftrafenden,
mahnenden Reben in Iſrael Hielten, da ging neben dem Propheten
der Pfalmijt einher und wenn der Prophet in feinen feierlichen Ge—
fichten zum Wolfe gefprochen hatte, da fam der Pjalmift mit feinen
teöftenden und aufmunternden Liedern; und als fein Prophet mehr
auftrat in Iſrael, als die legten Pjalmenfänger ihre Harfen an Die
Weiden Babels gehängt hatten, weil fie das Lied von Zion nicht
fingen mochten auf fremder Erde, da machten fich zwei neue Strömun-
gen in ber Literatur des jüdifchen Volkes geltend: Die eine Strö-
mung, die das Geſetz nad) allen jeinen Verzmeigungen und Ummwa ":
lungen normitende Halacha, und die freundlich wie ein Garten dieje :
umgebende Hagada, Erzählungen, Fabeln, Räthfeljpiele, kleine Gedid
- und derartiges enthaltend. Einer ähnlichen, ja vielleicht fogar v :
wandten Strömung begegnen wir auch am Ausgang des Mittelalt«
Denn um es von vornherein feftzuftellen: das juͤdiſche Mittelal
dauert länger, wie das Mittelalter der andern Menſchheit, es dau
|
Eine unbekannte Bolksliteratur. 19
fait bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, und um die Seit, in
welcher fich die Strömung, von der ich hier fprechen will, breit
macht, um diefe Zeit ift das jübijche Mittelalter noch in dickſter
Sinfterniß, während alfenthalben die Sonne der neuen Zeit bereits
ſtrahlte
Dieſe Unterftrömung, die ſogenannte jüdiſch-deutſche Literatur,
entfpricht demſelben Bebürfniß, wie die Volksliteratur anderer Völker.
Auch fie entipringt aus den Regionen der Phantafie gegenüber den
einfeitig geltend gemachten Regungen des Verftandes, auch fie wendet
I) zunaͤchſt an die „Armen im Geijte*, an die Frauen und Un-
gelehrten und Kinder, aud) fie wird nicht von großen Gelehrten ge-
führt, fondern zum Theil von anonymen Schriftftellern, zum Theil
aud von recht unbebeutenden Geiftern und auch fie verfchwindet
wieder, wie ſie gefommen ift, ſpurlos. Um aber das Bild des Stromes
feftzuhalten: Wie gar oft ein Fluß, ber in feinem Anfang blühendes
Wachẽthum und Gedeihen über Feld und Flur außbreitet, weiter
hinauf Tod und Verderben bringt, wenn er über feine Ufer tritt,
um ſchließlich an einer anderen Stelle ganz zu verfanden, fo hat
and) dieje geiftige Strömung, — im Anfang ſo fruchtbar zu fein
ſchien, in ihrem fpäteren Herta trübe ‘Fluten gewälzt und ihre
legten. Spuren tragen nur nod) Sand und Gerölle in die Länder
de3 ſlaviſchen Oſtens. Dieje jüdich-deutfche Literatur, über welche
ich hier etwas näheres mitteilen will, ift vielleicht nicht mit Unrecht der
gänzlichen Verachtung anheimgefalfen. Sie erinnert an die ſchlimmſten
iten der Gheitos, des Drudd. Wen von uns hätte nicht diefer
ialeft, dieſer jüdifch-deutfche Dialekt, auf der Straße und im Coupe,
vielleicht ſogar manches Mal im Kaffechaufe, aufs empfindlichite ge-
ftört? Es iſt eben etwas todtes und abgeftorbenes für una, während
& zu jener Zeit fräftig und Iebendig war und eine Literatur her-
Vochrachte, die ſich immerhin fehen laffen konnte unter den Voiks—
bildungen der Weltliteratur.
In deutſcher Sprache haben die Juden ſchon im zwölften und
dreizehnten Jahrhundert gedacht und gefchrieben. In dem Rechts-
gadten des Eliefer ben Jehuda finden wir verjchiedene beutjche
usdrüde neben den hebräijchen Worten. Im dem Bibeltom-
mentar, den einer ber größten Schriftgelehrten des jüdifchen Volkes
gigrichen bat und der noch heute in jüdifchen Schulen zur
ibeleregeje benugt wird, in dem Kommentar Raſchi's, finden wir
neben vielen franzöfifchen auch deutjche Worte. Soweit es bis jept
befannt iſt, iſt das ältejte deutſche Wort etwa im zwölften Yahı-
bert bei Eliefer ben Jehuda zu finden, es heißt: „Spürhunt“.
dem breizehnten Jahrhundert foll eine Bearbeitung der Sage
König Artus egijtiren, in der vatifanijchen Bibliothek zu Rom.
age Decennien fpäter lebte in einem fränfifchen Städtchen an ber
ve Süßkind von Trimberg, ein Minnefänger, ein Jüde, deſſen
itſch fo gut ift, wie das Deutſch Wolfram von Eſchenbachs und
Ither8 von der Vogelweide; und anderthalb Jahrhunderte jpäter
*
20 Eine unbekannte Bolksliteratur.
wirkt ein Jude, Samſon Pnie in Straßburg, neben dem M
Gottfried don Straßburg und feinen Genoſſen. Eine Ji
aus Regensburg, jchreibt eine Gejchichte Davids in der N
ftrophe gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts, und
andern Shin, Rahel Adermann, erzählen die Quellen, d
8 zu Wien ſehr agefeben war, und dort einen Roma:
jebicht gefchrieben habe: „Das Geheimniß des Hofes“.
alfo, daß die deutſche Sprache, und zwar ber rein beutfd
ausdrud, den Juden fein fremder war. Da, etwa um bie
fünfzehnten Jahrhunderts, erbliden wir plötzlich eine geil
mung, welche in einem beſonders an Die deutſche Schriftf
anlehnenden Dialekt die tiefften Bedürfniſſe der Juden be
haben foheint, wir fehen dieſe jüdiſch-deutſche Literatur c
ohne daß wir zu fagen wüßten, welchem befondern Bet
entfprungen ift. Immerhin aber dürfen wir annehmen, |
Iebendiges, ein dringendes, ein tiefgefühltes war, welches
rief. Und in jedem Fall ift fie ein Zeugniß von der Aſſi
fähigkeit des jübifchen Stammes, welcher Kibıt zu einer Be
ihn in enge Ghettomauern drängte, ihn mit einem gelb
fleden verjah und das Sonnenlicht faum gönnte, in derjelbe
Bi feine Dränger und Peiniger fprachen, dachte, ſchrieb
ichtete.
Treten wir nun dieſer Literatur näher und hören
ein hervorragender Kenner berjelben von ihr zu berichten I
Eigenthümliche des Jüdiſch-Deutſchen befteht nach den gen
ungen von Leopold Zunz darin, daß hebräifche und
örter ober Wortwurzeln mit Beutfihen Wörtern oder
formen dadurch verbunden werden, Daß das hebräifche !
deutfche Endung erhält und in diefer Weife deutjch flektirt
Konſtruktion, Verbindung, Betonung und Anwendung, wol
Anderung und Abkürzung Pe Wörter hat dieſes eige
Sprachgefüge gefchaffen, auf befjen Untergrunde aber — na
Ermittlungen — ſehr werthoolles althochdeutfches und
deutfches Sprachgut ruht, das aus dem deutſchen Sprc
verfchwunden, hier aber fi, merkwürdig erhalten hat. €
Judendeutſch jchließlich gar noch zu Ehren gefommen, und
den Germaniften zur Erklärung der deutfchen Sprache, wi
Kulturhiftorifern zur Kenntniß der Sittengefchichte des D
herangezogen und eifrig ftubirt. Mit den Zügen und We
der deutſchen Juden iſt natürlich ber jüdiſch-deutſche D
durch alle Länder gezogen. Von Spanien zogen fie nad
Iand, dann in Schaaren nach Polen, nachdem der ſchwarze
ausgebrochen war. In Polen vermengt ſich dieſes Jüdiſe
mit vielen polniſchen Sprachtwurzeln. Andere Juden 3
Holland und vermengten es dort mit holländiſchen Spr
theifen; wieder andere nad) dem Elſaß und Frankreich un
dort franzöfifche Wortformen hinein, ja ſogar noch jept n
ine unbekannte Bolksliteratur. 21
Jüdiſch⸗Deutſche in der neuen Welt, mit englifchen Wörtern vermifcht
geraden und hat auch dort Heute fchon eine ziemlich anjehnliche
iteratur umd eine reiche periodifche Preffe hervorgerufen. Charak-
teriftifch ift aber, daß, obwohl dieje Sprache in jedem Lande eine
eigenthümliche Färbung erhalten hat, der Grundton doch immer
deutſch bleibt — auch in der Miſchſprache, wie fie einerfeit3 in der
neuen Belt und andererfeit3 in Polen und Rußland gefprochen wird.
Das Juden⸗Deutſch beſteht nun nach den Forſchungen jenes Gelchr-
ten, den ich fchon oben citirt habe, aus folgenden Hauptelementen:
nömfich zuerft aus dem Hebräifchen, das für alle dem Sreife des
teligiöjen Lebens entnommenen Begriffe und Ausdrüde angermenbet
wurde, ſodann aus den wunderlichen Verbindungen des Hebräiſchen
mit dem Deutſchen durch Zufägung bes ‚pilferonts „lein“ zu dem
hebräiſchen Participium, durch deutſche Flexion Hebräifcher Wörter,
burch willkürliche Zuſammenſetzungen oder Abbreviaturen, die dann
als Wörter gelien, ferner aus der Anwendung von ungebräuchlichem
und Tehferhoftem Deutſch und ſchließlich aus der Zufügung fremd-
jprachlicher Worte oder einer derartigen Austpracie
Ein beftimmtes grammatifches Geſetz in dies Sprachchaos hinein-
gubringen, iſt bis jetzt nicht gelungen, obwohl ſich namhafte Forſcher
darım bemüht. Auch die Prävalenz eines beſondern deutſchen Dialekts
ift bis jegt micht herausgefunden worden; man nimmt gegenwärtig
allgemein als Hauptbeftandtheile des Juden-Deutſch die ſübdeutſchen
und fränkiſchen Dialekte an. So bietet dieſe ſeltſame Sprachmiſchung,
beſonders in ihrem Vokalismus und Diphthongismus, der das volle Ge-
präge des Althochdeutfchen trägt, ein eigenthümliches und intereffantes
Gebilde, deſſen Bedeutung durch Die auf Demjelben ruhende Volfgliteratur
womöglich noch verftärft wird. Ein hervorragender deutſcher Polizei-
beamter, B. Ave-Lallemand in Lübeck, hat nt eingehende Studien
über das deutſche Gaunerthum gemacht und ausführlich Darüber be—
Tihtet, daß e3 im Anfang des vorigen Jahrhundert weit verzweigte
iſche Diebesbanden in Deutichland gegeben hat. Sie
h ſchen Dialelt in die Gaunerſprache eingeführt, und es
iſt aus einigen Prozeſſen, die vor einigen Jahren in Berlin ſtattgefunden
haben, ja befannt, in wie weit noch heute die Sprache der Gauner
vom jüdiich-deutfchen Dialekt beeinflußt wird. Die Studien, die jener
treffliche Forſcher auf diefem Gebiete gemacht, haben ihn aber jehr
tief in die jüdische Literatur hineingeführt, fo daß er ihr einen anfehn-
lichen Theil feines großen Werkes über dieſen Gegenſtand zu widmen
loß. Sein Bud) über deutfches Gaunerthum " eine grundlegende
it, welche aus vier Theilen bejteht. Im ihrem dritten Bande ent
ſie eine ziemlich vollftändige Gefchichte der jüdifch-beutfchen Literatur,
Nie ſich der Verfaffer mit einem Eifer und mit einer Sachlkenntniß
! ingelejen hat, um bie ihn mancher germamiftische Forſcher benei=
I möchte. Hören wir nun, welches Nefultat diejer bedeutende
: her aus ber Kenntniß des Jüdiſch-Deutſchen zieht. Es bietet
ihm den ficherften Beweis, wie tief das Judenthum fogleich, bei
22 Eine unbekannte Bolksliteratur.
feinem erften Srieinen auf deutjchem Boden in Wejen u
deutfchen Volfes eingedrungen ift, und wie die wunder
Zähigkeit und wiederum die ebenfo wunderbare Sefügigteit
thums das auf deutfchem Boden Erworbene beftändig tr
feftgehalten hat, jo daß man das in ber Derfehrsfprndie d
Volkes längſt aufgegebene Althochdeutſch und Altnieder
überraſchender Kundgebung im Jüdiſch⸗ Deutſchen aufbew
Auf der andern Seite aber ift die jüdiſch-deutſche Sprache
äußerfter Gefügigfeit der deutſchen hiſtoriſchen Sprachwe
folgt, ſo daß man ebenſoviel Mittelhochdeutſches wie Neuh
im Judendeutſch deponirt findet und ſomit das Juden!
große Zuverläjligfeit in Bewahrung der deutſchen Spra
gen aller Phaſen befigt, welche ſehr überrafcht und für
Sprachforfihung von Wichtigkeit ift.
Durch ſolche Vorarbeiten und MittHeilungen fint
deutſchen Philologen auf das Jüdiſch-Deutſche aufmerkfam gı
diefer verdorbene Dialekt der polnifchen Juden ift in
Jahren bei den deutſchen Profefjoren hoch zu Ehren
In der That, wenn in diefem Jüdiſch-Deutſchen verfpr
bes Althochdeutſch und Mittelhochbeutich vorhanden fint
es ja von bejonderer Wichtigkeit, daß daffelbe erforscht
möchte da nur bemerfen, daß für den vorurtheilsfofen
der in der Wiffenfchaft auch die Erfenntniß und die Wa
die Thatfache, daß die Juden in Deutſchland im Mittele
ihrer Vereinfamung Jahrhunderte lang diefen Dialekt ger
doch wohl ein Zeichen tft, daß fie dem Geiftesfeben ber |
den Welt doch nicht jo fern ftanden, als dies den Anj
möchte. Von Spanien ift dies ja zur Genüge befannt
vom deutſchen Geiſtesleben werde ich Gelegenheit haben
weifen zu können. Es ift natürlich, daß diefe Literatur
nale fein konnte; original nicht, aber originell ift fie u
höchſten Grade originell — und man wird das leicht begreife
und traurig, wie auch jener Franzofe in einem Roman
meinte: die franzöfifche Sprache ſei doch eigentlich eine |
Sprache; der Mann hatte das Franzöfifche nur im Gefän
Man fann dafjelbe vom jüdifch-deutfchen Dialekte jagen.
Ben oni, ein Kind de3 Elends, der elegiſche Charakt
hebräifchen Literatur überhaupt aufgebrüct ift in allen 9
Wandlung, ift auch ihm zu eigen. Aber er zeigt doch ei
Geſicht; die Mutter nannte das Kind ben oni, Sohn
der Toter ben jemini, Sohn meiner Rechten, Sohn des (
die jübifch-beutiche Poefie auf der einen Seite das Unglü
und die Verzweiflung des Volkes wicderjpiegelt, fpricht fie au
Seite wieder den Troft und die Hoffnung aus, welche If
gefehlt haben, auch nicht in den trübſten Tagen des Mi
Den Stoffen nad umfaßt nun dieſe jüdifch-deutjet
von der wir heute etwa 5—6000 Bände fennen, zunäd
Eine unbekannte Bolksliteratur. 23
Lerfionen der Bibel, um die ſich ja alles gruppirt, was im Mittel:
alter jüdijche Literatur heißt, Verſionen des Gebetbuchs, exegetiſche
Baraphrajen der Bibel, aber auch ethijche Werke, Erörterungen über
Ritualgejege, Bücher über jüdiſche und allgemeine Geſchichte, Romane,
Geſchichten, Poſſen, Schwänfe, Räthfel, Schulbücher und andere Werte
für die Jugend, im allgemeinen aljo alles, was das Leben des Men—
ſchen und des Volkes zu jeder Zeit ausfüllen könnte. Entſpräche
einem jo reichen Inhalt auch nur halbwegs der Geift diejes Schrift-
thums, jo hätten wir es allerdings mit einer fehr bebeutungsvollen
und originalen Literatur zu thun. Aber das ift eben nicht der Fall,
& ift eine armſelige und dürftige Literatur. Sie ift intereffant und
bedeutend nur durch die Zeit, in welcher fie entitanden, durch das
Bedürfniß, welches fie befriedigt, und durch das Publifum, an welches
fie fi wendet. Zunächit find es natürlich deutjche Verfionen des alts
heifigen Bibelbuches, welche uns entgegentreten. Es ijt befannt, daß
Luther, der Mann mit dem musfeljtarten, liebefräftigen Herzen zuerjt
die Bibel verdeutjcht hat und dadurch die deutſche Schriftiprache in
fo wunderbarer Weije ausgearbeitet und bereichert hat. Im Jahre
1534 erſchien die gefammte Bibel von Luther — und die erjte jüdiſch—
deutſche Pentateuchüberfegung fam im Jahre 1540 heraus, gewiß
alfo ein Zeichen von Theilnahme des jüdiſchen Volkes und von Ver—
ftändniß für das, was den Geift der Zeit bewegte, Allerdings
wurde dieſelbe nicht in Deutfchland, fondern in Kremona gedrudt.
Ein Jahr Später gab der befannte Paulus Aemilius eine ji
Beutiee Verſion des Pentateuch® heraus, um den Beweis zu liefern,
daß die Juden feineswegs, wie viele Chriften meinen, auch jet noch
Hebrätich ſprechen“. Zu gleicher Zeit etwa erſchien aud) in Konſtanz
eine jũdiſch⸗ deutſche Ueberjegung des Bentereue die ein getaufter
Jude, Dice Aam — Leo Juda — ein Freund und Schüler
Zwinglis, bei Paul Fagius herausgab. Dieſe Ueberfegung hat man
fpäter jälfchlich dem berühmten hebräifchen Grammatifer Elia Levita
zugefchrieben, von dem im darauffolgenden Jahre eine jüdiſch-deutſche
Verſion des Pjalmbuches erjchien.
Während aber das Werk Luther? in der proteftantifchen und
tathofijchen Kirche fpäter vielfach vernachläſſigt wurde, jehen wir mit
Erſtaunen innerhalb des eng umſchriebenen Schriftfreifes des Jüdijch-
Deutfchen eine Bibelüberſetzung nach der andern erfcheinen. Im
fiebzehnten Jahrhundert treffen wir ſogar zwei an, die eine von einem
ewiſſen Sekuthiel Blig, die andere von einem jüdifchen Setzer in
in, eine Konkurtenzarbeit; fein Name ift Joſel Wigenhaufen.
lich, der Geſchmack war damals bereits verwildert, die Sprache
iöchert und e3 lebte fein Geiſt in dieſen Ueberjegungen. Um
ein Beiſpiel davon zu geben, in welcher Weiſe die ältejte be—
ıte, alfo die Kremonejer Weberfegung, zu einer Zeit, da der
chdeutſche, man Tann nicht fagen, Dialekt, aber da das Jüdiſch—
uch noch ziemlich fchriftgemäß beſchaffen war, führe ich hier
mie ein Vers der Bibel von ihr überfegt wird, und zivar der
24 Eine unbekannte Bolksliteratur.
Vers Gen. 25. 34: „Und Eſau verachtete die Erſtgeburt“. Di
moneſer Weberjegung verbeutjcht diefen Ver folgendermaßen
verſchmeth Esaw feine eritigkeit”.
Ein Jahrhundert fpäter überfegt Blitz: „Aljo veradht Ejar
erftgeburt“. — Und Wigenhaufen verdolmetiht: „Un Cjan
ſchmeht die Bechora* — Bechora heißt nämlich hebräiſch „Erjtgı
Als dann fpäter jene Weberfegungsweiie, welche in den jü
Schulen gemeinhin zur Anwendung faın, die aber trogdem in
erjtorbenen und verfnöcherten Weife noch) etwas ungemein gemüt
hatte, verjpottet wurde, da charakterifirte man dieſe polniich=j
Lehrmethode dadurch, daß man ben Say gemäß der üblichen
ſprache in folgender Weije überfegte: „Un es hot mebasse 8
Esaw die Bechoire.“ Alle diefe Weberfegungen, in denen die
Sprache nur noch ein Lallen war, ja in denen oft aud) nicht einm
einziges deutjches Wort vorfam, find natürlich für die höhere Erke
jenes Schriftthums ohne Bedeutung. Einen ungleich höheren
haben die Verfionen und poetijchen Amfehreißungen der Bibel,
den ungemein charafterijtifchen Umftand, daß jene Bibelüberjet
meift nicht in Deutſchland entftanden find. Es waren abe:
deutſche Juden, welche aus Deutjchland aus irgend einem €
fortgezogen oder, wollen wir jagen, vertrieben wurden, und
auch in der Ferne der Heimat gedachten, die fich ihnen gegenü
ſchnöde erwies, die fie aber fo lichten, daß fie in der Sprad
jelben jchrieben und dichteten. Da begegnet uns denn zunäd
jehr merfwürdiges- Bud), ein Buch, welches wohl das populä
feiner Weife gewefen ift und in hundert Jahren 26 Auflagen e
Die erjte, wie es heißt 1695 zu Wefel; jo viel ich Weiß, if
nicht mehr vorhanden. Der Verfafjer diejes Buches hieß Ja
at aus Janow in Polen. Nod in den erften fünfzig {
unferes Jahrhunderts hat es in feinem jüdifchen Haufe gefehlt
Titel lautet: „Zeena u-reena“, was fo viel heißt als: „Komn
fchaut“, ihr Töchter Judas. Es wandte fi zunächſt an die $
und Jungfrauen des jüdifchen Volkes, wie denn dieje ganze Lil
und Sprache nicht mit Unrecht „Weiberdeutjch“ genannt wurt
fofern nämlich diefe verfchiedenen Bibefüberjegungen fich in
Reihe an Frauen wandten. Dieſes Werk ijt von einer merfwü
Naivetät; da treten römiſche Imperatoren auf, die die alte £
interpretiren, die Propheten und Pſalmiſten des alten Bundes }
fo ungenirt, als wenn fie im fechzehnten Jahrhundert in ein
ſteckten Judengaſſe von Frankfurt oder Nürnberg gelebt hätten.
alledem liegt aber ein ſoicher Reiz von Anmuth, eine jo ungekü
Liebenswürdigfeit ausgebreitet, daß ſich ſchon daraus die Verbi
dieſes Buchs leicht erklärt. Diefes Buch hat Jahrhunderte fa
Mütter Demuth, Beſcheidenheit, Refignation, Innigkeit und Im
feit gelehrt. Nicht umfonft ift das Deutiche Sprichwort: „Unter die
fommen“, von hervorragenden deutfchen Schriftlundigen auf jü
Ursprung zurüdgeführt worden; infofern es als der Jungfrau 5
Eine unbekannte Bolksliteratur. 25
Preis galt, unter diefe Haube zu kommen, denn die Haube war
damals ein Symbol der Züchtigleit und Beſcheidenheit. Das von
der Haube eingerahmte Geficht bot einen Anblid des Friedens, der
ruhigen Gemütlichkeit und Züchtigfeit dar, im Gegenjag zu den
modernen Haarfrifuren, welche in ihrer phantaftifhen Wunderlichkeit
den Kopf wohl von außen ſchmücken, zugleich aber aud) ein Symbol
find von all den verjciedenartigen Wünjchen, Launen und Capricen,
welche in dem fein frijirten Kopfe haufen. Die Jungfrau von damals
trug aud) feine Zoden, fie ſollte eben nichts verlodendes und anloden-
des haben, es fei denn für ihren Mann. Dafür aber waltete fpäter in
ihrem Haufe ein Friede mit verfühnender Macht; mochten da draußen
uno fo ftarfe Stürme toben, eijiger Hauch der Feindſchaft wehen, jo
verbreitete fie innerhalb ihres Haufes, innerhalb der eng umfriedeten
Mauern ihres Ghetto, eine jo wunderbare und idyllische Ruhe, einen
ſolchen Gottesfrieden über alle, ihren Mann und ihre Kinder — und
in diefem Haus las, wenn der Sabbath, kam, die liebe alte Groß-
mutter mit der großen Hornbrille auf der Naſe und ben Tieben leiſe
bebenden Lippen, ihren Enfeln, ihren Töchtern und Nichten, aus
jenem alten, vergilbten Buche und aus dem denjelben ergänzenden
deutſchen Chumeſch (Bibel), jene wunderfamen Geſchichten, jene Sagen
und Legenden vor, die ſich um das Leben der Patriarchen, der Propheten
und Gejegeslehrer gelagert haben, jene traurige Gejchichte von dem Eril3-
gang des Judenthums durch bange und jchwere Jahrhunderte — und
das alles war von einem fo inmigen Öottvertrauen biktirt, daß ein
Zweifel daran weder in der guten alten Großmutter noch in den
ſchönen Enfelinnen ke auftommen konnte.
Daneben entfaltete fich eine reiche ethiſche Literatur, die alle
Bedürfniſſe befriedigt, eine Literatur, die vielleicht das, was in der
deutſchen Literatur in jenem Jahrhundert auf dieſem Gebiete geleiſtet
wurde, wenn auch nicht in der Form, fo doch hinſichtlich feines In—
halts wejentlich übertrifft. Da tft zunächit ein „Frauenſpiegel“ aus
dem Jahre 1602, von dem der Autor fagt, daß fich die Leute ihn
faufen jollen, fich zu jpiegeln darin, und der in anmuthiger Versform
die feinjten Sittenlehren und Moralfprüche enthält. Ein folches
Verf mußte natürli in den seien für die es beftimmt war,
mächtig zünden. Es ift begreiffich, daß die Begeifterung, die in diefem
Literaturfreis fich geltend macht, denjelben nad allen Richtungen
mehr zu erweitern jucht. Das populärfte Buch diefer Richtung war
aber das Bud): „Die Seelenfreude“, welches alle andern verbrängte und
er ungeheuren Popularität fich zu erfreuen hatte. Aus diefem
de möchte ich num doch einmal, um dieſen Kreis ber Literatur
Harakterifiren, eine Heine Probe geben. Es ijt eine moralische
zanwendung zu der Lehre des Talmud: „Die Leiden anderer find
halber Troft“:
„Wenn ein Menſch allein ift in feinem Leid, hat er noch mehr
nmer, als wenn Leute zu ihm fommen und ihn tröften und er—
fen von Leiden, die andere Menfchen haben ausgeftanden und
Eine unbekannte Bolksliteratur.
tröftet. Es iſt fein Menſch in der Welt, der nicht
itte. Alſo hat Alerander von Macedonien feine
Als er Sterben follte, hat er ihr diejen Brief ge—
Mutter, den’: alles, was auf der Welt ift, ift ver-
ı Sohn ft nicht gewefen ein Eleiner König, jondern
Darum follft Du Dich benehmen wie die Mutter
98. Und nad) meinem Tode follft Du lajjen bauen
3 und folfft gebieten, es jollen zu Dir fommen alle
Grafen und Fürften, an einem feftgejegten Tag
ıftig und fröhlid) machen. Aud) (af ausrufen: Es
ommen, dem ein Leid ijt widerfahren!... Nun,
‚etommen, daß ihr Sohn Alerander der Große ge-
feinen legten Willen erfüllt und hat eine gewaltig
ıbereiten laſſen und einen za feftgefegt, wenn alle
kommen follen. Nun, d er xp ijt gefommen ba
finden follte, und fie hatte gemeint, e3 würden gar
n, ift aber nicht einer gefommen; fie find alle aus-
e gefragt ihre Diener: Warum kommen die Leute
H1? Was bedeutet das? Haben die Diener gejagt:
: habt lafjen einen Befehl ausgehen, es joll feiner
ein Leid erlebt hat — und e3 iſt feiner vorhanden,
ı Leid erlebt haben, darum fommt feiner nicht“... .
s ift fein feichtes Moralifiren, fein trodener Pre-
Exempel, Hiftorie; kräftig und naiv-geijtvoll wurde
jonnen oder erdacht oder erzählt und daran eine
vendung gefnüpft. Einen merkwürdigen Beitrag zu
und Wandelungen, welche das Schriftthfum durch
erfahren hat, bildet es aber, daß dieſe Geſchichte
‚m Kopfe der guten Frau, die dieſes Buch gejchrie-
igen iſt. Man findet fie ſchon ziemlich wörtlich
aten klaſſiſchen arabijchen Schriftfteller, Majudi,
idſtes Buch, „Die Goldwiejen“, fie enthält.
te, welche fich wundern, daß die jüdiſche Literatur
sine Gefchichtsbücher aufzuweiſen hat. Solche Men-
Gang diejer Geſchichte nicht. Noch che die Juden
Leiden aufzufchreiben, brachen neue Leiden über fie
3 Vorangegangene verbuntelten. Der Weg der
zehn Jahrhunderte hindurch geht über Blut und
- und an der Quelle diefer Ylutjtröme und Thränen-
:nius ber jüdiſchen Geſchichte. In folchen Tagen
uſt am en da ſchweigt die Gejchichte, uı
icht & fagen, fie hätten feine Gejchichtsbücher gehal
en Schag bes jüdifch-deutichen Schriftthums findı
Be Anzahl von Chroniken und Erzählungen, vo
nden, welche ſich mit diefem Gejchichtsjtoff beſchäſf
aächſt wieder ein altes Buch, deſſen Urſprung fid
verliert, in jene Anfänge und Zufammenhänge be
Eine unbekannte Bolksliteratur. 27
itafienifch-fpanijchen Stufturen, der fogenannte Jofippon, weldyer von
den alten Juden mit großem Fleiß gelefen wurde und aus dem fie
alfe ihre hiſtoriſche Wifjenjchaft geichöpft haben. Wichtiger und be
deutungsvoller aber als diejes it das jogenannte Maaſebuch (Ge
ſchichtenbuch), ein Werk, welches jo populär wurde, wie nur je eines
und welches feine Popularität auch verdient hat, denn der Charakter
dieſes Buches ift ein äußert merfwürdiger. Es ift für uns ein Stüd
von der Gejchichte der Weltliteratur, in dem ſich die Wanderungen und
Bandelungen der Stoffe am beutlichften verfinnlichen. Es iſt be-
fannt, daß man in der neueren Zeit darauf gefommen ift, die Quellen
unferes Erzählungsftoffs, in dem Lande der Lotosblume zu fuchen,
in Indien. Weniger befannt wird es aber fein, daß in den Tagen
zwiihen dem elften und dreizehnten Jahrhundert, da der gefammte
Erzählungsitoff aus Indien über Arabien nad) dem Occident fam, es
vornehmlich Juden geweſen find, welche dieſe Stoffe nach dem Oe—
cident gebracht haben, jo daß wir in ihren Werfen faſt alle Erzäh—
lungen, welche fi im Defamerone und in den Gesta Romanorum
und ähnlichen Werfen finden, ja man kann wohl jagen, den ganzen
Grundſtock der modernen Erzählungsliteratur dort finden, der
von Juden aus Arabien gebracht worden und in Imdien feinen
Urjprung bat. Und wie wunderbar! Im jechzchnten Jahrhundert
tritt ein jüdifher Mann auf, fein gebildeter Schriftiteller, der weder
Arabien noch Indien kennt, und fchreibt ein Buch, in dem dieſe Er—
lungen gar oft wieder aus den chriſtlichen Quellen recipirt wer—
n. Und auch hier finden wir wieder fait den gejammten Erzählungs-
off, ja man kann jagen, die Quellen der Fabeln aller modernen
Romane und Erzählungen, die durch die ganze Weltliteratur gehen
und deren Wanderungen zu verfolgen, eines der interefjanteften
Kapitel der Literaturgejchichte ift. Es fei mir gejtattet, eine Probe
diefer Wandlungen aus dieſem Maaſe-Buch zu geben, eine alte
indische Gefchichte, deren Urjprung wir eigentlich gar nicht mehr
wiſſen, die wir nur aus der hinejiichen Ueberfegung feunen. Es
it die Gefchichte von der treulofen Wittwe, — eine Moral für
viefe moderne Frauen, die Leferinnen find natürlich) ausgenom-
men! — Diefe Gedichte ift von dem römifchen Schriftiteller Petro-
nius zu jener wunderbaren Novelle, welche wir unter dem Titel:
„Die Matrone von Epheſus“ fennen, verarbeitet worden. In Ucbers
jegungen treffen wir dieſe Novelle in allen Literaturen der Welt an.
Hören wir nun, wie diefer ältefte Ehebruchsroman fid in jüdiſch—
Rowtfcher Bearbeitung fpiegelt:
„Man jagt, die Weiber haben leichten Einn, fie feien bald zu
‚reden. Denn es geſchah, daß einer Frau ihr Mann war ges
sen. Und fie treibt großen Jammer und Klagen und wollt’ ihren
m Mann gar nicht vergeifen und lag Tag und Nacht auf dem
edhof und meinte und fchrie gar jämmerlicd um ihren lieben
an. Da war ein Soldat, der war Wächter bei einem Galgen,
hütet, daß man niemand joll herunter nehmen von dem Galgen
ne unbekannte Bolksliteratur.
nigs. Und derjelbe Galgen, der hat nicht weit
iedhof, und derjelbe Wächter, der ging bei Nacht
d redet fo lange mit ihr, bis er fie überredet,
In der Zeit, da de bei ihm geweſen, ift einer
den von dem Galgen, und wie der Soldat zu
er nichts. Da fränkte er fich jehr und fürchtete
: ihm Hängen lafjen, weil er nicht gehütet hat.
frau und erzählte ihr fein Unglüd. Da fagte
ürchte Dich nicht fo fehr, nimm meinen Mann
äu ihn an deſſen ftatt.“ Da ging er Hin und
ı Mann aus dem Grah und fie hängen ihn an
t nun, wie die Frau gar fehr gejammert und
Mann, und gleichwohl hat fie den böfen Trieb
fich überreden lich von dem Soldaten. Deßwegen
iber haben leichten Sinn und find zu überreden,
Willen thun, wenn fie aud) traurig find.“
x frommen Lejerinnen bemerft der Autor in
[ber doch findt man frume Weiber auch, die
m ſolche Sachen nit thun!“ So ift der unge
müthston, in dem dieje Erzählungen in der
find, das für diefen Inhalt paſſendſte fehlichte
jerwärtig und abjtoßend ſich in einer modernen
ausnehmen würde, in jener alten Volksſprache
it ihr vertraut ift, etwas traufiches und inner-
fogar etwas unfagbar rührendes. Das Maaje-
ht bloß Anklänge an indifche, arabiſche und
n, an Märchen, wie wir fie in dem Märchen-
zrimm leſen, fondern es ift ein Sammelwerf,
ganz merkwürdig einheitlichen Charakter trägt,
Sinfluß, den die deutſche Literatur jener Zeit auf
te3 Zeugniß abfegt. Und diefer Einfluß erjtredt
hnen. Er umfaßt nicht bloß die Formen dieſer
ı%) Ihren Gehalt. Genau in gleicher Richtung
ide geijtigen Strömungen. Dieje wie jene
e wie jene Hr arınjelig in der Erfindung, wird
geſchrieben. Beide verachten jedes Kunftgejeg
ſiſtil iſt ihnen fremd; aber während die deutjche
in Volfsbuch wie den Eulenfpiegel aufzuweiſen
eutſche jo arm, daß fie aud nicht einmal mit
fann und ſich mit den Nachbildungen bejfelben
finden wir gegen Ende des fechzehnten Jahr:
iſch⸗ deutſchen Literatur den ganzen Kreis der
Voltsbücher in neuen Bearbeitungen vor: die
, König Artus Hof, die Geſchichte des Fortu—
fel und Wunfchhütlein, de3 Kaiſers Oetavianus,
r einen geloblenen Diamant entdedt hat, der
die ein Kind geftohlen (Preciofa), der Schild-
Eine unbekannte Bolksliteratur. 29
bürger ober Lalleburger, kurz, der gejammte Stofffreis der deutfchen
Literatur findet fih in den jüdijch-deutfchen Volksbüchern wieder,
Natürlich hatte fih von dieſen der Eulenfpiegel der größten Po—
pularität auch in den Kreifen des jüdifchen Publikums zu erfreuen.
Die_ältefte Bearbeitung (1600) wurde von Benjamin aus Tann-
haufen zum Drud gebracht; der Titel lautet: „Wunderparlid) un
jelgjame Hiftorie Til Eulenjpiegels, eines Pauern, pürtig aus dem
land zu Braunfchweig, neilich aus ſechſiſcher ſprach auf ut hoch
teutſch vertolmetſcht, jer furzweilig zu leſen. Itzund wieder frifch ge—
fotten und neigebaden“. Auch }päter wurde das Buch wiederholt
neubearbeitet. Eine zu Breslau in der Mitte des fiebzehnten Jahr-
hunderts erjchienene Ausgabe trägt den Titel: „Eine wunberbahre
Geſchichte von Eilenfpiegel, gedruckt in diefem jahr, wo das Bier
teier war.“ u
3 find echte Volkslieder nach bejtimmten populären Melodien ger
ingen, bie weltlichen nach der Melodie des Babobuchs, die geiftlichen
30 Eine unbekannte Bolksliteratur.
nad) der des Samuelbuchs, dieſe wie jene der Ausdrud tiefen Em-
pfindens und unüberwindlichen Gottvertrauens, das fich in diefen
Xiedern immer manifeftirt hat. Die Dichter waren meiſt aud) die
Sänger, die jogenannten Spielfeute, die vor den Feſttagen und zu
Hochzeiten durch alle Lande — überallhin, wo ſie offene Ohren
und offene Hände fanden. Natürlich fehlt es dieſen Liedern nie an
rechter Veranlafjung aus der fo reichen Geſchichte des Judenthums;
jedes Unglüd, da den Stamm oder eine Gemeinde traf, bot reich-
lichen Stoff, nicht minder grobe Ralamitäten wie Feuersbrünſte,
Judenverfolgungen und dergleichen; willkommeneren Stoff lieferten
Hochzeiten und andere Familienfeite, hiſtoriſche Freudentage, und am
meiften jene Lieber, melde bei hu eitsfeierlichleiten vorzugsweiſe
von einem fogenannten Marichalt ( [fnarr) gefungen wurden
und die dem jungen Ehepaar des Lebens Luft und Leid im bunten
Spiegel der oe te vorzuführen hatten.
; ber auch im Spiel der Scene blieb ihnen die Iuftige Perfon bes
4 Narren nicht fremd. Denn, wie ic, ſchon im Eingang gejagt habe, auch
: Poſſen und Schwänke haben wir in diefer Literatur aufzufuchen.
Die ältefte derfelben behandelt die „Berfaufung Joſephs“, den viel-
beliebten biblijchen Stoff, mit einem ſolchen Realismus, daß er ſelbſt
der modernen franzöfiichen Dramatik nicht nachzuftehen brauchte.
Die entſcheidende Scene zwifchen Jofeph und der frau von Potiphar
ift aber gleichwohl von einer unerwarteten Diskretion.
Es — auch in den jüdiſchen Schwänken nicht an Frivolität.
Ich muß aber doch fagen, daß die Diskretion, welche der Dichter
dieſes Schwanks gegen jeine verehrten Zuhörerinnen übt, nicht von
allen Genoffen beliebt wurde. Es gab roch ein anderes Karnevalsſtück,
das „Ahasverusfpiel“, das gleichfalls in Gegenwart eines weiblichen
großen Publitums zu Frankfurt a. M. mit Pauken und Trompeten
aufgeführt wurde, und das von einer Frivolität gewejen fein foll, vor
der jelbft der moderne franzöfiiche Nealift zurücichreden würde,
Hat nun aber diefe Literatur nicht auch wiſſenſchaftlichen Zwecken
gedient? Allerdings, aber diefer wiffenfchaftliche Zwed war eben auch
nur für populäre Bebürfnifje angewendet. Wir finden Lehrbücher der
Geometrie und Arithmetif, der Aftronomie und anderer Discipfinen nad)
dem damaligen Stand der Wiſſenſchaft in diefer Literatur überreich
vertreten. Wir finden auch verfchiedenartige Auslegungen des Ge
ſetzes, aber diefer Kreis tritt zurüd Hinter emjenigen, den ich eben
zu fhildern unternommen habe, a inter der Ausgeſtaltung
einer populären Volksliteratur, die den Bedürfniffen der Allgemein-
- beit entgegenfam.
j Es jei mir ſchließlich aber noch geftattet, einen Beweis
jeben, was bie alten Juden gelefen und wieviel Bücher fie geka
ben. Im Jahre 1787, aljo vor mehr als hundert Jah
haben die Juden in Oeſterreich für 300,000 Gulden Bür
getauft, aus dem Kreife ihrer Literatur und in däbiie-beutfe
pprache. Diefe Ziffer bedarf feines Kommentars. öge fich je
Eine unbekannte Bolksliteratur. 3
von und im ftillen prüfen, ob wir modernen Menfchen in diefer
neuen Zeit in gleicher Weife, wie die Altvordern dafür Sorge tragen,
daß das Schriftthum unterhalten und gefördert werde. Die jüdtjch-
deutſche Literatur jelbit jchließt mit diejer Periode noch nicht ab.
Ich habe bereits gejagt, daß ihre Ausläufer fich noch. weithin in
unfer Jahrhundert erjtreden, daß fie heute noch ein reiches Schrift»
tum im jlavijchen Dften hervorbringt. Für uns ift ihre Gelkung
und Berechtigung abgefchloffen. Vor dem Poſaunenſchall der neuen
Zeit, den ein Leifing und Mendelsfohn zuerjt ertönen ließen, find
die Mauern des Ghetto zufammengeftürzt und fie werden nie wieber
aufleben. So bietet diefer ganze Kreis nur noch ein Hiftorifches
Intereffe, indem wir erfennen, daß dieje armjelige und bürftige
Kiteratur troß aller Beſchränkungen und Hinderniffe doc, alle ig.
tungen, die mit der Literatur der Menjchheit zufammenhängen, ver-
folgt hat. Auch aus ihren Werfen fann man das Wehen des nach
der Erkenntniß des Höchſten ringenden Geiftes verfpüren.
Bilder aus Weft-Sibirien.
Bon Dr. Hermann Roshofäug.
I Ber Irtyfd.
er_Dampfer, der una von Weften her in das Innere
Sibiriens führt, gelangt zwar in_immer größere
lüffe — aus der Tura in den Toböl, aus bem
X Toböl in den Irtyſch und aus diefem in den „Va-
ter der Flüffe“, den Ob — aber er bringt und auch
immer troftlojfere Einöden. Tobolsk war eine freund-
liche Dafe in der Wüfte, aber faum find die weißen
Mauern feines Kreml im Morgennebel verjhwunden, fo befinden
wir uns aud) ſchon wieder zwifchen öden, einfrmigen Uferftreden.
Je mehr wir uns von Tobölsf entfernen, deſto jeltener werden Die
Menſchenwohnungen, meift Tatarendörfer, Gruppen düfterer, alter-
grauer Holzhäufer — nur felten ein ruſſiſches Dorf, das durch die
große Kirche mit den Kuppeln und blendend weißen Mauern als
ſolches kennbar ift. Meift find beide Ufer des Irtyſch bewaldet, das
flache linke Ufer ift mit Birken, Talnik und Weiden verjchen, das
ſchröff abfallende, Hohe rechte Ufer dagegen mit Tannenwald bebedt.
Ueberall find auf dem rechten Ufer die Spuren der zerftörenden
keit des Waſſers bemerkbar. ALS echter ruſſiſcher Fluß unter
wühlt auch der Irtyſch unermüdlich fein rechtes Ufer, reift weite
Streden Uferland in feine Fluten hinab und rüdt immer weiter
nad) Often vor. Erdftürze, bei denen 10,000 und mehr Kubikklafter
Uferland ins Waſſer ftürzen, gehören durchaus nicht zu den Gelten-
heiten. Welch' gewaltige Revolution das im Waffer hervorbringt,
Tanıı man fid, leicht vorftellen. Wo die Erdmaſſen niedergeftirzt
find, dort weicht für einen Augenblick das Wafjer jo zurüd, daß das
Zlußbett zu Tage tritt, und während das gegenüber liegende Ufer
weithin überflutet wird, ftürzen ee Slutwellen flüßaufwärts
und flußabwärts. Wehe den armen Fiſchern, die vielleicht in dieſem
Augenblick ahnungslos in ihrer Hütte ſchlafen! Fünfzehn bis zwan-
zig Kilometer weit macht ſich bisweilen ein folder Erdſturz bemerk—
Deine, Google
ie
=
E
Silder aus Weh-Sibirien. 33
bar und bringt den Uferbewohnern Tod und Verderben. Wehe auch)
jedem Schiffe, das fich in der Nähe befindet! Wenn c3 dem Steuer-
mann nicht gelingt, raſch das Vordertheil des Bootes der anftürmen-
den Woge entgegen zu fehren, wird daſſelbe umgeftürzt oder zer-
jchmettert und die Mannſchaft ift in den meiften- Fällen rettungslos
verloren. Kleine Fahrzeuge entrinnen in der Regel der Gefahr eher
als große, welche viel ſchwerer lenkbar find und die zu ihrer Ret—
tung unumgänglich nöthige Wendung nicht fo rafch ausführen kön—
nen. Wenige Minuten nad dem Erdſturz fließt aber der Irtyſch
wieder ruhig wie zuvor und nur die Unmajfen todter Fifche, welche
feine Oberfläche und die Ufer bededen, verrathen dem Kundigen, daß
wieder einmal ein Erdſturz ftattgefunden hat.
Wenn der Strom in langer Minirarbeit das Ufer genügend
unterwühlt hat und die Kataſtrophe endlich eintritt, dann reißt er
alles, was fich auf der unterwühlten Strede befindet, Gebüjche,
Bäume und Hütten mit ihren Bewohnern in da najfe Grab hinab.
Auf weiten Streden bilden gejtürzte oder angejchwemmte Baum—
ftämme einen dichten Zaun längs des rechten Ufers. Hier fchwebt
ein Baum, nur noch loje in dem lockern Erdreich Hängend, faft wag-
recht über dem Waſſer, ein dem Untergang Geweihter, den ſchon das
nächſte Hochwafjer mit fortreißen wird — dort ijt eine ganze Erd»
ſchicht zum Ufer hinabgerutſcht und die auf ihr ftehenden Bäume
haben, obwohl wirt durcheinander geworfen, doc, noch einmal Wur-
zel gefaßt zu einem furzen, ausfichtslojen Widerjtand.
Nichts vermag bie verderbliche Minirarbeit des Irtyſch fo deut
ich zu veranfchaulichen, als die Geſchichte der Ortſchaft Demjänst.
Seit ihrer Gründung im Jahre 1637 mußte diefelbe bereit3 zweimal
weiter landeinwärts verlegt werden und ift heute etwa 11, Kilo-
meter von der Stelle entfernt, auf der fie urjprünglich ftand. Die
Stelle, welche die ältefte Kirche von Demjansk einnahm, befindet ſich
heute bereit3 auf dem andern Ufer, und über jene, auf welcher die
Kirche der zweiten, bereit landeinwärts verlegten Nicberlajjung ſtand,
fließt heute der Irtyſch. So weit ift derfelbe in 250 Jahren nad)
Oſien vorgerüdt! Und namentlich bei Demjansk dringt er in ra
chem, unaufhaltfamem Siegeslauf vorwärts, Uferftreden von 150
bis 200 Meter Länge und bis 40 Meter Breite zum Sturze bringend.
An Viderftand, an Abwehr ift gar nicht zu denken. Der Menſch ift
ier im teten Rüdzug begriffen und er räumt feiner Ohnmacht ſich
wußt, vor dem entfeffelten Element ohne Kampf eine Pofition
ach der andern.
Mit dem Waffer wetteifert das Feuer im Zerjtörungsmwerf,
ann und wann verkünden große fahle Streden auf dem Hohen
ten Ufer, daß hier einer der verheerenden MWaldbrände, wie fie
des Jahr in Rußland zu Hunderten bringt, am Waſſer fein Ende
funden hat. Nur wenige halbverfohlte Baumftämme tagen noch
3 traurige Denkmäler der Verwüſtung über ſpärliches, niebriges
kebüfch empor. Die Unfitte, die Felder abzubrennen, außerdem der
Der Salon 1889. Heft. Band I. 3
Bilder aus Wef-Sibirien.
velchem beim eueranmaggen im Walde vı
jaupturfachen der Waldbrände. Das Feu
üſch, pflanzt fp von diefem zu den $
) hunderte von Morgen herrlichen Wald
lammen.
mit den mittleren Gouvernements bei
in denen der Waldreichthum im legten 2
ı 39 Prozent abgenommen hat, ift allerbi
noch gut geftellt, aber je näher der Seen
o größer ift die Waldverwiritung. Die
fibirifchen Wälder überhaupt zeichnen ſich
tigfeit der Holzarten aus. Die Birfe und
tkontingent. Die Birke kann man als ein
bezeichnen, denn man trifft fie überall,
genden am Obiſchen Meerbufen und am
3 ihre mannigfaltige Verwendbarkeit erwe
glichiten Bäume. Sie liefert dem Sibirier
Hütte, aus ihr verfertigt er Tiſche und 2
seje fie als Brennmaterial und ihre Rint
elei Gefäßen zu verarbeiten. Der Burak,
iß, das in verjchiedenen Größen von etwa
zum faßartigen von etwa 150 Centimeter
timeter Durchmeffer verfertigt wird und
biriens fehlt, hat ‚gro: einen hölzernen 2
ı hölzernen Dedel geiätoffen, aber die
tehen aus Birfenrinde, und die Fugen fi
yerartige Gefäße als Waffereimer, zum Au
w. benugt werben.
ächthum, der troß der Verwüftungen dur
ce noch vorhanden ift, zeichnet jedoch nur i
3er von Tobölsf den Strom aufwärts
Begenden, welche völlig verjchieden find !
Fahrt von Tobölst bis zur Vereinigung
Kennen lernt. Der Irtyſch ändert über
auf mehrmals feinen Charakter. Als wil
such den Altai dahin, an deſſen ſüdweſt
90 Grad öftl, Länge und 46 Grad nö
vet als Schwarzer Irtyic in den Saifon
its als breiter Fluß aus dieſem ausget
irgslandſchaften zwiſchen Uft-Stamenogörzt
n Schönheit mit den Ufern bes Rheins
n er an Senipalätinsf und Pawlodar vı
feine Wafjermafjen immer weiter aus, abı
er nun fließt, nimmt immer mehr den €
eiſt bededen Schilf und Weidengebüfc die
Toboͤlsk vollzieht fi dann die legte |
em mit Laubwald bededten flachen Ufer. ;
Bilder aus Weh-Sibirien. 35
und einem meift fteilen, mit Nadelholz bejtandenen rechten Ufer eilt
der Irtyi feiner Mündung in den Ob zu.
Gleit m letztern iſt der Sei übern) an köſtlichen Zifch-
arten, doch jein ——— wird nur im obern und im untern
Theil ſeines Laufes in größerem Maße ausgebeutet. Im untern
Theil find zwar die Djtjafen noch im Beſitz des Fijchereirechtes, aber
fie nugen dafjelbe nicht felbjt im großen aus. Biel ſchwächlicher als
die Rufjen und feine Freunde kehwerer Arbeit, ziehen die Oſtjaken
einen Kleinen, mühelos erworbenen Gewinn einem durd) Arbeit er=
ngten großen Gewinn vor und verpachten das Fiſchereirecht an
allge Unternehmer. Diefe erjcheinen dann mit Schaaren von Ar-
beitern und laſſen zum: ade an einer günftigen Stelle die nöthigen
Sebäube errichten: ein Wohnhaus für bie Arbeitey, eine Küche und
Baditube, ein VBabehäuschen für die dem Ruſſen unentbehrlichen
Dampfbäber, eine große Hütte, in welcher die Filche eingefalzen wer=
den und mehrere Lagerräume. Das Leben, das die Grbeiter aul
Äaheen Stationen, oft fern von jeder Niederlaffung, mitten im Sump
ihren, ift nicht beneidenswerth: ſchwere Arbeit bei fehlechter, sinför-
iger Koft — und Zifchfuppe, nur an Feſttagen auch Thee) und
Bist ein Lohn, der nur in Sibirien möglich ift, wo das Geld
erth Hat und die Nachfrage, nad) Arbeit größer ift als dag
— Wenn die Zahl der Arbeiter groß ift, kheilen fie ſich ge—
wöhnlich in zwei Parteien, welde abwechſelnd einen Tag arbeiten
und einen Tag raften, oder auch einander nad) einer beftimmten An=
— von Netzzügen ablöſen. In letzterem Falle iſt die Arbeit eine
ſonders mühevolle. Bet günftiger Witterung braucht man zu einem
Nepzug 4 bis 4, Stunden, bei ungünftiger vergehen qumeifen ans
derthalb Tag und während diefer ganzen Zeit muB der Arbeiter faſt
ununterbrochen aeftvengt thätig fein. Zum Ausruhen und zum
Trodnen feiner Kleider bleiben ihm kaum 8 bis 10 Stunden. So
verdient der Mann während bes ganzen Sommers etwa 40 Rubel
und doc, fehlt es nicht an Arbeitern, welche jahraus jahrein fich
wieder einfinden. Der geringe Lohn wird den mit ruſſiſchen Ver⸗
hältniſſen nicht Vertrauten umſomehr überraſchen, wenn er hört, wie
rieſig die Fiſchausbeute iſt. Nach den Angaben der Fiſchereizüchter
ſolien alfein im untern Irtyſch jährlich ein 100,000 Pud (etwa
1,800,000 Kilogramm) Fiſche gefangen werden und noch viel größer
iſt die Ausbeute im Ob. Dort liefert allein der Kreis Narym jähr-
lich 100,000 Pud im Werte von etwa 400,000 Rubel. Trotzdem
Haben aud) bie Pächter mit großen Schwierigfeiten zu kämpfen, denn
gerade ein fiſchreiches Jahr kann für fie ein Dertuftbringendes wer⸗
ven. Zuweilen treten nämlich bie Fiſche in ſolchen ungeheuren Maf-
ern daß ihr Preis tief Herabjinft und fie faft allen Werth
‚erlieren.
Für den Verfand werden die Fiiche auf viererfei Weiſe herge—
ice, Die große Mehrzahl wird eingejalzen. Sobald fie ans Sand
yebracht find, werden die Fiſche ausgenommen, gereinigt und gewa—
ar
Silder aus Welt-Sibirien.
in eine Tonne gelegt, auf deren 3
findet. Wenn die erjte Lage Fische uı
lz bejtreut, auf dieſes eine zweite Lay
mit Salz beftreut, und fo ahnt mar
t, worauf man fie loſe mit einem Ded
sicht gelegt wird, um den zur Erzeug
ruck auszuüben. Je nad) der Witterı
Tage in der Tonne, worauf man fie
wäjcht und dann in das Vorrathshe
fendung liegen bleiben. Bei diefem
und gleichmäßig gefalzene Fifche und
Pud (16,,, Kilogramm) Stör etwa 1
dere Fiſche, welche Heiner find und
bis 10 Pfund genügen. Auf vielen
nn wohl fagen, auf ben meiften —
eit nicht ſelbſt beauffichtigen, wird d
ührt und e3 ift manche Unfjauberfeit
ı aller Eile ausgenommen, oberflächlic
t fchlechtem Salz gefüllt. So fdid
äßt fie fieben Tage in ihr liegen. D
„raſch gewafchen und der Größe n
‘haus hufgehäuft, wo fie bis zur L
n bleiben. Die fo zubereiteten Fiſche
von fo geringer Qualität, daß fie
1, welche auch mit der ſchlechteſten Kc
ihr Preis ein geringer ift. Die eir
enthalten wieder jo wenig Salz, daf
vermag und fie in Fäufnih übergeher
igsort erreicht geben.
eiten üblichen Konfervirungsmethode, !
2 Fifche viel beffer. Die im Somn
deren Setteichen oder fonftigen Waffı
r bis Ende Oftober, zuweilen bis M
ı herausgenommen und in geftorenem
c ift jeboch die Rücfichtsfofigkeit zu ı
pächter zu Werfe gehen: Die vielleicht
iches oder wegen fhlechten Waſſers
iſiandslos mit den anderen verfandt —
inem Fifch anzufehen, ob er vor dem (
war? Nur bei den im Winter gefa
befürchten, da folche Fiſche fofort gel
herausfommen.
geſalzenen und gefrorenen Fifchen wer
ster verſandt. an jchligt die Fifd
heraus, hadt Kopf und Schwanz ab
Uen Einfchnitte, die leicht mit Salz e
ı die Fijche auf Stäbe ftedt und an di
' Silder aus Wef-Sibirien. 37
läßt. Die vierte Art der Konfervirung beſteht darin, daß man die
a bie vorbefchriebene Art hergerichteten Fiſche räuchert oder Leicht
ratet.
Das ganze Verfahren ift ein fehr primitives und große Werthe
sg am Irtyſch alljährlich ungenugt verloren, theils aus Unkennt⸗
mß, theils wegen der Indolenz der Bevölkerung, welche gar fein
Verlangen nach Verbefferung der bisherigen Methoden ber Fiichfang-
verwerthung zeigt. Kaviar, Thran, Fiſchleim, Haufenblafe könnten
bedeutende Erportartifel fein, aber fie kommen heute faum in Bes
tracht. Der aus den fibirifchen Stören, der Nelma (fibiriichen Lachs)
und anderen Fifchen gewonnene Kaviar könnte ganz gut mit dem
aſttachanſchen wetteifern, da bie größere Entfernung von Niſchnij
Nowgorod und die mit dem zweimaligen Umladen verbundenen
Schwierigkeiten größtentheil® durch die billigeren Arbeitslöhne auf-
ggnoen werben, aber infolge des unrationellen Verfahrens ift die
tenge bes ſibiriſchen Kaviar fo gering, daf er gegenüber den Maj-
fen des aftrachanfchen auf dem Marfte völlig verjchwindet, ganz ab⸗
gefehen davon, daß er infolge der nacjläffigen Reinigung an Qualis
tät weit Hinter jenem zul bleibt.
Jedenfalls ift es Ruffen bis heute noch nicht gelungen, aus
dem Irtyſch (und ebenfo aus dem Ob) den vollen Nuten zu ziehen,
ben derfelbe zu bieten vermag; fie haben das Pfund, das in ihre
Hand gelegt wurde, nicht entjprechend verwerthet.
! II. Ein Berbanntentransport.
on in Moskau und auf der Fahrt von dort zum Ural hat
der Reifende im Sommer häufig Gelegenheit, Gefangenentransporten
zu begegnen, beren Endziel Sısirien iſt. Die zur Zwangsarbeit
Katorſchnaja raböta) oder au nur zur Anſiedelung in Sibirien
ilten werben pon Moslau, dem Hauptfammelplag, in ver
i Eiſenbahnwagen nach Niſchnij Nowgorod gebracht, von wo
— in eigens für ihren Transport hergerichteten großen Schleppbar⸗
bis fahren. Im Perm bejteigen fie wieder vergitterte
Waggons der Uralbahn und fahren nach Katharinenburg und dann
mit ber fibirifchen Eiſenbahn bis Tjumen. Dort liegen Dampfer
mit Schleppbarfen bereit, auf meihen legteren fie auf der Tura,
dem Toböl und Irtyſch in den Ob gelangen und nad) acht- bis
neuntägiger ununterbrochener Fahrt Tomsk erreichen. In Tomsk
—+-t der troß aller Strapazen und Unannehmlichfeiten immer noch
Altnigmäßig erträgliche Theil der Fahrt, welche von Mosfau
Tomsk etwa neunzehn Tage gedauert hat. Diejenigen, welche
Oſt⸗Sibirien bejtimmt find, müffen nun den Weitermarſch auf der
dſtraße antreten, bis wieder ein Fluß erreicht ift, ber Jeniſſei
der Amur, ber ihren Transport zu Wafjer ermöglicht. Da
lich Taufende nach Sibirien „verſchickt· werden, für ihren Trans⸗
aber nur eine furze Sommerszeit zur Verfügung fteht, hat jeder
38 Bilder aus Wel-Sibirien.
von Tyumen nad; Dften fahrende Dampfer eine Gefangenenbarfe im
Schlepptau und der Neifende kann das Leben und Treiben auf einer
ſolchen mit Muße betrachten.
Da macht man fehon in den erſten Stunden die Wahrnehmung,
daß der Transport der Gefangenen viel von den Schreden verloren
hat, mit denen er noch vor wenigen Jahrzehnten umgeben war. Die
gut ift vorüber, in welcher die Knute roher Kofafen die ermatteten
jefangenen vorwärts trieb und viele unterwegs den Strapazen und
der Kälte erlagen. Eine humanere Behandlung hat Plag gegriffen,
aber trotzdem bietet fol’ ein Werbanntentransport immer noch ein
ungemein abftoßende3, mit unferen Anſchauungen von Civilifation
unvereinbares Bild. Der weitaus größere Theil der Gefangenen
beftcht zwar aus Individuen mit echten Galgenphyfiognomien, im
deren Zügen die moralifche Verworfenheit und die Vermwilderung
ſcharf ausgeprägt ift, aber wenn auch für dieſe fein Mitleid in un—
jerer Bruft rege wird, fo macht fich daſſelbe doch um fo lauter für
die. Unglüdfichen geltend, welche nur cine übereilte That in dieſe
Geſellſchaft gebracht hat. Namentlich) in bewegten Zeiten, wie wäh—
rend der olenauffeinde und fpäter zur Blütezeit des Nihilismus,
jenügte fehr oft ſchon ein nach unferen Anfchauungen geringfügiges
Bergehen zur Verbannung nad) Sibirien und mancher junge Mann
hat damals jchon wegen des bloßen Beſitzes verbotener Schriften
jeine_beften Lebensjahre in unwirthlicher Gegend vertrauern müffen.
g ſolchen Leuten gefellt ſich jahraus jahrein ein nicht geringes
ontingent von Verbannten, welche mit der treuherzigften Miene von
der Welt verfichern, daß fie nicht wiſſen, weßhalb fie verbannt find
und die es aud) in der That nicht wiſſen. Da find Bauern, Die
fid) bei maßgebenden Perfünlichfeiten in ihrem Heimatsdorfe miß—
Tiebig gemacht — und die Gemeinde hat fie durch einſtimmigen
Beſchluß ausgeſtoßen und an die Regierung den Antrag geftellt, fie
in Sibirien anzufiedeln, wobei vielleicht aus Furcht vor gleichem
Schickſal der eingefchüchterte Vater gegen den eigenen Sohn geftimmt
hat; da find aber auch Vertreter all! der verjchiedenen nicht ſlavi—
ſchen Völferfchaften des Rieſenreiches, der Tjcheremiffen, Tſchuwaſchen,
Baſchkyren, Wotjafen, Permjaken u. a., welche, noch auf einer jehr
niedern Kulturftufe ftehend, fein Verſtändniß für die Anforderungen
haben, die ein moderner Staat an feine Bürger ftellt, und die deß—
halb in ihrer Ummiffenheit bald gegen diefen, bald gegen jenen Ges
jegesparagraphen verftoßen — Shfer ihrer Dummheit, möchte man
jagen, wenn nicht zuweilen auch ein gut Theil Beamtenwillkür oder
zum mindeften unverftändige Strenge der Beamten an ihrem Un—
glüd ſchuld wäre.
So ijt die Gejellfchaft, die fih auf der Gefangenenbarfe befin-
det, aus den verfchiedenartigften Elementen zufammengefeßt, aber ihrı
Behandlung bleibt jtet3 bie gleiche, mag nun die Urjache der Ver⸗
bannung ein Mord, ein politifches Vergehen, ein betrügerifcher Ban=
ferott oder was immer fein. Bis vor etwa drei Jahren erfreuten
Bilder aus Wef-Sibirien. 39
ſich nur diejenigen, welche über reiche Geldmittel verfügten, einer
Heinen Bevorzugung. Man geftattete ihnen, wenn jie die Koften
einer befondern Eskorte bezahlten, die Fahrt nach dem Verbannungss
orte, ſowohl auf der Eifenbahn, als auf den Dampfern abgefondert
von den übrigen Verbannten in einer beliebigen Kaffe zurüdzulegen
und fi) auch weiterhin entweder der Poft oder eines eigenen Wa—
gend zu bedienen. Das hat aufgehört, ſeitdem eine Minifterialv
ordnung verfügte, daß ein folcher Transport auf Koften des Ver—
bannten nur noch dort erlaubt fein foll, wo weder Eifenbahnen noch
Dampferverfehr vorhanden ift, daß aber auf den übrigen Streden
I Derbannte ohne Unterfchied den allgemeinen Transporten zu
folgen habe.
Die Barken, in welchen fie die wochenlange Reife auf den eu—
ropãiſchen und fibirifchen Flüſſen zurüdzufegen haben, find nicht Ei-
genthum der Regierung. Die Regierung hat mit zwei Rhederfirmen
Kontrafte geſchloſſen, durch welche dieſe ſich zur Stellung der nö—
thigen Anzahl Barken befonderer Konftruftion verpflichteten. Die-
felben find ebenjo groß wie ber Dampfer, der fie im Schlepptau hat
und fcheinen ſich auf den erften Blick von einem folhen nur dadurch
zu unterfcheiben, daß ihnen die Mafchine fehlt. Erſt wenn man
näher fommt, erfennt man, daß ihre ganze Anlage eine andere ift.
Das Verdeck des hell-tothhraun angeltrichenen Fahrzeuges iſt fait
in der Kae Länge überdacht, und in dem überdachten Raum be-
i
finden am Vorder⸗ und Hintertheil des Schiffes durch einen
ſchmalen dunfeln Gang getrennte Kajüten, in benen bie Offiziere
mit der Wachmannſchaft und die Matrojen einquartiert find. Der
weite Raum zwifchen ben beiden Kajütengruppen dient zur Aufnahme
der Gefangenen und zerfällt in eine Abtheilung für Männer und
in eine Abtheilung für Frauen, welche beide an den Längsjeiten
durch ein jtarfes Gitter eingeichtoffen find. Ein fchmaler Gang führt
wiſchen dieſem Gitter und dem Bordrand dahin, gerade breit genug,
Ih dort ein Wachpoften patrouilliren kann. Droben auf dem Dache
halten fich der Steuermann und das übrige Schiffsperfonal auf,
welches zur Lenkung der Barke erforderlich iſt. Hinter dem Gitter
aber fagern, dicht zufammengepfercht, 500 bis 600 Menfchen, Män—
ner, Frauen und Kinder.
Es ift ein Bild des Jammers und tiefiten Elends, das man
da vor ich fieht. Nothdürftig mit einigen Lumpen bekleidete Kna—
ben und Mädchen, bleich und abgehärmt ausfchende Frauen, darun-
viele mit Säuglingen an ber Bruft, die ihren Männern freiwillig
h dem Verbannungsort folgen — und das alles hockt und liegt
ſchen den aufeinander gethürmten Ballen und Bündeln, in denen
ihre ärmliche Habe mitführen, und wenn die Barfe irgendwo ans
t, drängt fig altes zu dem Gitter vor, um neugierig die am Ufer
ehenden zu betrachten ober, falls noch Geld vorhanden ijt, einige
benämittel zu faufen. Nebenan in der Männerabtheilung gewahe
ı wir wieder ein anderes Bild. Welch’ entjegliches Durcheinander
Silder aus WeR-Sibirien.
der verworfenften Phyfiognomien! Wie verfchieden bie !
auf uns gerichteten Augen! Theilnahmslos ftiert der ein
Bin, die Fugen des andern verfolgen uns hinter dem €
heimlich funfelnd gleich Raubtfieraugen; fein Kopf iſt g
und nur in der Mitte deſſelben ein Streifen Haare ftehen
welcher lebhaft an den nun glücklich zu Grabe getragenen |
NRaupenhelm erinnert. Außer diefem Brandmal des Zuchth
man bei vielen bemerkt, tragen alle leichte Ketten an di
Den Unbilden der Witterung find Männer, Frauen u
ziemlich ſchutzlos preisgegeben. In den drüdend heißen
monaten gewährt ein Segeltuch, das Hinter dem Gitter her
werden Tann, einigen Schuß gegen die Sonnenglut, wen
Nächte fühl zu „werden beginnen und ein falter Wind t
durch die Gitterftäbe peitjcht, wird die Lage der Eingeſchloſ
ſehr traurige. Bei ſehr kalter Temperatur, unter welcher
die erjten Transporte im Frühjahr, unmittelbar nad, dem
zu leiden haben, werden die Gefangenen im untern Schiffs
geiötoffen, wo alsdann durch die Ausdünftung fo vieler
ald eine entfegliche Stidluft erzeugt wird. In dem v
Raum befindet N auch eine Eleine Küche, d. h. ein Herd,
chem die Frauen Fiſche oder Kartoffeln kochen können, u
Röhren, an denen ſich mehrere Hähne befinden, leiten heiß
zur Theebereitung in den Gefangenenraum. Daß in letz
Reinlichkeit feine Nebe fein fann, ift jelbftverftändlich,
fold' eine Barke an ihrem Beftimmungsort angelangt ift
traurige Fracht abgeladen hat, erwartet die Matrofen die
eines Augiasjtalles, aber die Gefangenen jcheint die Un
ihres Aufenthaltortes nicht jonderlich zu berühren. Wenig
ic) nie eine Klage über die an Bord herrſchende Unſaubert
während jeden Augenblid Klagen darüber laut wurden,
Raum für jechs- bis fiebenhundert Menfchen zu eng fei.
Dies zeigt eben wieder nur, daß man — Verhä
einem ganz andern Maßſtab meſſen muß als die unfrigen.
fcheint dag Loos dieſer Leute während des Transportes v
licher als die langen Jahre der Verbannung, welche fie
Beſtimmungsorte werden zubringen müſſen. Der Rufje
ſich in eine ſolche Lage viel leichter, ala wir es fir mögl
Bei Tage der Sonnenglut, bei Nacht der Kälte und dem 9
gejegt, auf hartem Boͤden fehlafend, auf fehlechte, wenig c
Koft angewiefen, inmitten ber ihn umgebenden Unjaube
Ungeziefers, der Ausdünjtungen, bleibt er ruhig und kalt
geduldig und reſignirt über ſich ergehen, was zu änderr
feiner Macht Tiegt.
Auch bei dem Publifum bringen die Gefangenentran
weitem nicht jenen Eindrud hervor, welchen der gefühlvol
europäer für unausbleiblich hält. Von Jugend auf an da
Schaufpiel gewöhnt, fieht der Ruſſe in den Gefangenentt
Bilder aus Weh-Sibirien. 4
durchaus nichts ſchreckliches. Und num gar in Sibirien, wo bie
Mehrzahl der Bevölkerung aus Verbannten und deren Nachkommen
oder ſolchen befteht, die nach Ablauf ihrer Strafzeit freiwillig am
Verbannungsorte blieben, wo fie ſich indeſſen eine geficherte Exiſtenz
geichaffen Hatten! Dort ift man gegen das Schaufpiel, das uns
gräßlich jheint, völlig abgeftumpft. Im europäifchen Rußland kann
man in allen Drten, durch welche Gefangenentransporte kommen,
wahrnehmen, wie das Volk fich an fie herandrängt und ihnen milde
Gaben zuſteckt — Geld, Lebensmittel, Kleidungsſtücke — wie &
einem jeden einzelnen feine Mittel erlauben. Das Bolt im euro-
pãiſchen Rußland fieht eben in jebem Gefangenen nur einen Un-
glüdlichen, defjen trauriges Loos zu lindern Chriftenpflicht ift. Dies
ändert ſich jeboch rajch, fobald die Gefangenen den Ural überſchritten
haben. Das Mitleid ift vielleicht noch vorhanden, aber es giebt ſich
nur felten zu erfennen. Das Publitum, an dem dieſe traurigen
Bilder vorüberziehen, betrachtet fie ziemlich theilnahmslos und na-
mentlich enthält es fich mit fcheuer Worficht jeder Aeußerung über
die Gefangenentransporte. Einige Geftalten in dem vergitterten
, deren Aeußeres auffallend von jenem ber anderen Gefangenen
abfticht, veranlaſſen und vielleicht zu der Frage, ob dies politiſche
Verbrecher ſeien — eine Sefeiedigenbe Antwort erhalten wir aber
auf ſolche Frage höchft jelten. Achfelzudend wendet fid) der Ge-
fragte von uns ab und brummt vor ſich Hin: „Arreftanten find’s!“
Arreftanten! Dies Wort muß ung genügen. Der fibirifche
Rufje Spricht mit Leuten, die er nicht Fennt, nicht gern über dieſes
und in feinen Augen find all’ die Leute Hinter dem Gitter
nur furzweg „Arteftanten‘. Was fie dazu gemacht, kümmert ihn
nicht; das zu unterſuchen ift nicht feine Sache. Und warum follte
er ſich diefer Leute wegen aufregen, die felbft ihr Schichſal ruhig
ertragen! Cine dumpfe Refignation hat fi) aller bemaͤchtigt. Sie
wilfen, daß es für fie feine Gnade gicht und fie haben fi in ihr
Schidjal ergeben, mit der Welt, die fie verlaffen, abgeſchloſſen. Au-
blicklich iſt al ihr Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet,
ſoweit es das in ihren Händen gebliebene baare Geld geftattet, durch
Einkauf von Lebensmitteln auf den Landungsplägen in ihre tägliche
Koft — Brod und Fiſchſuppe — einige Äbwechſelung zu bringen.
Niemand Hindert fie, über ihr Geld zu ſolchem Zwecke zu verfügen.
Die Bauernfrauen, welche auf den Landungspfägen Lebensmittel al-
fer Art — Brod, Fiſche, Eier, Milch, Himbeeren, Nüffe, zuweilen
auch gebratenes Geflügel u. j. m. — den Paffagieren des Dampfers
‚sten, werben auch auf der Barke im Schlepptau zugelaffen und
en durch das Gitter mit den Gefangenen verhandeln. Iſt der
ufte Gegenftand zu groß, um durch das Gitter gefteckt zu wer-
übernimmt einer der draußen ftehenden Soldaten bereitwillig
Beförderung in den Gefangenentaum. Der gutmüthige Soldat
‚uch der Ueberbringer manchen Bündel mit Lebensmitteln, welches
”h ein mildherziger Dampferpafjagier vielleicht einem BVefannten,
KSilder aus Wel-Sibirien.
den .er hinter dem Gitter entdedt hat, fenbet Die ange
müthigleit der Ruſſen verfeugnet fich überhaupt auch uni
daten nicht, welche die Gefangenen zu bewachen haben,
Zeuge einer rohen Behandlung ber Iegteren geword
in anbetracht ber vielen wilden Elemente unter ihnen
Regiment nicht bloß gereätfertig, fondern unvermeidlich
Die Tage, an denen die Barke anlegt, weil der Dan
holz einnehmen muß, werden durch das Erfcheinen der
nen von Lebensmitteln zu Feittagen für die Gefangen
jehen fie ftatt der einförmigen, öden Waldufer zu beider
luſſes wieder eine Stadt oder ein Dorf und Menjchen
fer Verkehr mit der Außenwelt ift von furzer Dauer
Dampfer ertönt die Signalpfeife zum dritten Dat und {
drängen die fremden Befucher zum fchleunigen Zerlaffer
Ten Ganges vor dem Gefangenenraum Schreiend flüchten
frauen vor den handgreiflichen Scherzen der Soldateı
ſchwanlende Brett, das die Barke mit dem Ufer verbinde
wird eingezogen und ſchon eine Minute ſpäter ſpan
Schlepptau, das Vordertheil der Barke wendet ſich vom!
dieje folgt langſam dem voranfeuchenden Dampfer. Die
nun wieder eine Welt für fich, welche die Wellen des
ftarfen Eifengitter von der Welt der freien Menfchen |
welcher diefe Unglüdlichen vielleicht für immer ausge
Immer weiter geht die Zahrt. Die Sonne verjchwindet
Wipfeln der Birken und Fichten, furze Zeit färbt noch
Rott) den weftlihen Himmel, dann ſenken ſich die Schatti
herab auf den Wald, auf den Fluß. Kein Laut ift v
hören und auch auf der Barfe ijt es ftill geworden. 9
mengebdrängt, um fich gegenfeitig warm zu halten, haben
fangenen auf dem harten Boden zum Schlafe niedergele,
ihr Bündel als Kopftiffen benugend, die anderen in C
eines folchen das Haupt an die Bruſt des Nebenman
Der Schlaf hat feine milde Hand auf fie gefenft und
für einige Stunden Vergeffen ihres Elends. Nur dann
verrathet noch leiſes Kettengeklirr, daß Leben auf der &
‚ gleich einem unheimlichen Geiſterſchiff langſam über die
dahingleitet . . .
II. Sechs Zage auf dem 2b.
Nach zweitägiger Fahrt von Tobölst auf dem Irtı
nähern wir uns gegen Abend der Vereinigungsitelle des
Ob. Das Dorf Samarowskoje, der nächſte Halteplag de:
wird in der Ferne fichtbar, aber eine Viertelitunde nad,
verrinnt und das Dorf fcheint immer noch gleich weit v
fernt zu fein. Soeben jahen wir c8 gerade vor uns, j
zu unjerer Rechten und im nächſten Augenblid wendet fi
pfer noch weiter nach links, als wollte er fich völlig von
|
}
Bilder aus Weh-Sibirien. 43
Ioje abwenden. Diefe auffallende Erſcheinung findet eine fehr einfache
Erklärung. Wir fahren im Flußbett des Ictyich, das ſich in weitem
Bogen nad) Samaͤrowskoje hinwindet, die Wajlerfläche zwifchen ung
und dem Dorfe dagegen, Die uns einzuladen ſcheint, geradenwegs auf
daſſelbe loszuſteuern, ift überfchwemmtes Land mit nicht genügend
tiefem Fahrwaſſer, das der Dampfer vermeidet. Nun bemerken wir
auch die gewaltige Veränderung, die fich ringe um uns vollzogen
* Die Breite des Irtyſch Hatte ſchon in den letzten Stunden
änbig zugenommen; jegt ſchwillt er mit einem Mal fo gewaltig an,
dab wie mit einem Schlage zur Rechten und zur Linken die Ufer
verihwinden. So weit das Auge zu _bliden vermag, ift das Flach-
Iand überflutet. Vor uns liegt ein See, win Meer, aus deffen Wo—
gen nur hier und da, Heinen Infeln gleich, die Wipfel der Bäume
emporragen, welche das überjchwemmte Land bededen. Nur nad)
einer Seite gewahren wir noch Land, einen niedrigen Hügelrüden,
der wie ein Kap in das Meer hinausragt und an deffen Fuße das
Dorf Samarowskoje liegt. Nachdem wir um das Kap herumgefahren
find, fehen wir nur Himmel und Waffer vor uns umd fteuern quer
durch das überſchwemmte Land an ber Vereinigungsftelle des Irtyſch
und Ob auf das Flußbett des letztern zu. Es % als führe man
in einen weiten, mit unzähligen Infetigen bededten Golf hinaus.
Die legten Strahlen der jcheidenden Sonne zittern über die Waffer-
fläche und übergießen mit rofigem Licht die Baumwipfel, zwiſchen
denen der Dampfer ſich hindurchwindet; aber allmählich verblaßt das
Licht immermehr, die Schatten der Nacht jenfen fic) hernieder auf
die St, nur in dunklen Umriffen find noch die Baumwipfel er=
lenndar, über welche aus dem Kamin des Dampfers ein Fenemegen
dahinjprüht, und Hinter und kommt wie cin Geiſterſchiff die große
Barke im Schlepptau daher, auf welcher unfer Dampfer Hunderte
von Berbannten einer büftern Zukunft entgegenführt.
Die aufgehende Sonne, beleuchtet wieder ein ganz eigenartiges
'umpfes, der noch wenig erforjcht ift, folfen hier und da_große,
: Ditjafen bewohnte Inſeln liegen; längs der Ufer de Ob bes
44 KSilder aus Wef-Sibirien.
grenzen ben Ljamin Sor nur Bäume und Gebüſche, ?
nungen erblidt man nirgends.
Unter ſolchen Umftänden kann es nicht Wunder n
ſchon nad) wenigen Stunden alles Interefje an den Uf
erichöpft iſt. Ar Bord erwartet alles fehnfüchtig den nı
plag, wo man doch wieder Menfchen jehen, wo wieder
in das traurige Einerlei kommen wird. Die Halteplät
am Ob bünn gefäet — auf der langen Strede von
Tomsf liegen nur vier — und mit einer einzigen Yı
auch diefe Ortichaften, bei denen der Dampfer anlegt,
LZandungsplage entfernt, daß man troß des oft zwei '
länger dauernden Aufenthalts nicht daran denken kann
derung nad) der DOrtjchaft zu wagen. Außer an diel
mäßigen Halteftellen legt aber der Dampfer noch tägli
einer Uferftelle an, wo große Stöße Brennholz zur Verf
Dampfmafchine aufgehäuft find. Dort finden ſich alabal
einem nahen, vom Schiffe nicht fichtbaren Dorfe Bauer
rinnen ein, die allerlei Lebensmittel zum Verkauf brir
Ufer entwidelt fich raſch ein reges, buntes Marfttreib
Verbedpafjagiere, die ſich ſelbſt beföftigen, aber feine
räthe mit fi) führen, find ſolche improvificte Märkte v
ten Wichtigkeit, da fie ihnen Gelegenheit bieten, fich wie‘
Tag mit allem Nöthigen zu verjehen. Sobald man
räthe an Bord zufammenjchmelzen ſieht, blickt daher allı
ſtromaufwärts und fpäht, ob nicht bald ein Holzplag
und namentlich die Verdeckpaſſagiere können den Augen!
dung faum erwarten. Der Abend kommt heran, die
ſchwindet Hinter den Baumwipfeln und noch immer ijl
Stelle nicht in Sicht. Endlich, nad) langen Stunden
rrens verkündet von ferne ein Lichtſchimmer, daß wi
olzplag nähern. Das Licht vergrößert fich immer m
unterjcheiden wir, daß auf dem hohen Ufer ein mächtig
gezündet ift, von welchem dichte Rauchwolfen zum dur
emporfteigen, gemifcht mit einem Funkenregen, den dei
Hin über die Tannenwipfel trägt. Nun unterfcheiden
reits die Geftalten, die rings um das Feuer thätig find,
in den grellvothen Hemden, die weißen Gewänder der
zwifchen hier und da Dftjafen mit dem verwilderten ü:
wuchs. Der Dampfer nähert fich dem Ufer. Comman
Ien vom Bord hinüber, dunfle Geftalten Elettern dai
hinab und haſchen nad) den vom Schiffe ihnen zugewor
Wenige Minuten fpäter liegt der Dampfer Te tgebunb
zwei lange Bretter werden über ben Bordrand geſchoben
ſchwankende ſchmale Brücke hergeftellt.
Das Treiben, das ſich nun entwidelt, muß man gı
bie lebhafteſte Schilderung vermag fein völlig zutreffen
Getümmels zu liefern, deſſen Schauplag nun das U
Bilder aus WeR-Sibirien. 45
Verdeck wird. Bon allen Seiten ftürmen die Reifenden auf die unter
ihrer Saft ſich biegende. und jchwanfende Brüde, denn jeder will
der erjte drüben fein, um beim Einfauf nicht Ieer auszugehen. Vom
Ufer her kommen aber jchon rafchen Laufes die Holzträger, welche
je zwei auf langen Stangen die aufgefchichteten Holzfcheite tragen,
und der gellende Barnungaruf: Beregis! (Nimm dich in acht!) ver-
tündet ihr Nahen. Und da bemerfen vielleicht auch noch die Ma-
trofen, daß das eine der Bretter zu dicht am Bordrand aufliegt und
infolge der ſchwankenden Bewegung abzurutichen droht; raſch ent-
ſchloſſen ergreifen fie den an dem Breit befeftigten Strid und reißen
& zu ſich heran, unbefümmert um die darauf Befindlichen, die durch-
einander taumeln und nur mit Mühe und Noth dem Sturz ins
Bafjer entgehen. Mancher fucht fih in diefer Verwirrung durch
einen fühnen Sprung ans Land zu retten, bringe zu kurz und fährt
unter allgemeinem Hallo tief in den fumpfigen Boden hinein. Nun
haben die Holzträger die Brücke erreicht, denken aber nicht daran,
ft zu machen, trogdem es auf ber Brüde von Männern und
rauen wimmelt, von denen bie einen raſch vorwärts drängen, wäh.
rend die anderen ängſtlich Kehrt machen und wieder das Schiff zu
erreichen fuchen. Nüdfichtslos bahnen die Träger ſich einen Weg;
da geräth der Fr aufgefchichtete Holzſtoß ins Wanfen und mit
Donnergepolter ftürzen die Scheite auf die Brücke nieder, die allge
meine Verwirrung noch vermehrend. Eine Vauernfrau, die von der
Menge an den Rand ber Brüde gedrängt wurbe, tritt fehl und
ftürzt ins Waſſer. Ein gellender Hilferuf ertönt — dann wird es
fell. Alles ſteht ſtarr und bliet auf die dunkle Waffermaffe und
ſucht mit den Augen bie Finfternig zu durchdringen, aber feine Hand
rührt fich, um Hilfe zu bringen. Der Kapitän, an ben ich mich mit
r Frage wende, warum man fein Boot bemanne, zudt die Achfeln
und wendet fid) ab. Der Strom ift reißend, das Waffer tief, fein
Hilferuf mehr zu hören; wo foll man im Dunkel der Nacht die Ver—
unglüdte ſuchen? Eine Minute fpäter wogt es wieder auf ber
Brüde hinüber und herüber, alle {mb völlig durch die Einfäufe in
Anſpruch genommen und erft auf der Weiterfahrt gedenkt vielleicht
der eine oder ber andere, bei der Theefanne figend, der Verunglüd-
ten. Wie ein Seufchwedenfmarm fällt indeffen die Menge über die
zum Verkauf ausgeftellten Lebensmittel her.
Es find überall biefelben: Sie, theils frifch gefangene, theils
in Brod gebadene ober getrodnete, Milch, Kwas, rohe und gefochte
=, Welß⸗ und Schwarzbrod, beide von fehr geringer Güte, ala
be Seltenheit ein oder zwei gebratene Hühner, weiterhin auch
obeeren und Himbeeren. Selten ift fo viel vorhanden, daß das
gebot die Nachfrage überfteigt; binnen kurzem ift alles aufgefauft
» e3 beginnt der Rückmarſch an Bord, wo es augenblidlic auf
ı Berded recht ungemüthlich ift. Dort donnern die mächtigen
(zElöge, die erſt in den Maſchinenraum und wenn diefer gefüllt
auf Verdeck niedergeworfen werden. Ein ganzer Wald kommt
46 KSilder aus Weft-Sibirien.
an Bord und jedes irgendwie verfügbare Plägchen bet
viefigen Holzſtößen. Zwei Stunden lang find die Soll
die Bedeckung der Gefangenen-Barfe bilden, bejchäftigt,
aufgefchichteten Holzvorräthe auf das Schiff zu bringen
fen müſſen auch noch die Matrojen aushelfen, jo daß
Dugend Menſchen in Thätigkeit ift. Dann ertönt in
ſchenräumen die Signalpfeife dreimal, die noch am Ufe:
Neifenden eilen jehleunigit an Bord, die Bretter werde
die Seile gelöft, die Räder beginnen zu ſchaufeln und I
det fi der Dampfer dom fer ab, um feine Fahrt
Bald ijt das Feuer, das am Landungsplag brannte, ı
dichtes Dunkel lagert wieder über dem Fluß und den
nur umdeutlich unterjcheidet man noch die Umriffe dei
Ufer und hinter uns die unheimliche Barke im Schlepp
Auf dem Verdeck aber herricht troß ber fpäten
noch reged Leben. Jene, welche Einkäufe gemacht ha
voller Thätigkeit; Koffer, Tafchen und Säde werden bi
um unter der Bank ein Plägchen frei zu bekommen, t
rathskammer dienen fann, aber nachdem die gelauften
untergebracht find, werden fie noch zehnmal Bern geh
fie zu betrachten und mit dem Nachbar von ihrer Güte
keit zu fprechen, bald um fie zu koſten. Die Käufer
füllen die Heine Küche, welche den Verdedöreifenden zı
fteht. Der Herd ijt mit Töpfen bededt, in denen Fila
geftellt find, und jung und alt freut ſich ſchon auf bi
andere figen beim Pribör (Zheegefiir) und geben fid
Genuß ihrer Einkäufe hin: der Flaſche mit den friſchen €
und einem Berg friiher Bulfi und Pljufchki, dem I
ö Gebäd. Mitternacht iſt längft vorüber, wenn endlich t
dem Verdeck verftummt und die legten Reifenden ihr La
So ſchwand ein Tag der Obfahrt dahin und wi
Tag, jo find auch alle anderen. Die Uferlandfchaften r
nicht zu feffeln, an Bord kennt einer den andern, alle
gen hir dem wer und woher und wohin find erjchöpf:
weile ſchwingt unbarmherzig ihr Scepter. Anfangs hat
Schiffebibliothet Zerjtreuung gejucht, aber man wirt
überdrüffig; manche haben beim Damenbrett oder im
Kartenspiel Schug gegen die Langeweile gefunden, abe
s Tage haben fih auch die Reihen der Spieler gelichtet
ü die Fahrt danert, deſto Tebhafter geht es beim Buͤffe
j fpricht Bouffett“) zu. Jeden Mugenblid wendet ſich
neuen Bekannten an uns mit der Mufforderung: „P:
motschku!“ (Trinfen Sie gefälligjt ein Gläschen!) ur
dung darf nicht abgelehnt werden. Bei dem einen G
es aber nicht; auf einem Bein kann man ja nicht ſte
Ruſſe jagt, auch fühlen wir uns verpflichtet, num unfer
wirthen. Dem erſten Gläschen folgt ein zweites umd
Bilder aus Wef-Sibirien. 47
Negel — zu Ehren ber heiligen Dreieinigfeit — noch ein drittes.
Allmählich finden es aber die Reiſenden 5 unbequem, jeden Augen-
bfid zum Buffet zu wandern. En und da bilden ſich Gruppen,
welche eine mehr oder minder große Branntweinflafche erworben und
ſich mit derjelben an irgend einem Tijche niebergelafjen haben. Auch
Frauen fieht man der Flaſche wader zufprechen. In Rußland, wo
das Lajter der Trunkfucht fo ehr um fich gegriffen hat, Dies
niemandem auf. Als wir das Schiff betraten, fielen uns jofort die
an den iffewänden angeffagenen ‚Serorbnungen ins Auge, welche
den Reifenden ftrengftens das Mitbringen von Branntwein verbieten,
aber dieſe Verordnungen bezweden durchaus nicht, ber Trunkſucht Schran-
ten zu fegen, fonbern fie entipringen uur der löblichen Abficht, die
Neijenden zu zwingen, ben theuern Branntwein des Buffetiers zu
trinfen. Die minder Bemittelten hält dies allerdings vom vielen
Branntweintrinfen ab, jedoch der Buffetier macht doch immer noch
ein gutes Geſchäft. Während der langen Fahrt ergreift bald dieſen,
bald jenen die Luft, wieder einmal- gründlich auszutoben, er läßt eine
Keiie nach der andern fommen, bewirthet alle Welt und feine
mtweinrechnung beläuft fich fchließlich auf mehrere Rubel. Wenn
der Abend kommt, kann man dann gar manden, ber tagesüber aus-
gelafjen luſtig war, auf feinem Lager den nicht immer leichten Rauſch
ausichlafen jehen.
So vergeht ein Tag nad) dem andern, alle glei einförmig,
bis am Morgen des fünften Tages der Obfahrt (bed fiebenten
feit der Abfahrt von Tobölsk) die aufgehende Sonne endlid, ein
völlig verſchiedenes Bild beleuchtet. Am linken Ufer ziehen fich bes
waldete Hügel Hin, Dörfer werben fichtbar, dann und wann fieht
man Menſchen oder Viehherden am Ufer. Nun beginnt aber auch
der Strom feicht zu werden; obwohl er immer noch eine ftattliche
Breite hat, find doch die gewaltigen Waffermafjen, die er uns eine
Woche lang entgegenwälzte, erjchöpft und der Dampfer muß darauf
achten, im Fahrwafjer zu bleiben und nicht auf Sandbänfe zu ge
raihen. Wir fahren nur noch mit halber Kraft, und unabläffig iſt
die Meßſtange in Bewegung, von ber ein Matroſe die Grade ablieſt
und laut dem Steuermann zuruft. In der Nacht nehmen wir Ab-
schied vom Ob und fabnen in ben Tom ein, an dem das Biel un-
ferer Dampferfahrt, die Gouvernementsftadt Tomsk Tiegt.
— 8ꝰ—ñ—
Google
Auſer ſtanden. 49
Es war einer jener Böfttichen Maitage, an denen man ſich nicht
a enn, daß es irgend wo in der Welt verdrießliche Ges
ichter giebt.
Dr Baronin Bensberg lieferte den Gegenbeweis.
Sie bejaß alles, was der großen Menge beneidenswerth fcheint;
fie war umgeben von Reichthum und Luzus, ‘fie war jung, ſchön,
vornehm und eine der gefeiertften Damen Wiens; fie hatte geftern
bei dem Rout des Minijterd ihre Nivalinnen Buch ihre neuefte
Barifer Toilette volltommen in den —S gedrängt, ſie war
‚oon einem der Erzherzöge auf das Auffallendſte ausgezeichnet worden
und dennoch ſah fie heut jo verdrieglih aus, wie ein Menſch nur
überhaupt ausſehen fann.
Bie langweilig das alles war — dieſer galante Mebdizinalrath,
feine faden reicheleien und feine überflüffige Dienftfertigfeit;
empfand einen gründlichen Widerwillen gegen dieſes ewige, Teere
Süßholsgerafpel. Die vorgejchlagene Kur war ihr nicht minder wider
wirt ala der Arzt, ber fie verichrieb.
3 follte ihr diejes Neifen von einem Orte zum andern, da
fie doch überall diefelben Menjchen und diefelben Phrajen vorfand!
Fteilich hierzubleiben wäre noch viel fangweiliger gewefen!
Meberdied ftand das ja aud) gung außer Frage; die Badefaifon
war da, folglich mußte man reifen. Aber es war unerträglich.
Die junge Frau verſchlang die erhobenen Hände Hinter dem
teichen -bionden Haar und jah zornig grübelnd in die lichtgrünen
Baumwipfel der Anlagen, die ein lauer Abendwind leiſe bewegte.
Sie fuhr erft auf aus ihrer unerquidlichen Träumerei, als fie im
Borzimmer eine tiefe Männerftimme hörte, die mit dem Diener ſprach.
Sie ließ die erhobenen Hände finken, one ihre bequeme Stellung
Bi geränbern, und ihr eben noch fo erregtes Gejicht nahm den Aus-
einer ſiolzen Gleichgiltigkeit an.
Ein feharfer Beobachter würde vielleicht gefunden haben, daß
der Uebergang zu raſch fam, um ganz natürlich zu fein. Der Ein»
tretende war telnet, elegant und ftattlich; er hatte ſcharfgeſchnittene
Ein und ein Paar fühne, bligende Augen, denen man die Gewohn-
it des Befehlens —
So wie er war, konnte man wohl begreifen, daß die Damen der
Laiſerſtadt für den ſchönen Gardeoffizier ſchwärmten wie die Herren
für feine bezaubernde Frau. Er begrüßte feine Gattin mit ritter-
tiger Höflichkeit, aber ohne jede Wärme, und fie erwiberte feinen
Gruß nur durch ein kaun merkliches Neigen des reizenden Hauptes.
„Haft Du den Geheimrath getroffen“, fragte de ein leichtes
! nen Hinter ber vorgehaltenen Hand verbergend.
Ich bin ihm auf ber Treppe begegnet.“
Sie wies nachläſſig auf einen Stuhl ihr gegenüber.
„Willſt Du nicht Platz nehmen?“ .
Berzeih', Marietta, ich Habe gerade jegt wenig Zeit. Einige
€ Häftsfachen, die durchaus erledigt werden müſſen —“
= Salon 1889. Heft I. Band I. 4
50 Auferftanden.
„Ah — dann laß Di nicht abhalten.” Cie gr
einem Buche, das neben ihr auf einem Fleinen Tiſchche
„Ich Fam nur, um mich zu erkundigen, ob Du
Dispofitionen für den heutigen Abend getroffen Haft.“
„Sch fahre nach der Oper und dann zu den Erbö
„Dort treffe ich Dich jedenfalls gegen elf Uhr und
möglich fein follte, mich früher frei zu machen —“
Sie ließ ihn nicht ausreden.
„Bewahre“, fagte fie mit kühler Abwehr, „lege Dir
feinen Zwang auf. Ich hole Wally ab. Ihr Brut
begleiten.“
„Und diefe günftige Gelegenheit benügen, Dir auf
Set zu machen. Du haft diejen armen Prinzen Niki
erftand gebracht, Marietta. Er ift aus einem ganz pafja
zum fehmachtenden Seladon geworben; ich habe ihn im
er heimlich Verſe macht auf Deine goldenen Haar
Nixenaugen.“
Dabei lachte er ſehr unbekümmert, aber ſeine He
nicht anſteckend auf die ſchöne Frau. Sie zog vielm
dunklen Brauen leicht zufammen und ihre vollen Lippe
feft auf einander. Aber er fah dieje Negung des Zorn
fe hatte fich gebüct und einen Eleinen Seidenpinjcher
er zu einem formlojen Knäuel zufanmengeballt, auf
zu ihren Füßen feinen Nachmittagſchlaf hielt.
Im Spiele mit dem Hunde ſchien fie die Anm
Gatten völlig zu vergeffen.
„Es freut mid), daß der Geheimrath Dir Baden
ordnet hat“, fagte diefer nach einer Heinen Paufc. „I
werden uns amüfiren. Die Anwejenheit des Prinzer
wird der Saiſon einen bejonderen Glanz verleihen un
— Apropos, Wittgenftein hat feine Bladbird zurüdgezo
geld gezahlt.“
„Wirklich?“
Sie gab ſich auch nicht die Leifefte Mühe, Anthei
an einer Sache, die ihren Gatten offenbar lebhaft inter
überhaupt aus, als ob das Geſpräch fie ganz außerordent
ja fie warf fogar einen ungeduldigen Bike nach der |
Baron nicht entging, und ihm auch nicht entgehen jolli
Er folgte dem Winfe fofort, aber er wunderte ſich
ein wenig über die lic wachjende Unart feiner Hüb!
Einem ftummen Einverftändniffe gemäß, Hatten ſ
äußeren Rückſichten gegen einander beobadjtet; feit_ €
brach fie ihren Vertrag in einer herausfordernden, auffa
die zu ihrer fonftigen vornehmen Ruhe durchaus nicht
Imgrunde war e3 ihm freilich recht lieb, daß fic ihn jo
Er hatte wirklich einige Gejchäftsbriefe zu fchreiben ı
Auferftanden. 51
hatte er ber Fifi verjprochen, fie in der neuen Operette zu bewun—
dern, die heute zum erften Male gegeben wurde.
Er ging aljo und die Baronin fand kaum ge, feinen Abſchieds⸗
zu erwidern, fo ganz war fie durch das Spiel mit dem Hunde
in Anjprud) genommen.
Dann, als er fort war, ſchob fie in plöglich erwachter Un-
gebuld das Tierchen auf den Boden herab.
Welch' ein endlofer Nachmittag?
gei ſechs Uhr!
blieben ihr noch mehr als zwei Stunden bis zum Theater.
Sollte fie ausfahren!
Nein, dazu war's zu fpät. Bei ber heutigen Galavorjtellung
waren die Majeftäten anmejend; fie mußte aljo ihrer Toilette be
ſondere Sorgfalt widmen. So fchellte fie denn, und befahl der Zofe,
die nöthigen Vorbereitungen zu treffen. v
Dazu gehörte unter anderem, daß man die Jaloufien des An-
Hleidezimmers_feit ſchloß und den Raum hell etleuchtete, obgleich
draußen die Sonne no hoch am Himmel ftand.
Eine Toilette, die für den Abend berechnet war, fonnte nur bei
venlicht richtig _beurtheift werden und die Baronin geftattete fich
in Diefen wichtigften Angelegenheiten ihres täglichen Lebens feine
Abweichung von dem, was fie für recht und angemeffen hielt.
Während die date das prachtvolle Haar ihrer Gebieterin zu
einer modernen Ballfrifur aufftecte und einen Tuff zarter Neiher-
federn in der hochaufgebaufchten goldenen Fülle befelligte, ſaß die
Baronin tief in Gedanken, ganz verfunfen, wie es jchien, in die Be-
tracht ihres reizenden Spiegelbitbes.
„Merkwürdig!“ hörte das Mädchen fie plöglich halblaut vor ſich
en.
fette war zu wohlgeſchult, um irgend welches Staunen merfen
zu laſſen über eine Sherigaf ihrer Herrin, die ihr neu war.
Ibſtgeſpräche hatte
Bas war merkwürdig?
Vielleicht die Zuftände im Haufe? Die hatte Lifette vom erften
Tage ab merkwürdig gefunden.
Barum liebte der Herr Baron feine wunderſchöne Frau nicht,
um die alle ihn beneibeten, und warum war ihre angebetete Ge-
bieterin, die auch für den Aermſten ein freundliches Wort Hatte, fo
fremd und fühl gegen den eigenen Gatten?
Ia, wahrhaftig, es war merkwürdig und zwar um fo mehr, ala
Beiden zueinander paßten, als habe ber liebe Gott fie ganz
reß für einander gejchaffen.
&3 hatte eine Zeit gegeben, in der Marietta Bensberg genau
ſſelbe gedacht Hatte, aber das war lange her, unendlich lange; der
ıgen Frau ſchien es, als läge eine ganze Ewigfeit voll Leid und
täufchung zwiſchen dem Einft und Set.
Damals war fie ein glüdliches, übermüthiges, phantafievolles
4#
ie Gnädige bisher noch nie gehalten.
"
ta
ETW TIER
Auferftanden.
Kind geweſen, voll glühender Begeifterung für alles Schöne und
Gute; die Welt hatte vor ihr gelegen wie ein köſtliches Geheimniß,
in deſſen Tiefe unergründliche Schäge von Liebe und Glüd und
Herrlichkeit {hlummerten.
Dann war er in ihr Leben getreten und die Welt war ihr
ſchöner geworden mit jedem Tag.
Wie ein Sturmwind war die heiße, zärtliche Liebe über fie ge-
fommen und, wie fe damals meinte, auch über ihn.
Jetzt freilich lachte fie darüber, und ihr Herz ſchwoll in unfäg-
licher Bitterfeit.
Aber damals — damals!
Sie Hatte an ihn geglaubt, wie an Gott jelbft, und wenn er
zu ihr ge gt pt: Folge mir an das andere Enbe ber Erde in ein
wüſtes Land, laß die Heimat, die Deinen, allen Schmud und Reich—
thum bes Lebens, fo würde fie mit ihm gegangen fein, ohne zu
ögern; er war ihre —* ihre Welt, ihr Alles. „Mein Sonnen-
Frapte jatte er fie oft genannt.
Und gewiß! Damals war fie ein Sonnenftrahl gewefen, hell,
licht, freubefpendend, alles burchleuchtend mit der eigenen Glüdfelig-
keit, biß jene Stunde fam, jene furchtbare Stunde, die allem Glüd
und aller Liebe ein jähes Ende machte.
Noch jest nad Jahren ging ihr in der Erinnerung daran ein
eifiger Schauer burı Glieder.
Ein, herrlicher Maitag war's geweſen, gerabe fold ein Tag wie
der heutige, als Marietta allein durch eine der einfamften Alleen bes
Prater fuhr.
Kaum eine Woche fehlte noch zu ihrem Hochzeitätage und daran
dachte fie, während De nen Ir ben feidenen Kiffen des Wagens
Tag und mit leuchtenden, glüdlichen Augen hinausblidte in die grüne
Wildniß, die fie umgab.
Bald würde fie fein Weib fein.
Wie jeltfam das Hang — fein Weib; fie, das kindiſche, unge
ftüme Mädchen, das kaum der Schulftube entlaufen war.
Sie gab fi Mühe, würdevoll und gefest auszufehen, und
= — fühlte fie ſich wieder verſucht Hell aufzulachen vor lauter
ensfreude.
Aber es kam nicht dazu; eine wunderbar feierliche Stimmung
überwog. Es war fo Löftlich till und fehattig Hier unter den mäd-
tigen Bäumen, deren bichtes Blätterwerk ſich über ihr zu einem
tunen Netze verſchlang. Wie nedifche Geifter büpften die Sonnen
Funten vor dem Wagen ber; fie Schienen zu loden und zu winken unl
jo Iodten auch die Vögel, die broben in ben lichtgrünen Zweiger
ihre Liebeslieder fangen.
„Komm, komm.”
Marietta fand es ganz unmöglich im Wagen zu bleiben, Hinter dieſem
fteifen Bedienten, der mit über der Bruft gefreuzten Armen auf dem
mr
Auſerſtanden. 53
Bode ſaß und ausfah, ala ob er Waldesgrün, fingende Vögel und
hüpfende Sonnenfunten für fehr alltägliche Dinge halte.
Sie ftieg aus und wies den Diener zurüd, der ihr folgen wollte.
Allein ging fie einen der Fußwege entlang.
Ihr war, ald habe ſie Flügel an den Sohlen; fie hätte mit
den Vögeln um die Wette fingen und jubeln mögen.
Ein ſchmaler, von Gebüſch umbegter Fußpfad öffnete fich feits
wãrts. Marietta bog in ihn ein.
Sie ſah durch das Blattwerk der Hafelftauden ihren Wagen,
der drüben in einer Entfernung von kaum Hundert Schritten auf der
breiten Hauptallee auf und nieder fuhr.
Benige Schritte war fie erjt gegangen, als fie Stimmen hörte
— eine hochliegenbe, helle Frauenſtimme und dann —
geliger Gott, war es denn möglih? Träumte fie?
fie mahufinnig?
Da fan ihr Verlobter ihr entgegen — nicht allein; eine junge
Dame in auffallender Toilette ging an feinem Arme. Das pilante
Geſicht war ihr micht fremd; fie hatte die hübjche, mehr berüchtigte
ala berühmte Sängerin ſchon zuweilen von ihrer Loge aus gefehen.
Einen Moment lang wollte die Kraft fie verlaffen; fte griff frampf-
ft in die Hafelftauden neben fih. Dann war die Schwäche vorüber;
ie 30g mit einer fchnellen Bewegung den dichten Gacejchleier vor ihr
Set und fchritt weiter, Stolz augerictet, ala fei der Mann da
drüben ihr ein Fremder
Sie fah, wie er erblaßte, aber fie ſah auch, daß er ihren Blick
verftand. „Stein Laut, feine Bewegung“, befahl diefer Blick, „wir
lennen uns nicht. Der Weg war jehr Sehmal; Marietta mußte Dicht
an den Beiden vorüber; fie hielt den geöffneten Sonnenfchirm zwiſchen
ſich und die Sängerin, obwohl fein Sonnenftrahl in die grüne Däm⸗
merung des Waldpfades drang.
Hinter fich hörte fie die Begleiterin ihres Verlobten jagen:
„Mir fcheint, die geht aus zu einem Stelldichein. Warum
fäufit Du fo, Stephan? Nein, es ift zu toll. Ich...“ Das übrige
verflang in der Ferne.
dae Marietta fine eine kurze Beile Br — Sände vor
wilbp: z gepreßt, dann bog fie die elſtauden aus⸗
emander au ine ah aber volltommen ruhig zu dem Wagen
zurüd.
„Nach Haufe“, befahl fie dem Diener. Sie fand viel Beſuch
einm vor, jandte, indinnen, Sameraben ihres Verlobten.
Man ftand und faß im Gartenfaale und auf der Rampe hinter
Billa umher. Marietta mußte am Geſpräch theilnehmen, Neckereien
atworten, von ihrem Socgeitsfeite reden hören und von „biejem
en Stephan“, den heute der Dienft jo lange von feiner anges
‚ten Braut fernhielt.
Ihr Vater trat zu ihr heran, ein alter, hefdenhaft ausſehender
inn in Generalauniform, deffen Abgott fie war, weil fie in_jebem
54 ‚Auferfianden.
Dune feiner frühgeftorbenen Gattin gli. Seine hellen Falkenaugen
listen noch jcharf unter den bufchigen weißen Brauen hervor; ihm
entging fo leicht nichts. .
„Was giebt's Ria?“ fragte er, „Du fiehit verjtimmt aus.“
O nichts, Papa!“
Sie begriff, daß fie auf ihrer Hut fein müffe!
Er durfte nichts erfahren — er um feinen Preis.
Sie faßte fich gewaltfam, denn da fam eben ihr Verlobter, jtraff,
ftattlich wie immer.
Kein unbefangener Beobachter hätte eine Veränderung an ihm
wahrgenommen.
Sie begrüßten ſich zurüdhaltend wie immer, wenn andere zu=
gegen waren.
Er füßte ihre Hand und fie lächelte ihn an, aber es war ein
ftarres, unnatürliches Lächeln und ihre Hand lag in der feinen, ſchwer
und falt, wie die a enle Tptı n & vurch
Dann nach einer Weile ſchlug er ihr einen Spaziergang bu:
ben Park vor, das werde ihren Kopfichmerz befjern. Sie nidte ge-
während und ging an feinem Arme die Stufen hinab, die von der
Rampe zum Garten führten. Droben lachte man über bie Kriegsliſt
des Brautpaares, und Fred, der Jüngite des Haufes, deklamirte hinter
ihnen drein: „Sir, dieſer Kopfichmerz fam Euch fehr gelegen.”
Sie hörten nichts, weber das Lachen noch Freds Spötterei.
Stumm ſchritten fie neben einander her zwiſchen den Bosketts
und Blumenanlagen hindurch bis nach der Terraffe im Hintergrunde
des Parkes, auf der fie jo oft auf und nieder gegangen waren, en;
verfchlungen, in ſüßem Licbesgefhwäg oder ftumm im ebermape
des Glüdes.
Hier z0g Marictta ihren Arm aus dem des Barons.
- „Höre mich, ehe Du mich verurtheilit“, bat er flehend.
Sie unterbrad) ihn mit einer herrijchen Bewegung, nicht? an
ihr erinnerte mehr an das Liebliche, ſchüchtern gäntfige Kind, das fie
noch vor wenigen Stunden gewejen war.
Wie eine beleidigte Königin ftand fie ihm gegenüber, ftolz, kalt,
unbewegt, als fei das, was fie ihm zu jagen habe, nur noch eine
leere Zorm, bie feine ‘Fiber in ihrem Innern mehr bewegte.
Sie war fertig mit ihm.
Das ſprach fie ihm auch in kurzen, herben Worten aus.
„Du begreift“, fagte fie, „daß zwiſchen uns alles zu Ende fein
muß. Nein, nichts, bitte, fein Wort der Vertheidigung, e8 wi
umſonſt. Was ich gefehen Habe, genügt mir vollfommen, um mei‘
Eniſchluß zu einem unerfdütterlihen zu machen.“
„Marietta, Gnade, verzeih” mir.“
Um ihre Lippen ging ein verächtliches Zuden.
„O bitte, feine Scene“, k te fie in einem Tone, ber beleidigen
noch war als die Worte fel of, „wozu aud die Komödie, fie w
zwedios. Genug, daß wir gemöthigt fein werden, fie vor and
E23
rm —
Auſerſtanden. 55
weiter zu fpielen. Denn ich will nicht, daß unfere Verlobung gelöft
wird, Mein Zurüdtreten jet, wenige Tage vor der Hochzeit, wäre
gleihbedeutend mit einem öffentlichen Skandale, ein Duell zwiſchen
meinem Vater und Dir die unausbleibliche Folge.
Das darf nicht fein. Debbalb werbe ic) in Deinem Haufe leben
und Deinen Namen tragen. iß in Wirklichkeit jedes Band zwi⸗—
fen uns gelöft ift, braucht niemand zu ahnen. Ich denke, wir And
beide u foh, um ber Welt das ufpiel einer unglüdlichen Che
h e 2 Das iſt's, was ich Dir jagen wollte. Biſt Du einver-
ta:
Er athmete ſchwer; vor der Eiſeskälte diefes ſchönen Weibes
erftarhen ihm die Worte ber Vertheidigung auf den Xippen.
Ihre heftigften Vorwürfe, ihr mabofefter Zorn würben ihn bei
weitem nicht 1 niedergefchmettert haben als diefe ftumme Ver—
achtung.
sine Du einverftanden?“ fragte fie nochmals — fcharf, unge
duldig wie jemand, der ein läjtiges Geſchäft möglichft ſchnell er»
fedigen will. h
Er bejahte haſtig.
Wenn fie nur ſein Weib wurde, wenn er fie nur nicht auf
immer verlor.
Nie hatte er fie glühender geliebt als in dieſer Stunde; fein
Leben war ihm feinen Heller werth ohne fie. Und er hoffte feit
auf eine Verſöhnung; er hatte ſich darauf gefaßt gemacht, daß fie
i im erften Heftigiten Zorne ihr Verlöbniß werde loͤſen wollen und
! alle die Vernunftgründe, die fie fo fühl vorbrachte, hatte er gegen
| ihren gefürchteten entfoluh ing Feld führen wollen, jegt, da fie troß
ailem einwilligte, fein Weib zu werden, fürchtete er nichts mehr.
Sie konnte ja nicht immer umerbittlich bleiben, wenn er ihr
Gatte war; ed -mußte ihm gelingen, ihre Liebe wieder zu gewinnen,
um die ex werben wollte als um das höchſte, koſtbarſte Kleinod
feines Lebens.
Er war verwöhnt von ben Frauen und, ohne eitel zu fein, doch
fi, feiner Vorzüge bewußt.
Sollte er hier_vergeblich werben, wo er zum erften Male im
Leben von ganzer Seele liebte, vergeblich werben um ein Herz, das
ihm fo ausſchließlich gen hatte. Es war undenkbar.
Diefe Starrheit Mariettad war zu unnatürlich, um andauern zu
Können, früher oder fpäter mußte wieder ihr eigentliches Selbft zum
Din tommen; er vertraute auf ihr weiches Herz, auf ihren
verfinn, der noch jo biegfam war. \ .
Hatte fie fich nicht bisher ganz von ihm leiten laſſen, war nicht
r ihr eigener Wille ganz aufgegangen in dem feinen?
Bie follte fie ihm widerjtehen können, wenn erft ihr Leben
floslich an das feine gefejfelt war. Er mußte ihr nur Zeit
n, ſich zu beruhigen, ſich wiederzufinden, ehe er den Sturm auf
Herz wagte. Er fah ſich enttäufcht. *
56 Auferftanden.
‘ In diefem zarten, Findlichen Weibe wogte eine ı
und ein Stolz, der durch nichts zu beugen war.
Sie vergab ihm nicht, daß fie ihn mit einer D
getroffen hatte, als er auf dem Punkte ftand, fie in
führen als fein Weib. Wenn fie ihm wenigftens geſte
zu verteidigen. B
Er war ſchuldig, aber doch nicht fo fehr, wie fie
Aber fie wollte feine Grflärung; fie wies jeden
jochen, wie feine Bitten und Liebesbetheuerungen mit
achtung zurüd.
Er kämpfte ſich müde an ihrer Starrheit, ohne
Geringfte zu erreichen. Wenige Monate nach ihrer Hoı
Vater plöglih am Schlage.
Sie hatte ihm zärtlich geliebt, aber fie verbarg
Schmerz, um dem Mitleide ihres Gatten zu entgehen.
der Baron an zu glauben, daß diefe ftarre Kälte
Natur feiner Frau fei, empört über die rückſichtslos be
in ber fie feine Liebe zurüdwies, meinte er ſich frühe
jchaft verblendet, in ihr getäufcht zu haben und jegt erfi
Charakter zu erkennen. Sein Stolz erwachte an t
wurden fich fremd.
Dann, eines Tages erzählte man fich Lächelnd, daß !
in den alten Ketten liege. Natürlich blieb das auch
fein Geheimniß; es gab gute Freunde in Menge, di
Pflicht hielten, die arme, — Frau von der Untreu
in Kenntniß zu ſetzen.
Aber die Baronin überhörte die verblümten Andı
die zahlreichen anonymen Briefe ind Feuer und war |
unbefümmert, daß niemand fi mehr die Mühe nahın,
Thatſache zu benachrichtigen, die ihr offenbar jo gleich
Marietta Bensberg gehörte m ben gefeiertjtei
Wiens, fie brauchte nur den Schleier ihrer dunklen
heben, um alt und jung, vornehm und gering zu il
jehen. Ihre fühle, anmuthige Vornehmheit übte auf al
Zauber und hielt alle in den gleichen Schranfen.
Sie erregte Heftige Leidenjchaften, ohne kokett zı
oberte die Herzen im Sturme, ohne ſich je auch nun
Mühe deßhalb zu geben.
Nicht der Heinfte Makel trübte ihren Auf und i
Neiderinnen mußten ſich damit begnügen, ihr nachzu
feine Spur von Herz und Gemüth habe.
Daß es nicht fo war, wußten nur wenige, ihre
wandten, ihre Dienjtleute, vor allem die Armen.
Am Schmerzenslager eines Franfen Kindes, eines
hen, eines armen, hilfsbedürftigen Weibes war fie w
herzige, liebevolle Geſchöpf von ehedem.
Aber was wußte die Geſellſchaft von ſolchen Saı
Auferflanden. 57
Die Baronin Bensberg gehörte nicht zu denen, die ihre Wohlthaten
an bie große Glocke hängen.
Ihr Gatte theilte das Urtheil der Welt. Er hielt fie für hoch-
müthig und herzlos und fie gab ihm feine Urfache, anders zu denfen.
Im jeiner Gegenwart war fie ftet3 die fühle oberflächliche Weltdame;
er wußte nicht® von ihrem Geifte- und Seelenleben und hatte
längft aufgehört, danach zu forfchen. In dem Haften und Treiben
des Geſellſchaftslebens blieb fein Raum für die Erinnerung.
Das Einft mit feiner Fülle von Glüd, mit jener tiefen, reinen
Seligfeit, die nur bie echte Liebe giebt, war verfunfen, als hätte es
nie eriftirt. Sie Iebten neben einander her, ohne fich zu bafien,
ohne ſich zu Tieben, ohne fich mehr um einander zu kümmern, als
eben nöthig war, um die Welt zu täufchen.
Nun war es aber der ſchönen Baronin jeltfam ergangen.
Bor einigen Tagen bei einer Spazierfahrt im Prater war ihr
Bogen in jene einfame Allee eingebogen, in deren Nähe ſich damals
vor zwei Jahren die Tragödie ihres Jungen Lebens abgejpielt Hatte.
Sie Hatte den Ort feitbem fchon mehrmals wiebergejehen, aber
nicht —— nicht in dieſer Beleuchtung, nicht gerade zu Biefer Tages:
und Jal eit.
ute Ser alles wie damals — die fiptgrünen Bäume, das
Bogelgezwitfcher, die goldenen Streiflichter, Die an den Stämmen
niederglitten und vor dem zuge herhüpften, jogar das gelangweilte
Vebientengeficht auf dem Bode fehlte nicht. — Seitdem ließen ſich
die Geiſter nicht bannen.
Was fie fiegreich niedergefämpft zu haben meinte in biefen zwei
langen Jahren, das wachte wieder auf, die Erinnerung an ihr einftiges
Glüd, der Zorn über ihre verrathene Liebe, die Trauer um ihr ver-
fehltes Leben. Sie hatte fich in dieſen legten Jahren eingerebet,
daß fie vollfommen zufrieden ſei, daß dieſes glänzende Schmetter-
lingsdaſein ihr ‚penüge, daß. fie nichts mehr wünſche, nichts erfehne.
Sept auf einmal war die Täuſchung zerftoben.
„Was ift mein Leben?“ fragte fie fi. „Ein Nichts, eine ftete
Geſchäftigkeit ohne Zwed und Inhalt. Lohnt es ſich jo zu leben?
Ber würbe mic, vermiffen, wenn ich ftürbe? Schade, würde es in
der Geſellſchaft heihen, fie machte fo gute Figur in den Salons und
im Balljaale. Mein Vater ift todt, meine Brüder zu jung und
febenzftob, um lange zu trauern. Nach acht Tagen bächte fein
Menfc mehr an mich, mein Gatte am wenigſten. Xielleicht wäre
° ftoh, wenn ber Tod das ihm unbequeme Band vollends Löfte.“
letzte Gedanke verfolgte fie hartnädig.
Wenn fie des Nachts fchlaflos in ihren Kiffen Tag, grübelte fie
über und wenn eine lacjende, plaudernde Menfchenmenge fie um-
‘, dachte fie unmillfürlich: „So würde auch er weiter lachen und
udern, das Andenken an fein todtes Weib würde ihm nicht ein
ziges Mal die Freude ftören.“
Sie Hatte Mühe, fich ‚ihrem Gatten gegenüber zu beherrichen.
58 Auferflanden.
Kalt und zurüdhaltend war fie immer gewvefen, aber nie unfreundlid)
und gereizt wie jetzt. Wenn er fie verwundert anfah, wurde fie
roth und zürnte fich ſelbſt
Wa3 ging mit ihr vor?
Wohin war ihre ſchwer erfämpfte Ruhe. Sie war frank, gewiß,
nur förperliches Unwohlſein Eonnte dieſen Zuſtand feelifher Auf-
regung erklären. Wie wäre fie fonft dazu gelommen, fich den Kopf
zu zerbrechen um Dinge, die ihr doch fehr gleihgitig waren.
Ja, jehr gleichgiktig; fie wiederholte ſich das, als könne fie da-
durch die Thatſache noch uuumftößlicher machen.
Schließlich Tieß fie den Geheimrath Holen.
Er beftätigte ihre eigene Anficht, e8 waren die Nerven. Nur die Ner-
ven! So recht einleuchten wollte ihr das aber doch nicht, jo gern fie auch
an biefe ganz natürliche Erklärung ihres ſeltſamen Zuftandes geglaubt
hätte. Sie war vollfommen gejund gewefen, bis zu jener Spazier-
fahrt, das ftand feft.
Noch am Abende vorher Hatte Wally Vrandenfels zu ihr ges
jagt: „Wer doch Deine Nerven von Stahl hätte. Nichts ſchadei Dir.
Nach zwei durchtanzten Nächten bift Du noch frifch wie eine Roſel“
Und nun jollten diefe ftählernen Nerven jo urplöglich ſchwach
und frank geworben fein!
Ienes „merkwürdig‘, das Lijette fo in Staunen gefegt Hatte,
war das Endrefultat ihres Gebanfenganges gewefen.
ALS die Baronin in den Wagen ftieg, der am Treppenaufgange
ihrer wartete, entglitt die Schleppe des Kleides Lifettend Händen
und blieb an einem ber eifernen Hafen hängen, mittels beren der
Teppichläufer unter der legten Stufe befeitigt war.
Che das Mädchen fich bücken konnte, war das Unglüd ſchon
geiceber. Ein Rud, ein Knirjchen des Seidenftoffes — in ber foft-
ven Schleppe Elaffte ein breiter Riß.
Die Yaronin war fehr verdrießlich. Das Hatte noch eben ge
fehlt, ihre fchlechte Laune zu vervollitändigen. Jetzt nochmals andere
Toilette machen! Auf feinen Fall.
Es wäre auch faum Zeit dazu gemwejen. Sie fandte eine Ab-
fage an Wally Brandenfels und ging, von der erjchrodenen Liſette
— nad) ihrem Ankleidezimmer zurüd.
® —— am trotz alles Aergers ihre Herzensgüte doch wieder zum
it .
Sie nannte die Sache einen unglücklichen Zufall und ſprach das
weinende Mädchen von aller Schuld frei.
Lifette küßte dankbar ihre Hand. Ob e8 wohl auf der gan;
Erde — eine zweite, jo gütige Herrin gab, als die ihre!
Es dien ihr beinahe unmöglich.
Als Marietta dann in einem Schlafrod von weichem, lichtblau
Cachmir mit gelöftem Haar in ihrem traufichen Boudoir auf u
nieder ging, war ihr fo behaglich zu Muthe, daß fie ihren Yerr
darüber vergaß.
Auferkanden. 59
Solch einen ftillen, traulichen Abend daheim hatte fie lange nicht
gehabt. Wenn nur die unbequemen Gedanken nicht gewejen wären!
Aber e3 muß doch Mittel geben, fie zu verjcheuchen!
Sie Öffnete ihren Screibtiih und ſchloß ihn wieber.
Briefſchulden hatte fie in Menge, aber durchaus feine Luft, fie
‚u tilgen. J
* ollte fie muſiziren? Nein — fie war nicht in der Stimmung.
Oder Iefen — es war das legte Hilfsmittel und zugleich das,
welches ihr am meiften zufagte.
Sie ging nach dem Bihliothetzimmer, um ſich Lektüre zu holen.
Aber an der Schwelle befjelben blieb fie gögernb ftehen, am liebften
wäre fie jchleunigft, wieder verſchwunden. Dazu war es leider ſchon
zu ſpät. Ihr Gatie Hatte fie bereit gefehen und fam ihr entgegen.
„AH — Du“, fagte er überrafcht. „Ich meinte, Du wärſt ind
Theater gefahren? Kann ich Dir mit irgend etwas dienen?“ -
„Nein, nein, ich danke. Ich wollte mir ein Buch holen und
hatte feine Ahnung von Deinem Hierfein, ſonſt —“ .
„Sonſt wärft Du nicht gefommen“, vollendete er, „das bedarf
leiner beſonderen Verjicherung.”
Seine Augen hafteten dabei auf ihr mit einem Ausdrucke, der
ihre Verlegenheit nur erhöhte.
— habe Unglück gehabt“, ſagte fie erröthend, „ich zerriß mir
das Kleid beim Einjteigen, mußte umfehren, und da ic) glaubte, ganz
allein zu Haufe zu fein, und mein Kopf —“
Er war wieder jo ungalant, fie zu unterbrechen.
„Wozu alle diefe Entſchuldigungen“ ſagte er in einem Tone, ber
koersens Fin follte, aus dem aber boch eine Teife Bitterfeit herausklang.
an follte meinen, ich fei der erfte, befte Fremde und nicht Dein
Gatte, der doc wohl das Recht hat, feine eigene Frau einmal im
Morgenkleide bewundern zu dürfen. Oder geftehft Du mir auch
dieſes Recht nicht zu?“
„D gewiß — warum nicht?“
Dabei ftrich fie mit reizender Verſchämtheit Die ſchweren Wogen
ihres goldenen Haares aus Stirn zurüd und hatte feine Ahnung
davon, dafs fie in dieſer Stellung, mit den emporgehobenen Armen,
von denen die weiten Wermel beinahe bis zur Schulter zurüdfielen,
bezaubernder al3 je ausfah. .
Ihre holde Berwirrung gab ihr im feinen Augen einen neuen,
ungeahnten Reiz.
In diefen legten Jahren Hatte er fie immer nur fo süpt und
itficher gefannt, fie war immer fo ganz bie vornehme blajirte
me geween, die nichts aus ihrer formvollen Ruhe heraus bringt;
ıte zum erjten Male jah er in ihr wicber jenes fühe, holdſelige
ſchöpf, das einft fein flatterhaftes Herz gefangen genommen Hatte
t erften Blid. Sie war jegt noch jchöner als einft, weit
äner.
Er wußte das längſt, aber es war ihm gleichgiltig geweſen; das
Auferflanden.
näschen der hübſchen Fifi und ihre ſchwarzen Schelmenaugen
ihm weit anziehender als die ftolze, jeelenlofe, ftatuenhafte
it feiner-vielbewunderten Frau. Heut jah er die Statue belebt;
fin war von ihren Piedeftale herabgeftiegen und hatte ſich
vunderholdes Weib verwandelt.
ırietta ging zu einem der Bücherſchränke. Er folgte ihr und
Bewegungen ihrer jchlanfen Hände zu, die bald den einen,
\ rg and aufnahmen, offenbar, ohne finden zu können,
uchten.
rGeſicht war ihm halb abgewandt; er ſah nur ein roſiges
d bie reizende Profillinie der Wange und des Kinnes.
ie jung ſie ausjah mit dem gelöften Haar, das ihr wie ein
ntel weit über die Hüften herabhing, genau jo jung und
wie in jener glüdlichen Zeit, an die er jo lange nicht mehr
hatte, und die nun auf einmal wieder vor ihm aufftieg mit
anzen beftridenden Zauber. Er verjchränfte die Arme feit
r Brut, um nicht der Verfuchung zu erliegen, feine Hand
je duftende Porn gleiten zu laſſen.
nnte er doch jehr genau ben eiskalten Blick der Zurückweifung,
ı fie ihn für folche Kühnheit geftraft Haben würde.
in, er wollte den Kampf nicht erneuern; er wollte fich nicht
ue jenen Beleidigungen ausfegen, die ihn in ber erjten Zeit
ihe oft dem —A nahe gebracht hatten, ſeinem elenden
ech einen Piſtolenſchuß ein Ende zu machen.
in Geſicht verfinfterte fich und feine Lippen preßten fich feſt
ınder, aber er konnte nicht hindern, bob fein Herz ſtürmiſch
nd daß feine Augen wie gebannt an der lieblichen Geftalt hingen.
arietta hatte das Suchen aufgegeben und aus der Menge ber
das erfte, beſte herausgegriffen, um nur fortzufommen. Der
brannte ihr unter den Füßen.
it einem flüchtigen „Entjchuldige die Störung“ wollte fie an
datten vorüber.
hielt fie nicht zurüd, aber er fagte ſpöttiſch: „Warum dieſe
Sile? Iſt meine Gegenwart Dir gar jo furchtbar? Du
doch wohl, ehe Du mich faheft, die Abficht hier zu bleiben?“
ein, nein!“
zudte die Achſeln.
erzeib', wenn ich dennoch auf meiner Meinung beharre. Ich
ih nun einmal des unangenehmen Gefühls nicht enthalten,
e3 bin, der Dich vertreibt."
ber, wenn ich Dir verfichere!“
Tächelte.
erſichere mir lieber nichts, ſondern bleibe, das wird das beit
fein, mic) vom Gegentheil zu überzeugen.“
wies auf einen Seſſel.
darum follteft Du Dich nicht hier ganz bequem Deiner Lektür
en können, während ich dort drüben meinen Brief vollende?
Auferftanden, 61
„Es wird doch ftören!“
„Richt im mindeften!“
Was blieb ihr übrig, als nachzugeben. Refignirt ließ fie fig
in den Seffel finfen und ſchlug ihr Buch auf, in dem fie währen!
der nächſten zehn Minuten fee zu lejen ſchien.
In Wirklichkeit verftand fie fein Wort von dem, was fie las,
ja fie ſah überhaupt faum, was die Blätter, die fie Haftig umwandte,
enthielten. Die Buchitaben hüpften und tanzten vor ihr, als feien
fie (ebenbig geworden.
Dem Baron ging es nicht beffer. Er Hatte den Brief an feinen
Güterdireftor ſchon zweimal neu begonnen, als auch der britte Ver—
ſuch ſich als unbrauchbar erwies, jchob er. die Mappe von ſich.
Es geht — erflärte er, „ich habe Heute ſchon — da —
fünf Briefe gefchrieben, diefer ‚ee überfteigt meine Kräfte. Imgrunde
iſt er ———— Es wird das Beſte ſein, daß ich morgen für
ein paar Tage 3 Dietmannsdorf en um den Schaden feldft in
"mt in zu nehmen.“
a, "ba zn wieder die egoiftifche Weltdame, die eine Störung
ihres eigenen Behagens fürchtete.
Er war vollfommen ernüchtert.
„Sei ganz unbeforgt*, fagte er mit herbem Spott, „ruinirt bin
ich nicht, As Einfchränkungen werben auch nicht nöthig jein. Nichts
wird Dich hindern, in Deinem gewohnten Stile weiterzuleben.“
‚Marietta erröthete.
Be niebrig er von ihr dachte!
t deßhalb Fengte ich“, fagte fie, „ich wünfchte nur zu wiffen,
ob u Ad brauchit?“
„Allerdings! Ich Habe bereits deßhalb an meinen Bankier ge-
fohrieben.“
Vielleicht — Marietta ftodte verlegen und fuhr dann haftig
— „vielleicht geftattejt Du mir, Dir die gewünfchte Summe
uf. Di Der er Suftigeatb — mir heute, daß er einen Theil
— 60,000 Gulden — anderweitig zu placixen
ige, Bu Du —— mir einen großen Gefallen thun, wenn Du
Ib benügen mwollteft!”
Er Tefnte ehr liebenswürdig aber auch fehr entſchieden ab, ob⸗
ch ſie ſich ſogar herbeiließ, ihn zu bitten.
2 Auferftanden. |
„Ich weiß ja, daß mein Vermögen nicht für Dich eriftirt“ fagte
fie zaghaft, „aber ich follte doch meinen, Daß Du in diefem bejon-
deren alle eine Ausnahme machen könnteſt.“
„Es giebt feinen bejonderen Fall, ber mich veranlafjen könnte,
Dein Vermögen anzutajten.“
Seine ri weckte ihren Trotz.
„Dann wirft Du wenigſtens geftatten müſſen, daß ich meinem
Stolz dem Deinen entgegenfegen, fagte fie und ihre Augen bligten
ihn zornig an.
„Du haft nie zugeben wollen, daß ich zu unferem koſtſpieligen
Haushalte das meine beitrage. Won jet an werde ich e8 dennoch thun.“
„Das wirft Du nicht. Als mein Weib lebſt Du in meinem
Haufe, nicht ich in dem Deinen.“
Er Hatte das fehr höflich gejagt, aber doch jo ernft und enereifl,
daß fie nicht auf ihren Willen zu beharren wagte. Das rebellifche
Blut ftieg ihr wieder ins Gefiht und um ihre Mundwinfel zudte
die verhaltene Aufregung.
Und da, ihr gegenüber faß er, und beobachtete fie ſcharf; fie wußte
— genau, obwohl fie die Augen beharrlich auf ihr Buch ge
ielt.
u fein — das war zu viel.
Sie wollte ihm wenigſtens nicht länger die Genugthuung laſſen,
ſich an ihrem Aerger zu Auen.
Entſchloſſen ſiand fie auf.
„Du willft Pr fort?“ fragte er, gleichfalls aufftehend.
Ich habe Liſette befohlen, den Thee in meinem Boudoir zu
jerviren.“
h „Und wenn ic Dich bäte, mich zu Gafte zu laden?“
Sie verbeugte ich leicht und zuftimmend, aber fie war innerlich
empört. Warum ging er nicht?
Was fiel ihm eigentlich ein?
„Es ift beinahe halb neun“, fagte fie, während er feine Briefe
ufammenräumte. „Wenn ich mich nicht irre, fagteft Du mir heute
achmittag, daß Du eine Verabredung hätteft für diefe Stunde?“
Diesmal lachte er hell auf.
„Sch jehe ſchon, daß Du mich los werben willft“, fagte er be
Kuftigt, „aber Heute follen Dir alle Deine Kriegsliften nichts nützen.
Ih bin feft entjchloffen ® bleiben und mid in Deiner Tiebens-
mürbigen Nähe von den Unannehmlicjkeiten des heutigen Tages zu
erholen.“
Damit bot er ihr den Arm und jeßte durch feine Anmwejenhe
im Boudoir der gnädigen Frau Lifette fo in Staunen, dap |
beinahe die zweite Ungejchidlichteit des heutigen Abends begangı
ätte, indem fie das Theejervice, das fie auf das Klingeln ihrer
ieterin hereinbrachte, zu Boden warf.
Etwas derartiges war während ihrer zweijährigen Dienftze
hier im Haufe noch nicht dagewejen.
Auferfanden. 63
Die Gnädige mit einem Spigenhäubchen auf dem loſe aufge
ftedten Haar, und da neben ihr ber Herr Baron, behaglich in feinen
Seffel zurüdgelehnt, ſehr geiprächig, ſehr liebenswürdig und fo un-
jezwungen, ala fei es bie alferjelbitverjtändlichite Sache von der
Kat, dab er bier feinen Thee nahm und fi) von feiner jchönen
Frau bedienen lieh.
Marietta ging auf den leichten Plauderton ein, ohne doch ihre
Befangenheit ganz überwinden zu können.
Sie inte auf das lebhafteſte, daß er gehen möge, obwohl
fie zugeftehen mußte, daß er ein vorzüglicher Unterhalter war, und
daß er ihr auch nicht die leifefte Urjache gab, ihr Zugeftändniß zu
bereuen.
Aber ihre innere Unruhe ftieg, je mehr der Abend vorrüdte;
fie fühlte fih aus der Bahn herausgedrängt, bie fie während diejer
legten Jahre ftreng innegehalten hatte und je länger fie Das duldete,
je fhwerer war dann das Einfenten. -
Wie follten fie ben falt-fremden Ton ihres gewöhnlichen Ver—
lehrs wieberfinden, nachdem fie während eines ganzen Abends mit
einander geplaubert hatten wie zwei gute Freunde?
—ã — neue ee en ih ß ten»
uni war unmöglich zwiji ihnen; fie wußten das
beide. — Ein heißer Groll jtieg in ihr auf, gegen den Mann, der
ihr Leben vernichtet hatte und der jegt dort, ihr gegenüber jaß und
fi) die Miene gab, als habe nie irgend etwas ihr gutes Einver-
nehmen gejtört. Warum blieb er noch immer?
Liſeite hatte den Theetifch längſt abgeräumt, der Vorwand feiner
Anwejenheit war ihm damit genommen. Sie wurde ſchweigſam und
ſah nicht mehr auf von der Arbeit, die fie in ben gärten hielt.
Das war num freilich deutlich genug. Er erhob fi.
„Berzeih! meine Unbefseibenbeit fagte er, „e& war fo traulich
bei Dir hier. Ich danke Dir für den reizenden Abend.“
Er war ſchon im Gehen, als fein Blick auf den Flügel fiel, der
m einen Ste ee — it meh ſ y f
"Wie lange habe is i on nicht mehr fingen hören“ ſagte
er. „Mache Deine Güte Al hr ®
„Richt Heute.“
heute. Thue ed, Marietta! Ich verſpreche Dir feierlichit,
nicht fo bald wieder Deine Geduld zu mißbrauchen. Gewähre mir
diefe legte Gunft. Willft Du?“
Er Hatte fie ſchon zum Flügel geführt.
Sie wiberjtrebte nicht länger.
IHre Hände glitten prälubirend über die Taften und dann fang
den Wanderer von Schumann. .
Sie hatte einen weichen, wundervollen Alt von herzergreifendem
ange, aber ſelbſt ihr Talent hatte in dieſen letzten Jahren unter
m Zwange geftanden, unter dem fie ihr ganzes Selbſt hielt. Nur
ten, auf dringende Bitten ihrer Gäfte oder Gaftgeber Hatte fie
indig. Singe mir ein Lieb.“
64 Auſer ſtanden.
gefungen und dann erfuhr die Welt chen nur, daß fie eine ſchöne,
wohlgejchulte Stimme bejaß, nicht mehr. Sie gab auch Hier nur
die äußere Zorm und gönnte niemandem einen Einblid in ihre tiefe
verfchleierte Seele. Heute nun lag es auf ihr wie ein Zauber.
Sie war unfähig, ſich u Sehereigjen wie font.
Mit der Kraft der Naturgewalt brach ihre leidenfchaftliche
Seele fi Bahn; es war die Klage um ihr eigenes verlorenes Leben,
die in lebenden, rührenden, hinreißenden Lauten von ihren Lippen
floß. Was fie. fo lange verborgen Hatte vor der Welt, vor ihm,
vor fd ſelbſt, das verrieth fie nur unbemwußt, einer Gewalt erliegend, "
gegen die fie Feine Waffen mehr hatte.
Das Lied war zu Ende, mit bebenden Händen ftrich fie ſich
über Stirn und Augen, umfonjt nach Faſſung ringend.
Sie ftand auf; taftete aber unficher nach einem Halt; vor ihren
Augen lag es wie ein Nebel und der Boden fchwanfte unter ihr
wie ein wogendes Meer.
Ihr Gatte wollte ihr zu Hilfe kommen; ſie wies ihn rauh
de.
„Nein — laß mich — gehe jegt — ich will allein fein!“
Er gehorchte nicht.
„Sende mich nicht fort, Marietta‘, bat er in jenem bebenden
Tone höchſter Leidenfchaft, mit dem er einft ihre Liebe geftohlen
hatte, um fie dann zu verrathen.
Bitterfter Haß ſprühte ihm aus ihren ſchönen Augen entgegen.
„Was willit Du noch“, jtieß fie, faum ihrer Stimme mädtig,
hervor, „Dich über Dein Werk freuen! Das fieht Dir ähnlich!
ift Deiner würdig!” J
Er achtete nicht auf ihre Beleidigungen.
„So umgtictich bift Du geweſen alle dieſe Beit“, fagte er er⸗
ſchüttert, „und ich hielt Dich für alt und unempfindlich.”
„Ja, unglüdlich“, wiederholte fie, „elend, o über alle Mafen
elendi Wie wäre es auch anders möglich?! Kann der Bagnogefangene
lütlich fein, der mit dem verhaßten Genoſſen an die gleiche ent-
Folie ette gefchmiedet ift? Gieb mich frei! Ich Halte Diejes
Leben nicht länger aus! Ich will es nicht länger ertragen!“
„Weil Du mic) fo fehr verabfcheuft?”
„Sa, weil i ich, verabfchene!“
„Und weil Du einen andern liebjt — den Prinzen?“
Er athmete fehwer; um feine Lippen zudte es wie ein innerer
„Wen? Was meinft Du?“
Sie jah ihn verftändniglos an.
AAh Niki“, fagte fie dann. „Niki Wendenftein? Nein, ich liebe
im nicht — nicht ihn — keinen — fie find mir gleichgiltig! Alles
iſt mir gleichgiltig die ganze Welt und mein eigenes Leben! Ich
wollte, es wäre tobt!“
Sie ſprach dumpf und tonlos; in ihrer ganzen Haltung lag
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I
Anferftanden. 65
eine tiefe Verzweiflung, die ihm das Herz zerriß und ihn haltlos zu
ihren Füßen niederwarf.
„Marietta” jtammelte er, „giebt es fein Mittel, Dich mir zurüd-
Jugeminnen? Ich verdiene Deine Gnade nicht, aber, ich flehe Dich
jennoch an, geh’ nicht von mir, ich fann Dich nicht entbehren, Du
bijt mir nöthig, wie die Luft, die ich athme!“
Mit einem falten, unnatürlichen Lächeln auf den Lippen trat fie
von ihm zurüd,
„Zeit wann weißt Du das?“ fragte fie herb.
Er war aufgefprungen und ftand dicht neben ihr.
„Zeit heute“, fagte er, ſich mühjam beherrfchend, „feit dieſer
Stunde! Ich verdiene Deine Gnade nicht, Marietta, ich bin ein
Unmwürdiger, aber wenn die tiefite, bitterjte Neue Anſpruch auf Gnade
giebt, jo darf ich auf die Deine hoffen. Höre mich wenigjtens an!
Wan geitattet ja dem zum Tode verdammten Verbrecher fich zu ver-
theidigen. Und ich — bei meiner Ehre, Marietta — ic) war leicht»
finnig damals, aber doch nicht der Verbrecher, den Du in mir ſaheſt.“
Früher — im Beginn ihrer troftlofen Ehe — Hatte fie jeden
Verſuch einer Vertheidigung im Keime zu erſticken gewußt, heute
fand fie den falt verächtlihen Ton nicht, dem e3 immer gelungen
war, ihn in die ern zu treiben; ihr ganzes Wejen war aus feinen
digen und die hellauflodernde Empörung riß fie fort gegen ihren
illen.
„Kein Verbrechen?“ rief fie ganz außer fi. „Wie? Iſt es
fein Verbrechen, wenn man einem Menfchen das Vertrauen auf die
heilige Stimme der Natur aus der Seele reiht, wenn man ihn vor
fich jelbft entwürdigt, wenn man hi den Olauben nimmt an alles
ohe, Schöne und Gute? Du haft mid) zu dem gemad)t, was ic)
in, Du Haft mir alles genommen, meine Liebe, mein Glück, meine
Jugend, und jest kommſt Du und jagft: Vergiß, fei wieder mein!
Durch ein paar Liebesworte glaubjt Du mich bejchwichtigen zu kön⸗
nen! — Natürlich, ich bin ja ein ſchwaches Weib, das einſt tHöricht
gu war, Dich zu lieben! Aber das ift vorüber für alle Ewigfeit.
ie ich Dich einft geliebt Habe, fo Haffe ich Dich jest! Spare Deine
heuchlerifchen Betheuerungen! Ich fonnte mich) nicht täujchen Lafjen,
jegt ift mir die Binde von den Augen geriijen, ich jehe Dich, wie
Du bift Weiß ich etwa nicht, daß Du folche Worte und Blide auf
ein gegebenes Stichwort immer bei der Hand haft, daß Du fie heute
diefer, morgen jener ſagſt — Phraſe, Ton, Blid, alles dafjelbe, nur
die Adreffe eine andere! — Verjuche an anderen Deine Eroberungs-
t ifte, bei mir verfangen fie nicht mehr. Ich Habe nur den einen
: mid, mein Leben zu löſen von Dem Deinen und wenn nod) ein
afe von Ehre in dir lebt, jo wirft Du mir diefen Wunſch er=
en!“
Sie wollte hinauseilen; er vertrat ihr den Weg.
„Du bleibft*, herrſchte er ihr zu, und es war mehr noch in
| em Blicke als in feinen Worten eine zwingende Gewalt, der fie
der Salon 1889. Heft I. Band 1. 5
66 Auferflanden.
wider Willen gehorchte. „Du ſollſt und mußt mich hören“, fuhr er
fort, „ich fordere e8 al3 Dein Gatte und Du wirft mir gehorchen,
ob Du nun willft oder nicht!“
Er Defratete fie mit einem Ausdrud in feinen Zügen, ber jelt-
ſam aus Groll und Liebe gemifcht war.
„Wie zart und zerbrechlich Du da vor mir ftehft", fagte er
finfter, „mit einem Drude meiner Hand könnte ih Di ten und
ennod) habe ich nicht bie leiſeſte Gewalt über die fe, die in
diefer Eindlichen Geftalt wohnt. Haft Du uns nod) nicht elend genug
jemacht mit Deinem unverföhnlichen Stolze? Was hätte unfer Leben
fein fönnen in diejen legten zwei Jahren und was war es?“
& „Für Did) doch wohl amifant genug“, fagte fie mit herbem
poti
„So — meinſt Du das? Ich dachte es ſelbſt manchmal. Jetzt
weiß ich es beſſer — Was ſoll Hr thun“, rief er in ausbre
Verzweiflung, „wie foll ich Di überzeugen, daß ich nie ein anderes
Weib geliebt habe ala Dich allein, dak Dir immer mein Herz ge-
hörte, Iamals — ala — Doch das ift's, wovon ich mit Dir ſprechen
muß, wennfchon ich kaum hoffen darf, daß e3 mir gelingen wird,
duch das wenige, was ich zu meiner Vertheibigung zu jagen weil
Deinen unbändigen Stolz zu befiegen?! Ich war einer der flotteften
Gardeoffiziere, als i & kennen lernte, ein mauvais sujet Der
ſchlimmſten Sorte. Meine Liebesaffaiven zählten nach Dugenden —
Strohfener, die eben fo fehnell auffladerten, als fie dann in vg
qufammenfanten. Jene war zufällig die legte in der Reihe. Ich
ch mit ihr und dachte kaum 108 an ihre Eriftenz, als ein au
fall mich im Prater mit ihr zufammenführte. Sie fpottete über Den
jeliben Bräutigam, den keuſchen Soferh — doch nicht? von dem
odenlofen Leichtfinn, der mic, mein Lebensglüd gefoftet hat, ich will
ai t einmal verfuchen ihn zu entjchuldigen — Du weißt das
ebrige!“
„a jelbft den Umſtand, daß dieſe Paſſion "s nicht ala ein
Strohfeuer erwieſen hat. Damals famft Du von ihr zu mir und
dann — mit meinen Küffen auf den Lippen fehrteft Du zu ber
Dirne zurüd! — Werde ich je das Brandmal der Schande nergeffen
können, mit dem Deine Lieblofungen mich befledt Haben? Pfui ül
Di, daß Du e3 tun fonnteft, pfui über Dich, daß Du es wagſt,
von Deiner Geliebten zu mir, ber tiefbeleidigten Gattin zu fommen
und um meine Liebe zu werben!! Gieb es auf und achte einen Stolz,
ber e3 nicht über fich gewinnt, mit einer Dirne rivaliſiren zu wollen.”
Er war jehr blaß geworden und jah finfter vor fich nieder.
„Du Haft recht“, fagte er. „Ich bin Deiner unwürdig; nur e
Weib mit einer großen, allgewaltigen Liebe im Herzen könnte ihrı
Gatten das verzeihen, was ich Dir angethan habe. Und Du liel
mich nicht, Du verabfcheuft mich, Du fehnft den Tag herbei, der D.
don ne befreit! Ich Habe nichts anderes verdient und denno:
enmoch ...
Auferftanden. 67
Er riß mit leidenfchaftlicher Gewalt ihre Hände an fi; er
preßte fie an feine Lippen, am fein Herz, umd fie ließ es willenlos,
wie betäubt, gefchehen; ihre körperliche Kraft war gebrochen, nicht
aber bie ihrer ftolzen Seele. ö
Alles Leben ſchien ſich aus dem entfärbten Antlig in die Augen
geflüchtet zu haben, unb was er in biejen Augen las, das veranlaßte
ihn mit emem tiefen Seufzer der Entmuthigung ihre Hände aus
den feinen zu laſſen.
„Es M umfonft“, fagte er, indem er mit einer verzweifelten
Geberbe die geballte Hand vor die Stirn preßte. „Ohne Vertrauen
feine Liebe! Und Du glaubft mir nicht, Du hältſt mich für einen
Lügnet, einen Komödianten! Dan fagt, daß die Wahrheit ihre un«
trügliche Stimme hat, aber Dein Ohr ift verſchloſſen, Du willit fie
nicht hören. Warum Haft Du mich gewedt, warum überließeft Du
mich nicht dem Leben, in das Du mich hineingeftoßen haft? Ja Du,
— Du Marietta! Täufche Dich nicht darüber, Du bijt meine Mit
ſchuldige! Erinnere Dich, wie Du mich) von Dir wiejeft mit eifiger
Verachtung, wie Du den fünftlihen Wall zwifchen ung immer Höher
eufthäiemteit bis ich Deine vergötterte Schalt nicht mehr fah! Sa,
id) leugne nichts, u bin zu jener anderen zurüdgegangen, deren
Inftiges inhaftlofes Geplauder wie Champagnerraufch auf mich wirkte
mb die mir nie etwas anderes geweſen ift als ein amiljantes Spiel-
zeug. Es war eine That der Verzweiflung und des bitterften Tropes!
Du follteft nicht ahnen, was ic) litt, Du follteft nichts wiſſen von
der troftlofen Leere, Die Dein Verluft in meinem Leben zurücges
laſſen hatte. Und wie Dich, fo wollte ich auch mich felbft belügen,
darım betäubte ich mich im Strubel eines wilden Lebens, darum
gab ih mir feine Zeit, zur Befinnung zu kommen. Ich meinte, daß
& mir gelungen jet, die Leidenſchaft ie Did mit allen ihren Wur-
zeln aus meinem Herzen zu reißen und ich frohlodte darüber. S
tedete mir ein, daß Du ber Reue nicht werth jeieft, die ich um Di
gelitten hatte, ich nannte Dich ein herzlojes, oberflächliches Gefchöpf,
ich begrub meine Liebe unter einem Wuft von Täufchungen, Groll
und Verbitterung, tief, jo tief, daß ich meinte, fie fei erftorben.
Jetzt ift das Blendwerk vernichtet, und jegt ſoll ich Dich aufs neue
verlieren? — Nein, nein, e3 ift unmöglih! — Marietta, mein
Kleinod, mein heißgeliebtes Weib, fomm zu mir, verlaß mich nicht,
ih fann nicht leben ohne Dich!“
Sie wehrte feine Arme ab, die fie umfchlingen wollten.
„Es ift zu ſpät“, ſagte fie tonlos. „Ich würde Dich elend
zen und felbft elend fein! Wie ein Gejpenjt würde mein Miß—
en zwifchen mir und Dir ftehen. Laß mich, laß mich, ich kann
t mehr, meine Kraft ift erichöpft!“
Sie ging, aber an der Thür blieb fie ftehen — lauſchend, an
ı Sliedern bebend, und dann war fie im Nu wieder neben ihrem
ten, der wie gebrochen in einem Seſſel lag. Sein Kopf war
‚ebeugt, das Geſicht in den Händen verborgen.
br
68 Auferflanden.
„Stephan“, fagte fie leiſe und mit umficherer Stimme.
Er ſah zu ihr auf; in feinen ftolzen Augen jtanden Thränen,
die erften, die er jeit feiner Kindheit geweint hatte.
„Was willſt Du noch?“ fragte er zornig. „Haft Du mid) nun
genug N Biſt Du nun zufrieden? Geh, ich will Dein
itleid nicht!“
Sie fand feine Worte; nur ihre Augen fprachen, diefe ſchönen,
beredten Augen, die ihn jo oft ſtolz und verächtlich fortgewiefen
hatten und in denen jegt eine Welt von Liebe lag.
Noch wagte er nicht anf ein Glück zu glauben. Fragend, athem-
los ſah er in ihr holdes, erglühendes Geficht, dann plöglich fprang
er mit einem halberftidten Jubellaute au und zog fie ſtürmiſch an
feine Bruft.
„Mein Weib, mein Weib!“ ,
In den nächſten Tagen ſprach man in Wien viel von den Ver—
Iuften des Grafen Bensberg, bie ihn gezwungen hätten, alle fojt-
jpieligen Sommerpläne aufzugeben und fa mit feiner fchönen Frau
auf feine Güter zurüdzuziehen.
„Wie werden die Beiden ia} Iangweilen“, fagte Wally Branden-
fels bedauernd, „hier haben fie ſich nicht geliebt, dort werden fie es
binnen fürzefter Beit dahin bringen, fich zu hafjen. Ich prophezeie,
daß fie es nicht zwei Wochen aushalten.“
Es verging aber Woche auf Woche, Monat auf Monat, ohne
daß die Bensbergs in Wien oder in einem der großen Weltbä
auftauchten, dägegen erfuhr man, daß der Baron feinen Abjchied ge-
nommen habe, um fortan feine Güter felbft zu bewirthſchaften.
„Sch muß diefer armen Marietta einen Bejuch machen“, fagte
Wally Brandenfels im September, als fie aus Trouville heimfehrte,
„fie wird meinen Troft brauchen.“
Nach drei Tagen war fie wieder ba.
„Es ift unglaublich“, jagte fie ihrem Bruder.
"Was?"
„Sie find glücklich, ganz lächerlich glücklich!“
„Nicht möglich!“
„Es iſt aber jo. — Am erſten Tage hat es mich gerührt, denn
die Beiden find wirttic) ideale Menfchen, am zweiten habe ich ge—
gähnt und am dritten bin ich davongelaufen. Da haft Du das Re—
ſultat meiner Reife!”
Ian 2132754. a Se
ne neue Trauerkunde durchfliegt Deutſchlands Gaue:
Pr Storm, der gelejenften, der beliebteften, der
beiten Dichter der Neuzeit einer ift am 4. Juli nach-
mittags 5 Uhr zu Hademarfchen verfchieden. Wie er
vor noch nicht 10 Monaten feinen 70. Geburtätag feierte,
ein Tag, ber da zeigte, wie fehr von nah und fern
aller Herzen ihm entgegenjchlugen in Liebe und Verehrung; wie er
damals, freilic ein gealterter Mann, fich großer förperlicher und
geliger Nüftigkeit erfreute: wer hätte es da ahnen können, daß fein
de ihm fo nahe bevorftand? Und dennoch ift ihm der Tod ein
Bote des Friedens geweien, denn er rief ihn ab aus einem Leben,
da3 fortan nur eine Keite endlojer Leiden ohne Hoffnung auf Ge-
nefung gewejen wäre, war er doch an einem unheilbaren Leiden,
dem Sragentrebs, erkrankt. So müffen denn feine Angehörigen,
feine Freunde und Verehrer ſich defjen getröften, daß ein gütiges
Geſchick ihn abrief, bevor er den Kelch des Leidens bis auf den
Grund geleert Hatte.
Theodor Woldjen Storm ift am 14. September 1817 im
ſchleswigſchen Landſtädtchen Hufum als Sohn eines Advolaten ge-
boren. Hujum ift eine kleine Stadt in der Mari dem Meere
nahe und in reizlofer Gegend belegen. Aber dem Dichter war fie
ans Herz gewachfen, wie dem Schweizer feine Berge. Seine Novellen
verherrlichen Stadt und Umgebung und ſchildern zum Theil Men-
fen, wie er fie dort —* Stets war das den de3 Heimat-
fernen voll Sehnfucht nach „der grauen Stadt am Meer“, und fein
‚te Glück war immer, dorthin zurüdzufehren. So lieh er fich
ı schließlich an dem Beamtenpoften in feiner Heimat genügen
verihmähte es, feine Fa nad) lohnenderen und einträglicheren
ten auszuſtrecken, die ficher ihm fo gut als manchem anderen zur
Tügung ftanden. Auf der gelehrten Schule feines Heimatftädt-
3 erwarb Theodor feine erften Kenntniffe. Won da fam er auf
Brmnafinm zu Lübel. Dem Wunſche feiner Eltern und feiner
70 Theodor Storm.
eigenen Neigung gemäß, beſchloß er, die Rechte zu ftudiren und be
30g zu dem Zwede die Univerfität zu Kiel. Hier traf er mit cinem
leichalterigen Kommilitonen Theodor Mommſen, dem Sohn eines
Baftors aus dem Hufum benachbarten Garding zufammen, dem jehi-
en berühmten Geſchichtsſchreiber und Verfaffer der „Römifchen Ge—
Wancd Mit ihm und feinem zwei Jahre jüngeren Bruder Tycho
Mommfen ſchloß Theodor Storm bald das Band innigfter Freund
ſchaft. Neben ihren Fachſtudien fuchten die Freunde den Umgang
der Mufen und gaben gemeinfam das „Liederbud dreier Freunde”
heraus. Nach Beendigung feiner Studien ließ ſich Storm als Ad-
vofat in feiner Vaterſiadt nieder, wohin ihm einige Jahre darauf
fein eeunb Tycho Mommfen als Gymnafiallehrer folgte.
Nun kam das Jahr der Stürme, 1848, und mit ihm die Er-
hebung Schleswig-Holfteind gegen Dänemark, Einem klarblickenden
Nechtökundigen, wie Theodor Storm, dem dazu noch die Begeifte
rung eines jungen Poeten ben Zuſen ſchwellte konnte es nicht un
befannt fein, auf welcher Seite das Recht war und auf welcher
Seite er im SKampfe zu ftchen habe. So -focht er in Wort und
Schrift für die nationale Sache der Schleswig-Holfteiner, feſt über
zeugt, daß das erwachte Deutſchland feine Norbmark zu (ie
wiflen werde. Um fo jchmerzlicher traf der Schlag, da Preu
ſich von der fchleswig-holfteinhen Sache zurüdzog, fein jugendlich
warmes Herz. Daß fein und feiner Freunde Schidfal die Verban-
nung fein werde, das wußte er. Aber cr war nicht der Mann, der
voreilig die Flinte ins Korn warf. Seine Natur war nicht darnach
angethan, durch Freiwilliges Meiden der Heimat jeglicher Gefahr aus
dem Bege zu gehen. Dazu war auch wohl fein Heimatsgefühl zu
ftarf, und er hatte ſchon damals für feine Familie zu forgen.
ſelbſt in biefer ſchweren Zeit, der „Blütezeit der Schufte*, der „Reit
von Salz und Brod“, wie er fie nennt, im Herbſt 1850, da bie
Sache Schleswig⸗Holſteins endgiltig als eine verlorene betrachtet
werden fonnte, da allenthalben die Reaktion die Srrungenfihoften
des Jahres 1848 in Frage zu ftellen oder wenigſtens auf ein Mini-
mum herabzudrüden fuchte, verzagte Theodor Storm nicht.
Ih zage night, es muß fih wenden,
Un heiter wirb bie Welt entfteh'n,
€8 Tann der echte Reim bes Lebens
Nicht ohne Frucht verloren geh'n.
Der Klang von Frühlingsungewittern,
Bon dem wir ſchauernd find erwacht,
Bon dem nod alle Wipfel raufchen,
Er tommt noch einmal iiber Nacht!
Und durch ben ganzen Himmel vollen
Bird diefer Iegte Donnerfätag;
Dann wird es wirklich Frühling werben
Und hoher, heller, golbner Tag.
So fang er in diefen Tagen, und wie er an der Zukunft m
verzweifelte, jo hoffte er auch für fein engeres Vaterland,
!
’
!
Theodor Storm. 71
Schleswig-Holftein. Im Geifte ſah er den Tag, da daffelbe denn:
vom däniſchen Joch befreit werben und in Deutfchland eingehen um!
mit Deutſchland vereinigt werden mußte:
Kommen wird daß frifche Werbe
Das aud) bei und Die Nacht befiegt,
Der Tag, wo biefe deutſche Erbe
Im Sing des grofen Reiches liegt.
Die Hoffnung auf das Wiedererftehen bes alten deutfchen Reiches
—* getröſtet in den ſchweren Tagen, die nun für ihn und ſeine
teunde hereinbrachen, und ſein Blidk war klar genug, zu erkennen,
dab ein neues deutſches Reich nur mit Preußen an der Spitze er-
ftehen könne, und daß die jchleswig-holfteinifche Frage mit der deut-
fen innig zufammenhänge.
Seit 1852 benugten die Dänen ihre Macht in Schleswig einzii
und allein zur Unterdrüdung des Deutſchthunis und fäeten —
neue Erbitterung, anſtatt die jenſätze zu verſöhnen. Wer ſich in
den vorhergegangenen Jahren als deutfcher Patriot hervorgethan u
mochte fich nun vor ihrer Rache hüten. Auch Theodor Storm ſtand
auf ihrer fchwarzen Lifte. Im Jahre 1852 ward er feines Poftens
enthoben. hatte es vorausſehen fönnen und vorausgejehen, aber
der Schlag traf ihn Hart, denn er zwang den Dichter, fein geliebtes
Hufum zu verlafjen. Im Jahre 1853 fiedelte er nach Potsdam
über, wo er eine Anftellung als Afjeffor befam. Was fein Herz
bewegte, als er von ber theuren Heimat fehied, fpricht er in einem
Gedicht aus, das wir im Auszuge wiederzugeben uns nicht verſagen
tönnen. Es lautet folgendermaßen:
Ich aber kann bes Landes nicht, bes eignen,
In Echmerz verkummmte Klage mifverfteh'n;
Ich kann die ſtillen Gräber nicht verleugnen,
Bie tief fie jept in Unkraut aud) vergeh'n.
Es firömt bie Luft; die Knaben ſteh'n und lauſchen;
Bom Strand herüber dringt ein Möwenfchrei:
Das ift die Flut, das ift des Meeres Rauſchen,
Ihr lennt e8 wohl, wir waren oft babeil
Bon meinem Arm in biefer legten Stunde
Blidt noch einmal ins weite Land hinaus
Und merkt es wohl: Es fleht auf biefem Grunde,
Bo wir aud weilen, unfer Baterhaue.
Bir ſcheiden jet, bis biefer Zeit Befhwerbe
Ein anbrer Tag, ein befierer, gefühnt,
Denn Raum ift auf ber heimatlichen Erbe
Zür Fremde nur und was den Fremden bient.
Doch iſt's das flehenbfte von ben Gebeten,
Ihr mögt bereinfl, wenn mir e8 nicht vergönnt,
Mit feftem Fuß auf biefe Scholle treten,
Bon ber ſich jegt mein heiße Auge trennt.
Unb bu mein Kinb, mein jüngfles, beffen Wiege
Auch noch auf biefem theuren Boden fland,
Hör’ mich, denn alles andere ift Lüge:
Kein Mann gebeihet ohne Vaterland!
72 Theodor Storm.
So riß er fich los mit bfutendem Herzen, doch aber ſich deffen
getröftend, daß er, oder wenn nicht er, jo doch feine Kinder dereinft
qurlfehren wirden in das befreite Vaterland. Aber wie ſehr auch
ie Trennungswunde fchmerzte, ihn Hat der Schmerz nicht nieber-
gebeugt. Er glich ber Eiche feiner heimischen Wälder, der Sturm
mag ihre Krone umtoben, ihrer Aefte da und dort einen fniden, der
Stamm wurzelt feſt im Boden und — dem wüthenden Orkan.
In Potsdam geftatteten ihm feine Berufsgeichäfte die ee
feiner in Kiel begonnenen, in Hufum fortgejeßten dichteriichen Thä—
tigfeit.
; Mehr als das „Liederbuch dreier Freunde" fanden feine Ge
Dichte und Die Erftlinge feiner Novellen Anklang, ſowohl bei Kennen
der Kunſt als auch beim Publikum. Yon Potsdam aus unterhielt
er einen regen perfönlichen Verkehr mit Berliner Dichterkreifen, denen
er feiner offenen Geradheit und feiner biederen Geſinnung halber
bald ein lieber Genofje wurde. Aus diefem Kreife riß ihn ſehr bald,
ſchon 1856, feine Beriepung nad) Heiligenftadt, wo er den Poften
eines Kreisrichters bekleidete. Mit feinen alten und neuen freunden
blieb er im regſten Briefwechfel. Seine Zeit gehörte feinen Berufs
geſchäften und der Dichtkunft. Allmählich wurde die Muje für ihn
auch neben der „Hohen himmlischen Göttin“ „die nährende Kuh, die
ihn mit Butter verjorgte”. Nicht daß er fie jo behandelte, daß er
die Literarijche Produktion handwerksmäßig betrieb. Er wäre ficher
ber letzte geweſen, der fich Dazu hergegeben hätte. Aber er jah von
feiner bichterifchen Thätigfeit aus den pefuniären Nugen ſich a
mad) einftellen, ſah fich in weiteren und immer weiteren Kreiſen be
rühmt werden und hörte, wie fein Name einen immer befferen Klang
befam in der Lefewelt. Aber wie ihn das nicht bewegen Tonnte,
feiner beruflichen Stellung zu entjagen, um den Mufen zu leben;
wie das wohl fein Seldftvertrauen und Selbftbewußtjein hob und
den Glauben an jene dichteriſche Miffion ftärkte, ihm aber nie auf
Kam Ruhm eitel zu machen vermochte: $ vergaß er auch in ber
'temde, wo es ihm wohl ging, feiner geliebten ‚Beimat nicht. Wo
er in feinen Novellen und Gedichten aut die Stadt mit den alters-
grauen Häufern am Nordjeeftrande zu reden kommt, ſchlägt er alle
mal Töne an, die feine tiefinnere Herzensſehnſucht wiederjpiegeln.
Manchmal mashte es durch feine Seele ziehen, was er ausgeſprochen
hat in dem Liebe:
is
Am grauen Strand, am grauen Meer
Fr liegt bie, Stadt.
tebel brüdt bie Dächer ſchwer,
Und durd) bie Stille brauft das Meer
Eintönig durch bie Stadt.
Es rauſcht fein Wald, es ſchläagt kn Mai
Kein Bogel on’ Unterlaß;
Die Banbergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbflesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.
Theodor Storm. 73
Doch hängt mein ganzes Herz an bir,
Du graue Stadt am Meer.
Der Jugend Zauber fir und fir,
Der rubet lãchelnd doch auf bir,
Du graue Stabt am Meer.
Sein fernered Leben floß ruhig dahin. Bei der Neuordnung
der Verhältniſſe Schleswig-Holfteins infolge der Einverleibung der
Prosin, im Preußen erhielt er den Poſten eines Amtsrichters in
feiner Vaterftadt, den er bis zum Jahre 1880 beffeidet Hat. Im
Befige eines ihm zufagenden Poſtens, im Kreije lieber Serunbe und
feiner Familie ift jem Leben ftill und ruhig dahingefloffen. Bis
vor wenigen Jahren ift er noch unausgefegt poetiſch thätig gewefen;
ia floß fein bichterifcher Born etwas fpärlicher. Nachdem er im
ihre 1879 den Titel eines Amtsgerichtsraths erhalten, nöthigte ihn
feine wanfende Geſundheit, im folgenden Jahre feine Entlafjung zu
erbitten, die er auch erhielt. Den Abend feines Lebens gedachte er
im holfteinifchen Dorfe Hademarfchen zu verleben. Das Dorf mit
feiner Tieblichen Umgebung fonnte einem Naturfreunde, wie Storm
immer einer gewejen iſt, wohl gefallen. Doch ermachte mit der Zeit
wieder die Sehnſucht nach feiner Vaterſtadt. Noch diefen geihlin
trug er ſich mit dem Gedanken, dorthin überzufiedeln, aber zoo
Bat ihn am der Ausführung gehindert. Des Dichters 70. Geburtö-
tag geftaltete fich im vorigen Jahre zu einem Feſt für das ganze
Iterariiche und Itteraturfundige Deutſchland. Hätte er es früher
wire, gewußt, fo hätte er e3 an bem Tage erfahren können, wie jehr
ihn in der Nähe und Ferne liebte und verehrte. Und ficher
& feinem Herzen wohlgethan, jo viele Zeichen von Liebe, Theil-
ne und Verehrung zu empfangen. Damals erfreute er fich noch großer
erlicher und geiſtiger Friſche, wenn auch die 70 Jahre nicht ſpur⸗
n ihm vorũbergegangen waren und feine Geſundheit zu Zeiten Feine
war. Seine Frantheit, der Magenkrebs, hat feinem Leben
siden bald ein Ende gemacht. Sein Ende war janft und ruhig.
74 Cheodor Storm.
Ueber Theodor Storm ald Dichter ift es eigentlich überftäfig
etwas zu jagen. Seine Werke find durch gung Deut| land un
über Deutfchland hinaus geleſen und_ beliebt. war fein Bahn⸗
brecher, der den Dichtern fünftiger Tage neue Bahnen wies. Er
hat feine Werke von epochemachender Bedeutung hinterlaffen. Es
war fein weiter Horizont, den fen Blick umfahte, feine Schöpfungen
find fein Spiegelbild der großen Welt mit ihrem Kämpfen und
Ringen. Nur die Novelle und die Lyrik hat er angebaut. Er war
eben ein Mann, der die ihm gefegten Grenzen ſah und feinen Ver—
fuch machte, fie zu überfteigen, Verſuche, Die jo mander andere
machen zu müſſen glaubt und dabei zu Falle fommt. C find bie
alten und doch ewig neuen Gedichten vom Scheiden und Meiden,
vom Suchen und Finden und Verlieren auf ewig, vom Menfchen-
herzen, dem troßigen und verzagten Ding, das niemand zu ergrün-
den vermag. Dazu lebt des Dichters eigenjte Empfindung, die
Sehnſucht nad) dem Gewefenen, nad) Heimatsglüd und Heimatzfrie-
den in ihnen. Im Lied und Novelle darf Storm fich fühnlich neben
den Beſten unferer Dichter ftellen. Der von ihm beherrfchte, eny
umbegte Kreis wurde von jeiner Hand mit zarten Gebilden bevöl-
fert. Ein — auf das Kleine, Verborgene zu achten, in die ver—
borgenften ‘alten des Herzens zu fchauen, geht Durch feine Dich-
tungen. Die unfcheinbaren Blüten, deren der Vorübergehende nicht
acıtet, die des Wanderer Fuß zertritt, fammelt er zum reizenben,
duftigen Strauß. Er fieht die erwachende Liebe und achtet auf ihr
gerannadfen, ehe noch die Helden der Dichtung an etwas denken.
fieht den Schmerz nicht nur in den Linien des Antliges, er fieht
e3 der zarten Frauenhand an, daß fie in jchlummerlofer Nacht auf
einem franfen ‚Herzen ruht, auch wenn das Auge nicht ſprechen will
oder darf. Und diefes Achten auf das Stleine und feine, auf bas
Geheime und Verborgene tft die Größe unferes Dichters. Da aller-
dings fünnen noch denerationen von ihm lernen. Und wer mit
menigen zarten Strichen ein ftimmungsvolles Naturbild will zeich-
nen lernen, wer wifjen will, wie Naturgemälde und Menfcenf ickſal
ſammn eulungen müſſen, um einen in der Seele nachzitternden Klang
u erzeugen, kann auch von Theodor Storm lernen und wird's nicht
uen, bei ihm in die Schule gegangen zu fein. Und noch eins
predigt fein Vorbild dem jüngeren Dichter. Mand) einer meint, um
berühmt Ei werden make man große Thaten thun, auch auf literari-
ſcheni Gebiet, etwas daritellen, was zuvor noch feiner dargeftellt hat,
wenigftend im Drama und hiftoriihen Roman etwas leilten, fonit
tönne vom Verühmtwerben feine Rede fein oder man würde, € |
traurigeres Loos, feinen Ruhm überleben. THeodor Storm hat n'
mals große Thaten auf dem Gebiete der Literatur gethan, feiı
Werke find alle in dünnen Bänden erſchienen. Er hat feine neu
Wege eingeſchlagen; was er bejang, ift von hunderten früher b
jungen worden; was er barjtellte, Ri von anderen fchon dr da
äuftellen verſucht worden; jelbit feine Cigenthümlichfeiten Haben
Theodor Storm. 75
mehr oder minder großem Mae andere vor ihm. befefien — und
dennoch ift er berühmt geworben, dennoch hat er feinen Ruhm nicht
überlebt, jondern hat ihn Jahr für Jahr wachſen jehen. Das macht,
er hat mit dem ihm anvertrauten Pfunde zu wuchern, das, was ihm
geben war, auszunugen verftanden, und das macht den Mann zu
, was er ijt und bahnt ihm den Weg zum Tempel des Ruhmes.
Menſchlich betrachtet ift Theodor Storms Leben ein glüdliches
gewefen. as feiner Jugend Wunſch war, fein Vaterland in den
deutichen Reichsberband eingegliedert zu ſehen; was ber aus ber
Heimat Verbannte erfehnte, dereinit in feine Heimat zurüdfehren zu
dürfen; was der angehende Dichter erftrebte, daß fein Name genannt
werden würde unter den Namen der Beiten feines Volkes; was der
forgende und Tiebende Familienvater ſich wünſchte, feine Lieben in
gejicherten Lebensverhältniſſen zu fehen: ein gütiges Geſchick hat es
ihm gewährt; man darf wohl [m en, es hat ihm mehr gewährt, als
er in feiner Beſcheidenheit zu hoffen wagte. Sein Name wird fort-
leben, fo Iange der Funke edler Poeſie nicht von den Wellen des
Materialismus ausgelöjcht wird, wird fortleben in feinen Werfen.
——
Die Berliner Kunftausftellung.
Bon Robert Mielke,
n ein fpäterer Kufturhiftorifer es unternehmen wollte
‚ie Jahrzehnte unferes Jahrhunderts nad) ihren charak⸗
eriſtiſchen Erfcheinungen zu bezeichnen, dann müßte
r das gegenwärtige, das Jahrzehnt der Ansftellungen
ıennen; nicht bloß folgt eine der andern mit einer
deberhaftung, die nur ſchädigt, fondern wir finden
auch andere zu derſeiben Zeit, mit denjelben Zielen, denfelben Er—
folgen, was wiederum eine Berfplitterung ber Kräfte berbeitührt, und
die idealen Ziele immer mehr aus den Augen verliert. Cs wird
dadurch die Mittelmäßigfeit in einer Weife Begünftigt, die fich bitter
rächen wird, beſonders auf dem Gebiete der bildenden Kunft. Wer
no) daran zweifelt, der gehe nad Berlin, dort fann er fich durch den
Augenſchein von dem Gefagten überzeugen.
Waren ſchon vorher Stimmen laut geworden, die einen geringen
Erfolg ſich von der diesjährigen Ausſtellung verſprachen, jo hat die
Eröffnung am 15. Juli dieſen nur allzujchr Recht gegeben. Kein
einziges Werk ragt befonders hervor, wie im vorigen Jahre z. B. Die
Thumannſchen Parzen, die Charitas von Knaus oder die Porträts
von Herfomer und Guſſow auf der Jubiläumsausftellung. Selbit
Meifter, die wir ſtets als Zierden der Berliner Ausstellung begrüßen,
ſind außgeblieben oder ſehr ſchwach vertreten; unter anderen vermifjen
wir Lenbach, Kaulbach, Angely, Gabriel Mar, ſelbſt Anton von
Berner u. ſ. w., was bei den gleichzeitigen Ausſtellungen in
hen und Wien leider nur zu ertärtih ift. — Unbedingt ift die
€ hier mit weit mehr Glüd vertreten als wie ihre Schweiterfunft.
ne Betrachtung der erwähnenswertheften Werke wird das eben
„prochene Urtheil beftätigen. Das höchſte Ziel der bildenden
ſt war und iſt jtet3 der Menfch mit feiner Größe und Schwach-
Die Thaten der Vergangenheit, das Wirken ber Gegenwart,
te Ideen und Vorftellungen werben in den meijten Fällen
78 Bie Serliner Aunftausftellung.
nur durch Darftellung der menschlichen Figur wiederzugeben fein,
und in der Pflege, welche dieſe in der Kunjt findet, wird fich dann
auch der Höhepunft einer Kunft wiederfpiegeln. Auf der diesjährigen
Auzftellung ift fie, wenn man von der Menge mehr oder min!
guter Porträts abfieht, jehr vernachläſſigt. Eigentliche Hiftorienbilder
ſind nur wenig ausgeftellt. Im Vordergrunde des Intereſſes fteht
Arthur Kampfs „Nacht vom 13. zum 14. März im Dom zu Berlin". Wir
ſehen den greifen todten Kaifer auf dem Paradebett, im Hintergrund
die ſchwarz verhüllten Säulen des Domes. Das Ganze iſt höchſt
virtuos in einem ftumpfen, ſchweren Farbenton gehalten, der das
wachsbleiche Antlig des Todten, vom Scheine der Kerzen beftrahlt,
nur um fo wirkungsvolle zur Darftellung bringt. Volle Unerfen-
nung verdient die davorftehende Gruppe der Befchauer. Alle Stände
find hier vertreten, um den ehrwürdigen Todten zum legten Male zu
betrachten. Stille Einfalt, Verehrung, Bewunderung und Neugier!
find mit einer padenden Realität Bargeftett die von dem ernften
Studium ihres Schöpfers ein rühmendes Zeugniß ablegen. Ernſt
Hildebrandt ift mit feinen beiden Bildern aus Luther Leben gut
vertreten, wenigftens fünnen wir das eine, Luther als Chorknabe als
jelungen bezeichnen. Schon das Motiv für ich ift anſprechend und
Fir und Deutſche verftändnißvoller, als jene wiberliche Tulfia, die
derfelbe Künftler uns vor einem Jahre vorfegte. Bon einer Schaar
gleichaltriger_Genofjen umgeben, ijt der junge Luther dargeftellt, wie
er in den Straßen ala Kurrendeſchüler fing. Vor dieſer Gruppe
fteht eine junge Mutter mit ihrem Eleinen Töchterchen, während ber
Sohn fie) gteisjem bittend an die Mutter fehmiegt umd fie fo ver-
anlaft, der Schaar ein Almofen zu reichen. Glücklich iſt diefe
Gruppe erfunden und mit eilterfegnft dargeftellt. Jedenfalls für
ein Öymnafium beftimmt, hat der Künstler darauf verzichtet durch
ein vaffinirtes Können zu glänzen, und hat in breitem Bon den
Bildern eine energijche Wirkung verliehen, die von dem bisfreten
Zarbenton auf das Glücklichſte unterftügt wird. Won bemfelben
Meijter wollen wir gleich noch einen Entwurf zu einem Thenter-
vorhang erwähnen und das Bildniß einer Dame, welches zu dem
beiten der Ausstellung gerechnet werben muß. Für durchaus ver-
fehlt müffen wir ein Bild, „Zrau Hadwig“ von Ernft Hausmann
bezeichnen. Dafjelbe ftellt die Herzogin bei der Tafel vor, ihr zur
Seite figt der junge Eckehard, und das Gefolge vervollftändigt die
Runde. Die Fülle des arhäologifchen Details kann uns nicht fiber
die Hohlheit dargeftellten Gegenftandes Binmegeäfehen. Auch
iſt der Künftler in Vertheilung der Farben und Maffen nicht fe
llücklich geweſen, wodurch das Bild etwas Unruhiges enthält Er
‚hiedene Begabung verräth Alberto Geßner mit jeiner Herodias, t
leider an ſehr ungünftiger Stelle hängt. So muß das furienhaf
Weib auögefehen haben, als fie Vefehl zur Enthauptung des I
— gab. Die Grauſamkeit und Rachſucht iſt durch das unheimli
ſunkelnde Auge gut wiedergegeben. Nur eins fehlt biefer Herodic
|
|
mo
Bie Serliner Kunftausfellung. 79
und das ift das Särigtice, das wir auf alle Fälle bei ihr voraus:
fegen müfjen. Karl Beder fteht mit jeiner Thisbe und „Sci ver-
Kniegen“ auch nicht auf der Höhe feines Koͤnnens. Das junge
ädchen, welches er mit einer Kanne an einer Quelle Taufienb
darſtellt, kann ebenjo gut eine beliebige Griechin fein, Die auf ihren
Schatz wartet. Hier iſt feine Hindeutung auf das frasiſche Geſchick,
das die Unglückliche und ihren Pyramus ereilen foll. — Das eigent⸗
lie Gebiet des Meiſters iſt das vergangene Venedig, welchem er
auch den Stoff zu feinem andern Bilde „Sei verſchwiegen“ verdantt.
Ein Edelfräulein flüftert einem Pagen, der die Portiere zurüdjchlägt
und ihr fo den Weg zu einem jedenfalls verbotenen Stelldichein frei
macht, diefe Warnung zu. Becker hat uns daran gewöhnt, an ihn
die höchſten Forderungen zu ftellen; umfomehr überrafht das Be—
deutungsloſe des Vorgangs. In ber Klarheit der Farbe und ber
Friſche der Kompofition ift der Meifter fich treu geblieben. Als
en bizarre Kompofitionen find die von dem in Paris lebenden
;panier Atalayo auögeftellten Illuftrationen zum achten Kapitel des
Don Duichote zu erwähnen. Was den Maler veranlaft hat, die
Mühlen im Thale fich zu denken, ift uns unerfindlich.
Bon dem jüngft veritorbenen Adam befindet ſich auf der Aus-
ftelung ein „Angriff bei Mars la Tour“. Wenn auch unvolfendet,
fo bezeugt es doch, daß fein Schöpfer bis ins hohe Alter derſelbe
Meifter geblieben tft. Ungetheilte Bewunderung erregen in dem
militäriſchen Berlin bie „erfprengten Küraffiere bei Sedan“ von
Koch und de3 Düffeldorfer Rocholl „Angriff der 7. Küraffiere
bei Vionville“. Erſteres zeigt neben voller öriihe der Farbe ein
hochdramatiſches Leben. Koch ift Realiſt, doch wirkt fein Realismus
burchaus nicht abſtoßend, da er durch feines künſtleriſches Empfinden
gi jet wird. Noch mehr ift dies bei Rocholl der Fall, der noch
die Einheit der Kompofition die Bedeutung des Moments auf
das Söäte fteigert. Louis Kolitz malt mit Vorliebe Nachtfcenen
aus großen Kriege. Sein „Kronprinz Friedrich Wilhelm bei
BVörth“ reiht ſich feinen legten Werfen würdig an.
Von den Heiligenbildern Tann nur das von Anton Dietric)
Anſpruch auf Bedeutung machen. „Kommet her zu mir alle, die ihr
mübjelig und belaben feid, ich will euch erquiden“ Seicht fein Chriſtus,
der leider nicht dieſes ſchöne Wort repräfentirt. Bei allen Vorzügen
iſt berjelbe zu einfeitig aufgefaßt; die I Bedeutung tritt
bier ganz zurüd, und fo wird er zum palfiven, energielofen Träger
einer Idee. Diefer Chriftus ift weder der geſchichtliche noch der
itionelle, daher wirkt er fremd auf und. Gelungen find die Per—
n, die Troſt und Grauiung fuchen; einzelne, ein junges Weib
weinen Füßen und ein alter Mann im Hintergrund, ragen jogar
5 überrafchende Charakteriftit hervor, wie wir fie bei Uhde zu
a gewohnt find. Anzuerkennen ift das Beſtreben das Traditionelle
vermeiden umd wirkliche Denioen darzuftellen. Trotz dieſer
nächen dürfen wir nad) dem Geleiſteten zu größeren Erwartun—
80 Bie Serliner Kunftausfellung.
gen berehtigt fein. Paul Händfer mit feinem „Eece homo“ bewegt
ſich vollftändig in Pfannſchmidtſcher Richtung. Das „Tijchgeber”
von Karl Jakoby erinnert an Uhdes „Komm Herr Jeſu, jei unſer
Saft“. Rudolf Poffin hat ein „Märtyrer“ betiteltes Bild ausge
jtellt, das mit einem folhen nur den Namen gemein hat. Abgejehen
von ber unwahrjcheinlichen Haltung wirkt die Fi ur faſt humoriſtiſch.
Wohin die impreſſioniſtiſche Richtung unter Umſtänden führen kann,
eigt und Hermann Prells „Ruhe auf der Flucht“. Das Bild ftellt
* Ehepaar Maria und Joſeph dar, wie es unter einem Baume
Raſt Hält. Vollftändig wie aus dem Leben gegriffen, auch in der
Nahahmung bes Jemntiogn Kleides, fünnte man die Figuren für
ſich allein gelten lafſen. Was mag fi) aber der Maler dabei ge
dacht haben, als er davor einen mufizirenden Engel malte, der voll-
ftändig den Eindrud des virtuos fopirten Modells macht. Soll es
originell fein? Nicht allein, daß die Farbe abſtoßend wirft und ber
Körper des halbnadten Engels in feiner plumpen Natürlichkeit auch
nicht den geringften Anſpruch auf Schönheit machen kann, fondern
der Realismus wird durch die angebrachten häßlichen Flügel wieder
eftört. Diefer Engel ift ein Zwitterding zwiſchen Naturleben und
dealweſen und wirkt auf dieſe Weife geradezu abftogend. Mit mehr
Glück Hat William Shade daffelde Motiv geſtellt, nur ift fein
Joſeph nicht befonders gelungen.
Hermann Clement hat ein „IUufion“ betiteltes Bild ausgeftellt,
dem man Originalität nicht abfprechen kann. Er denkt fich diejelbe
als ein nadtes Weib, das auf einer Seifenblaje figt. Seltſam und
fremdartig wirft das Kolorit, das theilweife hart ift. „Der Tod
und dag Mädchen“ nennt Max Ebersberger jein vorzüglich gemaltes
Bild. Wir fehen ein blühendes junges Mädchen, dem noch bes
Lebens ungetrübte Sonne lacht und dem jegt plöglich der Tod in
der Geftalt einer alten Frau naht. Hilflos Hieht ie Is derſelben ver-
fallen, hier giebt es fein Entrinnen. Die furchibare Erkenntniß, fo
früh in voller Jugendſchöne das Leben verlaſſen zu müſſen, das
hoffnungsloſe Entjegen fpiegelt fich in dem Tieblichen Geficht, in dem
ebrochenen Auge wieber, was der Künftler mit einer erfchütternden
ahrheit auf die Leinwand gezaubert hat. Das Troftlofe dieſer
Scene wird durch nichts gemildert, die herbe Miene der alten Frau
deutet weder Erlöfung noch Hoffnung an, fie ift nur das umerbitt-
liche Naturgefeg und darin Tiegt auch der Fehler des Bildes Es
fehlt der Kompofition das Verjühnende. Der Beſchauer verläßt daS
Bild mit dem Gefühle des Bedauerns für das jurige Mädchen, das
er hoffnungslos verloren ficht. Neu und eigenartig tft die Auffaffı
des Todes als alte Frau, die unferes Titten zuerft bei Thumar,
Atropos in den „Barzen“ auftritt. Dieſes Bild fcheint den Ma
überhaupt beeinflußt zu haben, denn aud) im Kolorit zeigt fich e
gewälfe Uebereinftimmung. Trotzdem bleibt das Bild eine bebeuter
eiitung. Sofeph Lied hat feine Leiftung mit dem „Mofelblünche
auf ber Jubiläumsausftellung nicht wieder erreicht, weber im leh
|
|
| Bie Berliner Aunfausflellung. 81
Jahre mit feinem „Bor dem Tanz“ noch heute mit dem „Träume“
genannten Bild auf der diesjährigen Ausitellung. In einem violett-
grauen Atfastifjen ruht das Hanpt eines jungen Mädchens, deffen
dunfler Teint durchaus T mit der Kiſſenfarbe harmoniren will.
Eigenthümlic und ftörend find die hellen Lichter, die das Tageslicht
auf dem Atlas hervorbringt. Das ganze wirft unruhig und zerriffen.
— Barum Cäfar Philipp den „Pommer“ nur als nadtes, mäßig
gemaltes Weib, das in ein Bad fteigt, ſich vorftellen Tann, ift nicht
zu erfehen. Maz Biegra’s, „Frühling, Sommer, Herbit und Winter
it ein Anafronismus. Ueberaus fteif in der Kompofition, befriedigt
er auch in feiner Weife mit dem Kolorit.
Die Genremaler und Landfchafter ftellen auf der diesjährigen
Ausſtellung das größte Kontingent. Bei den erfteren frägt man Ha
oft vergeblich, warum ber Maler den dargeftellten Gegenstand gemalt
hat. ade die plein-air-Daler haben eine Virtuofität darin, das Ab-
foßendfte und Unwefentlichfte zu malen. Hatte früher die deutfche
Genremalerei eine bedeutende Sir erreicht, fo ift das jegt Dank
dem unheilvollen Einfluß der Kealiften anders. Wirkliches Empfin-
den und poetifches Verflären eines einfachen Vorganges findet fich
in ausnahmäweife, dafür aber Plattheit und Nohheit um fo
er.
in Künſtler, der fich jelbit treu geblieben, ift Amberg. Unter
feinen diesjährigen Werfen ift befonders das, „Die Eleinen Gratu-
lanten“ genannte, bemerkenswerth. Unfprechend ift auch Martha
Aronfon-Danzig mit „Die legten Blumen‘. Ein Heines Mädchen
ingt einem jüngft Verftorbenen ein paar Blumen nach dem Grabe.
ſeſſor Biermann, der beliebte Homätitt bringt ein „Songe
’amour“ getauftes Bild zur Austellung Die Schöne, die wir auf
demfelben Feen, träumt jedenfalls etwas Pilantes, während ein Amor
Ur Die Dede fortnimmt und fo ihren prachtvollen Körper entblößt.
iel Vertheidiger wird das Motiv nicht finden.
Blunds „Tafs Bauer“ erregt nur durch das Porträt Menzels,
der an einem Tifche fit, Auffehen. Gut in Charakteriftit und Farbe
ift der „Raucher“ von dem Bolognefer Bortignone. Der „Arzt“ von
Hans Bachmann läßt auf bedeutendes Können ſchließen. Cs ſtellt
einen Sandarzt vor, der im Begriff ift, feinen Wagen zu befteigen
und eben dem armen Weibe, dem er eine entjegliche Wahrheit gejagt
hat, das hohle Bedauern eines Menſchen ausdrüdt, den bie Sache
eigentlich nichts angeht. Beſonders iſt bie Frau gelungen. Schmerz
oh Verzweiflung lagert auf ihrem Geficht, während ein zweites
m, vermuthlich die Tochter, an der Thüre lehnt und die thränen-
Augen in der Schürze verbirgt. Mit feinem Gefühl hat der
a ben Schmerz der Jugend und bes Alter angedeutet. Ein
er Bintertag lagert über dem Ganzen und harmonirt glüdlich
dem dargeftellten Motiv. — Aus der guten alten Zeit hat
&-2ajos aus London feinen Gegenjtand Bergehoft. „Der Herr
'meifter“, ein Beitgenoffe Ludwigs XIV., figt Hinter feinem Fenfter
Galon 1889. Heft I. BanbI. 6
82 Die Serliner Kunftausftellung.
und jchneibet fi in größter Gemüthgruhe feine Gänfefeder, während
eine tar Landleute auf Erledigung ihrer Angelegenheit wartet,
dabei alle Stadien des Grolls, der Ungeduld, der Entrüftung über
den im Bewußtſein feiner Autorität dafigenden Pojtmeifter auf ihren
Gefichtern zeigend. In der Schärfe der Charafterijtit und dem ge-
funden Humor erinnert Brud-Lajos bisweilen an den verjtorbenen
Hafenclever.
Ian von Chelminsfi wirkt in feinem Vortrage troden. Seinem
„Nachmittag im Super iſt alles Leben fern; die Figuren jehen
aus, wie für ein Modejournal gearbeitet. Am beften iſt noch „Ber-
lorene Fährte”. Anziehend und tüchtig ift wie gewöhnlich Hans
Dahl. „Bor der Wahl“ fteht eine dralle Bauerndirne, die zu ent-
fcheiden hat, ob ber alte Bauer fie über den See fahren foll oder
jener kraftſtrotzende Jüngling. Wir wiffen im voraus, für wen fie
fich entjcheiden wird, wiſſen aber auch, daß der Alte fich lachend dieſe
urüditellung gefallen laſſen wird. Ebenſo muthet „Im norwegifchen
ochgebirge“ an, eine landſchaftliche Scenerie, die durch eine hübſche
jäuerin mit Harfe belebt wird. Chrentraut, der Maler fibeler
Landsknechte, zeigt in „Der legte Wurf“, daß er noch immer der alte
iſt. Dargeftellt ift eine Schaar Landsknechte, die dem Würfelfpiel
ergeben ift. Sonderbar ift Louis Eyfens „Narr mit dem Todtenopf“.
an wird nicht ar, warum der Mann ein Narr fein fol. Das
verzerrte Geficht, welches ohne jede Beziehung zu dem Schädel fteht,
berechtigt diefe Bezeichnung auch nicht. May Fleiſcher ftellt ſich mit
der Inhalation in Reichenhall“ felbft ein Armuthszeugniß aus.
Wer jo etwas abgejchmadtes und häßliches malen kann, Tann nicht
befondere Erwartungen wachrufen. Nach dem Orient ruft und Wil-
heim -Genz mit feinem „Prediger in der Wüſte“ und zeigt Damit
ugleich, daß das Hohe Alter feine Schaffensfraft noch nicht vermin-
dest hat. Erwähnung verdient noch Berthold Genzmer mit dem
Bild „Aus der guten alten Zeit und Friedrich) Hiddemann mit
„Großvaters Porträt”. Hirt du Frönes ſtellt in dem „Ländlichen
Feſte“ eine Rokokoſcene dar, ohne uns jedoch irgend wie dafür zu
erwärmen. Das Afademijch-Steife feiner Modelle Hat er aus dem
Bilde nicht bannen fünnen. Seine Menjchen find nicht echt, der
Tanz ohne Bewegung. In Zeichnung, gerken ebung und Motiv
* gefällt „Wafchtag“ von Karl Hochhaus. In diefer maßvollen Ver⸗
wendung kann man mit der plein-air-Malerei fich einverftanden er=
klären, in feiner Weife aber mit Holgbechers „Ach erhöre mich”,
das man nur als Farbenfonglomerat bezeichnen fann. Oito Kirbera
fefjelt beſonders durch das Bild „Sorgenvoll“. Wie immer entnin
er fein Motiv dem nordiſchen Fiicherleben. Im Innern des Ha
fit eine junge Fiſcherfrau, die die bange Sorge um einen auf d '
See befindlichen Lieben nicht bannen fan. In dem Vorflur, . :
vollfommen fichtbar, eine Gruppe Fifcher, die durch ihr lärmer :
Gebahren im vollften Gegenjag zu der unglüdlichen Frau fteht.
der Kompofition muß man Kirberg uneingeſchränkies Lob zollen, —
G Die Serliner Kunfausfellung. 8
in der Schärfe der Charakteriftit reicht er nicht an Rudolf Iordan.
Das liegt vielleicht an feiner Malweife, die in ihrer Eleganz und
Glätte mit dem bargeftellten urwüchligen Wolfe nicht harmoniren
will. Friedrich Kraus hat eine „Gefangprobe“ Bargejte, Die junge
Sängerin fingt vor der Matinde noch einmal zur Selbitprobe. Heber
das ngragiöhe in der Figur läßt ſich noch Dinmegfeben, nicht aber
über den auffallend großen und weit geöffneten Mund. Ein ge-
öffneter Mund wird meijtens etwas unäſthetiſches am fich haben,
wenn daſſelbe aber übertrieben wird, dann wird der Eindrud des
Sühtigen hervorgerufen. Alle Haffiichen Beiſpiele bejtätigen dieſes.
bei Rafaeis Cäcilia zeigen die fingenben Engel den weitge-
öffneten Mund, noch fehen wir ihn auf Michel-Angelos Karton der
badenden Soldaten. Wie ſchön ijt die Munditellung bei Laokoon! Bei
Kraus wirft der Mund geradezu parodijtiih. Vinc. St. Lerche be-
hauptet mit feinem „Zwerg des Königs“ feinen Platz als tüchtiger
Genremaler. Eine charakteriſtiſche Erffeinung der heutigen Kunft
ift die Leinwandverfhwendung. Bei aller Bravour, die Heinrich
Leſſing in dem Bilde „Am Krankenbett“ entwidelt, Tann er uns
nicht Überzeugen, daß der Vorgang in folcher Größe dargeftellt hat
werden müfjen. In Mar Liebermanns „Konſervenmacherinnen“
glauben wir einen bedeutenden Fortſchritt fonjtatiren zu können, in=
‚ex der Ausführung mehr Sorgfalt hat angebeißen, laſſen, ala
bei feinen früheren Werfen. Was an diejer Reihe alter Frauen
eigentlich maleriſch und intereffant ift, um Vorwurf für ein Gemälde
augen, ift und nicht Mar. Es ift erfriichend nad einem folchen
ild eine ſolche fröhliche Kinderfchaar zu betrachten, wie fie uns
Mol Ling in feinen „Liedern ohne Worte” bietet. Der Naturalismus,
dem Hans Looſchen anhängt, fann uns nicht mit der Rohheit feines
enitandes in dem Bilde Erwiſcht“ verjöhnen. Cine alte ‚rau,
wahrjcheinlich die Mutter, fieht ſich veranlakt, ihren ungerathenen
Spröpling zu züchtigen, was diejen zu fchleuniger Flucht veranlaft.
Eine verhängnigvolle Schwelle bringt den Jungen zu Fall, wobei
ihn die Frau „erwifcht“ und nun zu einem fräftigen Schlage ausholt.
Wenn fie jedoch mit der Fauft, die fie macht, zujchlägt, jo trägt der
Junge mindeftens eine ſchwere Verwundung als Zeichen mütterlicher
Liebe davon. Der „Zaftnachtsgaudi” von Ferdinand Meyer läßt
das fröhliche Leben, das das Feſt mit fich bringt, volljtändig ver-
miſſen. Meyerheim ift durch ſechs Sachen vertreten, von denen ung
ur „Die Zigeuner“ und „Schloß Tarajp“ gefallen wollen. „Früh
finas-Sinfonie“ erfcheint im der Kompofition zu wenig geſchloſſen,
craſcht aber durch das weißkalte Kolorit. Armſelig iſt Mar
el. mit feinem „Italien“ getauften Bild. Warum ber nackte
tjunge, der aus ſchwarzbraunem Hintergrund emportaucht, Italien
-räfentiren foll, ift unverſtändlich. Defto mehr erfreut Otto Pilg
feinem „Altweiberfommer" und dem, Faulpelz“. Theodor Raueders
emitenfreundfchaft“ erwirbt ſich viel Zreunde, ebenſo Riefitahls
wernbeputation“. „Das Pidnid aus der Rokokozeit“ von Felix
6
84 Die Serliner Aunflausftellung.
Schurig erwärmt feinen. Ebenfo reizend wie Fein ift Shades „Mut-
terglüd”. Franz Skarbina wird in feinem Realismus immer kraſſer
und abftoßender, „Boulevard de Clichy“ ijt noch erträglich, weniger
die „Wäfcherinnen in Pont Aven“. Henri Suyfens „Doppelte An-
ziehung“ iſt abfolut unverſtändlich. „Die Zecher“ von Valentini und
„Ein Gruß“ von Hermann Vogler erfrifchen durch die Frifche der
findung und der Sorgfalt der Ausführung. Auch in dem Bilde
Warihmüllers „Ein Liebesmahl“ tritt ums eifrige® Studium und
technifches Können entgegen. Paul Weimars „Kaffeeklatjch“ ift nur
theilweife gelungen; dennoch ift e8 ein erträgliches Werk der modernen
realiftiichen Schule. „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ ift der Bor-
wurf eines größeren Bildes von Konftantin Fendel. Wenn auch
viele nicht werben die Auffaffung des Malers theilen können, fo iſt
dies Werk doc) eines der vorzüglichften Werke auf der Ausftellumg;
die gute, dramatiſch beivegte Kompofition, wie das blühende Kolorit |
fidern ihm eine gute Aufnahme. Eine ergreifende Figur ift der alte
jater, mit een jebrochener Haltung das reiche Koſtüm einen wirt
ſamen Kontrajt bildet. Dafjelbe friiche Leben fpricht auch aus dem
‚weiten Bilde Fendels „Ueberfall“, einen jungen Edelmann darftellend,
der mit gezüdtem Schwert fein Weib und Kind gegen aufrürerifche
Bauern vertheibigt, die Einlaß in das Sätafgimmer fordern. —R
in der Ausführung erreicht dies Werk nicht Das vorige, ftörend ift
auch die falte Tongebung.
An mittelmäßigen Porträts fehlt es in dieſem Jahre ebenfo- |
wenig wie früher. Hervorragende Leiftungen find ſehr gering und -
verbanfen Meiftern ihr Dafein, von denen wir längft an gediegene
Werke gewöhnt find. In feinem andern Fache der Malerei exifti
B viel Manier und Nachahmung wie hier, dazu tritt eine gefuchte
tiginalität, die zur Karikatur herabfinft, das zeigt ſich Gefonbens
bei fogenannten Studienköpfen.
Gottlieb Biermann ift mit einem Herrenporträt gut vertreten.
Vorzüglich entzüdt er durch das durch eine Brille blickende geift-
fe ende Auge. Ein weiblicher Stubienfopf gehört zu ben beften
er Auzftellung. Eduard Daelen erweiit ſich mit feinem Damen-
porträt als ein guter Atlasmaler. Mit dem Namen Defenger iſt
unzertrennlich die Gradheit und Herzlichleit des tyroler Volkes ver⸗
knupft. Sein „Kopf eines alten Tyrolers“ überraſcht aufs neue
durch die Klarheit der Charakteriftit und durch die Wahrheit bes
Kolorits. Dagegen hat ein jeder andere einen ſchweren Stand.
ellquiſts Selbjtporträt ift zwar padend und treffend, doch ift feine
‚arbengebung zu unnatürlih und falt. Guſtav Gräf ift vielk
zur Zeit der größte Iebende deutjche Damenmaler. Davon überzt
uns jede Ausstellung aufs neue. Das „Porträt einer Dame“
einem rothen leide fteht an der Spige feiner Bilder. Im
Wärme bed Kolorits erinnert e8 an ben verftorbenen Guftav Nic
Graf Harrachs Bild ift faſt zu virtuos und glatt, beſonders
Gegenfag zu Nils Gudes breit und kraftvoll Hingemaltem He
arase®
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Bie Serliner Kunftausfellung. 85
ı porträt. Curt ae ift in der Behandlung etwas hart. Ein
} gutes Zeugniß ſiellt fi) Adolf Holm mit feinem fcharf dharakteri-
— ren Fr aus. Er nähert fich damit bedeutend der Auf-
jung Zen .
, Am nãchſien fteht Gräf als Damenmaler Konrad Stiefel, davon
zeugt fein Damenporträt. Durch eine vornehme Leiftung iſt Ludwig
Knaus vertreten. Großen Einorud macht Mar Koner mit einem
; weiblichen Porträt. Die Dame figt in ganzer Figur in einem Lehn-
» fiabl; mit Geſchick find die Farben des blauen leiden, des rothen
| Teppiche und des grünlich-gelben Hintergrundes zu einer harmoniſchen
gdarbenwirkung zulammengeftimmt, aus ber fi) der geiftreiche, an⸗
mutige Bopf um fo wirfungsvoller abhebt. Der eigene charakteriftiiche
Kopf Koners befindet fich auf der Ausstellung von Frau Sophie Koner
gemalt, der volle Anerfennung verdient. Gar nicht zu befriedigen ver-
mog May Michaels Kindergruppe ſowohl im Ausdrud, wie im Ton.
Interefjant ift ein „Weibli Kopf“ von George Moffon, deſſen
ſchelmiſches Augenpaar in die Welt laden und unwillkürlich be
zaubern. Auch fein Herrenporträt ift anzuerfennen. Wenig befriedigt
- Bilme Barlaghys „Porträt des Dichters Eduard von Vauernfeld“,
weil es die Individualität des Fucptonren Dramendichterd vermifjen
läßt. Fritz Paulfen tritt nur mit Bildniß der Frau von H. Paſcha,
als bedeutender Porträtift auf. Anmuthige Studienköpfe hat Johanna
von Prigelwig ausgeftellt. Vergeiſtigende Charafteriftit und leben-
fprübendes Kolorit ſind die Haupteigenichaften Saft Richters. Er
ſieht darin von den lebenden Malern feinem großen Namenövetter
am nachſten. Gehoben wirb der Eindrud noch durch eine glänzende
Beherrſchung der Technik, wie fie ſich in feinen diesjährigen Bild-
niffen äußert. Ganz eigenartig ift die Auffafjung Saßnicks in dem
Borträt des Prinzen Georg von Preußen. Der Vigter-Peinz lehnt
. in einem Sefjel, das Kinn auf die Hand geſtützt; das ſinnende Auge
verräth die edle DVegeifterung, die den Prinzen für alles Schöne
lüht. Sichel ift der Dichter unter den Porträtmalern; er zau-
bert in jeine Studienköpfe eine jo eigenartige poetifche Verklärun—
Sinein, die feinen Bildern einen fo jeltjamen Reiz verleiht. Dabei
bleibt er ſtets ungefucht und anmuthig. Seine reizende „Yum Yum*
verdankt jedenfalls Sullivans berühmter Operette „The Mikado* ihr
Dafein. „Fate“ ift eine liebenswürdige Orientalin, die im Bewußt-
ki ihrer Schönheit in die Welt lacht. Karl Sterry mit feiner
Drientalin wirkt Dem gegenüber geradezu nüchtern und troden. In
ihrem „Männlichen Porträt“ entwidelt Jofephine Merz eine Energie
% Tuzdruds, um welche fie mandjer Maler beneiden könnte. Sie
darin allerdings zu weit und Dadurch verliert fie an Wahrheit
Individualität. Diefe findet fich in Ausgefprochenem in Vogels
rät des Bürgermeiſters Dunfer. Eines der vorzüglichiten Bild-
‚ vielleicht das Beſte, Hat der Belgier Emile Vonuters in ber
meß Goffinet ausgefteit In ber eindringlichen Lebendigkeit und
’schten Natürlichleit gleicht es faft Herfomers Miß Grant.
S es S. S
86 Bie Serliner Kunftausftellung.
Von ähnlicher Wirkung ift deſſelben Künſtlers Baron Goffinet.
Weniger fann uns fein junger maroffanifcher Fiicher gefallen. Karl
Guffow hat in dem Porträt Wallots wieder ein Kabinettjtüc feines
Konnens geliefert. Mit welcher vollendeten Sicherheit Guffow feine
breiten Pinfeljtriche Hinfeßt, ift bekannt, aber in wenig Köpfen hat
er damit eine ſolche Lebenswahrheit erreicht wie in diejem. Dieſem
ähnlich ift das Bildniß Julius Wolff. Das Porträt feiner Dame
tritt hinter diefen beiden zurüd.
Faſt die Hälfte der Austellung wird von Landſchaften gebilbet.
Hier macht fid) auch am meilten die Mittelmäßigfeit breit. Wenn-
gleich die naturaliſtiſche Richtung ſich Hier auch Geltung verfchafft
hat, jo ift biefelbe doch von fol 93 Verirrungen frei, wie ſie die
Genremalerei aufweiſt. Andreas Achenbachs „Einlaufender Dampfer“
iſt in erſter Linie zu nennen. Sorgfältiges Studium und liebevolles
Eingehen in bie Natur bezeugen Brökers Miniaturen. Eine ſchwer⸗
müthige Stimmung athmet Dielitzs „eben ftinimung‘, nod) mehr aber
Begas „Heimkehr“. Vielleicht — aus dem letzteren ſchon die
Ahnung des nahen Todes. Die eigenartige Schönheit einer nord⸗
deutfchen Mondnacht findet in Douzette ihren poetifchen Verklärer.
Eugene Dückers „Abend am Meer“ ift ein Eoloriftifches Meijterftüc,
das od) burc) die ausgezeichneten Aquarellen feines Meifters ergänzt
wird. Otto Sindings Kofotenbilber find von Gurfitts gerbitaus-
ftellung befannt. Mit mehr oder weniger Glüd hat eine Reihe von
Künftlern bajfetbe Motiv behandelt, am hervorragendften Hermann
Eichte, über deffen eigenthümliche Farbengebung man allerdings nicht
fortkommt. Böcklin ift weber im SKolorit noch in ber Erfindung
derfelbe wie früher. Seine „Duelle“ ift wenig bedeutend. Cine
töftliche Schilderung unſerer heimifchen Wälder Liefert Flickel in
feines „Birkenlandfchaft“. Norwegen findet fteigende Bewunderung
Maler. Davon zeugen die glänzenden Schilderungen Grebes,
Normannz mit feinem wunderbaren Kolorit, Rasmuffen, Hans Gudes in
kinen prachtvollen „Sommerabend in einem norwegijchen Hafen“ u.a.m.
n feiner „Mythifchen Stimmungslandichaft“ verfucht Hendrich Böcklin
nachzuahmen, doc mit wenig Erfolg, Hans Herrmanns „Dom in
Veere“ wirft durch die eigenartige Erimmung, die durch die Däm-
merungsſchatten hervorgerufen wurde. Deutjches „Waldinneres“ hat
in Jettel einen vortrefflichen Bearbeiter gefunden, ebenjo wie die
wilde Hochlandnatur denjelben in Otto von Kameke, der feine Bilder
ohne Kleinfichkeit und Glätte durchführt. Den ſchwermüthigen ſlawi⸗
chen Charakter der ruffichen Poeſie athmet auch die tiefernite Win-
terlandſchaft I. v. Klevers in Petersburg. Neben W. Gent hat fi
Ernſt Körner einen tüchtigen Ruf als Orientmaler erworben, den
mit feinen drei —— aus Aegypten auf das glänzendſte ve
theidigt. Ihnen ſchließt ſich mit Recht als Dritter Adolf v. Med
mit feiner „Oefahrvolfen Landung“ an. Das Krügerfche Bild „Stra‘
in Kairo“ wirkt durch die Kühle des Tons fremdartig. Köftlid
Werke hat Leiftifow in feinen pommerfchen Landichaften ausgeftel
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Die Serliner Aunſtausſtellung. 87
Durch Betonen der harakteriftiichen Erfcheinungen in der Natur weiß
Auguſt Leu jtets zu feileln. Sein „Waldweg im Harz“ ift davon
eine glänzende Probe. Sein Sohn Dito Leu bewegt ſich in ver—
wandter Sichtung, doch noch mit weniger Erfolg.
Mit Vorliebe wählt Karl Ludwig neuerdings feine Motive aus
dem Hochgebirge und beweift damit, daß er da ebenjo heimiſch ift,
wie in den waldigen Thälern. In feinem Cyklus: Die vier Jahres
zeiten im Hochgebirge (Grindelwald, Aus dem Montafon, Gadmen-
ihal, Lütichinenthal), bekundet ſich fo viel feines Naturgefühl wie
malerifches Können. Nach dem fonnigen Italien führt uns Meifter
Berninger und Lutteroth, Müller-Breslau mit feinem hochpoetiſchen
„Schloß an der Riviera ‚di: Levante”, Eduard Pape, Ruths mit feinen
edel gezeichneten Landſchaften und Wuttfe mit feinem herrlichen
„Strand bei Monteroſſo.“ Miüller-Surzwelly vertieft fich immer mehr
in die Schönheiten der Dftjeefüfte. Als ftimmungsvoller und erfolg-
reicher Landſchafter erweiit fich neben Mafchin der Medienburger
A. von Occolowitz. Mit wenig Glüd ijt der Königsberger Schmidt
vertreten. Es fehlt feinen Bildern die Friſche der Farbe und die
Korrektheit der Zeichnung, was bei feinen Aquarellen noch deutlicher
zutage tritt. Nahtjen hat eine Landſchaft „Na dem Regen“ aus-
geftellt, die in Farbe wie in Auffafjung viel Bewunderung findet,
wa3 man von Nummelöpachers prächtigen Bildern auch behaupten
fann. Karl Salgmann wirkt in feiner Marine „Im jtilen Ozean”
mehr durch glänzende Technik als durch poetifches Erfaffen.
Tüchtige Architefturbilder ftellten aus W. Kodatis mit feinem
farbenfrifchen „Alt-Berlin“ und Stegmann mit dem „Inneren von
St. Maria im Kapitol in Köln“.
Außer einigen tüchtigen Stillfeben von Rens Grönland, Adam
Kung, 2. Lobedan, Paul Löfcher, Rich. Neumann find noch aus—
gu Thierbilder vorhanden von Brendel, Friefe, Mali und
ei um.
ve Abtheilung der Aquarelle ift in diefem Jahr reichlicher be-
Bir wie früher. Theilweife find allerdings Werke vorhanden, die
hon längſt bekannt geworden find, befonders durch die vorjährige
Dresdener Aquarellausftellung. Des trefflichen Aquarelliften Alt
Werke gehen ſchon theilweife zwei Jahrzehnte zurüd; fie laſſen daher
verfchiedene Vollkommenheit erfennen. Dans Bartels Aquarellen find
in ihrem Werth verjchieden, in manchen läßt der Künftler fogar einen
Rückſchritt erfennen, was bei dem jchönen Talent beffelben auffällt.
Größere Kollektiv-Ausftellungen find mehrfach von Künftlern in An-
dung gebracht. So von Bohrdt aus Nord- und Sübamerifa,
x Bradit, Dtto Brandt, Breitbach, Dücker, Edenbrecher, Gude,
üb, Günther-Naumburg, Hellquift, Hertel, Knaus, Knille, Koch,
ıbbes, Mohn, Rösler⸗Franz, Schirm, Starbina, Spangenberg und
hm. PBirtuos in der Behandlung ift der Florentiner Giovanni
ta. Imniges Empfinden und eifriges Naturftubium fpricht aus
Aquarelle „Herbjt“ von Georg Daubner. Die Mondnacht von
88 Pie Serliner Kunftausfellung.
Douzette reiht ſich feinen Delbildern würdig an. Durch eine Fülle
von Bizarrereien verſucht Fiſcher-Körlin zu glänzen, während Lotter
durch virtuofe Behandlung mittels Paftelljtift Erfolg hat. In Be
zug auf Anmuth und Lebenswahrheit fteht Paffini noch immer an der
Spige der Aquarelliften. Warthmüllers „Kaifer Friedrich am Sarge
feines Vaters im Maufoleum“ befremdet ebenſo durch die Kälte des Tons
als wie durch unbedeutende Kompofition. Breit und flüffig zaubert
Lezzos feine Venezianerinnen auf das Papier. In der Kollektiv—
Ausſtellung de Wiener Aquarelliſtenklubs zieht befonders Darnaut de
Aufmerkjamfeit auf fi. Erwähnenswerth iſt am Schluffe noch die
Sammlung Menzelſcher Aquarellen, die beweifen, mit welcher Sorgfalt
aud der itmeitier das geringfte Motiv behandelt.
Ein Werk Ienkt unter den Werken der Plaſtik beſonders die
Aufmerkfamkeit auf ſich: das ift die Srillparger- Statue von Kund-
mann. Energiſch, in eberiebenägröhe, figt der große Dichter auf
dem Sefjel, in ber Linken ein Buch haltend, die Rechte auf dem
Schoß. Der Mantel ift ihm von den Schultern zurückgeſunken und
trägt durch den glüclichen Faltenwurf zu dem mächtigen Eindrud
der Statue bei. Die offene, breite Stirn läßt ahnen, was für eine
hohe Gedanfenwelt ſich dahinter birgt. Dieje Statue ift im einer
glütfigen Stunde geboren; fie gereicht ebenjo ihrem Schöpfer zur
re, wie fie der Stadt Wien einft zur Bierde gereichen wird. Unter
dem Eindrud diejer Statue haben die andern Bildwerfe einen jchweren
Stand. Ein Chriftus von Hans Arnold muß entſchieden zurüd-
jerviefen werden. Diejer wohlfriſirte, moderne Kopf ift fein Chriftus.
on den Büften der drei erjten deutſchen Kaifer Bergmeiers iſt die
Kaifer Wilhelms L die gelungenfte, die von Joſeph Kopf ebenfalls
mit Meiſterſchaft dargeftellt it. Von Kaifer Wilhelm II. find fünf
vorhanden, von denen die Hoffmeifterjche die bedeutendfte ift.
Zwei eigenartige ausgezeichnete Schöpfungen find die Königin
Suife von Hundriefer und die von Eberlein mit dem Prinzen Wil
helm. Stellt der Erftere die fönigliche Frau als die ideale Gattin
und Mutter bar, fo zeigt die Eberleinſche dieſelbe als die unglüd-
liche Königin, die durch ihren Seelenadel fo innig mit dem preußiſchen
Volksbewußtſein verwachſen ijt. Der Cauerſche Mucius Scävola
zeigt dramatisches Leben, wird der Maffe aber wohl chenfo fremd
leiben, wie die Phaenna von Tobereng. Adolf Donndorf hat drei
Büſten ausgeftellt, von denen die Scherrs befonders charafteriftiich
iſt. Eberleins „Oriechijche Tänzerin“ ift als Trägerin des elektriſchen
Lichts eine graziöfe Geftalt, fteht aber an Gedanfentiefe dem Begas-
ſchen „Elektriichen Funken“ nad. „Die Lotosblume“ von Ende ”
eine reizende Verkörperung des Heinefchen Verfes:
„Und mit gefenktem Haupte
Erwartet fie träumen bie Nacht.“
Deffelben Künstlers Abundantia ift jedoch nur ein ins Plafti,
überjegter Kalauer. Die Porträtbüfte von Mar Klein ift an ı
für fi) eine gute Leiftung, wenn biefelbe nur nicht jo häßlich
Bir Eertiner Aunfausftellung. — Lied. 89
fürbt wäre Max Krufes Grabdenkmal lehnt fi bebeutend an
Michel Angelo Pieta an, zeigt jedoch eine grobe Kühne Auffaf fung.
Ungünftig wirft nur die häßli— dog: des Verftorbenen u
übermäßige Verkürzung des Geſichts. Der „Chriftliche Inc
von Schweinig ift im Schwung der Linien und Kühnheit der I
von hohem Werth.
Nied.
— wir werden ſchon auf Erden
Da: 3, find die grauen ba,
5% ie ferne und wie Sterne
Oder wie die Blumen nah.
Den vermeide, wer zu Leide
Serien Frauen etwas thut,
ichts entſprießen foll für dieſen
Und ſein Stern ſei nimmer gut!
Geb ihm nimmer Licht und Schimmer,
Zieht er in die Nacht Hinein!
onner jollen ihn umrollen
Und der Bit ihm Fadel fein.
Keine Blume aus der Krume
Seines Ackers foll erblüh'n!
Achtlos trät er doch nur fpäter
Oder früher darauf Hin.
Rudolf Knuffert.
Aus Veflerreid.
Reifefligge von * * *,
war ein herrliches Leben geweſen da hinten in
Die paar Wochen vergingen mir wie ein paar Tay
Bergpartien und Waldjtreifereien, immer frijche
unfere Lungen mit vollem Behagen einfogen, gı
und gute Speifen in Fülle und für nicht zu theueres Gel!
e3 war eine Freude, ein Dajein wie im Paradiefe.
Der Zug, der mich nad) Wien führen follte, ftand
dem Klagenfurter Bahnhof zur Abfahrt bereit, als ich anf
Gepäd war vorausgeſchickt, ich konnte alfo gleich einfteigen
jo ein köſtlicher a um bie Zeit heru
Sonne nicht mehr fo drüdend fcheint. Die goldenen Stra
ſchräg über die Bergkette zur Seite des Bahnhofes und wei
auf die üppig gelben Maisfelder. Ich hatte gerade noch Be
Zreunde, der mir das Abjchiedsgeleit gab, die Hand zu drü
hr der Zug um eine Ede und bald war von der Stal
urt und den hohen Bergen, bie fie umgeben, nichts mehr zu ſeh⸗
Bilder tauchten auf, Burgen, Städte, Dörfer, aber immer i
Rahmen von Wald, Wiejen und Bergen, durch den hier v
Fluß feinen Weg findet.
Die Fahrt nah Wien wurde mir übrigens herzlich I
dem Schlafen ging es während der Nacht nicht recht. Uni
doch fo gern bis zum Semmering, ber erft gegen Mory
wurde, ein paar Stündchen gefchlafen! Nun tröftete ich mi
Erwartung der fhönen Semmering-Scenerie, aber die Zeit
während der Nacht im Bahnwagen zu langſam Hin. Und zube
an, recht falt und rauh zu werden. Dft verfucht man int
Nacht da draußen Umſchau zu halten, aber man zicht den
wieder zurüd, denn es fröftelt einen oder man befommt
Staub ins Geficht, fo daß man geblendet wird.
Das kann einem auf ber Hochgesirgsfahrt gar leich
| Aus BSeſterreich. 9
Bitter kalt und umangenehm zugig war es, als wir endlich am
Semmering anlangten. Das hatte gewiß feiner gedacht, der bei Hoch-
fommerhige am Tage zuvor abfuhr und num in der Nacht da hoch
oben fror, daß er einen Pelz hätte anziehen mögen. Dean merkte
die Kälte umjo mehr, als die Bahn wie eine Schnedenpoft dahin-
roch und man obendrein, um etwas fehen zu fünnen, die enter
öffnete.
Freilich konnte der Zug auch nicht ſchnell fahren, denn es gin;
fteil bergan. Bereits in Varsuihla, hatten uns umjere Lotomer
tiven — es waren deren zwei — 672 Meter Hoch gejchleppt. Bon
da bis zum Semmering ging es noch 200 und etliche Meter weiter
hinauf. Der Bahnbau ift hier wirklich großartig und von einer
Kühnheit, die den Aengitlicden ſchwindeln macht. Die ganze Sem-
meringbahn befigt fünfzehn Tunnels und ſechzehn Viadufte, bie mit
einem Koftenaufwand von über dreißig Millionen Darf —
worden find. Kaum hat ber Zug eine Sefshähle verlaffen, jo windet
er ſich über eine graufige Tiefe auf hohem, bogigen Viaduft, von
dem aus ber Blick verſchiedene Humbert Zuß hinab auf Heine Häufer
und Hütten und winzig feine Menfchen fällt, und dann Hufcht ber
Zrain fchnell wieber auf der andern Seite in eine Felswand hinein,
um das alte Spiel von neuem zu beginnen, bis alle Tunnel® und
Thal⸗ oder Seölubtenüberbrüdungen paffirt find.
Wie weit die Menjchen in Ueberwindung der Natur find,
das erfennt man recht deutlich an diefer gewaltigen Alpenbahn, die
in fünf Jahren den ftarrenden Felsrieſen, den dräuend tiefen Spalten
und jähen Geſteinsſchichten des Hochgebirges als ein ficherer Weg
für das moderne Verkehrsleben abgerungen ift.
Als ich die Bergfahrt hinter mir hatte, fielen mir die Fugen
& und ich wachte nicht eher wieder auf, ala bis wir bereit3 in den
mfreis der öfterreichifchen Kaiferftadt gekommen waren, wo wich
mein Inurrender Magen und vom taftmäßigen Hämmern gegen die
Baggonwand fchmerzender Kopf aufwedte Ein kleiner Imbiß und
ein Schluck ungarifchen Weines half gegen das Eine, die Heilung
des andern Uebel Singegen mußte ich der Zeit überlaffen.
Wer zum erften Male nah Wien kommt, dem fallen zunächſt
die, ſchon weitab von ber eigentlichen Stadt zu entdedenben, ins Feld
Hineingeftellten unzähligen und oft erftaunlich großen Reklamefchilder
auf, die, wenn fie fleiner wären, aus ber gerne recht gut den Ein-
drud eines Friedhofes mit vielen Holztafeln machen könnten. So
nd's aber einfache Firmenanzeigen, welche unternehmende Wicner
ichäfte hier draußen zur Information für faufluftige Fremdlinge
fbauen ließen.
Man bekommt gleich in der Nähe des Bahnhofes einen Begriff
n der Regfamfeit Wiens. Geht man in eine der Hauptftrahen
aein, fo ift man überraſcht von der Menge der Kutichen, Rolliwagen,
jerdebahnwaggons, Omnibuffe und Fiaker, die da Hin- und Herjagen.
ser elegant fieht die Gegend nicht gerade aus, hier und da ein
® Aus Seferreid,
r Höteld, im übrigen Kramläden, Bazars und einfache Gebäude
Hankiren den Weg. Um das fchöne Wien fennen zu lernen, muß
man tiefer hinein in die Stadt, etwa zur Währingerftraße, wohin
man mit einem Umfteigebillet der Tramway, wie der Wiener jagt,
fonelt und billig gelangt und von wo aus man bie fhönften Ge—
ude ber Stadt auf Fequemem Rundgange erreichen kann. Wer
Intereſſe dafür hat, kann unterwegs die Fahrt auch unterbrechen,
um Ir erſt einmal das Börfengebäude oder die mit ihren prächtigen
Schauläden zum Waggon herüberwinfende Kunftgewerbeausftellung
anzufehen.
In der Währingerftraße ſelbſt kann man ſich in einem ange-
nehmen Cafs reftauriren und dabei intereffante Volfaftudien machen,
denn in Wien lebt alle Welt im Kaffechaufe: man hat Cafes für
die einfachen, und folche für die allerfeiniten Leute, aber auch wiederum
joiche — und das ift die Mehrzahl — in denen ein gemifchtes Ger
treibe zu beobachten ift. Bei einem Stoß Zeitungen und einer guten
Moffa, dazu einer duftigen Cigarrette ober einer ſchweren Virginia
hält's ber Wiener lange aus. Man lieſt gern in Wien, das ift
wahr, aber die Meiften leſen doch nur dasjenige, was leicht gefehrie-
ben ift und die Wiener Schriftiteller Eennen fchon ihre Leute und
übertreffen im leichten Plauderftil und Deutfchen bei weitem. Der
Öfterreichijche Literat hat darin eine gewiſſe Verwandtichaft mit dem
Franzofen: er liebt wie jener das ‘Feuilleton und nicht die ernit-
haften Stapitel. Wer fich einige Wochen hindurch; über die modernen
Wiener Blätter hermacht, wird die volle Beſtätigung des eben Ge-
fagten finden. Ueberall tritt ihm jprühende Lebensluſt, pridelnder,
übermüthiger, oft leichtfinniger Humor, Pilanterien, die, ect wieneriſch
einem Boccacio oder Cajanova ‘Freude machen würde. Die Kaiferjtadt
an der Donau hat viele Wit» und viele Schmugblätter, aber au
gute gediegene Zeitungen, fo die „Deutjche Wochenfchrift”, die eines
anftändigiten und Amabhängigften politifchen und nationalen
Organe ift und das befte Publikum zu feinen Lefern hat. Und was
die leitenden Wiener Tageöblätter angeht, jo haben fie — man mag
ihnen font vielerlei übles vorzuwerfen haben — doch einen Vorzug:
den vortrefflicher Mitarbeiterichaft und Information.
Wien ift ſchön! Wer wollte es bejtreiten, der einmal drüben
jewefen ift! Die Preffe läßt ich in dieſer Sache nicht leicht etwas
rein reden und fie braucht es auch nicht. Wien hat jhöne Straßen
und ſchöne Paläfte, ſchöne Gärten und Lokale und ein gemüthliches
ben, wie jelten eine beutjche Stadt. Wien ift gemüthlicher noch
als Münden, auf alle Fälle aber ſchon im äußerlichen anjprechender.
Uber das herrliche Wien Hat feinen feinen Vorzügen entjprechender
Fremdenverkehr, e3 wird verhältnigmäßig viel weniger befucht alı
3. ®. Münden. Es war im Auguft, als ich die Ringſtraße und
ine Nachbarſchaft betrat und die gewaltigen großen und jchönen
‚onumentalbauten deſſelben bewunderte, an einem jener heiken Tage,
an denen der Einheimiſche nur ungern ausgeht, aber dennod) hätte
Aus Beſterreich. 93
fi mehr Leben vor dieſen Gebäuden entfalten müfjen. Ich ſtand
aber fo ziemlich einſam als Beobachter der Baufchönheiten, etliche
vorübergehende Wiener warfen, wie es ſchien, bedauernde Blicke auf
mich, ber in der brüdenden Hige Zeit und Luft zu Fünftferifchem
Genuſſe fand, und ein Dienftmann, der mir gegemüber unter einem
ſchattigen Portale ſich aufgeftellt hatte, fam auf mic) zu und bot
mir feine Dienfte an in ber Meinung, daß ich etwas ſuche. Warum
ſchaute ich auch immer fo rundherum!
Ich ließ das großartige Stadthaus, einen Palaft, wie ihn fchöner,
vornehmer und umfänglicher wohl feine Hauptſtadt Europas aufzu=
weifen hat, die imponirende Berjpeftive, die man hat, wenn man,
bon ber Oper ausgehend, an der Kunſtakademie vorbeibummelt, die
außen ſchon ihre Bebeutfamfeit kund thuenden, ftolgen Mufeen, die
bie ganze Majeftät der Wiffenichaft athmende, prächtige Univerfität
und das Uebrige im Stich und fuchte m einem Cafe unter Kolon-
naden Zuflucht.
Ja, Wien hat nicht gerug Sremdenverfehr. Viel Schuld mag
wohl auch darin Liegen, daß der Ort ein theures Pflafter hat. Se
Bien ift alles tHeuer, nur bie Pferdebahnwagen und das Bier nicht.
Aber der Fialer. der in ber Wiener Geſellſchaft eine mehr als nöthige
Rolle ſpielt und in feinem Aeußeren ziemlich elegant auftritt, dabei
aber bo — en A: als unfer Droſchkenkutſcher, fpielt den hohen
Preiſe und fordert oft unverfchämte Summen, überjteigt
iufig die behörblich feftgefegte, ohnehin ſchon nicht geringe Taxe
mit erftaunticher Kühnheit. Dann find and ie Sara theuer Fi
während man in Berlin bequem und jchnell ein Siliges Obdach fin-
den kann, hat man in der öfterreichifchen Hauptſtadt lange zu fuchen!
Man fühlt fich beinahe nad) Paris verfegt, wo e3 auch nicht gerade
immer leicht ift, zu mäbigen 4 Preifen einen Unterichlupf zu befommen.
Was aber für den Geldbeutel des, den ganzen lieben Tag und wo—
möglich noch bie halbe Nacht dazu auf · den Beinen befindlichen ſeh⸗
und koftbegierigen Wien-Befuchers auch nicht fo ganz ohne ift, das
ift die üble, in Defterreich erſi vecht —— Sitte des Trink⸗
ldgebens. Sans gewiß, Diefe, nennen wir fle gleich mit dem rechten
en, Unfite, ft febigtich in Oeſterreich Ey ihrem En sclten Bunte
gediehen. Dort giebt und nimmt faft alle Welt Trinl und wenn
man ſich der Mobe nicht anpaft, IH ift man eben nicht courfähii %
ven femeibig,, fonbern ein dem „an paar Kreuzerle
drud'n“. Man wundert ſich nennt wohl, wie Fi mögtie
6 alle Welt überall mit den „paar Kreuzerln rinig eld“ um fi
5 und hält bie Zeute, bie jo handeln, vielleicht für ve, aber ball
ird man eines befjern belehrt: in Defterreich wird eben flott gelebt
id das Geld geht jchnell durch Die Finger, ohne Sorge um bie
utnft, Die Noth und Entbehrungen und allerlei anderes bringen
em Sommer bietet Wien übrigens wenig Berftreuungen und
8 ift vielleicht auch ein Grund, weßhalb fo wenige Fremde hier-
9 Aus Seferrei. \
her kommen. Die Eingeborenen, deren Mittel es geftatten, ehen
in die Sommerfrifchen um Wien oder ins VBöhmerland, in die Alpen,
an die See und wer weiß, wo noch hin; die großen Theater, das
k. £. Hofburg- und Hofopern-Thcater, das Theater an der Wien find
eichloffen und man Hat, da man doch mit ber architeftonijchen
hönheit einer Stadt, ihren Prachtgebäuden und Mufeen und dem
übrigens unbejchreibbar ſchönen Rundblid vom Kahlenberge aus auf
das Häufermeer, mit alledem allein nicht zufrieden ift, feine liebe
Noth, fich irgendwo auf großſtädtiſche Art zu vergnügen. Ein Kon—
‚ert im Volksgarten, die drei guten Kapellen in den Pratercafes
ieten etwas und wenn man gloint etwas Schaufpiel fehen will,
vielleicht eine Poffe, die öfterreichifches Leben vorführt, oder irgend
ein leichtes Stüd, jo muß man ſchon in das Fürjt-Theater, das im
Prater liegt, hinausgehen oder zum Sommer-Theater in Mödling
fahren.
Ich war recht übermüdet vom vielen Laufen, Fahren, Steigen
und Schauen, als ich der ſchönen Stadt an der „blauen“ Donau (die
hier übrigens, beiläufig bemerft gar nicht jo blau ift) den Rüden
wandte und freute mich nach den Tagen der Aufregung auf eine
ruhige Heimfahrt, bei der man ungejtört feinen Gedanken nachhängen
Tann. Schach der Menfch denkt und Gott lenkt. Traf ich da in
Außenhalle des Bahnhof3 einen Bekannten vom Bremer Lloyd, der
eine Geſellſchaft froatifcher Auswanderer nach Bremen zu befördern
hatte. Die Leute — etwa ein Dugend Fräftiger, gebräunter Männer
im beften Alter — verftanden kein Sterbenswörtchen Deutſch, aber
man forgt für alles auf der langen Fahrt, die dieje Männer von
ihrer abgelegenen Heimat bis zur neuen Welt zurüdzulegen haben
und auch drüben find fie nicht gleich verlafjen, denn jchon in Wien
wurden ihnen auf dem Bahıdet kroatiſche Adrehfarten eines New⸗
Yorker Gafthaufes, in welchem fie fi in ihrer Sprache verftändigen
und Landsleute antreffen Tonnten, übergeben. Weiter erhielten fie
je eine Fahrfarte dritter Klaſſe bis Bodenbach, wo bekannilich Zoll-
revifion ift, dazu einen Karton, auf dem aufgedrudt jtand, daß der
Portier in diefer Grenzitation dem Inhaber jolcher Karte ein Billet
ur Fahrt nach Dresden löſe, was zwijchen bejagten Portier und
loyd ſchon vorher vereinbart ift. Dann händigt man jedem ein
kleines Papiertäfchchen, in gem einer Droguendüte ein, welches den
Betrag für die Fahrt von Dresden nad) Leipzig in deutjcher Münze
enthält und gegen. deffen Abgabe fie auf dem Bahnhof in Dresden
eine Fahrfarte erhalten. In Leipzig empfängt fie dann ein Agent
des Lloyd, .giebt ihnen freies Nachtquartier und fchafft fie andı
Tages weiter. Auf diefe Weiſe haben die Leute nirgends mit dei
chem Gelbe, das fie gar nicht fennen, zu framen und werden n
Heine Kinder überall väterfich verforgt. Ich follte nun für di
rotesfe, beohringte Geſellſchaft ein wenig ſorgen — bat mich mı
jefannter — und zwar in erfter Linie, daß fie in Bodenbach, ı
unfer Zug nur furze Zeit anhielt und in den paar Minuten d
Aus Oeſterreich. 9
Gepäd revidirt und neue Billets gelöft werden mußten, nicht etwa
figen blieben. Dan ftedte ihnen den Karton und die geldgefüllte
Bapierdüte mit einer Sicherheitsnadel an den Rod, der Bommetfcher
hielt ihnen eine mehrmalige Auseinanderjegung, daß ich mit ihnen
einen Weg habe und fie mir nur folgen tollen, denn ich würde
unterwegs alles für fie nöthige befchaffen. Außerdem wurde ihnen
noch eingeprägt, in Bodenbach mit lauter Stimme den Namen des
ttierd — der ihnen mehrfach vorgefprochen wurde — auszurufen.
ie das nun gewöhnlich jo bei Slaven der Fall, jo auch hier, bie
Leute, anfänglich furchtbar mißtrauifch, find, wenn einmal ihr Miß—
trauen überwunden it, die vertrauengfeligften Menfchen.
Nachdem fie bemerft Hatten, daß ich ein ehrlicher Kerl fei, der
& gut mit ihnen meine, hingen fie wie die Stletten an mir, drängten
immer in benjelben Waggon, wo ich Pla nahm, was den Schaffner
md die Pafjagiere jchlieglich zu der Anficht brachte, ich jei der An—
führer der martialischen Kroatenhorde. In Prag, wo wir eine halbe
Stunde Aufenthalt und und — das heißt ich zunächſt und die
Uebrigen als treues Gefolge hinterdrein — im Wartejaal niederges
inflen Ep fragte mid) Fogar jemand, warum ich mit meiner Ge⸗
ſeüſchaft nicht auch in Prag Vorftellungen geben wolle. Dummheit!
Ruß man denn El ein Theaterdireftor oder dergleichen fein, wenn
man mit einem Dugend ftämmiger Kroaten anmarſchirt kommt! Die
Leute hatten übrigens auch Schaden von ihrer Anhänglichkeit, denn
fie Liegen ich allemal dafjelbe an Eſſen und Trinken geben, was ich
mir beftellte, indem fie mit den Fingern darauf deuteten und dem
Kellner Geften machten. Xerlangte ih, was einem Touriſten im
Defterreich gar nicht zu verargen ift, eine Halbe guten Weines, fo
wollten ihn meine Kroaten auch haben. Ich Konnte nicht einmal
jenreden, denn ich verftand nicht einen Laut des edlen kroatiſchen
Idioms. Aber ich bejhügte fie wenigſtens vor Prellereien und be—
wirkte, daß fie ohne Zeitverluft nach Dresden famen. Hier wollte
id mich drüden und erft ein paar Stunden fpäter nad) geinpig
fahren, weil mir denn doch mit der Beit die lärmenden und jtar!
ausdünftenden ſüdländiſchen Neifegefähtten läftig wurden, aber wer
beſchreibt mein Exftaunen, al ich zum Bahnhof komme und die treue
Sippe dort meiner harrend finde! Mit einem Freudengeſchrei, das
einer Indianerhorde Ehre gemacht Hätte, nahmen fie mich in die
Mitte, mußten aber irogpem und zu ihrer größten Bekümmerniß von
mir jcheiden, denn die Söhne der froatifchen Berge fuhren von nun
A vierter Kaffe, während ich eine Stufe höher meinem Ziele zu-
ierte.
—+808-—
Deine, Google
Deine, Google
m
Am Kamin. 97
Klara und Karl fahen ſich an, und ihre Seelen erzitterten, fie
wußten beide nicht, wie es fam. Er und fie, jedes faum ein Jahr
verheiratet, waren biöher heiter, glücklich, wunſchlos gewejen.
Nun vergaß Karl feine Frau, Klara ihren Mann, fie erglühten
plöglih für einander, willenlos, unbewußt. Ihre Blicke offen zus
jammen; er erſchauerte, als er plötzlich mit der Fußſpitze das Fuͤß—⸗
hen ſeines Gegenübers berührte. Wie wenn eine efektrifche Ver—
bindung gejchlofjen wird, ein leiſes Klingen des Apparates ertönt,
fo erflang etwas in ihm und hörte nicht auf zu tönen und zu Flirten:
„Du liebſt fie! Sie muß Dein fein! Sie muß Dein fein! Sie
muß Dein fein!“
Er ging ihren raphaelifchen Zügen, ihren edlen Contouren mit
dem Auge, wie mit dem Pinfel nad).
Er fand nichts tadelnswerthes an ihr.
Schön war fie vom Scheitel bis zur Spige des kleinen Ball-
ſchuhs. Ihr ſchwarzes Haar wie Rabengefieder, ihre dunklen Brauen,
ihre großen, mandelförmigen Augen, der jchwellende rothe Mund —
nun lächelte fie — die jasminweißen Zähne, der Hals und Bufen
von Hajfiichen Linien, die Arme, fo rund und weich, zum Umſchließen
gemacht, alles zog ihn magijc an. Ein ſchwarzes Sammetkleid diente
dem blühenden Ascher zur Folie, die den Edelftein noch bligender
und bfendender erſcheinen ließ. Ein paar einfache Roſen im Haar,
an ber linfen Bruft hoben ihren matten Teint von Elfenbeinmweiße.
Nun erklangen die erften Takte zur Fauftpolonaife von Spohr...
Wie mit einem Zauberſchlage erlofchen die heißen Gasflammen
md in denfelben Luftres blühte mildes Glühlicht auf, die Gefichter
der Menſchen geiiterhaft verändernd. Wie eine Elfin erichien fie
ihm, die im Mondlicht auf der Nirenwiefe den Fuß zum Tanze hebt.
Senn die Melodie durcheilte ihre Seele, das ſah er; fie bewegte das
feine Füßchen im durchbrochenen Seidenjtrumpfe zum Takte: nun
ſtand jie auf. Klaras Mann gab — Frau Marthe den Arm, Karl
führte Klara.
Vier ſchönere Menjchen wären nicht im Ballſaal zu finden ge-
weſen. Marthe blidte mit Stolz und Liebe auf ihn. Klaras Gatte
ſchtitt bewundernd hinter ihr drein.
Karl und Klara, aneinander gelehnt, Arm in Arm, hatten die
beiden andern vergefjen, ausgelöſcht wie für alle Zeiten aus ihrem
Sebädhtniffe.
Ihnen fehlugen nur einige Minuten des Zufammenfeins; fo viel
war zu jagen umd fie fanden feine Worte. Sie wartete auf feine
imme und ihm war die Kehle zugejchnürt, der Gaumen vertrod-
‚ fein Wortſchatz geitohlen. Das einzige, was er auf den Lippen
id, hatten Taujende ſchon vor ihm zu Tauſenden gejagt. Es
ien fchaal, abgejtanden, wie offengelaffener Champagner von gejtern,
> ein Veilchenſirauß, ohme Waſſer geblieben nach der Ballnacht.
Und doch wollte er jtammeln: „Sch liebe Sie —“ Di — —
Da gingen die Töne der Polonaife aus ihrem ſchleppenden
Der Salon 1889. Heft I. Band I. 7
2.98 Am Kamin.
Viervierteltalt in einen Walzer über — in ben berüdenden aus der
„Nacht in Venedig“ vom Walzerfönig!
Er ſprach nichts, umfchlang fie und fie flogen dahin, wie Göt-
ter auf goldenen Sandalen, mit feinen QTaubeuflügelchen an den
Knöcheln! Und vajcher, weiter und höher, hoch über die armſeligen
Großftäbter und Feſtgenoſſen, hinaus, durch das Teiche Dad, aus
der November-Nebelluft in den Aether von gelns und Eifdien und
um die Mitternachtsftunde jchien ihnen die Sonne des Praziteles.
Erſchöpft janfen fie in die Folhfammtenen Seſſel und trodneten
fich die jugendlichen Stirnen. — Man riß fie auseinander. — Die
Götter im Exil! — Und er ſprach mit dem Mann, ber mit feiner
Frau getanzt hatte und die Frauen faßen nebeneinander und plau—
derten von Noben und Spigen, vom Wettrennen und nächſten Ba—
zar. Sie kannten fich genau. Sie befuchten fid) oft.
Karl aber jtand, an eine Marmorjäule gelehnt, die feine Schul-
ter _durcheifte, während rings um ihn her jegliches zitterte, wie bie
Luft über einem Auguftfornfelde.
So ſchien ihm alles heiß und lebensfroh, wo er fie jehen fonnte,
Ben wo fie fehlte. Er verjchlang fie mit den Augen. O, wie ſchön
ie war!
Und wieder kamen fie zufammen und zum Tanze.
Jetzt ſprach er.
„Sie ſehen wohl ein... . Du ſiehſt wohl ein... daß es
i fein muß!“ flüfterte er in ihr Ohr. Sein heißer Athem verſchob
ö en dunklen Flaum ihrer Schläfe, ihres Nadens.
„a!“ hauchte fie.
: „Wann? Wo? Morgen! Nicht wahr!“
1 Ja, morgen.“
: no?“
. Ich weiß nicht“.
Sie mußte innehalten. Tanzen, fpredien, das alltägliche! Ihr
gen drohte zu zerjpringen. Sie ftanden. Man riß fie auseinander.
war der Verzweiflung nahe. Wo? Wann?
Nun ſaßen die beiden Frauen wieder Seite an Seite. Marthe,
ahmungslos, glücklich, ftrahlend, denn man Hatte auch ihr gefagt, daß
fie fhön fei und fie war froh darob: — ihre Schönheit mußte dann
auch ihm, ihrem Gatten gefallen. Klara, verwirrt, zerftreut, mit
fliegender Bruft und Hocherglühender Vang
Nun ſtand er neben ihr und fein Auge fragte noch immer.
Man brach auf, man kam, Abfchied zu nehmen. Und noch immer
" feine Gntfebeibung.
ö Da jagte Klara zu feiner Frau, zu Marthe:
„Sch komme morgen Nachmittag zu Ihnen, mich nach Ihrer
Befinden zu erkundigen.“
Das Feſt war zu Ende. 2
Er warf ihr die Sortie de bal über und berührte mit fiebern
den Händen das Elfenbein ihrer göttlichen Schultern.
P Am Kamin. 9
Eine Halbe Stunde fpäter ſchloß ihn fein Weib in die Arme
und die alte Scene der Wolfgang Goetheſchen „Wahlverwandtichaf-
ten“ wurde wieder einmal von anderen Schaufpielern gejpielt.
Tags darauf, am Namittoge, erfundigte fie ſich nach der Ge—
fundheit feiner Gattin. Diefe jah bla und ermüdet aus. Sie
glühte in unheimlichem Feuer. Die beiden Frauen tranfen den
Kaffee zufammen, fie tauchte mit den feinen Fingern die zarten
Bisluits in das braune, arabijche Getränf und man beſprach die
Toiletten vom gejtrigen Zeit. Marthe bemerkte nicht, daß Klara un-
ruhig und nervös war, und immer nach der Thüre ſah. Endlich
frat er ein. de harnloſ Keigi —
ie wurde ein harmloſeres, gleichgiltigeres Geſpräch geführt.
Man vergaß in der traufichen Intimität des —ESE— Dam
merung jogar ben lichen Nächſten noch fehlechter zu machen, als er
ohnehin war.
Klara brach auf. — Marthe bat Karl, die Freundin zum Wa-
gen zu geleiten, da er um dieſe Be ja in den Klub gehe.
i Mit einem flüchtigen Kuffe jchieden die Frauen. Karl geleitete
Kara hinab.
Es war mittlerweile finjter geworden. Die Laternen brannten
noch nicht. Er Half ihr in den Wagen und ftieg ungejehen mit ein.
Die Kutjche, ein gewöhnliches Lohngefährt, rollte davon.
Sie umfingen fi gleichzeitig und ihre Lippen brannten in
einem langen, lan, erjehnten tufje ineinander.
| Nach einer Ei e bat fie ihn, mit ihr auszufteigen. Sie ver:
| abicjiedeten ben Wagen umd fragten ſich noch immer, Aug’ in Aug‘,
Hand in Hand, die Frage vom geftrigen Valle: Wo?
Arm in Arm irrten fie in den Seitengaſſen umher, bald an
einer menjchenverlafjenen Straßenede ftehen bleibend und einen Kuß
wagend, dann wieder in belebtere Zeilen gerathend, die von Gas—
flammen und elektriſchem Lichte aufglänzten.
In ihr kämpften jegt zwei Gedanken eine heiße Schlacht. Ihm
angehören und ihm — Das Glück, einmal an ſeiner Bruſt,
in ſeinen Armen zu ruhen, alle Seligkeit unerlaubter, verbrecheriſcher
Liebe zu durchkoſten, das wollte, dad mußte ſie genießen. Und dann
ſah fie ein behagliches, Tangvertrautes Heim, die hundert Kleinodien
ihres beglüdten Haufes, wo fie jegt ein märmendes Kaminfeuer, die
Lampe, der begonnene Roman unter feiner gelben Einbanddede, er-
warteten. Dann fäme ihr Gatte nach der Arbeit vom Bureau, einen
Kup auf ihre Stirne drüdend . . . wie wollte fie ihm wieder unter
Augen treten?
Aber auch er Hatte feine Gedanken. Er ließ die Fortwollende
it los.
Aber mitten im Taumel überfam beide das Bewußtfein, daß fie
‚ inermehtichs Unrecht zu thun im Begriff ftanden. „Ich Elendel“
f fie aus. Er erſchrak. Die allzuheftige Erregung, die durchtanzte
q*
Nacht, die Liebe feiner Frau, die ungemohnte Behaufung, in allzu
grellem Gegenfag zu feinem, mit allem Komfort ausgejtatteten Heim
trat zwifchen die beiden... .
Sie weinte ... . Eine peinlihe Pauſe entjtand .. .
Beichämt, troftlos, liebend, geliebt, unfchuldig, fich befledt ik
Iend, entfloh fie vom Ort ihres Verbrechens. — Wie fie nach Haufe
kam, wie fie fich zu Haufe benahm, fie wußte es nicht. — Aeußer⸗
ih waren alle diefelben. Aber wie unglüdlich alle. Die innere
Veränderung blieb feinem verborgen. Karl, Liebevoller gegen feine
Frau, verzehrte fid) in der Sehnſucht nad) einem zweiten, geheim-
nikvollen Zufammenfein mit Klara, das jie nun und nimmer be-
willigen wollte. Die glüdliche Unbefangenheit beiber. Chen war ge
ftört. Die nichtsahnende Frau Marthe fragte ſich, ob ihr Gatte
Karl Frank fei, jo zerjtreut und verwirrt erfchienen ihr oft feine
Antworten. Der nichtsahnende Gatte machte diefelben Bemerkungen
an feiner fi im ftillen zermarternden Frau. Karl fiechte hin an
unbefriedigter Sehnfucht, Klara zerquälte ie) in Gewiffensbiffen.
Sie hatte ihres Mannes Vertrauen getäufcht, jie Hatte die Ehe ge-
brochen, fie fagte es ſich ſtündlich, in beſchäftigungslos verbrachten
Tagen, in fieberhaften, ſchlafloſen Nächten. Alle Höllen Dantes machte
fie durch, alle Kreife durchlief fie. Sie konnte ihm nicht mehr im
das fo offene, fo feelengute Auge ſchauen. Wenn fie ihn anjah,
verglich fie ihm mit dem Verführer; was hatte diejer voraus? Beide
waren tüchtige Männer in ihren verjchiebenen Sphären, beide werth,
geliebt An werben.
„Wie verächtlich ift das Weib“, fagte fie fich, „das ihren Lebens
halt um eines Sinnesraufi willen zerbricht, wie verächtlich Der
Mann, der, gebunden, alle Bande zerreißt, und beſſer als Weib
wiffend, was er thut, die glüdliche Ehe eines andern, eines Freun-
bes zerjtört!”
Es ward dunkle Nacht um ihre Seele, ihre arme gequälte
Frauenfecle!
Wie aus dunkler Nacht allmählich die Morgendämmerung, die
Morgenröthe, die Frühfonne auftaucht, jo ſtand'es endlich vor ihr
in leuchtender Klarheit:
„Du mußt Deinem Marne alles, alles fagen, eingeſtehen!“
Es war ein Kampf, der fie dem Wahnfinne nahe brachte.
Diefen edlen, gejegten Geift jollte fie in feiner Ruhe ftören,
aus feiner Sicherheit auffchreden? Ihm das Gift der Eiferfucht,
der Schande in den Becher des Lebens gießen. Nimmermehr! Lies
ber den nagenben Sömer, bis an die Zeit der bleichen Haare e
dulden. Sie welfte Hin, die Blühende, wie die vom Wurm ang
" freffene Rofe. s
Endlich erg fie es nicht länger. Mußte der Edle, Au
opfernde, um fie Beſorgte, Betrübte nicht verzeihen? War ein G
witter nicht befjer, reinigender, als dieſe unheimliche Schwüle, al
diefer Herbftnebel im Juni des Lebens?
|
\
|
100 Am Kamin.
Am Kamin. 101
Und die Stunde fam.
Sie ſprach!
Der Bellagenswerthe!
Eine wonnige Stunde war's, als fie ihn in die Arme ſchloß
und — beichtete!
Er war tonlo3.
Dann fuhr er auf. Er focht mit den Händen in der Luft um-
ber; fie glaubte, er würde terben. Aber dann fchlug er fein Weib.
Sie empfand es wie bie jüßefte Liebkoſung. Ihr wurde wunder
leicht. Ihr Verbrechen fiel ab von ihr.
Eines aber konnte er ihr nicht abtrogen. Nicht durch Miß—
handlung, nicht durch Drohung, nicht durch die Ausficht auf Ver—
zeihung und Verjöhnung: den Namen des Mitjchuldigen.
Und drei Epochen, die unter diefen Zeichen fanden, folgten
nun in ihrer Ehe.
Ihr Gatte, von Natur aus ein ehrlicher, braver Menſch und
Charakter, war wie umgewandelt nad) der durch Gewiſſensbiſſe her-
beigeführten Enthüllung. Das reuige Geftändniß Hatte ihn zu einem
anderen gemadt. Er war glüdlich in Hingebendem Vertrauen auf
die Unantaftbarkeit der Ehre feiner fchönen Frau geweſen. Nun
war eine Saite in ihm geriffen. Der einjtige Optimift jah alles
ſchwarz, überall Gejpenfter. Er hatte ein gutes Herz gehabt und
fuhr num fort, die unfelige Schufdige zu quälen, zu tyrannifiren.
Kein Wort war ihm hart genug, er ward roh und graujam. Sie
Titt unfäglich, aber ohne Klage; fie verdiente noch mehr des Elends,
jagte jie fich ſelbſt. Dann drohte er ihr, fie zu verlafjen, große
Reifen über See anzutreten, id) von ihr zu fcheiden. Sie Rehte,
weinte, ſchwieg. Das Geheimnik blieb in ihr begraben.
Heroiſch war ihr Widerjtand, als er ſich endlich aufs Bitten
verlegte, verſöhnt ſchien und fie mit den alten Schmeichelworten um-
fing. Sie liebte ihn ja, und er konnte, er mußte verzeihen. Aber
follte fie das Elend auch in die nichtsahnende Bruft der Gattin von
ihm tragen, die Freundin unglüdlich machen — war's nicht an
einem zerjtörten Zamilienglüd genug?
Sie wußte, ihr Gatte würde ihn proboziren. Der Ausgang
eines Duells ift nicht vorherzufagen, und fonnte der Tod eines der
beiden Männer Sühne für ihr Vergehen fein? Wäre die Freundin
minder zu beffagen ala Gattin eines Mörders, denn als Witwe —
ihres Geliebten? Sie ſchwieg.
Der Verkehr zwiſchen den beiden Zamilien nahm ab, beſchränkte
auf die nothwendigiten Befuche, welche nad) und nad) auch aus-
%t. wurden.
So lag die Möglichkeit einer Entdedung ferner als je.
Sie lebte demnah in bejtändiger Angjt und Aufregung, ihr
an fönne den Namen jeines Beleidigers durch Zufall erfahren.
hatte feine ruhige Stunde, glüdlos jichte fie dahin, ihre Schön-
die Urſache des leidigen Begebniffes, ſchien für immer zu fchrin-
102 Am Kamin.
den. Sa, fie jah es jegt au fich vollzogen, das Urtheil, weldes
Welt und Dichtung feit Jahrtauſend gefällt: jede Schuld verlangt
ihre Sühne. Ob ei die Buße, die Kae der Nemefis nun auf
offenem Markte vollzieht, vb die Strafe für die gebrochene Ehre wie
im rauheren Mittelalter im Hinausftellen an den öfienttigen Pran⸗
ger, in jenem Eſelsritt beſteht, den die Schuldige, im Büßerhemd,
mit dem Geſichte nach, des Grauthiers Kreuz, durch die Straßen der
Stadt thun mu — ob ihr eigenes Gewiften die Stelle der Erin-
nerungen vertritt, es bleibt fich gleich; cs giebt cine pvetijche und
eine wirkliche Gerechtigkeit!
Eines Abends üben die Gatten vereinfamt in ihrem einjt fo
traulichen Keim.
Der Dann fragte dies und jenes und ig:
„Warum haft du denn das Haus der *,* jeit Jahr und Tag
ganz vernachläſſigt? Zrüher.... .“ Cine glühende Röthe überzog
ihr Gefiht. Nun fchien alles zu Ende.
Argwohn war ein ftändiger Gaft in feiner Seele und denn
bemerkte er ihre Verwirrung nicht. Sie faßte ich Heldenmüthig um
fagte mit bebender Stimme die gleichgiltigften Worte:
„Du weißt ja, daf ich jede Geſellſchaft meide. Wenn es Dir
recht ift, können wir heute Abend noch zu den *,* gehen!" Und
fie gingen!
Das war das höchſte und legte Opfer, das von ihr gefordert
mube. Sie jah den Räuber ihres Glückes wieder und ihr Herz
utete.
Vier Jahre waren feit jenem verhängnißvollen Abende verfloffen.
Wiederum ſaßen die beiden allein in ihrem trauten Gemad). Das
Glück hatte dem Gatten Klaras Farm er war reich geworden;
Bilder, Statuen, wertHvolle Antifen ſchmückten feinen Saal. Auf
dem gebedten Tiſch glänzte Silber, bligten friftallene Flafchen und
Gläſer. Es Hopft. Eine ftattlihe Amme in ihrer märkiichen Na-
tionaltracht bringt Hans, den Baby, zum Gutnachtfuffe herein. Der
Gatte drüdt einen Kuß in das Haar feiner Frau.
„Welch' prächtiger Burſch'! Der kann einmal die Elfe der *,*
Heiraten!“
Klara erbebt und erbleicht. Sie iſt wieder ſchön, dämoniſch
ſchön. Aber es giebt fein volles Glück mehr für fie; Die edlere
Seele, die ſich einer großen Schuld bewußt, jteht ewig am Pranger
ihres eigenen Gewiſſens.
Weber das Küſſen.
Bon Bilh. F. Brand.
Oftmals wie Verliebte ſich unterfangen haben zu fchildern, wc
ein Kuß ift, oder gar, wie er fchmedt, find fie dabei doch mot!
wendigerweife allemal ein erklecliches Hinter der Befchreibung t
Fr
Am Kamin. 103
wahren Thatbeitandes zurüdgeblieben. Einmal weil der fühe Zauber,
die Wonne und Seligfeit, welche beim Küſſen die beiden Operiten-
den durchzuden, nad) dem Urtheil von Kennern jeder Bejchreibung,
fei fie auch in den allerüberjchwenglichften Ausdrüden gehalten, ſpot⸗
ten, fodann aber aus dem höchit einfachen ernüchternden Grunde,
weil das fehmatgenbe Aufeinanderprefien von zwei Lippenpaaren an
fi, nad) dem Ausſpruch derjelben Autoritäten, abfolut feinen Ge-
ſchmack haben fol. Es giebt Völkerſchaften, die eben jenen wonnigen
Kigel empfinden, wenn fie ſich mit dem Gegenftand ihrer Liebe die
Nafen aneinander reiben und nach deren Coder der Moral unjer
modus operandi zur Erzeugung dieſes Kigels für höchſt unäſthetiſch
und unzuläjfig gelten mag. Ja wird nicht ſelbſt bei ung zu Lande
denen, Die ſoeben erjt dem nedijchen Stnaben mit dem Bogen zur
Beute gefallen, die die eingeimpfte Saat erjt in den zarteften Kei—
men ihrer Entwidelung verfpüten, eine noch viel entferntere Berüh-
tung mit dem geliebten Weſen, genau jenen jelben efeftriichen Zauber
en? Wird einst der kräftigite Jüngling in diefem Stadium
des Verliebtſeins durch das leifejte Streifen des Kleiderfaums der
Geliebten ſich von jenem Wonnenfchauer Durcriefelt fühlen, der
ihm Herz und Beine erbeben macht, nicht fchon durch den flüchtigen
Austaujc) eines Blicks aus den rafch zu Boden gejenkten Augen
oder indem er nach Art eines Wagnerjchen Heldenideals, die ganze
lodernde Liebesglut feines pochenden Herzens in den Ungrund des
Bonnemeeres ihres befeeligenden Blides hinabtaucht, eine Prozes
dur, die Ben Ionjon jo herrlich beſchreibt, indem er jagt:
„Drink to me only with thine eyes
And I will pledge with mine.“
Und wenn der Jüngling nun meilenweit von der Geliebten ent
fernt, eine Bufenfchleife, die fie getragen, an feine Lippen drückt, wie
ichmedt dem das? Und wenn er nun, jagen wir aus Verſehen, —
etwa im Dimfeln, — ein paar andere ebenfo tofige Lippen küßte,
würde ew den Unterfchied fofort gewahr werden? Vielleicht! ja an
bejonderen Eigenthümlichteiten der individuellen Lippen höchſt wahr-
ſcheinlich, an ihrer Mustelthätigfeit und andern individuellen Eigen-
ſchaften, deren eingehendere Aufzählung leicht appetitverderblich wirken
könnte; aber nur am Geſchmack des Kuſſes am jich doch ficher nicht.
So fagen wenigftens die Kenner, und wer e3 ihnen nicht glaubt, der
mag das Experiment immerhin einmal ſelbſt anftellen, d. h. er mag
aljo, wenn er je einmal in die unglüdliche Lage kommen follte, der
Verkehrten einen Kuß zu geben, jedenfalls den einen Vortheil baraug
hen, daß er nun jerort feine Vergleiche anftellt.
Müſſen wir aber bis dahin unbedingt an der Thatſache feit-
Iten, daß der Kuß per se feinen Gejchmad hat, fondern nur durch
: feefifchen Nebenumftände zu einem wahrhaften Genuß wird, jo
U der Hohe Werth deſſelben aus dieſem Grunde doc) keineswegs
a und unterjhägt werden. Im Gegentheil, wir wollen gern an-
teımen, daß von all den erwähnten Lebens- und Liebeslagen feine
104 Am Kamin.
u einem gedeihlichen Werke jener befeligenden feeliichen Neben
Umftände — die aber doch die große, füße Hauptſache find! — au
nur annährend fo angethan it, wie der Kuß. Warum das um
wie, wäre wieder ſchwer mit Worten zu erflären, und jedenfalls wäre
die Erfahrung auf diefem Wege in viel umftändlicherer, unzuverläf-
figerer und Langweiligerer Belle gejammelt, als durch Vefolgung des
Raths der Autoritäten, die den unfundigen Wißbegierigen auf das
einfache Mittel der Peak Verfuchsanftellung verweiſen.
Wenn wir den Kuß hoc ftellen, jo Haben wir dabei nur bie-
jenigen Spezies von Küffen im Auge, die — mit Genuß und
vor allem aus dem edelſten Motiv, aus reiner Liebe gegeben und
empfangen werden. Denn es giebt — leider! — auch noch zahl-
reiche Unter und Abarten von Küffen, die in der Welt zu nichts
nügen, als zur Förderung von peinfichen Unbequemlichfeiten, zur
Heuchelei und nicht felten jeldft zur Erregung von Widerwillen und
Ekel, nur dazu angethan find, den Rus in feiner Lauterfeit und
Erhabenheit zu einer elräglichen Gewohnheit- und Etifettenverrich-
tung hinabzuziehen, zu der Beifeitigung alle, denen die Erhaltung die—
jer edlen Lippengymnaftit in ihrer reinften Form wahrhaft am
Herzen liegt, ihr möglichftes thun follten. Dahin Be ört zunächft
jedwedes Küſſen unter Zugehörigen dejjelben Geſchlechts, vollen!
unter Männern. Es fünnte das faft ala eine Verwirrung menfch-
ficher Triebe hingeftellt werden, wenn dies nicht lediglich in der Ges
wohnheit ihre Wurzel hätte. Diejes Wännerfüffen, welches in
Frankreich in feiner vollften Entwidelung fteht, gift in Cngland für
zu unmännlic) und verächtlich, als daß man fich dort je dazu her—
bei ließe. Mit Recht behaupten die Engländer, daß ein Kuß unter
Männern — und feien es au die beften Freunde oder Vater und
Sohn — feinen eigentlichen Genuß gewähren kann; und daß zu
jedweder Liebesenpehun und Befiegelung der würdigere, männliche
Handichlag ausreiche. Freilich ift dafür das Küſſen unter Frauen
und Mädchen in England um fo ftärker im Schwange, ein Zuftand,
der fi vom Standpunkte des rein ätheriſchen Küfjens aus ebenfo
wenig rechtfertigen läßt.
öchſt verwerflich ift auch das jo ausgedehnte Syitem des Kin—
derküſſens vonfeiten folcher, die fich zu den mehr oder weniger
ern gefehenen „Zreunden des Haufe“ rechnen oder wohl gar fremde
enjchen find. Den Kleinen ift es eine Plage, der fie fich gern
entzögen, wäre ihnen nicht beigebracht — zum Kudud mit folder
Ammenweisheit! — daß das fehr unartig fein würde, während es
thatfächlich gar ehr zu feinen Gunften fpricht, wenn jo ein Kleine
Bengel nicht ftill Halten will. Aber auch Erwachſenen ift dieſe
Brauch vielfach Täftig, dem fie zu folgen fich bequemen, um nid
etwa die Eitelfeit einer thörichten Mutter zu verlegen ober weil ı
eben nun einmal mancherorts fo Sitte ift. Warum jeten die frife
einen Kinderlippen von dem Erſten Beſten ſich küſſen laſſen, vo
einem Manne, der in feinem Leben vielleicht ſchon mehr Mädcheı
Am Kamin. 105
geübt, ala er noch Haare auf dem Kopfe zählt — der Kahlköpfigen
ir nicht zu gebenfen! — von einer Dame, die vielleicht mit dem
bflatjch der friſch aufgelegten Tünche ihrer Wangen das heiter
zofige Kinderantlitz beſudelt — Etwas ganz anderes tft die Sadıe,
wenn Die Initiative zum Küffen von den Steinen felbit ausgeht, wenn
fie fraft des von der Natur ihnen verliehenen Juſtinkts ihre wahren
Fremde erfannt — ein Unterjcheidungsvermögen, das bei ihnen viel
mehr ausgeprägt ift, als bei manchen Erwachſenen! — einem innern
Triebe folgend, jenen ihre Buneigung zu erfennen geben wollen.
Dann erwächit aus ſolchem Liebesakt den Erwachſenen eine Schmei-
Sic, eine Genugthuung und fomit ſelbſt eine gewiffe Art von —
So giebt es noch eine große Menge von Abarten von Küffen.
Aller Statt diefelben bis zu einer unerquidlichen Unendlichkeit in
ihrer Klaſſifikation zu verfolgen, wollen wir lieber noch auf einige
bejondere Küſſe hinweiſen, Die ihrer Zeit viel von fich reden gemacht.
Ein jolcher oder vielmehr eine beträchtliche Reihenfolge jolcher zwijchen
denfelben zwei Kontrahenten, hätte uns, unlauter wie das Motiv,
gemein wie die Ausführung diejer Küſſerei war, beinahe ein richter-
iches Gutachten darüber eingebracht, was vor dem Geſetze einen
Kuß ausmacht. Seil würde auch dieſes nicht fowohl auf das
innerfte Wejen als auf die äußere Form eines Kujfes Bezug gehabt
haben. Ein gewijjer Juwelenhändler in Amerika hatte allen Ernftes
einer jungen Dame einen Schmudgegenjtand für hundert Küſſe ver-
Tauft, die er fich felbft jeden Morgen von ihr holen follte, aber jo,
daß er täglich nur einen Kuß befam. Einige Wochen lang hatte er
feine Zestung richtig empfangen, da mochte die Käuferin wohl der
Handel gereuen und fie bot dem jungen Mann jtatt der Lippen nur
die Wange dar, damit er feine zahlungsbegierigen Lippen barauf
prejje. Damit war der Juwelier aber nicht einverjtanben, der darauf
behartte, in aller Form bie ftipuficte Zahlung entgegen nehmen zu
dürfen. Und da fich die junge Dame hierzu nicht verjtehen wollte,
ging er fofort vors Gericht und klagte fie der Kontraftbrüchigkeit
am und zwar num nicht nur infofern al fie ihm ihre Lippen ver-
weigerte, jondern er wies nun aud) auf den Unterſchied zwiſchen
dem altiven und paffiven Küſſen und verlangte, daß die ganze Proze-
dur der Zahlungsleiftung noch einmal von vorn anfangen müſſe,
die Dame fich verpflichtet Hätte, ihm hundert Küffe zu geben, bis-
lang aber die ganze Arbeit bei der Sache ihm allein überlaffen hätte
Zeider wurde die Angelegenheit durch einen gütigen Vergleich beis
‘gt, der, wie fehr — auch im Intereſſe der prozeſſirenden
cieien geweſen ſein mag, die Welt um ein höchſt intereſſantes
·rliches Gutachten gebracht hat.
Ein anderer viel von fich reden machender Kuß liegt und nach
wie nad) Zeit viel näher. Derjelbe wurde vor etlichen Jahren
iner Heinen Stadt in Ungarn gelegentlich eines Woh töätigteite
rs verabreicht, wo die Geldfummen nicht jo haufenweife einlaufen
106 Am Kamin.
wollten, wie wohl erwartet war. Unglüdlic) über den mangelnden
Grtolg ihre3 Unternehmens und in ihrer Eitelkeit dadurch gefränft,
verfiel die Hauptunternehmerin des Ganzen, eine fehr ſchöne junge
Frau, auf die jeltjame Idee, einen Kuß von ihren Lippen öffentlid)
meijtbietend verfteigern zu laffen, indem fie auf dieſe Weije nicht
nur das pefuniäre Keluttst des Wohlthätigkeit3-Unternehmens wejent-
lich zu deſſen Gunften zu ändern hoffte, ſondern auch durch ein all-
gemeine \türmifches Kaufgebot der anweſenden Herren einen großen
erjönlichen Triumph zu feiern erwartete. Auch ihr Gemal machte
eine Einwendung, ſei e8 um des mwohlthätigen Zweckes ober um
des Triumphes willen. Allein fie hatte ſich arg verrechnet. Das
Bieten ging mur recht flau von ftatten und das Verkaufsobjekt
wurde ſchließlich in auftionsüblicher Form dem Meiftbietenden für
nur wenige Gulden zuerfannt. Der Handel fing deßhalb die Dame
zu gereuen am und mehr noch ihren Gemal, der ſich nun gern be
reit erklärte, jelbft die Kauffumme zu bezahlen und feinerjeits den
Kuß feiner Frau in Empfang zu nehmen. Und als der Käufer jih
nicht bereit finden ließ, auf feine in aller Form erworbene Waare zu
verzichten, juchte der Ehemann den Handel als illegal zu bezeichnen,
indem er erklärte, nicht feiner Frau, fondern ihm allein ftehe das
Recht zu, über deren Küffe zu verfügen. Das mwollte der andere
nun nicht zugeftehen, fondern verlangte fofortige Zahlımg, erklärte
aber höffihft, daß wenn der Herr Gemal fpäter den Nichter Für
feine Gemalin gewinnen jollte, er jederzeit fich ein Vergnügen
daraus machen würde, den Kuß mit Zinfen feiner Frau zurüdzus
jeben. Alle anderen, die zugegen waren, waren auf feiner Seite, und
ß hielt das Ehepaar e3 ſchließlich doc) für das Rathjamfte den Kon
traft innezuhalten. Der Kuß wurde in aller Forın verabreicht und
der Empfänger jtellte ebenjo formell — Quittung darüber aus, die
allerdings von der andern Seite für unmöthig erachtet wurde.
In ähnlicher, nicht ganz unverdienter, aber um fo brutalerer
Weiſe wurde eine Dame für das übertriebene Selbſtbewußtſein ihrer
Han auf einem Bazar in London beftraft. Diejelbe ſchenkte da-
ſelbſt Thee aus und ließ fich für jede Tafje einen der Gelegenheit
angemefjenen Preis bezahlen. Durd) den bedeutenden Abfag, den
diegelben fanden, zu Fühn gemacht, führte dieſelbe nad) einiger Zeit
eine zweite, oder vielmehr eine prima Qualität ein, indem fie für
folhe Tafjen, aus denen fie mit: begehrlichen Lippen vorher ein
Schlüdchen nippte, einen bedeutenden Procentjag aufjchlug. Dieje
fanden eine Zeit lang noch raſcheren Abfag, bis ein Feder Jüngling
eine Tajfe von ihr begehrte.
„Eine einfache Tajje oder eine, aus der ich vorher getrunfen
fragte die improvifirte Schänfmamjell.
„Eine reine Tafje für mich, wenn ic) bitten darf“, entgegn
der ungejchliffene junge Mann. Das war gewiß eine unverzeihfi.
Rohheit von feiner Ceite, allein e3 ſollte doc) auch die Damen dar
mahnen, daß fie, obſchon das Sprichwort wahr genug ift: „Char
Am Kamin. 107
covers a multitude of sins“ nicht vorfichtig genug fein können, ſelbſt
unter dem Deckmantel der Mildthätigfeit nicht Handlungen zu begehen,
die ſich nun einmal für Damen nicht ziemen; injonderheit aber, daß
ein Kuß unter feinen Umftänden und in feiner Form zu einem
Handelsartifel entwürdigt werden follte! —
Die Folgen der Küffe find ebenfo mannigfaltig wie unberechen⸗
bar, vollends der unerlaubten. Nicht nur, Gah dieſelben vielfach
eine außerordentliche — wirkliche oder auch nur erheuchelte! — fitt-
liche Entrüftung auf Seiten der Beraubten hervorgerufen, nicht nur,
daß die Räuber ſchon zum öfteren vor die Schranken des Gerichts
itirt worden, e3 foll fogar ſchon vorgefommen fein, daß eine junge
ame infolge eines gar zu plöglich erhaltenen Kuffes auf der Stelle
toll geworden tft.
. Das ift Doch nichts außergewöhnliches“ fagte eine andere Dame,
die den Sachverhalt wohl nicht ordentlich verjtanden und eine ganz
verſchiedene, — allerdings aud) recht häufig ſich einftellende! — Folge
des Küſſens im Auge hatte. „Das iſt gewiß ſchon vielen jungen
Mädchen pajlirt, die es einmal probirt haben, daß fie nad) dem
Küffen toll geworden find!" —
Saifonbrief aus Homburg vor der Höhe.
In einem Gutzkowſchen Luftjpiel, irren wir nicht, in „Zopf und
Schwert“, bildete die erwartete Ankunft des Prinzen von Wales die
Hauptintrigue, um die fich die ganze Handlung dreht. Die Erin-
nerung fam uns in diefen Tagen, denn mit dem jährlich) eintreff
den Thronexben Großbritanniens ift der Höhepunkt der Saifon be
zeichnet, dem Begriff der „englifchen Sommerfolonie Somburg das
Gepräge verlichen. Vom Tage an, da Sr. K. Hoheit Albions
Rreidefeffen verläßt, wird jede Station bis zur Ankunft gewiſſenhaft
in den publiziftiichen Organen der Taunusſtadt verfündet, ſelbſt die
frohe Kunde, daß der eingetroffene hohe Gaft ſchon eine Viertel-
ftunde ſpäter ein gewähltes Souper in heiteren Streije auf der
Terraſſe des jeiner Villa benachbarten Hötels eingenommen, verdiente
ausführliche Erwähnung. Die Küche ſcheint überhaupt eine bedeu—
tende Rolle im Dajein des Erjtgeborenen ber vortrefflichen Hausfrau,
Königin Viktoria, zu fpielen, und feiner fulinarifchen Leiftungen Hals
“- ijt dem Bejiger des vorzüglichen Gafthofs „Royal Victoria
el“ das prinzlihe Wappen mit dem Wahlſpruch: „Ich dien.“!
iehen.
DMeit Recht führt Eduard Albert, Prinz von Wales den Sinnſpruch
Ordens, der befanntlich der Galanterie fein Entitehen dankt. Das
fallen des erlauchten Herrn an weiblicher Schönheit ift allbewußt, und
ht umſonſt wetteifern Natur und Kunft morgens an den Quellen,
Hmittags im Kurgarten, um einen freundlichen Blick des trog feiner
108 Am &amin.
qunehmenben Korpulenz, troß feines gejegneten Familienftandes, der
längit zur Großvaterwürde berechtigen fünnte, mod jugendlich elajtifchen
Mannes. An Schlichtheit des Auftretens, an Liebenswürdigfeit, die
dem Herzen entquillt, kommt Englands Thronfolger dem „Unver=
geßlichen“ nahe, der jo oft und fo gern in Homburg weilte, befjen
treues Auge, deſſen gutes Lächeln nie mehr den Grüßen der Ehr-
furcht und der Liebe danfen wird. — Mit Recht kann Homburg jagen:
„Unjer Fritz war „unfer“; er fühlte fih wohl bei uns, wie kaum
an anderm Ort.” Auch Kaiferin Augufta bleibt in diefem Jahr dem
bewegten Treiben ber Badeſtadt fern.
Denn troß des „umendlichen Regens“ fandte, von deutjchen
Gäſten abgefehen, Altengland feine Schaaren in gewohnter Fülle.
Abends auf den Terrafjen des Kurhaujes, wo fi) Albions Elite
ufammenfindet, wo fid) im Auf» und Abwandeln dem Auge bes
Beigauers offenbart, was Diode, und was Reichthum bedeutet, kann man
buchjtäblich fagen, wenn einmal ein Wort unferer lieben Mutterjprache
unfer Ohr berührt: „Deutjche Laute hör’ ich wieder.“ Und doch,
wen nicht Gewohnheit abgejtumpft, wird die Terrajie Homburgs, zu
deren Füßen fich der magiſch-beleuchtete, menſchendurchwogte, von den
Klängen der Muſik durchrauſchte Kurgarten erftredt, von der der Blid in
das grüne Meer des mondbeglänzten Hochwalds fehweift, unvergeßlich
leiben.
Engliſcher Einfluß ſcheint zum Glück den Homburger Patrio⸗
tismus nicht verdorben zu haben, davon legte das muſikaliſche Ge—
leite Zeugniß ab, das unfer allezeit liebenswürdiger Kapellineiſter
Tömlich der jüngſten Kaiſerreiſe gab. Der Aufenthalt in Rußland
wurde im Programm mit: „Das Leben für den Zar“, „Rückkehr von
Pawlowsk“ 2c. gefeiert, der fchwebifch-dänifche Aufenthalt je nach den
Tagen mit „Norbiiche Seefahrt, „Hamlet“ 2c. bezeichnet. Weld ein
Süd, daß für den Fall eines Beſuches des Kaifer Wilhelm in Kon-
tantinopel, Mozart vorforglic, einen „QTürfenmarfch“ Hinterlaffen.
Das neue Badehaus, eines der ſchönſten und großartigiten
feiner Art, fchreitet im Bau rüftig vorwärts. An einem wunder-
vollen Pla gelegen, hat es nur den Nachtheil, daß bei anhaltend
naffem Wetter, wie das heurige, der ungepflafterte Weg dorthin,
qumal für Leidende, ſchwer zu paffiren jein dürfte, wenn fich nicht
ie Sorgfalt der Väter der Stadt, vor der Eröffnung eine Submij-
fion auf Holgpantoffel und Stelzen, zur Benugung in diefem Fall,
ausfchreiben follte. Aber auch ſchon hat es den würdigen Herren,
und ſogar dem erfinbungsreichen Kopfe des bewährten, rührigen Kur-
direftor Schulz-Leitershofen, der allen berechtigten Wünjchen entgeg‘
x tommen ftrebt, Mühe gefoftet, der böjen Witterung Durch pajjen
nterhaltung in bedeckten Raum ein Paroli zu bieten, wobei dr
ab und zu fonnigen Stunden ein Garten- oder Waldfeft förml
„abgerungen“ wurde. Als neu und zeitgemäß wäre eine Regatta a
dem Rafen des Sturgartens zu emprehten, aber jo eine „Zombol«
bei ber die glüdlichen Gewinner einen Regenfchirm in den Fark
Am Kamin, 109
en als „Erinnerung an die Saifon 1888“ mit nad) Haufe
nehmen.
Aber eine ernitere, würdigere Anregung ging in jüngiter Beit
von der Höhe de3 Taunus durch die Lande. Wie vor Jahren im
Thal der mattiasſchen Quellen Wiesbadens, unfer genialer Ferdinand
Heyl das Hehre Wahrzeichen des Niederwalds plante, gab num Wort
und Schrift des Homburger Gerichtsraths Guſtav Wilhelmi, der
ſchon früher durh gehaltvolle Zeitfehriftenartifel befannt, den Impuls
um Denkmal Ulrichs von Hutten, deſſen Enthüllung eine nationale
ier bedeutete.
Selbjt in kühler, regnerifcher Witterung iſt der Einfluß der
Sombunger Luft an ſich ſchon nervenftärfend und wohlthätig. Die
eſellſchaft wechſelt mit Tag umd Jahr, aber unwandelbar ift die
ewige Heilkraft, Die Luft und Boden jpendet, und eifrige® Bemühen,
der mahgebenden Kräfte ehöht den Werth der hygieniſchen Gaben
und fordert jo zu Doppeltem Genießen auf.
Hermann Hirfchfeld.
ippfaden.
Sie Mitglieder des Berliner Wallner-Theaters gaftirten im Sommer
1882 in Amfterdam. Das Herrenperfonal ber Geſeüſchaft kam allabenblic in einem
bortigen Reflaurant zufammen, um fid) mad bes Abends Befhwerben bei einem
Slaſe guten Weins gemüthli zu erholen. Einſtmals faß in bemfelben Lolal ein
eingefleifchter Holländer und Preußenfrefſer, der ſchon feit einiger Zeit verächtliche
Blicke auf „het Wallner-Geselschap“ geworfen und wieberholt das Wort „Muffe“
— Schimpfwort für bie Berliner — hatte hören laſſen. Als er nun wieber fein
„Muffel” erſchallen ließ, erfagte ben Sohn ber Niederlande das Verhängniß in ber
Perſon bes allbeliebten Komiker Engel, der auf gut Holfteinifch zu ihm fagte: „N
amer rat, Tütt Zung!” unb ihm am bie friſche Luft fette. Darauf bemerkte Schau—
fpieler Blende in urgemüthlihem Zone: „So, nun hab’ id body 'mal einen echten
möliegenben Holländer” gejehen.“
Eine Theatervorſteunng in Konftantinapel. Zur Aufführung gelangt:
„Der Einzug Napoleons in Moskau.“ Der Vorhang erhebt fich, Napoleon tritt auf,
er trägt ben Hut eines Tobtengräbers, Gamafchen a la Louis XVIIL, weiße Bein»
Heiber mit rothen Streifen und einen ſchwarzen Gehrod, wie ein Schuhmader, ber
einen Sonutagsausflug macht. Der Held hält eine Schulmeifterrebe über jeinen Feld-
zug, vor ihm Tiegt eine Sanbfarte, daneben ſteht ein Globus, er vergleicht eins mit
dem andern, als fuchte er feinen Weg. Endlich hat er ihm gefunden, und er ruft
feinen Generalftab. Es treten ein: ein Offizier mit vothem Käppi, zmei Hufaren
und zwei franzöftfche Gaxbiften, gepubert und mit Zöpfen! Der Feidhert ſetzt biefen
&iiegern feinen Blan auseinander, großer Enthufiasmus, und läßt die Armee Revue
Jaffiren — 25 Mann in rothen Röden mit Värenmilgen, mit einem Wort: enge
Grenadiere. Marie Louife erſcheint in einem geblümten Echlafrod und mit
iem Häubden, um von ihrem Gemal Abſchied zu nehmen. Sie vergieft eine
ine, er eine anbere, fie giebt ihm die Photographie feines Sohnes, er ftedt fie
ne Brieftaſche und zieht in ben Krieg!
Der zweite Aft jpieft im Innern Kußlande. Der auftretende ruffifche Oberfeldherr
‚antomimifch zu verfiehen, baß er bie Einbringlinge vernichten werde. Thätig und
nüdlich fieht man ihn dann auf einer Brüde, bie er eigenhändig unterminirt,
horch ĩ Zrompetengefhmetter! Die franzöfiiche Armee bricht aus ihrem Ber»
— der Garderobe — hervor, bahnt ſich mitten durch das Publikum einem
—
110 Am Kamin. |
Weg, zwei Heine Kanonen, bie fie mitführt, werfen einige Bänte um, bie Zuſchauer
flüchten fic, ebenfo bie Kuffen. Dan zieht in Mosau ein, der Schnee fällt im
Bapierjchnigelchen, ein Kengafifches Feuer verliindet den Brand Mostans. Das Gtüd
enbigt hier jebodh mit einem Triumph ber franzöfiihen Waffen, benn eine Dame tritt
zum Schlufie vor die Lampen und ftimmt ein Zuavenfieb an!
Vom Schlangengift. Dr. Krede in Erlangen berichtet im „Biologiihen
Sentralbfatt" über bie Unterfudungen, welche bie beiden amerifanifhen Foriher
Weir Mittfgell und Edward Reichert, mit Aufwand von viel Zeit, Mühe und Geld
angeſtellt baten, um bie bisher wenig befannten phyſiologiſchen Eigenfhaften
des Schlangengiftes zu ergriinden. Das Material zu ihren Berju Tieferten
ihnen 200 Schlangen, unter benen Klapperſchlangen bie häufigften waren. Im
frifchem Zuftanbe fellen alle Schlangengifte gelbe Fiuffigteuen dar, in benen fidh
einzelne Formbeftanbtheite (Cpithefien, LBakterien) fuspendirt finden. Diefe haben
jedoch, wie die Verſuche ergaben, feinen Antheil an ber giftigen Wirfung. Eintrodnen
und jahrelange Aufberwahren der Fiffigleit verinag die Wirtjamteit bes Gifte
durchaus nicht abzuſchwächen, ebenfowenig wie Aufföjen in Alkohol ober Glycerin.
ALS twirtfame Beftanbtheile Laffen fi aus allen Echlangengiften zwei Reiben vom
Eiweißtörpern barftellen, bie Globuline unb bie Beptone; durch geeignete Methaben
gelingt «6 banm tweiter nachzumeifen, baf das Gfobulin in brei kefonbere Körper
gerfegt werben Tann. Der Globulingehaft ift bei ben verfciebenen Arten fehr wed-
feind, woburd fih vieleicht bie Abweichungen in ben phyfiologifgen Cigenfcaften
ber einzelnen ‚Gifte erfären. Der Tod dur das Schlangengift Tann auf verfgiebene
Weiſe erllärt werben; entweder entfteht er burd Lähmung der Athmungscentren,
ober durch Herplähmung, oder buch Wlutergüffe in das Nüdenmart, vieleicht auch
infolge ber [chrveren Cchäbigung ber rothen Blutlörpergen, weiche ihre biconcane
Geftalt verlieren, rugelig werben und unter einanber zu unregelmäßigen Maffen
vericimelgen. Iebenfals find bie Athmungecentren ber fhäbliren Eimvitkung bes
Schlangengiftes am meiften ausgefegt, und ihre Lähmung ift auch fiher bie hänfigfte
Tobesurfache. Im ben Magen aufgenommenes Gift geht nur in den Swifdenzeiten
ber Berbauung ins Blut über, während bes Werbamngsaftes werben bie giftigen
Beftandtheile durch Einwirkung bes Magenfaftes unfgäblich gemadt. Um das Gift
an ber Stelle, wo es buch Siß im den Organismus einverleibt ift, zu zerfären,
erwieſen fi) übermanganfaures Kali, Eifendlorid und Jodtinktur als bie geeignetften
Mittel; aud Brompräparate hatten guten Crfolg. Cin eigentfiches Gegengift für
bie Fälle, two das Schlangengift fon im das Blut aufgenommen ift, wird fi nie
finden faffen. Denn da das Schlaugengift aus Eimweißtörpern befteht, bie mit denen
im normalen Blut enthaltenen und für bie Erhaltung des Lebens jehr wichtigen,
nahe verwanbt find, fo mirbe man durch Zerftörung ber einen aud bie andern mit
vernichten. Es tünnte höchſtens ein Mittel entbedt werben, welches bie Wirkung
des Schlaugengiftes auf bie am meiften gefährdeten Theile des Organismus milbern
„ber hintanhalten Tönnte. Bei ben vielen Organen aber, bie durch bas Gift im ihren
Funktionen geftört werben, ift e8 wohl nicht wahrfceinlich, daß ein ſolches Mittel je
aufgefunden werben wird.
Salon-Bügertifg.
Lars. Norwegiſches Idyll von Bayard Taylor. Deutfd von Margaret“-
Jacobi. Stuttgart, Verlag von Roberi Lutz. Feodor Wehl jehreibt in ber „Ha:
Burger Reform" über biefes anmuthige Werl: Bayard Taylor, der amerilanif
Siriftfleller, welcher Peter Hebel gemüthvole Ioyllen und Goethes „auf“
vorzüglicher Weife ins Englihe übertrug, iſt uns Deutſchen immer und zwar z
vollen Recht eine höchſt ſympathiſche luerariſche Erſcheinung geweien. Er hat v
jeher fite unſer Voll und unſere Dichtung lebhafte Theilnahme gezeigt, und nachd
er in Gotha eine Tiebende Gattin gefunben, fidh bejonders zu Denſchland bingezog
gefühlt. Durch Reifewerle, Romane und Dichtungen von hervorragender Bebeutır
Am Kamin. 111
in Amerila geworben, zeichnete er fich zugleich durch politifche Einſicht und tiefgehenbe
Keuntniß ber europäiſchen Staateverhältnifie derart aus, daß ihm 1878 fein Heimat
land zum Gefanbten in Berlin ernannte, eine Stellung, bie er leider kaum über-
nommen hatte, al® ihn unerwartet ein raſcher Tod aus biefem Dafein bahingerafft
bat. Daß eine mwohlberufene und glüdliche Begabung ihm jet durch eine überans
gelungene Uebertragung feiner epiſchen Dichtung „Lare“ im unfer Gedächtniß zurld-
bringt und ihm bamit ein ehrendes Denkmal in unferer Literatur errichtet, iſt eine
Unternehmung, für bie man Margarete Jacobi und bem Berlage von Robert Lutz
Dank zu fagen alle Urſache hat. IR dies „morwegiiche Idyll“ doch im ber That
ein Bert, das in wahrhaft harmonijcer und fünftlerifcher Ausgeftaltung vor uns
bingetreten fommt und welches über feinen aumuthigen Berjen etwas von bem
Hand; und Genius Goethes zeigt. Es erideint mild und finnvell in feinem Bor-
wurf, anziehenb im feiner Entwwidelung und in jeinem ibeelfen Austrage von hoher
Zebeutung. Bayarb Taylor fcildert uns in feinem „are bie Befiegung ber Leiden-
haft und ber rohen Naturgewalt durch ben Glauben an Gott und tie Gebote bes
iffihen Glaubens. Der Held der Geſchichte hat das Unglüd, einen Nebenbuhler
um bie Liebe einer Lanbemännin in bem in Norwegen üblichen Ringlampfe zu töbten
unb nad} dem Tode beffelben die Entdedung zu machen. daß ber Getöbtete ber begitnftigte
Liebhaber geiwefen. Niebergefhmettert und reuevoll wandert er aus nad mer,
räth dort in eine Duälerfolenie, findet Aufnahme in biefelbe und lernt in deren
gen und in einer neuen Liebe zu einer Onälerin mehr und mehr bie Herr-
f&aft über ſich ſelbſt und die wilden Gewohnheiten feines Boltsftammes gewinnen.
Bon ber Sehnfucht nad) feinem Heimatlande erfaßt, fehrte er mit feinem Weite in
dieſes zurũc und ftellt fich freiwillig dem Bruder bes einftgetöbteten Landsmannes
zum Süuhnenkampf mit den Vorſätzen, gegen ben Gegner feine Haud zu rühren.
Diefe tapfere Gefinnung ergreift und bezwingt ben Mäder und veranlaft, daß Einig-
keit und Frieden fir alle Theile erzielt wird. Diefe Geſchichte wird im ruhiger,
bed) Iebendiger Darftellung und in Verſen von beſtridendem Reize vorgetragen. Der
echte Dichter zeigt ſich barın und namentlich in der Schilderung von Seelenftimmung
und Landfchaft. Hierin erweift ſich Taylor geradezu meifterhaft, und daß bie Ueber»
kterin diefe Meifterfhaft in wohltlingenden Jamben mit durchgehend langer reim-
bofer Endigung trefilih und gejcmadboll wieberzugeben verftanten hat, ift cin Ber-
bienft, das man freubig anerkennen Tann.
Die weitze Fran von Leutſchau. Hiſtoriſcher Roman in fünf Bänden von
Rourus Zolai Budapeſt, Gebrüder Revai. 1886. 2. Auflage.
Die wunberligen, vielverſchlungenen, abenteuerlichen Schidjafe und der tragifche
Tod einer al große Schönheit berühmten umb als Baterlanbevercätherim berüchtigten
Frau Larponay, geb. Juliane von Ghéczy bilden bie Grundzüge biefes in zweiter
Anflage erſchienenen Romans. Die Stabt Leutſchau, Hauptflabt bes ungarifchen
2omitates der Zips, einft Tönigliche Wreiftabt, reich, biüfenb, mächtig, flart befeftigt,
die bebentenbfie Stabt von ganz Oberuugarn, jegt faum noch gelannt und genannt,
mar der Schauplatz dieſes einzigen don einer Ungarin (im Jahre 1710) begangenen
Baterlanbsverraties. Diefe ein heute noch in Yentigau in drei verfhiedenen
Bildern, welche fie ſammtlich in dem Moment barftellen, wie fie den Schlüffel zn einer
geheimen Pforte in der Bafleimauer an bie Defterreiher ausliefert. Cie heißt bie
weiße Frau von Leutſchau. Die Motive ihre® Verrathes, ſowie wie es fam, baß fie
jur Berrätherin wurbe und fpäter als Märtyrerin für bie Sache des Baterlandes
— nach dreigradiget Tortur auf dem Schaſott ftarb, find nicht befannt.
erifien Dofumente, weldhe in großen Zügen jenen Frauenharakter fligiren;
‚Sloffene Progefakte bezeugen ihre Geichichte, ohne fie aufzullären und laffen
Gare Räthfel offen. Auf dieſe dofumentariicgen Daten hat ber beruhmte unga-
? Schriftfteller feinen Roman aufgebaut. Daß er in ber Hauptfade die Mutter-
: al8 treibenbe® Motiv zu ben berbreiperifchen unb pelvenmüthigen Hanbfungen
geheimmißvollen weißen Frau beuußt hat, ift wohl freie Erfindung des Dichters,
* webt_e8 einen verſöhnenden Schimmer um das Haupt der Heldin biefes im
m recht intereffant und fpannend geichriebenen Romans.
112 Am Kamin.
Bildertifg.
Stiuvergnügt fügt das Liebespärchen auf unferm Bilde, einer Schöpfung dee
prädtigen Mathias Schmid, beifammen. Was fie fih Ba ne jagen haben, die verliehten
gedı weiß ber Befchaner fofort beim erſten Blid. [8 aber fummt der hübſche
urfeh das folgende Schnabahüpil vor ſich Hin:
„Und wann Du mi nur anfgauft
Bin i ho ftillvergnügt.
Du bift mei lieb Schagerf,
Geh, ſchau — das genügt!"
Anders geht e8 auf unſerm zweiten Binden au und doch fo ähnfi. Der tapfere
Haudegen bes Laudonſchen Corps ift „anf Recognosciruug“ geritten; an einem
einfamen Gehöft finbet er Gelegenheit, feinen Scharffinn gu erproben, denn hinter
dem hohen Zaun⸗ raſchelt es verfängfich — das ift der Feind, ein Spion. Schnell
brüdt er feinen Braune gegen bie Planfe und will eben vorficptig über diefelbe fh
beugen, um zu ſpähen, wie und wo „bem einbe“ am beften, ‚Peigufommen fei. Im
dermfelben Momente ſchießt von ber Gartenfeite ber Kopf eines hübſchen, brallen
Bauernmädchen® neugierig empor. Faſt wäre ber „milde itergmann’ zur Geite
gefahren, aber ſchnell wird er Meiſter ber Situation und ine Minute barauf ent-
widelt ſich über den Zaun hinweg ein luſtiges Gepläntel, wie man es eben nur auf
Recognoscirungsritten erleben Tann.
„Bie Du mir, fo ich Dir!“ fohreit ber Kaladu im hödften Zorn ben
beiden Möpfen zu, welche es gewagt hatten, ihm an ben Gehmanfebern zu zauſen.
Der fpitige und fharfe Schnabel des atadus if ein bebenklihes Ding, zumal wenn
es mit dem Schwanzende Fibos in Verbindung gebracht wird.
In eine ganz anbere Region führt uns umfer fettes Bild. Es zeigt ums eine
Anfiht des herrlich gelegenen Salzburg, weldes Humboldt neben Neapel und Kon-
Rantinopel mit Recht zu ben fhönften Stäbten ber Erbe rechnet. Die Gtabt liegt
an beiben Ufern ber Salzach in einer Umgebung voll koſtlichen Reizes; ber Mönct
berg am linken, ber Kapuzinerberg am rechten Ufer bilden eine Thalenge, in melde
bie Stadt hineingebaut if, fobaß bie äußeren Häufer berfelben wie Vogelnefter an
den malerifcen Abhängen ber genannten Berge leben. Bom Kapuzinerberge bat
man bie befte Ausficht auf Stadt und Alpen — ein unvergehlich ſchönes Bild. Die
Stabt hat viel frumme und enge Strafen, aber folive ſchöne Häufer und viele
Prachtgebäube, namentlich im itafienifgen Gtife, Uebervefte von Mauern unb Bafteien
fliegen fie, unb wo bie letzteren ganz abgetragen, erhebt fih ein neuer, ſchöner
Stabetheil. Unter den vielen ausgezeichneten Gebäuden ift in erfter Linie bie pracht ·
volle Domkirche zu nennen, eine vereinfachte, aber imponirende Nachbildung ber
BVeterslicche zu Rom. Im ber Mitte des alten intereffanten Petersfriebhofes erhebt
fi) bie ſchöne frätgothifie, Margarethenlirche. Schloß Mirabell ift ein nah bem
Xrande 1818 neuerbautes, impofantes Gebäube, welches Si ber — iR und
einen wunderbar “ n, ſchattigen Garten befigt. Gegenüber bem fogen. Me
ber Mefibenz ber höchften Landesbehörden, erhebt ſich das von Schwanthaler model
Tirte Standbild Dogarts, bes großen Soßnes ber alten berühmten Wergflabt, Ju
ber Umgebung Salzburgs Befindet ſich eine große Menge fhöuer Billen und prächtiger
Schlöffer, wie das Lönigfiche Luichloß Hellbrunn, im Gefämade des 17. Sabrhundene,
Leopoldsfron, früherer Befig des Könige Ludwigs I, Maria Plain; bie weithin
fihtbare Wallfaprtstiche, Schloß Kefheim, Schloß und Park Migen ıc. Tiegen in
der nächften Umgebung Salpburge und machen diefe zu einer ber zeizvollften Stellen
des Salzlammergutes, während ber Konigsſee, Reichenhall, —S ne
bequemften Verbindung liegen und eigentlih mit zur Umgebung Salzburgs a
touriftifhem Sinne zu regnen find.
— —
Aeueſte Moden.
Ar. 1. Künbden „Fandette“.
Auf einem Rund aus Steiftül find breite, eingereihte Spigen befefigt. Born-
anf find biefelben Hochfehend angebracht unb mit cofa Banbfchleifen untermifcht.
Arm Hinterkopf it eine gleichfarbige Schleife mit langen Enden.
Nr. 1. Häudgen „Baugette”.
Ar. 2. Taille aus geſtreiſtem Bollenfloff.
Das Tinte Vordertheil ift mit der Schürze im Ganzen geſchnitten. In ber
ille werben bie Falten beffelben vermittels einer Gürtelſpange zufammengehalten und
ber Hüfte mit einer hängenden Schleife verziert. Das rechte Vorbertheif ift glatt
» gend, auf ber Bruft bogig gefepnitten umb bem linfen Vorderihen aufgeknöpft.
m Rand ift eine beſiidte Spige angefet, welche oben am Stehfragen faltig ber
gt if, von ba aus in ofen Falten auffiegt und &is zum Bogen herabreidt.
weiten Aermel find am Handgelenk in ein Bündchen gefat.
er Salon 1899. Heft I. Band I. 8
114 Ueueſte Moden.
Ar. 3. Hohe glatte Taille. (Promenaden -Anzug.)
Die aus maufegrauem peau de soie angefertigte Taille it vorn gefhloffen.
Den oberen bogigen Äusſchnitt derfelben füllt ein La aus grauem Sammet. Den
Armausfhnitt, die Echmtern und Fagränder umfäumen Paffementerien aus grauen
Perlen. Die Aermel find anliegend und haben am untern Rand eine Meine Perfen-
verzierung. Die ſchwarze Spibencapote ift mit rothem Diadem und grauen Band-
ſchlupfen ausgeftattet,
Nr. 2. Taille aus gefreiftem Wollenſtoff.
Ar. 4. Anzug für ein junges Mädchen.
Auf einem erften Rod aus einfarbigem rothem Wolfenftoff it ein Meines Brif
am untern Rande befindlich. Der zweite Rod aus blau» und rotbgeftreiftem IBo_
Tenftoff mit Seibenfäben ift einfad) am Gürtel eingereiht. Die glatte Taille if mu
am Vorbertheil in der Taille etwas eingehalten. Die Taille umgiebr ein roth- au
blaue oder geftefidter Gürtel. Die halblangen Aermel find mit Spige umrande
Rothe Schleifen find am Arm und am Bordertheil, ſowie aud im Haar befeftig:
Ar. 5. Anzug für Mädchen von 12 Jahren.
Auf einem farbigen durchicheinenden Ceidenod liegt ber zweite aug genäpı
Ueneſte Moden. 115
E pipe auf, welcher ben erften bis zum Rand kebedt. Die Polonaife aus Peline-
Surah ift an ben Vordertheilen faltig und gebt in ber Taille ſchräg übereinander.
Den berzförmigen Ausſchnitt fülit eim ebenfalls ſpitz ausgeſchnittener Spitzenlatz.
Die Aermel haben oben uud am Handgelenk die gleiche Verzierung. Da, wo bie
faltigen Borbertheife übereinanbergeben, if ber untere Theil der Polonaije gerafft
und mit einer tofafarbenen Schleife mit Tangen Enden befefigt. An den Ceiten
Nr. 3. Hofe glatte Taille. (Promenaden-Anzug.)
ch dem Rüdentheife zu find bie Seitentheile bes Nedes in Falten aufgenommen,
daß ſich ſpitze Zaden bilden. Rofa Strümpfe und Schuhe.
Ar. 6. Anzug für ein Mädchen von 6 Jahren,
Der erſte Rod aus cremefarbigem Surah it am Rand mit einen breiten,
Ridten, blauen Sammettreifen befegt. Ein zweiter Rod aus Meingefaltetem Eta.
‘ne reiht bis zur Stiderei ber erften herab. Die ruſſiſche Blouje aus creme
vigem Surah iſt mit blauen, befidten Sammetftveifen verziert. ( Gürtel; Aermel -
8*
Deine, Google
118 Neuefte Moden.
bündehen, Kragen unb Patten find ebenfo. Auf ben Schnltern Befinden ſich Meinfaltige
Etamineärmel über dem glatten, cremefarbigen Surahärmel.
Ar. 7. Anzug für ein junges Mäddien von 18 Jahren.
Auf dem glatten, beigefarhigen Rod aus Bengafine find fang herabhängende
braunrothe Sammetbänber befeftigt. Die Tunika und Jade find aus ſchottiſchem,
maronenfarbig geftreiftem Wollenftoff angefertigt. Die Vorbertheile bes Rodes find
vorn offen und fallen am Rucktheil in ſchlichten Falten herab. Die Iade fteht
vorn, ebenfo twie bie Rodtheile, weit offen umb wird mit braumroten Sammet»
patten über einem Faltenhemd vom Stoff bes erſten Roces zufannnengehalten. Die
Aermel vom Stoff der Jade find unten etwas weit gefcnitten und mit Sammet-
binden zufammengefaßt. Am Halsauejchnitt ber Iade befindet ſich ebenfalls ein
Nr. 9. Natpemd „Aölania
Sammetfragen, welcher bis zut obern Bruftfpange reicht. Auch ber das Unter-
Hembayen zufainmenhaftenbe Stebfragen ift von Gamımet. Rother Hut mit einem
eremefarbigen Gazefchleier.
Ar. 8. Anzug für Mädchen von 10 Jahren.
Zwei in Zwiſchenräumen aufgefeßte Golbborben verzieren den untern Ran
des erften Rodes aus weißem Wollenſtoff. Die Polonaife „Lucile aus oriental
ſchem Stoff mit weißem Grund ift mit Rofa und Gold befidt. Das faltige Unter
bemb ift vom Stoff des erften Rodes und am Hals ebenfalls mit zwei Golbborbeu
verziert. Am Hals ift das Hembehen eingereiht unb Kilbet eine Hochfehenbe Kraufe.
Die Borbertbeile der Tunika find in ber Taille faltig zufammengenonmen und mit
einem Stofftuoten mit fangen, am untern Ende mit Franſen beſetzten Schärpen-
enden bebedt. Die Rodtheile der Tunika find vorn in fpige Zaden ausgehend ge
fönitten. Die Riidtgeile find in alten oben angefegt und fallen bis zum Rand
bes erften Rodes glatt herab. Die oben weiten Nermel find bort eingereiht. Yır
Neueſte Moden. 119
Ellbogen liegen dieſelben glatt an und haben eine faltige Stofflage als Beſah.
Der Hut aus roſa Surah iN durchgebends eingereiht und mit GSteifen durchzogen.
Der Kopf it hochflehend und ber Rand an ber hinteren Seite etwas aufgebogen.
Eine ſchöne roſa Feder Mräufelt ſich nach oben. Zwei weiße Atlasrojetten find an
beiden Seiten ber Feder befeftigt.
Ar. 9. Aactfemd „Askanin“.
Das aus Perlal angefertigte Hemb hat einen fehrägen, aus Meinen Falten ber
Rependen Latztheil. Am ſchrägen Schluß deſſelben ift eine hilbſche —A— an ·
geſetzt. Ein Faltenbündchen mit Kraufe bildet am Hals und am den offenen Aermeln
den Ehfuf.
Ar. 10. Taghemd aus Batif.
Der obere Ausſchnitt deſſelben if rund. Die Bruſttheile find mit beftidtem
Nr. 10. Zaghemd aus Batif.
Zwiſchenſatz und_gfatt aufgejehter Spitze verziert. Unterhalb biefer aufgeſebten
Streifen if} der Stoff mehrfad) eingereipt. Ein jcmales (Cometen-) Band durchzieht
den obern Rand umd wird auf den Schultern in Echleifen gebunden. Der Arm -
ausfcpnitt if mit Spitze begrenzt, ebenfo der untere Rand bes Hembes.
Ar. 11. Taille „Gorolla“,. (Rück- und Borderanſicht.)
Dieje Blouſentaille ift aus beigefarkigen Wollenftoff und glatter Faille zu-
far .mgefeßt. Den vieredigen Ausſchuitt der oben mit einem Kopf aufgefegten
Fa 'emtheile aus Wollenfloff füllt ein gfattes Theil aus gleichjarbiger aille.
©: ufterpatten aus Wollenftofi mit Seide durchfteppt begrenzen bei Mermel, Die
ſer ift unten etwas weit geſchnitten und in ein breites Faillebündchen gefaßt. Ein
Si tel aus gleihfarbigem gros grain-Banb mit filberner Schnalle befeftigt bie
Te Nenfalten. Das faltige Schooßtheil_ift mit Seide durchſteppt. Born herab ift
die ” le mit Kuöpfen gefchloffen. Rüden und Ceitentheife find glatt, ebeufo
TEEN
120 Neueſte Moden. \
find die Vorbertheile auf einem glatten, mit Bruftfaften verjehenen Untertheil ber
feftigt. Zur Anfertigung. it erforberli: 1 Dir. 50 Centm. Wollenftoff von
Nr. 11. Taille „Gerola. (Rüd- und Borberanfigt.)
1 Mir. 20 Centm. Breite. 1 Mir. Faille. Fünf Knöpfe zu dem obern
der Bloufe paffend und vier bunklere zum Wollenftoff.
Webaction, Verlag und Drud von 9. 9. Panne in Deubnip DE Feipig
Deine, Google
SIagdglük.
Eine Sportgeſchichte. Bon Waldemar Stropp.
in frifcher Elarer Herbftmorgen! Auf dem breiten
Kiesplag vor dem Herrenhaus, der, von glattge-
ſchorenem Raſen und einem zierlichen Eifengitter ein-
gefaßt, daffelbe von dem großen Wirthichaftshofe
trennt, geht es ungewöhnlich belebt zu. Schlanke
feurige Hunter, deren glattes Fell wie Atlas in der
nne glänzt, werden von Reitfnechten in prallen Leder
ind Stulpftiefeln langſam auf- und abgeleitet, während
ärts die Meute, von ihrem rothrödigen Mafter und
feiner gefürchteten Peitſche nur mühſam in Ordnung gehalten, ihrer
ung zuweilen in einem jauchzenden Gebell Luft macht, und die
in 0 verjammelte Dorfjugend draußen am Gitter fid) die Najen
plattdrüdt, und mit großen begehrlichen Augen in das verbotene
Paradies ftarrt.
Die Herrſchaften figen drinnen. noch beim leichten Imbiß —
das jolenne Dejeuner fommt erft nach der Jagd. Voch jetzt wird’
im Veſtibül laut, Lachen und Stimmengewirt, und ein bunter, glän-
jenber Strom von rothrödigen Herren und Damen im Amazonen-
om ergießt fich die breite Freitreppe herab, und ruft nad) den
erden.
As die Letzten afgeinen eine junge Dame und brei Herren:
mteije Edith Waldenjee, de3 Jagdherrn Töchterlein, eine Ichlanfe
londine, deren wundervolle Formen durch das knappe Reitkleid
ch mehr gehoben werben, mit einem pifanten, etwas blaffen Ge—
ytchen und großen, dunklen Augen, die fonft gern in harmlofer
töhlichkeit leuchten, jegt aber etwas hochmüthig und kalt blicken.
nier ihr der gräfliche Papa, ein mittelgroßer, zierlicher Herr mit
yellofen, etwas refervirten Allüren, renommirter Pferdefenner und
ichter, neben ihm fein Schwager, langjähriger Freund und Guts—
Der Salen 1889 Heft II Band I g
122 Iagdglüc.
nachbar, im übrigen aber direktes Gegentheil, Herr Wichard von
Borden, eine Fräftige, gedrungene Figur mit jonngebräuntem, jovialem
Geficht, das Urbild eines märkiſchen Banbevebnannes von altem
Schlage. Der Komtefje zur Seite, in der Uniform eines Wlanen-
regiments, bie feine ſchlanke und doch fefte Gejtalt ausgezeichnet
Heidet, fein Sohn Heino, von den Gutsleuten Junker Bein, von
den Kameraden „der tolle Heinz“ genannt, das verjüngte Ebenbild
feine Erzeugers, nur daß feine —— grauen Augen nicht, wie bei
dem alten gem luſtig, fondern, vielleicht in Konfequenz der ab-
weifenden Blicke feiner ſchönen Coufine, etwas fpöttifch auf dieſe
herabbligen.
Die junge Dame ift augenſcheinlich mauyais humeur, fie giebt
auf feine Bemerkungen feine, oder nur pie Antworten, und wie er
ihr jegt unten in den Sattel helfen will, läßt fie fich, als bemerfe
fie das gar nicht, von dem Groom den Bügel halten. Er dreht fich
auf dem Abfag um, während ihm das Blut dunkel in das gebräunte
Geſicht fteigt, und geringe ſich mit einem unterbrüdten Fluch, in den
Sattel jeines ftarfen Halbbluts. Indem hört er ihre filberhelle
ſpottiſche Stimme:
„Sagt' ich's nicht, Papa, daß Vetter Heino auch heut wieder
feinen unvermeidlichen ſchafsfrommen Bill berausbringen würbe?t“
„Sehr vernünftig von ihm, mein Kind! Bei heutigen
ſehr coupirten Terrain fann er einen halbgerittenen ftörrifchen Rader
auch durchaus nicht brauchen!“
„Na, ich weiß nicht, — wenn ich das hohe Glüd hätte, ein
„ſchneidiger Lieutenant“ zu fein, würde ich eine Ehre darein jegen,
auch einmal einen etwas weniger zahmen Gaul über eine Hede zu
bringen, — doch chacun & son goft, — freilich, mit unferm Emir
möchte es ihm etwas ſchwerer werden, hinter den Hunden zu bleiben!“
Die Nächten fpigen bie Dhren — man hat fchon feit ge
raumer Seit eine gewiſſe Antmofttät zwijchen den Beiden bemerkt.
Sein ift bei feiner Coufine ehrenrühriger Vorausfegung bis in die
appen erbleicht, feine Augen jprühen, — ehe.noch der Graf, dem
alle Scenen ein Gräuel find, feinem boshaften Töchterchen den Tert
Iefen kann, hört er fi) ſchon von der andern Seite durch feinen
Neffen_interpellirt:
„Onkel Graf, Du geftatteft wohl, daß ich für heute meinen Bill
mit Deinem Emir vertauſche? Couſine Edith ſcheint fich jo darauf
I freuen, ihren Vetter coram publico auf die Naſe fallen zu fehen,
aß ich ihr Die Freude nicht verderben möchte!“
Komtefje Edith erröthet bei dieſer unerwarteten Erwiderung au
ihre Heine Malice, und wirft einen zornigen und Doch wieder eı
ſchreckten Blid auf den Rüdfichtslofen. Der aber jcheint das gar
nicht zu bemerfen. Schon ift er aus dem Sattel, und ein Stall
knecht Läuft nad, dem Emir. Der Graf Hat gut protefticen J
eine ſolche Tollheit“, — feine hohe Stimme verhallt in dem Ki
meinen Durcheinander. Ein Theil der Herren, die Aelteren, Bejon
Fapdglüc. 123
nenen, mahnt ab, die Jüngeren fchreien Haftig dagegen, fie freuen
fi als enragirte Sportsmen des fenfationellen Ereigniffes, — der
Emir genießt das beneidenswerthe Renommee, die bösartigfte, untrai-
tabeljte Beſtie weit und breit & fein. Endlich übertönte die Donner⸗
ftimme des alten Herrn von Borden den Lärm:
„Aber ich bitte Sie, meine en, bie ganze Sache ift ja die
Rederei gar nicht werth! Aerger' Dich nicht, alter Freund! La’
doch den Jungen, — ift ja feine Zuderpuppe! Und auf eine folche
Berausforberung von ſchönen Lippen konnt’ er gar nicht anders, —
Hätt’ ich mich ſelbſt noch mit meinen alten fteifen Knochen auf
den Satansgaul gejegt!”
Inzwiſchen iſt auch der Emir ſchon gebracht, und etwas abjeits
geftellt, ein wunderjchöner, kohlſchwarzer Hengft mit feurigen Augen
umb tüdifch fpielenden Ohren. in, geht ruhig zu ihm heran,
jtreichelt ihm den feinen Kopf, fpricht ihm leife zu, was den gengit
jüchtlich zu beruhigen feheint, dann tritt er leicht feitwärts, und figt
mit einem Sprung im Sattel. Der Stallknecht prallt zur Seite,
der Rappe ſchießt mit einem mächtigen Sag vorwärts, und nun be-
ginnt ein aufsegenber Kampf zwiſchen den beiden ebenbürtigen Geg-
nern, dem alles geſpannt folgt, Edith blaß vor Aufregung, und die
bligenden Perlzähnchen auf die Unterlippe gepreßt. Der Emir fteigt
und bodt wie unfinnig, gut und faucht, wie eine tollgemordene
Lokomotive, — verſucht alles, um den verhaßten Reiter abgufchätteln,
— ber aber figt wie angegoffen, ein wildes Lächeln ſchwebt um feine
Lippen, aber eifern hält er ben Herait im Zügel, fefter und fefter
legen fich feine ftählernen Schenkel an die Flanken des Ungeberdigen.
Noch er ihn weder mit Beisihe noch Sporen berührt, als aber
die rajende Veftie in blinder Wuth näch feinen Beinen fchnappt,
wird auch er warm, ein furchtbarer Hieb mit der ſchweren Reitpeitiche
fauft herab, er ftößt ihm die fcharfen Eifen in die Rippen, daß ber
Schwarze vor Schred und Schmerz einen Moment wie gelähmt fteht,
— aber ein zweiter Hieb macht ihm ſchnell Beine, — mit einem
Zuthiehei legte er die Ohren an, und fliegt vom led! weg wie ein
Hirſch Über das Eifengitter und zum ‚Sofhor hinaus. Alles drängt
wach, — da, weit unten in ber großen Allee, ſehen fie die Beiden
in rajender Carriere dahinftieben.
„Da haben wir's, der Racker ift im fchönften Durchgehen!“
jammert der Graf.
„Scheint mir nicht, alter Freund!” meint Herr von Borden falt-
blütig, „joviel_ich fehen kann, hat er ihn noch ganz hübſch in ber
Hand, und läßt ihn ſich nur ein bißchen aus der Pufte laufen, —
und das fchadet der Canaille gar nichts!”
Man ftreitet fih Tebhaft pro et contra, und Komtefje Edith
wortlo8 und bleich auf ihrem Schimmel, und ftarrt mit einem
eltjam wilden Ausdrud in den großen Augen der verſchwindenden
Staubwolfe nad. Aber der alte Herr mit feinen Falfenaugen hatte
echt gehabt, die Staubwolfe taucht wieder auf, fommt mit raſender
—*
124 Iagdglüc.
Sejehrninbigkeit näher, und nun fehen auch die andern, daß der wilde
Neiter völlig Herr feines Thieres ift Jetzt erſt läßt bie angftvolle
Spannung, Im Ediths Zügen nad, fie athmet auf, wie von einer
ſchweren Laſt befreit, und die — fehrt in ihre Wangen zurüd,
— mit ihr aber auch ber feindfelig abweiſende Ausdrud ihrer Augen.
Und da iſt auch Heino jchon heran, und parirt den jchäumenden
ſchnaubenden Hengit, der jet willig dem Bügel gehorcht, dicht vor
den begeifterten Zufchauern:
„Bitte die Herrichaften taufendmal um Entſchuldigung, daß ich
Sie fo lange aufgehalten, aber nun können wir auch fofort aufs
brechen!"
Alles ift in beträchtliche Aufregung, bie Herren fohreien in
ihrer fport3männifchen Begeifterung; daß man es eine Viertelmeile
weit hören kann, aud die Damen geben ihrer Bewunderung mehr
. oder minder lauten Ausdrud. Nur Komteffe Edith Hat für ben
fühnen Reiter weder Wort noch Blid. Einen Moment feheint es,
als wolle er ſich ihr nähern, aber fie wendet ſich falt ab, und er
beißt grimmig die Zähne zufammen, und nimmt den Hengft zwiſchen
die Schenkel, daß er in mächtiger Langade nach vorn fchießt.
„Hola, Zunge! Sachte! Nimm uns aud mit!“ brummt der
alte Borden und
„Bift Du denn heut rein des Teufels, Heino? Willft mir wohl
meinen Gaul ganz zu Schanden reiten?“ knarrt de Grafen Stimme.
ne et Dntel aa Der hi de 4 nicht Reh Rau
machen, — follft jehen, ber läuft nachher noch weg!“
alſo Interpellirte, und reitet an Per feines Vaters, der liebes
voll und mit väterlihem Stolz auf den echten Sproß vom alten
Stamme hy t.
„Haft Dich brav gehalten, mein Junge!“ nickt er ihm zu, und
beugt fich näher zu ihm herüber: „Aber was haft Du denn mit der
tleinen Eddy? Seid ja ir ſchier wie Hund und Kage miteinander,
und follt doch mal Euer Leben lang in einer Koppel jagen!“
„Nein, Papa! Daraus wird nichts! Ich danke für die Ehrel“
„Hobo, geeunbegen! Auf einmal? Nur nicht gleich jo hitzigl
gl tleine Kabbeleien giebt's überall, das verfliegt wie Stroi
jener!“
„Papa, Du fennft mid, und weißt, daf ich fein Hitzkopf bin!
Aber mit einem Weibe, das fo wenig Herz hat, — nein, ich danke!
Do hier können wir darüber nicht fprechen, zu Haufe werde ""
Dir alles fagen!“
„Na, bin neugierig! Daß ich Dich nicht beeinflußen mwerL
weißt Du, Du mußt mit Deiner Frau leben und bift Mann's gen
für Dich felbft zu wählen! Aber es war ein Lieblingsplan v.
meinem alten Waldenfee und mir!“
Ein feſter Händebrud, Vater und Sohn verjtehen ſich of
viele Worte.
Sagdglũck 125
Inzwiſchen hat der Graf mit ſeinem Töchterchen leiſe daſſelbe
Thema verhandelt, nur auf feine Weiſe:
„Was ift denn das jet mit Dir und dem Heino? Was haft
Du gegen ihn? Das ift feine bloße Nederei mehr, das ift ja fom-
plette Feinbfefigteit! Deine ſcharfe Provokation vorhin hätte ihm
leicht den Hals oder eines feiner gejunden Glieder often können!
So fpricht doc ein Mädchen, jelbjt wenn & gereizt ift, nicht zu
dem, dem fie bald für das Leben angehören fol!“
„NRimmermehr, Papa! Das fann ich nicht!“
„Bitte, mäßige Did! Man wird aufmerffam auf und! Und
warum nicht, wenn ich fragen darf? Bisher warſt Du doch
fehr einverjtanden damit! Du weißt, daß ich Dich nie zwingen
werde, wenn Du triftige Gründe für Deine plögliche Weigerung haft,
aber um einer Mädchenlaune willen werde ich einen Plan, an dem
Borden und ich feit langer Zeit hängen, und der nur Euer Beftes
bezweckt, nicht aufgeben, mein Kind! Doch wir fprechen zu gelegenerer _
Bei noch darüber, vermeide für jet wenigftens alle weiteren Reis
ien mit Deinem Vetter!“
Es war auch feine Zeit mehr zu weiteren Erörterungen, man ift
inzwifchen auf dem Rendezvouspiatz angelangt, wo bereitß verfchiedene
‚en in Roth aus der Nachbarſchaft die übrigen Jagdgäſte des
fen erwarten.
Die Hunde werden angelegt, bald haben fie den Fuchs aus dem
Cover getrieben, und die Meute ftürmt ihm mit hellem Geläut nad,
Hinterdrein bichtgefchloffen das rothe Feld. Aber bald kommt es
augeinander, das Terrain ift wirklich verteufelt coupirt. Hier refüfirt
ein Saul hartnädig, da ftürzt ein anderer, — es ift ein aufregender
Run. Komteffe Edith auf ihrer Teichten, fichern Vollblutftute Miß
Sarah ift wie immer unter den Vorderſten. Aber ihre böte noi
Better Heinz, bleibt ihr hartnädi gu Seite, als wollte er ihr
oculos demonftriren, daß er auch aut m Emir hinter den Hunden blei-
ben fan. Er hat recht gehabt, der Sergit galoppirt alle todt, wenn
er ihm mur die Zügel hießen laſſen wollte. Leicht und willig nimmt
er jedes Hinderniß, — feine Spur von Widerfeglichkeit, dafür reitet
ihn aber auch fein Peiniger jegt, wo er thut, was er ſoll, mit einer
fo leichten Hand, al3 ob feine Kinnladen Eierfchalen geweſen wären.
Doch die Komtefje hat anfcheinend feinen Blick für ihres Wetters
NReitkünfte, fondern fucht im Gegentheil, wiewohl vergeblich, von ihm
fortzufommen, und lenkt enblid), mit dem Terrain genau vertraut,
ungeduldig ihr Pferd feitab, um ihren zähen Begleiter loszuwerden.
rade in diefem Augenblid fährt ein mmer*) faft unter den
Ben des Schimmels Heraus, und jagt der nervöſen Miß Sarah
ıen ſolchen Schred ein, daß fie mit einem mächtigen Satz gu Seite
allt, der eine weniger firme Reiterin ſicher aus dem Sattel gebracht
den würde. Komteſſe Edith verliert weder Sig noch Faffung, aber
*) Baibmannseusbrud für Haſe. D. Berf.
——M
126 Sagdglũck.
ſtatt das ſonſt lammfromme Thier durch ihre bekannte Stimme zu
beruhigen, giebt fie, ohnehin ſchon in gereigter Stimmung, und nun
durch dies har cibent_ in enwart bes fatalen Vetters fait außer
Hi en die Pr nimmt, und
ventre & are ausbricht. Unter andern Umftänden hätte ſich Edith
nicht viel Daraus He fie würde ihres Gaules, wenn er ſich
er Athem me db genug wieder Herr geworben fein, —
aber gerade in * Richtung, in der Miß Sarah wie ein abgeſchoßener
teil davonftürmt, befand Ne nur wenige Hundert Schritt entfernt,
eine tiefe Mergelgrube mit fteil abfallenden Wänden, und, ba fie
mitten im Zelde lag, nicht einmal von einer Yewährung umgeben,
— N —* Dar ach 1 jegen eins zu wetten, daß ihr Pferd in feiner ——
ſtſam dort hinabſtürzen, ober, wenn es wirklich
a ken 9 Moment zurücprallte, fte über feinen Kopf weg in bie
Tiefe fchleudern mußte. Tro verliert fie nicht die Geiftesgegen-
wart, ſondern bemüht fich aufs äußerſte, Miß Sarah zum Stehen
au Dingen ober herumzuwerfen, — aber was vermag ihre ſchwache
ft gegen bie unbändige des tollgeworbenen Thieres?! Und nir-
gends ie: Die andern find weit, fte Zönnen ihren Auf nicht
ören, und wenn au, — ehe fie heranfommen, i iſt ihr —
ingft entf jeden, — und ben Einen, der bei ihr aus gehalten bis j
hat fie feldft ohen, — D, wenn er jegt bei ihr wäre! 5
Heinz!“ feufzte fe ie. Sie ift ein eh, eu ned 9 —
chen, aber das Herz frampft ſich ihr doch zufammen bei
ten, von dem Leben, das fie kaum erft zu koften begonnen, Peg ihr
fo orig lacht mit all’ feinen Freuden und Wonnen, in wenigen
Sekunden für immer fcheiden zu ſollen! . . . Und da taucht au
kon. von dem umliegenden Feld be u unterfcheiden, ber Ran
der Grube dicht vor ihr auf, — noch zwei Sprünge, und alles iſt
vorüber, — ba, dicht hinter ihr Eäinauben, Tafen! ufſchle
ein dunkles Etwas ſchießt bei ihr vorüber — fie fühlt fü som einem
ſtarken Arm feft umfchlungen, und gehalten — ihr Pi 2
ger fen — ftarrt in die dicht vor ben Hufen ihres —e
we en Thieres jäh abfallende Tiefe, — dann ſchwinden ihr de
inne .
as fie die u gen wieder aufitägt, Tiegt fie auf ber Erbe, ihr
Kopf von Seinos Wı tm geftügt, und er beugt ſich über fie — mit
einem Ausdruck — fo voll Liebe und Angft! — Er, ber in letzter
it immer jo ernft und alt war! — dab es ihr ift, wie ein ſchönt
raum, aus dem man nimmer erwachen möchte, und fie wieder bi
Augen ſchließt, und felig lächelnd flüftert:
„D Heinz! Dup!“
Und fie fühlt — feſter von ſeinem Arm umfotungen, und feiı
- Lippen heiß auf ben ihren brennen, und hört feine bebende Stimr
leife an ihrem Ohr:
ln
Iagdglük. 127
ſicht:
„Und die Meiners? Was haft Du mit ihr?!“
Heinz macht ein ungeheuer verdugtes Geſicht.
„Die Meiners? Was für eine Meiners?*
Sie ftarrt ihm noch immer angftvoll in die Augen, als wolle
fie im Innerjten jeiner Seele lefen.
„Dlga Meiners, die Tochter des reichen Meiners, — Kommer-
ienrath, oder was er ift, — da in Eurer Garnifon, — um die Du
ich bewerben ſollſt, — was ift daran? Um Gottes willen, Heinz,
fei aufrichtig gegen mich!”
Jetzt Yacht er laut auf. „Na, da hört doch aber die Weltge-
ſchichte auf! Ich mich um Olga Meiners bewerben?! Wer hat Dir
denn nur das tolle Märchen aufgebunden, Kleine?“
„Lieutenant von Neuhoff, als er das legte Mal auf Urlaub
bier war!“
„Der Teufel foll dem verd... Schwäger auf ben Schädel
! Wie kann er fich erfrechen, Dir folge offenbaren Lügen zu
erzählen?! Das ijt ja eine Infamie fondergleichen, noch dazu gegen
einen Kameraden, jelbft wenn er es aus purer Klatſchſucht — altes
Weib, das er ift! — ohne böfe Abficht gethan hätte! Aber warte,
mein Junge, wir fprechen und noch! Und Du Haft diefen holden
Unfinn ohne weiteres für baate inze genommen, haft Deinen
Heinzenvetter für fo dumm und fo ſchlecht halten Fünnen, und ihm
nicht mal ein Wort deßwegen & önnt?! Eddy, das hätte ich nicht
von Dir erwartet! Jetzt eilt fann ic) mir Deine Gereiztheit
gegen mich in letzter zeit erklären!“
„D Heinz, vergieb! Ya, ed war unrecht und thöricht von mir,
ich ſehe es jeßt felbit, und ich habe mich ja auch lange gefträubt, es
zu ‚ glauben, — aber fiehft Du, Du hatteft Dich doch noch nicht
erklärt . . .*
„Weil ich das zwifchen uns beiden für fehr überflüffig hielt!*
„Wenn auch, aber immerhin warft Du doch nicht gebunden,
ne andere konnie Dir beſſer gefallen Haben...“
„Kind, ich bitte Dich, das glaubt Du ja felbit nicht!“
Sie I ) an ihn. „Es war aber doch möglich, und
an hatt! i in Necht, Dich danach zu fragen, — und beßhalb
qwieg ich, — es ift mir ſchwer genug geworben!”
Er füßte fie. „Arme Kleine, was haft Du Dir für unnöthige
sorgen gemacht!”
— Sagdglũck.
„O, nun iſt ja alles gut, nun ich weiß, daß an dem Gerede
nichts iſt, nicht wahr?“
„Nicht ein wahres Wort! Ich habe mit der bewußten Dame,
— die nebenbei gejagt nicht nur ein veiches, fondern auch ein hüb-
ſches und ficbenstoiiges Mädchen ift, — ein paar Mal in Gejell:
ſchaften geplaubert und getanzt, natürlid) auch ala anftänbiger Menih
meine Viſite gejchnitten, — das ijt aber auch alles! Bon irgen
etwas, was wie Courſchneiden, oder gar wie eine Bewerbung aus-
eſehen hätte, ift zwiſchen ung nie die Rede geweſen, — konnte es
Fon gar nicht fein, weil ich, fo fange ich denfen kann, immer nur
ein gewiſſes ſüßes kleines Geſchöpfchen angebetet habe, das fich augen-
blicklich ſehr verfhämt an meiner ft verkriecht!“
Cie blickt erröthend, aber glüdfelig zu ihm auf: „Und ift das
wirklich wahr?“
„Wahr, wie das Evangelium!“ nidt er gravitätiſch, und küßt
fie auf den rofigen Mund.
en Geliebter, wie war ich dumm, — und wie bin ic} jegt
glüdlich!”
„Mein füßes Lieb! Und ich erft! Wer Hätte das noch heut
Morgen gedacht!"
„D Peg! von heut Morgen! Ich mag gar nicht daran ben-
ten! Wie ſchäm' ich mich jegt, daß ich jo häßlich zu Dir war! Gott
fei Dank, daß alles jo gut abgelaufen ift! Ad, ich habe ja nicht
gebadht, daß meine böfen Worte folche Wirkung haben würden! Und
als ich dann mit Schreden ſah, was ich angerichtet, — wie habe
id da für Dich gezittert, und Dich bewundert! Nicht wahr, Du
verzeihft jet Deiner Eddy?“
„Da iſt nichts zu verzeihen, mein Liebling, — ich denke jet
nur an mein Glüd, — und Du weißt, was ſich liebt, das neckt ſich;
das Yale ift nachher um fo ſchöner, nicht — Und dann,
ſieh, hätteſt Dur mich heut Morgen nicht jo herausgeforbert, fo hätte
ich jegt nicht den Emir geritten, — und wer weiß, ob ich auf einem
andern Gaul noch zurecht gefommen wäre, — & hing jo ſchon an
einem Haar — br! 39 in gerabe nicht ſchwachnervig, aber es
überläuft mich jegt noch Falt, wenn id) nur an Die Möglichkeit denke,
— mas hätte ich wohl angefangen?!“
Sie ſchmiegt fich fefter an ihn, er preßt fie an fich, als wolle
er fie nimmer laffen....
„Aber pogtaufend, über unjerm Glück vergeffen wir ja wohl
rein Zeit und Weile, — natürlich, dem Stückigen ſchlägt feine
Stunde! Aber jegt werden wir uns doch wohl nad) der verehrlichen
Geſellſchaft umſehen müffen, die gar nicht willen wird, wo wir ein
Ende genommen haben! Ich denfe, wir reiten am beften Direkt
nad dem Rendezvousplatz, — zum Hallali dürften wir doch wohl
etwas zu jpät fommen, was, Kleine?“
„Bedauerſt Du das?“ lächelt fie.
„Du Schelm! Was ic) heut danach frage! Bin ich doch hier
u u Sagdglüc. 129
bei einem viel ſchöneren Hallali der Erfte und Einzige geweſen, —
das nenn’ ich doch noch Jagdglück!“
Sie umſchlingt ihn. „DO Heinz, wenn Du wüßteft, wie glüdlich
& mid) macht, das zu hören!“
„Das wirft Du ſteis, my own sweet darling, und wenn id) jo
alt wie Methujalem würde!“
Dann bindet er die Pferde Los, die von ber heftigen Anftrengung
erihöpft wie die Lämmer geftanden haben, hebt jeine Eddy in den
Sattel, — o wie ſtolz und glücklich ftügt fie fich jet auf feinen
ftarfen Arm! — ſchwingt fü —T auf den Emir, und lacht:
„Da fieh’ nur Deine Mit Sarah an, was fie jegt für eine
wahre Schafsmiene macht, als könnte fie fein Wäſſerchen trüben,
und hätte nicht vorhin beinahe das größte Unheil ang! ichtet! Und
dabei kann ich dem Racker noch nicht einmal ernſtlich böfe fein, denn
ohne feine Unvernunft hätten wir und wohl faum fo bald und jo
glüdlich gefunden! Na, wird mein Alter aber Augen machen!“
„Ah ja, und Papa erft, — noch dazu nach dem, was ich ihm
vorhin erjt gejagt habe!“
„Du? Was Haft Du ihm denn gejagt?“
Sie lächelt ihn ſchelmiſch an. ‚Ss ich einen gewiffen jungen
und Better nicht heiraten könne!“
„Das haft Du ihm rund herausgefagt? Alle Wetter, wie fam
denn das?
Sie fieht ihn num doch etwas ängftlich an. „Papa machte mir
Vorwürfe über mein Benehmen gegen Dich, meinen künftigen Herrn
und Gebieter“, fie lächelt wieder ſchalkhafi, „und ich war noch auf-
gerest von der Scene vorher, — und dachte an die unglüdjelige
Iga, — und da fuhr es mir fo heraus! Aber, nicht wahr, Heinz,
jegt bift Du mir nun auch nicht böfe — es iſt ja nun alles
gut, und Du Haft ja felbft gefagt, Du ſeieſt zu glücklich ...“
| Sie tommt nicht weiter, ihre Worte werden von einem unaus-
Töfchlichen Gelächter verichlungen: „Hahaha! Das ift Föftlich! Eddy,
Kind, ich habe ja meinem theuren Erzeuger auf feine diesbezügliche
Moralpaufe genau dajjelbe erklärt!”
Jetzt lacht fie mit. „Du au, Heinz? Wirklich? Nein, ift
das aber ein fomifeies Zufammentreffen!“
„Die reine Komödie der Irrungen! Ein Glüd nur, — um bei
Shakeſpeare & bleiben, — daß es fchließlich noch Heißt: Ende gut,
alles gut! Aber jet, Schag, halt’ ich's nicht mehr aus fo im ehr
baren Schritt, — Herrgott, ich könnte ge vor lauter Glück und
— "ermuth gleich in alle Lüfte gehen! Diefe legte Konfufion ſetzt
« Ganzen die Krone auf! Komm’, wollen einen tüchtigen Jagd-
on machen, — ober haft Du noch genug von vorhin?“
Bo denkſt Du Hin?! Das wäre noch ſchöner!“
echt fo, bift ja mein tapferes Mädchen, und wirft eines
o Frau! Alſo au galop grand, ma belle cousine!“
Ttößt einen gellenden Jagbichrei aus, dag Miß Sarah und
130 Iagdglüc.
der Emir wie eleltrifirt die Ohren fpigen und vorwärts ftürmen,
und fo jagen fie beide nebeneinander in fliegender Pace dahin über
Gräben und Heden, — ihre Wangen glühen und ihre Augen leud-
ten, — zwei glüdjelige junge Menjchenkinder!
Schnell kommt der Nendezuousplag in Sicht. Er zieht den
Bügel an, fie laffen die ſchnaubenden Syiene in Schritt fallen.
„So, Eddy, nun Hör einmal zu: Wir laffen uns jegt zunächſt
von unferm Glüd noch nichts merfen, fondern machen ein Geficht, wie
— na, wie wir es dieſe ganze verrüdte Zeit über gefchnitten haben,
0 fauer und das jegt auch werden wird, und Taffen unfere beider
eitigen teuren Alten für ihre unerhörte Tyrannei gegen ihre armen
Würmer noch ein Weilchen jappeln!“
Sie muß unwillfürlich laden. „PBfui, Heinz, wie kann man in
ſolchem glüdlichen Augenblid jo boshaft fein!“
„Ach was, ein bichen Bosheit gehört zum Leben, wie ber Senf
um Rindfleifch, die Sache wird ſonſt zu fabe. Laß fie nur erft ein
iächen Brummen, und die ehriwürdigen Köpfe jcHütteln, nachher ift
die Freude um fo größer!“ lacht er übermüthig, und amüſirt im
ftillen, wie fie troß ihres Widerſpruchs ihr Geiähtchen gehorfam in
allerliebfte Schmollfalten Legt.
Auf dem Sammelplag berriit bereits reges Leben, der Graf
hat gegen fonftige Gepflogenheit befohlen, das Dejeuner im Freien
u ferviven, in der menjchenfreunblichen Abficht, die Herren aus der
achbarfchaft, die nicht zu feinen eigentlichen Gäften gehören, nach
dem ſcharfen Ritt nicht mit hungrigem Magen nach Haufe traben zu
laſſen. Natürlich find die beiden Äusreißer längft vermißt, und ihr
Verſchwinden vielfältig Tommentirt worden. Der Papa Graf bat
auch ſchon, fo wenig er fonft fich um fein ſattelfeſtes A üctenen zu
ängjtigen gewöhnt ift, Boten nad) ihnen ausfenden wollen, aber der
alte Borden hat es nicht gelitten.
„Unſinn, alter unge, Hab’ Dich, nicht! Die Eddy reitet gerade
b, ER wie Du und id, und außerdem ift ja auch der Sunge
ihr“
„3a, wenn der ſelbſt nicht mit feinem Satan von Gaul alle
Hände voll zu thun hat!“
„Na, darliber Eönnteft Du, dächt' ich, jet beruhigt fein, Haft ja
ſelbſt gefehen, wie glatt er zu Anfang jedes Hinderniß nahm!“ &
nimmt ihn etwas beifeite. „Nein, ich habe eine andere Vermuthung:
Ich Habe ihn vorhin wegen feines Benehmens gegen Eddy ein bischen
ins Gewiffen gerebet, folljt jehen, — er benupt jet bie Gelegenheit,
die Sache ins Reine zu bringen, — ich habe fo eine Ahnung! N-
und ba kommen fie ja auch angejchlendert, als ob fie noch wer we
wie viel Zeit hätten!“ unterbricht er fich Taut, während ber Graf no,
über feines alten Freundes Zuverficht zweifelnd den Kopf fchüttel
„Holla, Kinder, beeilt Euch ein bischen, aller Augen warten auf Eu
Die Suppe wird falt!“
As fein Falkenauge aber die froftigen Mienen der jegt raf
Iagdglüc. 131
Herantrabenden gewahrt, fchüttelt er verbrießlich den grauen Kopf,
und brummt dem Grafen ins Ohr:
„8 ift nichts! Die find weiter aus einander, wie je! Hol’ der
Teufel ——— Launen, die ſich das junge Volk heutzutage in
opf fegt!“
Der Graf entgegnete ebenfo leife: „Ich habe es gleich bezweifelt,
— Eddy hat fich Heute zu beitimmt geweigert! ber ich werde fie
m Pe hher vornehmen, — ich will wenigſtens wiſſen, was fie gegen
1"
Und laut ruft er der Tochter, der Heinz eben mit fteifer Höf-
Tichteit aus dem Sattel hilft, entgegen:
„Aber Kinder, wo bleibt Ihr denn fo lange? Wir haben ung
bereit3 um Euch Sorgen gemacht!“
„Run, Bapa, diesmal war e3 auch nicht fo ganz ohne, — Miß
Sarah ift mit mir Burcgegangen!”
zourögegangen?! ein frommer Schimmel? Aber Eddy! wie
war das möglich?“
„Ein Hafe fuhr ihm direft unter den Füßen heraus, und brachte
ibm aus der Contenance‘, kommt Heinz feiner Eleinen Braut zu
ilfe; „und ala ihm Coufine Edith, wie es fich gehörte, für feine
ordentlich eins überzog, preichte ber verwöhnte Rader wie
unfinnig davon, gerabe auf die große Mergeltuhle 108... .“
„Um Gottes willen, Sind, in welcher Gefahr bift Du gewefen!”
zuft ber Graf, ber vor Schred gänzlich feine gewohnte Reſerve
ver,
„Sa, Papa, ic) gab mic, verloren, — als im letzten Moment
Better Heino dicht vor dem Abfturz mein Pferd herumriß!“ Ihre
Stimme bebt, — o wie ſchwer wird es ihr, die fühle Miene zu be—
wahren, ftatt ihrem Heinz, ihrem Netter, an die Bruft zu fliegen!
Der mertt y* und in: Pe küpt ei: gErufme Pi be
ſchämt mich, das Hauptverbienft gebührt Deinem Emir, — Herrgott,
I ie Kreatur ausgreifen, — Onfel Graf, an dem Gaul haft Du
einen fapitalen Steeplechajer!"
Edith wagt ihn gar nicht anzufehen, — „fie gönnt ihm feinen
Blick! tuſchelt es tingsum, — nein, kann dieſer Vetter jich verjtellen,
das ift ja ganz gefährlich, — das muß fie ihm noch abgewöhnen!
„Ra, 1; alledem ift Die Sache ja noch glüdlic genug abge
laufen“, läßt ſich jeßt auch Herr von Borden sen. vernehmen, „ob⸗
wohl e3 diesmal wirklich verteufelt fcharf am Halsbrechen vorbeiging,
— biefe infamen tiefen Mergelkuhlen mitten im freien Felde werben
iochmal ein Malheur anrichten! Arme Kleine!“ er ftreichelt ihr die
rröthende Wange. „Aber apropos“, wendet er fich an feinen Spröß-
ing, „bad verdb.... Dings ift doch gar nicht jo weit von Hier, und
er Incident muß ja bald zu Anfang der Jagd paffirt fein, — wie
!ommt’3 denn, daß Ihr jo lange bis Hierher gebraucht Habt? Wir
ndern find doch ſchon eine ganze Weile Hier, und haben inzwiſchen
men ganz anftändigen Ritt gemacht!“
132 Fagdglück.
Edith erröthet noch tiefer, sg aber begegnet dem Inquifitor-
blid feines Erzeugers höchft unbefangen, und erwidert ganz harmlos:
„Sehr einfach, Bapa, ich habe die Gelegenheit benugt, mich mit
Coufine Edith über das, was ich Dir heute Morgen gejagt, — Du
weißt doch noch? — einmal gründlich auszuſprechen, damit Ihr Euch
feine unnüge Mühe mehr damit gebt.“
„Damit hätteft Du gefälligft auch warten fünnen, bis ich mit
Dir nod) weiter gefprochen hatte!“ ſchnauzt Papa Borden mit feuer-
rothem Kopf grimmig feinen Stammhalter an. „Haft Dir ja eine
äußerft Daffenbe Beit dazu ausgefucht!” Er liebt feinen Jungen
herzlich, aber das geht ihm doch über Kreide und Rothftein, — M
ſelbſt ſein Glüc jo muthwillig zu verſcherzen!
Der aber feine durch den väterlichen Gefühlsausbruch nicht
im mindeften verblüfft, fondern entgegnet, während fein Bräutchen
vor lauter Sorge um ihren tollen Sein wie auf Kohlen fteht, mit
der Ruhe eines Gerechten, dem ein Unrecht gejchieht:
„Gewiß, Papa, eine befiere hätte I nie gefunden. Denn ba
Coufine Edith vor Schred leider ein bißchen ſchwach geworden war,
mußte fie wohl oder übel ftandhalten. Und was das „warten“ bes
trifft, — Papa, wie oft haft Du mir felbft eingeprägt: Das Glück
— Bardon, meine Herrichaften, aber es find meines theuren Papas
ipsissima verba, die id) mir hier anzuführen erlaube, wenn fie auch
zu meinem aufrichtigen Bedauern nicht eben jalonfähig Elingen, —
das Glück muß man feſthalten, wie ein Ferkel, dem der Schwanz
mit grüner Seife bejchmiert ift. Nun, ich habe Deine väterliche
Lehre befolgt, habe mein Glück feitgehalten‘, — hier iſt's mit der
Verſtellung vorbei, der ganze Jubel feiner jungen Glüdjeligfeit bricht
unaufhaltfam hervor, er ergreift die Hand feiner erglühenden kleinen
Braut, „so feit, daß ich es nur mit meinem Leben lafje!“
Tableau! Sogar des gräflichen Papas diplomatiſche Glätte ift
unter dieſem Sturzbad gründlich in die Brüche gegangen. Der erite,
der wieder zu fich fommt, ift Herr von Borden sen.
„Junge! Herzenzjunge! Iſt's denn wahr?! Nichtswürdiger
Schlingel, feinen alten Vater fo an der Naje herumzuführen! Na
warte!“ und dabei giebt er feinem glüdftrahlenden Sprößling einen
ichallenden Kuß, ohne ſich um die etiwaigen Gefühle der verehrten
Anweſenden nur fo viel zu ſcheeren. Dann nimmt er feine Nichte beim
Kopf: „Und die Wetterhere hilft meinem gottlofen Jungen auch noch,
feinen alten Water zu narren!*
„Halt, Onfel Soer! Vergreif' Dich nicht an Unſchuldigen! Be
danf’ Dich bei Deinem ungerathenen Sohn dafür, der mich tr
meines Sträubens zu biefem Attentat auf unfere beiberfeitigen Pap
angeftiftet hat! as wollt’ ich armes Lamm machen? Gejchie
Dir aber ſchon recht, warum verziehit Du Dein Baby fo, ich we
ihn mir ſchon beffer ziehen!“
Alles Tat, und Papa Borcken meint refignirt: „Na ja,
haben wir's! Jept leſen die Küfen den alten Hühnen die Levite
i
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EEE We
Zagdglũck. 133
Das kann ja in Zukunft recht nett werden fir mic zroifchen meinem
Unband von ungen und diejem Ausbund von & wiegertochter!
Aber nun, meine Herrſchaften, mein alter Freund Waldenſee, der
von dieſer rapiden Entwidelung ber Dinge noch immer ganz hinge-
nommen jcheint, wird feinem Schwager und Intimus Ddiejen Ein-
ee, in feine Hoheitsrechte wohl verzeihen, — nun zum wohlver-
ienten Sagbfeihftüc, von dem nur diefe beiden fchwärmenden Aus-
reißer und Liebesleutchen fo unverantwortlich Tange abgehalten haben!
Und geftatten Sie mir, die alte bewährte Tiſchordnung ausnahms—
weife einmal auf den Kopf zu ftellen, und das Mahl mit einem Toaft
‚u beginnen, durſtig werden wir ja ohnehin wohl alle fein: Ich bitte
ie, mit mir zu trinken auf das Wohl bes jungen Brautpaares
Edith Komtefje Waldenfee und Heino von Borden, und auf dieſes
meines nichtönugigen Jungen unverfchämtes Jagdglück!“
* *
*
Sept A Edith und Heinz längſt ein glüdliches Baar, und
Papa Borden hat hinreichende Gelegenheit gehabt, fich zu überzeugen,
dab fein damaliger Kaſſandraruf völli —5 — geweſen. Vater
und Sohn wetteifern mit rührender Einmüthigleit, die junge Frau
u verziehen, — wenn fie ſich nur verziehen ließe. So aber bleibt
ie anſprüchslos dankbar für alle Güte, ihrem Heinz mit inniger
jelbftlojer Liebe ergeben, — der gute Geift des alten Haufes. Und
jo oft ihr glüdlicher Mann ihr Hille Walten daheim fieht, jo oft
er mit feinem bi ſchönen jungen Weibe in faufendem Galopp
über die gelber fprengt, denkt er in dankbarer Erinnerung jener
bangen Sekunden, da er fi in wilder Hetze auf Tod und Leben
die Geliebte erritten, und jegnet jenen Tag und fein Iagdglüd.
AR
Hadiklänge an Bayreutf.*)
Bon Ferdinand Pfoßl-Leipzig.
I
berühmte Wort des Archimedes „Gebt mir einen
eften Punkt“ Hat in unferer Kunſtgeſchichte eine Bedeu⸗
ung ohne gleichen erlangt, als ber rube- und raſtlos in
einen Himmeln umherirrende Genius eines Richard
Vagner aus eigener Kraft fein Bayreuth fich erfchuf:
mit dem Gedanken von Bayreuth war die Löſung der fchmerzlichen For⸗
derung des griechifchen Denkers gegeben, an deren Unerbittlichleit in
den legten zweitauſend Jahren unjerer Kulturgeſchichte manches Genie
fi verblutet, mancher Titane des Willens ſich bis zur Ohnmacht
erſchöpft Hatte. Unter dem Schuge feines königlichen Freundes hatte
Wagner den feften Punkt & inden, von wo aus fein Riefengeift
jenen Riejenhebel an die Welt des Alten anfegen durfte, jenen
Rieſenhebei, der fie aus den Angeln hob und in das Nirwana des
Vorbei ftürzte. Wagner ftand feit wie ein Gott auf diefem Punkte
und behauptete ihn mit jenem rückſichtsloſen Troß, zu dem ihm eine
Summe der fümerzüicften Enträuföäungen, ein Leben voller Drangjale
und fünftleriiher Noth ein wohlbegründetes Recht gab. Unaufhalttam
wie das Licht einer neu aufflammenden Sonne flutete feine Muſik
über den Erdball, erwärmend, belebend und beraufchend. Die armen
Zledermäufe, welche im früheren Dunkel einer altersſchwachen, all-
mählich hinſiechenden Epoche ihren harmlofen Falterfang betrieben,
und von längit erichöpften Talenten träumten und jeden ſchwa
in der Phiole fchimmernden Homunculus zum Meſſias erfüren wol
ten, die armen Fledermäuſe fahen ſich urplögfich im hellen Tc
®) Obwohl mir mit ben Ausführungen des Berfaffers nicht in jeder Begiehu
einverſtanden find, fo glauben wir doch bem witigen Kritiker über bie Tage v
Bayreuth um fo eher das Wort geben zu muſſen, weil hier zum erften Wale, i
Gegenfaße zu der fonftigen Gefiühlebufelei dom Bayreuth ber Wahrheit, freil
mitunter in etwas ſcharfer Weife, eine Gaffe gebahnt wird. (Die,Reb, d. „Ealo:
NVachklãnge an Bayreuth. 135
umriejelt vom goldenen Sonnenfchein. Sie piepften ängftlih und
ae m gegen das Licht, das ihnen jo fatal. Die Welt war erjtaunt und
8 die Heinen, ärmlichen und erbärmlichen' Nachtgeſchöpfe den
Heinen Rachen aufthaten, um bie läſtige Sonne zu verfchlingen.
Aber es ging nicht... felbft ein Fenriswolf vermöchte dad nicht;
die Sonne ſcheint und Ttrapit ihren goldenen Glanz in bie fernften
Sphären des Aethers. Da verband fich denn die Finfterniß mit der
Dinnmheit, die Bosheit mit dem Philifterium ... Die Fledermäufe
flogen und buhlten um Minnefold bei der Gamilie Bopf. Die Zöp|
machten eine Revolution ... jo wurde das frühere nur ergößliche
Schauſpiel grotesk; die Dummpeit und das Philifterium fpannten
gig jegen Die flammenbe Sonne ihren Sonnenſchirm auf, und weil fie jo
ie Sonne ſich verdedt, behaupteten fie mit der Bornirtheit
Eigendünfels, die Sonne ſcheine überhaupt nicht ... Stehe feft, mein
Stein, hatte Wagner gefagt, als man den mbryo des zufünftigen
Feſtſpielhauſes in den 5, der Allmutter Erde ſenkte; I eft,
mein Stein —! Und ber Stein ward ki ja, er verlor den Charak⸗
ter des Klogig-Materiellen, er wurde zur Kaaba, Ey einem Heiligthum,
zu maden die Söhne aller Zonen, die Bekenner jeder Zunge
mit Inbrunft wallfahrten.
Waren Sie in Gapieuth? Das ift die Univerfalfrage unferes
Jahrzehntes. Sie ift den höchſten gefellfchaftlichen Kreiſen mit Hm
vornehmen Parfüm, wie ber — Atmoſphãre bes künſtleriſchen
Proleiariats a Agent —5 alle Diſſonanzen des geſellſchaftlichen und
—E öfen ſich in Bayreuth zur zeitweiligen Konfonanz.
Der —S der an Ekellieutenant, der Rünftler, der Pfaff,
ber wohlhabende Handwerker, der von feinen Peffeln befreite Be
amte, ber Commis voyageur, der arme Teufel von Klavierlehrer
dem bie Bayreuther Stipenbienftiftung hilfreich unter Die Arme griff,
bie engliſche Miß mit dem zu Tode gelangweilten Geficht, die magere
öfin mit den ſeufzenden Augen, das Gejchlecht der Kritiker und
Die fterinnen ber Irobte Sasbenos (merifaner, Neger und
EHinefen find das in feiner annigfaltigfeit höchſt intereffante
Publikum an dei für den Deutichen Tiegt etwas von ſchmei⸗
— — uldigung in der Viſite, welche die Welt dem ſchlichten
ar en ge Toben Main a ftattet; würde nicht der allmädhtige
der Mobe in gewiſſen Erſcheinungen allzujehr in die Au— en
an man fönnte verfucht fein, Die urwüchfige Kraft des deutſe
Geiftes, der fich Hier in feiner ganzen vollen, ſchweren Eigenart
„Fenbatt, Bu die Urſache diefer Völferwanderung nach Bayreuth
Sa, fo tehe fich die rothen Wagnerianer ge — den Gebanfen
iuben ven, die freche Mode hat “ ich Bayreuth
arſifal“ il Mode geworden, und weil er eine Une Ye ——
abe geworden ift, 8 dürfte er noch eimii ige Jahre in Mode bleiben.
r guten Bagnerianer — wenn Ihr glaubt, daß Euer Bayreuth
alle Ewigkeit fortblühen werde, wie es bisher in glüdfpendender
136 Nachklãnge an Bayreuth.
Weiſe geblüht hat, wenn Ihr glaubt, daß alle die europäijchen Neger,
Franzoſen und Chinefen aus einem anderen Beweggrunde nad) Bay
reuth gingen, als um fagen zu fünnen „Auch ich war in Bayreuth“,
wenn Ihr glaubt, daß die Mehrzahl der Pilger bei ihrer Wegreife
etwas anderes gedacht hat als etwa „Gott fei gedankt, daß wir das
Neft los find“, jo jeb Ihr im fehweren Irrthum. Als Wagner noch
im Lichte feiner jelbft wandelte, da war es die Macht feiner außer⸗
emähnlichen Individualität, der Zauber feines Weltruhmes, welcher
die tenfchen nach Bayreuth führte... Der „Parſifal“ wird in
feiner ganzen Bedeutung nur dem Deutjchen ſich auftyun; nur von
Deutiäen, ber auf den Feſtſpielhügel Hinauffteigt, fann man
als die Urfache feines Hierfeins die Begeiſterung am Kunſtwerk
aus ehrlichfter Ueberzeugung erwarten, weil nur der Deutſche in ber
myſtiſchen Tiefe des Barftlalftoffes ſich zurechtfinden und heimifch
fühlen fann. Wenn aljo —— wo Wagner todt und fein bämo-
nifcher Einfluß auf die Menjchen feiner Umgebung dahin ift, Banreuth
mehr denn je in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerkſamkeit
eines feheinbar ganz außerordentlichen Intereſſes fich geftellt hat, fo
ift dad an und — ſich eine gewiß hocherfreuliche Thatſache, die und
und jeden Deutfchen mit gerechtem Stolz erfüllen müßte, wäre nicht
jerade die Mode mächtiger als ber Parfifal, wäre nicht der „gute
Lone entfcheidender als das Gralmotiv. Geben wir uns keiner
Täuſchung hin: es wird einmal eine Zeit fommen, in der Bayreuth
verwaift Kin, wo feine agenfaren mehr über die friedliche Aue Hin-
tönen, fein gerührtes uge mehr zum Nachthimmel emporfganen
wird... Sept kämpft Bayreuth mit aller Macht um fein Dafein;
bie zahlreichen nach Taufenden zählenden Befucher der Feſtſpiele find für
die Bayreuther, dieſe Spiehbürger von echtem Schrot und Korn, ein
treffliches Ansbeutungsmaterial; hunderttaufende von Mark fliehen
während weniger Wochen in bie Wirthſchafiskaſſen der Hausfrauen.
Warum follte es nicht auf ewige Zeiten jo bleiben? Nein, es wird
nicht ewig fo fein, wie es bisher war, weil es gar zu unvernünftig
wäre anzunehmen, daß man um das erhabene Kunſiwerk zu hören,
von Berlin oder New⸗York oder Leipzig nad) Bayreuth fahren foll,
um bier mit al’ ben Fatalitäten der Sleinftadt und dem Anhängfer
einer brutal egoiſtiſchen und geldgierigen Bevölferung den Genuß
einer künſtleriſchen Darftellung, wie man fie in den genannten großen
Städten auch zu, bieten vermag, fich u verfümmern. Der fegtere
Grund ift natürlich der entfcheidende. Wenn nun dem Leipziger dag
Theater in Leipzig den Parſifal mit derjelben darftellerifchen Bollen-
dung bieten fann, warum, um des Himmels willen, verlangt man da
von ihm, daß er die theure Reiſe und die theuren Breit von B
reuth bezahlen und 1) dort noch ärgern fol? Und warum f
fi) der heilige Gral nur einen verſchwindend kleinem Bruchth⸗
der Nation entHüllen? Warum follen Millionen, denen zu rei
die Beſchränktheit ihrer Wermögensverhältniffe nicht erlaubt, von
Gnade des Kunſtwerkes ausgefäiloffen bleiben? Gefteht, Ihr M
Nachklãnge an Bayreuth. 137
nerianer bon ber rothen Farbe, einer Familieneitelfeit der Nachkom⸗
men Wagnerd fann ſich nicht ein ganzes Volk beugen! Gefteht es,
daß es nicht Die legte Abficht des Meiſters fein konnte, fein Meifter-
werk zu verkleinern, indem er feine Wirkungen zu vergrößern verbot!
Gefteht, daß alle Deutiche ein Anrecht auf den Barkdat haben! Ge⸗
fteht, daß Ihr verrüdt feid, wenn Ihr verlangt, daß Bayreuth für ewige
iten jeine Stellung der Wagnerifchen Kunſt gegenüber behaupten fol!
fteht es! Wir, die wahren Freunde des Meiſters, wir mollen
Dagegen mit aller Kraft für die Erreichung umferes Zieles wirken:
Ia, wir kämpfen um den PBarfifal, wenn es fein muß, felbft & en
Eud) und Frau Cofima, und werden, wenn Ihr Euch an das det
klanimert, eben dieſes Geſetz unerbittlich für uns in Anfprucd nehmen.
Dreißig Jahre nad; dem Tode des Meifters — dann gehört der
Parſifal nicht mehr Euch), dann gehört er uns, dem deutſchen Volke
und der Welt.
IL
Wer ganz begreifen will, was Bayreuth bebeutet, was es dem
Feſtſpielbeſucher Fi der darf nicht in den Feſtſpielen allein den
ganzen Begriff erichöpft a ganz Bayreuth, feine kleinbürgerliche
tmofphäre, das holperige fter, ber Bankier Groß, Frau Cofima,
die Irrenanftalt, das elende Mittageffen und die ganze Künitler-
wirthſchaft find die Zwifchenglieder vom Bahnhof gu Feſtſpielhügel;
gar vieles iſt zu überſtehen, manderlei Plage und Fährlichkeit aus-
halten, ehe das Dunkel des Wagnertheaters den Fremdling ge-
imnißvoll und vielverheißend umfängt. Bayreuth iſt eine in recht
empfindlicher Weiſe ländlich-ſchändlich angehauchte Kleinſtadt, —
wunderbar genug, daß die frohe Feſtſtimmung, die ſich des Wallers
bemächtigt, nachdem er kaum die Schwelle Bayreuth überfchritten,
nicht zu verfcheuchen, troß der ernjtlichen Angriffe der in ihrer Hab-
gier beleidigend rohen Bevölferung: kaum angefommen, ficht man fich
von ben Wohnungsvermiethern umringt und erbarmungslos durch
ſchiefe und enge Straßen geichleppt, die durch einzelne luſtig flat
ternde ahnen den Blick des Ankömmlings über die bufolifchen
Neize verftreuter Mifthaufen nicht zu täufchen vermögen. Wunder-
bares Etwas, diefe Feitjtimmung .. Hat fi eine Atmofphäre von
Luſtgas auf die Stadt gelagert? Trägt das Echo jenes Ver fühterifche
Lachen der Teufelin Kundry und der holden Zaubermädchen aus den
Molten herab? Sind es die Zauberſprüche Klingsors, in deren
ın wir aus voller Bruft aufjubeln möchten, nachdem unfere Blicke
‚ der Brofa der Kleinſtadt ihren poetijch-gemüthlichen Charakter
ausfühlen gelernt? Iſt es bloße Einbildung, eitle Phantafie, die
3 eine fata Morgana vorgaufelt? Ein echter Wagnerianer Fniet
: jeder Regenpfüge in Bayreuth nieder und bewundert jedes bißchen
wdemift ... Gott, wir haben das alles auch zu Haufe, noch viel
ir als hier... aber in Bayreuth macht alles einen ganz andern
x Salon 1889. Heft IL. Band I 10: .
138 . Nachklãnge an Sayrenth.
Eindrud, der —— des Symboliſchen fällt hier ler gebildeten
Seele fofort auf. Hier ift alles Pombotih, Sen fima ift z. B.
zum Symbol der beutfchen Kunft geworden, Wolzogen, der bekannte
Wagnerforicher, ſymboliſirt die von einem gewiſſen Kant jo mühſam
entdedte reine Vernunft, nur der Kommerzienrath Groß fymbolifirt
ar nichts... Wer ift denn eigentlich der Kommerzienraih Groß?
& nun, der ift halt der Kommerzienrath Groß; er ift die linke
nd des Fejtipielcomit63 und gegen die Fremden, die feines Rathes
ebirfen, da er in feinem Bankgeſchäft den Verkauf gettipiel
farten beforgt, gröber als unbedingt nothwendig ift. Sein
iſt: Im Deutf lügt man, wenn man — iſt·! Als ich ben
Kommerzienrath kennen lernte, war er gerade nicht bei Laune,
Schriftſteller zu empfangen, die nicht eine Legitimation ihrer voll⸗
ftändigen Ungefährlichteit von Frau Cofima oder Herm von Wolzogen
aufweifen fonnten, und fo hatte ich benn ſchon nad etwa fünf
Minuten das angenehme Gefühl, mic) als des Ortes verwiejen be
trachten zu dürfen.
Wir armen Fremden in Vayreuth, die wir nur geduldet werben
von Frau Cofima, welche im Vereine mit Herrn von Wolzogen ben
Fri al fomponirt Hat! Was follen wir thun den langen, langen
achmittag? Ein unaufhörlicher, feit ſechs Wochen unaufhörli—
Regen — in Strömen zur Erde herab, in den Pfützen, die auf
Straße zu einem zufammenhängenden Lagunenſyſtem geworden waren,
ſchnatterten vergnügt wonnige Enten, Binfen und Scilf war auf
den öffentli lägen gewachſen, Waſſerroſen fproßten allenthalben...
Wir beſchloſſen, nach dem „Rollmenzel“ Bmaußgufchren, jener ftillen
Klaufe da draußen auf der blumigen, fränfifchen , in ber Jemt
Paul, unjer größter deutfcher Humorift, manchen unfterblichen Se⸗
danken geboren. Set freilich wird bort ftatt fchöner Gedanken Kaffee
verfchänkt, zu dem die in Bayern einheimilchen Sprigfuchen gamz
vortrefflich ſchmecken. Wir ließen und alfo eine Drofchte fommen,
bedangen mit dem Sutfcher einen Fahrpreis von fünf Mark ımd
tollten feelenvergnügt von dannen. Thatfächlich fanden wir im Fahr-
tarif jenen Tamcden Zapidarfag, der manche Lippe ſpöttiſch kräufelte:
„Nach dem Richard Wagnertheater oder der Irrenanftalt eine Mark“.
Ia, ich kann nicht begreifen, warum man benn dieſe eine Mark nicht
aus dem Gemeinbefädel zum Transporte einiger Herren auswarf,
welche heute noch mit ihrer riefengroßen Narrheit frei Berumlaufen?
Wa Beinlich ift das nügliche Imftitut im Laufe der get zu Hein
jeworden ... und fo gehen denn die Narren ungehin in a
jagnertheater ....
Der Rollwenzel ift von Bayreuth etwa eine Viertelftunde en
fernt und liegt an einer ſcharfen Biegung der nach dem Luſtſchlo
Eremitage abzweigenden Straße. Der Rollwenzel ift wie fon c
gedeutet, eine Eleine, gemüthliche Kaffeeſchänke. wohin ſich namentl.
jener begnadete Theil des weiblichen Geſchlechtes gerne tel
Damen, welche erhaben über die lächerlichen Vorurtheile einer hau
Uachklãnge an Kayreuth. 139
badenen Erziehung und verrofteter Tugendevangelien, den Genuß
des braunen Javatrankes mit gewifjen platonifchen Ideen zu würzen
ſuchen. Tas find jene halben Damen, welche die dazu gehörige, durch
den Weltraum wie ein Meteor fchweifende andere männliche Hälfte
ſuchen. Belanntlich vergleicht Plato — vielleicht war es auch ein
anderer Philofopd — Mann und Weib mit zwei Upfelhälften, die
ſich fuchen, um zu einem Apfel fich zu vereinen... Als wir unferem
Vehilel entfienen, wahre Anadyomänner, gewahrten wir denn auch
geii reigende Apfelhälften, mit vofigen Baden und zutrauficken Blicken
bebı aber einiger Anftrengung von umferer Seite, bis wir
den bübfchen Apfelhälften begreiflich machen fonnten, daß wir — nämlich
mein Freund und ich — nicht die erwarteten anderen Hälften feien.
Schli famen mit ihrem Wollränzel zwei veifiger Jägerianer
zum Rol Mmengt und das Weitere fiel außerhalb bes Ktreiſes unſerer
Zamilienangelegenheiten ... Aber auch wir blätterten das Stamms
buch durch, wei auflag in einem Meinen, recht ärmlich ausfehens
den Zimmer, das, wie man uns fagte, genau in jenem Zuftande er-
halten worden war, in welchem es Jean Paul ber Nachwelt hinter
laſſen, and wir Durchforiäten emſig das Stammbuch des Haufes.
Viele berühmte Namen und noch mehr Fabrikwaare der Natur...
Aber ber Stammbuchwig floß bier nicht im reicher Quelle zutage:
er —E — müh ee aus an Getein or. Eine 2
an Bayreuth fp mic) am meiſten an. jaffer, ii
Lucian nennt, — eine Karawane, die ſich aus Mufelmannen,
Shriften, Juden, Tafchendieben, Profefforen, Hanzlid und Paul Lin-
bau ımb Kameelen jeder Gattung zuſammenſetzt und fagt ſchließlich
mit fatyeifcher Uebertreibung:
Alte feomme Cbelfräufein
Aſpeln dieſes Gnabenortes
Heiligen Namen, aufgelöft in
Scene Iubrunft und der Säugling,
Eingefepläfert von nachbarlih
Süßen Klängen mannigfaher
Bagner-halpelnber Klaviere,
Selöft der Süngting träumt in feinen
Unfgufbsvollen Windeln nur don
Kinbermehl und Barfifal ....
Kindermehl und Parfifal! Wie bezeichnend für eine Zeit, da
die Frauen ihre Kinder mit Kleifter großfüttern und eine in ihrer
iolttät zuſammenbrechende Welt mit dumpfem Heilsdrange an bie
re der Gralsburg klopft, in ihrer wüſten Begierde nach) Rettung
se Ueberſchwenglichkeit eined Myſteriums ſich — das in ſeiner
ibolik zu begreifen ihr doch niemals gelingen wird! Traurige
t, die in der zum verfluchten Lachen verbammten Kundry ihren
werzlichen Ausdrud gefunden. Ja gewiß, Ik find wir; wir alle
mmnengenommen, zu einer Riefenperjönlichfeit fublimirt, würden
r eine Kunden ergeben, ruhelos den Erdball durchſchweifend, einen
an⸗r, gemieben von Schlaf und Tod, zu dem wir eine. leiben-
10%
;
y
140 Nachklãnge an Sapreuth.
ſchaftliche Hinneigung gefaßt. Wir alle find müde, ſterbensmüde;
wir haben nicht? mehr auf der Welt zu thun und doch hören wir
immer noch die Glocken des Heiligen Gral. Wir können nicht fterben.
Wir find zu ſchwach geworden uns vollftändig zu vernichten. Und
dann kommen auch immer wieder einige Schwachköpfe, die mit fitt-
lichen Pflichten Hofus-Pokus treiben... Und über alles das müffen
wir wieder wie Kumdry eine fürchterliche, gelle Lache anfchlagen.
Wir lachen uns die Erlöfung weg und fuchen fie Dog) in der Muſik.
Sie ift wahrhaft die einzige Kunft, der ein erlöfender Athem, ein
Fluidum der wunberbarften Art eigen ift Indem fie das Denken
nicht verlegt, wirkt fie ganz auf die Seele. Habt Ihr noch nie ge
fühlt, wie dann Schwingen Eurer Seele fproßen, wie Ihr fliegen
lernt und in ungeahnt jeliger Dämmerung untertaucht, wie ihr_geifter-
leich aus Euren Leibern hinabſchwebt in die Tiefen der Bewußt⸗
IM feit....? Habt Ihr fie nie gefühlt, diefe wonnige Seligkeit?
Diele dunkle Anregung des Gefühles ift der Zauber aller fit:
Der Parfifal Teiftet hierin dag Höchſte; er ſchwemmt das Bewußtfein
überhaupt weg; er erlöft zur Willenlofigkeit ... .
Wir fuhren nad) der Eremitage hinaus; ein hübjcher eg babe
Kappeln und zierliches, rothes Epilobium begleiteten unferen en.
ie Eremitage ſelbſt hat uns enttäufcht; fie ficht auf Photographien
ungleich bartiger aus wie in Wirklichkeit und theilt darin das
ickſäl Bankiers Groß, der auch mit ber Entfernung große
artiger wird; am großartigften iſt er dann, wenn man ihn überhaupt
nicht mehr fieht. Die Eremitage ift in der Hauptfach ein Zuftichloß
im Stile der franzöfifchen Bubmige; 1 gan e, fie ift Kopie einzelner
errlichkeiten von Verſailles. Die Säulen des Bogenganges find
ehr ſchön aus verjhiedenfarbigen Steinchen aufammengeiet die
Waſſerkünſte find nicht übel, nur hatten fie augenblidlich fein Waffer,
wofür aber eine Taze von fünfzig Reichspfennigen eingehoben wurde.
Einige betrunfene Schlingels von Fuͤhrern verficerten, daß Die
Bafferfinfte außerordentlich fchön wären. Wir waren nicht unhöflich
und glaubten es ihnen auf ihr Wort. Der Park ift ſeht ſchön an-
gelegt; einige fünftliche Ruinen regten in uns den Gebanfen an, daß
doch nur Kinder und Narren die Zerftörung liebten.
Uuterbeffen glaubte ber Bayreuther ‚Simmel unfere Bewun-
derung mit einem tüchtigen Regentfauer abkühlen zu müffen. Als
wir ung über das jhlechte Wetter laut beklagten, erzähfte und ein
freundlicher Mann, der ſich in unferer Nähe wohl zu befinden fchien.
daß an dem fchlechten Wetter nur der verdammte Wagner ſchuid fe
dies fchlechte Wetter fei ein Skrafgeri t des Himmels; — Gotte
läfterung, dieſer Parfifal, Gögendientt diejes Feſtſpielhauſes,
dem der beitige Geift in Höchft eigener Perfon aufträte! In d
That glaubten die Bauern in der Umgebun Bayreuth allen Ernſt
das Feſtſpielhaus und Wagner für Negenmpetter verantwortli
machen zu dürfen. Ja, wie man uns fagte, hatten einige aberwigi
Uachklãnge an Bayreuth. 141
Köpfe den jatalen Plan gefaßt, dem Wagnertheater einmal den rothen
Hahn auf das Dach zu fen. lie aber werden die Bayern
er
ohne dieſe Blamage felig. eundliche Mann erhob ſchließlich von
uns fünfzig Reichspfennige nur, da er Familienvater war und unjerem
Intereffe ine koſibare
eopfert hatte. Wie gut er ſonſt feine
toftbare Zeit auszunutzen verfiand, verriet und nur zu deutlich ein
Ephialtes mit ftummer Beredtheit: fein Hängebauch, dem eine ge-
waltige Biernaſe freundlich zunidte. Unterdeffen hatte fich unfer
Kutſcher, dem wir die Erfaubniß gegeben auf unſere Rechnung einen
Schoppen zu trinfen, derartig bezecht, daß wir Mühe hatten, ihn zum
Einjpannen zu bewegen. >. glaube, auch die beiden Gäule, die uns
zogen, waren bezecht oder jtanden wenigſtens im — Rap-
port mit ihrem Bi mbiger: fie liefen wie toll. Der Umitand aber,
daß wir den Kutjcher da draußen in der Eremitage fich jelbft übers
Iaffen hatten, foftete uns eine Reichsmark, er fühlte fich durch unfere
Nichtbeachtung in feiner Ehre gekraͤnkt und fo zahlten wir die Buße
mit möglichfter Freundlichkeit. Als ich dann eine Poſtkarte in einen
Poſtkaſten werfen wollte, bot ſich mir ein liebenswirdiger Mann als
ührer an. Der Fofttaften war nad zwanzig Schritten erreicht.
dankte ihm verbinblichft, dem Liebenswürdigen. Er aber Inte:
„Sehn Sie, lieber Herr, ich bin Familienvater und Sie find ein
ider ..“ Auch diefem Waderen gab ich mit möglichfter Freund⸗
ichteit meinen Dbolus, befchloß aber, mich für den feft meiner An-
wejenheit in mein Zimmer zu fperren ...
II.
Als Bogner den Gebanfen von Bayreuth im Lichte feiner
Eünftlerifchen Großthaten der Welt zeigen fonnte, Iag ihm vor allem
ein Moment am Herzen, das der Eriftenzberechtigung dieſes Gedan-
kens eine feſte Grundlage geben follte: diefes eine Moment war der
von Wagner neu gie jene Stil, feine Bewahrung, feine Erhaltung.
Eine deutfche Stilbildungsfchule follte Bayreuth fein. As Wagner
noch lebte und ein lebendiger Mittelpunkt des Feſtſpiels allen den
vielen oft von Sondergelüften erfüllten Kräften eine ganz beftimmte,
oentripetale Richtung geben konnte, war die Gtileinheit, Die der
Meifter jo laut forderte, nachdem er lange vorher in den Entzüdun-
jen infpirirter Stunden ihre Wejenheit erichaut, in voller Glorie
Gas Genie des Meifter3 wurde von ihm felbjt verteidigt, er ſelbſt
erffärte ſich ſelbſt. Mufterdirigenten umgaben den Schöpfer der
jelungen, des Triftan, des Parfifal; die geheimften Nervenzudun-
dieſer gewaltigen Tonmwerfe waren dieſen auserlefenen Mufifern
annt geworden: bie wirkliche, wahrhafte Tradition (öien auf Jahr»
nte hinaus setetigt, die Hauptmerkmale des neuen deutſchen Kunſt⸗
ckes glaubte der Meifter feinen Jüngern hell genug beleuchtet zu
jen. Da kamen jener 13. Februar und die Tage der Trauer. Der
-ifter todt! Aus den Schaaren jener nächtlichen Alben, beren
142 NKachklãnge an Kayreuth.
freches Gelächter vergeht nach Bayreuth hinftrebte, tauchten gar bald
Sudlgerüchte auf, deren Inhalt nichts anderes war, als die künſt—
leriſche Negation des Bayreuther Feſtſpieles. Man hielt Bayreuth
für eine bloße Laune Wagners, die mit der Perſon des Künftlers fofort
verſchwinden würde, aber man hatte Gelegenheit ſich zu überzeugen,
daß die heilige Kaaba mit dem ‚Bingang des Propheten nicht ein
bloßer Setifch wurde... Bayreuth befteht, es blüht und glänzt im
Lichte des heiligen Grals. Wenn heute der Parfifal mehr denn je
die Aufmerfjamfeit der Welt auf fich gezogen, jo ift das nicht ein
Verdienſt ber Nachfolger Wagners, die zu einem fogenannten Feſt⸗
fpielcomits fi) zufammen-rattenfönigten, fondern lediglich die Wun-
derfraft eines "Wunderwertes, das in feiner, Erhabenheit völlig ver-
einzelt in der Mufifgejchichte dafteht. Und wie ift e& mit ber
Tradition, mit der Stilreinheit in der Aera Cofima geworden? Es
iſt für Männer jebenfalls feine befondere Auszeichnung, von einer
Frau an der Kunfel geführt zu werden; was man ba in Bayreuth
über dieſen Punkt zu hören befommt, entfpricht den bisherigen Er⸗
fahrungen, die man überall dort gefemmelt wo ein Unterr: die
Weltgeiiäte bineinflattert. Ich bin ein Wagnerianer, aber ich will
nicht unter dem Oberbefehl von Frau Cofima ftehen, ich will nichts
mit dem Bankier Groß zu thun haben, dem die Menjchen als fonft
unnüges, in befonderen Fällen jedoch als zur Sülung bes fie
ſpielhauſes geeignetes Bad erjcheinen; ich will nicht die Verdrießlich-
feiten einer efelerregenden Protektionswirthichaft. Das ift wohl ber
Gedanke aller jener ehrlichen Wagnerianer, denen eine dämmernde
Ahnung jagt, wie e8 Hinter den Couliffen des Parfifal ausfleht.
Frau Cofima foll eine ſehr geiftvolle Dame fein, gut; fie ſoll ſehr
liebenswürdig fein können, gut; ala Wittwe Wagner? wollen wir
ihr eine befondere Achtung nicht verfagen: aber, fie erlöfe und von
den Uebeln der Weiberherrichaft, deren Endergebniffe, Heuchelei und
Willkür, niemals dem Kunſtwerke frommen können.
Daß es in der Feſtſpielverwaltung neben den Tröpfen, bie ſich
da für Seogner jelbft Halten, auch tüchtige Köpfe giebt, die fich Die
ehrlichite Mühe um das Ganze gegeben haben, fei ausdrüd! can
erfannt. Hoffentlich wird der ganze Verwaltungsrath recht balb zu
der vernünftigen Einfiht gelangen, daß die Feſtſpiele boch einen
anderen Biwed haben, als den Bayreuthern einen mühelofen und an-
genehmen Sommerverdienft zu pericaffen.
Nach) diefen Ausführungen wird fi) die Antwort auf Die obige
Frage nach der Tradition und der Gtilreinheit mit einiger Torfict
geben laſſen. In Bayreuth ift alles Tradition geworden. Ungla:
iche Tempi im Parfifal, der Bankier Groß, unverfchämte Bew
fchneibereien, die Wanzen in den Fremdenbeiten — alles, alles
Tradition. Da die Leſer biefer Blätter von allen den aufgezähl
Unglüden eigentlich bloß bie Tempi im Parfifal intereffiren — m.
ihnen bie nähere Bekanntſchaft mit den andern Punkten mögli
erſpart bleiben — fo will ich zu diefen allgemein beklagten Beitunma‘
Lu.)
Nachklãnge an Bayreuth. 143
oder Unzeitmaßen bemerfen, daß fie — obwohl man fie auch, für
Traditionen hält — im erſten Akte geradezu unerträglich waren;
das Vorfpiel dauert über fünfjehn Minuten; fein wundervoller, von
echt ſymphoniſcher Kraft erfüllter Gedanke wurde durch unglaubliche
Dehnung zu einer ſchwerverſtändlichen, wenigſtens für die Parfifal-
novizen fehwerverftänblichen Tonfolge. Kapellmeiſter Felix Mottl
dirigirte das Werk; auf feine Rechnung find unter allen Umftänden
die gerügten Fehler zu jegen — auch dann, wenn er gegen feine
befiere fünftlerifche Ueberzeugung auf hohen Befehl fih in der Tra-
dition geirrt hätte; ein Dirigent des Parfifal muß eben Mann genug
feim,. feine eigene Meinung dem Weibertratſch gegenüber aufrecht zu
erhalten.
Nichts defto weniger bleibt Mottl doch ein genialer Dirigent,
obwohl alle, Kritiker wie Laien, über den Mann furchtbar koimpten.
Der arme Mottl! Er wird ſich's Hoffentlich nicht fauer werden
faffen, mit dem Lächeln der Ueberlegenheit auf den Bayreuther Aerger
zurüdzubtiden!
ie Vorftellung, der ich beimohnte, foll eine der beiten des
heutigen Feſtſpieles geweſen fein, wie von jenen Glüdlichen verfichert
wurde, welche da3 erhabene Werk von mehreren Vorftellungen her
fennen. Im der Beſetzung der Hauptrollen war im Vergleiche zu
den Parfifalaufführungen früheren Jahre manche Yenderung ein-
getreten. Die „Berjonen der Handlung in drei Aufzügen“, wie fi
der Thentergettel ein Werk des gottvollen Fejtipielcomites, höchit
geichmadvoll ausdrücte, waren für Parfifal: Herr van Dyd, Gurne-
manz: Herr Gillmeifter, Amfortas: Herr Reichmann. Eine weitere
Berion in drei Aufgügen und drei Anzügen, die Kundry, war, zum
Heile der Rolle, in Künftlerhänden ber Sean Materna geblieben.
Bas den Parfifal des van Dyd anbelangt, fo überraſcht er
in erfter Linie durch edles und wohldurchdachtes Spiel, prachtvolle
Erſcheinung und wunderbare Stimmmittel; man findet bei ihm alle
Borausjegungen eines echten Wagnerfängere. Unvergeßlich werden
allen rfifalbefuchern die fo charakteriſtiſch geſprochenen Worte:
„ich weiß e8 nicht“ und das köftlich naive Spiel mit den Zauber-
mäbchen bleiben. Der Schmerzensruf im zweiten Akte: „Amfortas“,
den der von Dyck mit höchſter Kraft jozufagen aus der Seele
ſchleuderte, wirft geradezu elementar; der Seihtsausbrud erinnerte
m jeimer edlen Herbheit an das Bild des Laofoon; die Schlange
des bitteriten Seelenfcjmerzes windet fidh um den reinen Thoren...
Bon da an traf van Dyd in vollendeter Weife den myitiichen Grund-
ı, welcher den Parſifal des britten Aftes in fo tiefergreifender
uterung als ben Erlöfer von aller Erbenfchuld dem, ſelbſt
och die moderne Philofophie nicht ganz entwurzelten Heilsdrange
ſtãndlich macht. Ein Bild voll ergreifendfter Wahrheit ſchuf dieſer
hbegnabete Künftler aus der Scene vor dem Speere, mar muß
!hen haben, mit welcher inbrünftigen Rührung dieſes leuchtende
ge zu ber leuchtenden Spige des Speeres emporblidt, man muß es
144 Nachklãnge an Sayreuth.
erlebt haben, wie fein Antlig aus der Wolfe dumpfen Erdenleides
hinüberſchaut wie in eine andere, geheimnißvoll jelige Welt, wie in
diefen edlen Zügen da8 Wunder der Erlöfung fi) zuerft anfündigt...
O, wie find alle jene Blinden zu bedauern, welche die Großartigfeit
und Erhabenheit dieſes alles niederzwingenden Migenblides nicht mit
erleben können, und wie jehr find alle jene zu beklagen, denen Geiſt
und Herz verfchloffen ift für alle die Seligkeit, die aus dieſem Bilde
bervorquillt, und in den Tonfluten des Orcheſters aufſchäumt! Bahr
haft Vollendetes bot aud Frau Materna, die geniale Kundry. Wie
ſchwierig diefe Nolle ift, wird jedem fofort einleuchten, der fi ein-
mal überlegt hat, was Wagner von der Kundry fordert; fie I ſich
auf dem Boen wälzen, fe fol ftöhnen, gräßlich lachen, ſchreien,
wimmern, .... fie foll ein wildes Weib fein, fie ſoll alle die Schmei-
heltöne der Verführung zu einer im mächtigen Crescendo anwadjen-
den Sfala qufammenfügen. Beide Feinheiten der Darftellung ver-
langt der blumenduftige zweite Aft allein, wo in ihr das Urbilb der
Herodias, der zu sämoriiher Schönheit verflärten Unfeufchheit im
den leuchtendften Farben Sünde erglühen foll! Und wie bewäl-
tigte, wie bemeifterte Frau Materna die ihr geftellte Aufgabe! Nichts
was überflüffig ſcheinen konnte, nichts was als Zuviel an die Frei—
heit der alten Speftafeloper erinnert hätte! Daß Frau Materna
bald ihr a Jubiläum als Wagnerfängerin feiern wird, wer
hätte fich deſſen bei der glutvollen Darftellung des zweiten Wftes
erinnert?
Auch Fräulein Malten, die ausgezeichnete Dresdener Künftlerin,
wird als Kundry fehr gelobt; da ich aber bieje Rolle nicht von ihr
geſehen habe, fo muß ich mich eines Urtheiles enthalten, das fü
nur aus fremder Senf rechtfertigen ließe. geftehe, da
dieſe Hufterifch-fomnambule Kundry für mich in der Darſtellung der
rau Materna einen auferorbentlichen Neiz ausübte und mir das
erftändniß für dieſe dunfle Geftalt durch Annahme eines Hypnotiih-
magnetifchen Zuftandes erſchloß, auf welchen ich fpäter noch zurüd-
kommen werde.
Herr Gillmeifter bot mit feinem Gurnemanz eine prächtige
Zeiftung; an feinen Vorgänger, den leider viel zu früh gejtorbenen
Scaria, reichte feine tünflertice Kraft allerdings nicht heran; aber
für jene, welche Gurnemanz-Scaria nicht kannten, war er_von hohem
Intereffe. An Deutlichfeit der Ausſprache ließ feine Deklamation
nichts zu wünfchen übrig; nur wären feiner Darjtellung hier und da
eindringlichere Accente, al fie es bot, noch fürberficher gewejen. Die
Heineren Be der anderen „Perfonen in drei AÄufzügen“ warer
durch die H. H. Scheidemantel (Klingsor), gobbing (Titurel), Grupp
Widay (Gralgritter) trefflich beſetzt. Die Damen Kayfer und n
coni und die H. H. Hofmülfer und Guggenbühler fangen bie vier Knap
pen in muftergiltiger Weife. Den Amfortas jang, wie in den früherer
Jahren, Herr Reichmann. Herr Neichmann iſt ein großer Sänger
defien Stimmmittel außerordentlich find; aber feine Begabung ſchein
—
Nachklãnge an Bayreuth. 145
begrenzt; etwas einfeitig, gelingen ihm am beiten dunfle Charaktere,
ſchwarze Peſſimiſten, Molihelden wie ein Holländer, ein 18 Hei
ling u. ſ. w. Auch der Amfortas gehört in diefe finftere Abtheilung
und zeigt in feinen wilden Schmerzensfchreien wirklich grandioje
Momente. Im übrigen fehlt dem Amfortas des Herm Reichmann,
der eine wahrhafte Aufzugsperſon ift, Feineäwegs der einheitliche,
oße Zug, den jeber Darfteller irgend einer Rolle des Parfifal_zur
ügung haben muß Fatal muß ein muitaifces Ohr dag fort-
währende Zutieffingen des Sängers berühren. ebenfalls aber war
der Amfortas eine beffere Leiftung ala der Hans Sachs deſſelben
Sängers, der ebenjo Hobig, | ufterpechbehaftet in gefanglicher Be—
ziehung, wie —A in ſcheinung geweſen fein fol.
" etwas verdriehliches ift mir im Farfıfat aufgefallen: man
erinnere fih an die Verwandlungsmuſik des erſten und Iegten Aftes,
in ber bie Schauer des Todes wehen; der Gral ift ja das nächtige
Land, das feines Sterblichen Auge ſchaut; wer in fein Lichtreich ein
gehen will, der muß das Thal des Todes durchſchreiten; durch dieſes
tiefgeheimnigvolle Thal geleitet uns die Verwandlungsmufil. Wir
Ihreiten durch tiefen Wald, in bem jebes Leben erftarıt, bliden in
iſtere Grotten, in deren undurchdringlich geheimnißvollem Dunkel
Nichts zu ſchlummern dei und irren in der Wildniß. Aus
der Ferne tönen mächtige Gloden, tiefjummend, ein lauter Geijter-
ton wie Stimmen aus der Ewigfeit ... wir treten in ben Gral-
tempel ein und fühlen uns durchriejelt von einem unbefannten Em-
pfindungsftrome ... Athemlos harren wir. Da kommen in zwei
Halbehören bie Ritter vom Heiligen Grale im „reußiſchen Parade
marſch· auf die Bühne! Was fällt Euch ein, Ihr Herten von der
Feftipielverwaltung, Gralsritter und preußiſche Soldaten miteinander
zu verwechieln? Cs kann nichts lächerlicheres geben, als zu den wild
Hagenden Tönen in jteifer Grandezza „PBantalon“ tanzen zu fehen.
Da fehlt ja nur noch Offenbach, ber von oben herab laut die Qua-
drille frangaise commandirt: Allons! Chaine anglaise!' Wenn man
nach der Mufif fchreiten will, fo muß dies beim Nieder- und Auftakt
in feinen Schritten gefchehen; wenn nicht, — und das wäre meiner
Anſicht nach das einig Richtige, da Wagner eben keinen Einzugs-
marſch für die Gralritterfchaft gejchrieben — fo mögen die vor-
tommenden Gralritter mit der aus ber Situation fie ergebenden
gobeit und Würde mit fehmerzlicher Trauer gemifcht, den heiligen
taum betreten. Es ift zu hoffen, baß in der nächſten Feſtſpielzeit
das Feitjpieleomite nicht nur auf Perſonen in drei Aufzügen, fon
m auch auf den „preußifchen Parademarjch“ Verzicht leiſtet. Das
ınder von Wohllaut, Grazie und Kontrapunkt im Parfifal, das
femble der Zaubermädchen — die Bezeichnung Blumenmädchen
fi leider unausrottbar eingeniftet — wirkte wieder wahrhaft
auſchend und entzüdend. Die Damen Vettaque, Dietrich, Fritich,
Yinger, Kayfer und Rigl fangen die Soloftimmen in größtentheils
authiger und veizvoller Weije.
146 Nachklãnge an Sayreuth.
So wirkte denn dieſes erhabene Schauſpiel, wie ſein genialer
Schöpfer es gewollt: erlöſend. Tiefſte Rührung hatte ſich aller Feit-
ſpielbeſucher bemächtigt, ein Gefühl der Ergriffenheit alle überwältigt.
Mit Dankbarkeit gedachten wir des großen Mannes, der uns eine
deutfche Kunft gegeben, nachdem wir fo lange bei ben prumfenden
jerichten aus ber Fremde gehungert und Efel empfunden.
Parſifal fei auch für die grkunft unfere Lofung, troß des Unter-
rockes der Frau Cofima und trog Bankier Groß... Wenn ed nur
einen Engel gäbe, der, wie jener bes heiligen Loretto, einmal ben
Feſtſpieltempel auf feine Flügel nähme, auf irgend einem heiligen Berge
der ganzen Welt zur Gnade und Erlöfung ihn hinftellte! Wie fon
wäre es dann auf ber Welt, wenn jeder fein Bayreuth zu Haufe hätte!
Die Meifterfinger find und bfeiben die Oper aller Opern. Jo—
hannistag! Welch’ ein Zauber Tiegt für gemüthvolle Herzen in dem
Worte! Yohannistag! Vom glieder beraufcht, hat der Genius ber
Tonkunft ich ſelbſt bieſe ftolze Kathedrale erbaut ... Die Meifter-
finger von Nürnberg werden, um gleich damit herauszuplagen, in
Bayreuth in einer jcenischen und muſikaliſchen Vollendung gegeben,
die bisher auf der ganzen Welt nicht mehr ihresgleichen findet. Man
denfe [1 die Dekorationen: die Katharinenkirche, das Haus und Die
Gaſſe berühmten Schuſters bis zur Sof getreu der Wirkfichkeit
„abgelaufcht“, die Feſtſpielwieſe im legten Aft im Hintergrunde ab-
eſchloſſen durch eim vollendetes Kun inert der Deforationsmalerei.
&. das ift Nürnberg, wie es leibt und lebt; das ift wirklich ein
Hauch von Somnenglanz, der dem ganzen Bilde die fetliche Freude
des Sonntags verleiht; der Zauber der alten Romantik ſpricht aus
diefen Erfern, diejen Binnen, diefen Thürmen, ein Duft von Wol-
luſt webt in der Sommernacht; Lenzesgebot, die ſüße Not, das
Allermenfhlichite, hat in den Meifterjingern eine hochpoetifche Ver-
Mtärung gefunden, wie fie noch feinem Poeten gelungen ift, weil fie
dem bloßen Poeten allein unmöglich gelingen Tann. Hofiannah ber
deutfchen Kunft! Hofiannah dem deutfen Meifter, der fo ein Werk
eſchrieben! Alles, was vor ben Meifterfingern von den älteren
Reiten geleiftet, ift gegen dieſes holde Werk ein archäologife
Quark — wie fid) Herr von Bülow ausdrüden würde Im
That verblaßt gegen die Muſik der Meifterfinger, gegen das Stüd
überhaupt, alles und jedes, was ſelbſt unfere größten Meifter gefun-
gen haben. Wollte man Mozarts Don Juan mit den „Meifterfingern“
vergleichen — aber, jo lieb Euch Euer Leben ift, thut es nicht, —
denn der Don Juan ift ja auch unfterblich, unvergänglich .
Die Aufführung leitete ein Schüler Wagners, der unterbeifen fel
ein Meijter geworden: Hans Richter, ein Wagnerdirigent von je
Reinheit. Und doch ſcheint mir felbft unter Richters genialer,
äußerfte Klarheit erftrebenden Direktion der Vortrag namentlich
tein Inftrumentalen manchmal unmagnerifch geweſen zu fein. 1
wagneriih? Ja, gewiß! Denn wir wiffen, wie ſehr Wagner,
Nadklänge an Bayreuth. 147
nur ein Beifpiel anzuführen, mit zunehmender Steigung, mit pathe-
tiſcherer Orchefterfprache auch das Tempo abgeändert, aljo breiter
oder fchnellatymender haben wollte. Richter aber nahm das Vor—⸗
fpiel vom erften bis zum legten ec in einem gemütlichen Trabe; die
große Erescenboftelle im erjten Theile des glänzenden Tonſtückes,
wo fi) die Septafforde aneinanderreihen, das Marjchthema, das
Liebesmotiv — alles, alles fiel einem Zeitmaß zum Opfer. Daß
das Drchefter, hier wie im Parfifal, Unübertreffliches bot, darf bei
feiner Befchaffenheit niemanden Wunder nehmen; haben fich doch die
tüchtigſten und beiten Künftler Deutſchlands muthig in den „myfti-
ſchen Abgrund“ geftürzt, wie die römiſchen Decier, der edelſten Saı
zu dienen. Man wird faum wieber bei aller Fülle, aller Pracht, jo
viele Feinheit, jo viele Delifateffe der Ausführung und einen ſolchen
Wohllaut vereint finden. Auf einem foliden Fundamente von acht
—— zwölf Cellis u. ſ. w. baut ſich ein Rieſenorcheſter von
110 Muſikern empor, welche größtentheils mit den Eigenthümlich-
teiten Des — auf das Innigſte vertraut ſind. Ueber die
Auffübrzng fel ft kann ich mich kurz fafjen: fie war im Gefammteindrude
eine vollendete, eine muftergiltige; der Chor, aus 400 Perfonen be-
ftehend, leiſtete das Höchfte, was man von einem großen Chore ver-
langen Tann, in dem unvergleichlich markig Bedeutungsvollen: „Wacht
— es naht gen’ den Tag!" Das war fo überwältigend, fo padend,
wohl faum ein Auge troden blieb. Was die Leiftungen der
Soliften anbelangt, jo muß in erjter Linie Herr Plant ala Hans
Sachs genannt werben, der ben gemüthvollen Schufterpoeten mit
eblem Humor und herzenswarmer Philoſophie ausitattete; ſtimmlich
wer fein Sachs von hoher Schönheit. Herr Kürner machte aus dem
Sigtus Bedmeffer einen gelungenen Charakterfopf des Neides und
der verftecten Bosheit und brachte troß der ala unübertrefflich ge-
rühmten Beckmeſſerfigur des Herrn Friedrichs, fein bedeutendes Talent
zu fehönfter Entfaltung. Ein prächtiger Junker war aud) der Stol-
zing ren Subeius: Stimmlich beſonders günftig disponirt, im
Spiel voll Nitterlichleit, ftörte nur das fchlechte — verzeihen Sie
bas Harte Wort — Untergeftell; ich denfe aber, daß man durch
Baumwolle und Watte dech manchen Mangel an Muskulatur und
auch die Hungersnot der Beine wohl verdeden und erjegen kann.
Auch was Hedmondt (David) bot, ift hochrühmenswerth; feine vor-
nehme und intelligente Künſtlerſchaft und die außerordentliche Lie-
benswürbigfeit feiner ber zartejten Schattirungen fähigen Stimme
fiherten ihm einen ſchönen Erfolg; Herr Hedmondt forcirte einiges
le jein Organ; mit Unrecht: die treffliche Akuſtik des Haufe er-
ıbt im Gegentheil dem Sänger alle mögliche Schonung. Wiegand
; Bogner war eine fernige Prachtfigur, über alles Lob erhaben.
2 übrigen eifterfinger in den Händen der Herren Denninger,
Serhag, Dr. Schneider, Grupp, Demuth, Guggenbühler, Gebrath,
per und Salzburg, geriethen gut; daß unter ihnen nicht lauter
nies, fonnte man aud) bemerken. Frau Sucer fang die Eva etwas
148 NVachklãnge an Sayreuth.
kühl⸗konventionell, ohne ſonderliche Begeiſterung, brachte aber die
Vorzüge ihres hervorragenden Talentes und ihrer vorzüglich geſchul⸗
ten Stimme aufs Befte zur Geltung. Die Magdalena, Evas Amme
... doch da fällt mir ein, daß es jebenfall® nicht ſehr verlodend
fein muß, eine Amme zu freien, deren Milchkind felbit ſchon, ber
fügen Noth umterthänig, ans Heiraten denkt. Schägen wir die Eva
an ſich — alfo nicht in der Geftalt irgend einer ängftlich u, ver
jchweigenden Sängerin — auf achtzehn Sage, fegen wir bei der
Amme voraus, daß fie im Alter von zwanzig Jahren ſchon die Säbig-
feit gehabt, den Beruf der Amme praktiſch zu erwählen, die Fähigkeit,
eine Bufenfreundin zu werden, fo giebt das als Alter der Magda-
Iena etwa 38 Jahre; man fieht, Aa kanoniſch war Davids, des
Geſellen Braut. Liegt hier eine irrthümliche Bezeichnung vor? Wollte
Wagner mit feiner Amme etwa eine Stüge ber Hausfrau oder eine
Vertrauensperſon andeuten? Ich laſſe die Frage offen... Frau
Staudigl war zum mindeften al® Magdalena ſehr begehrenäwerth.
Das herrliche Werk wurde mit größter Begeifterung aufgenommen;
der von unferen Theaterdireftoren mit Richt auf das Abendbrob
der Abonnenten und in der Noth der gewöhnlichen Theatertradition
fo arg verftümmelte letzte Aft wurde von Vielen em erften Male
ın feiner ganzen bimmlifchen Schönheit erfannt. Möchte dieje Da
reuther Aufführung ein Segen werden, auf den wir auch außerhal
Bayteuths nicht zu verzichten brauchen. Das wäre die ſchönſte Ge—
nugthuung für alle die ſchnode Unbill, welche uns ein unaufhörlicher
Regen und gliedererftarrende Nächte angethan. Selbſt Perfonen in
drei Aufzügen follen ſich unbehaglich befunden haben... .!
Nach den Meifterfingern, wie nach dem Parfifal fand natürlich
— nun was glauben Sie wohl? — eine große Kneipe bei Angers
mann ftatt. Wer ift Angermann? Denken Sie ſich einen Garten
mit zwei Ofeanderbäumen und einigen verfümmerten, armen Fichten,
die in Sofgtübet eingefefett find: einige die Bayern füllen ben
Garten vollftändig aus. Dann denken Sie ſich eine ſchlechte Kneipe
mit Bildern, die nicht von Rafael und Mafart herrühren, im Ober-
ftod einen fogenannten Saal, der allen den Düften des Haufes als
Tusculum dient; denfen Sie ſich eine Kundry — fo Heikt die Kell-
nerin — mehrere ‚Dugent brüllender Gäfte, die alle behaupten, fie
feien begeiftert vom Meifter und feinen Werken, denten Sie ſich
alles, was nach Bayreuth kommt, auf Minuten in diefem häßli—
Lolale herumtreiben und im dicken Tabafsqualm die Parfifalkünftler
ftolz in einem nad vorne geöffneten Seitenkabinett in aller Herr-
lichfeit thronen und denken Sie dabei an das profanum vulgus dei
Horaz, und Sie wiljen, wie es bei Angermann ausficht... Unt
warum drängt ſich alles in dieſe entfeplice Hölle? Weil ber Meifter
hier manchmal feinen Abendichoppen zu trinken pflegte. Hätte doc
der Meifter einmal behauptet, daß ein Löffel Cyankali als Ver
dauungspulver gut fei, ich wette, Die Cyankalifabriken würden wis
Pilze aus der Erde ſchießen. O, wie ſchön wäre es auf der Welt
—
Nachklãnge an Sayreuth. 149
wenn es feine Narren gäbe! Schade, da Wagner vergeffen hat, den
Ausſpruch zu thun: dann gäbe es keine Narren mehr.
IV.
Diefe Kundry ift jedenfalls eine der merkwürdigften ebohıngen
Wagners: ihr. Charakter laͤßt ſich Buraus nicht erfchließen, wenn
wir nicht einen Schlüffel gebrauchen, der unſerer Zeit nicht mehr
fremd ift, mit dem wir die tiefiten Geheimniffe der Piychologie und
der phfiolagie unferem Poly mi iß zugänglich machen. So wun-
bar und unmatürlich diefe Kundry ericheint, ve wenn wir fie
fir eine tein —— ymboliſche Figur halten, jo deutlich und Mar
fehen wir auf d ihrer Seele, wenn wir uns ver degen-
wärtigen, daß fie eine durch und Durch ooferfehe Perſon ift, ein
leicht veizbares, ſenſibles Nervenfyftem bejigt und vor allem für
jene überraſchenden ne 05 im höchſten Grade emfänglich ift, welche
abmeht ſchon den indier, den Schamanen und den
Zaub erern des Mittelalters fehr want befannt, doch erft in der Neu-
zum Gegenftande wiffenfchaftlicher Unterfuhungen gemacht wurden.
— pflegt die Summe dieſer Erſcheinungen gewöhnlich Mesmeris-
mus, —E oder Somnambulismus zu nennen; ihr letzter
Urgrund beruht auf einer Krankheit des Nervenſyſtems, ber nfiere
Die Hyfterie ift jene eigenthimliche Nervenkrankheit, wehhe durch
Störungen der Senfibilität zu einer ganz auferordentlichen, oft an ,
das Wunderbare grenzenden Schärfe der Sinne Hinleitet und zu gleicher
Zeit in verein; zeiten Sudung kungen gewiffer Musfelgruppen oder in kön⸗
Segen Pirorpömen Tompfiiterer Natur, die ſich ala Lach- oder
Weinkrämpfe barjtellen, endlich im Somnambulismus den höchiten
Grad ihrer Ausbildung findet.
Betrachten wir und nun die Kundry und ihr Krankheitsbild
vom phyſiologiſchen Standpunkt aus: Kundry ftürzt haftig, faft tau-
melnd auf die Szene; ihre Augen find „eben fchwarz, zuweilen
wild aufbligend, ders wie todeöftarr und unbeweglich; während der
Erzählung Gurnemanz'3 vom Falle des Amfortas wird jie von wüthen-
der Unruhe gepeinigt; dann ſchleppt fie fi einem Waldgebüfch zu.
Nur Ruhe! Ruhe, ach, ber Müben!
Schlafen! Oh — daß mid) feiner wede .
Dann fährt fie wieder ſcheu auf:
Nein, nicht ſchlafen, — Graufen faßt mich!
Sie ftößt einen dumpfen Schrei aus und verfällt im heftiges
ttern, dann läßt fie die Arme matt finken, Rn das Haupt tief
ab ‚fowantt matt weiter. Noch einmal ruft fie fafen! Schlafen
bie Zeit ift da! Ich muß“ und dann finft fie im "ed hf zufammen,
e verfällt augenfcheinlich in einen Snpnotifcien. Schlaf: fie will nicht
lafen umd muß doch fchlafen; ein fremder, mächtiger Wille zwingt ihre
ele. Sie hat alle die einzelnen Phafen ihres Hyfterifchen Zuftandes,
150 NUachklãnge an Sayreuth.
yemifcht mit fataleptijchen Anfällen, durchkoſtet und ift num erftarrt
in Lethargie. Die Reihe diefer Zuftände, die una Kundry bietet, können
wir fofort an einem Medium jtudiren, das von einem Sprnotifen in
Snpmonichen Schlaf verſenkt wird. Verſchiedene namhafte Gelehrte Haben
auf bem Öebiete des Hypnotismus erperimentirt und wunderbare Ergeb-
niffe erhalten, die fich nicht durchaus erflären, die fi aber auch unter
der Borausfegun einer faft peinlichen Gewiſſenhaftigkeit in der Weber-
wachung bes — nicht ableugnen laſſen. Neben den Verſi
wel: eparcot in Barid gemacht hat, find es namentlich die Experimente
des Brager Profejfor Krafft-Ebing, welche das größte Intereffe bean-
fpruchen. Wer ift, jo fragen wir, nachden wir in Kundry ein Medium
erfannt haben, der Hypnotifeur Kundrys? Die Antwort lautet: Klingsor
Klingsot ift ein Zauberer ganz im Sinne ber mittelalterlichen Romantik;
er hält den glänzenden Zauberſpiegel in der Hand, in den er eifrig
ineinftarrt: Sie Folge dieſer auf einen Punkt Hingerichteten, hochge⸗
— Sinnesthätigkeit iſt Somnambulismus, der ſich bei Klingsor
als Hellſehen in Zeit und Raum offenbart. Klingsor hypnouſirt
fich jelbft und in dem Buftande des Somnambulismus erblidt der
jellfichtige den nahenden Parfifal. Der moderne Hypnotifeur bedient
jtch bekanntlich auch eines glänzenden Gegenftandes, z. B. einer Uhr,
um das —X— Br — u —— — Die —5— —X
weiten iſt für die Annahme einer magnetijch-bypnotif
Rechfelbegiehung zwifchen Kundry und Klingsor % besteht ig, daß
. man meinen fünnte, Wagner habe das Material zu dieſem Auftritte
aus dem Laboratorium eines Phyfiologen ſich geholt Klingsor nimmt
vor allem eine für den Hypnotifeur charakteriftifche Handlung vor; er ent⸗
zündet — das ja von jeher bei allen „Beichwörungen“ eine
roße Rolle jpielte. So galten dem Mittelalter namentlich Sambucus,
Utum, Opiumdämpfe u. a. als wirkſame Zaubermittel. Klingsor führt
darauf jene geheimnißvollen Geberden aus, die auch heute noch die Hyp-
notifeure vollführen, nur weniger geheimnißvoll, die in der Haupt:
Inge in Strichen beftehen, welche, auf dem Haupte ausgeführt, den Iuet
haben, gewiffe Nervenzellen der grauen Gehirnſubſtanz für das Vor—
ftellungövermögen beſonders zu ſchärfen oder auszufchalten. Run denke
man ich den geheimntbvollen Bierath, die nefromantijchen Wunderdinge,
die abenteuer icaen ormen eines von narkotijchen. Dempfen durchduf-
teten, halbdunklen Raumes und man wird begreifen, wie in folcher Um-
jebung bei einem paffenden Medium äußert raſch ein hypnotiſcher
fat vielleicht durch bloßes Fixiren ſchon, hervorgerufen fein wird.
n 1 Hierher, denn, Kundryl
Be
Und in dem bläulichen Lichte fteigt Kundrys Geftalt uf. €
ftößt einen ſchredlichen Schrei aus, wie eine aus eff Sch
aufgejchredte Halbwache.
Erwachſt Du? Hat
Meinem Banne wieder verfielt Du heut zur rechten Zeit"
NVachklãnge an Bayreuth. 151
Kımdry läßt ein Klagegeheul, von größter Heftigleit bis zu
Wimmern fich abftufend, vernehmen und verſucht vergeblich,
im dem byfterijch-fataleptiichen Zuftande, noch im Banne des Hypno-
tismus, die Sprache wieder zu gewinnen. Nur rauh und abgebrochen
lallt und ftammelt ihre Zunge ... von langen Seufzern, tiefem
Stöhmen find ihre Antworten unterbrochen. Und nun wird mittels
eines dem Medium gegebenen Befehles, Parfifal zu verführen, ber
Hypnotismus in den Organismus de3 Drama eingeführt: willenlos,
gegen ihren Willen, führt Kundry ben Befehl des Hypnotiſeur Klinge
or ans. Der Kampf der zwei in Kundry aufeinander plagenden
Billen äußert ſich bei Kundry mit einem gewaltigen Rüchſchlag auf
das Nervenſyſtem — Oh! — Oh! Wehe mir! ruft und Flagt fie,
dann geräth fie in ein immer efftatiicheres Lachen, das fich bis jr
ganzen Sräßlichteit des hyſteriſchen Lachtrampfes fteigert und enblich
in em krampfhaftes Wehegejchrei überjchnappt ... . Sie ift der Machi
ihres Hypnotiſeurs bis zur ſtlaviſc Ergebung verfallen. Die
weitere Entwidelung des zweiten A ergiebt ſich unter der Ans
nahme der fortwirtenden Suggeftion, d. h. ber vom Hhpmotifeur
Klingsor empfangenen Willensrichtung, ganz von felbit. Später er-
ſcheint Kundry als völlig Tataleptiich; ihre Geſichtsfarbe ift bleicher
orben, aus Miene und Haltımg iſt die Wildheit gewichen, dem
ufall folgt die vollftändige Erſchlaffung. Als fie von Parſifal
die Taufe empfängt, da hüttelt Die ehemals Wilde ein heftiger
i . Vielleicht ließen ſich bei allen Perſonen des Parſifal
hupnotiſche Einflüffe nachweiſen. Sie wären nicht? unnatürliches,
da ja die Geſchichte der erften, chriftlichen — te fo reich an
Yofterifgien Symptomen ift; wir finden dieſe Symptome fowohl in
den Verzuckungen ber chriitlichen Märtyrer, wie im Leben der durch
bie Astele ——— ER r a dem Einftuffe
Hypnotismus bildeten fich jedenfalls auch die ien ittel
alters; von dem Orden Der ofenkreuper, den — in ſeinem
Zanoni“ verherrlicht, iſt das mit Beſtimmtheit anzunehmen.
V.
So wäre denn auch ber rein kritiſch⸗ langweilige Theil aus
meinen Bayreuther Sommertagen der Geſchichte übergeben: und doch
hätte ich noch manches zu erzählen, was werth wäre, ber Vergefjen-
heit entriffen zu werden. So fagte irgend ein vierjchrötiger Wag-
mer, als wir im Feſtſpielhauſe ſaßen und dem hellen, eleftrifchen
hlicht tiefes Dunkel gefolgt war, mit großem Pathos: „Bott, wie
Bartig“, eine Apoftrophe, die unendlich bezeichnend ijt für die
ren, welche ba oben ſich ‚gulommenfinben. Der rftelhung moßnte
ürlich auch die Familie Wagner und der Generalftab der aiſchen
iſt, d. h. die Wolzogen, Groß und andere Größen bei.
m Coſima ift eine ſehr magere Perſon, ein ſcharfes Commando-
it, ſehr geiltreiche Augen, aber ala Weib zu ſehr an Lifzt erin-
152 Uachklãnge an Kayrenth.
nernd, der nur als Mann denkbar war. Ein weiblicher Liſzt — oh,
wie umnatürlich! Neizend fand man allgemein Wagners Töchter,
liebenswürdige, ſanfte Gefichter, die se das energifche Tempera⸗
ment ihres Baters nicht verleugnen. Siegfried, der Sohn Wagners,
trägt ganz die Züge feines Vaters: die ſcharfe Geiernaje, der breit
jewölbte kopf und manches andere in feiner Phyfiognomie erinnert
ebhaft an den alten Wagner. In ganz Bayreuth Ei er nur ber
Siegfried. gaben Sie Siegfried nicht gejehen? Wo iſt der Siegfried?
rufen die Leute einander zu, wenn fie in der bierfeuchten Kneipe
bei Angermann beifammen jigen und während fie ſich vollbieren über
die Erhabenheit des Parſifal und die Größe der beutfchen Idealität —
ftreiten. Haben Sie Siegfried nicht geleden? Siegfrieb ift um die
Auszeichnung, der Sohn eines großen Mannes zu fein, ganz ficher nicht
zu beneiben, zumal auch) er ein Opfer der bisher gejammelten Erfal
tung geworben, daß dad Genie nicht vererbbar fei... Siegfried iſt jeden-
falls ein eleganter, wohlerzogener Menſch, der hoffentlich Elug genug
ift, in dem Zaumeldunftkreis feiner Umgebung nicht den Raufch der
Gottähnlichkeit einzufaugen. Siegfried ftudirt in München Baukunſt;
das Denkmal für Papa Lifzt, der auf dem Friedhofe von Bayreuth
begraben Liegt, ſoll nad) Plänen Giegfeiebe gebaut worden fein. Nun,
die Pläne Ad jebenfalls nicht viel wert geweſen und Hätte ſich
Liſzt nicht felbft fein umvergängliches, ſtrahlendes Maufoleum errichtet,
es Hände wahrlich ſchlimm um fein Andenken. Das Lifzt-Denktmal
macht einen geradezu Eindifch-plumpen Eindrud; ohne fhöne Formen-
ver! ätiffe, ohne Schmud, ohne Poefie fteht es da! Dieſes Dent-
mal für Lifzt, weld' ein Mikverftändnig! Liſzt, Lifzt! Der Künftler
aller Künftler! Noch vor einigen Jahrzehnten wäre die Frage mög-
lich gewefen, was ift die Kunft Franz Liſzt's? Doch nur fein Klavier⸗
ſpiel ... aber man war gnädig genug zuzugeftehen, daß er auf dem
Elfenbein in der That über die Mittelitufe hinausgefommen ſei.
Franz Liſzt ift eine Univerjatität . . . nur bie Schwalben und die
Sperlinge können das nicht begreifen. — Nachdem man aber fo lange
Jahre hindurch feine die ewige Harmonie wieberfpiegelnden Werke
einer bloßen Komponierfaune zugute gehalten hat, jo ift doch wohl
die Frage berechtigt, meiden glüdlichen Umftande ift der Umſchwung
der Dentart, die Verſchiebung des Kaleidoffops der äfthetifchen Prin-
zipien jener mufitgeniehenben Kreife zu danken, welche ſich jo gerne
als die funftliebenden oberen Zehntaufend fühlen? Wer hat ben
Liebestranf gebraut, der die Neigung und bie Sehnfucht entzündet,
die mufitafifäen Werke Franz Kits zu hören? Ich glaube, ein
neuerer Philojoph, Moriz Wirth, hat recht, wenn er behauptet, daß
ohne Wagner Liſzt nicht denkbar wäre, daß Wagner, wie ihm Lilzt
bie fünftlerifchen Worbedingungen gegeben Hat, den Gebanfen von
Bayreuth feiner inneren Verwirklichung ni zu bringen, doch nur
eine Vorftufe des Derftänbniffes für die großen Orchefterwerfe Liſzts,
in erfter Reihe der Schlüffel zu den fymphomifcen Dichtungen fei.
Wäre es möglich, daß jemand, ohne die „Nibelungen“ gehört zu haben,
Deine, Google
Nachklãnge an Bayreuth. 153
im Urwald der Fauſtſymphonie fich zurechtfände? ... der FZauftiym-
phone, welche Wagner eine göttlich ſchöne Muſik genannt hat?
ufifer der älteren Tradition erklären die Fauſtmuſik für formlos
und jagen, das fei überhaupt feine Muſik. Natürlich, der Fauſt ift
aud fein Drama, wenigjtens nicht im Sinne unferer Profefforen.
Der alte Tadel, der alte Unfinn! Formloſigkeit! Vielleicht hätten die
alten Aegypter die Acropolis zu Athen oder den Tempel des Zeus,
hätten fie ihn geſehen, für formlos erklärt, weil er nicht die Geftalt
einer — Pyramide Hatte! Aus dem Haferforn fprießt — id) darf
wohl diefe Thatfache als ziemlich befannt voraugjegen — ein ‚Befer-
halm empor, und nun verlangen diefe Herren der geraden und ber
frummen Form, daß aus der Eichel auch ein Haferhalm wachſe!
Das würden fie dann Form nennen. Doch daran erfenn’ ich den
gelehrten Herrn! Was Ihr nicht taftet, ſteht Euch meilenfern!
Liſzt ift tobt — die Thatjache ift für die gelebrten Herren nicht
nen u ändern, leider, denn fie bedeutet, daß er den Deutſchen
Eaffifch geworden! Beethoven galt feinen Beitgenojjen als Revolu-
tionär, al® Umjtürzler und Jafobiner; nad) feinem Tode wurde er
bas Herz ber — Sollen wir uns über dieſe Erſcheinung
wundern, welche ſich bei allen bedeutenden Männern vollzieht und
die mit einem bloßen Raifonnement gewiß nicht aus der Welt zu
ſchaffen iſt? Alſo Lifzt iſt eim —A geworden, der uns nach
mancher Seite hin noch lieber fein darf als mander Altklaffifer: er
wird nie langweilig. Aus feinen Werfen ftrömt ein beraufchen-
des Arom, Das in alle Poren dringt; eine Bauberatmojphäre
umhüllt fie, aus der ein Fluidum der wunderbarſten Art in die
Seelen der Hörer I) ergießt: Ein überjtrömendes Gefühl, eine
fafginirende Leidenfchaftlichfeit, ein Pulfiren der Empfindung, bald
dramatifch und heilig, prachtentfaltend und einfach, bald ftürmijd)
und ruhevoll, charakterifirt das tonpoetifche Schaffen Liſzts. O Lifzt,
Liſzt! Und was gest Ihr dazu, ich Hoffe, Ihr würdigt num ganz
die grotesfe Komik des folgenden Satzes — wenn die „Times“ von
Bayreuth folgende Notiz brachte: „Morgen Dienftag, Vormittag halb
neun Uhr, findet in der Hiefigen fatholijchen Pfarrkirche die gefiftete
Jahrtagsmeſſe für den verlebten Kanonifus und Komponiften Herm
Abbe Dr. 5. Lilzt ſtatt.“ Himmliſch! Der verlebte Kanonikus!
Prachtvoll it aus das nachfolgende „und“; „Ranonikus und Kom—
poniſt· ſchien dem guten Redacteur jedenfalls eine bedenkliche und
unerlaubte Häufung von Aemtern zu fein. Ya, das macht das
bayerifche Bier; es fördert zwar fehr den Leib, macht aber auch die
Intelligenz zu fchwerfällig, zu fett! Und für verfettete Intelligenzen
it leider noch fein Rarfebad entdedt. O fette Intelligenzen! Wie
jabt ihr damals gegen den Narren gezetert, der in Bayreuth, ji)
jein Theater bauen wollte; da Habt ihr fetten Intelligenzen von
Bayreuth euch halbtodt gelacht, wenn ihr Ihn faht, den ihr ſpöttiſch
en „Meifter” nanntet, und wie habt ihr euch gewundert, ihr fetten
Sntelligenzen, als dann die Taufende von Fremden ihr ſchönes Geld
Der Salon 1889. Heft IL. Band I. 11
154 Vachklãnge an Bayreuth.
bei euch Tießen! So wurdet ihr auf einmal Wagnerianer. Aber
tröftet euch, feit zweitaufend Jahren betet die fette Intelligenz nur
den Erfolg an. Genie und Gefindel, vor der Welt ift alles gleich,
Meſſias und Schächer; es lebe die fette Intelligenz!
In der Nacht, die den Meifterfingern folgte, konnte ich mit
fchlafen, wiewohl der von Zeit zu Zeit auffeufzende Wind, an
die Fenfterfcheiben klatſchende Regen und die Mufif in meiner Seele
ur wunderbaren Symphonie fid) ergänzten. Ich muß es nur ge
Heben, das Elend und feine Urfachen lagen in der Außenwelt. Ich
hatte mehrere Duelle zu beftehen, bei denen auf beiden Seiten Blut
floß. Das Duell mit einer Wanze ift zwar nichts angenehmes,
dafür aber nichts feltenes. Endlich konnte ich nach gräßlid-ichlaf-
Lofer Nacht den jchönen Morgenregen begrüßen. Mit meinem Freunde
frühſtückte ich wie gewöhnlich im Cafe Sammet, wo wir uns an die
abſchreckende Häßlichfeit der Kellnerinnen fchon zu gewöhnen anfin-
en. Von Hier aus begaben wir und in das alte, marfgräfliche
heater, einen een Bau aus der Nenaijfancezeit, dem
eine außerordentliche tiefe Bühne geftattet, felbft einer Spontiniſchen
Oper mit ihren Elephanten und Negerregimentern gerecht zu werden.
Bon hier aus befuchten wir die Villa Wahnfried und fanden leider
vor der Darmorplatte, die das Grab Wagners bededt, eine Menge
von Engländern Heben: ein wehmüthiger Gebanfe, der mich gefangen
nahm, wurde bald darauf verfcheucht durch ein ferne her Elingen
Klavier. Ich laufchte und erkannte ſehr bald den Hochzeitsmarfch
aus dem „Sommernachtstraum“ — eigenthümlich zögernd und un-
ſicher gefpielt, im choralartigen Beitmaß .. . zubem griff ber Spieler
ftatt die immer d — ich verlor mich verdroffen vom Grabe Wagners
— das fatale d verfolgte mich; ich ging in die Stadt zurüd — id
hörte das d in meinem Gehör Elingen. Entjeglih.... Ich kaufte
mir eine Cigarre ... aus den Rauchwolfen grinfte mich eine Frage
an, als ich genauer hinſah, bei Gott, e8 war dad d... waı
die Eigarre in die nächſte Pfüge, im Erlöfchen zifchte fie ein grim-
miges d... Ich war verzweifelt. Dieſes d wird mich noch wahn-
finnig maden. Ich bezahlte meine Rechnung ... und ging verdrieß-
lich auf den Bahnhof. Ich wollte nach Nürnberg fahren .... der
Zug kam an, die Lofomotivpfeife gellte. Bei Gott, es war wieder
das d... Ich fuhr nicht... Ich wartete, wartete lange. Endlich
kam eine Lokomotive, die pfiff dis... Ich ftieg beruhigt und erlöft
in die nächfte Wagenzelle und fuhr fort...
9 —
nenkkenten Luna na sent enemenn
156 Bas moderne nordifce Brama.
Es ftellt fich heraus, daß Florizel jene Reifegefährtin geweſen
iſt. Repholt trägt ihr die Fortjegung feiner „Liebe“ an, wird al
entſchieden zurüdgemwiefen. Dann meldet Kai den Sachverhalt.
Repholt mug ſchleunigſt abreifen. Zwiſchen den Gatten kommt es
zu einer ftürmifchen Scene; er will fie verftoßen, läßt ſich aber doch
wegen, fie an feiner Seite zu dulden. „Hoffe nichts von ber Zus
Zunft“, jagt er; „wir werben beide grenzenlos unglüclich.“
Das Schaufpiel war an einem Abend des vorigen Winters in
unferm dramatifchen Klub vorgelefen worben. Es hatte einen ftarken
Eindrud auf uns alle gemacht, und wir waren bald darin einig, daß
es ein hervorragenbes ichtervermögen befunde. Ueber den poeliſchen
Werth des Stüds waren gleichwohl die Meinungen getheilt. Das
war nun nicht eben verwunderlich, denn wir vier Klubbrüder find
von ſehr verſchiedener Geiftesrichtung und ſtark divergirend in unjern
Weltanſchauungen: ein Theolog der fogenannten pofitiven Richtung;
ein Dichter, welcher fich der realiftiichen Schule zumeigt; ein philo=
fophifcher Literat mit peffimiftifchen Alluren, ftarf beeinflußt von
Schopenhauer und Ed. von Hartmann, und dann meine Wenigkeit,
die zwifchen dem Alten und dem Neuen, zwiſchen realiftifcher Wahr-
heit und idealiftifcher Schönheit zu vermitteln fuchte und im übrigen
nad een Kräften das Tragifche als Spezialität anbaut.
Unfer äjthetifches Intereffe vereint uns allwöchentlih einmal zum
gemeinfamen Genuß ber neueften deutfchen, dänifchen, norwegiſchen
und ſchwediſchen Dramatichen Dichtungen. Ich will nun verjuchen,
unfere Unterrebung über das Schaufpiel „Ein Befuch“ wiederzugel
Um ermübende Weitfchweifigfeiten zu vermeiden, werde ich jeboch die
zerftüdelten Worte des Ichhaften Austaufches zu längeren Ausführım-
gen zufammenfügen.
„Ein treffliches Stück!“ hub unfer Dichter an. „Welch' meijter-
hafte Charakteriftil! Das find feine Theaterpuppen, jondern drei
wirkliche Menfchen, die uns hier vorgeführt werden, diefer Kai Neer—
jaard, der nad einer beivegten Jugend Ruhe und Behagen als ehr«
famer Ehemann in dem gemäcjlichen Leben eines wohlhabenden
Gutsbeſitzers ſucht; dann fein ‚Freund“, der Dämon feines Lebens,
Aktuar Repholt, ein nordiicher Don Juan, äahmer, vorjichtiger, aber
nicht minder gierig, nicht weniger wähleriſch als fein fpanifcher
Vetter; endlich Florizel, vor allen diefe vortreffliche Store, eine
Mischung von Ausgelaſſenheit und Exnft, von Lachen und Thränen,
von Äuftig ſchwatzender Unſchuld und bebendem Scmeigen, — biefe
Einheit von Schwachheit und Kraft, von wallender ichheit und
rückſichtsloſer Energie, ein Weib „neugierig wie ein junger Vogel
und zitternd wie ein Netvenftrang“ in der erften Verfuchungsftunde,
doch in der zweiten Mar, Kalt, ſcharf wie ein gejchliffener Dolch, —-
ein Weib voll ſchwirrender Aeiberiprüihe wie eine Shafefpearefche
Figur, aber gleichwohl — oder gerade deßhalb — ein echtes Indi
viduum, ein Menichenfind von palpabler Realität, eine poetijche Ge
ftalt von faft Shakeſpeareſcher Handgreiflichkeit. — Und dann die
Bas moderne nordifche Drama. 157
Handlung des Stüdes. Wie einfach, wie ungefünftelt! Sie verſchmäht
allen ſchimmernden Bühnentand, vermeidet lyriſchen Schmud und prun«
tendes Pathos und erreicht gleichwohl eine Höhe, eine dramatifche
Kraft, die in Neegaards Ausruf: „Verfluchte Dirne!“ wie ein Donner
ſchlag erjchüttert. Enbfich — Iast not least — das Thema des Stüds
und deſſen fünftlerifche Behandlung. Es ift die prinzipielle Ver—
ſchiedenheit in der Beurtheilung ferueller Ausfchweifungen von Mann
umb Weib, welde hier behandelt wird, jene Zwitterhaftigleit des
fechften Gebots, wenn ich fo jagen darf, ‚welche die öffentliche Moral
unſerer Zeit, wenigſtens unferer großen Stäbte, ſtillſchweigend voraus-
fegt und gutheikt. Es ift eine ebenſo delifate als bedeutjame Frage;
wie fein aber, wie decent und doch wie bündig ift fie behandelt!
Ohne Anwendung rhetoriſcher Mittel, allein durch die Handlung
wird das Problem mit erſtaunlicher Schärfe und Energie geftellt. —
Liebe Freunde, es hilft Euch nicht, die großen Vorzüge des Realis—
mus zu leugnen. Seht doch unfere eigene moberne Dramatif an,
allenfall® mit Ausnahme des Dejterreicherd Anzengruber. Hat ein
einziges aller der ibealiftiihen Werke, die wir miteinander gelefen
m, Tragödien, Schaufpiele, Luftfpiele, und auch nur halb fo ſtark
it wie dieſer anſpruchsloſe Zweialter mit brei hanbetnden Per⸗
onen? Woran liegt das? Es hat meines Bedünkens einen zwei⸗
fachen Grund. Laßt mich denſelben jetzt aufweiſen.
Die realiftijche Ditung ift erſtlich in Stoff und Thema modern,
aktuell, neu im beften Sinne des Wortes. Sie greift nach Goethes
Anweiſung „hinein ins volle Menfchenleben“ und wahrlich, „wo ſie's
padt, da iſt's intereffant“. Die ibealiftifche Dichtung dahingegen
leidet an Altersfchwäche. Ihre dramatifchen Stoffe, Motive, Kon-
flifte jind veraltet. Diefe ftereotypen gejeiätlicen den und Hel-
dinmen mit einem Anflug von Romantik, Griechen, Römer, deutiche,
englifdhe, ffandinavifche Fürften, Stantsmänner, bieje ewigen Mebeen,
Sophonisben, Brunhilden, Kriemhilden, Ronradine, Eſſexe, Stuarts,
jömeniiße und däniſche Eriche, die Jahr für Jahr immer wieder
ie Dramatifer in Verfuhung führen, — man gähnt unwill-
Zürlich ſchon, wenn man das Titelblatt eines ſolchen Stüdes
Tieft; dann die Stoffe des fozialen Dramas: diejelben Konflikte zwi—
ſchen vornehm und gering, reich und arm, zwifchen Eindlicher Pflicht
und erotifcher Liche, — Menſchenſatzung, nationalen und kon⸗
feſſionellen Vorurtheilen und dem Naturrecht“; dieſelben ſogenann⸗
ten Pflichtkolliſionen zwiſchen Wahrheit und Liebe, Schande und
Abjtmord, Meineid und Tod; diefelben Säfte in den dramatijchen
dern: Hochmuth, Ehrgeiz, Rache, Batriotismus, Treue, Liebe in den
rſchiedenen Schattirungen. Ihr fagt, daß die allgemein menjchlichen
'otive nicht alt werben, da das Menfejenderz zu allen Zeiten und
ter allen Berhältniffen auf gleiche Weiſe gefchlagen hat, daß
nfchliche Freude und Schmerz, Luft und Leid, daß der Wellengang
Leidenſchaft und des Schidjals große zermalmende Rückſchläge
zer unferer Theilnahme gewiß find. Allein ich antworte, daß es
158 Bas moderne nordifce Drama.
nicht gleihgitig, welcher Art die äußere dramatifche Handlung ift,
Hinter welcher die Menſchenherzen flopfen. Sie fann der Anjchaus
uͤngsweiſe unferer a jo fern fiegen, daß es uns ſchwer wird, das
allgemein Menjchlihe darin zu entdeden; fie kann uns ferner durch
unabläffige Wiederholung gewiffermaßen zu nahe gerüdt, kann fo
weit innerhalb unferes — eifes belegen ſein, daß unſer Auge
darüber Hinftreift, wie über einen längft und zur Genüge befannten
Gegenstand. Ich räume ein, daß ein echt dramatifches Motiv oft,
auf mancherlei ale von verjchiedener Geite her behandelt werden
Tann, ohne unfer mtereffe zu verlieren. Aber ich behaupte, daß
dieſes Oft begrenzt ift und daß die moderne dramatijche Produktion
alten Stils den Grenzpunkt überjchritten hat. Das ernite Drama
ift ein Greis in Faden kkeinigen Kleidern, der engbrüftig „die Kohlen
halberloſchener Erinnerungen anbläft; das Luftfpiel ift völlig kindiſch
geworden; das pofjenhafte, Halbidiotifche Grinfen, mit welchem es ſich
in die alten Fegen büllt, ward längjt zum Gaudium bes Pöbels,
zum Genuß für äfthetifche Schufterjungen. — Wie männlich kräftig
ift Dagegen die realiftiche Dichtung! Sie behandelt neue Stoffe,
moderne foziale Probleme, brennende Fragen. Sie will nicht nur
unterhalten; fie bezwedt auch nicht bloß „Die poetifche Erhebung“
des Einzelnen; nein, fie hat größere Aufgaben zu löſen; fle arbeitet
mit dem tiefen, rüdjichtslofen Ernſt der Pflicht im Dienfte der
Menschheit. Auf den Wahlftätten der Rulturentwidelung findet Ihr
den realiftifchen Dramatifer; er fteht dort, wo die großen epoche-
Eng Dichter zu allen Zeiten geftanden haben, in den vorderſten
Neihen der Kämpfenden.“
IH fomme zum Zweiten, zu der Art, wie ber realiftifche Ber-
faffer feinen Stoff behandelt. „Wir ftimmen wohl darin überein,
daß zur Dichterbegabung zunächſt und vor allem eine hervorragende
Kraft der Bhantatte ehört. Das Charafteriftiton des realiftiichen
Dramatifers ift nun dieſes, daß feine Phantafie mit einem ftarfen
Sinn für das Wirkliche umgürtet iſt. it dieſem hemmt er die
Flugkraft des Geiftes, wenn fie während ber ſchöpferiſchen Thätigleit
über die Realität hinausftrebt, wenn fie ins Traumland entſchweben
möchte, wenn fie ucht wird, ftatt Menfchen von Fleiſch und Blut
Nebelgeftalten zu bilden. Der realiftiiche Dichter mit feinem leben-
digen Sinn für die Wirklichkeit verjhmäht allen eitlen Prunf; er
hat eine felbftverleugnende Vorliebe für einfache fachliche Proſadiktion,
einen entſchiedenen Widerwillen gegen alle Hohlheit, alle Geſchraubt⸗
heit in Worten, Mienen und Geberden. Seine Phantafie ift weſen
lich Anſchauungskraft; er ſchildert wirkliche Individuen, reale Ve
hältniffe und Menſchenſchickſale; er hält nach Shafejpcares Anweifu:
der Zeit den Spiegel vor, unbefümmert, ob es ein Madonnenantlig i
das ung entgegenfchaut, oder ein Medufenhaupt. — Nach) dem Gen
einer ibealiftifchen Dichtung hat man die Empfindung eines erwacht
en Träumers: Während man fich die Augen reibt, wird man in
daß es Schattenbilder waren, die man fah, und jchlägt fie in F
Bas moderne nordifche Drama. 159
Wind. Der Realismus dagegen erzielt tiefe, dauernde Eindrüde.
Barum? Weil feine poetiihen Erzeugniffe nad Stoff und Form
aftuell, wirklich, weil fie mit einem Wort wahr find. Realismus in
der Kunft, in der Wiſſenſchaft, auf allen Gebieten ift wejentlich
daffelbe wie Mahrheit
Jetzt ergriff Der Theologe das Wort. „Laht mich mit dem
legten $ eginnen“, ſprach er. „Derjelbe faßt das materiale und
das formale Prinzip des Realismus glücklich in eins und bezeichnet
dusleich feine Kraft und feine Schwäche. Es ift richtig, daß die
mt der Wahrheit nicht entbehren fann; aber es ift ein fundamen-
taler Irrthum, die Wahrheit als das Wejen der Kunft aufzufaffen.
Ein Kunſiwerk foll ſchön fein und nichts, durchaus nichts weiter;
alles, was man von einer Dichtung fordern fann, befagt das eine
Wort: Schönheit. Nun ift ja freilich unleugbar das Schöne dem
Wahren und dem Guten verwandt. Wie eng diefe Verwandtichaft
ift, läßt fich jedoch nicht beftummen; das innere Verhältniß der ge-
nannten Drei zu einander ift nicht aufgeklärt, ja, es läßt fich meines
Erachtens dartdun, daß die Einheit, falls eine ſolche vorhanden,
abjolut unbegreiflich ift, daß ihre gemeinfame Wurzel, jofern ſie eine
folche haben, jenfeit® der Grenzen ber Wiſſenſchaft in der myftifchen
Tiefe des Dafeins liegen muß. Soweit fennen wir indefjen bi
fragliche Verwandtichaft, foviel dürfte feftitehen, daß das in feiner
Totalität Unwahre oder Unmoralifche auch nicht ſchön fein Tann.
Das Necht des Realismus befteht nun darin, daß er die erftc Ber
Hauptung dieſes Satzes zur Geltung bringt, fein Unrecht, daß er bie
zweite verleugnet. Es ift die alte Mär von der. Scylla und der
Charybdis. Der Realismus ift eine Fräftige, wohlberechtigte Reaktion
gegen eine ſchwülſtige Romantik, einen in feinem innerften Weſen
verlogenen fogenannten Idealismus in der Poeſie; indem aber der
realiftifche Dichter der Unwahrheit entflicht, der bergenden, ſchmin—
, „beichönigenden“ Lüge, leidet er infolge des prinzipiellen
Fehlers in Bi äfthetifchen Betrachtungsweiſe oftmals Schiffbruch
auf dem ethifchen Gebiet und erreicht in jeinen Werfen nur aus—
nahmsweiſe eine wirkliche poetiiche Totalität. Betrachten wir doch
das Schaufpiel: „Ein Beſuch“ von Eduard Brandes. Ich räume
willig ein, daß es das Gepräge eines ftarfen dichterifchen Anſchau—
ungövermögens trägt; ic) leugne nicht, daß der bedenkliche Stoff mit
Decenz, mit geziemendem Ernſt behandelt ift; ich bin weit entfernt,
dem Stüd unmoraliſche Tendenzen oder Wirkungen zuzufchreiben.
“ein ich behaupte, daß es der poetifchen Totalität entbehrt und daß
eſes wejentlich daran Liegt, —3— es ein unſittliches Ganzes zur Anz
jamung bringt. Welcher Art ift die Gefellihaft, in die wir hier
geführt werden? Es ift diejenige dreier erbärmlicher Menfchen.
a ift zuerſt Neergaard, ein breiundbreigigjähriger Epifuräer, der,
tt und matt von anftrengenden Abenteuern der „freien Liebe“,
Yäbigere Genüſſe fucht und zu diefem Behuf feinen Ader bebaut
d fich ein hübſches Weib hält — zum Zeitvertreib und. zur För—
160 Bas moderne nordifce Drama.
derung ber Bequemlichkeit. Er gehört zu jener Gattung von Genuß-
menschen, deren Lebenzleiter folgende Stufen aufweiit: Liebe, Ge—
mächlichteit nebſt Speife und Trant, lHombre, Podagra. Jetzt
befindet er fid) im zweiten Stadium. Das ruhige, regelmäßige Land-
leben jcheint indeß zu Anfang des Stüdes feine Perjönlichkeit heilfam
zu beeinfluffen: er trieft von Gutmüthigfeit, von humaner Nachficht,
ja, er hat jogar fleine Anfälle von wirklicher Mortalität. Daß diefe
legteren jedoch nicht ernfterer Natur find, wird uns bald klar: fein
Freund kommt zum Beſuch; während die Veiden am Kamin figen
und Portwein trinfen, erzählt der Ungefommene jene nieberträchtige
Geſchichte, wie er ein honettes junges Mädchen entehrt hat. Was
thut Neergaard? Er hört der Erzählung ruhig zu, ohne daß es
ihm einfällt, den Wicht zur Thür hinauszuwerfen. Das genügt zur
Charafteriftif Kais. Dann Florizel. Ich will nicht bei dem „Som-
mernachtätraum“ verweilen, in welchem ihre zwichen Unmijjenheit
und neugierigem Verlangen ſchwankende Unſchuld der frechen Sinn-
fichteit des Verführers zum Opfer fällt. Ich will- nicht leugnen,
daß mir die Energie eine momentane Befriedigung gewährt, mit
welcher fie jetzt den nn von ich ftößt, als er unverjchämt genug
ift, die praftijche Fortſetzung „der fühen Heimlichkeiten“ zu begehren.
Allein ich behaupte, daß ihre „Neue“, ihre „Verzweiflung“ zur r⸗
fung ihres moraliſchen Sinnes, zur ethiſchen Vertiefung ihrer Per⸗
jönlichkeit nicht wejentlich beigetragen hat. Was hätte gem Ibſens
Nora gethan, nachdem fie erfahren, daß ihr Gatte mit aller Gemüths-
ruhe die ſchändliche Verführungagefchichte feines „Freundes“ anhörte,
folange er nicht wußte, daß die Mißhandelte fein eigenes Weib war?
Sie hätte fich mitten in ae Erniebrigung zu ihrer vollen Höhe
aufgerichtet und in dem inftinktiven Bewußtſein, daß fie troß ihres
gehltrits mit ihrer ganzen Perfönlichkeit im Ethijchen wurzelt, mit
alter, ftolzer Verachtung ihrem Gatten, dem bellenden Jämmerling,
den Rücken gelehrt. Was thut dagegen Florizel? Sie weint, fte
jammert, fie bettelt Kägfich um Gnade. „Laß mich bei Dir bleiben;
ich könnte nicht ohne Dich leben, den . nie fo geliebt habe wie
jegt!" Nie fo geliebt wie jegt? nachdem fie gründlich erfahren hat,
wel ein elender Menfch er ift? Kann fie denn nad) biefer Er-
fahrung ihren Gatten noch achten? Und fann man ben lieben, wel-
chen man nicht adjtet? Oder ift die eheliche Liebe vielleicht niges
weiter als eine finnliche Neigung, als ein fleifchlicher Trieb o!
eine ftupid-gemüthliche Gewohnheit? Ich finde nich, daß Florizel
im inneren moralifi Sinne viel höher fteht als ein „rauen
zimmer", es müßte denn ein nicht-fhafefpearefcher Widerſpruch in
ihrer Natur fein, den ich hier bezeichnet habe.
Unfer Freund und Klubbruber, der Dichter, nennt die Auf-
ftellung de3 Problems in dem Schaufpiel „Ein Beſuch“ eine bejon-
der prägnante, ſcharfe. Ich kann ihm Hier nicht ganz beiftimmen.
Nac meiner Meinung dient die Verführungsgefchichte, wie wirkſam
fie in dramatifcher Hinficht übrigens fein mag, zur Verdunfelung
Bas moderne nordifche Brama. 161
der fozialen Frage, auf welde hin das Stück angelegt ſein foll.
Jenes —e— Abenteuer“ hebt eigentlich das Problem aus
den Angeln; denn wie immer man über die ſoziale Zwitterhaftigkeit
des fechiten Gebotes urtheilt, fo dürfte es — unter Menſchen mit
einiger moraliſcher Bildung zweifellos fein, daß Repholts Handlung
ein Schurfenftreih war. Doch ich will hierauf nicht weiter eingehen;
ich will nur eins noch hervorheben: Das Schaufptel endet mit einer
eibenden Difjonanz: die Che zwif Kai und Florizel beſteht
in all ihrer Unfittlichkeit. Sie ukunft wirb ein grenzenlofes
Unglüd für uns beide“, ſagte er. Sie antwortet: „Und das Kind,
Kar?“ Ya, das Kind, das arme Kind! Welche Erziehung kann ihm
zutbeit werden in einer folchen Familie, zwiſchen jolchen Eltern?
ift nichts in den Charakteren, in der Handlung, in ber Schluß-
fituation, das uns einen Schimmer von Hoffnung für die Zukunft
der Familie erbliden läßt. Das Stüd endigt in Nacht und Nebel
wie ein grauer Novembertag.
Iſt das Poeſie? Ich fage: Nein! Hier find wohl poetifche
gomen, poetifche Momente; aber hier fehlt poetiſche Totalität. Das
ala ſolches ift unpoetiſch: unmoralifche Menſchen, unmoraliiche
Handlungen, eine Kataſtrophe, welche ein unmoralij Verhältnik
in perfpehtilofem Elend übrig läßt. Ich habe gejagt, der Realismus
leide oftmals Schiffbruch auf dem ethiichen Gebiet, und ich deutete
vorhin an, daß des Realiften Verweilen bei dem Unmoraliichen als
eine Reaktion gegen bie ſchminkende Unwahrheit eines gewiſſen
Idealismus zu Vebreifen fei. Daß indeffen die realiftiihe Dichtung
bes Ethifchen nicht wirklich mächtig ift, Hat wohl einen tieferen Grund,
den nämlich, daß ber Realismus als Doktrin der ethiſchen Unterlage
oe Abhandlung in der SKopenhagener Monatsfchrift
„Tilſ! “ über „den Realismus in der Wiſſenſchaft und dem
Glauben“ Segeichnet den Realismus im allgemeinen als das Prinzip
der natürlichen Urfachen, hebt als das allgemeinfte Unterſcheidungs-
merfmal zeichen Wilfenfeft und Glauben hervor, „daß jene den
Gefegen und inneren Zuſammenhang des Daſeins nachforſcht,
wãhrend dieſer nach des Daſeins ethiſcher Bedeutung und eihiſchem
Werth fragt“, und lehnt dann, daß Nealismus im Glauben „eine
Weltanſchauung ift, welche den Glauben an den idenlen Werth der Welt-
entwidelung feithält, gleiaeitig jedoch ebenfo innig überzeugt ift, daß
dieſer ideale Werth Sale 8 Wirken der natiichen Urfachen realifirt
wird.” Hat eine folde Weltanfhauung wirkfih Raum für das
Ethiſche? Sept dieſes — das Ethiſche — nicht voraus, daß das
ndelnde Individuum prinzipiell frei it von dem Wirken der natür-
ichen Urfachen, und läßt es fich nicht mit mathematifcher Sicherheit
beweifen, daß ber Glaube entweder mit „ber innigen Ueberzeugung“
anfängt, daß der ideale ethiſche Werth der Weltentwidelung nicht
nich das Wirken der natürlichen Urfachen realifirt wird, oder nie-
mal? zum Anfang kommt. Wie denkt Ihr über diefe realiftifche
”peorie? Sie fieht mir aus wie ein fchiefbeiniger Nihilismus, Und
162 Bas moderne nordiſche Brama.
leider, Die poetifche Praxis entſpricht dieſer Lehre in weientlichen Stüden.
Laßt mich von Zola, von feinen franzöfifchen realiſtiſchen und natura»
liſtiſchen Genoſſen fchweigen; ich denke zunächſt an dem nordifchen
Realismus. Diefer. wird von Dichtern und Kritilern erſten Ranges
vertreten unb weiſt eine Reihe intereffanter und bedeutſamer Werke
auf. Allein ich bermiffe eind in dieſer Literatur: eine pofitive Welt-
anſchauung. realiſtiſche Verfaſſer kritiſirt die beſtehenden Ver—
hältniffe; er zeigt nur im ſozialen Leben die Lüge, die Feigheit, die
Unfteiheit mit ihren verberblichen ge jen; aber er fommt nicht wirk-
lich über die Negation hinaus. Cr bezeichnet wohl bireft oder in-
direft Wahrheit, Muth und Freiheit als die Stügen ber Gejellichaft;
aber er zeigt und nicht das Erdreich, in welchem diefe an und für
ſich bloß formalen „Stüßen“ zu feitigen find. Der vealiftifche Ver-
fafjer hat einen ſcharfen Blid für das Verfehrte in unferem gefell-
Isartihen Leben, er hat daneben eine durchdringende Menjchen-
kenntniß und einen fogenannten weiten Horizont. ber ich vermiffe
über dieſem Horizont die blaue Wölbung; ich vermiffe über bem
Dichter den hohen Himmel mit den ewigen Sternen unjeres Lebens.
Das realiftifche Auge fieht die reale grimmige Wahrheit des Lebens;
aber es ift blind gegenüber feiner poetiichen Verklärung. Ein charak-
teriftifches Merkmal ber realiſtiſchen Dramen ift das Fragezeichen,
mit bem fie abgufählichen pflegen; dafjelbe bezieht fich mitunter nicht
bloß auf das Schidfal der handelnden PBerfonen, fondern aud a:
das Problem. Der realiftiiche Dichter hat Anſchauungskraft, „Wirk
lichkeitsſinn“ und viele andere treffliche intelleftuelle Eigenſchaften;
er_hat überdies eine Art von negativem Wahrheitpathos, eine ge-
wiffe moralifche Exbitterung über die Schlechtigfeit der Welt; aber
ihm fehlt das Eine, ohne welches "0% nie und nirgends auf der
Erde etwas wahrhaft: Großes hervorgebracht worben ift, ihm fehlt
die Begeifterung.
Du ſagſt, es fei nicht allein der realiftiiche Verfafjer, dem eine
pofitive Weltanfhauung fehlt, fondern der Zeitgeift, aus welchem
heraus er ſchafft; es ſei nicht bloß der Dichter, dem e8 an Vegeifterum:
gebricht, ſondern das Kulturbewußtfein, deſſen Wortführer und Do)
metſch er ift. Iſt dem wirklich jo? Iſt aljo die moderne Kultur
jelbft poetilch impotent? Nun wohl, dann begreife ich, dak das
Bublitum an ber ibealiftifchen Dichtung fein Gefallen findet. Auf
ffeptifchen, materialiſtiſchem oder nihiliftiichem Boden kann „die blaue
Blume“ nicht gebeihen. Eine Civilifation ohne Ideale ift auch ohne
Poeſie. Dann ift es aber nicht eigentlich die idealiſtiſche Dichtui
welche alt und ſchwach geworden; es iſt im tieferen und traurigeren Sin
die Kultur. Sie iſt es, der die Seeubigteit und Luft, die ſchwellen
Lebenstraft, ber leuchtende Bufunftsblid der Jugend abhanden ı
kommen ift; fie ijt der gebückte Greis, der unverwandt zur Erde fieı
den Lebensüberbruß in den leeren Augen, den Tod in der Bru
„Kann man Trauben leſen von den Dornen oder Feigen von d
Dijteln?“ Kann man lebenzfräftige Dichtungen von einer fterbent
Bas moderne nordifche Drama. 163
Kultur erwarten? Eine Dichtung ohne ethifche Tiefe und ibealiftifche
Hoheit ift eben als folche auch ohne ſchoͤne Totalität; fie hat nur
eins, womit fie imponiren mag, die brutale Wahrheit.“
Hier lächelte unfer_peffimiftifcher Klubbruber. „Liebe Freunde,
fagte er, „ich ftimme Euren Anſchauungen in meienttigen Punkten
bei, ich habe nur eine kleine Bemerkung hinzuzufügen. Jenen Man—
an Ibealen, den Ihr als ein beſonderes Vermof unferer mobernen
[tur bezeichnet, hat nicht diefe, Jendern das Dafein felbft verſchuldet.
&3 verhält ſich damit fo: Dem Dafein fehlen die Ideale, die Kultur
kommt allgemacy — langjam zwar, aber ſicher — dahin, dieſes zu
begreifen. Der Realismus erfennt, obgleich bis jegt vielleicht nur
ahnend, daf bie fogenannten Ideale nur Illufionen find; er ift im
tiefiten Grunde peſſimiſtiſch. Hierauf eben beruht feine ft,
fein Bulturgefehiehti Werth, denn der Peſſimismus ift die Wahr-
beit. Ob dieſe, ob die Wahrheit angenehm ift oder nicht, ob ſchön
ober häßlich, Human oder brutal, ob fie lind einfchläfernd Klingt —
wie ein Wiegenlied oder entſetzlich wie ein Tobesfchtei, dafür ift, wie
efagt, das Dafein verantwortlich zu machen und nicht der Dichter.
Sir letztere jteht, wie unfer Freund, der Poet, bemerkt hat, im
Dienfte der Kulturentwidelung; er fol, wie der Philoſoph, auf jeine
Weiſe ein Apoftel der Wahrheit fein; er hat uns das Spiegelbild
des Dafeins zu zeigen, freilich in poetifcher Strahlenkonzentration,
aber ohne iminfe, ohne verjchönenden Farbenglanz. Es gehören
mancherlei Jens Fähigkeiten dazu, ein moderner Dichter zu fein,
eine vor allen: Kraft und Muth, der Wahrheit ins büftere Auge zu
uen.
Diefen Muth finde ich bei den nordifchen Nealiften, und daher
preife ich fie. Nach meiner Ueberzeugung hat Schopenhauer recht,
wenn er ben Optimismus „eine ruchlofe Gefinnung“ nennt, Des
Dichters Pflicht ift es, diefe Gefinnung zu befämpfen. Die Poefie
fol erheben, jagt Ihr. ohlan, bie Poeſie, beſonders das ernite
Drama, bie Tragödie, foll uns das Elend der Welt zeigen und uns
dadurg willig machen, über dieſes Daſein hinauszuſtreben —“
„Rad dem Nirwana“, bemerkte der Theologe.
Nach dem „Nirwäna“, nad) dem „Reiche Gottes“, nad) „der
feligen Schmerzlofigfeit des Unbewußten“, — nenn’ e3, wie Du willſt;
fein Sterblicher weiß, was hinter dem Schleier der Maja berborgen
iſt. Eins nur ift gewiß — und darin liegt das Recht des Nealis-
mus daß dieſes Daſein elend iſt, daß dieſe Welt ſchlechter iſt
feine!
Doch, liebe Brüder, wir werden uns über die prinzipiellen Fra—
nicht einigen. Kehren wir lieber zu den Individuen unjeres
jaufpiel3 zurüd. Es fiegt etwas pifantes, etwas aufregendes
dem finalen Fragezeichen des Stüdes. Ich möchte daſſelbe auf:
en; ich bin geriet, die Handlung in meinen Gedanfen fortzufeßen.
: mag es Kai und Florizel ergehen? Iſt feine Hoffnung einer
söhnung vorhanden, feine Austidt — vielleicht für eine fernere
164 Bas moderne nordiſche Brana.
Zufunft — auf ein erträgliches ober gar relativ „glüdliches" Zus
jammenfeben? Um hierüber urtheilen zu können, müffen wir nad)
meiner Meinung in Kai hineinfchauen, müffen wir fein Wort ver-
ftehen: „Ich richte Dich nicht; aber ich muß handeln, wie ich fühle.“
Was fühlt er denn? Darauf kommt es an.“ J J
„Er fühlt natürlich ſittliche Entrüſtung darüber, daß er an ein
unreines Weib gebunden iſt“, antwortete der Dichter. .
„HoHo!“ vief der Theologe. „Sollte ſolch ein liederlicher Ge⸗
felle ſich über weibliche Unkeuſchheit entrüften können? Mit nichten!
Daß aber er, der erfahrene Roue, auf eine fo ſchmähliche Weiſe an-
geführt worben ift, daß fein „‚teund“ und das Weib, deffen Rein-
heit er über jeden Zweifel erhaben glaubte, ihn um fein ehefü
jus primae noctis gepreilt haben, daß er „wie ein Thor genoſſen
hat“, das erbittert den raffinirten Epikuräer. „Meine Ehre fcheint
mir geftorben —“, fagt er. Ja wohl, es ift des betrogenen Betrügers
ekränkte „Ehre, bie in ihm brennt. a er Moralität hat
tiefes Gefühl fchlethterdings nichts zu jen.“
Ich glaube‘, ef Kor der Bali wieber ein, u kann die
Sache durch ein Heines pfychologifches Experiment unterfuchen.
wir einmal ben feifih ganz unwahrſcheinlichen Fall, daß nit
Nepholt, fondern Kai Neergaard jenes jommernächtliche Abenteuer
mit Florizel erlebt hat, daß fie fpäter ohne Wiebererfennen Sodeit
miteinander gerten haben und erft jegt auf irgend eine rt er-
fahren, daß Kai Zettel und Florizel Titania gemefen — was dann?
Wie würde Kai Neergaard ſich alsdann verhalten? — Er würde
ftugen, er würbe einen Augenblid die Stirn runzeln. Dann aber
würbe er erwägen, dab es Florizels einziges Jungfrauenabenteuer
jeweſen ift; dann würbe er denken, vielleicht jagen: „Glücklicher Zu-
all!" und lachend das erröthende Weib in feine Arme fchlie
Was erjehen wir hieraus? Daß es nicht eigentlich, moraliſche Indig-
nation ift, die ihn bewegt; denn bie Perjonenveränderung hat ja
feinen Einfluß auf Florizels Schuld oder Unfchuld. Nein, was ihn
apeiigt wie einen Wahnfinnigen” ift der Gedante, daß e3 ein anderer
iſt, der Florizel bethört hat, und daß diefer andere lebt. Es ift
wohl etwas von gefränftem Ehrgefühl in Kat, vielleicht aud ein
ſchwaches Moment von fittlicher Entrüftung, Das Gefühl aber,
welches ihn — durchdringt, liegt nicht auf ethiſchem Gebiet;
es iſt von phyſiſch⸗äſthetiſcher Natur: er fühlt Ekel.
Ob nun das Verhältniß zwiſchen Kai und Florizel ſich noch
ut oder doch erträglich geſtalten kann, hängt davon ab, ob er der
eregten Gefühle jemals Tedig wird. Ich nehme an, daß die Nach
richt von Repholts Tode lindernd wirken: müßte. Sicher heilen
jedod) — vorausgefegt, daß der Charakter fich nicht wejentlich ver
ändert, — wirkt nur eins: Kais ſexuelle Neutralifirung, feine —
„Es ift fpät in der Nacht!“ fagte ber Theologe. „Laht und
aufbrechen.“
Ste gingen fort. Ich ſaß in meinem Lehnjtuhl und Hörte ſ
Bas moderne nordiſche Brama. 165
das Geſpräch mit gebämpfter Stimme auf der Straße fortjegen.
Dann ließ ich in der nächtlichen Einſamkeit meine Gedanken noch
eine Weile in der Stimmung der Kataftrophe ſchwingen. Ich fuchte
den erften unmittelbaren Eindrud derfelben in die Empfindung zu—
rüdzurufen, um zu beftimmen, welches Moment des Stüdes mic)
eigentlich fo ftark ergriffen hatte. Ich fand, daß es vor allem Kais
tragiſches Gefchiet fei, jene ftumme Ironie, mit welcher die ewige
tigkeit Kai eigene Sünden zermalmend auf fein Haupt fallen
läßt. Es find nicht die handelnden Perjonen, welche in dem Stüd
imponiven, dachte ich; es ift die überjchwebende Macht. Es ift eine
Schidjalstragödie im beften Sinne dieſes Wortes. Und ein jolches
Drama jollte unpoetiſch fein? Iſt nicht die Kunſt bes Lebens Yeola-
harfe, welche von den ewigen Harmonien flüftert, die in ber Tiefe
unferes Daſeins raufhen? Und wahrlich, hier ift Harmonie! Hier
ringt fi eine Tonflut von —A— erben, tragifchen Diffo-
en zP einem metaphyſiſchen Schlußafford empor von befreiender
Rat und Klarheit. Ich verweilte mit Wohlgefallen bei dieſem
Gedanken. Allgemach neigte fi) mein Haupt; mein Blick umnebelte jich,
id ertappte mich von Zeit zu Zeit in Gedanfenftrudeln, in welchen
Realismus, Idealismus und viele andere -ismen, Wahrheit, Florizel,
Dämon, Jugend, Altersfchwäche, Titania, Nirwana und manche andere
feltfame Geftalten fi) in wimmelnder Mannigfaltigleit wälzten.
Blögfich warb alles wieder Har. Ich ſah einen fühnenjchen Dorf-
—2 auf dieſem Kai und Joehhet in tiefer Trauer, zwiſchen ihnen
ein kleines biumenbejtreutes Grab. Ihr Kind, kaum drei Jahre alt,
ift geftorben. Sie ftehen einander cine Weile ſchweigend gegenüber;
dann reicht er ihr langſam über dem Grabhügel die Hand. „Es
war unfer gemeinfamer Schap“, ſagte er. — „Der Herr nahm ihn
von uns“, antwortete fie ſchwermüthig; „wir waren feiner wohl nicht
werth." Sie gehen ftille Heim; Flotizei ſchließt ſich in ihren Bim-
mern ein; Kai figt grübelnd am Kamin bis tief in die Nacht. Am
naͤchſten Morgen bringt m das Stubenmädchen einen Brief. „Die
gu ift nicht da“, fpricht fie unruhig; „ihr Beti fteht unberührt, dieſer
ief lag auf dem Til.“ — Er Bft
„Wir haben nichts mehr gemein. Ich verlaffe Dich; ich will
Did von dem ſchredlichen ühl befreien. Dank für das erjte
Jahr! Ach, Kai, ich war fo glüdlich an Deiner ein gebe wohl!
orizel.”
Am Nachmittage finden fie ihren Leichnam unter dem’ Erlen-
aebüfh in der Mühlenaue. Dann kommt der Abend mit feinen
.n Herbftichatten. Kai hat ji Büchſe unterſucht; das Schloß
verroftet; die Jagd ift niemals feine geibenjehaft geweſen; er war
men dazu. Das alte Piftol ift freilich brauchbar; aber er hat
ulver. Sieh da — eine Gardinenſchnur, ſtark und biegſam.
holt leiſe eine Flafche Wein im Keller. Dann fchleicht er fich
nf auf die Bodenkammer. Die Schnur wird an einem Ballen
ftigt. Jetzt trinkt er Portwein in langen Zügen. Der ftarfe,
166 Bas moderne nordifhe Drama.
feurige Trank wirft wunderbar befebend auf jeine Stimmung. Alte
Erinnerungen erwachen in ihm, lang vergeffene Bilder aus feinem
Kindheitzleben umflattern freundlich fchmeichelnd feine brennenden
Schläfen. Das Leben regt ſich fchwellend in jeiner Bruſt; es klopft
in diefem Augenblid hund — in allen Adern; cs ift, al3 bettelte
es um Gnade. Er bedenkt ſich einige Minuten lang; fein Vorſatz
beginnt zu wanfen. Dann feßt er wieder die Flaſche an den Mund.
Es ift Muth im Wein und, ach, Vergeffenheit! Die geleerte Flaſche
entfällt feinen zitternden Händen. Plötzlich fieht er wieder das ges
brochene Auge, er fühlt ihre kalte nafje Hand, und der ganze Jam-
mer feines Lebens durchſchauert eisfalt fein tappendes Bewußtjein.
Taumelnd rafft er fich empor, fteigt auf den Stuhl, legt die Schnur
um den Hals, wirft mit dem Fuß den Stuhl an die Seite — hu!
Hier erwachte ih. Es war ein Häßlicher Traum. Und ih
dankte dem Dichter in meinem Herzen, daß er fein Stüd mit dem
humanen krummen Möglichkeitszeichen ſchließt. .
Acht Tage fpäter waren wir Vier wieder beifammen. Ich er=
zählte meinen Traum. „OH“, lachte der Peſſimiſt, „mir träumte
am anders von den Beiden, freilic, im geraden Gegenjag zu meiner
Neutralitätstheorie. Aber die Normen des Traumes find nun ein-
mal fo inkonjequent. Ich war an einem warmen Sommerabend mit
! Kai und son el in einem Eifenbahnwagen zufammen. Sie kehrten
vom DOdenjeer Markt zurüd, Vater, Mutter und fünf kräftige Knaben,
Fa ber jüngfte drei bis vier Jahr alt. Kai ift korpulent geworben; ich
ſchätzte ihn auf etwa drittehalb hundert Pfund; Mutter Florizel ift
eine Heine runde Itzu mit einem vergnügten Geſicht. Heut iſt fie
umgeben von großen und Eleinen Padeten, allerlei Jahrmarkis-
geichenten für das Gefinde; auf ihrem Schoß liegt eine Puppe mit
lauen Augen und „richtigem“ Haar; die iſt für ihr ſüßes Töchter
fein daheim in der Wiege. Von Zeit zu Zeit brüdt der jüngfte
Knabe die Puppe auf den Leib, um fie zum Schreien zu bringen.
Dann ſchilt ihn die Mutter. „Stille, Chriftian! Papa kann nicht
Schlafen!“ fagt fie und verſcheucht gleichzeitig eine Fliege von ber an-
jehnlichen rothen Naſe ihres Kai. Um den hat's wahrlid, feine Noth;
er knarie wie an rel p
„Ein Trauerſpiel und eine Poſſe in dem geſegneten Fragezeichen!“
fagte der Poet. „Nun möchte ich nur wilfen, ob unjer en
feine — nicht hat ſpielen Laffen.“
„Ich habe Kai und Florizel geſehen“, antwortete dieſer ernft.
„Es war an einem Sonntag Formitteg, Sie faßen anbächtig bei
einander in einer fühnenfchen Dorfkirche. Der Geiftlihe fpr ”
gerabe das Vaterunſer auf der Kanzel. Als er zur fünften B:
am, jenkten fie ihr Haupt tiefer und beteten halblaut miteinan
- und mit dem Pfarrer:
\ di „Vergieb uns unſere Schuld, wie wir vergeben unſern Sch
igern.”
Deine, Google
Eine vorneßme Seirat.
Bon Ludwig Hafeoy. Autorifirte Ueberſetzung aus bem franzöfifgen von L. v. 8.
eute Morgen um zehn Uhr war ich im beiten Zuge
wa der Sonate Nr. 25, von Beethoven, zu be-
fleißigen, als fich die Thür öffnete. E3 war Mama!
Mama erwacht, Mama aufgeitanden um zehn Uhr!
Und nicht nur erwacht, nicht nur aufgeftanden, fon-
dern angekteibet vom Kopf bis zum Fuß, mit einem
atel um die Schultern und dem Hut auf dem Kopf.
nerte mich nicht, Mama jemals um diefe Zeit auf ge-
eye gu „ben. Sie fann Sonntags in St. Clotilde nie anders,
als inmitten der Einuhrmeffe eintreffen; und neulich abends fagte
fie noch En dem vortrefflichen Abbe Poetal: „Ihre liebe Religion,
Herr Abbe, wäre geradezu vollfommen, wenn Sie die Mejje auf
zwei Uhr verlegen möchten; man würde dann auch die Konzerte im
Konfervatorium auf eine Stunde fpäter anjegen; das würde uns im
Winter herrliche Sonntage geben.“
Bei diefem unerwarteten Erjcheinen von Mama, rief ich beftürzt:
„Du gehft aus, Mama!“
„Nein, ich komme eben nach Haufe.“
„Du komnft nach Haufe“, rief ich noch mehr beftürzt.
„Sa, ich hatte einen nothiwendigen Ausgang heute Morgen vor
— Rolle, die ich zu meiner Stiderei gebrauche — Du weiht, dies
eine Blau, was gar nicht aufzutreiben iſt —“
„Und Du haft es gefunden?“
„Nein, aber man hat mir verfprochen, e8 zu beforgen, und ich
hoffe jeht — morgen oder übermorgen fpäteftens, will man es mi”
ſchicken, wenigftens verfuchen —“
Mama verwirrte fich in ihren Neben, und nad, mühjamen, ve:
widelten Umwegen theilte fie mir befangen mit, daß wir dieſe
Abend zu den Merzerys gehen würden, man würde etwas mufizire
_ I wüßte es fchon feit drei Tagen — fie hätte nur vergeffen es m:
zu fagen.
Eine vornehme Heirat. 169
Ich regte mich nicht, ich hörte zu, ftudirte fie aufmerfjam, und
fagte zu mir: „Was bedeutet v8 alles? Diejen Ausgang bei Tages-
anbruch, diefe Auswahl von blauer Wolle, dieje mut ifche Soirée
bei den Merzerys? — Mama faſelt!“ — Und ich ließ fie fafeln,
ohne einen Ton von mir zu geben. Als fie ihre Rede beemdigt,
nahm Mama einen anfceinenden Abgang, wie auf dem Theater,
dann fam fie zurüd und fagte mit gleichgiltiger Miene: „Welch'
Kleid denkſt Du heute Abend anzuziehen?“
ute Abend, Mama? ich weiß noch nicht, das graue, oder die
blaue Robe, oder die rofa —“
„Nein, nein, nicht die rofa; ziehe das blaue Kleid an; Du ſahſt
vorgeftern bei der Tante Clariſſa ſehr gut darin aus. Und dann —
Du weißt, rofa liebt Dein Vater nicht, und da er heitte Abend zu
den Merzerys gehen wird —“
„Papa mit zu den Meerzerys??"
„Run ja, warum nicht?“
„Und man will da mufiziven??“
„Er weiß da8 — aber was ift dabei zu verwundern?“
„Nichte, Mama, durchaus nichts.“
Darauf Hin ging Mama wirklich hinaus, ohne umzufehren; ich
blieb allein; dann ohne mich einen Augenblick zu befinnen, jagte ich
mir: es handelt ſich um eine Heirat ie mich; dies alles ift nur,
um mid) jemand zu zeigen, darum ift Papa genöthigt mitzugehen.
Diefer arme Papa! fi von Mama zu einer Soirée fchleppen zu
Iaffen, wo mufizirt werden jollte; das heißt die Welt auf den Kopf
ſtel Bapa, welcher des Abends nur drei Dinge vertragen fann:
„Den Klub, die Oper im Augenblick des Ballet, und die Eleinen
Theater, die Theater, wo man lacht, wo man ſich amüfirt; die
Theater, wo wir andern nicht hingehen dürfen, und wo ich mein
Leben zubringen möchte, wenn ic) verheiratet fein werde. — Ja, es
iſt wegen einer ——— deſſen bin ich ſicher, und es muß
etwas ganz verblüffendes fein, denn Mama iſt Heute in einem Zuſtande
— einem Zuftande! — Sie hat nicht gefrühftüct, fie bleibt nicht
ei Minuten auf einer Stelle, fie hat eigenhändig an Madame
H jelle gejchrieben und fie erſucht, jelbft zu kommen, um mich zu
i Sie hat forgfäftig meine blaue Robe gemuftert, dann fieht
fie mich an und ftudirt mich mit ganz befonderer Aufmerkſamkeit.
PBlöglih Hat fie einen fürmlichen „Sergmeiflun sichrei ausgeſtoßen,
indem fie entdedte, daß an meiner reizenden erfönichteit ein kleiner
Fehler ift.
Was ga Du da!“ fchrie fie auf.
Wo, Mama?“
„An der Rafenfpige!”
Ich habe etwas an der Nafenfpige?“
Za gewiß, eine abſcheuliche Schramme!”
Ein wenig erfchredt laufe ich nad) dem Spiegel, — Es ift gar
48, ein Heiner Pfotenhieb von Bob, eine ganz kleine roſige
x Galom 1889. Heft IT, Band L 12
170 Eine vornehme Heirat.
Schramme, welche faum noch fichtbar ift. Abends wird nichts mehr
davon zu merfen fein. Died Kleine rofige Zeichen nimmt in Mamas
Augen den Umfang einer entfeglichen undung an. Nie ift meine
Nalenfpige der Gegenſtand einer jo rührenden Fürforge gewefen.
Mama nöthigt mich, den halben Tag unbeweglich auf einem Arm-
ſtuhl zuzubringen, falte Baffertompreffen, wie ein paar Brillengläfer,
auf befagte Nafenpige gepflanzt.
Arme, licbe Mama! Sie wünſcht jo glühend, mich verheiratet
zu ſehen, und das ift fo natürlich! Sie ift ſehr jchön geweien, Mama,
und abends macht fie noch immer viel Effekt; da ift es ihr natürlich
nicht erfreulich, ein großes heiratsfähiges Mädchen in der Welt immer
neben ſich zu haben. Ich bin ſelbſt ge befümmert darüber, ich
fühle, daß ich fie alt erfcheinen Iaffe, und fowie wir irgendivo zufam-
men erſcheinen müffen, fofort, hujch, Laffe ich fie los und richte mich
fo ein, daß ich ihr fo wenig wie möglich wieder in den fomme.
Wir beforgen, jede für uns, unfere einen Angelegenheiten, ohne uns
gegenfeitig zu ſtören. — Arme, liebe Mama, fie ift jo gütig! Es
giebt fo viele liebloſe Mütter, welche ihre Töchter peinigen, fie
zwingen, ſich blindlings — binnen fünf Minuten — zu verheiraten.
So ijt Mama aber nicht.
Sie weiß auch, daß ich entichloffen bin, mich nicht fo ohne
weiteres hinzugeben. Eine Heirat ift feine Kleinigkeit — wenn man
ſich täufcht, % täufcht man fich fürs Leben. Es iſt wohl der Mühe
werth, darüber nachzudenken. Ich will eine ernfte Heirat fchließen;
bei mir Handelt es fich nicht darum, gleich auf den erjten Blick fich
an irgend einen blonden oder braunen Herren zu hängen, und ber
Mutter beim Nachhaufegehen & jagen: Mama, das iſt WE , ben
ich liebe, nur den will ih, Mama! — Nein, man muf & nicht
fortwerfen und ich werde es nicht thun. Ich habe lehtes Frühjahr
Ion fünf annehmbare Bewerber abgewiejen, aber fie boten mir nicht
alle bie Vorzüge von Geburt, Vermögen und Lebensftellung, welche
ich fordern zu können meine. Im dieſer bevorftehenden Wintercam-
pagne werde ich dieſelbe fühle Vorficht beobachten. Ich bin noch
nicht grarıis Jahre alt und fann noch warten.
it heute Morgen bin ich übrigen® zufrieden mit mir, fehr
ufrieden. — Ich habe mich von Mamas Aufregung nicht anſteden
fen und Heute, wie immer, nehme ich meine gewohnten Beſchäf-
tigungen ruhig und faltblütig vor. — Den Tag, als ich achtzehn
Jahre alt wurde, habe ich auf der erſten Seite meines ſorgſam ver⸗
ſchloſſenen Tagebuchs die einfachen Worte gefchrieben: „Meine Heirat.“
— Und ſchon haben fünf vor mir im Staube gelegen. ute Aben
deſſen bin ich ficher, fommt der Sechſte an die Reihe, Iſt es endli
derjenige, welcher beftimmt ift, mein ſehr unterthäniger und gehr
famer — Herr und Gebieter zu werben? Möge er nur darauf c
faßt fein, eine ſehr ftrenge, detailirte Prüfung über ie) ergehen
laffen. Ich bin nicht wie Mama, ich verliere den Kopf nicht.
Eine vornehme Heirat. 171
Den 26. November 4 Uhr nachmittags.
Ich irrte mich nicht, es war wirklich der Sechſte! Aber gehen
wir der Ordnung nad) vor; notiren wir nad der Reihe die tleinen
und großen Erlebniffe des Abenda.
ach dem Mittagefjen eins Mama und ich hinauf, uns anzu-
Meiben; ich habe Zeit und Sorgfalt darauf verwendet, dad muß id)
qugeben. Erjt nach anderthalb Stunden ging ic} wieder hinunter.
uf meinem Wege dort fand ich alle Thüren offen, und als ich mich
geäulstoe dem Heinen Salon näherte, hörte ich Papa jagen: „Alſo
u glaubjt, daß es nothwendig ift?“
Durchaus nothwenbip jagte Mama, „denke doch nach, Deine
Anwejenheit ift unumgänglich.“ \
Die Verfuchung war zu groß, ich ftehe ftill und Horde. War
ih nicht ein wenig dazu berechtigt? Hat es je eine begreiffichere
Neugierbe gegeben?
„Warum unvermeidlich?“ fagte Papa wieder, „ich fenne diefen
jungen Mann ja fehon; ic) bin ihm oft genug im Klub begegnet,
u Dabe ſogar einen Abend Whift mit ihm gehhielt; er fpielt nicht
übel Er hat Irene zu Pferde gefehen, er hat fie entzückend gefun-
den; was gie ich mit dem allen zu thun? Das betrifft Euch nur,
Dich und Irene.“
„Mein Freund, ich verfichere Dich, daß es der Anſiand erfordert.“
„Gut — gut — ich werde mitgehen.“
Darauf Stillfehweigen, nicht wetter. Ich wartete immer, ben
Kamen & erfahren, aber fein Name. Das klopfte mir fehr
in der Bruft und da ich ein wenig feſt angezogen war — ſehr feit
foger — hörte ich es ganz beutlich tick tad, tid tad, gegen mein
ſieder machen. Ich blieb zwei ober drei Minuten regungslos; man
wollte mir noch nichts jagen, ich durfte aljo nicht den Anſchein
Haben, etwas zu wiſſen. — Etwas wuhte ich indeß und etwas jehr
wichtiges: er gehörte zum Jodeiflub. Darauf lege ich vor allem
Berth. Wenn ich dem folhe Wichtigkeit beimeffe, jo iſt es Papas
Schuld. Einer, der nicht zum Jockeillub gehört, eriftirt für ihn nicht;
ich bin in biefen Begriffen erzogen worden. Mein Mann muß zum
Sodeiklub gehören.
Wir drei fahren im Landauer ab; Papa ernft, niedergedrüdt, ſchweig⸗
fam; Mama immer in derfelben Auf ung; ich anfcheinend greiägitig,
aber innerlich beunruhigt. Warum alles jo geheimnißvoll? — Diejer
Herr hatte mich gejtern zu Pferde gefehen, es war ehrenwerth von
ihm, daf er mich entzückend gefunden, doch hat er nun etwa verlangt,
mic) bei Beleuchtung, im ausgeſchnittenen Kleide zu jehen? — Das
erſchien mir doch nicht in ber Ordnung. Dean Hätte ihn vielmehr
neiner Prüfung unterwerfen müſſen, biefen jungen Mann, ehe man
ym die Berechtigung zugejtand, daß ig ihm zu Pferde und zu Fuß
wine Perſönlichteit vorführen muß. Nun, es Hilft nichts!
Um Halb elf treffen wir bei den Merzerys ein. Ach, armer
apa, es war nur zu ſehr eine mufifafifche Soiree, und was das
12%
= 172 Eine vornehme Heirat.
Härtefte von allem, für jemand, der nichts von Muſik ver
ein Quartett — das Klaiifäfte, was man fi denken kann.
ein Heiner Kreis — etwa 25 Perfonen; eine fonderbare Soi
man die Eile und Unvorbereitetheit jehr anmerfte; ein Eleiı
Zaume gebrocjenes Zeit, welches weder Körper noch Seel
der Arzt der Merzerys, ihr Baumeifter, ihr Notar, — augen]
nur eingeladen, um den Raum zu füllen und die Kleine An
vergrößern. — Es ift aber auch verzweifelt ſchwer, im N
etwas vernünftige® zufammen zu bringen. Es find dann jo
= in Paris. Man ift genöthigt, ſich bei den Heinen Bujamme:
2 mit Leuten zu begnügen, welche man bei den großen Zeiten
E, vollen Saiſon, gar nicht zulafjen würde.
Beim Eintritt Hans wir gerade in das Andante einer
; Sonate hinein, ſodaß wir und nur ſchnell und geräufgtos i
niederlaſſen können. Ich kaure mich in einen ftillen Winkeln
da — mit einem jchnellen Umblit — prüfe ich das Schl
Hier und da einige Alte und Mittelalterige, verwelkt und fa
die find nicht für mich. Aber in ber entgegengejebten Ede
kleiner Haufen von vier ober fünf jungen Männern, alle vie:
Ohne Bebenten — da ift ber Zeind. Ja, aber welcher von
Ih ziehe den Schluß, der mir durch feine Einfachheit bew
würdig erjcheint, daß es derjenige it der mich mit ber größ
harrlichfeit anfieht. Ich fente Blid, nehme die Haltur
jehr wohlerzogenen jungen Dame an, welche fi ganz dem
Genuß einer — Sonate hingiebt. Dann erhebe ich
das Haupt und laſſe meinen Blick gerade auf das Häuflein
Herren fallen. Aber ich bin genöthigt, ihn ſchnell wieder zu
denn alle viere betrachten mich mit einer auffallenden Neugie
einem auffallenden Vergnügen. — Ich laſſe bie Sonate ein
ichreiten und erneure mein Erperiment — aber berjelbe
ieder dieſe vier Augenpaare auf mich geheftet; und
mehrere Male.
ch war, wie ich denke, dieſer Aufmerkſamkeit nicht un
Ich war hübſch, fehr hübſch; der Landaufenthalt hatte mir ir
Jahre bewundernswürdig genügt. Ich war etwas ſtärker
— nicht zu viel, um meiner grazisſen, mäbchenhaften Erſ
Abbruch zu thun; gerade wie es fein muß. Virginie, meine $
frau, fagte mir noch geftern Abend beim Ankleiden: „Ad, —
weiß gar nicht, wie Sie fich diefen Sommer zum Vortheil v
haben!" — Worin Pirginte irrte; Fräulein wußte es feh
man ift immer die Erfte, Die bergleichen weiß. .
Endlich Ende des Quartett? ... alles bewegte fich dur
2... ich halte es nicht mehr and. — Ic führe Mama etı
abſeits und jagte zu ihr: „Mama, ich flehe Dich an, zeige it
„Wie, Heine Scheinheilige, Du Haft e3 errathen?“
„Sa wohl, ih habe e& errathen, aber zeige ihm mir,
ſchnell, ehe die Muſik wieder anfängt.“
Eine vornehme Heirat. 173
„Nun wohl, diefer große brünette Herr, links, unter den Ge-
mäfde von Meifjonier. Sieh jegt nicht hin, er fieht Dich an.“
„Er ijt nicht der Einzige, fie thun alle nichts wie das, alle, alle."
„segt fieht er nicht her, er nähert fich Deinem Vater, er fpricht
mit ihm, ſchnell.“
„Er ijt nicht übel.“
„Das glaube ich wohl, daß er es nicht ift.“
„Der Mund ift ein wenig groß.“
„Kann ich nicht finden.“
„Doch, do, Mama, aber dad Ganze geht an.“
„Und wenn Du wüßteft, mein Kind, Geburt, Vermögen, Stellung
— alles, alles, was man nur wünfchen kann. Es ijt ein fo un—
erhört glüdlicher Zufall.“
„Und er nennt fich?“
„Der Graf von Martelle-Simieufe .... Sieh nicht hin, er fängt
wieder an herzufehen; ja, es ift ein"Martelle- Simieufe, und die
Martelle - Simieujes find Vettern der Landry-Simieufes und der
Martelle⸗Joeſac. Alſo fiehft Du, die Martelle- —“
Einer der Mufifer macht toc toc auf einem Eleinen Notenpult;
das fchneidet den Strom von Mamas Verebtjamfeit furz ab. Wir
jegen ums; diesmal ift es Mozart. Ich fchmiege mich wieder in
meine Ede und vertiefe mich in einen Abgrund von Betrachtungen.
Das mußte eine Partie fein, die alles überfteigt, denn Mama war
in einem Zuftande völliger Aufregung. — Sräfn Meartelle-Simieufe!
— Zwei Namen! — Es war immer mein Traum gewejen, einen
Doppelnamen zu haben. Ich würbe — — vorgezogen haben,
aber es giebt jo wenige Herzöge — wirkliche, unbeftreitbare Herzöge,
daß es ein Hirngefpinnft wäre, darauf zu doffen — 22 echte nur,
laube ich. Meinetwwegen aljo ein Graf. — Gräfin Martelle-Simieufe,
der Name hat Klang; ich wieberhofe ihn mir immerfort; ich höre
nicht Die Spur vom Mozartguartett. Iſt es wirklich Mozart, den
diefe beiden Geigen, das Cello und dieſer Baß fpielen? Diefe vier
Inſtrumente fpielen’ mir nur ein Lied, deffen fteter Refrain ift: gu
Sräfin von Martelle-Simieufe! — Der Name ift von Hoher Wic-
tigkeit. Ein Name, welcher ſich gut mit dem “Titel vereinigt umd
gut klingt — denn es ift mit dem Titel, wie mit bem Klub. Mich
verbürgerlichen, niemal® — und wäre e3 für alle Schäge von „Taufend
und einer Nacht“. Lieber hr einen italienifchen Prinzen heiraten,
welche fo üppig jenfeits ber Alpen fprießen. Da _ift man, wenn auch
1, wenig! kens Beinge fin. — Gräfin Martelle-Simieufe, — ja ganz
Ichieben, ber Name kann ſich hören Laffen.
Neues Durcheinander nad) dem Duartett. Papa bewegt ſich
Mama zu umd ich deögleichen. Kaum bir ich bei ihr, ald Mama,
ner mehr und mehr erregt, mir fagt: „Die Angelegenheit fchreitet
: einer wahrhaft betäubenden Schnelligkeit vor; cr wünſcht mir
eftellt zu werden und Papa hat bemerkt, daß feine Stimme bebte.
EN wahr, mein Lieber?“
174 Eine vornehme Heirat.
„Ja“, erwiderte Papa, „fie bebte.“
„Dein Vater wird ihn zu mir führen“, fagte Mama; „wenn er
Dir nicht gefällt, dann entferne Dich, gefällt er Dir, dann bleibe
mir zur Seite.“
„Sch will gern bleiben, Mama, aber wohlverftanden, daß Du
mir Zeit zum Ueberlegen läßt — Du haft mir verfprochen, mic
nicht zu überftürzen.“
„Du wirft immer vollfommen frei fein, zu thun, was Du willit.
Aber bedenfe wohl, es ift eine Partie außerhalb alles gewöhnlichen.
Wenn Du feine Verwandtichaft fennteft — feine Verbindungen! —
Seine Mutter ift eine Perfigny-La Roche! Hörft Du wohl, eine
Perſigny⸗La Roche!“
„3a, Mama, ich höre.“
„Und es giebt nichts, was über den Perfigny-La Roches ftände
— nichts darüber!”
„Ruhig, Mama, ruhig.“
Bapa war Bingegangen, ihn zu holen; er bringt ihn herbei und
zwifchen zwei Mufitftüden haben wir viere eine eine Unterhaltung.
Er war wirklich fichtbar befangen, er, welcher von weiten fo viel
Kühnheit Hatte, mich anzufehen, hatte nahebei nichts mehr davon.
Ich war es, welche die Unterhaltung führte, und das mit einer be-
merfenswerthen Gejchielichleit; denn zwiſchen den übli Gemein-
plägen einer Gejellfchaftsplauderei Habe ich in zehn nuten zu
erfahren gemuht, was mir zu wifjen wichtig war, bevor ich die Sache
weiter gedeihen ließ. — & Tiebt — wie ich; er langweilt ſich
auf dem Lande — wie ich; er amüjirt ſich in Trouville — wie id.
Er hat feinen Geſchmack am Scheibenfchiegen, dies Martyrium der
rauen, das Scheibenſchießen, welches uns unjere Männer und ihre
eunde ben ganzen langen Tag entzieht, um fie und abends er-
ſchöpft, abgejpannt und em verdummt, zurüd zu geben. Nie
würbe ich meinem anne dergleichen geftatten! — Dagegen vergöt-
tert er die Pferde und die Sehiagden, alles wie ih! AH, bie Hetz⸗
jagd, das ift etwas anderes, Da liegt Leben darin, da können wir
dabei fein! Und wie oft Habe ich gejagt, mein Mann muß eine
Equipage haben — nun, er hat eine, und noch dazu eine Voltry —
das Vollendetite. — Unb dann hat er einen Staatzforft, zehn Kilo-
meter von Paris, gepachtet. Man fährt des Morgens um halb neun,
von dem bequemften Bahnhofe, dem Norbbahnhofe, ab, um zehn Uhr
frühſtückt man im Fluge, und troß eines harten, langen Jagdrennens
iſt man rechtzeitig für Theater oder Ball wieder in Paris. Das ift nor“
nicht alles; er A voltänbig Herr über feine Zeit und feine Perſo
und fein Vermögen, hat weder Vater noch Mutter mehr, nichts, wı
einen jüngern Bruder, ber fein Jahr bei der Artillerie abdient, —
und eine Zante, jehr reich, ſehr alt und kinderlos. So ift er al!
ganz unabhängig und Haupt ber Familie. Martelle-Simieufe gehö
hm; es ift ein Landfig irgendivo in ber Vendée. Es verfteht ir
daß ich nicht die Abficht habe, mic) alle Jahre ſechs bis acht Mona
Eine vornehme Heirat. 175
dort zu vergraben; aber ſchließlich — eine Befigung muß man haben;
die Fender mißfällt mir nicht. Nichts Hat een befjern Anftrich,
als die Bender. — Dies alles Habe ich in dem kurzen Zeitraum von
etwa fünfzehn Minuten erfahren. Frau von Merzery, uns alle viere
in eine ernfte Unterhaltung verwidelt jehend — alle viere, ich fünnte
beffer fagen, alle drei, denn Papa ſprach fein Wort, — alfo alle
drei -— eigentlich müßte ich jagen, wir beide, denn Mama fagte auch
nicht viel — alfo Frau von Merzery (Gott werde ich diefen Satz
je zu Ende bringen?) hat die Pauſe zwifchen den beiden Quartetts
zu verlängern gewußt.
A jene Erkundigungen habe ich auf die leichtejte, natürlichite
Weiſe eingezogen, nur durch gewiffe Wendungen, die ich der Unter-
haltung gab, und ohne direfte Fragen zu thun. Mama fagte mir
andern Tags, daß ich von einer ganz erſchreckenden Ruhe und Sicher-
heit gewefen wäre. Nun ja, ich habe meine Eleinen praftifchen
lagen. Ich will durchaus mein Leben unter gewiffen Bedingungen
unantaftbarer Unabhängigkeit und ficheren gebenägenuffes geftalten,
Kein Glück — feine dauernde Liebe ohne diefe! So, zum Beifpiel,
nur feine Schwiegermutter! — Ich weiß nicht, was ich darum geben
würde, nur feine Se zu befommen. Nur feine Schrau-
bereien, feine Kämpfe; man will im eigenen Haufe doch alles für
fi Haben, mit dem Manne anzufangen. — Dies war der Grund, daß
ih im legten Frühjahr dem leinen Marquis von Marillace — einen
der Fünfe — nicht Haben wollte. Und er war doch fo nett, und jo
brollig und Iuftig" Ich Hätte ihn von Herzen lich haben fünnen —
ih fing ſchon damit an — aber da ſah ich feine Mutter und
hatte genug! — Eine fchredliche Mutter, fteif, hochmüthig, pedan-
tiſch und dabei von einer fanatijchen Frömmigkeit, welche von ihrer
Schwiegertochter verlangte, daß fie I nur in ihrer Geſellſchaft,
acht Monate des Jahres in ein Landhaus, im tiefiten Grunde ber
Bretagne vergraben follte. Diefe Abhängigkeit! Vom Augenblick
der Heirat an, wo man eben aus ber Stellung eines bevormunbeten
jungen Mädchens Heraustritt, wieder darin zurüdfallen — ich möchte
wiffen, wozu man dann heiratet??
Wo war ich eigentlich ftehen geblieben? Ich weiß nicht mehr!
AH, num hab’ ich's. Alfo in der Soirde — die Mufik fängt wieder
an; es ift das legte Stüd. Wir fegen und nad) ber Reihe Hin: ich,
Mama, Papa, dann er. Es giebt merhwürbipe Vorbedeutungen; vor
taum einer Stunde habe ich ihn zum erften Male gefehen, und jchon
hatten wir ben Eleinen Anſtrich eines SFamilienfreifee. Dan jpielte
ine Neihe Heiner Walzer von Beethoven, mit der furzen lnter-
ung einer Minute. Erſte Zus ama fragte mich leife: „Nun
gt, da Du mit ihm geſprochen haft, welchen Eindruck macht sr
Nr?“
nDenfelben, wie vorher, Mama.“
Gut aljo?“
„Nicht übel“
176 Eine vornehme Heirat.
„Dann darf Dein Vater ihn aljo zum Effen einladen?“
„D, Mama, das wäre doch zu jchnell.“
„Wir find gezwungen, — vorzugehen.“
„Warum, Mama?“
St! Man fängt wieder an.“
Da bin id num innerlich beunruhigt. Warum diefe Eile noth—
wendig? Ich finde es anſtößig; es feheint mir, daß man mich diejem
Sem an den Kopf wirft. Ich möchte es ſchnell erfahren, und dieſer
jalzer fcheint mir ewig zu dauern. Endlich, dank dem Himmel,
zweite Unterbrechung.
„Mama erkläre mir nur — -
Ich kann Dir Hier nichts erklären, es wäre zu weitläufig; ſo⸗
bald wir zu Haufe find, will ich Dir alles fagen. Aber die Ein—
ladung muß heute noch gemacht werden; es ift feine Minute zu ver-
Tieren. un willft Du? Ja oder Nein?“
„Sieht Du, Mama, wie Du mich drängft.”
Ich dränge Dich nicht, Du kannſt noch immer ablehnen.“
„Nun dann — meinetivegen.“
„Alfo Donnerstag zum Diner?“
„Meinetiwegen, Donnerstag.“
Zwiſchen dem zweiten und dritten Walzer jagt Mama haftig
zu Papa: „Lade ihn zum Diner ein.“
„Welchen Tag“, fragt Papa.
„Donnerstag.“
„But.“
Papa, — ic) Hatte ihn noch nie in der Nolle eines würdigen
Vaters gejehen, — Papa war bewundernswerth an Sanftmuth und
Ergebung. Es ift wahr, daß er erbrüdt von der Laſt der Mufit,
nick mehr recht das Bewußtſein feiner felbft zu haben ſchien. Ich
war etwas beunruhigt und Dachte, er wird fich irren und einen ganz
andern einladen. — Doc) keineswegs; er machte fgine Heine Ein-
ladungsrede durchaus richtig, und fie wurde mit Begeifterung an-
genommen.
Um Mitternacht brachen wir auf und wir waren faum aus dem
Merzergichen Hötel, als ic) jagte: „Ich ſehe, Mama, Du brennit
fermlig, mich dieſe Heirat lichen zu ſehen.“
„O, was das betrifft, ja!“
„Nun, fage mir nur endlich —“
„Laß mich erſt ein wenig zu Athem kommen, ich bin wie zer—
brochen, zu Haufe ſollſt Du alles hören.“
Und eine Stunde fpäter wußte ich alles. Es ift die feltfamf
Gefchichte von der Welt. — Geftern Morgen um acht Uhr hat mc
Mama gewedt, um ihr ein Billet — eiligit — von Frau von Me
zery zu überreichen, des Inhalts: „Ich habe die Migräne und faı
nicht ausgehen. Kommen Sie fofort zu mir. Irenens Glück hän
davon ab.“ — Mama fteht auf und eilt hin. — Doc die Foı
fegung morgen, man ruft mich zum Eifen.
Eine vornehme Heirat. 177
Den 27. Rovember.
Afo Mama fliegt zu Frau von Merzery und bort I
folgendes: Die beiden Martelle-Simieufe, der Aeltere, Adri
das ift der mir beftimmte — und ber Jüngere, Paul, der Freiwillige,
haben vor de Jahren ihre Großmutter väterlicherfeit3 verloren,
eine Vortrefflice 8 ſehr reich, etwas bizarr, welche nur noch einen
Gedanken houe. ec Sontbefegung ihres —— zu fichern.
ſchien ihr da: ber Welt zu bedeuten, wenn bie arte
Simieufes eines — daraus verſchwinden ſollten. Sie war nicht
| einfältig und ließ in ihrem Teftament eine ſehr entjchiedene Klaufel
aufnehmen: fie ſetzte eime Million aus, außerhalb ihres theilbaren
Nachlaffes, welche mit den dazu geichfagenen Binfen, ihrem Entel-
john Adrian gehören follte, wenn er biß zu feinem fünfundzwanzig-
ften Jahre verheiratet wäre. Wenn nicht, jo follte dieſe Million
unter bdenfelben Bedingungen auf ihren Enfel Paul übergehen und
wenn alle beide eigenfinnig auf der Chelofigkeit beharrten, jollte dieſe
Million mit den ftet3 dazu gejchlagenen Zinjen, alles, alles den Armen
gehören. — Nun, diefer von ber Großmama ausgeſetzte Schatz be-
trägt jetzt bi od achtungswerthe Summe von ein und einer halben
illion. — Befagter Adrian hatte num durchaus feine Neigung für
die Ehe. geibenjeaftfig, eingenommen für Jagb, Pferde, Wettrennen
und dergleichen, ein Sportömann in ber hi en Bebeutung bed
Wortes, war er vor allem auf die Erhaltung feiner Unabhängigkeit
bebadht. „Ich werbe mich nie verheiraten“, fagte er, „ich habe Hundert
und adtzigtaufend France jäpelicher Einkünfte, das genügt mir.
Damit und mit etwas Ordnung Täßt fich eben.“ — Kurz, er ſah
den 10. Januar mit volltommener Gemüthsruhe herannahen, er
wird an dem Tage fünfundzwanzig Jahre alt. — Aber er rechnete
ohne invorhergefehene Ereignifie Gegen Ende des vergangenen
Jahres hatte fich der Welt eine große Spefulationswuth bemächtigt,
eine Art finanziellen Kreuzzuges gegen die Ungläubigen. Adrian
bat fich in bie —— mit hineinziehen laſſen, weniger aus Be—
rechnung und 2 ſier, als aus einer Art Ben Großmuth.
Es handelte ſich darum, wohlgefinnte, zeelle ee chäfte aufrecht
zu erhalten. Armer Mann! Er ift in den Krach Hineingezogen und
das mit einer bedeutenden Summe: eine Million ua viermalhundert-
taufenb Francs — Es blieben ihm nur noch Hundert und zehntaufend
Francs jährficher Revenuen, und von einem Tage zum anbern ſah
er fi plögfich in befi rantier Lage. Er hat indeß gute Miene zum
Böfen Spiel gemacht, hat feinen ganzen Haushalt eingefchränft, hat
erde verfauft, Dienerfgaft entlaffen — fein Entſchluß bleibt der⸗
(be: nicht heiraten. — Aber feit einem Monat haben feine Freunde
ın abfapitelt, haben ihm moraliſche Vorlefungen gehalten, ihm er⸗
ärt, ba es unvernünftig wäre, ſich anbertalb Millionen entgehen
: faffen, wenn man fie iß leicht haben könnte. Es koſtete ihn doch
ır die Mühe fich zu verheiraten, ein hübfches Mädchen und einc
ſehnliche Mitgift zu gewinnen, fo ‚daß die Pein fi in Glück vers
178 Eine vornehme Heirat.
wandeln fünne Gr bat fi) erft gejträubt, dann erweichen laſſen
und hat dann feine Coufine, rau von Riemens, beauftragt, etwas
paffendes für ihn zu fuchen. Sie hat gefucht und gefunden — dieſe
große, bürre Hopfenftange, Katharine von Puymarin, welche unerhört
reich, aber noch mehr haͤßlich iſt. Es ift fein erſter Schrei gewejen:
Sie ift zu häßlich und figt zu fchlecht zu Pferde! — Won dem
Augenblid an, wo er ſich in eine Heirat gefunden, legte er darauf
vor allem Werth: feine Frau muß gut reiten.
Die Zeit ging hin, er wurbe fo gebrängt, fo viel genedt; er
hatte zuerſt nein aefogt, dann fagte er weder nein noch ja und hätte
wahrfcheinlich Schließlich ja gefagt, — als ber große, Kal
entjcheidende Tag de3 24. November anbrach. An diejem Tage, ftatt
wie gewöhnlich nachmittags außzureiten, follte ich e8 des Morgens
tun, und zwar mit dem vortrefflichen Herrn Coates, welcher mic,
als feine vorzüglichfte Schülerin betrachtet und welcher noch zuweilen
eine Tour im Ban mer Wäldchen mit mir unternimmt. Ich brach
um zehn Uhr im —— Wagen mit Miß Morton auf; wir
laffen dicht beim Eampion halten; vecht3 am Eingange erwartet
mich Herr Coates; der Groom hatte Tribulet hingeführt, welder
nicht ſehr bequem geht und welcher an dem Tage jehr aufgeregt war,
da er feit acht und vierzig Stunden bie Rat nicht herausgeſteckt
hatte. — Ic hatte mi in geober Eile angefleidet und Birginie
mid) nur fo im Fluge frifiren fünnen, indem fie mein Haar, in zwei
dide Strähnen gebreht, mit einem Dutzend Nadeln zu befeitigen ge-
ucht. Herr Eoates half mir, nicht ohne einige Schwierigkeiten aufs
igen, denn Tribulet war der reine Satan. Es wurde aber glei,
anders, al3 er mich auf feinem Rüden fühlte. Er bäumte ſich und
ſprang vorwärts — aber ich fite feit zu Pferde und fenne Tribulets
Streiche. Ich laffe * eine ftrenge Surechtmeifung zutheil werben,
aber inmitten dieſes Zwiegeſprächs mit ihm rollt und flutet plöglich
etwas über mein Geſicht — meine Schultern — es waren meine
dien Haarfträhnen, welche ſich aufgelöft über mich ergoffen und
meinen Hut in ben Untergang mit hineinzogen. Da faß ih nun im
bloßen Kopf, auf dem ftörri Tribulet, mein Haar allen Winden
preißgegeben. — Genau in dieſem Augenblid-erichien aus der Mün-
dung der Poteaualle Adrian, Graf von Martelle-Simieufe; er hält
wie geblendet in refpeftvolfer Entfernung an, und in einem Augen-
blick ftößt er dreimal einen Bewunderungsſchrei aus. Der erfte galt
der Reiterin: „Ah, wie ſchön figt fie zu Pferde!“ — Der zweite be
traf mein Haar: „Und welch prachtvolles Haar!“ Der britte war:
„Und wie Hübjch iſt fiel“
Indeß hatte fi Tribulet ausgetobt, beruhigt und befänftigt.
Der Groom hatte eifrig vier bis fünf im Sande verjtreute Nadeln
aufgelefen umd ich brachte, fo gut es gehen wollte, etwas Drdnung
in meine Haartracht, meinen Schleier wie einen Strid um den Ko)
widelnd, um die widerfpänftigen Haare zufammen zu halten. — End
lich reiten wir fort, Herr Coates und id), hinter und der Groom und
Eine vornehme Heirat. *179
in gleicher Entfernung hinter diefem der ältere Graf Martelle—
Simteufe, mir zu Ehren nochmals die Tour durch das Boulogner
Gehölz beginnend. Ich in meiner Unfchuld hatte feine Ahnung von
diefer glänzenden Eroberung. Es ‚war fcharfe, rauhe Luft, wir
gingen im vollen Galopp. Tribulet, durch die Kälte erregt, verfuchte
zwei⸗ oder dreimal fich zu wiberfegen, aber er merkte, mit wem er
& zu thun hatte. Herr Coates war fehr zufrieden mit mir. „Heute
Morgen“, fagte er, „reiten Sie wie ein Engel“ — Diejer Anficht
war auch mein zweiter, improvifirter Groom. Ah, wie gut reitet fie,
wie jchön ift fie zu Pferde! — Er hatte während des ganzen groß-
artigen Spazierritte nicht? anderes im Kopf. Und dann verglich
er mich mit Katharine von Puymarin. — Als die Neittour beendigt
war, Mfg ii) zu Miß Morton in den Wagen und vorwärts ging®
nad) der Straße von Varenned. Graf Martelle-Simieufe folgt ung ım
Trab und begleitet mich bis an unfer Haus. Er fieht den Thorweg
deffelben fich öffnen, und unfern Wagen in der Vorhalle verichwin-
den. Er giebt zu, daß ich ein ganz anftändiges Haus bewohne, in
einer der beiten Straßen, und daß ic; allem Anfchein nad) feine
Abenteurerin bin. — Ja, aber der Name, der Name der unerfchrodenen
Amazone! Dann fällt ihm etwas ganz einfaches ein, aber mar muß
gleichwohl darauf fommen. Er reitet nach Haufe, läßt ein Adreß-
buch holen mit den fünfzehnhundert Wohnungen der Straße. Straße
Varennes 49, halt — Baron und Baronin von Leoty. So hat er den
Namen derjenigen erfahren, welche vielleicht die treue Gefährtin feines
Lebens werden wird. Baron von Leoty, er fannte Papa vom Klub
ber; aber hatte Papa eine Tochter? Und war ic) eine Tochter von
Bapı? Er mußte dies Geheimnig ergründen. Das war nun bald
geichehen, denn denfelben Abend — o Zufall, fo find Deine Wege,
— denfelben Abend dinirte Graf Martelle-Simieufe im vertrauten
Kreije bei den Merzerys, und fo beiläufig in einer Unterhaltungs-
geufe fragte er Frau von Merzery: „Kennen Sie nicht Herrn von
Reoty?“
„D, ſehr genau.“
at ee de Tochter?“
Wie alt?“
„Ungefähr zwanzig.“
„Sehr hübſch, nik wahr?“
Da ſcheint es, brach man zu meinen Ehren in einen allgemeinen
Begeiſterungsſchrei aus. Er war der Einzige, der mich nicht kannte
— der Bedauernswerthe! Frau von Merzery forjchte nach ber Ur—
fache all’ diefer Fragen und er erzählte num feurig unfere Segegnung
am Morgen, meine Verwegenheit zu Pferde, von meinen im Winde
wehenden Haaren, dem Sonnenftrahl, der darauf ruhte und fie gol-
dig leuchten ließ; kurz, er hatte einen Kleinen Iyrifch-poetifchen Anal.
um Gritaunen aller, denn man fannte ihn von dieſer Seite nicht.
Darauf hat Frau von Merzery die allerfeltenfte, beivundernswürbdigite
TEE
180 * Eine vornehme Heirat.
Geiftesgegenwart bewiefen. Ich muß bemerken, daß fie Mama fehr
liebt, dagegen die Puymarins nicht ausftehen fann, — d. h. feit
ſechs Wochen, denn bis dahin waren fie die intimften Freunde.
Aber fie hat für ihre Abneigung den allertriftigiten Grund. Im
biejem Jahre haben in Grandchamp bei den Puhmarins drei Gefell-
ſchaftsferien jtattgefunden. Cine mit den Prinzen von Orleans, die
zweite mit dem Großfürften Wladimir, die dritte mit den Leuten
ohne Bedeutung, dem fogenannten Ausjchuß. Nun hat die Herzogin
bie Merzerys mit dem Ausihuß zufammen eingeladen. Doch 5
geboren, wie fie find und reich, wie fie find, find die Dienengs nicht
die Leute, die man mit bem Kusjcub zufammen bittet. Won daher
ihr heftiger Groll. — Und nun alfo der Genieftreih von Frau_von
Merzery. Stehenden Fußes — die Gelegenheit beim Schopf erfajlend,
ohne ſich eine Minute zu befinnen, erwähnt fie vor ihrem ganz ver-
blüfften Mann, daß den nächiten Abend einige befreundete Familien
bei ihr fein würden, darunter die Damen von Leoty und dab Graf
Martelle-Simieufe jehr willtommen fein würde, wenn er ein wenig
Muſik nicht fcheute und wenn e3 ihm erwünjcht wäre, feine Heldin
aus dem Boulogner Wäldchen wieberzufehen.
Herr von Merzery war fafjungslos.
„Aber meine Liebe“, fagte er, „irrft Du Dich auch nicht? Mor—
jen Abend gehen wir ja doch ind Theater, um das neue Stüd von
Sktav Zeuillet zu fehen.“
„Rein, mein Freund, das ift übermorgen.”
„Erlaube, es fcheint mir doch — ich habe ja felbft die Loge
genommen —“
„Und ich verfichere Dich, daß es erft übermorgen ift.“
Er verhielt ſich ſtill und erhielt erft nach dem Diner die Aufs
Löfung des Räthſels. Frau von Merzery blieb nicht dabei ftehen;
fie bemächtigte fich des Grafen Simieuſe und unterhielt ihn mit der
größten Beredtfamkeit, mit einer Lobrede auf meine Vortrefflichkeit.
— „Irene von Leoty, das wäre eine ſolche Frau für Sie! Diefe
Begegnung heute Morgen, das ift ein Schidfalswint.“
erwiderte nur als Refrain: „O, wie gut reitet fie!“
Seftern, nachdem fie Mama gejehen, hat ſich Frau von Merzery,
trog ihrer Migräne, muthig in Trab gejegt, hat die Gäfte zufammen
geworben, hat die Mufifer aufgetrieben, hat Programme druden
affen — denn fie waren gedrudt — hat die Erfriſchungen beftellt!
Diefe Thätigkeit! — Von welden Kleinigkeiten hängt doch das
Schickſal ab! — Wenn Virginie mein ſtarkes Haar aufgeftedt hättı
wenn Tribulet beim Reiten gehorfamer und janfter geweſen wär
wenn die Puymarins die Merzerys nicht mit dem Ausſchuß zufar
men gebeten hätten, würde er morgen nicht bei ung efjen, und ir
würbe mir nicht die Frage vorlegen: werbe ich oder werde ich nid
Gräfin von Martelle-Simieufe fein? — Arme Puymarins, Die gan,
expreß nad) Paris gefommen waren, um ihr Weltwunder zur Schu
oo
Eine vornehme Heirat. 181
zu ſtellen. Arme Katharina, ſoll ich ihn ihr überlaſſen, ihren kleinen
guten Grafen, oder ſoll ich ihn für mich behalten? Ich weiß noch
nicht; aber er Hat nicht zu ſchlecht angefangen, dieſer Sechſte.
Den 29. November morgens.
Was find das feit drei Tagen für Berathungen wegen des
geltigen Diners gewejen! Sollte es ein großes Diner, oder ein
eines werben, ceremoniell oder intim; wo follte er figen, mir gegen-
über, ober neben mir? Mama war für gegenüber, fie behauptet,
daß ich en fage fehr viel hübfcher bin, wie im Profil, befonders im
ausgefchnittenen Kleide, und ein folches follte ich anziehen. Aber ich
ſelbſt war für nebeneinander figen; ich fühlte mich durchaus nicht
befangen, nice Khüchtern; ich wollte ihn im Gegentheil zum Sprechen
bringen und beichten lafjen. Immer meine fige Idee, mich nicht leicht
fertig zu verheiraten. Er wurde alfo an meine rechte Seite gefeßt.
Um nit Ri ſehr zu ungern und mich meiner Aufgabe ganz hin-
geben zu könmen, hatte ih um fünf Uhr ſtark gevefpert. Ich leitete
die Unterhaltung auf alle die Gebiete, welche zu erforjchen es mir
hauptfächlich darauf anfam; man blieb anderthalb Stunden bei Tiſche
und zu Ende diefer Zeit hatte ich die Ueberzeugung gewonnen, daß
wir einer für den anl geihaffen wären. Wir haben zuerft von
Suuipagen und ‚Jagben geipt ven, dad war ein vollfommener Anfang.
Ich habe fofort entdedt, daß er denfelben Pferdetypus im Auge
hat, wie ich; nicht zu ſchlank, nicht zu feurig, leicht ohne Zweifel,
aber nicht mager — leicht mit etwas Fülle Gleiche vollfommene
Uebereinjtimmung in allem, was die Anfpannung betrifft. Er hat
einen Abſcheu vor diefer ‚analpurigen englifchen Anfpannung, welche
die Pferde lang fchlänfern läßt, er liebt die kurze Anfpannung mit
ftrammen Ketten und Gebiffen. Er war, glaube ich, etwas erjtaunt,
mich fo fachverftändig in dergleichen Angelegenheiten zu finden —
überrafcht, aber gleichzeitig entzüdt! Er war zu Anfang des Diners
ſichtbar befangen und verwirrt, aber unfere Unterhaltung führte ihn
leicht drüber fort; ich habe es ihm gleich behaglich gemacht — wir
fprachen diejelbe Sprache und waren gejchaffen, uns zu verftehen.
Er jagt das Wildſchwein mit einer fehr ſchönen reinen Meute
von achtzig em, — Forxhunden; er Hat mir die genaueſte Schil⸗
derung feines Gag Koftüms gemaßit: Stanzöfifcher Rod, von
Sarbe des Herbitlaubes (feuille morte), Aufſchläge und Tafchen von
bumfelblauem Sammet, mit Jägertreffen. Es wird für ung Frauen
izend werden, unjere Toiletten mit biefem Jagdkoſtüm von toth-
auner Herbftlaubfarbe in Einklang zu bringen; — ic) plane ſchon
nen gewiffen Heinen Reithut! — er wird entzüdend werben! —
‚ wenn meine gute Cäcilie, meine bejte Freundin, doch auch einen
'ann fände, ber nicht weit von Paris einen Hirſchpark hätte! Sie
me zu und, um das Wildſchwein zu hetzen, wir gingen zu ihr,
ı den Hirſch zu jagen — könnte e8 unter der Sonne zwei glüd-
"re Frauen geben, wie und beide! — Aber da rege ich von
182 Eine vornehme Heirat.
Bedeu und Wettrennen und für Veredelung der Hunderaſſen
Alles
Dama hat in diefer Hinficht eine graufame Prüfung erfahren, und
ich möchte nicht ähnlichen Seimfucungen —E werden. Sie
Familie vom reinſten Vlute ftammt, wie Mama aud. Alles ging
ut. Doch ba geichah es, dab Papa fi dem Kaiferreich anfchloß-
icht aus Gefinnung, fondern aus Gutherzigleit. Armer. Tieber
yenfchaft für das Naiferreich, denn es giebt im ber
Eine vornehme Heirat. 188
viele Thüren waren ſeitdem für Papa und Mama verſchloſſen. Papa,
dem war das ſehr egal; es machte ihm ſogar Spaß; ihm tft die Ge-
ſellſchaft ein Gräuel und er hatte feinen Klub. Uber Mama — bie
vornehme Welt ift ihr eine Lebensbedingung und fie hatte feinen
Jodeitlub. — Faſt alle diefe vornehmen, ihnen verfchloffenen Häufer,
haben fich feit dem Sturz des rg ihnen wieder geöffnet,
weil viel dadurch vergeſſen ift. Faſt alle — aber nicht ade, und
diefe follen und werden ſich weit, weit aufthun, vor mir, der Gräfin
Martelle-Simieufe! — Ueberall werbe ich willfommen fein und
freundlich empfangen werden. Die politifche Führung der Martelle-
Simienfes ift feit dem Anfange diefes Jahrhunderts durchaus tabel-
103 gewefen. Nein Straucheln, feine Schwäche, fie Haben fich nicht
unter ben beiden Staiferreichen gebsugt. — Die Martelle-Simieufes
batiren, ohne Mebertreibung und Trug, aus bem vierzehnten Jahr⸗
Hundert her. Adrians Mutter — gut, nun nenne ich ihn ſchon
Adrian — es ift ein wenig fchnell! — Aljo feine Mutter war eine
Berfign La Roche — und was feinen Vater betrifft — Adrian hat
über en Genealogie eine Eleine Broſchüre verfaßt und veröffent-
Licht, in Hundert Eremplaren abgezogen, mit einem Titelbilde, worauf
fein fchön gemaltes Wappen. Cr bat dieſe Broſchüre unter feine
Henke vertheift; Frau von Merzery hat aud eine erhalten und
ie hat fie mir geliehen. Ich Habe fie gelefen und wieder gelejen
und weiß fie auswendig. Sie ftellt durch eine unwiderlegliche Dar-
ftellung feit, daß Adrian der - drittgrößte franzöfiiche Graf ift —
micht der vierte! — Nun wohl, wenn man natürlich auch noch fo
fehr den Adel der Gefinnung und einen vor; alien Charakter allem
andern voranftellt, muß man doch auch auf dieje Dinge Werth legen.
Sie Haben eine große Bedeutung für die ganze Lebensgeftaltung;
befonbers in diefem Augenblid, inmitten diefer Weberflutung von ge-
fälfchten Adelsdiplomen, in dieſer Ueberſchwemmung von Nanifeen
Herzögen und italienischen Prinzen, welche, wenn man nicht von
unantaftbarem Setenmen iſt, in unferm eignen Haufe den Vortritt
beanspruchen. Ich fünnte den Gedanken nicht ertragen, bei einem
geb Diner erbärmlich am Ende der Tafel mit den Geldprogen,
Künftlern und Gelehrten zufammengeworfen zu werben.
Eine Sache gab mir noch zu denken; es ift nichts geringfügig,
wenn es jih darum handelt, gewiſſe fomfortable Einrichtungen fürs
Leben zu treffen, fich gegen alle verdrießliche Zufälligkeiten zu ſchützen.
Mama hat für jeden Montag eine Loge in der Oper. it langer
Zeit ift es mit Mama vereinbart gewefen, daß id), wenn ich mid,
verheirate, bie Häffte ber Loge zur Benugung erhalte. Mama geht
dann alle vierzehn Tage hin und ich auch. Das ift gut und genügt
mir. — Aber nun ift der Dienjtag im Theater Frangaid. Mama, Gott .
veif ed — wie fie ſich auch geberbet bat — hat niemals diefe un-
‚Lücliche Dienftagstoge Loseifen können. Man hat ihr eine für den
Donnerstag angeboten, aber fie hat es abgelehnt; ein Donnerstag
ft nur ein verfäffchter Dienftag; es ift daſſelbe Schaufpiel, aber nicht
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Eine vornehme Heirat.
daffelbe Publitum. Nun alfo, wenn ich ihn heiratete, würde ich
nom Dezember bis Juni, jeden Dienftag eine der erften Logen, der
Bühne gegenüber, zu meiner Verfügung haben. Das hängt fo zu—
fammen: er bat eine Tante, eine foftbare Tante, fehr reich, a
Kinder (e erbt noch von ihr), huchbetagt und ſehr aſthmatiſch,
welcher bejagte Loge gehört, und fie ijt ganz geneigt, fie ihm abzu-
treten, da fie feit Drei Jahren das Theater nicht mehr befucht. Kann
man BI) etwas entzüdenderes denken, wie ſolche Tante?
a8 alles habe ich ihn, zwifchen der Suppe und der Eisfpeife,
mir mittheilen laſſen, und als Mama nach dem Diner auf mid) los—
ftürzte und fragte: „Nun, wie iſt's?“ habe ich ihr geantwortet: „Ich
glaube, Mama, daß ich fehwerlich etwas befferes finden fünnte.“
„Dann ift es alfo abgemadht?“
„D, ich weiß nicht, zum heiraten gehören zwei, Mama.“
Ihr fjeid zwei, ſei ruhig; ich habe ihn während bes ganzen
Diners beobachtet, wie er Dich immer anjah; ihm ift vollftändig
Kopf verdreht.“
Das war freilich meine Meinung auch. Während Mama zu
mir Hingeftürzt war, hatte er fi) an Frau von Merzery gehangen, .
welche natürlich dem Diner beiwohnte. „Nur mid) liebe er, nur mich
vergöttere er, nur mich wolle er, und feine andere.“ Und er flehte
Frau von Merzery an, fofort bei Mama um mich anzuhalten. Sie
hat ihn zu beruhigen gewußt und ihm auseinander gejeßt, daß bie
Sache nicht jo überftürzt werden fünne. Mama, glaube ich, Hätte
am liebiten noch denfelben Abend alles zum Abſchluß gebracht; fie
Hatte eine entfegliche Angft vor den Puymarinjchen Plänen. Ich
theilte dieſe keineswegs. Sa war mir des auf ihn ausgeübten Ein-
druds vollauf bewußt und fühlte mid, Herrin der Situation. Ich
habe aljo Mama an ihr Verjprechen erinnert, mir Zeit zur reiflichen
Meberlegung zu allen, Ich hatte ihn erft zweimal gejehen, abends
im Frack und weißer Binde, ic) wollte ihn durchaus noch zweimal
im vollen Tageslicht und im Ueberrod jehen. wußte, wie es
bei meiner Coufine Mathilde zugegangen war; fie hatte ihren Mann
auch jmeimat bei Tage gejehen, einmal im Loupre-Mujeum und
einmal in der Ritſchute Dieſe iſt augenblidcklich geſchloſſen; erſetzen
wir fie alſo durch Die Clouey-Ausſtellung. Aber meine zwei Tages-
befichtigungen muß id, haben. Frau von Merzery bat aljo für
heute eine vom Zaune gebrochene Zuſammenkunft im Louvre arran-
girt, — Punkt drei Uhr vor ber Murillofchen Madonna.
Denfelben Tag um fünf Uhr.
Eben fommen wir nad) Haufe. Wir find eine Stunde lang in
ben Galerien umbergegangen, ohne die Bilder viel anzujehen. Er
ift übrigens — glaube ich — von einer wahrhaft erjchredenden Un-
wiffenheit Hinfichtlich ber Malerei; aber ich Habe ja aud) nie die
Abficht gehabt, einen Kunftkritifer zu heiraten. — Er ift, auch bei
Tage, von angenehmer Erjdeinung, kleidet ſich gut, fpricht gut, ift
woman:
Unentfchieden.
h
Eine vornehme Heirat. 185
haft von Benchmen und fagt nie eine Dumm—
: ic) zufrieden. Sobald wir in der Nivoli-
n waren, hatte ich einem neuen Anprall von
: „Er ift koſtbar, ich denfe, daß Du nicht länger
e darauf, Clouny kann geftrichen werden.“
Du bijt alfo entjchloffen?" —
1a, man verheiratet ſich nicht fo ohne weiteres,
ind Stellungsrüdjichten.“
Du noch mehr?“
Pferde jehen; er hat mich zu Pferde geſehen,
Merzery, deren Aufopferung unermüdlich iſt,
» zu verjtehen geben, morgen früh zehn Uhr,
ienallee herumzuſtreifen; fie wird ihm in zarter
r begründete Ausficht hat, und — Papa und
ten. Denn Papa — nein, das muß ich jagen,
Ich meine, er ift ausgezeichnet in ber Rolle
zochter zu verheiraten hat. Seit vier Jahren
ferde geftigen; morgen will er, auf die Gefahr
ı zerichlagen, der bejondern Verhältnifje wegen,
Den 30. November.
die Tour durchs Boulogner Gehölz gemacht,
fr reitet vollfommen gut; er ritt eine bewun⸗
ichsſtute. Sch werde fie für mich nehmen, und
:ben, den ic) zu genau fenne, und deſſen ich
— Burüdgefchrt, bin id) Mama um den Hals
gefallen: „Sa, rief ich, jegt fage ich ja, hundertmal ja! — Und ich
habe ihr mit Thränen in den Augen gedankt, daß fie fo nachfichtig
gegen mich war, fo gütig und geduldig, Yab fie mich nicht gequält und
mir alle Zeit zur Ueberfegung gelafien.
Den 4. Dezember.
Heute um drei Uhr foll die alte Tante, die mit der Dienftag-
loge, fommen und den formellen Antrag machen, und noch vor dem
10. Januar — es muß durchaus wegen des von der Großmama
muagelegten Kapitals jein — werde ich Gräfin von Martelle-Simieuje
werden. Adrian wird anderthalb Millionen Francs erhalten und
mid) mit einer Million als ergänzende Zugabe. Das wird, benfe
ih, fehr angenehm erworbene Geld fein. Ich finde ihn nicht gerade
zu bedauern, dieſen Herrn.
Den 11. Dezember.
Die Heirat ift auf ben 6. Januar feftgejegt. Es ift ab-
gfümadt, ſich zu folhem Zeitpunkt zu verheitaten, ald ob es ein
eujahrsgeſẽ ent wäre. Aber der atz — ber Schap der Groß-
mama! — Und übrigens, wenn id) es recht überlege, mißfällt mir
diefer Zeitpunkt durchaus nicht. Wir werden cine Kleine, ganz kurze
Der Salen 1889. Heft IL Band L 13
186 Eine vornehme Heirat.
Hochzeitsreiſe machen, — eine kleine Sprigtour nach Nizza, auf acht,
höcjitens zehn Tage. Darauf Paris, und Paris in feinem vollen
Glanze, mit all’ feinen Heinen wieder eröffneten Theatern, die ge-
liebten Heinen Theater von Papa. — Dieſe unglüdliche Louiſe von
Maubriaut hat fich legte Frühjahr, Ende Mai verheiratet, hat eine
ſechswöchentliche Hochzeitsreife gemacht, und ift erſt nach Paris zu-
rückgelehrt, als es heiß, unheimlich und ganz verödet war. Und das
Varietetheater gejchlofjen! — Sie hat erjt vorige Woche Judith hören
fönnen — fieben Monate nad) ihrer Verheiratung!!
Wir werden vollfommen glüdlic fein, ich zweifle keinen Augen-
blick daran. Er vergöttert mih! Und ich — ob ich ihn Liebe? —
Man muß ehrlich gegen fich felbft fein; ich würde lügen, wenn ich
mit romanhaften Redensarten verfichern wollte, daß ich fterblich ver-
liebt bin, daß ich nicht Iebe, wenn er nicht da ift, daß ich beim Ge—
räuſch feiner nahenden Schritte zittere, daß ich erbebe beim Ton
feiner Stimme und mid) erſt belebt fühle, wenn er erſcheint. — Nein,
nein, fo leicht bin ich nicht zu entflammen. Man darf von meinem
zen nicht verlangen, daß es fich fo ſchnell ergiebt. Aber ich habe
hon ſehr viel Freundicaft, fehr viel Zuneigung für ihn, und die
Liebe wird kommen, deffen bin ich ficher.
Die Liebe ift ſolche Erſparniß in der Ehe. Ich bringe ihm
eine Million zu und wir werden unfern Haushalt mit ungefähr
230,000 Francs Revenuen anfangen. Das jcheint enorm, aber ift
es nicht. Man muß jährlich 80,000 Francs zur Erhaltung von
Simieufe, unferem Schloß in der Vendee, und für die Jagd abrechnen.
Bleiben uns alſo zum Lebensunterhalt 150,000 Francz jährlich, —
eine vollfommen ausreichende Summe, wenn wir uns lieben, und
wir gemeinſchaftlich durchs Leben gehen, wie zwei gute Kameraden,
die gleichen Schritt halten. Wenn wir aber, im Oegentheil, nad
einiger Zeit jeder unſern Weg gehen, wie das bie Geſchichte der
Meitten hen in unjern Kreifen # haben wir nur jeber bie Hälfte,
alfo 70,000 Francs zu verzehren, und das würde eine beſchränkte
Lage werben. Nehmen wir an, daß das Theater — außer Oper
und Schaufpiel — jährlih 2000—3000 Franc Eoftet, wenn Mann
und Frau immer zujammen gehen, um alle neuen Stüde zu fehen;
für jeden einzeln a es gleich da8 Doppelte des Budjets.
So zum Beifpiel Karoline mit ihrem Manne! Sie haben nur
100,000 Francs jährliche Einfünfte und fie leben doch jehr groß-
artig, ohne genau rechnen zu müffen. Und warum? — Weil fie
ſich lieben. Sie bewohnen ein Feines Hötel, ganz beicheiden, welches
nur wenig Dienerfchaft erfordert; fie verkehren wenig mit der We”
und je mehr fie allein und einer auf den andern angewiejen fin
deſto zufriebener find fie; und Karoline ift volltommen glüdlich, o
ſchon faum 10,000 Francs für ihre Toilette verwendet. — €
gegen Charlotte, das arme Mädchen, fie hat fich der Heirat ni
erwehren können. Ihre Mutter war es, die der Titel verblent
hatte. Ihre Tochter Herzogin! Das ift freilich etwas, aber niı
I BE
Eine vornehme Heirat. 187
alles. Nun, ihre Che mit Gretram hat eine jalht: Wendung ges
nommen, ſchon von den erjten Wochen an, und fie find num in der
bebrängteften Lage, trog ihren 250,000 Branzs jährlier Einkünfte.
Sie giebt ein tolles Geld aus, für Tauter uguriöfen Plumder und mi
nirende Thorheiten; e3 ift ja auch viel ee Fe Welt gefallen
‚u wollen, als einer einzigen Perſon. en. ſich dem
— ergeben und ſchon das halbe Weniger durchgeẽ
Karoline ſagte mir neulich, ſobald Du Dich ver! — ſuche
Deinen Mann zu lieben; das iſt in unſerer Lebensſtellung eine Er⸗
, fparniß von 100,000 Franc jährlih; und wenn man fid) nicht aus
. natürlicher Neigung liebt, follte man ſich auß Berechnung lieben! —
Ja, ich werde ihn lieben lernen — id Merbe ihn gewiß lieben! —
Heute ift übrigens erft der 11. Dez Bis zum 6. Januar habe
ich alfo noch volle Tehsundzmanzie Tage vor mie!
13*
—“ “
ann
tmeerurekeven
En
Sagerleben in den Prärien. 189
das er halb fünf Uhr früh verzehrte, und ohne feit zwei Uhr nadj-
mittags etwas zu trinfen gehabt zu Haben, während jegt ſchon Die
Nacht Herabfinkt. Trogdem fällt es ihm nicht etwa ein, ſich zu bes
tagen — die Landezfitte bringt es & nicht ander3 mit fi und ganz
ebenſo ift e3 ihm jeden Tag ber un zwei Monate ergangen, fo
daß er. es gewöhnt ift — oder dh jein mußte. Nein, ihm wirbeln
janz andere Gedanken durch den Kopf, und da das einjame Leben
kei den Leuten die merkwürdige Gewohnheit, mit ſich jelbft zu fprechen,
ausbildet, fo fünnen wir die Urfache jeiner Mißſtimmung aus den
folgenden Worten abnehmen:
„Gottlob, ich dente, heute muß meine Schäferhütte fertig werben,
ift das ber Fall, jo werd’ ich morgen hinaus ins Feld eich. Da
giebt? feine PBladereien mehr, wenn man abends müde heim kommt,
olzſchneiden, Wafjerholen und Wafchen und Söeuern, bis einem
eu; faft Brit und es halb zehn Uhr vorüber ift, ehe man
ins Lager Triechen fann. Und dann, wenn bie Schafe am nächiten
Morgen nicht mit Sonnenaufgang, d. 5. halb fünf Uhr wieder draußen
find, dann brennt auch an allen Eden. j
„Ins Lager — ol Da Hab ich zuerjt feine Duälereien, Waffer
befindet fich Dicht neben der Hütte, Holz Tiegt überall herum und
braucht nur eingefammelt zu werben, und bann giebt'3 feine Seele,
für die ich noch etwas zu fchaffen hätte. Wird das nicht herrlich
fein? a, meinen Kopf möchte ich darum verwetten”
Mit biefen tröftfichen Betrachtungen und der Hoffnung auf zu-
tünftiges Wohlergehen pfeift unfer Hirt einmal laut feinen Schalen
und geht mit leichterem Herzen, al3 viele Tage vorher, heim zum
Ahenbbrod und den ımaußbleiblichen Pladereien, die feiner noch
Da obiges nur eine Skizze bes jo ſehnſüchtig erwünfchten Lager-
lebens darftellt, wollen wir über die Vorl ommnilte der nächften vier-
undzwanzig Stunden ſchweigend Hinweggehen und melden nur, daß
der Wunſch unferes jungen Freundes erfüllt wurde. So fchließen
wir uns ihm erjt wieder am nächſten Tage an, während er die
Schafe wiederum, dieſes Mal aber nach dem „Lager“ zurüdführt.
Bevor wir indeß feine Ertebniffe dafelbft berichten, wird es dem
Leſer eine beſſere Vorſtellung von dieſem Leben erweden, wenn wir
fozufagen das Zubehör deffelben ſchildern.
unächit befindet ſich das Lager völlig abgefondert von ber
andern Menjchheit. Viele Meilen weit in Often Tiegt die Farm,
zu der die Heerde gehört, wieberum die einzige Semante Stelle in
weiten, weitem reife. Nach Norden, Süden und Weften dehnen
ich die wellenförmigen Prärien aus, nur unterbrochen durd die
eſas, das find Torellandfehaften, deren felfige Abhänge den Wol⸗
fen, Bären und Pumas Schlupfwinfel bieten, denn eptere trifft
Dan noch ziemlich häufig in dem wilderen Gebieten fernen
ſtens.
Das Lager ſelbſt beſteht aus einem ſogenannten Dug-out,, das
1% Kagerleben in den Prärien.
iſt aus einer Heinen Hütte, welche aus groben, in den Zwiſchenſpalten
verftrichenen Scheiten zum Theil auf der Erbe erbaut, zum Theil aber aus
einem feinen Hügel „gefönitten” iſt (daher obiger Name), einem Hügel
von gewöhnlich fünfzig bis hundert Zuß Höhe, von denen bie Anftebler
glauben, daß er in früheren Zeiten von Indianern oder Mexilanern aufge-
worfen worden fei, um weithin das Vorhanbenfein von Waſſer anzu=
zeigen. Diefer Dug-out mißt ſechs Fuß im Geviert und hat ein flaches,
mit Erbe bedecktes Dach, die in der Witte hoch aufgehäuft, während fie
nad der Ede zu eine immer dünner werdende Schicht bildet, um das
Waſſer abfließen zu laſſen. An einer Ede des Dachs iſt ein Loch
auagefbart, durch welches ein altes Ofenrohr geſteckt ift, das aus
FA lichkeit Schornitein genannt wird. Unterhalb deſſelben befindet
ich eine offene SFeuerjtelle, bei der von einem Rofte und dergleichen
feine Rebe ift, jo daß der Bug mur durch funftgerechte Anordnung
des Feuermaterials zu erhalten ift.
Die Auzftattung des Hauſes befteht aus einem dreibeinigen Stuhl,
eigentlich weiter nichts als einem niedrigen Schemel zum Melten,
und aus zwei Deden. Die eine davon iſt breit, groß und did und
dient ala Betttelle, Matrage und Bett; die andere ift weit dünner
und vertritt Die Stelle des Dedbettes. Das Kopftiffen beſteht aus
der Jade und Weite des Schäfers, wozu wohl noch, wenn die Nacht
warm und die Schafe ruhig find, deffen Hofen kommen. Unter
dieſem Kiffen lugt ein tüchtiger Revolver hervor, der ftete Begleiter,
Tröfter und Freund des Hirten, der Tag und Nacht nie weit von
feiner Hand wegfommt. In welch’ traurigen Umftänden lebte der
Weſtermann“ ohne feine ſechsſchüſſige Waffe! Bei feinem einfamen
Leben mag man ihm alles rauben, nöthigenfalls auch fein Pferd ent-
führen, den Revolver aber muß er behalten.
Zunächſt folgen nun bie Geräthe, neun Stüd an Zahl. 1. Ein
Kleiner, runder Tiſch, etwa achtzehn Zoll im Durchmeljer, der zu
verjchiedenen Zeiten zum Wafchen der Kleidungsſtücke, wie des Gefichts,
. der Hände und alles Uebrigen dient, ebenjo wie darauf Teich gefnetet
und das Brod bereitet wird. 2. Ein dreifüßiger Eifentopf, der —
ebenfo aus Höflichkeit wie der Schornftein — hier ber Backofen ge
nannt ift, und in dem Brod gebaden, aud Kaffee geröftet und jede
Speife gekocht wird. 3. Ein Binnlöffel mit langem Stiel. 4. Eine
Bratpfanne. 5. Ein Kaffeetopf. 6. Eine Zinnſchüſſel. 7. Eine
ebenfolde Taſſe. 8. Eine Gabel, welche nicht ganz wie ber Löffel,
die abſcheuliche Gewohnheit hat, zu verſchwinden, wenn fie am nöthig⸗
ften gebraucht wird, neben 9. dem zu allen Zweden bienenden unen‘
behrlipen Fleiſchmeſſer, welches unſere Lifte vervollftändigt.
m Vorräthen finden ſich folgende: eine gejalzene, aber nid
etwa gepödelte Spedfeite; ein Sad mit Mehl, dito mit grüner
Kaffee; ein großer Beutel mit mezifanifchen Bohnen, eine Bled
büchſe mit Soda, welche die Stelle der Hefe vertritt; ein Faß m
Schaffleifh in Salzwaffer, um die Monotonie des Sped3 einm
. zu unterbrechen, und einige Zwiebeln.
£agerleben in den Prärien. 191
Das, licher Lejer, find die Verhältniffe, unter denen das von
jungen Leuten jo oft erjehnte romantijche „Lagerleben“ fich abfpielt.
Schen wir nun einmal zu, welche Freuden — oder Leiden — unfern
unternefmenden Freund erwarten, Freuden, welche weder das ge-
orbnete Leben der Heimat — die übrigens aud) jegt nur mit beben-
der Stimme, wie etwas ganz beſonders geheiligtes, erwähnt wird,
noch das ſehr urwüchjige aber doch gewifjermaßen gefellichaftliche
Treiben auf dem Homerande, (das ijt ein Haus, welches als Wohn-
jtätte für die Kuh- und fhirten in den weſtlichen Territorien
dient beten fann. en
im Lager angelangt, ſchickt ſich unfer Hirt, den wir Jad (Jakob)
Alldag nennen wollen, an, fein Abendeffen zu bereiten und zu ver-
zehren; doc) dieſem fehlt ein gewiſſer Gejchmad, den das legte vor
vierundzwanzig Stunden entjcieben beſeſſen hatte. Das ift eine mert-
würdige Erſcheinung, denn die Speifen find die nämlichen und der
Hunger ift derfelbe — jener Mangel bleibt aber doch beftehen. Da
jewährt es ihm eine, wenn auch nur fehr ſchwache Befriedigung,
Teller, Taffe u. j. w. aufzumwafchen mit Wafjer, das er aus dem
Heinen Teiche dicht neben feiner Hütte geholt und im „Badofen“
erhigt Hat. Nachher jetzt er fi vor die Thür und ſchmaucht behag-
fich feine Pfeife und freut fich des Friedens und der Ruhe feiner
vereinjamten Lopnftätte Nach und nad) verändert fich aber merk-
fie biele Empfindung. Das Schweigen wird etwas bedrüdend, und
ſich ſelbſt gewaltfam aufrüttelnd, erhebt fid) Jakob und jchlendert
ruhig auf die Schafe zu, welche in der Entfernung von einigen hundert
Schritten weiben. Er treibt und Ienft dieſelben nach der Seite des
Hügels zu, in welchem fein „Haus“ eingebaut ift; dann, nachdem
er ſich Dur einen Rundgang überzeugt, daß jenen feine Gefahr
droht, begiebt er fich wieder nach der Hütte Die Schafe trotten
noch ein Weilchen ruhelos umher, dann legen fie ſich eins nad, dem
andern nieber, ebenfo die Lämmer, welche nad} ihren Müttern blöfen,
und endlich, herrſcht — aögefehen von einem gelegentlichen, kaum
hörbaren Laut aus der Heerde, ein Todesſchweigen rings auf der
umgebenden Natur.
Jetzt, wo die Schafe ſich zum Ausruhen gelegt, macht auch Jad
fein Bett zurecht und denkt natürlich, daß er bald in Schlaf verfallen
wird, wie das von jeher feine Gewohnheit war. Der erwartete
Schlummer will jedoch nicht kommen. Das unbehagliche, bedrüdende,
faft elende Gefühl, dag ſich feiner feit dem Eintreffen Hier bemächtigt
hat, nimmt noch mehr zu und wird ihm ganz unerträglich.
Plöglich fpringt fein Schäferhund „Skip“, der an der Thür der
itte liegt, auf und eilt laut anfchlagend in die dunffe Nacht hinaus.
Idag ergreift den Revolver, tritt vor die Hütte und laufcht ge-
ınnt. 8 Bellen des Hundes wird fchwächer und ſchwächer,
ip verjagt offenbar einen Eindringling, wahrſcheinlich einen Coyote.
Einen Wolf! Sonderbar, daß das Wort ihm das Herz erbeben
cht und fein Finger ſich mechaniſch an den Drüder ber Waffe
186 Eine vornehme Heirat.
Hochzeitsreiſe machen, — eine fleine Sprigtonr nach Nizza, auf acht,
höchſiens zehn Tage. Darauf Paris, und Paris in feinem vollen
Glanze, mit all’ feinen feinen wieder eröffneten heatern, die ge=
liebten Heinen Theater von Papa. — Dieje unglüdliche Louiſe von
Maubriaut hat fich legtes Frühjahr, Ende Mai verheiratet, hat eine
ſechswöchentliche Hochzeitsreife gemacht, und ift erft nach Paris zu-
rüdgefehrt, al3 e3 Heiß, unheimlich und ganz verödet war. Und das
Varietetheater geſchloſſen! — Sie hat erft vorige Woche Judith hören
tönnen — fieben Monate nach ihrer Verheiratung!!
Wir werden volltommen glüdlich fein, ich zweifle feinen Augen-
blid daran. Er vergöttert mich! Und ich — ob ich ihn liebe? —
Man muß ehrlich gegen fich ſelbſt fein; ich würde lügen, wenn ich
mit romanhaften Redensarten verjichern wollte, daf ich fterblich ver-
liebt bin, daß ich nicht Iebe, wenn er nicht da ift, daß ich beim Ge-
räuſch feiner nahenden Schritte zittere, daß ich erbebe beim Ton
feiner Stimme und mic) erſt belebt fühle, wenn er erjcheint. — Nein,
nein, jo leicht bin ich nicht zu entflammen. Man darf von meinem
erzen nicht verlangen, daß es fich fo ſchnell ergiebt. Aber ich habe
chon ſehr viel Freumdichaft, fehr viel Buneigung für ihn, und die
Liebe wird fommen, deſſen bin ich ficher.
Die Liebe iſt folche Erjparnik in der Ehe. Ich bringe ihm
eine Million zu und wir werden unfern Haushalt mit ungefähr
230,000 Francs Nevenuen anfangen. Das ſcheint enorm, aber ift
& nit. Man muß jährlich 80,000 Francs zur Erhaltung von
Simieufe, unferem Schloß in der Vendee, und für die Jagd abrechnen.
Bleiben uns alfo zum Lebensunterhalt 150,000 Francz jährlich, —
eine vollfommen ausreichende Summe, wenn wir uns lieben, und
wir gemeinſchaftlich durchs Leben gehen, wie zwei gute Kameraden,
die gleichen Schritt halten. Wenn wir aber, im Gegentheil, nad
einiger gi jeder unfern Weg gehen, wie das Die Geſchichte der
meijten Ehen in unjern Kreifen * haben wir nur jeder die Hälfte,
aljo 70,000 Franc zu verzehren, und das würde eine beſchränkte
gage werben. Nehmen wir an, daß das Theater — außer Oper
und Schaufpiel — jährlich 2000-3000 Franz foftet, wenn Mann
und Frau immer zufammen gehen, um alle neuen Stüde zu jehen;
für jeden einzeln a es gleich dad Doppelte des Budjets.
So zum Beifpiel Karoline mit ihrem Manne! Sie haben nur
100,000 Francs jährliche Einkünfte und fie leben doch jehr groß-
artig, ohne genau rechnen zu möüffen. Und warum? — Weil fie
fich Ticben. Sie bewohnen ein Feines Hötel, ganz befcheiden, welches
nur wenig Dienerfchaft erfordert; fie verfehren wenig mit ber Weli
und je mehr jie allein und einer auf den andern angewiejen find
defto zufriedener find fie; und Karoline iſt vollfommen glüdlich, ob
ſchon fie faum 10,000 Francs für ihre Toilette verwendet. — Da
gegen Charlotte, dad arme Mädchen, fie hat fich der Heirat nich
erwehren fünnen. Ihre Mutter war ed, die der Titel verblende
hatte. Ihre Tochter Herzogin! Das ift freilich etwas, aber nic,
Eine vornehme Heirat. 187
alles. Nun, ihre Ehe mit Gretram Hat eine jchlechte Wendung Ei
nommen, —— von den erſten Wochen an, und ſie ſind nun in
bedrãngieſten Lage, trotz ihren 250,000 Francs jährlicher Einkünfte.
Sie giebt ein tolles Geld aus, für lauter Inzuriöfen Plunder und rui—
nirende Thorheiten; es ift ja auch viel Eoftipieliger, aller Welt gefallen
wollen, als einer einzigen Perfon. — Der —5— hat ſich dem
;piel ergeben und ſchon das halbe Vermögen durchgebrächt.
Karoline fagte mir neulich, ſobald Du Dich verheirateft, fuche
Deinen Mann zu lieben; das iſt in unferer Lebensſtellung eine Er-
ſparniß von 100,000 Francs jährlich; und werm man fich nicht aus
natürlicher Neigung liebt, follte man ſich aus Berechnung lieben! —
Ja, ich werbe ihn lieben lernen — ich werde ihn gewiß lieben! —
Heute ift übrigens erft der 11. Dezember. Bis zum 6. Januar habe
ich alfo noch volle ſechsundzwanzig Tage vor mir!
0
13*
—
Lagerleben in den PYrärien.
Bon 2. 8. 9—n. -
fchönen Sommerabends vor wenig Jahren ſchlich
der wilden Gegend, welche die Amerikaner ala Grenze
ʒiet bezeichnen, ein junger Burſch von etwa fieben-
m Jahren todtmüde heim, nachdem er den ganzen
gen Tag über in der Prärie eine Schafheerde be—
wicht hatte. Sein Aeußeres ſchien ziemlich herabge
tommen. Noch vor zwei Jahren, zu Haufe auf dem väterlichen
Befigthum, gehörte er zu den jungen Xeuten der befferen Kaffe.
Sept jah man an ihm nur noch ein ſiark verbranntes, mit Staub
und Schweiß bededtes Geſicht, und feine hagere, etwas gebeugte Ge-
ftalt, bekleidet mit verjchofjenem blauen Wollendemd und groben, brau-
nen Zeinwanbbeinkfeidern, welche von allerlei Schmuß fo fledig waren,
daß fein Menſch ihre Grundfarbe hätte erkennen können; dazu trug
er plumpe Schuhe, nebft einem alten Filzhut, dem gegenüber man
nur mit aller Anjpannung der Einbildungsfraft auf den Gedanken
fommen konnte, pn: er einmal weiß gewejen jein mochte. Vor ihm
mälgte fich feine Heerde Hin — sieht fünfzehndundert Köpfe
ſtark — von jeder Größe und von jedem Alter, von den Iangbeinigen
Widdern, die den Vortrab bilden, bis zu den Heinen, die meijten
Beſchwerden verurfachenden Zwei-Monat-Lämmern, Di hinter dem
Sau jen hertroddeln und dem umerfaßrenen Hüter deßhalb fo viele
ühe machen, weil fie immer fo müde zu fein jcheinen, um feinen
Schritt mehr vorwärts thun zu können, bis der Hirt in reiner Wer-
zweiflung ſich nicht mehr um fie befümmert und fie der Gnade Di
Wolfes und des Berglöwen (Puma) überläßt, worauf fie meiſt m
jämmerlichem Blöken die Heerde wieder einzuholen ſuchen. Unfe
junger Freund ift indeß viel zu erfahren, um auf die kleinen Glied⸗
„feiner Heerde beſonders acht zu geben. Wbgefpannt und durft
ſchleppt er ſich feinen Weg dahin, nachdem er fünfpenn Stunden untı
brennender Sonne umbergeftrichen, mit nichts als einem Frühftü
Sagerleben in den Prärien. i89
das er halb fünf Uhr früh verzehrte, und ohne feit zwei Uhr nad
' mittags etwas zu trinken gehabt zu haben, während jegt ſchon die
Nacht Herabfinkt. Trogdem fällt es ihm nicht etwa ein, ſich zu bes
| Hagen — die Landesfitte bringt es ja nicht anders mit ſich und ganz
| ebenfo iſt es ihm jeden Tag der legten zwei Monate ergangen, jo
| daß er es gewöhnt ift — oder doch fein mußte. Nein, ihm wirbeln
- gan andere Gedanken durch den Kopf, und da das einjame Leben
i den Leuten bie merfwürdige Gewohnheit, mit ſich jelbft zu fprechen,
ausbildet, fo können wir die Urſache feiner Mifftimmung aus den
folgenden Worten abnehmen:
Gottlob, ich denfe, heute muß meine Schäferhütte fertig werben,
ift das der Fall, jo werd’ ich morgen hinaus ind Feld eich. Da
gibts feine Pladereien mehr, wenn man abends müde Be tommt,
em Solgjchnetben, Wafferholen und Waſchen und Scheuern, bis einem
das iz fait Brit und es halb zehn Uhr vorüber ift, ehe man
ins Lager Frieden fan. Und dann, wenn die Schafe am nächiten
Morgen nicht mit Sonnenaufgang, d. 5. halb fünf Uhr wieder draußen
find, dann brennt? auch an allen Eden. J
„Ins Lager — ol Da hab ich zuerſt feine Quälereien, Waſſer
befindet ſich dicht neben der Hütte, Holz liegt überall herum und
braucht nur eingefammelt zu werden, und bann giebt's feine Seele,
für bie ich noch etwas zu fchaffen hätte. Wird das nicht herrlich
fein? Ja, meinen Kopf möchte ich darum verwetten!“
Mit dieſen tröftlichen Betrachtungen unb ber Sofas auf zus
tünftiges Wohlergehen pfeift unjer Hirt einmal laut feinen Schalen
und geht mit leichterem Herzen, als viele Tage vorher, heim zum
Abendbrod und den unausbleiblichen Pladereien, die feiner noch
harren.
” Da obiges nur eine Sfigge des fo fehnfüchtig erwünschten Lager-
lebens darftellt, wollen wir über die Vorkommniſſe der nächiten vier-
undzwanzig Stunden ſchweigend hinweggehen und melden nur, daß
der Wunſch unferes jungen Freundes erfüllt wurde. So ſchließen
wir uns ihm erjt wieber am nächiten Tage an, während er die
Schafe wiederum, diefes Mal aber nad) dem „Lager“ zurücführt.
Bevor wir indef feine Setebniffe dafelbft berichten, wird es dem
Leſer eine beſſere Vorſtellung von dieſem Leben erweden, wenn wir
fozufagen das Zubehör deſſelben jchildern.
Bunägjft findet fi) das Lager völlig abgefondert von ber
andern Menjchheit. Diele Meilen weit im Dſten liegt die ”
zu ber die Heerbe gehört, wiederum bie einzige bewohnte Stelle in
weiten, weiten reife. Nach Norden, Süden und Welten dehnen
is die wellenförmigen Prärien aus, nur unterbrochen durch die
eſas, das find Torellan) Ichaften, deren felfige Aibhänge den Wöl
en, Bären ımd Pumas Schlupfwinfel bieten, denn legtere trifft
| Fr noch ziemlich häufig in den wilberen Gebieten fernen
\ eitens.
} Das Lager felbft befteht aus einem fogenannten Dug-out, das
i
1% Sagerleben in den Prärien.
ift aus einer Heinen Hütte, welche aus groben, in den Zwiſchenſpalten
verſtrichenen Scheiten zum Theil auf der Erde erbaut, zum Theil aber aus
einem Kleinen Hügel „oefegnien ift (daher obiger Name), einem Hügel
von gewöhnlich fünfzig bis Hundert Fuß Höhe, von denen die Anſiedler
glauben, daß er in früheren Zeiten von Indianern oder Mexilanern aufge»
worfen worden fei, um weithin das Vorhandenfein von Waſſer anzus
zeigen. Dieſer Dug-out mißt ſechs Fuß im Geviert und hat ein flaches,
mit Erde bedecktes Dach, die in der Mitte hoch aufgehäuft, während fie
nad, der Ede zu eine immer dünner werdende Schicht bildet, um das
Waſſer abfließen zu lafjen. An einer Ede bes Dachs ift ein Loch
ausgelbart, durch welches ein altes Ofenrohr geftedt ift, das aus
Höflichkeit Schornftein genannt wird. Unterhalb beffelben befindet
fich eine offene Feuerſtelle, bei der von einem Roſte und dergleichen
Teine Rede ift, jo daß der Zug nur durch Funftgerechte Anordnung
des Feuermaterials zu erhalten ift.
Die Auzftattung des — beſteht aus einem dreibeinigen Stuhl,
eigentlich weiter nicht? als einem niedrigen Schemel zum Melten,
und aus zwei Deder. Die eine davon ift breit, groß und did und
dient als Bettitelle, Matrage und Bett; die andere ift weit dünner
und vertritt die Stelle des Deckbettes. Das Kopfkiffen beiteht aus
der Jade und Weite des Schäfers, wozu wohl noch, wenn die Nacht
warn und die Schafe ruhig find, deffen Hofen kommen. Unter
diefem Kiffen lugt ein tüchtiger Revolver Hervor, ber ftete Begleiter,
Tröfter und Freund des Hirten, der Tag und Nacht nie weit bon
feiner Hand wegfommt. In wel’ traurigen Umftänden lebte ber
„WWeftermann“ ohne feine ſechsſchüſſige Waffe! Bei feinem einfamen
Leben mag man om alles rauben, noͤthigenfalls auch fein Pferd ent⸗
führen, den Revolver aber muß er behalten.
Zunächſt folgen nun die Geräthe, neun Stück an Zahl. 1. Ein
Heiner, runder Tiſch, etwa — gell im Durchmeffer, der zu
verfchiedenen Zeiten zum Wafchen der Kleidungsſtücke, wie des Gefichts,
der Hände und alles Uebrigen dient, ebenfo wie darauf Teich gefnetet
und das Brod bereitet wird. 2. Ein dreifüßiger Eifentopf, der —
ebenfo aus Höflichkeit wie der Schornftein — hier der Badofen ger
nannt ift, und in dem Brod gebaden, auch Kaffee geröftet und jede
Speife gekocht wird. 3. Ein Binnlöffel mit langem Stiel. 4. Eine
Bratpfanne. 5. Ein Kaffeetopf. 6. Eine Zinnſchüſſel. 7. Eine
ebenjolche Tafje. 8. Eine Gabel, welche nicht ganz wie ber Löffel,
die abſcheuliche Gewohnheit hat, zu verſchwinden, wenn fie am nöthige
ften gebraucht wird, neben 9. dem zu allen Zweden dienenden unent-
behrlichen Fleiſchmeſſer, welches unfere Lifte vervollftändigt.
An BVorräthen finden fich folgende: eine geialgene, aber nich
etwa gepüdelte Spedjeite; ein Sad mit Mei, dito mit grüner
Kaffee; ein großer Beutel mit megifanifchen Bohnen, eine Bled
büchſe mit Soda, welche die Stelle der Hefe vertritt; ein Faß m
Saafteife in Salzwafjer, um die Monotonie des Sped3 einma
zu unterbrechen, und einige Zwiebeln.
I
£agerleben in den Prärien. 191
Das, licher Lejer, find die Verhältniffe, unter denen das von
jungen Leuten fo oft erjchnte zomantifche „Lagerfeben“ fich abfpielt.
Sehen wir num einmal zu, welche Freuden — oder Leiden — unfern
unternefmenden Freund erwarten, Freuden, welche weder das ge-
ordnete Leben der Heimat — die übrigens auch jegt nur mit beben-
der Stimme, wie etwas ganz beſonders geheiligtes, ermähnt wird,
noch das er urwüchfige aber doch gewifjermaßen geſellſchaftliche
Treiben auf dem Homerandhe, (das iſt ein Haus, welches als Wohn-
jtätte für die Kuh- und fhirten in den weftlichen Territorien
Dient) Kick Tann. f n
m Lager angelangt, ſchickt ſich unfer Hirt, den wir Jad (Jakob)
Alldag nennen wollen, an, fein Abendefjen zu bereiten und zu ver-
zehren; doch diefem fehlt ein gewiſſer Geſchmack, den das legte vor
vierundzwanzig Stunden entjcjieben bejejen hatte. Das ift eine merf-
würbige Erſcheinung, denn die Speifen find die nämlichen und der
Hunger ift derſelbe — jener Mangel bleibt aber doc; beitehen. Da
jewährt es ihm eine, wenn auch nur, ſehr ſchwache Befriedigung,
een, Taffe u. ſ. w. aufzuwajchen mit Wafjer, das er aus dem
Hleinen Teiche dicht neben feiner Hütte gehelt und im „Badofen“
erhigt hat. Nachher jest er ſich vor die Thür und fchmaucht behag-
lich feine Pfeife und freut fich des Friedens und der Ruhe feiner
vereinfamten Wohnſtätte. Nach und nach verändert ſich aber merk:
lich diefe Empfindung. Das Schweigen wird etwas bedrüdend, und
ſich felbft gewaltfam aufrüttelnd, erhebt fi) Jakob und fehlendert
ruhig auf die Schafe zu, welche in der Entfernung von einigen Hundert
Schritten weiden. Er treibt und Ienft diejelben nach der Seite des
Hügels zu, in welijem fein „Haus“ eingebaut ift; dann, nachdem
er 17 duch einen Rundgang überzeugt, daß jenen feine Gefahr
droht, begiebt er fich wieder nach der Hütte Die Schafe trotten
noch ein Weilchen ruhelos umher, dann legen fie ſich eins nad, dem
andern nieder, ebenfo die Lämmer, welche nad) ihren Müttern blöfen,
und endlich herrſcht — adgefehen von einem gelegentlichen, kaum
hörbaren Laut aus ber Heerde, ein Todesſchweigen rings auf der
umgebenden Natur.
Jetzt, wo die Schafe jich zum Ausruhen gelegt, macht auch Jack
fein Bett zurecht umd denkt natürlich, daß er bald ın Schlaf verfallen
wird, wie das von jeher feine Gewohnheit war. Der erwartete
Schlummer will jedoch nicht kommen. Das unbehagliche, bedrückende,
fajt elende Gefühl, das ſich feiner feit dem Eintreffen hier bemächtigt
hat, nimmt noch mehr zu und wird ihm ganz unerträglich.
Plöglich fpringt fein Schäferhund „Skip“, der an der Thür der
ütte liegt, auf und eilt laut anfchlagend in die dunkle Nacht hinaus.
lldag crgreift den Revolver, tritt vor die Hütte und lauſcht ge—
annt. 8 Bellen bes Hundes wird ſchwächer und jchmächer,
fip verjagt offenbar einen Eindringling, wahrſcheinlich einen Coyote.
Einen Wolf! Sonderbar, daß das Wort ihm das Herz erbeben
icht und fein Finger ji) mechaniſch an den Drüder der Waffe
192 £agerleben in den Prärien.
anlegt; er weiß doch, daß diefe Präriemwölfe feige Burjchen find,
und etwas anderes ald ein Schaf nicht anzufallen wagen. Was
verurjacht ihm nur dieſe nervöſe Furcht vor einem Coyote? ... .
Nur der Umftand, daß er zum erften Male gan allein eine Nacht
in der Prärie, fern von jedem menfchlichen een zubringen muß.
Befürchtungen jeder Art, über die er früher nur gelacht hätte,
tauchen jet mit ganz anderer Gejtalt vor ihm auf. Er bemerkt, daß
fein ganzer Körper zittert... wehhalb denn? Er hat ja gar feine
Urſache zur Sr
„Ah, was ift das? Das fehwarze Ding dort, kaum dreißig
Schritte von hier ... ift e8 ein Bär? Was mag's wohl fein? Ein
Berglöwe (Buma), der es mittert, daß ich allein bin?” — Jack er-
hebt ſchon das Piltol zum feuern, da hört er eben den Hund bellend
zurückkommen und die unerwartete Erfcheinung — eine große, ſchwarze
mexikaniſche Kuh — galoppirt davon, Au ſchnell die Füße fie tragen
können, wirbelt dabei eine gewaltige Staubwolfe auf und proteitirt
murmelnd gegen diefe Störung.
Nachdem er fich felbft Herzlich außgelacht und den treuen Hund
freundlich geftreichelt, legt ſich Iad wieder nieder, diefes Mal ent-
chloffen zu ſchlafen, es möge fommen, was da wolle. Vergebens.
Gerade is er im Einfchlafen ift, Schlägt der Hund zum zweiten Male
an, ftürmt aber nicht wie beim erften Mal hinaus — und daneben
macht fich noch ein anderes immer näher und näher fommendes Ge-
räuſch bemerkbar, bis daſſelbe direkt über ihm ift, das dumpfe
Trampeln der erſchreckt herzulaufenden Schafe. Der junge Schäfer
ift in einem Augenblid aus dem Bett und tritt, das Piſtol in der
Hand, muthig hinaus.
Die Nacht ift pechſchwarz, fo daß er gar nichts unterjcheiden
fann. Die Gloden der ak läuten aber entſetzlich ein Beweis,
daß die Heerde vor einem umfichtbaren Feind die Flucht ergriffen
habe. Auffallenderweife ſchweigt der Hund nach wieberholtem, faft
nervöſem Geheul ganz ftill. Aus diefen Anzeichen erkennt Jad, daß
es ſich jet um einen Berglöwen Handeln muß, ein Raubthier, das
ſich ſelbſt überlaffen der Heerde den furchtbarjten Schaden zufügen
wird, denn man weiß von einen Puma, daß er binnen einer Nacht
wohl dreißig Schafe erwürgen kann.
Jack feuerte fofort den Revolver bfindlings in die Luft ab, in
der Hoffnung, das Thier durch den Knall für einige Zeit zu ver-
ſcheuchen. Letzterer hat ihm aber für heute die Ruhe der Nacht ge-
raubt und wird das auch noch für manche kommende Nacht wieder-
holen. In der That ift das die ſchlimmſte Beläftigung, die er_hier
zu ertragen hat. Jede dunkle Nacht wird der Puma in der Nähr
umberfhleihen, und nichts als die ſchärfſte Wachſamkeit kann ihr
abhalten, unter den unglüdlichen Schafen ein furchtbares Blutbat
anzurichten.
Diefe Raubthiere gehen niemals auf Beute aus, außer in ftod
finfteren Nächten, wo man feine zwei Schritt weit fehen fann, un
überdies beivegen fie ſich völlig lautlos, Uebrigens ift es ein ziem-
lich gefährliches Ding fie anzugreifen, wenn man nicht ficher ift, fie
auf den erften Schuß zu tödten, denn verwundet zögern fie gar nicht,
fi auf den Menſchen zu ftürzen und angefichts ihrer Schnelligkeit
und Lebensfähigfeit pflegt man fie als ebenfo gefährliche Feinde wie
die Griggly-Bären zu betrachten.
.. Diele allmächtlich fich wiederholende Störung trieb Jad begreif-
| ficherweife zur hellen Verzweiflung, und ein berpmeifeter Mann, vor-
züglich wenn er jung ift, wagt zufeßt jehr viel. Nach verfchiedenen
Erflglofen Verſuchen fommt er endlich auf ein Mittel, das ihm
feiner Meinung nad) nicht im Stiche laſſen fan, welches feifich
aber mit dem Verlufte eines Schafes verfnüpft ift. Doch was wi
das beißen, wenn er fi damit den Berglöwen vom Halfe ſchaffen
nm
Am folgenden Tage ſchießt er einen jungen Widder, den er
u der Thür ber Hütte fchleppt und hier abzieht und aus—
idet. Dann gräbt er, der Hüttenthür gerade gegenüber, ein kleines
Loc aus, um es am Spätabende mit dem Blute des Opferlammes
anzufüllen. Die Fleifchtheile jet hängt er innerhalb der Hütte
af und mit einbrechender Dunkelheit Löfcht er das euer, bindet den
Hund an, dem er den Maulkorb abnimmt und treibt die Schafe alle
in der Nähe zujammen. Dann nimmt er an der Thür Stel-
fung, bereit herauszutreten und ‘euer zu geben, fobald er den
Puma das für ihn als Lodfpeife beftimmte BSlut aufleden Hört.
Still und träge geht die Zeit dahin. Zuerft erhält die Vor—⸗
ftellung von einem Kampfe auf Leben und Tod mit dem verwundeten
Buma den jungen Hirten in ängftlicher Aufregung. Sobald ein
Schaf nur nieft, Hält er in der Meinung, der Feind nahe heran, ben
Ahem an. Aber Stunde um Stunde verinnt und noch immer
bleiben Die Schafe ruhig und fogar der Hund fchläft weiter.
Endlich bemerkt Jad, daß auch er mehr und mehr ſchläfrig wird.
Einmal und zweimal finkt ihm der Kopf herab und muß er ſich mit
Gewalt emporrichten, wobei er fait den Revolver aus der Hand
verliert. Als er fich eben ge dritten Male emporfchnellt, ver-
H nimmt er das bebeutungövolle, nicht mißzuverftehende Geräufch von
erſchreckt fliehenden Schafen und der Hund richtet ſich mit verhaftenem
Knürren babei auf. Jetzt erfüllt den Hirten eine neue Sorge. Wird
der Löwe ein lebendes f, jelbft wenn er I daffelbe erſt erjagen
muß, dem Blute eines tobten vorziehen? Schon macht ad Ha)
Vorwürfe, fo vorjchnell eines feiner Thiere geopfert zu haben, und
muß er jet die Entwidelung der Dinge, in der ſchwachen
doffnung, feine Abficht zu erreichen, ruhig abwarten. Er lauſcht
yefpannten Ohres; das Getrappel der geängftigten Schafe wird immer
! hwächer und ihre Glocken und Schellen ertönen nur noch aus weiter
e.
Sad ſchickt fich ſchon an, die Thür zu öffnen und feiner Heerde
aachzueilen, als feine Aufmerkſamkeit durch das Benehmen des Hundes
£agerleben in den Prärien. 193
194 £agerleben in den Brärien.
neu in Anfprud; genommen wird. Das leife Anurren ift in ein
langgezogened Heulen übergegam en, in den Ausdrud Hilflofen Ent-
fegens, wenn ein Hund jemals jolches Bag Die Hand auf dem
Drüder des Thürfchloffes, zögert der junge Hirt noch einmal. Mög-
licherweiſe hat der Puma das todte f gewittert und ift er Bier
in größter Nähe.
„Halt; was ift das? Da ſtrich etwas an der Thür vorbei!
Kein Bweifel, dad kann nur der Löwe gewefen fein!“ Zitternd vor
Erregung drehte er vorſichtig und Teife den Handgriff um. Zap...
lap ... jener ledt das Blut auf. Nun vorwärts! Mit ber einen
Hand die Thür öffnend, feuert er mit der andern in der Richtung
des Feindes. Ein Ziſchen wie von einer gigantiſchen Kate — dann
ift alles todtenftill.
Dem Triebe der Selbfterhaltung nachgebend, ſchließt ſich Jack
wieber in die Hütte ein. Freilich mit nur wenig Ausficht, dadurch
jede Gefahr abzumenden, denn das Raubthier wäre recht wohl imftande,
das hölzerne Füllwerk ber Thür mit einem Tagenfchlage zu zer-
trümmern. Wann wird das giscen? Sollte er jenes auf den
eriten Schuß getödtet haben? muß wohl der Fall fein, die Ent-
fernung war ja eine zu geringe gewejen. Ein oder zwei Minuten
verhält ſich Jack ftill und lauſcht, doch bald wird ihm die Ungewiß—
heit unerträglich, er bindet den Hund los, dem er den Maulkorb
abnimmt, und zu feinem Erftaunen geht dieſer jegt ruhig nach der
Thür und will offenbar hinausgelaſſen fein. Jack öffnet diefe und
fteht bereit, einen Anfall des Thieres nach beiten Kräften abzuſchlagen;
doch es erfolgt nichts. Skip geht hinaus, ſchnüffelt Haftig umher,
zeigt aber ontt feinerlei befondere Aufregung. In Jack dämmert all-
mählich der Gedanke auf, daß er fich wohl getäufcht Hat; daß ber
Berglöwe gegen feinen Schuß gefeit und dagegen fein „letztes Mittel“
fehlgefchlagen ift.
E blieb ihm alſo nichts anderes übrig als ber Troft in dem
Gedanken, das Thier vertrieben oder vielleicht ernjthaft verwundet
u haben und dann wird er ihn ſchwerlich wieder beunruhigen.
uf jeden Fall darf er hoffen, heut Nacht ungejtört zu bleiben, er
ſieht alfo noch einmal nad den Schafen, die ſich in der Entfernung
bon vier- bis fünfhundert Schritt wieder gelegt haben, fucht ringsum
nad) dem getöbteten oder jterbenden Puma und kehrt endlich wieder
nad) feiner gie zurüd.
Seine Berechnungen ſollen ſich leider nicht als richtig erweifen.
Mit wahrhaft teuffifcher Hartnädigkeit ftreift der Puma nad wie
vor in jeder finfteren Nacht umher und bringt den armen Jad i
einen zwifchen Verzweiflung und Steicgittigteit die Mitte haltend
Zuftend. Einmal geht jedoch alles zu Ende, und und) Verlauf vi
drei Wochen foll auch er feine Wiedervergeltung haben. fi
Tag vor der Nacht, um die es ſich Handelt, ift die Luft entjegli-
drüdend und ſchwuͤl geweſen und mit Sonnenuntergang thürmen fi
ſchwere Gewitterwolken am Horizont auf; nachdem er fein Nachtma
——
Sagerleben in den Prärien. R 195
verzehrt und die Schafe zur Ruhe gebracht hat, erkennt er zweifellos,
daß e3 bald ein tücjtige Unwetter geben wird, .
Noch ift alles vollkommen ftil; man kann die Finſterniß faft
fühlen. Plöglich wird das Himmelsgewölbe von einem glänzenden,
langanhaltenden Blitzſtrahl erleuchtet. Das Auge in der Richtung
nad den Schafen hinwendend, fieht Jack dabei etwas, was ihn ver-
anlaßt ins gene zu laufen und das Piſtol ſchußfertig zu machen,
trog ber großen Negentropfen, welche jegt zu fallen beginnen. Nur
ſechzig bis achtzig witt kauert ein wirklicher Berglöwe, den er
eigentlich zum erjten Mal ordentlich erkennt. Wenn nur noch ein
ſo heller Brig fommen wollte, bevor ber Plagregen nieberftrömt.
Die Schafe haben ihren Feind ebenfalls — und drängen
ſich nach dem Lager hinauf, blöfen um ug und fotieben ſich in
ihrer Angft dicht um Mann und Hund zufammen oder fuchen auch
in die Hütte felbft zu gelangen. So vergeht noch eine Minute; bie
Waffe in beiden Händen haltend, um ſicher zu jielen, wartet ber
junge Hirt auf einen zweiten Blitzſtrahl. Endlich leuchtet dieſer auf.
Jetzt ftand der Buma — wie Jad fpäter behauptete — aufrecht und
— nur dreißig Schritt weit von ihm, „jo groß wie ein Fluß—
ferd.“
Ein Krachen aus dem Revolver und gleichzeitig damit praſſelt
der Regen herimter und jeder weitere Laut wird erſtickt von dem
rollenden Donner, der jenem Blitze folgt.
Jack läuft nach der Hütte zurüd, treibt die eindringenden Schafe
hinaus und ſchließt fich jelbit ein, um zu warten, bis das Unwetter
vorübergeht, während er inftinktiv fühlt, diesmal fein Ziel nicht ver-
fehlt zu haben.
der Negen ftürzt aber in fo gleichmäßigem Strome herab, daß
er die ganze Nacht Über anzuhalten verſpricht; und Jack rollt ſich
alfo in feine Deden und verfchiebt jede weitere Nachforſchung bis
zum Morgen.
Mit Tagesanbruch geht er hinaus in der Erwartung, die Schafe
weit zerjtreut zu fehen, wie das gewöhnlich ber Fall iſt, wenn fie
fich felbft überfaffen bleiben. Diefes Mal hat er fich darin getäufcht
— die Schafe find im Gegentheil alle auf der einen, mehr geſchützten
Seite des Hügels geblieben.
Zunãchſt unterfucht er nun die Stelle, wo er fo ſehnlich Hofft,
feinen feindlichen Plagegeift in fegter Nacht niedergeſchoſſen zu haben.
‚Hier findet er aber feinen Puma; mit Annäherung an die betreffende
‘elle entbedt er dagegen unverkennbare Zeichen des Todesfampfes
3 Thiered. Da umd dort ift das Gras jammt den Wurzeln
geriffen und mehrere Löcher zeigen fich mit Blut gefüllt. Offen-
-ift der Puma wenigftens ſchwer verwundet worden. Doch wie
jer imftande geweſen fein mochte, ſich — gewiß wenigftens eine
“le weit — noch wegzufchleppen, vermag er nicht & enträthfeln.
chenlang durchſtreift Jack die Umgegend in jeder Richtung, doch
mals entbedt er den gefallenen Körper des Thieres. Immerhin
196 Sagerleben in den Prärien.
— ſein Wunſch erfüllt und er ſelbſt nicht ferner vom Berglöwen
beläftigt.
Ein ober zwei Wochen nach dem eben gefchilderten Abenteuer
lebt Jack friedlich, freilich ganz verlaffen und trübjelig dahin. Die
gegenjtandsloje Bellemmung, welche er in der allereriten Nacht em⸗
pfunden, ſchwächte ſich mit der Zeit mehr und mehr ab und an ihre
Stelle trat eine rlickſichtsloſe Entſchloſſenheit, herangebildet durch die
ewige Eintönigfeit und Einfamfeit feines Lebens. O, was hätte er
um einen Genoffen gegeben! Wie freudig hätte er fich jeder Pladerei,
jeder Ueberarbeit unterzogen, wenn er nur noch ein lebendes Weſen
an feiner Seite gehabt hätte! Doc daran war nicht zu benfen.
Sigenb einer mußte doch die Schafe im Lager behüten, und warum
follte er das nicht fein können? Alle diejenigen, welche ſich gern
„Weftermänner* nannten, hatten das vor ihm aud) gethan. Einmal
nur in ber Woche fam fein Herr berauögeritten und brachte ihm
Nahrungsmittel nebft einem etwaigen Briele ober Zeitungen von zu
gun Diefe nämlich, neben feiner Bibel, dem Gefangbuh und
andalls Werk „Ueber Schafzucht“ bildeten bie einzige Leltüre, mit
der er Kine Zeit vertreiben fonnte. Unterhaltende Bücher waren
nicht gejtattet, überhaupt nicht länger fortgejegtes Lefen, weil das
hätte Feine Aufmerkjamkeit von der Heerde ablenken fünnen.
So verging Tag für Tag und wuchs feine Gleichgiltigfeit gegen
alles mehr und mehr; er war forglofer geworben, fich jeder belie gen
Gefahr auszufegen und hätte, wenn ihm ein Berglöme in den Weg
käme, jegt Pofost auf diefen Feuer gegeben, trog der Ueberzeugung,
daß er, wenn diefer nicht ſchwer verlegt würde, faum fein Leben hätte
in Sicherheit bringen fünnen. kg das tauhe und forglofe Benehmen
feine® Brodherrn — rauh und forglos, weil diejer das nämliche
Leben ſelbſt monatelang geführt und die Wirkung des erften Auf-
enthaltes im Lager vollftändig vergeffen hatte — brachte in ihm
eine Veränderung zuftande, er preite jegt meift die Lippen feit
aufeinander und zog die Augenbrauen zujammen, wie man das
früher an ihm zu Feen nicht gewohnt war. Das waren aber untrüg-
liche Zeichen für den erfahrenen „Rancheman“, der recht wohl wußte,
welche Eigenjchaften ſich in einem angehenden Weitermann ausbilden
mußten, wenn etwas rechtes aus dieſem werden ſollte. „Es macht
ſich langan mit dem Burſchen“, murmelte er heimkehrend vor ſich
in. „Er hat jegt mehr Selbftbewußtjein und weiß fich leichter zu
(fen als früher, che er ins Lager gefchict wurde. Nun braudıt
er nur noch ein fennen Fi fernen, und das hätte ich ihm bald felbit
gejagt, nur würde er's doc falſch aufgefaßt haben. Wenn er erji
das noch durchgemacht hat, dann tft er reif.“
Das „Eine“, was an Jacks Erziehung noch fehlte, follte den
auch einen Monat nad) feinem Eintreffen im Lager ſich ereignen
Die Sonne war eben umtergetaucht, der junge Hirt hatte fid
Teuer angezündet und den Kochtopf zugefebt Wenn das gejchehen
war, begab er ſich auf kurze Zeit nach der Spike des Hügels, Hinte
der Hütte, um nachzufehen, was die in einiger Entfernung noch
weibenden Schafe machten, vorzüglich, ob fie ſich pflichtgemäß an-
ſchickten, in die Rasbarigaft des Haufes zurüdzufehren oder ob fie
} etwa einen anbern Weg einjchlügen. An diefem Abend hatte er eben
beobachtet, daß fie ſich nach dem Haufe zuwenden würden, ald er
fein Auge forjchend über den ganzen Gefichtzfreis ſchweifen ließ und
wei Männer bemerkte, welche, was die Pferde laufen konnten, feiner
ütte Mi ueilen fchienen. Jad fig fofort nach diefer hinunter, nahm
den geladenen Revolver zur Hand, jegte den Kaffeetopf im fichere
jernung vom {Feuer und trat hinaus, um den ſich ſchnell nähern-
den Anfömmlingen zu begegnen.
Nach ihrer äußeren Erſcheinung zu urtheilen, waren die Fremd⸗
linge „Cow-boy3*, das heist Männer, welche das wilde und halb-
gezüdjtete teranifche Rindvieh, das die weftlichen Prärien bevölfert,
jagen unb verfaufen. Sie trugen bie gewöhnliche Kleidung ihrer
Brofeffion: breitfrämpige graue Hüte, blaumollene Bemben, Reithofen
aus Buckskin mit breiten, nach Indianer-Mode längit den Seiten
hinabreichenden Streifen, und lange Stiefeln.
Zwei Eigenthümlichfeiten ſchienen an den beiden Männern be—
merlenswerth; erftens waren ihre Pferde ohne Sattel und zweitens
blidten fie immer hinter fi), als fürchteten fie verfolgt zu werben.
Sie ließen fein Wort vernehmen, bevor fie dicht an Jad herange-
tommen waren, bis der Eine — offenbar ber AÄeltere — mit röth-
lichen und ftrengen Furchen, die ſich befonder3 um den Mund herum
bemerkbar machten, während der Gejammteindrud durch ein Paar
faft findlich blaue Augen gemildert wurde — vom Pferde fprang,
8 Hand einen Augenblic kräftig und fchweigend, wie um Athem
zu fchöpfen, ſchüttelte und dann erſt das Wort an ihn richtete.
| „Sagt an, ling, könnt Ihr uns für diefe Nacht in Eurer
| Hütte Unterkunſt gewähren? Wir find beide todtmübde und ich
glaube kaum, daß unfere Pferde noch einen Schritt weiter könnten.“
„D ja“, lautete die Antwort, „wenn Ihr mit Sped und weißen
Bohnen vorlieb nehmen wollt. Doc was habt Ihr? Ihr feht
erſchreckt aus, dazu Eure fattellofen Pferde und .. .“
Ihr meint wohl auch, da wir nicht umfonft fo hier über die
Weidegründe gejagt fommen; bod) wartet, bis wir die Pferde beforgt
und einen Bilfen im Leibe haben, dann ſollt Ihr alles wiffen. Bor
ein ober zwei Stunden fönnen die Bejtien doch wohl nicht hier fein,
im, nicht wahr?“ ſetzte er Hinzu, fi) an feinen Begleiter wenbend,
einen ruhigen Burfchen, der nur ben Kopf leiſe ſchuttelte und mit
inem furzen „ich glaub's kaum“, nad) der Hütte zufchritt.
Ohne weitere Förmlichfeiten entliehen die beiden Fremden ſich
einige Stride von Jack, banden ihre Thiere zum weiden an einen
Pfahl und folgten jenem in die Hütte. Der jüngere, Jim, warf fich
hne Umftände auf die Erde, während der andere die Bratpfanne
griff und Sad bei der Vereitung des Abendbrodes behilflich war.
Ueber die zu bereitende Speije und die dazu nöthigen Geräthe
£agerleben in den Prärien. 197
“ 198 Sagerleben in den Prärien.
wurde zwifchen dem jungen Birten und feinen ſeltſamen Gäſten
fein weiteres Wort gewechjelt; bald war ein nahrhaftes Mahl fertig,
umd die drei Männer fegten fich nieder, es mit thren großen Meffern
und — mit den Fingern zu verzehren.
Nachdem er eine tüchtige Portion Bohnen, mehrere Schnitte
Brod und Schinken vertilgt und ſich auch am Kaffee gelabt hatte,
erhob der ältere Fremdling, den fein Begleiter mit „Lufe” anrebete,
den Kopf und begann ohne bejondere Vorrede feine Gefchichte mit
folgenden Worten:
„Ihr wollt wiffen, guter Freund, warum ich und Jim in fo
rafender Eile dahergejprengt famen. Nun, erfchredt ja nicht mehr,
als die Sache werth ift, doch ich fürchte, wen der Mond jo gegen
‚ehn Uhr herauffommt, werden wohl etwa Hundert Indianer Eure
Sehäferhütte umfhwärmen.
„Indianer!“ rief Jad. „Outer Gott, was meint Ihr?“
Was ich jage, ich fürchte es“, erwiderte Jack troden, indem er
fi) das legte Stüd Speck zulangte. Die Sache liegt nämlich fo.
Ich und zwei andere Kuhjäger, Jim Hier und noch einer, Tom Latin,
wir waren eben auf der Jagd nad} ein paar berben Stieren, die ſich
in biefiger Gegend verirrt hatten und die unferem Herrn, dem alten
William gehörten — ic} weiß nicht, ob Ihr mit dieſem bekannt feid.
Nun, wir hatten den gangen zug über umbergefucht und tränkten
gerade unfere Pferde im Chicareka-Fluſſe, zehn Meilen von Bier,
ala wir_plöglid, einen Höllenlärm vernahmen, und ehe wir noch
unfere Seheihüffigen zur Hand nahmen und noch viel weniger ge-
brauchen fonnten, — wir uns ſchon von etwa fünfzig Ute- und
Apache⸗Indianern umringt und gebunden, wie ebenſoviele Kälber.
Well, das war eine reizende Ausficht, ſag' ich Euch! Die Teufel
waren in Kriegstracht, und Ihr wißt wohl, wieviel Gnade Kuhjäger
von Indianern zu erwarten haben. Uebrigens waren wir offenbar
die erften Bleichgeſichter, die fie gefangen hatten, und fie fchienen
joe Eile zu haben, diefe jämmerlih zu Tobe zu quälen, daß fie
en armen Tom Lakin fofort aufrecht anbanden; uns aber einſtweilen
uns ſelbſt überließen, während fie um Tom herumfprangen und fid)
an deſſen Tobestampfe sroögten gleih — nun ja, gleich Teufeln,
was die Kerle ja auch find. Teufel, jagte YA Bei Öott, ein richtiger
Erzteufel würde ſich noch der Schandthat fchämen, welche fo einem
Ute-Indianer die größte Freude macht.
„Doch, wie gejagt, die Schurken überließen Jim und mich uns
felbft und jo gelang es mir bald, eine Hand aus meinen Feſſein 3”
befreien und mein Meſſer zu ergreifen, das fie mir in der Eil
ihr Satanzfejt zu beginnen, nicht weggenommen hatten; binnen zw
Minuten waren wir denn auf unfere Ponys gefprungen und jagt
davon. Wir wendeten ums genau nad) Oſten, nach den äußerfti
Unfiebelungen zu, und Euer Lager ift der erfte Pin , den wir antveffen
„Meint Ihr, fie werden Euch verfolgen?“ fragte Jack ame
„Uns folgen?“ wiederholte Lufe mit jpöttifchem Lächeln. „Sa:
Sagerleben in den Prärien. 199
ich Euch nicht ſchon, daß fie gegen zehn Uhr das Lager hier um-
en werden? O, fie haben fich jegt ſchon aufgemacht, unjerer
Spur nachzugehen.“
Eine recht verlodende Ausficht, drei Männer mit einem einzigen
Revolver und drei Jagdmeffern gegen eine Bande bewaffneter Ihe
dianer, welche, wie jetzt —ãe Repetirgewehre bei ſich führten
Die ſchreckliche Erwartung raubte Jad für einen Augenblick faſt
ga die Sprache. Sein Gaft bemerkte feine Erregung und fagte
ruhigend:
Bir werben ſcharf auslugen und den Sechöfchüffigen in der
nach ihnen abfeuern, falls fie und gar zu nahe kommen,
fo, mein’ ich, werben wir davon kommen. Erinnert Euch auch, daß
die Indianer nicht mehr wagen, als jeder andere, nun können fie
Ei leicht glauben, daß wir hier ein Dugend gute Vüchfen zur Hand
ben, ftatt eines einzigen Revolvers, und außer in einer Zwangs-
je greifen fie niemals einen Rande an, wenn ein bewaffneter
Mann darin und diefer auf feinem Poſten iſt. Wißt Ihr, bemm
nicht, daß fie dieſe Gegend faſt immer unjicher machen, und doch kommt
& kaum alle fünf Sabre zu einem wirklichen Kampfe und erfolg
reihen Raube; übrigens verlaßt Euch auf uns, wir verftehen ſchon
mit den Rothhäuten umzugehen, wenn fie uns aud) vor wenigen
Stunden einmal übertölpelt hatten. Ihr allein müßt aber ſiets
hũbſch wachjam fein und auch bes Abends jcharf auslugen, fonft
bonnt Ihr einmal morgens aufwachen und Euern Skalp vermifjen.
&3 fann feiner fagen, wann jene einmal kommen werden oder nicht;
laubt mir aber, daß fie jegt in der Nachbarfchaft umherſchweifen und
ki alfo auf Eurer Hut! Und nun geht getroft mit Jim hinein;
ih werde wachen und Euch weden, wenn fie fommen.“
Mit diefen rauhen, aber gut gemeinten Worten, welche von
manchem hen unterbrochen wurden, Die ich aus verſchiedenen
Gründen hier nicht wiebergebe, zünbete fich der Kuhjäger feine Pfeife
an einer glühenden Kohle an und, fegte fich, die Arme faltend, zu-
ht, um bequem laufchen zu können, und verhielt fi nun jo ſiill
und fteif wie eine äghptiſche Mumie. Jad, der nach dieſen vielver-
fl Mittheilungen feine befondere Neigung fpürte, ſich u
zu legen, verfuchte den Fremdling noch weiter zu einem Ge—
fpräch zu veranlaffen, Doc) vergebens. Die einzige Antwort beffelben
d in einem leifen Murten und in dem nicht allzufanften Hin
weife, daß es für ihn (Sad) weit gerathener fei zu jehlafen, denn im
Laufe der nächſten zwei oder drei Wochen wiirde er Doch nicht dazu
men; welchem Rathe ber junge Hirt, da er doch nichts Dagegen
zuwenden wußte, ſchließlich folgte, da die erftaunlighe Raltblütig-
des rauhen Weftermannes ihn merfwürbigerweife beruhigte.
Luke verhielt fich in berfelben Lage wohl ſchon zwei Stunden
8, gähnte nur zuweilen und ftredte die Glieder, feine Augen
xten aber unaufhörlich nach einer Richtung hinaus mit einem
3drude, den jeder, der die hiefigen Verhältniffe nicht kennt, viel-
200 Sagerleben in den Prärien,
leicht für Hilflofe Schwäche gedeutet hätte, der in Wirklichkeit aber nur
die Anfpannung feiner ganzen Aufmerffamfeit auf einen Punkt
verrieth.
lötzlich neigte er ſich etwas weiter vor; fein vorher ftarrer
Blick wurde nun noch ſchärfer; er nidte wie befriedigt mit dem Kopfe
und murmelte einige unhörbare Worte, während ein verächtliches
Lächeln über die wettergebräunten Züge glitt, welches fich endlich in
ein wirklich wohlgefälliges Kichern auflöjte. Nachdem er noch ein
oder quei inuten gewartet, berührte er feinen fchlafenden Genoſſen
Jim, der ſich fofort lautlos aufrichtete. Noch eine Minute verftrich,
dann erhob Luke bedeutſam einen Finger und Jim bog gleichfalls
das Haupt laufchend nach vorn. Er nidte zuftimmend aber ſchweigend
und jagte dann lakoniſch auf Jack deutend:
Ihn munter machen?“
„Nicht unnöthigerweife”, meinte Luk, „noch find fie.ja ein Stüd
von Se niert. Fon de die Mu est
gehn Minuten fchlicden weiter dahin — die Kuhjäger felbft
ftill wie Die Statuen. Dann fhüttelte Luf den Sad an den Gaulle
um ihn zu erweden. Jad raffte ſich eilig auf und griff nach feiner
Waffe, fand diefe nicht und fprang nun erfchroden vollends auf bie
ül
e.
„Rur gelaſſen, junger Freund, gelaſſen!“ ermahnte ihn Luk mit
leiſer Stimme.
„Sind fie gefommen?“ flüfterte Iad.
„Hört jelbjt!" war Die Antwort.
Jack that es. Zuerjt vernahm er gar nichts; dann tönte fernher
aus ber Prärie das langgezogene Geheul eines Coyote.
„Hört Ihr das?“ fragte Luke.
„Hören... mas?“
„Den Ruf des Indianerſpions.“
„Nein, ich hörte nur einen Coyote heulen.“
„Einen Coyote, wirklich?“ erwiderte Luk höhniſch. „Ich glaube,
Ihr würbet das Geſchöpf, von dem jener Laut ausging, für einen felt-
jamen Coyote anfehen. Der Coyote jollte aufgefmüpft werden, junger
Mann! Papt nur weiter auf.”
Der Hirt that es, hörte aber wieder nur das Geheul eines
Wolfes oder doc die fo geſchickte Nachahmung eines ſolchen, daß
niemand den Unterfdied zu bemerfen vermocht hätte Es entging
ihm jedoch nicht, daß der zweite Laut aus einer, der des erften ganz,
entgegengejegten Richtung herfam und ihnen näher zu fein fchien.
Dann folgte wieder ein langes Stillſchweigen, das Jack Alldag*
Nerven mehr angriff, als er je in feinem Leben empfunden Hatte
er wollte auf Luke ſprechen, der Kuhjäger gebot ihm aber mit ung:
duldigen Geberden zu ſchweigen. Als er ihm nachgerade unerträgli
wurde und Jad auf alle Fälle wiffen wollte, woran er fei, erflan
plöglih das melandofifche „Woo-0o* einer Nachteule, kaum einir
Schritte von ihnen und ſcheinbar ber Hüttenthür gegenübe
Sagerleben in den Prärien. 201
Als biefer Laut verhallte, vernahm Jack einen andern, ganz ver
ſchiedenen, das ſcharfe „Klid“ vom Spannen des Piſtols, und als
er ſich raſch umwendete, bemerkte er, wie Luke feinen, Jads vermißten
Revolver, mit Aufmerffamkeit prüfte. Noch ein oder zwei Minuten ver-
gingen, al3 mit erftaunlicher Deutlichkeit, welche einen Todtenjchreden
dur alle Glieder Jacks jagte, das Antwortzfignal „WWBoo-00-000*
fi) hören ließ.
Jack hielt die Augen auf die beiden Kuhjäger gerichtet, welche
trog der fo nahe drohenden Gefahr jene töbtlich ruhige Kaftblütigfeit
bewahrten, wie man fie nur bei Leuten antrifft, deren Leben Tag für
T —F ice ——— und Ara I wenig vr hy m fie mit
er Gleichgiltigkeit, um nicht zu jagen mit froher Hoffnung,
—2 — in ein es Land befördert zu werden, entgegenjehen. Ohne
den ſchreckensſtarren Blick des jungen Hirten zu beachten, jagte Lufe
nur ganz unbefangen:
„Run laßt fie nur etwas näher heranfommen. Einem ber Kerle
muß ich doch eim Luftloch durch die Bruft beibringen.“
Wiederum verftrich eine Weile ſchweigend, dann froch Lufe
ae wie ein Panther auf Händen und Füßen vor die Hütte
inauß.
Noch eine Sekunde und der laute Knall des Piſtols donnerte
durch die ftille Nacht; ein zweiter umb ein dritter folgte dieſem. Die
beiden anderen Männer ftellten ſich, mit den Meffern in der Sa
in der Nähe der Thür auf und laujchten auf eine Antwort vonjeiten
ber Indianer. Zufe aber fam jofort zurüd, um die Waffe noch ein-
mal zu laden, und wetterte über fein Mißgeſchick, feinen der roth-
häufigen Burfchen_getroffen zu haben. Dann trat er wieder hinaus
und fpannte, das Ohr auf den Boden legend, auf jeden Laut. Offen-
bar befriedigt, daß die Indianer ſcheinbar jeden Sngriff aufgegeben
hatten, bemühte er ſich noch, die erjchredten Schafe zu beruhigen,
und fagte, als er raſchen Schritte nad) der Hütte zurüdfehrte:
„Sungens, ich glaube, für heute Nacht iſt's mit der Komödie
vorbei. Im den nächften vierundzwanzig Stunden wird feiner von
diefen Spigbuben bie achbarjchaft unficher machen, wir fünnen alſo
ruhig hineingehen und ausfchlafen wie überarbeitete Nigger. Laßt
mir auch ein Stüd von der falifornifchen Dede zukommen, junger
Freund“, wandte er fi) an Jad, „ich mag nicht um aller Indianer
willen, foviel es von die bis zum Golf von Mexiko geben kann,
länger wach bleiben. Gute Nacht!“
Mit diefen Worten breitete der Fremde Jads große Dede fo
3, daß fie für zwei Raum bot, und binnen zwei Dinuten lag er
on in gefundem Schlafe.
Wir brauchen wohl nicht zu fagen, daß Jack feinem Beifpiele nicht
fecht zu folgen vermochte. Er warf und wälzte fi) umher, wurde
mal Heiß, dann wieber falt und fürchtete jede Minute, das ver-
tige Signal des Indianerjpions zu vernehmen. Endlich ging die
cht zu Ende und die goldene Morgenfonne fchien die ſchwere
Der Salon 1889. Heft IL. Band I. 14
202 Sagerleben in den Prärien.
Laſt mit wegzuzaubern, welche unferen jungen Hirten ı
bedrüdt Hatte.
Die drei Männer erhoben ſich vom Lager, Jad, um
imbiß zu bereiten, und Die anderen, um nad) ihren Pfe
welche vom gejtrigen Abenb her nahe beim Lager angeb:
waren. Luke kehrte fchnell zurüd und betheiligte fich,
ganz Feten an den Küchengefchäften, indem eı
ratete und mit großem Geſchick Brod buf. Jim hütı
die Schafe, bis jene Vorbereitungen beendet waren, wo
einen lauten „Zeranerfchrei* durch feinen Kameraden
wurde.
Nach eingenommenem Frühſtück machten Jade Gäf
zurecht und bereiteten fid zum Aufbruh, Der wortke
abſchiedete fi von Jack durch einen Träftigen Händı
mit einem einfachen „Adios“ feinen Pony und fegte d
nad) der nächiten Grenzniederlaſſung Ey Zufe dage
noch furze Zeit, Iegte Die Hand auf Jacs Schulter und
vor dem Abjchiede noch folgende Rathichläge:
„Well, junger Freund, ich fürchte, Ihr werdet n
Zeit durchzumachen haben; jene rothen Teufel werden ı
um fi) Euch einmal näher anzujchen; in Mondfchei
Ihr niemals ficher davor, daß fie Euer Lager umſchwwä
den Sechsmäuligen immer bei der Hand und brennt i
Coyote oder Eulen Euch allzufehr beläftigen. Das ver
Jad“, jegte er, die Augen feft auf den jungen Hirten
jo beitimmt und etwas Hingezogen fprechend, wie mar
Wejtermännern gewohnt ift, wenn fie ihren Worten e
ſonderen Nachdruck geben wollen, zum Schluffe Hinzu, .
ſag' ich Euch, wenn die Ute-Indianer Euch in einer
zu fepr bebrängen follten und Ihr hättet deren Ann
verfchlafen, denkt daran, niemals Iebend in deren Häı
Verſieht Ihr mich? Denkt daran, den rothen Teuf
lebend in die Hände zu fallen! Euer großes Meſ
ken Augenblid zur Hand haben. tet es feit,
ichtung· — er zeigte dabei auf die jend des Her
wenn die erſte Rothhaut die Naſe durch Eure Thin
ſtoßt es hinein, bis zum Griffe, das iſt alles. Cs Tor
auf das Nämliche hinaus, und höchjitwahrfcheinlich rei
davor, über ſchwachem Feuer langſam geröftet zu n
haltet die Augen auf, junger freund, ich fehe Euch w
mal wieder. Adios!“
Mit diefen recht ermuthigenden Abſchiedsworten ſch
Kubjäger auf fein Pferd, trieb biefes mit dem 8
jaloppirte feinem ſchon vorausgeeilten Begleiter nad.
ich der Heerde zu; fein kaum neugewonnener Muth !
durch Luks Warnung gar gewaltig abgekühlt; da er jede
beweglichem Temperamente war, fo verſchwand auch
£agerleben in den Prärien. 203
bald wieder, und ala er die ihm längſt befannten Pfade dahinichritt,
erjchienen ihm Die Säreden der legten Nacht nur noch wie ein Traum.
Als indeß der Abend herabfant, ftellte fich beim Verſchwinden der
Sonne doch die Erinnerung an die Indianer Iebhaft wieder in ihm
ein und verfegte ihn in eine recht unbehagliche Stimmung. Bas
Abendefjen war vorüber, die erlofchene Afche der Iegten Pfeife aus-
geklopft und wieder herrſchte ringsumher Dunkelheit und Schweigen.
Noch empfand er elerbings nichts fchlimmeres, ald eine etwas
peinlichere Mahnung an das Gefühl von Elend, das ihn während
der erſten Nacht feines Lagerlebens gequält; Luke hatte ihm ja ver-
ſichert, daß vor Aufgang des Mondes von den Indianern nichts zu
fürchten ſei. Bis dahin mußten wenigſtens noch drei Stunden ver-
gehen; fo widelte ſich Jack alſo in feine Dede und bemühte fich,
vorläufig einzufchlafen. Er glaubte freilich felbft nicht an ein Ge—
lingen, denn die Bietfagenben Worte „falle den Rothhäuten nicht
lebend in die Hände“, Hangen ihm immer noch in ben Ohren nad,
al3 wären fie eben ausgefprochen worden.
| Der Mangel an Schlaf während ber Tegtvergangenen Nacht übte
aber doch feine Wirkung. Trotz feiner Befürchtungen übermannte
ihn endlich die Mbgefpanntheit und bald fchlief er feſt wie ein
Maulwurf. So vergingen drei biß vier Stunden, wo die Stille
nur durch das tiefe Amen des Schläfers unterbrochen wurde. Plötz⸗
lich fuhr Jack auf und war aud in einem Augenblid volllommen
wad. Was war da8? Er fonnte fich feine Erklärung über feine
Unruhe geben, denn nicht war zu fehen und zu hören. „Halt, was
iſt das?“ Woo-oo-oo0! „Das Eulenfignal der Brärie. Gerechter
Gott, die Indianer fommen heran. Doch warte eine Minute, viel-
leicht rührt es immerhin nur von einem Vogel her.“ Jack überlief
ein eisfalter Schweiß, mährent er den Athem anhielt und auf eine
Antwort auf jenen Laut laufchte.
Eine Stunde fehien zu verftreihen — in der That waren es
nur wenige Gefunden — und ber junge Hirt wollte ſchon erleichtert
tief aufathmen, als graufam beftimmt und Elar von anderer Seite
eine Antwort erfolgte. Zum erjten und zum legten Mal in feinem
Zeben empfand der junge Mann, was es Heißt, „vor Furcht bald zu
fterben.“ Er vermochte feine Hand und feinen Fuß zu rühren; er
laubte feine fchonungslofen Feinde ſchon in der Richtung nach der
Gütte u Hinfchleichen zu hören und rang mühſam, aber vergeblich
nach Athem. Sede Einzelheit von ben fi lichen Quälereien, mit
denen die Indianer ihre Gefangenen zu martern pflegen, die ihm
in den kurzen Worten: „dreiſtündiges Röſten über ſchwachem
er“, angedeutet hatte, traten ihm mit entſetzlicher Deutlichteit vor
Augen! Wo war denn das Mefjer? Er zwang fih mit Mühe,
Hand danach zu bewegen, um es für jeden Sat benugen zu
en. Da ſtrich der Rüden feiner Hand an einem harten, glatten
‚enftand. Das Meffer? ... Nein! Der Griff bes Revolvers
’”= eine Finger umfchloffen denfelben mechaniſch und die Be—
14*
204 Sagerieben in den Prärien.
rührung der gewohnten Waffe gab ihm das Gefühl des Lebens und
der Kraft zurüd, das er einen Yugenbtid aus Furcht vor dem un-
fichtbaren, Yredtichen Feinde eingebüßt hatte.
Mit verächtlichem, aber verzweifeltem Aufſchrei fprang er
aus dem Bett, ftürmte hinaus umb feuerte den Revolver nach
rechts und links ab. Jeder Schuß ſchien feine Erregung zu ver—
mehren. Er leerte alle Kammern, Iud die Waffe aufs neue und
feuerte wieder in jeber Kihtung. Jetzt erfchien bei ihm die Gegen-
wirfung nad) der früheren anhaltenden Furcht fo ftark, da ihn wohl
jedermann für toll gehalten hätte. Mit Ichäumendem Munde ftampfte
er mit den Füßen den Boden und fchrie höhnend den Indianern zu,
welde, als fie erfuhren, daß die Beſitzung hier noch immer gleich
ſcharfe Wache halte, wahrfcheinlich ebenfo leiſe davonſchlichen, wie fie
gelommen waren. Jacks Einbildung nach, krochen fie freilich noch
in der Nachbarfchaft umher und warteten’ nur auf den Augenblid,
wo er ſich einmal vergeffen würbe, um in feine Hütte einzudringen,
ihn zu flalpiren und elend zu Tode zu martern.
Da er jeboch auf feine usforderungen ohne Antwort blieb
und fein fieberhaft erhigtes Blut ſich allmählich abkühlte, fo trat
Jack endlich in feine Hütte wieder ein. Natürlich ſchloß er dieſe
; Nacht Fein Auge mehr. Stunde auf Stunde ſaß er laufchend mit
: aufeinandergepreßten Zähnen und weit geöffneten Augen, ſchrak bei
jedem Laut zufammen und Hielt ſich, troß ruhiger Ueberfegung, über»
zeugt, daß die Indianer doch noch wiedererfcheinen würden.
Endlich kam der Morgen und zu feiner großen Verwunderung
fand er fich noch am Leben und unſtalpirt; doch obwohl nach einem
uten Frühftüd und einem Wege von etwa fünf Meilen, den er ber
jafe wegen zurüdlegen mußte, fein Muth wieder die Oberhand
jewann, kam es ihm biefes Mal doch nicht fo vor, als ob bie fchauer-
fe Erfahrung der Nat nur ein Traum geweien wäre. Das
, Bemerfenswertheite aber war, daß er jede Furcht vor den Indianern
; verlor. Wenn er der Finfterniß und der Stille gedachte, während
i die gefpenftigen Signale näher und näher kamen, el ihn, jtatt
> eined Durchihauerns von Angit, jegt eine ftrenge, tobeömuthige
Empfindung, die ihm zu jagen ſchien: „Laß fie beginnen, was jie
wollen, mich kümmert's nicht mehr!“
. Als jo Tag für zu verging und er feine Nacht, wenn er ſich
. um Schlummer niedergelegt, mehr fiher war, am nächſten Morgen
Gehend zu erwachen, erblaßte aber doch altmäbtih fein jugendlicher
Enthuſiasmus und die Luft an einem folchen Leben. wurde
zwar nicht wieber von Indianern beläftigt, noch befam er fie üb
haupt wieder zu Geficht, doch immer und immer fam ihm der €
danfe, wie alein und hilflos er hier ben gefährlichften Feind
gegenüberftand. Er brauchte ja nur einmal zu feit zu fchlafen
dann blieb ihm nichts übrig als ein Selbftmord, oder die Tori
mit qualvollem Tode.
Nach mehrmonatlichem Lagerleben fehrte er endlich nach i
£agerleben in den Prärien. — Im Walde. 205
Rande zurüd, und fo rauh das Leben hier auch war, erſchien es
ihm doch wahrhaft Se gr den Aufenthalt allein da draußen
in der endlofen Prärie. Jaı dag war auch niemals wieder längere
Zeit allein im Zager, und die Umttände führten es mit fich, daß er
nad einigen Jahren in das alte, verlaffene Vaterland zurüdtehrte.
Doc) obgleich er jegt da angefiebelt ift und faum Ausfiht Hat, das
Leben im fernen Weſten wieder aufzunehmen, fo hat Diejes doch
einen Eindrud auf feinen Charakter hinterlaffen, der durch die oben
geichilderten Erfahrungen fich zu tief einprägte, um fich jemals wieder
ganz ausgleichen zu können.
Im Walde.
3 ift gut fein
Im ginen Walde,
m Somenſchein
Auf Bergeshalde.
Der Morgenwind
gan aus den Bäumen
ühl und gelind,
Uns zu umjäumen.
Waldvogleinſang
Tont in ber Runde
Und Glockenklang
Aus fernem Grunde.
So ganz allein —
Wie träum ich balde:
Es ift gut fein
Im grünen Walde.
D. Saul.
Ein Fiterarhiſtoriker.
Bon Max Vogler.
unferer Zeit mit ihrem unruhevollen Drang, ihrer
ieberhaften Haft, ihrer unendlichen Fülle immer neuer
a und Strebungen auf allen Gebieten, wer-
ven ſelbſt die Beten und Edelſten mit ihren werthvollſten
Zeiftungen ſchnell vergeffen: Das gilt — ganz wenige Audnahmen
ausgenommen — insbejondere auch von ben Dichtern und ihren
Werken. Die Vertreter der Poeſie, ber fchöpferifchen Dichtkunſt ge⸗
nießen ja ſchon bei ihren Lebzeiten nur felten bie ihnen gebührenden
Ehren; wenigitens werden fie in dieſer Beziehung Hinter anderen
Kunftjängern, und namentlich den Virtuoſen der reprobuftiven Kunft,
den Bühnengrößen und Mufifern, gemeinhin ‚mei, Aurüdgefe t. Nach
ihrem Tode aber ruhen fie meift in den großen Maufoleen Lite⸗
raturgeſchichten in einſamem laf, und ſelbſt unter den Gebildeten
ſind es nur wenige, die höherer Stimmung, als fie das Alltagsgetriebe
auffommen läßt, fähig find, welde dort dann und wann geiftige
Bebürfniffe zu befriedigen fuchen. Weit eher weiß fich das große
Publikuni mit dem fiterarifchen Bilde, dem Eſſay, der Monographie
zu befreunben, die ihnen eine Hervorragende Perfönlichkeit nad) ihrer
ganzen Bebeutung, in ihrem gejammten Wirkungskreife, mit allen
weſentlichen Umftänden vor Augen führen, fie für den Lejer gewiffer-
maßen geiftig auferweden. Der eonvaraphı der Effayift unterzieht
is daher auch in der Regel einer viel dankbareren Aufgabe, als der
iterargefchichtichreiber im gewöhnlichiten Sinne diefes Wortes, ı
das umfo mehr, je größer das Geſchick ift, mit welchem er biefe A
gabe zu löfen vermag.
& gerabegn meifterhafter Weife behandelt feinen. Stoff Eı
Biel in einer Reihe Titerarhiftorifcher und kritiſcher Aufjäge, die
als „Literarifche Reliefs" bezeichnet, und von denen jetzt (Leiy
Ed. Wartigs Verlag) der zweite Band erichienen ift. Im Vorw
des erjten Bandes rechtfertigt der Verfaffer den Titel der Sammfı
Ein £iterarhiftoriker. 207
damit, daß er ausführt: wie in der bildenden Kunft zwifchen dem in
Farben ausgeführten Porträt und der zu plajtiiher Rundung heraus-
gemeißelten Büſte das Menfchenbildnig en relief, das Flachbild mit
dem Rundbild verjchmelzend, in der Mitte ftehe, fo nehme zwifchen
der rein belletrijtifch gearteten, oft novelliftiich gefärbten Studie über
einen Einzelcharafter und der vornehm-gelehrten, biographifch-piycho-
Iogifchen Monographie der moderne literarhiſtoriſche-kritiſche Eſſah —
„ber einerfeits, ohne die fünftlerifche Form des belletriftiichen Charaf-
terporträt3 erreichen zu wollen, doch deſſen farbige Zrifche nicht ent=
behren möchte und anbererfeit3 unter Verzichtleiftung auf, ben vollen
atabemijchen Apparat, doch ber Strenge und des Ernftes der wiſſen⸗
ſchaftlichen Monographie fich nicht ganz entfchlagen darf“ — feine
Stelle ein. Es muß ohne weiteres zugegeben werden, daß die vor—
liegenden nLiterarifchen Reliefs“ durch das darin liegende Gleichmaß
und den Einflang von Friſche und Strenge in diefem Sinne ihre
Bezeichnung durchaus rechtfertigen.
Der erite Band der Zieljhen Sammlung hat in Band II,
Jahrgang 1885, Heft 12 des „Salon“ bereits eine kurze Bejprechun,
erfahren, und wenn dort am Schluß ber Wunſch ausgebrüdt ib da
der Verfaſſer ſein Werk ausbauen und fördern möge, ſo iſt das in
der ii vorliegenden Fortfegung in der glüdlichften Weiſe gefchehen.
Was damals Darjtellung Ernte Ziels naögerihmt wurde: Die
ftrengfte Unparteilichkeit, großer Scharfblid des Urtheils, ein Humaner,
vornehm abgeklärter Geh, der aus jedem Worte fpricht, das be—
ftätigt bie quite Neihe bes Werkes im volliten Maße. Und nicht
zulegt auch das: daß ber Verfaſſer fich nicht derartig, wie er es thut,
in bie poetiſchen Feinheiten hätte vertiefen fönnen, wenn er nicht ſelbſt
ein Dichter wäre, unb zwar ein hervorragender Dichter, den wir
ſchon längft den Beſten und Fähigſten in feiner Gilde beizählen.
Bis in alle Einzelheiten hinein weiß der Verfaffer den Eigenthüm—
lichkeiten jedes der von ihm behandelten Poeten gerecht zu werben;
jede Zeile beweiſt uns, daß fich fein Urtheil auf die gründlichiten
Studien ftügt, er ift nicht nur mit dem Verftande, fondern auch
mit dem vollen Herzen, oft mit Begeijterung bei der Sache, und fein
lebendiger, bilderreicher, dabei fnapper und klarer, ſtets vortrefflich
harakterifirender Stil, muß geradezu für derartige literariſch-kritiſche
Darftellungen als mufterhaft bezeichnet werben. Dabei befißt er ein
bedeutendes Geſchick, vom eigenartig Allgemeinen zum großartigen
oder verwandten Einzelnen abzuleiten, ſei es, daß er die Perjönlich-
feit eines Dichters aus dem gefchichtlichen oder fulturgefchichtlichen
Tharalter der ganzen Zeit heraus erklärt, fei e8, daß er das eigen-
serthige Schaffen eines ſolchen der betreffenden literariſchen Gat⸗
ungsrichtimg verftändnißvoll und wirkſam einreiht. Ein derartiges
erfahren ift ja freilich für jeden tüchtigen und rechten Literargejchicht-
Hreiber felbftoerftänbft , da nur aut diefe Weife das Weſen und
ie Bedeutung einer dichterifchen Individualität in die richtige Be—
euchtung gerüct werden fünnen. - So giebt in der „erſten Reihe“
208 Ein £iterarhiftoriker.
diefer „Dichterporträts" der ausgezeichnete Auffag über Wilibald
Alexis dem Berfaffer den Anlaß, a eingehend mit der Stellung
und den Aufgaben des modernen Romans zu beichäftigen, wobei
„bie oberflädhliche, ſchnellfertige Brillantproduftion gewüer moderner
Romanfabrifanten“ einige gut gezielte und wohlverdiente Geitenhiebe
erhält, diefe „modernen Romanfabrifanten, denen gegenüber der be-
kannte Vergleich an feinem Plage ift, der Vergleich mit einem Tafchen-
spieler, welcher fich den Mund vol Werg ftopft, um fodann mit
affenartiger Gefchwindigfeit endlos nur Viel liche Dinge and Licht zu
fördern: Flittergold und bunte Bänder, Knallbonbons und gemachte
Blumen“. Das ift in der That eine ganz treffende Abfertigung jener
„Bielefang-Move tif“. Und weiter: „Der heutige Senfationsroman
— zumal derjenige, mit dem gewiffe hyſteriſche Schrifttellerinnen
nad) wie vor unfere großen und größten Journale unficher machen
-- hat auf dem Gebiete des Gefchmads und, des gefunden Denkens
gar nicht zu ermefjende Verheerungen angerichtet: jebe3 normale Em=
pfinden echauffiren dieſe auf den Effekt arbeitenden Induftrie- und Mode-
autoren in den Brütofen ihrer überfpannten Subjeltivität fo lange, bis
3 fich nur noch vom Standpunkte der Piychopathie aus betrachten läßt;
den einfachften Gedanken fpigen fie jo lange zu, bis er ſchließlich
ur Marotte wird, und die Sache nach romanhaften Verwidelungen
dr ihre Handlungen treibt fie jo fange in ben Sergängen eined er-
higten Raffinement® um, bis ihre fchriftftellerifi 'achinationen
am Ende auf die Findigfeit der Deteltives von London und Paris
binauslaufen. Das ift Gift für Herzen und Köpfe. Die robufte
Gefundheit im Fühlen und Denken aber, wie wir fie bei Reuter
(ben Ziel in feiner vor allem nach Lebenswahrheit fteebenden ſchrift⸗
ſtelleriſchen Eigenart dem fernigen Schilderer von Land und Leuten
der Mark Brandenburg an die Seite ftellt) und Alexis finden, iſt
das rettende Heilmittel für folhe Krankheiten der Zeit.“ Seine Be-
trachtungen über bie heutigen Aufgaben des Romans nimmt Ziel
ſodann in dem Efjay über Joſeph Viktor v. Scheffel im zweiten Bande
wieber auf, insbejondere, was die Aufgaben des Biftordigen Romans
angeht, dem er als ſolchen feine Berechtigung keineswegs abjpricht.
Nur foll derjelbe nach Ziels ganz richtiger Meinung vorwiegend die
Bahnen ber an wirkfamen Stoffen fo fehr reichen deutſchen ſchichte
betreten und Einkehr halten, ſpeziell „auf denjenigen Gebieten natio—
naler Geſchichte, welche Geift vom Geiſt unterer Zeit find, welche
die Bilbungselemente unferer Kulturepoche aufmweifen, mit und Die gleichen
geiftigen Vorausfegungen und Ideale gemein haben und etwas wie
einen hiftorifchen Untergrund bilden für die Fortfchrittsbewegung der
Gegenwart.“ Obwohl wir e8 nun Ziel entſchieden beftreiten müffen,
daß im deutjchen Mittelalter — wenigitens was gewiſſe Perioden
und Ereigniſſe deffelben angeht — ein Geſchichtsfeld folder Art nicht
u finden fei, fo jtimmen wir ihm doch aud) darin bei, Daß „dem hiftort-
Ihen Roman ber Gegenwart die Einkehr nicht nur auf nationalen
jondern auch auf modernen Boden aufs innigite zu wünfchen wäre
in, Kiterarhiftoriker. 209
Hier liegen nad) der Anſchauung ber fortfchrittlichen Literaturbe-
trachtung die Bahnen, auf denen das Ideal der Gattung zu ver-
wirklichen wäre... Die Dichtung des Jahrhunderts fol das Jahr⸗
hundert wiederſpiegeln, wiederſpiegeln in ſeinen Idealen und Irr-
thümern, in feinem Ringen und Kämpfen, in feiner Arbeit und
Andacht, mit feinen Göttern und Gögen; fie foll das Prinzip des
Mobernen auf ihre Fahne fchreiben, des Modernen zugleich mit dem
des Nationalen.“
Ernſt Biel fteht auf dem Standpunkte vollftändiger Unbefangen-
Beit umd eines wohlthuenden Freimuths, wie das insbeſondere aus
feiner gerechten Würdigung der Bewegung des Sturmjahres 1848
roorgeht. Man vergleiche in dieſer Beziehung vor allem feine
uffäge über Gottfried Kinkel, Morig Hartmann, Ferdinand Freilig-
rath und Gottfried Keller. Die politifche Dichtung jener Bemegung®
zeit ift in dem umfangreichen Effay über reiligrath ganz vortrefflich
Harafterifirt: „bie jüngere Generation von heute“, heikt es 3. ®.
dort, „nur allzu ehr befriedigt von Deutſchlands Vactitellung,
Einheit und Kaiferglanz und im ganzen ohne Seh freiheitliche
Bedürfniffe, begreift faum, um mas es 10 13 handelte, was zu
erfämpfen, zu erringen war.“ Und ebenjo zutreffend ift das Bih,
welches der Verfaffer im Eingang feines Bufao Freytag gewidmeten
Aufſatzes von den Zuſtänden in Literatur und öffentlichem Leben
während ber dem Jahre 1848 folgenden ſchwülen Reaktionsperiode
entwirft. Der heutigen Generation, al3 deren „eigentliches Gepräge“
man „die Gefinnungslofigfeit“ bezeichnet, weiß der Verfaſſer ebenjo
jelegentlich ſehr ungefcheut bie Wahrheit zu jagen, wie er an anderm
Sir beifpielaweife der heutigen „praftifch-induftriellen Bühnenära“
die gebührende Kritik zutheil werden läßt. Biel verleugnet aber
nirgends ben vornehmen, auf Ideale gerichteten Zug, feiner
menjelichen wie Titerarifchen Perfönlichkeit — iſt
in gehaltreichen Gruppirungen, —— Einzelſkizzen
und werthvollen Anregungen iſt das Zielſche Werk, wie bereits her-
vorgehoben, ungemein reich. In dem Aufſatz über Serligeatg finden
wir u. a. das Auffommen und die weitere Entwidelung der orien-
talifchen Lyrik in Deutſchland in fehr intereffanter Weiſe angedeutet,
i m Ejjay über Fritz Neuter, Ziels norddeutfcher Landsmann,
dem er eine beſonders liebevolle Würdigung angebeihen läßt, Spricht
er fih eingehen über bie Gefchichte der hochdeutfchen Schriftiprache
und den Charakter des plattbeutichen Idioms ihr gegenüber aus; in
dem Aufjag über Karl Stieler würdigt er das Weſen und die Be-
utung der mundartlichen Dichtung überhaupt, dafjelbe gefchieht in
r Einleitung des auf den Grafen Adolf Friebrih von © be⸗
iglichen Eſſahs, hinſichtlich des in der heutigen Welt- und Lebens⸗
ann ſich fo vielfach geltend machenden Weltfchmerzes, in dem
‚Berft gediegenen Aufſatz über Hermann Dinge, in welchem diefer
miale Dichter eine ganz ausgezeichnete Charakteriftif erfährt (ſiehe
md I, ©. 114 ff.), giebt er ehr beachtenswerthe Fingerzeige in
210 Ein £iterarhiftoriker.
Bezug auf die Biele, denen die moderne Lyrik, wenn fie Bedeutung
behalten will, nachzugehen hat, und im Schlußeſſay des erften Ban⸗
des (Johann Ludwig Runeberg) wird in fnappem Rahmen ein Ieben-
diges, farbenfrifches Bild finnischen Lebens und Dichtens entworfen.
Außer den im vorftehenden ſchon berührten Efjays find in dem
Werke noch Aufjäge über den Fürften Hermann von Püdler-Musfau,
Adolf Boettger, den jegt faſt Verſchollenen, deſſen Andenken Ziel in
pietätvoller Weife der unverbienten Vergeffenheit zu entreißen fucht,
über Robert Hamerling, den "berufentten Vertreter der heutigen
pfyhologifchen und fozial-politichen epiſchen Dichtung in Deutitr
land“ und Emanuel Seibel, deffen dichteriſche Individualität nach jeder
Seite hin der Verfaffer in der warmherzigften und dabei gerechtejten
Weiſe feiert, enthalten.
Ein goldenes Wort über den Werth und die Stellung ber
Literatur im nationalen Leben fpriht Ziel in dem Eſſay über
Runeberg, ber feinem Urtheil nach die Aufgaben der Dichtung in
diefem Sinne auffaßte (fiehe S. 218/219 des I. Bandes), aus: „Die
Literatur eines Volkes iſt das Maß für deſſen allgemein menſchliche
Entmwidelung, der Gradmeſſer feines geiftigen und atilcen, feines
moralifchen und äfthetifchen Werthes, ein Spiegelbild Genera⸗
tionen, welche fie ſchufen und welche mit ihr erwuchſen. Aber fie
hat neben ber mehr paffiven Miffion, ein todtes Zeugniß vom ver-
gangenen Leben eines Volkes zu fein, noch jene andern aftive zu
erfüllen: Keime zu neuem, ünftigem nationalen Leben zu pflanzen
und Ei teifen; fie hat nicht nur die Fußtapfen ebeere teens: Ent-
widelungsphajen aufzuweilen und zu bewahren, fte hat auch An—
fnüpfungs- und Yusgangspunfte zu bieten für neue geiftige Pfad-
findungen; fie hat nicht nur zu konſerviren, fie hat auch zu bilden,
zu weden, zu begeiftern, und das ift an ihr die große, Die fittliche
Seite, ihr vornehmfter Beruf.“ ...
Mit dieſen vortrefflichen Worten ſchließen wir diefe Beſprechung
der Ernſt Bieljchen „Literarifchen Reliefs“, von denen nun noch eine
„dritte Reihe“ zu erwarten ift, indem wir das höchft gediegene und
feffelnde Werk allen Literaturfreunden aufs wärinſte empfehlen.
u
Meertraum.
Gigantiſch wachſend ſeine Wogen thürmen,
In wilder Wucht mit brauſendem Geſang
Der Marſchen Dämme ſpottend überſtürmen.
Ich ſah's von Himmelsbläue angeſtrahlt,
Von ſanftem Hauch bewegt, zu meinen Füßen;
Im Widerſchein, der gleichen Azur malt,
Mit treuem frommen Kindesaug’ mich grüßen —
ds fah das Meer in feinem hehren Drang
Doc) fah am lichten ich's, wenn im Zenit
Des Mittags Heiß darauf die Sonne brütet,
Und wie ein Fatum laftend, das Gebiet
Der träumend unbewegten Waffer Hütet.
Dann zudt es jählings aus der Flut empor,
Als ob ein tiefes Sehnen leife klage, —
Wie Hoffnung, die den Glauben laͤngſt verlor,
Wie meines Safeins ungelöfte Frage.
Hermann Hirfchfeld.
ee
Pie Iubiläums-Gewerbe-Ausfellung in Wien. 213
dem fein fann was eine Weltausftellung ift! Unfer Auge ruht ge-
feffelt auf dem anziehenden farbenreichen, prachtftrogenden Bilde, unfer
Herz fühlt fich ſiolz bewegt, wenn wir zur Klarheit deffen kommen,
daß alles, was wir fchauen, Sandesprodukt, ja Provinzproduft ift.
Der Kaifer, dem zu Ehren wie gejagt die ganze Ausftellung in
der Rotunde im k. £. Prater veranftaltet ward, ehr! die Arcangeure,
in dem er Iebhaftes Intereſſe für deren Werk befundet umd fchon
häufig ſowohl bei Tag als auch bes Abends bei elektrifcher Beleuch-
tung das mühevolle Gefammtbild in al feinen ſchönen und lehi⸗
den Details in Augenſchein genommen hat. Die Zeitungen brin-
gen täglich fpaltenlange Berichte, in denen fie dem Publikum dieje
und jene interefjanten Cingelheiten erzählen, e8 von neuem zu
melden haben, daß die Theitnahme, welche man ber en
Schöp| entgegen bringt, von Tag zu Tag im Steigen begriffen
üt. En Kotumde ift jedes Pla von den Ausftellern auf
das Praftifchite ausgenügt worden, außerdem aber find im eingefrie-
deten Ausſtellungspark noch einige zwanzig größere und kleinere
Objekte erbaut worden, in denen fig wertvolle und intereffante
Spezial-Ausftellungen befinden, fo der Pavillon der Stabt Wien und
der Sonanregufirung, des Handelsminifteriums, der Sport-Induftrie,
des Möbelfabritanten Thonet u. ſ. w.
Um annähernd ein erjchöpfendes Bild des Ganzen entwerfen zu
können, müffen wir nad einem beftimmten Syſtem vorgehen und jo
wollen wir denn vor allem vom Südportal aus die Rotunde betre-
ten und Ihnen erzählen, was wir in berjelben des Sehenswerthen
[Ak fo weit ſich dies in dem befchränften Rahmen einer Monats-
ausführen läßt.
Da zieht zunächft ber Pe Kaiſerpavillon die Blicke des
Beſchauers auf ſich. Derjelbe befindet fi dem Südportal gegenüber
und ift im öſterreichiſchen Barofftil aus ber Zeit Leopold I. unb
Karl VI. vom Architekten Emil Bretzler entworfen und auf das Gejchmad-
vollſte ausgeführt. Breite ſchöne Treppen führen an zwei Seiten zu
bem offenliegenden Salon empor, über welchem fich hoch oben eine
zierliche Krone wölbt, von der aus ſchwere, koſtbare Stoffvorhänge
niederfallen, die zeltartig getafft find, jo daß man von allen Seiten
leich freien Einblid hat in den teppichbelegten Salon, an deſſen ge-
Kmadvoller Ausftattung fi) die erften Decorateure Wiens bethei-
ligten. Won dem erhöht daliegenden faiferlichen Pavillon aus hat
man einen bortrefflichen Ueberblick deſſen, was das Innere ber Ro—
tunde zu jehen bietet. Die verjchiebenen gewerblichen Ausftellungen
find in einundzwanzig Gruppen getheilt worden, wodurch das Sehen
und Bergleichen melentfich erleihtert wird. Dem Kaiferpavillon in
direkter Linie gegenüber, erhebt jich im Centrum der Rotunde bis zu
deren Suppel ein ungeheures, phantaftifches, bei jedem leifeften Aut
ug raſchelndes Etwas, über defjen Zwed wir im erſten Moment im
untlaren find; nähere Prüfung ergiebt dann wohl, daß dies der
3apierthurm der Aktien⸗ Geſellſchaft Schlöglmühl ift, ein_origineller:
214 Bie Iubiläums-Gewerbe-Ausftellung in Wien.
Schmud de3 inneren Ausftellungsraumes, ber gleichzeitig als die ge-
lungenfte Reklame im großen Stil bezeichnet werden kann, die Dejter-
reich bis jeßt geliefert. Anregung zur Ausführung diejer eigenartigen
Idee gab der Vicepräfident der Bapier-Aftiengefellichaft Schlöglmügt
Srofeffor Doktor Joſef Arenftein, ein Mann mit dem Feuergeiſt
eines Zünglings, dem Schaffenedrang eines tüchtigen Geiſtesarbeiters.
Der Thurm ift 62 Meter hoch; der folid gebaute, weiß befleidete
Sodel ift mit geſchmackvollen Aquarellen geziert, welche ber Hof-
theatermafer Kautsky geichaffen und die Papierfabrik öglmüpl,
mit ihren Dependencen, den Holzichleifen in Schmigborf und Payer⸗
bad, der Celluloſefabrik in Stuppach und einen Arbeiterfaal im
Schlöglmühl darftellen. Auf dem mafjiven Sodel ruhen die Lafet-
ten, von denen aus das unendliche Zeitungspapier bis zu der ſchwin⸗
delnden Höhe der Laterne empor gefpannt ward. Oben ift die
Pyramide von einer Roſette gekrönt, unter welcher die Papierftreifen
durch) eine Eifenftange zufammengehalten werden. Der ganze Bau
ift unendlich graziös und bietet einen Centralpunkt, an weldem man
II feicht zurecht findet. Im dem Thurme jelbft ift die Ausftellung
er Papier- Altiengeſellſchaft Schlöglmühl zierlich gruppirt. .
In gerader Linie von dem Kaiferpavillon, durch den Schlögl-
mühler Thurm weiter fehreitend, gelangen wir zu dem „Wohnungs-
fragment“ der Firma Portois und Fir, das zur Gruppe XIV fir
Induftrie und Wohnungseinrichtungen gehört und ein allerliebites
Home darftellt, zu deſſen Anſchaffüng Fortuna und aber ein ganz
anftändig gefülltes Geldſäckchen mit in die Wiege gelegt haben muß.
Allgemeine Bewunderung und theilweifen Neid erweckt der Pavillon
Haas, in welchem Hofjumelier Köchert einen Glasfaften ausgeſtellt
hat, der Brillantdiademe, Collier, Haarnadeln und Medaillond ent-
hält, von denen einzelne der Fürftin Montenuovo, den Gräfinnen
Waldftein, Palffy u. f. w. gehören und beffen Gefammtinhalt einen
hohen Werth vepräfentirt Zu den wiener Spezialitäten zählt man
feit Menſchengedenken die Lederwaaren, Galanteriefachen, und da
haben auch die Firmen Auguft Sein, Rodeck und Weidmann ſich
felbft überboten; erfterer ftellt nebft koſtbaren Bronzen, praftiichen
und fchönen Koffers und Handtaſchen mit und ohne Einrichtung
eine ganze Kollektion von Geld-, Brief- und Viſitkartentaſchen aus,
von Peine, hellſtem Leder, darauf maleriſch hingeworfen reizend
geseichnett Vergikmeinnicht-Sträußchen, in der Aihtigen Kaiſer Joſef⸗
lauen“ Saattirung, Segenftände, die zur Bierde gejchaffen, im
prattifchen Gebrauch aber eben: jo ungeeignet find, wie da8 Wateau-
Figürchen des Salons als deutiche Hausfrau in Küche und Speiſe—
fammer. Weidmann hat feinen Pavillon, ber zu den ſchönſten
der Ausftellung gehört, mit Phantafiemöbeln, Kaffetten, Bronzen,
Albums, Mappen, Cigarrentafchen, Enveloppes u. |. w. nahezu über-
laben; Deforationsobjefte, Fächer und Statuetten erhöhen den Glanz
dieſer biendenden Augjtellung. An Glas und Porzellan ift das
Schönfte geboten, was Menſchenaugen in biefem Zweige der Induftrie
b
|
|
Die Subiläums-Gewerbe-Ausftellung in Wien. 215
nur en tönnen und faum weiß man, wem die Palme gebührt;
es iſt da in ber Farbenzufammenftellung wie in der Beichnung
viel geleiftet worden; Lobmeyer, Bacalovic, Schreiber, Wahliß, Gold-
ſcheider, Stellmacher, das find die Firmen, von denen die eine die
andere an Pracht überbietet. Höchſt Iehrreich find die Gewerbe-
Fachſchulen, in denen der Laie erft einen Begriff befommt, welch‘
ernftes, gewifjenhaftes Studium es bedarf, um in jedem Handwerk
auf die ‚Söße beffen 14, empor zu ſchwingen, was gefordert und
geleitet werden fann. rbeiten der Zöglinge des en zweiten,
ritten Jahrganges eines jeden Handwerks werden da gezeigt und
es läßt fidh Deutlich ber Fortſchritt erkennen, welcher ftet3 nach
weiteren Bielen ftrebt. Kumfttiichlerei und Kumftfchlofferei bieten
bes Schönen und Geſchmackvolien in überrafchender Auswahl; in den
Zimmereinrihtungen iſt da jedem Gefchmad und jeder Börfe Rech-
nung getragen, von ber einfachen Bürgerftube bis zum hodarifto-
kratiſchen Salon, von der Kanzlei des Bahlenmenjchen bis zum
Atelier des Künftlers; beredtes Zeugniß für den reinerten Ge—
ſchmack der Gegenwart giebt eine Zimmereinrichtung, die und vor:
führt, wie es vor vierzig Sabren bei dem begüterten Mittelftand
außgefehen. Auch in der Abtheilung der Bettiwaaren- Erzeugung
erregt eine Vetteinrichtung aus dem Jahre 1848 unfer heben,
des Mitleid. Mein Gott, ind die Menfchen doch genügſam geweſen!
Wollte man heute einer unferer Theaterdämchen oder auch einer hoch⸗
nothpeinlich ehrbar reichen Patrizierin zumuthen in einem Bett zu
fchlafen, dem es an Spigeneinjägen und jeidenen Deden, an Bolants
und Dedentafchen gebricht, fie fühlte ſich verfucht zu behaupten eine
Nacht ımter freiem Himmel wäre einem folchen Spartanismus noch
vorzuziehen! . Die Zeiten ändern fa und mit ihnen die Menjchen; das
Hat ſchon anno 1536 der weife Mathias Borbonius auögejpr:
va ſeither ift Fl Citat in feten (he Der ohne — ich
fen Wahrhaftigkeit nicht anfechten läßt. Der Zimmereinrichtung
würdig zur DH ftehen die Hauswirthichafts-Effeften, Patent-Koc-
eſchirte aus Nidel von Breden, Berndorfer Metallmaaren, Eßbeſtecke,
—— in brillanter Silberimitation, Badewannen mit Glas—
latten- ertteibung und in ber Küche fo vielerlei neuartige Mafchinen
ür jede Arbeit und Verrichtung, daß die Längft nöthige Denkmaſchine
für den regierenden Küchengeiſt balb inf wird, weil jebe
Arbeit fich von felbft macht. Die Tugenden und Lafter des ſchönen
Gejslentes finden vollſte Verücfichtigung; zu den Erfteren barf
unbezweifelt der Feib gerechnet werben und dem läßt ſich in ben
izenden Hanbarbeit3-Etabliffements der Frau Kabilka, der Kreuz⸗
iharbeitö- Firma Hans Denk und auch noch bei manchen anderen
ndarbeitö- Ausftellungen in reichem Maßſtab Rechnung tragen.
e Heinen und größeren angefertigten oder anzufertigenden Kunft-
fe werben dort überall auch zum Verkaufe geboten. Daß über-
ge Bugfucht unter die Later eingereiht werden müßte, wird jeder
mann behaupten, dem man allzuhäufig die langen Rechnungen
216 Die Subiläums-Gewerbe-Ausftellung in Wien.
der Konfektionsladen vorlegt, welche Besahlung beifchen; wer nun
jegen ſchöne Seidenftoffe, elegante Hüte, foftbare Spitzen, gierlice
er und all’ ‚Jene andern theuren „riens“, die zur Vervollftändi-
ung einer tadellojen Damentoilette gehören, fein mit den ftärkften
janzerplatten geſchütztes Se hat, der gehe nicht in die Ausftellung,
denn entweder macht ihm das viele Schöne, deſſen er anfichtig wird,
dag ſchwer, oder die Börfe leicht und beides ift fein angeneh-
mer — Doch wir müſſen weiter eilen, wollen wir nicht den
Rothitift der Salon-Rebaction zum Kampfe herausfordern; und fo
ſprechen wir denn nicht weiter von den ſchönen Mekgewändern und
Kirchengeräthen, dem wertvollen Gefchmeide, den Produkten ber
Tertil-Induftrie, bei deren Anblid jeder Hausfrau das Herz im
Leibe lachen muß. Wir ſchweigen auch von dem Majchinenwejen
und verlaffen die Rotunde um draußen die hervorragendften Objefte
in Augenfchein zu nehmen. Da jaben wir zuerjt den Pavillon der
Stadt Wien, einen reizenden Holzbau mit reichem Portal und geoben
Rundfenftern, der unter der Leitung des Stadtbaudireftord Berger
entftand und die Entwidelung Wiens während der legten vierzig Jahre
darthut. In dem Mittelfaal jehen wir einen Riefenplan der Stabt,
auf welchem ſich der Fortſchriti und die Neugeftaltung in unferer
alten Kaiſerſtadt und jedem einzelnen Bezirke derſelben jo recht deut-
lich verfolgen läßt. Höchſt gelungen find die vier aroßen Bilder
des Malers Petrovits, der Graben vor vierzig
Zipplingerftraße im Jahre 1848 und heute.
Zubauten fowie die Sterblichkeitöverhältniffe fü
und Biffern beweifen, wie fegenbringend Die
die fanitären Verhältniffe der Stadt wirkte:
Stadtgärten, Badeanftalten und Schulen, des
Friedhöfe find in den beiden Nebenfälen planmi
all’ das ift eingehender Nuseinanberjegung und
jerwürdigt, was zur Sörberung und Hebung
Fee en ift. Zu ben werthvolliten Objekten |
zählt man den Pavillon der Stadterweiterung ur
Kommiffion; er liegt jenem der Stadt Wien ge
ein am 20. Dezember 1857 publizirtes gan
wurde der Grund zu jener Regulirung der
deren unmittelbare Folge der Fall der Linienn
den Wien eine bolltändig veränderte Phyſ
Im Stadterweiterungspavillon finden wir Fl
jener herrlichen Neubauten, die unter der 9
Franz Iofef ausgeführt und ins Leben gerufe
des Opernhaufes, de3 neuen Burgtheaters,
Monuments, deffen Enthüllungsfeier noch war
all’ jener lebt, welche das herrliche Zeit am !
mitmachten, und der Hofmufeen. Ueberdies E
Pavillon herrliche Skulpturen und Gemälde: B
und Gegenftände, die zum Schmud der Hofmufecı
Deine, Google
% 5)
Po
Bie Iubiläums-Gewerbe-Ausfellung in Wien. 217
beſtimmt find, fo auch das Modell der Pallas-Athene und des Helios
von Benf, eine Victoria aus En von Kundtmann und deſſen Archi⸗
teltur“. Höchft intereffant find die Wandflächen, welche das Donau-
Beguficumgeprojet darthun, find die Zeichnungen und Photographien,
welche die Baugefchichte diefer Arbeit uns bildlich vorführen. Niedlich
wie ein Spielzeug und doc) geiſtvoll ausgeführt, jo daß felbft der
Laie die ernfte Arbeit erfennen muß, ift das vom Architekten Schind-
ler ausgeführte Relief-Modell, welches die Bauftelle des Uferſchutz⸗
dammes für das Marchfeld, nächſt hepen darftellt.
du den beliebteften Spezial-Ausftellungen gehört der Sport-
Pavillon, deſſen Gebäude nad) Angabe des Ausitellungsdirektors
Architekt E. Breßler von Stadtzimmermeifter Kapp erbaut ward.
Wir finden in demfelben alles, was mit Jagd- und Schieß-, Reit-
und Wajfer-, Fiſcherei- und Eislauf-, Spiel- und Feht-, Turn,
Radfahr- und Touriften-Sport im geringften in Zufammenhang ge-
bracht werden Tann. Wir erkennen die bedeutenden Fortſchritte,
welche leider Gottes die Waffentechnif gemacht, wir fehen alle Gat-
tungen von praftifchem und zierlichem Sattelzeug, Reitftöden und
Sufeifen. Die Mitte des Pavillons ziert ein Kutter unter Segel,
dann giebt es Nennriemen mit Floffen, Sculls fowie englijche Ori-
ginal-Ruder; ferner fehen wir alle wichtigen Geräthichaften der
Angelfifcherei. Der Eisjport hat fich mit einer reichen Kollektion
aller nur möglichen in Deutſchland, England und Amerika gebräud)-
lichen Schlittſchuhen eingeftellt; — jemeter Diamantidi hat die
Eisjport-Abtheilun; vun ein großes Bild geziert, welches den reich
befuchten Wiener Eislaufplag vorführt und auf dem man zahlreiche
Porträts unter den dem Vergnügen des Schlittſchuhlaufens Huldigen-
den en und Damen erfennt. Nächſt dem Spiel-, Fecht- und
Turnſport ift befonders den Radfahrern und Touriften viel Raum
zugewiefen worden und die zahlreichen Bi- und Tricyeles kunſtvoller
Ind koſtbarer Konftruftion erregen allgemeine Bewunderung. Touriften
finden an praftifchen und zwedentiprechenden Befleidungsgegenftän-
den alles, was fie nur irgend begehren, vom Bundfchuh und dem
unvermeiblichen Bergſtock angefangen bi® zur Eßtaſche und dem
Trinkbecher; allerliebite Modelle von Schughäufern und Ausfichts-
warten, Relief3 der Glodner- und Ortler-Gruppe, Photograpbühe
Aufnahmen verjchiedener Sektionen des Touriftenflubs. Auch das
außerhalb de3 Sportspavillons befindliche Muſterſchutzhaus des öfter-
reichiſchen Touriſtenklubs mit feiner einfachen und in jeder Hinficht
zwedmäßigen Einrichtung bietet einen Anziehungspunft, nach welchem
emjig gewallfahrtet wird. Daß es überdies fowohl in der Notunde
als auch im Augftellungsparf nicht an Reftaurationen fehlt, in denen
man leibliche Nahrung in jeder Quantität und Qualität findet, braucht
wohl faum erſt erwähnt zu werben, denn bei Ihnen in Deutfchland
ift es ja ohnehin allgemein befannt, daß der Wiener gut leben will,
folglich diejen Maßſtab auch anderen anlegt, was der Allgemeinheit
zugute fommt. Gerne möchte ich Ihnen noch vielerlei erzählen von
Der Galon 1889. Heft II. Band I. 15
218 Bie Subiläums-Gewerbe-Ausftellung in Wien. — Ber Khan.
dem, was ſich im Ausftellungsgebiete alles ſchauen läßt, aber es ijt da
fo verjchiedenes anzuführen, Daß ich vor der Aufgabe aurücfährede
und Sie bitten muf u mit biefem Kleinen Wegweifer zu begnügen,
der hoffentlich die Luft mehr zu fchauen und mit eigenen Augen zu
kin in Ihnen wachruft. Fühlen Sie ſich dann angeregt eine Sprig-
fahrt nach unferer alten Vindobona zu unternehmen, fo wiſſen Sie
aus alter Erfahrung, daß Stammverwandte aus dem Reich bei uns
immer mit warmem Handſchlag und freudigem Herzen empfangen
werden; auf Wiederfehen alſo am Donauftrande.
Wien, im Auguft 1888.
Der Wan.
3 blinkt der Thau auf Blumen gerne;
Des Himmels Blumen find die Sterne.
Aus diefem Erdendunfel weht
Ein Thränenwind zum Sternenbeet.
Vielleicht in jener Himmelsau
Liegt auf den Sternen au ein Thau.
Rudolf Knuffert.
er RE
Die Xoefie der Gegenwart.
Bon B. H.
Die Poeſie der Gegenwart? Sie jcherzen wohl, Berehrtefter!
Poefie? Im umferer Zeit? Pflüden Sie eine Blume ... hier,
diefe köftliche Noje . . . ein Meifterwerk der Natur! Riechen Sie!
Was riechen Sie? Rofenduft? Gott bewahre! Kohlenjtaub! Be—
jeden Sie fich diefes Meifterwerk der Natur einmal näher! Was
fehen Sie auf den zarten Blättern, im duftigen Kelch? Ruß! Ruß!
Ueberall Ruß! Ruß aus den Fabrifseffen ringsum! Iſt das Poefie,
mein Herr? — Fliehen Sie hinaus aus dem Gewühl der Stadt in
die Berge. Ihre Nerven find zerrüttet, Sie lechzen nach Ruhe und
Einfamfeit. AH, hier diefer prächtige Srdemminlel — Sie fünnen
feinen ſchöneren finden! Da ijt auch ſchon das Gafthaus! Gaft-
haus? Ein folides, einfaches Gafthaus nad) altem Zuschnitt, wo
Sie ein Aenaden mit anheimelndem altväterifchen Hausrath, ge-
funde Koft und reine Weine finden, wo die behagfiche Ruhe des
janzen Haufes Ihnen wie eine Verheißung entgegen weht, daß Sie
Bier gefunden werden? Ja, proft die Mahlzeit! Eine parvenühaft
herausgeputzte Touriftenfaferne, unter ber Thür ein Heer von trinf-
gelblüfternen Kellnern, neben Ihrem Schlafzimmer ein verftimmtes
Klavier, das unter den Mißhandlungen einer höheren Tochter ächzt,
an der Table d’höte zur Rechten ein Bergfex, ber zum zwanzigiten
Mal feine fchlechterdichteten Münchhauſiaden vorträgt, zur Linken
ein Börfianer, der während der Tafel Kursdepefchen lieft, und
gegenüber eine Englänberin mit zwei ungezogenen Rangen, denen fie
von jeder Platte die gäte auf die Teller häuft: ift das Poeſie,
mein Herr? In dem lachendſten Thal eine qualmende Fabrik, auf
dem idyllifchiten See ein puftendes Dampfſchiff, auf dem erhabenften
Gipfel ein lärmendes Hötel und in der tiefften Einfamfeit der gel-
Iende Pfiff einer Lofomotive! Das ift Ihre Poefie der Gegenmant”
Ich glaube, Ihr Standpunkt ift nicht der richtige. Sie ftehen
auf Hoher Warte, aufgebaut aus den Gedenkfteinen Ihrer Yugend-
it, von ihr aus ee Sie unfere Epoche und verurteilen
e, weil fo vieles, was ſich Ihrem fuchenden Wuge bietet, im grelfen
egenfag zu Ihren lichten Erinnerungen fteht. Uber von Ihrer
zhe aus iſt e3 Ihnen naturgemäß unmöglich, fich liebevoll in bie
ngelheiten der neuen Zeit zu verfenken; Sie fehen nur die Ver-
‚derungen, und in Ihrer Anhänglichfeit an die Vergangenheit fehen
e darin nur Verjchlimmerungen. Es ift wahr, undere Zeit ift der
omantik der „blauen Blume“, dem gefühlsfeligen Mondſcheinkultus
15*
220 Am Kamin,
nicht hold; aber daß fie darum poefielos jei, kann ich als echtes und
dankbares Kind dieſer Zeit nicht zugeben. Ihre Poefie ift nur
anderer Art: an Stelle jentimentaler Schwärmerei ift die Poefie ber
That und Kraft getreten — eine Poefie, die freilich dem Geſchmack
derer, die ſich unter Poeſie nur ein wohlgereimtes Singen von Lenz
und Liebe vorftellen können, wenig guiogen mag, dem Sehunben, der
Belt und dem Leben zugewandten Sinn aber umfo größeren Reiz
ietet.“
„Und wo ſteckt ſie, dieſe Poeſie der That und Kraft? Zeigen
Sie fie mir doch! Ich vermag davon nichts wahrzunehmen!“
„Bliden Ste um ſich, in unſer geiftiges, in unſer materielles
Leben: überall tauchen poetifche Momente in Hülle und Fülle empor.
Daß wir und den Blitz des Himmels, vor deſſen verheerender Gewalt
unfere Borfahren zitterten, dienftbar gemacht haben, um unfere Ge-
danken im Flug über Taufende von Meilen zu tragen; daß wir den
Dampf gezwungen, unfere mühfeligften Arbeiten zu verrichten und
uns mit ber Schnelligkeit des Vogels durch Länder zu tragen, von
deren Herrlicheiten unfere Eltern nur fepnenb geträumt haben; daß
der Geift der Bildung und Aufklärung, das Evangelium des reinen
Menſchenthums jegt in Kreife dringt, bie früher in thierifcher Be-
ſchränktheit ihr Dafein verbämmerten: ift das nicht Poefie? Die
Vereinigung großer Völferftämme, die vordem unter der Herrſchaft
zahlloſer Kleiner Tyrannen jeufzten, zu mächtigen Nationen; die Er-
ſchließung ganzer Welttheile, die bisher kaum der gu eines Euro⸗
paͤers betreten Hatte, für Handel und Civilifation; der ungeheure
Aufſchwung des Menjchengeiftes auf allen Gebieten des eraften
Wiſſens; die märchenhafteften Erfindungen, gegen die alle Wunder
von tauſend und eine Nacht in nichts zerflichen; ift das nicht Pocfie?
Poeſie jo hoher Art, daß man es darüber wohl verfehmerzen kaun,
wenn der Jüngling nicht mehr in monbbeglänzter Baubernacht der
Geliebten fein Ständen darbringt? Große Reiche, wie China und
Japan, die ſich ein Jahrtanfend vor der abendländifchen Kultur ver-
ſchloſſen hielten, jenden ihre Söhne an die europäifchen Univerfitäten,
um ſich deren abung anzueignen; große Volksſchichten, die bisher
in Demuth das Jod, der Armuth und Unterdrüdung trugen, heben
trogig das Haupt und begehren ihren Pla an der Tafel des Lebens;
riefige Gebirgeftöde, die nicht nur mit Mühe überftiegen werden
fonnten und dem Handel und Verkehr die ſchwierigſten Schranken
feßten, werden durchbohrt und vom Dampfroß in wenigen Minuten
durcheilt; Zandengen, die früher die Echiffe zu Ummegen von hun—
derten von Meilen yrangen, werden durchftochen; durch das Meer
sicht fich das Kabel, ſchwimmende Paläfte vermitteln den Verkehr
der Welttheile unter einander, der Ballon trägt uns durch die Luft
über Länder und Meere: Zeit und Raum find befiegt vom nie
raftenden Menfchengeift! Und in alledem läge feine Pöeſie? Liegt
Poeſie nur im Verhältniß der beiden Gefchlechter zu einander, nicht
auch im Verhältnig der Völker und Nafjen? Liegt fie nur im Er—
Am Kamin, 221
wachen der fchlummernden Volksſeele zu neuem Leben, zu neuen
Spealen? Nur im Mondenſchein, im Waldesraufchen und Wellen-
gemurmel, nicht auch im Licht der Aufklärung und Freiheit, im
Sturm der aufeinander plagenden Jdeen, im Kampf des Menfchen-
geiftes gegen die feindlichen Gewalten der Natur? Und der Held,
der im dieſem Kampfe unterliegt, verdient er es weniger, vom Strahl
der Poeſie verflärt zu werden, als etwa ein antifer Held, der ledig:
fih aus egoiftiihen Motiven, aus Eroberungs- und Ruhmfucht in
den Kampf z309?°_ Der Ingenieur, der den Gotthardtunnel bohrt
und dabei feinen Tod findet; der Arzt, der fich felbft den Cholera:
feim einimpft, um bie Wirkung der Krankheit am eigenen Körper zu
jtudiren und die Menfchheit von diefer Geißel zu befreien; ber For:
ſchungsreiſende, ber nur von wenigen Dienern begleitet, in unbefannte
Länder eindringt und den Kampf mit ganzen Völfern aufnimmt:
find das nicht Helden, würdig des Griffels eines Homer? Der
arme Derwiſch, der dem Sudan als Prophet erftcht, Hunderttaufende
um ſich fchaart und der brittifchen Weltmacht ſiegreich die Spitze
bietet; der englifche General, der ganz allein, nur mit feinem Muth,
und Gottvertrauen ausgerüftet, auszieht, um diefen Fanatiker und
feinen Anhang zu befiegen; der deutſche Komponift, der, dem Hohn
der Kritif und der Gleichgiltigfeit des Publikums zum Trog, die
Welt durch fein Genie bezwingt und märchenhafte Erfolge erzielt;
der türfijche Staatsmann, der fein Volk aus der Erjchlaffung zu
neuem Leben empor reißen will und im Kampfe mit den widerjtrei-
tenden Gewalten zugrunde geht — lechzen dieje Geftalten nicht
förmlid) nach dem Dichter? Ich könnte fortfahren, könnte Ihnen
noch Dugende von Beifpielen nennen, die meine Behauptung erhärten;
aber ih will Ihnen nicht die Genugthuung rauben, felbft einige
Eutdeckungen auf dem Gebiete der modernen Pocfie zu machen.“
„Hm! Was Sie da fagen, Elingt nicht fo übel.“ ‚
„Die Poefie der Pojtkutichen ift zu Ende, jawohl; aber haben
wir, im fomfortablen, allen Bedüichniffen gerecht werdenden Salon
des Blipzuges dahinfliegend, Urſache, den engen Omnibus mit feinem
Tabafsqualm, feiner Umbequemlichkeit und feinem Schnedengang
urüd zu wünſchen? Haben wir, in einem modernen, die höchſte
Sleganz und Bequemlichkeit bietenden KHötel wohnend, Grund, nach
Ihren gepriefenen Gafthäufern von anno dazumal, die die bejcheis
denften Ansprüche nicht befriedigen fonnten, zu verlangen?“
„Sch glaube, Sie verwechjeln Poeſie mit Bequemlichkeit. Daß
diefe in umferer Zeit bedeutenden Fortſchritt gemacht hat, gebe ic)
ohne weiteres zu.“
„Und ich glaube, daß Poefie ganz unverträglich ift mit Miß—
ftänden, wie fie fo zahlreichen, als poetifch gepriefenen Einrichtungen
jener Zeit anhafteten. Es ijt unmöglich für Poeſie empfänglich zu
bleiben, wenm die Nafe von ftinfendem Tabak beleidigt, das Auge
von unreinem Geſchirr angeefelt wird. Vor fo gemeiner Wirklich
feit flieht die Himmelstochter Poeſie. Der Zauber der Poftkutiche,
222 Am Kamin.
wie überhaupt die Poeſie der vielbefungenen guten alten Zeit beftcht
vielleicht nur darin, daß fie der Vergangenheit angehört. Denn eine
der größten Dichterinnen der Menkäfeit ift die Erinnerung, und
war ift fie — wie die meiften weiblichen Poeten — eine optimi-
— ſchönfärbende Dichterin, die es mit der Wahrheit nicht ſehr
genau nimmt. Sie umkleidet die Vergangenheit mit dem reizvollſten
Bauber, ſtellt alle glücklichen Momente in die günſtigſte Beleuchtung
und bedeckt die unglücklichen wohlthätig mit dem Daniel der Ver⸗
geffenheit oder mildert wenigſtens Fräftig ihren bittern Ernft. Ver—
jangene Leiden und Entbehrungen, die uns, fo lange wir darunter
Kufsten, nichts weniger al3 poetiſch erjchienen, treten uns in der
Erinnerung in einem eigenthümlichen, wehmüthig reizenden Licht
entgegen und dienen nur als Folie, von der fic) die in ber Regel
ſehr befcheidenen Freuden umfo ftrahlender abheben. Darauf allein,
auf diejer verflärenden Macht der Einnerung, beruht das befannte
Lied von der guten alten Zeit. Unſere Väter fprechen mit Weh-
muth von den goldenen Tagen, da der Laib Brod ſechs und das
Seidel Bier zwei Kreuzer Toftete, und vergefjen, daß der Menſch
nicht allein vom Brode lebt, fondern zu feinen feelifchen Gebeihen
auch etwas Freiheit und Aufklärung bedarf — Dinge, die damals
von den Machthabern forgfältig hinter Schloß und Riegel gehalten
wurden, damit fie den befhränkten Unterthanenverftand nicht in Ver-
wirrung bringen fonnten. Unfere Großväter wiederum preifen ihre
Zeit al3 die wahre gute, denn damals famen die Brod- und Bier-
preife dem Ideal der Billigkeit noch näher; aber fie verfchweigen,
daß in jener goldenen Zeit viele Landesväter die Gewohnheit hatten,
ihre Tieben Landesfinder als Kanonenfutter nach Amerifa zu ver-
faufen, um mit dem Erlös ihre Maitreffen zu unterhalten. Geht
man der Sache auf den Grund, jo findet man, daß das gepriefene
goldene Beitalter nie und nirgends eriftirt hat. Jede Kulturperiode
zeigt neben ihren Vorzügen ihre fehr bedeutenden Mängel, und wägt
man in der unſrigen beide vorurtheilslos gegen einander ab, jo
wird man ihr das Zeugniß ausftellen müffen, daß fie ihren Vor—
gängerinnen mindeſtens ebenbürtig und daß insbejondere ihr Fein—
gehalt an Poefie nicht ärmer geworden ift. Daß uns dieje That-
ſache jo wenig zum Bewußtfein fommt, Tiegt wohl — abgejehen da=
von, daß wir unfere Zeit nicht wie die frühere durch das verklärende
Medium der Erinnerung fehen — hauptfächlich daran, daß dieſer
Zeingehalt noch fo wenig zu vollwichtigen Münzen ausgeprägt worden
iſt. Die Voefie der Vergangenheit ftrahft uns, Tosgelöft von allen
ftörenden Elementen, aus zahllofen Dichterwerfen in Eriftallifirte
auch dem blödeften Auge erfennbarer Geftalt entgegen, während d
Poeſie der Gegenwart noch gebunden ruht, des Dichters harren
der ihr die Zunge Löft. Vielleicht, ja währſcheinlich, daß derſel
erft kommt, wenn wir und unfere Zeit längft vergangen find; ab
fommen wird er und dann — dei bin id) Aaer — werden wir bı
unferen Nachkommen um die Poefie unferer Zeit ebenfo beneib
Am Kamin. ‚ 223
werben, wie wir in unferer Kurzfichtigfeit unfere Vorfahren beneiden.
Denn dann wird die Klugheit eines Ulyffes zurüdtreten vor dem
gewaltigen Geift eines Bismard, der in den taufendfältig verzweig-
ten Beziehungen des modernen Lebens mit ficherer Hand die wiber-
ftreitenden Intereffen bändigte; der Glanz des Argonautenzuges wird
verblafjen vor dem unerhört fühnen Zug Stanleys durch den Dunklen
Kontinent; der That des Columbus wird die Reife Nordenjtjölds
um die Welt an die Seite geftellt werben, und die Fühnften Ver—
! wörer des Alterthums werden verbunfelt werden durch die ruffi-
jen Nihiliſten der Gegenwart! Der Luftfpieldichter aber, der es
unternehmen follte, unfere Seit zu ſchildern, wird es nicht unter-
laſſen, in feine Galerie fomijcher Charaftertypen den Mann einzu
reihen, ber, rings von ftrahfender Poefie umgeben, über die Nüchtern-
heit feiner Bei janmert.“
„Ih glaube, Sie werden anzüglich. Adien! Uebrigens danfe
ich Ihnen. Vielleicht retten mich Ihre Ausführungen vor dem
Schichſal. einem künftigen Moliere ala Modell zu dienen.”
„Sch Hoffe es!"
Das Maärchen von der unglüdlichen Meerfei.
Brei nach dem Finnifhen von Gh. Feldtmann.
Signold ift der kühnſte Seefahrer, der je ein finnifches Schiff
geführt. Er ift auch der ſchönſte Mann in ganz Finnland.
So fagen jrenigftens die Mädchen.
Er ift Hoch und ſchlank und eine Fülle brauner Loden weht
ihm ums Haupt. Unter dumfeln Brauen bligen Euge graue Augen
und über dem trogigen Mund mit dem vollen krauſen Barte ſchwingt
- fich eine ftolze Naſe mit muthig geblähten Nüftern. Ja, die Mäbd-
hen jehen nad ihm, wo er aud) landet, er aber ift freundlich mit
jeder und befümmert ſich doch um feine. So ſcheint es, doch —
Manchmal, wenn er träumend auf dem Deck des Schiffes liegt
umd nad) dem jternflimmernden Himmel blickt, dann hebt jeine Bruft
ein Seufzer und: „Swea!" hauchen leiſe und weich feine bärtigen
Lippen. Und daheim, wo ber Ulcaelf durch den düftern Tannen
wald raufcht, im einfamen Köhlerhaus knieet dann wohl ein blondes,
blauãugiges Kind auf dem Bänfchen unter dem Fenſier, ſchaut mit
naffen Augen ben sichenben Wolfen nad) und feufzt: „Signold, o
Signold!" Und der Nachtwind trägt das Wort weit, weit auf das
teer zu dem träumenden Mann auf dem ſchwankenden Schiff; im
aum ftredt er die Arme aus und — näher. und näher fchwebt
n blondes Lieb. Nun figen fie allein im Nachen auf weitem
‚er. Sie ſchlingt ihm Die langen, gelben Zöpfe um den Hals
3 dennoch jcheint fie ihm fo fern, — er zieht fie näher und näher
er will fie küſſen — jet, — ac jeßt, — ba iſt er erwacht.
Nachtwind ftreicht ihm kalt über die Heiße Stirn und fie ıft
224 Am Kamin,
fern, ach jo fern! Noch Jahre fünnen vergehen, bis ein Schiff fein
eigen und erſt dann wird fie ganz fein. Doch er ift jung, er glaubt
an fein Glück und oft, wenn er in ftiller Mondnacht am Steuer
fteht, Mingt hoffmungsfreudig fein Lied übers Meer. Dann tragen
die Wellen den Schall hinab in die Tiefe und die Meerfrauen
tauchen empor und fchlingen den Reigen.
Sie wehen mit den weißen Schleiern und ihre bleichen Leiber
ſchimmern im Mondlicht und ihre grünen Augen leuchten wie Phos—
phor auf dem Wafjer.
Und der Steuermann fingt und fingt; — er fteht nur weiße
Nebel im Monblicht ſich ballen, ſich sajen und verfehwinden. Er
ſieht nicht, wie zwei bleiche Arme verlangend winfen, er fühlt nicht,
wie zwei leuchtende Augen glühend an den feinen Hangen, wie jie
näher und näher kommen, wie fie (oden und funfeln.
Er weiß nicht, warum fein frohes Lied erjtirbt und trübe
Melodien aus der Seele auf die Lippe ihm fteigen.
Und wenn ſchwarze Wolfen am Himmel bangen, wenn der
Donner Fracht und wie feurige Schlangen bie Blitze züngeln, wenn
der Sturm heulend die Bogen peitſcht und die Wogen das Schiff
umarmen, e3 prejfen und fchleudern, daß es feufzt und ftöhnt, dann
ſteht im Wettergebraug ruhig der Mann am Steuer. Seine Loden
zauft der Sturm, er aber ſchaut feit hinaus in das tobende Meer.
Er fieht den Gifcht, wie er weiß zum ſchwarzen Himmel fprigt, er
hört das Pfeifen und Brüllen — doch er ficht nicht das Meervolk,
wie es in tollem QTaumel auf den Wellen jich wälzt, wie's auf den
Wogen reitend und rafend das uralte Sturmlied heult. Und auf
hoher rollender Woge hebt fic) ein Meerweib empor. Ihre weißen
Arme ſtrecken fich und greifen nad) dem Mann am Steuer. Näher
und immer näher trägt fie die Woge — jegt umhüllt ſchon ihr
feuchter Schleier feine Geftalt, ihr naſſes Haar fchlingt fich um
feinen Naden — aber feft führt er das Steuer und das Steuer ge-
horcht.
Da berühren ihre kalten Lippen die ſeinen — ein Schauer
durchrieſelt den Mann: „Herr, reite das Schiff! Herr, rette mich
für Swea!“ So betet fein bleicher Mund. Da ſinkt die Woge zu-
rück und mit ihr die Meerfei.
Sie rauft ihr langes Haar und Hagt und jeufzt: „Ich habe ihn
geküßt, ich habe ihn gefüßt und doch folgt er mir nicht! Aber ich
will ihm folgen, wohin auch fein Schiff ihn trage!” Allgemach legt
fi der Sturm umd immer ferner verklingt das Geheul und Ge:
jauchze des Meervolfs in ber Tiefe. Nur dann und wann tönt’s
noch wie leifer Klageruf durch die Luft.
„Das iſt der Ehri der Möven“, denkt der Schiffergmann. Eı
jeürtert fröhlich feine raffen Locken und feit und ficher führt e
8 Schiff den befannten Weg, den Weg zur Heimat. Hinter den
Schiff in der Tiefe aber ſchwimmt die Meerfei und ihr Tange
weißer Schleier weht oben auf dem Kamm der- Welle. Ci
—
Am Kamm. 225
tingt die bleichen Hände und fingt ein büfteres Lied, das Lied vom
Weh der Liebe. Das Schiff durchzieht das Meer umd oft noch raft
der Sturm, oft noch füßt das bleiche Meerweib den fchönen Mann
am Steuer; er aber fühlt es nicht, denn er denft an Swea, an ihren
warmen, rothen Mund und ihre fonnigen, blauen Augen.
Der Ufeaelf ift ein Iuftiger Gefelle; er kommt aus ben dunfeln
witben Sorit, im dem faum je der Schritt eines Menſchen erflang.
Seine Wiege haben nur wenige gefehen. Er aber fann erzählen von
ber langen falten Nacht und der wunderbaren Mitternachtsfonne;
beide fennt ev von Kind an, denn er ift bei ihnen zu Haufe. Doch
er wuchs und wuchs und fehnte ſich nach Menfchen. Da ſprang er
von Klippe zu Klippe, da ftürzte er fich tollkühn über fchroffe Fels—
gehänge hinab in den flaren, grundlofen See und raujcht und tobt
dabei in wildem Yugendübermuth. Ex wirft feinen Wafjerjtaub den
alten düſtern Tannen in die grünen Bärie und der lieben Sonne
ins Angeficht, wie er meint. Die aber lacht behaglich auf ihn herab
wie auf alle andern Thoren. Ihre goldenen Strahlen fangen den
Waſſerſtaub auf und fpielen mit ihm, weben fiebenfarbige Bänder
daraus und fpannen fie über den See und die alten Tannen. Wenn
aber in feuchtiwarmer Frühlings- oder Sommernacht der Vollmond
über dem See fteht, dann dehnen und ziehen und fchlingen fich weiße,
duftige Schleier über feine gligernden Wellen und die Mondſtrahlen
weben Silberfäden hinein und der Nachtwind baut daraus eine ſchim—
mernde Brüde über den See, von einer Klippe zur andern.
Die Wafferfchleier aber webt nicht der Ufeaelf. So ſchön der
Waldfee auch ift mit feinen Felſen und Tannen, der Ufeaelf bleibt
nicht bei ihm. Er ftürzt weiter, immer weiter; ev wird breiter und
ftärker; jeßt fpringt er nicht mehr über Klippen. Er rollt ftattlich
durch Wiefen und Birfenwälder, er küßt übermüthig die ſchlanken
weißen Stämme und die fchwanfenden zarten Zweige, wenn fie fich
zierlich niederbeugen, um fich in feinen Wellen zu fpiegeln. Nun
fieht er auch zum erften Mal ein Dorf und noch eines und endlich
eine Stadt; aber er will weiter, immer weiter! Da umarmen ihn
die Wellen des Meeres und ziehen ihn hinab in die Tiefe. Dort,
wo der Ufeaelf fich ins Meer wirft, liegt das Schiff. Der Schiffers-
mann aber fteht nicht mehr am Steuer. In Keiner Barke krägt ihn
der Uleaelf auf feinen Haren Wellen und auf den Wellen bfinft und
funtelt das helle Mondlicht.
Die Barke zieht einen breiten Silberftreifen hinter fi) her und
’ dem Silberftreifen ſchwimmt die bleiche Meerfei. Ihre weißen
Ayeier wehen über der Fläche und die Mondſtrahlen weben filberne
äden Hinein.
Schnell gleitet die leichte Varke, denn der Mann brinnen
Hrt rüftig die Ruder. Er ift fröhlich, oft jauchzt er oder fingt
a Lied von den blauen Augen feiner Liebften. Und der Mond
bfeicht und der Tag bricht an und roſenroth ſchimmert der Uleaelf und
irpuin glänzen die Häupter der alten Tannen und die weißen Stämme
226 Am Kamin.
der zierlichen Birken. Der Dann in der Barke zieht die Ruder ein '
und fpricht leife ein Morgengebet.
Dann padt er aufs neue die Stangen und ftromaufwärts
gleitet ber Kahn. Noch mehrmals Bag der Mond vor den Jiegen-
n Strahlen der Sonne — da ragen Felſen zwiſchen den dunkeln
Tannen und laut auf jubelt der. Schiffergmann: „Swea, Swea ich
fomme!" und „Komme!“ giebt ihm freundlich das Echo zurüd. Doch
hinter dem Boot in ber Liefe ſchwimmt die bleiche Meerfei und ihre
weißen Schleier wehen über dem Wafjer leife im Morgenwind.
Beim Waldfee fpringt Signold ans Ufer, die Barfe birgt er
im Buſchwerk und ftürmt dann jaud;zend waldeinwärts. Mitten im
See ragt ſchwarz und zadig die Klippe und um die Klippe freift
ruh'los die bleiche Meerfei. Sie ftredt die ſchimmernden Arme über
das Waffer, fie winkt und weht mit den feuchten Schleiern. Er
jauchzt wieder und wieder in die Ferne: „Swea, Swea id; komme!“
und „Komme!“ klingt es vielfach zurüc von den Felſen. Da fteigt
die Sonne höher und das Meerweib taucht in die Tiefe.
Und die Sonne finkt und der Mond Iugt verftohlen ve die
ſchwarzen Tannen. Am Ufer des Sees wandelt der ſchöne Schiffer
und die blonde Swea. Er jpielt mit ihren gelben Zöpfen und fie
lacht, daß es filberhell über den See klingt. Der Mann beugt fich
nieder und feine braunen Loden mifchen ſich mit ihrem Goldhaar.
Dann ſchlingen fie die Arme ineinander, langjamer fchreitend, fingen
fie ein altes Volkslied. Das Tofen des Waſſers nimmt den all
faft hinweg, aber die Meerfei drunten hört es duch, das Lied von
der heißen, unendlichen Liebe. Verzweifelt ringt fie die bleichen
Hände und ihre Seufzer zittern über den See und durch die Wipfel
der Tannen.
„Hoch, da fingt noch ein Vogel im Traum“; fagt Signold.
Leife erſchauert Swea und ſchweigend lehnt fie ihr Haupt an bie
Schulter des Mannes. Um die Klippe freift die Meerfei. Sie ver-
birgt ihr bleiches Antlig in den Schleiern und der Nachtwind weht
die Schleier weit über den See von einer Kippe zur andern und
die Monbdftrahlen weben filberne Fäden hinein. „O, fieh nur den
See", jagt Swea, „er hat eine Brüde von Mondenfchein!”
„Komm, wir fahren hindurch!” ruft der Mann. Er Idft den
Kahn und hebt das Mädchen hinein. Sie fien einander gegenüber.
Er rudert mit fräftigen Schlägen gegen die Mitte. Der Vollmond
fteht Hoch über dem See. Silbern flutet fein Licht auf den Wellen,
es webt eine Glorie um Sweas Goldhaar und ſchimmert weich in
ihren feuchten Augen. Der Mann zieht die Auder ein. Er lie
vor Swen auf den Knieen. Er umfchlingt mit feinen Eräfti
Armen ihren ſchlanken Leib und ſchaut in ihre feuchten Augen. 2
Kahn treibt unter den Waſſerſchleiern hin der Klippe zu. Auf d
Klippe auf ſpitzem Felsgrat fauert die Meerfei. Ihre grünen
funkeln und fprühen. Ihr Haar fträubt ſich empor, ihre weil
Glieder zuden und winden fi im Krampfe und um fie her flack
Am Kamin, 227
und wehen ihre weißen Schleier und verhüllen fie den Menfchen-
augen.
„Barum weint mein Liebling?“ flüftert der Mann vor dem
Mädchen. „Ich weiß nicht, weiß e3 nicht, Signold!" Und fie jchlingt
ihre Arme um jeinen Naden und er Füht ihr die Thränen von den
Wagen. Da fplittert der Felsgrat unter den bfeichen Händen der
Meerfei. Ein Krach — und den Kiel nad) oben treibt der Kahn
auf der Flut. Wild jaudjzend gleitet das Meerweib zur Tiefe. —
Dreimal fteigt die Sonne empor über den dunfeln Wipfeln der
Tannen, zum dritten Dale gießt der Mond fein filbernes Licht auf
den See. Da trägt die Meerfei zwei Leichen zur flachen Uferftelle.
eft umfchlungen ruhen fie dort, Bruſt an Bruſt. Die Meerfei
‚treicht dem Manne das naffe Haar aus dem Antlig, fie küßt und
füßt feine bleichen Lippen. Sie verfucht die ftarren Glieder zu löſen;
fie will durchaus von dem Mädchen ihn trennen. Und wilder und
wilder wird ihr Beginnen, verzweifelter, rafender ihr Beftreben.
Dann finfen müde die bleichen Neme und ihr Klageruf tönt übers
Waſſer gleich dem Geftöhn des Windes:
„Wehe, Wehe, Wehe! Sie wollte ich verderben und ich ver-
darb auch Dich! Den Felſen von Felſen konnte ich trennen, aber
Did konnte ich nicht trennen von ihr! Nicht fterben darf ich wie
Du! So Tange des Ozeans Wogen tollen, währet mein Sehnen,
währt meine. Dual!" Und fie finkt zurüc in die Flut und ſchwimmt
hinab zum Weltmeer. Wenn aber der Vollmond hoch über dem
Waldfee fteht, dann fit das bleiche Meerweib wieder auf der Klippe
und ihre feuchten, weißen Schleier flattern über dem Waffer und
das Fra webt filberne Fäden hinein. Und fie ringt die bleichen
Hänbe und fie rauft ihr langes Haar und ihre Klage tönt über das
affer gleich dem Geſtöhn des Windes:
„den Feljen vom Felſen konnte ic) trennen, aber Did) konnte
ich nicht trennen von ihr!“
Die neuen Berliner Theater.
Berlin, Anfang Oktober 1888,
Auf dem Gebiete des Theaterweſens haben fich mit dem Beginn
*diesjährigen Winterfaifon in der Reichshauptſtadt große Um-
zungen vollzogen. gu den beiden bisherigen Pflegeftätten ernfter,
iegener dramatijcher Kunſt find drei neue Bingugetrsten: „Das Selling,
3 Berliner- und das Volkstheater. Das Kgl. Schaufpielfaus und
3 Deutfche Theater beftreiten alſo nicht mehr allein die Koften im
halt tragischen Mufe. Drei neue Tempel Thaliens treten
energifchen Wettbewerb und das Nefultat ift eine wahre Hochflut
theatralifchen Genüffen, welche dem operette- und pofje-müden
228 Am Kamin.
Berliner Publitum, dem felbjt die Oper — abgefehen von Richard
Wagner — fein Interefje mehr abgewinnt, gerade recht ift.
Zuerſt eröffnete Osfar Blumenihal die gaftlichen Pforten feines,
neben dem Circus Krembjer, architektonifch ziemlich nüchtern erbauten,
den Manen eine3 der größten deutjchen Denker gewibmeten Theaters.
„Nathan der Weife“ wurde gegeben und — fiel total durch!
Poſſart in der Titelrolle, in München vergöttert, fang in unerträg-
lich eintönigem Leierton und enttäufchte allgemein. Auf Nathan
folgte — nothgedrungen ſchnell — „Anton Antony“, das neueite
Opus Blumenthals, ein Ragout aus dem „Brobepfeil” (Krafinzky) und
der „Großen Glode”. Der moderne Komödientartüffe wurde von
Emil Drach (bisher Frankfurt a./M.) zig aufgefaßt, aber vielleicht
u outrirt gefpielt, das Stück ſelbſt brachte es nicht über einen
Achtungserfolg!
Erfmann-Chatrian, das elſäſſiſche Dioskurenpaar, mußte in Die
immer größer werdende Breſche eintreten, und — ſiehe da! — ein
zehn Jahr altes Stüd, welches keinenfalls „modern“ genannt werden
fann, brachte den erften wirklichen Erfolg. Fürwahr fein glänzendes
Zeugniß für den Direktor Blumenthal, denn das jo hochtrabend im
Prolog angefündigte „Theater der Lebenden“, ift eben nur eine hohle,
auf Reklame und Abonnentenfang berechnete Verſprechung gewejen!
Ganz anders Barnay, der berühmte Mime, der frühere Societär
des deutſchen Theaters, der erſte Anreger der „Genojjenjchaft beut-
ſcher Bühnenangehöriger”, der eminent praktiiche Theatermann. Er
machte nicht Monate vorher die Tautefte Beitungsveflame, er lieh
feine Eröffuungsvorftellung „Demetrius* in Laubefcher Fortjegung
für fich fprechen und fiegte glänzend. Das Bufanmenfpiel war vor-
züglich und ließ die Hand des tüchtigen Regiſſeurs in taufend feinen
Einzelzügen erkennen. Auch „Ihſe“, Schaufpiel von Hans Olden, die
erfte Novität auf dem Stonverjationsfelde war ein wahrer Triumph
für Barnay, al3 „Entdeder neuer Talente”. Dabei hat das „Berliner
Theater“, früher „Walhalla*, feine Preife — im Gegenjag zum
„Lelfing-Theater“ -— fo folid geftellt, daß die breiteften Schichten
bes Buͤrgerthums auf guten, bequemen Plügen dem Bedürfniß nach
Erbauung und Erquidung im Neiche des ſchönen Scheines genügen
Önnen.
Gar traurig hingegen liegen die Verhältniffe, wenn wir nun-
mehr ung dem „Volkstheater“ des Herrn Witte-Wild, früheren Opern-
fängers aus Dresden zuwenden. Angeregt durch Schönthans Wiener
PVolkstheater“, gab diejer Herr, faft ein völliger Neuling als Theater-
leiter, dem früheren DOftendtheater, unglüdfeligen Angedenfens, di:
Bezeichnung, ohne fich im geringften Über das darin ausgefproch«
Programm flar zu werden.
„Eine unglüdfeligere Wahl wie „Struenfee” von Michael B
konnte gar nicht getroffen werden“, fagt Hans Herrig im „Deutje
Tageblatt” und er hat recht.
Was ift uns heutzutage diefer larmoyante Aufguß von „Dt
Am Kamin. 229
Stuart“, „Egmont“ u. j. w, was foll dieſes todte Leſedrama für eine
lebendige Wirkung auf das „Volk“ erzeugen?!
Gewiß wird niemand unbillige Anſprüche an eine Vorftadt-
bühne ftellen, aber die völlige Unzulänglichkeit des Damenperjonales
und die abjolute Talentlofigfeit des Trägers der Titelrolle, welcher
nur eine unerträgliche öde Routine bei gänzlicher Mittelloſigkeit in
die Wagſchale legen konnte, machte die obkto endfte Wirkung.
Falls die Direktion mic bald ſich bejinnt und eine rüftigere
Kraft ala Herrn Welly als Regiſſeur beruft, fo ift dag ganze Unter-
nehmen wieder einmal eine Todtgeburt und das als „Leichenhaus“
berüchtigte Theater hat neue Opfer gefordert.
Hans Derlon.
Nippfaden.
Farſtliche Pracht. Unter allen Fürften feiner Zeit führte Karl ber Kühne
von Burgund (14671477) ben prumfvolften Hofhalt, woflir folgende Thatfachen
einen Beweis bieten. Al Karl im Jahre 1473 nach Trier auf den Reichetag zog,
sählte fein Gefolge 5000 prächtig gerüftete Reiter. Geine Kleibung beftaud aus mit
ben größten Perlen reich befegtem Goldftoff und fam auf 200,000 Goldgulden zu
fiehen. Das Gafmapl zu St. Marimin, zu weldem er den Naifer, Friedrich IM.
(1440—1493), einfub, entfprady ber Prachtliebe des Wirthes. Die Wände und ber
Fußboden des Zimmers waren mit foftbaren Deden bekleidet; alles Tijchgeräthe war
von Silber, bie Becher mit Perlen und Edelſteinen reich beſetzt. Vierzehn Gerichte
eröffneten das Mahl, worauf zwölf und batın zehn ebenfo Löliche folgten. Endlich
Tamen bie allerjeltenften Arten Konfelt, welches auf breikig goldenen Schüffeln aufge»
tragen wurde, von bemen man eine im Werthe von 6000 Goldgulden ſchätzte. Beim
Auftragen eines jeben Ganges gingen 16 Grafen in Golbftoff geffeibet voran, 20
Trompeter, 4 Pfeifer und 2 Heerpaufer. Gervirt wurde von 200 Loftbar geffeibeten
Dienern und al® Tafelwache waren 200 Trabanten zugegen.
Noch viel großartiger war das Gepränge, als in Jahre 1468 Karl feine Hochzeit mit
Margarethe von England zu Brügge in Fiandern feierte. Der Speifefaal mar ganz
mit goldenen Tuchern dekorirt. Auf der Tafel ſtanden 30 köſtliche Schiffe, beladen
mit ben verichiebenften Braten. Jedes Cchiff hatte 4 Boote, in weldem fid Gemitfe
zum Braten befanden. Als nun die Gäfle fagen, lam ein ale Einhorn beforirtes
Pferd vor ben Tiſch; auf ihm faß ein Knabe, verffeibet in einen Leoparben mit dem
Banier Englande und einer Perle. Unter dem Schale der Mufil ging das Ein-
born um die Tafel, blieb dann vor bem Bräutigam ftehen und reichte ihm die Perle
mit einer Anrebe. Mad) biefem erjchien ein Füne, in welchem vier Hodhlänger faßen,
die fi mit einigen Gefangftüden vernehmen liehen; anf bes Lünen Hden faß
eine Schäferin. Am nächften Abende fpielte man bie Abenteuer bes Herkules, wobei
ein Greif vorfam, aus weldem allerlei Vögel flogen. Am britten Abende wurde
ein großer Tpurm’ aufgeführt, in beffen Fenftern 6 Bären lagen, umherſchanend und
Erummend. Darauf erſchienen 12 Gaisböde und Wölfe in frieblichfter Eintracht;
nun lam ein Affe und fpielte auf einer Pfeife einen Tanz auf, worauf noch mehr
Ten herbeiliefen unb einen Moresfentanz aufführten. Auf der Tafel fanden 48
dene Gezelte, mit des Herzogs Banner, unter denſelben befanden ſich Pafteten, ge-
it mit „manderlei Poffen.” Gnblid tom ein Stodfifh, 18 Fuß lang und 16
6 hoch, in welchem 14 Mann verborgen waren. Als er vor ber Braut anlangte,
tete fich fein Rachen und warf die Männer heraus, die dann miteinander kämpften.
ch anfgehobener Tafel wurde turnirt, gerannt und geftochen.
Diefe Hochzeit erforberte täglich 16 Odjfen, 10 Schweine, 600 Pfund Sped,
) Hammel, 250 Lämmer, 100 Hajen, 200 Fafanen, 800 Rebhühner, 400 Tauben,
» Rapaunen u. f. w.
230 Am Kamin.
Haus Wierauer. Drama in fünf Aufzlgen von F. A, Subert. Yutori«
firte Ueberfegung von Edmund Orlin. Peipzig, Ed. Wartigs Verlag. (Ernft Hoppe.
1887.) €s ift_befannt, daß bie menfcenfreunblichen Verordnungen bes Kailers
Joſeph II. von Defterreich, weil theifweife verfrüht und überhaftet, häufig Mißverftänd-
niß und Berfennen ber ebeln, grofherzigen Abfichten bes Monarchen bei feinen Böllern
fanden. Derartige Vorgänge liegen dem genannten, von €. Grün ganz vorzuglich
aus bem Böhmilchen überjegten Trauerfpiel zugrunde und werben Hier auf eine
tragifche, twirtungsvolle Weife verwerthet. Die Bauern bes Grafen Sanzenfelb-Ror
veredo find au ine rohnverpflichtung und Peibeigenfhaft, fowie an bie Mifhand-
fungen und bie Willfiir des Güterbireltors ihrer Herrn gewöhnt, fie lennen es nicht
beffer. Da Tonımt dureh einen jungen Bauernfohn, beffen Vater aus einem bena
barten Dorf ausgewandert, bie erfte Gährung in bie Gemüther, ber zu hellem Auf-
ruhr wird, fobalb bie Leute Wind befommen, daß ber Graf ein Patent des
Kaiſers erhalten, welches bie Leibeigenſchaft aufpebt und den Robot vermindert, aber
von ber Herrichaft aus gewinnſüchtiger Abficht vorläufig noch geheim gehalten wirb.
Hans Wierauer, ber reichte und vornehmfte Bauer bes Ortes, bisher mit Leib und Seele
ber Herrfchaft ergeben, wirb durch bie anbern aufgeftadjelt und ber Diteltor gereist,
der Anführer der rebelliichen Bauern zu werben, die das Grafenſchloß ftürmen wollen;
ex fhießt auf feinen eigenen Sohn, al8 biefer, ber im Cchloß bebienftet if, durch
die Liebe zu einem Ebelfräufein gefeffelt, ſich weigert, an ber Empörung theilzu-
nehmen. Durch eheitig eintreffenbes Militär wirb ber ae niederge ⸗
(lagen, das Patent des Kaifers verfünbet den Leibeigenen, baf fie freie Menichen
find, doc bie aufruhreriſchen Bauern find zum Tobe verurteilt unb werben durch
Taiferlien Befehl zu Spießruthenlaufen begnabigt. Der alte Wierauer, ber ben
Tod nicht fürchtet, vermag die Schmach ber entehrenden Strafe nicht zu ertragen
und ftirbt, als er gewaltfam in bie Reihen ber Solbaten geſchleppt werden foll. Diefe
furze Stigge beutet ſchon am, baß burdy das Gtüd ein Iebenskräftiger Pulsichlag geht
unb baf es in draflifcher Weife ein Std alten Vollslebens veranſchaulicht.
Ein Bud für Ale von F. E Die Kunf fein Glück zu maden.
Bern und Leipzig, Rub. Iennis Buchhandlung. Ein Vademecum für folde,
bie auf rechticaffene Weife ihr Glücd machen wollen. Kein Golbmagerbud); nicht
die Kunſt in ber Lotterie zu getvinnen, in Aftien ober fonftigen Werthen zu ſpekuliren
ober durch andere Fineffen reich zu werden. Ein Handwerker erzählt hier, wie er aus
einem verfommenen, arbeitſcheuen unb verachteten Menden, durch einen wäterlichen
Freund ermahnt, ein gefuchter Arbeiter, ein geachteter Bürger, ein glüdlicher Gatte
unb Bater unb woblpabender Mann wirrbe. (8 geht alles ganz einjad und natür-
lich zu und man möchte benfen, ein jeber könnte e8 ohne Mithe Teicht nachthun, fo
daß «6 balb lauter glücfiche Leute auf ber Welt gäbe. Nun, einen Berfudh iann
ja jeder machen und ohne Nuten wird nicht leicht einer das Bitchlein Beifeite Tegen.
Es enthält manden beherzigenswerthen, mohlgemeinten Rath flir's praktiſche em.
Empor zum Licht. Erzählung von
Mar Breitkreuz. — Unfere Zeit ift das Zeitalter ber Ausftellungen, ber Dent-
makstouth, der Nervofität, Efettrigität, ber Mafchinen u. [. iw., aber fein frudtbarer
Boben für ideale Güter: Kunft und Fiteratur! Das ift eine abgebrofchene Wahrheit!
Wie aber da Abhilfe fhaffen? Der ganze Menjh muß von Grund aus ein anderer
werben, b. h. Nerven und Blut müffen eine geſundere Beſchaffenheit erhalten, damit
ber Leib, ber Sit ber Seele, wiberfianbsfähiger im Kampf ums Dafein umb auf.
mahmefähiger für alles Wahre, Gute und Schöne wird. Um biee zu erreichen
von Ärztlicher Seite eine Hochflut von Kurmethoden in bie Welt gefcjiittet wor
des Pubels Kern liegt aber nad) ber Doltrin von Wilhelm Reffels trefflichem
man auf pfyhilem Gebiet und bie Umfehr von ber Seeiltnahrung zum Begetarisı
bebeutet nad ihm ſoviel als Genefung von allem Uebel. Ohne die von einem Rich
Wagner, Nigihe u. f, w., ebenfalls vertretene Cache des Begetarismus und bie
mit verbundenen reformatoriſchen Pläne ebenfalls ans eigener Erfahrung ent
fraftifch empfehlen zu fünnen, muß Referent ber prächtigen, ton gebiegenftem fittfic
Ernſt getragenen Fabel, ber intereffanten Schürzung und Löſung bes Knotens
itpelm Reſſel. Berlin 1888.
Am Kamin. 231
eingeftreuten feinen humanen Polemit feine volle Hochachtung bezengen. Nicht leicht
bürfte heutzutage ein Roman gefunden werben, ber fo unbevenklich in bie Hände ber
jungen Generation gelegt werben lann und babei doch gerabe aud von Erwachſenen
mit Bergnügen und Erbanung gelefen werden kann! Cine herrliche Fülle ethiſcher
Ideale, veife Früchte, abgejhüttelt vom Lebensbaum weiſer Welterfahrung, erguiden
ben von Alltagsjorgen bebrüdten und vielleicht hoffnungsmitben Leſer, bem bie Ref
feijch männer tige Arbeit in bie Hänbe fällt. w. Am.
Dirndl und Dachſerl. Welch eine luſtige Scene fpielt fih da auf unferm
allertebten Bilde ab. Die Beiden Zäger, ber Bolbl und der Nazi, find zum Mittag
bentebeſchwert bei bem hübſchen Penerl eingefehrt, gefolgt von bem treuen Dachferl,
Lenerl bat ihre Sache gut gemadt und bie Siger nicht minder, indem fie
wader in bie gefüllten Schuſſeln einhieben. Num räumt Lenerl ben Tiſch ab
umb das Dadferl fol mun aud) fein Tfeif erhalten, weles ihm fein Herr, ber
Hramne Bolbl, bereitet hat. 18 fol ihm gut fhmeden und vor Ungebulb
winfelt das Hunderl an feinem Herrn empor. Aber Lenerl if ein Schelm; fie nedt
das Dachferl, zieht ihm bie Schüffel fort und ergrimmt es mit ben fralfenförmig
gefpreigten Fingern. Darob wird Dacferl „fuchti” und fo fpielt fi ein Weilden
die Rederei zwiſchen Dirndl und Dachſerl ab. Aber Dachſerl muß ja nicht benten,
daß es in biefem Meinen Lufipiel die Hauptperfon iſt. Zwiſchen bem Dirndl und
dem Poldi iſt's nicht recht gebeuer und da heißt’s einfach, was ſich liebt, das nedt
fh, amd da muß eben das Dadferl zum Neden herhalten. Wer weiß, wer weiß,
mern ber Bolbf Heut Abend thafwärts fleigt, ba fingt er geiwiß mit hellem Jucher!
„Zangen unb fingen,
Das 18 ja mei Freid’,
Z'rafen uud ringen,
Da hätt’ i a Scheib!
Un Sin i reiht zurnig
Und bin i vecht Zach,
Nur Ans macht mi hamlich,
Nur Ans macht mi wach!
A Buffer von Dirndl
Das fhmedt Halt fo fein!
AG ja, a Buffer! von Dirndl
Unb guat muß i fein!“ 8.
Allein zu Hans.
Es ift fo hubſch, fo eigen,
So märdenhaft und fein,
Im tiefen Sommerſchweigen
Allein zu Haus zu fein.
Am Speifeihrant den Schlüffel
Vergaß man abzubreh'n,
Hab’ mir die Kirſchenſchuſſel
Gar Tange angefeh'n.
Doch war mir's gar zu heifig
Im weiten, ftillen Haus;
Ich ließ die Kirſchen eilig,
Schau nun zum enfter aus,
Sau in den Wald hinüber
Und ben!’ mir das und bies;
_ Gott freut fih doch wohl brber,
Daß ih das Nafchen Tieh!
Unentichieden. „Soll ich, oder ſoll ich nit" benft das Väuerlein auf unferm
»e, inbem e8 nachdenklich in den geleerten Mahfrug fhaut. Das braun-goldene
r fpmedt halt gut, aber e6 foflet aud) einen Vayen und ber in bei den heuren
232 Am Kamin.
Zeiten nicht fo leicht verbient. Endlich wird eine höhere Macht zur Entſcheidung
des GStreites berbeigerufen und zwar bie Reihe der Knöpfe an bes Bauern biden
Bas. „Sol ich, foll id nicht!” zählt er an ben Knöpfen herunter wie weiland
Greteben an dem Mafliebehen ihr: „Er liebt mich, er liebt mich nicht!“ verihämt
herunterlifpelte, Auch bei ihm heißt e8 zum Schluß: „Ich ſoll o, wie Gretchen Tiebes-
teunken: „Er Tiebt mich!“ jubelt und ihrem Kauft in die Arme fintt. Auch unfer
Zatöbte finkt feinem Mafkrug gerührt in bie Arme, indem ex verſchmiht babei lachen.
denn er bat auf ber Klaviatur feiner Knöpfe gemogelt. Als er zum Schluß merkte,
daf; die Sache nicht Mappen wollte, fpielte ex bie Borfehung und griff fall. O6
Fauſts Gretchen vielleiht auch beim Abpflüden der einzelnen weißen Blütenblätter-
hen der holden Liebesblume gemogelt hat? Doch, wer könnte ſich zu biefem Gfauben
entfchliegen! Ein modernes Gretchen, eine höhere Tochter ber letzten Hälfte bes neun«
ehuten Jahrhunderts, wiirde entſchieden das Glüd forrigiren, wenn es ihr micht
bei wäre, aber das echte, wahrhaftige Gretchen Fauſts — nimmermehr! .
Die Veſtalin. Tuilia verichte ihre Jugendjahre im heiligfillen Dienfte, in
dem Teuipel ber Befta, ber Göttin bes Herd» und Opferfeuers. Schon in ihrem
aebnten Pebensjahre hatte ber Pontifex maximus fie zur Priefterin ber hehren Göttin
geweiht. Als fie fih damals von ihren Angehörigen und Spiefgenoffen getrennt
hatte, Hing fie ihre afgefepnittenen Haare auf eine Fotosblume, melde den Eingang
in ben Tempel befchattete, Tieß ſich in eine ſchneeweiße, lange Stola Heiden und ihr
Haar mit Bändern (hmüden; fo betrat fie bie Schtwelle de Tempels ber Keufchheit.
gr dreißig Iange Zahre hatte fi) bie junge Veftalin den Dienften ber ſhubenden
öttin Roms beftimmmt und zur Wahrung der jungfräufichen Reinheit geweiht. Zehn
Jahre ſollte das Noviziat dauern, bie weitern zehn Jahre dienten dazu, ihres Priejler-
amtes zu walten und es auszuüben, währen das legte Dezennium ber Erziehung
ber deranwachſenden Genoffinuen gewibmet war. Dann erft fellte fie frei fein, dann
ext fi) verehelichen. Das Amt einer Veflafin und ihre Berfon felbft waren geheiligt,
unb ber Staat ſeibſt forgte für ihre Ernährung. Zullia erfehien nad) Vollendung
ihres Novigiats in den Gaffen Rome in einer Tragbare getragen, unb vor ihr her.
fpritten Pictoren. Jeder, ber ihr begegnete, ſelbſt der Konſul, mußte ihr ans bem
Wege gehen; bie Mitglieder bes Magiftrats foger mußten fih vor ihr verbeugen.
Einft traf fie auf ihrem Wege einen um Tobe Berurteiften, der angenblidlidh freie
gelaffen wurde, fo groß war bie Macht und bas Anfehen einer Beflalin. Aber alle
diefe Berehrungen konnten ihr nimmer bie Freuden bes trauten Haus- und Familien-
lebens erfegen. Tullia fühlte fid) im ftrengen Dienfte der Göttin einfam und ver-
laffen unb ihr thaten« und freubenlojes eben begann ihr eine Laſt zu werben,
Hefonder® von jenem Augenblide an, als fie Zeugin einer harten Strafe gewejen
war, bie ihre Genoffin Coelia getroffen hatte. Man fanb diefe nämlich eingeffummert
vor bem heiligen Feuer im Tempel, welches fie nebft dem römiſchen Paladium, (eine
alte hölzerne Dinerbaftatste, welche Aemas aus Troja gebracht haben follte) zu ber
hüten hatte. Fir dieſes Vergehen wurde bie ſchöne Coelia vor ber berfammelten
Priefterfjaft mit Rutpenhieben bis auf Blut gepeiticht. Aber bie arme Tullia er
wartete eim noch ſchiimmeres Schidjal. Sie machte einft die Bekanutſchaft des
Senatorenfopnes Cajus und vermochte e8 auf bie Dauer nicht, feinen heiden Liebes
werbungen zu vwoiberfichen. Das Geheimniß ber Liebenden twurbe verrathen unb
Tullia zum Hungertobe verurtheilt. Ju eine kupferne Bahre gelegt, trug man fie
an das nörblihe Ende Roms, dort wo ber „Eollis Hortorum‘ emporragt, auf das
„Berbredjerfelb" (Campus sceleratus), wo fie in einer unterirbifchen Halle eingemauert
wird. Die Gruft [öließt fi focben iiber ber Verurtbeilten — fie hört nod, wie
der Hentersfmecht bie Reiter hinweggieht, auf ber fie in ben Tod hinabgeftiegen, nad
dem er ihr einen Krug mit Waffer unb eine brennende Lampe mit in ba Grab
gegeben Hat. Im näcflen Yugenblid wirb bie ſchwere Steinplatte fid über bie
bumffe Gruft legen. Noch einmal ſchaut Tullia in den Strahl des Tageslichts und
in das Leben — dann ein fehterer, bumpfer Schall — und Nacht, tiefe, Ichwarze
Nacht, ewige Finfternig und Tob rings umher!
— 9ꝰ—
zieuene Moden.
Ar. 1. Gehäkelte Knabenmüge. j
Zur Anfertigung berfelten wird beigefarbige Caſchmirwolle zum Kopftbeil
unb gramatfarbige zum umgeſghlagenen Rand verwendet, Die Arbeit if im tune-
ſiſchen Häfelftich angefertigt. Das Kopftbeil befteht aus breiedig angefertigten, aus
einander gehäfelten Theilen. Die obere Mitte ziert ein Pompon.
s
Nr. 1. Gefätelte Anabenmüge.
Ar. 2, Morgenjahie aus corah de P’Inde.
Den vorderen Rand begrenzt eine Spitzenfalbel. Ebenfo wird ber Stehfragen
"einer gleichen berabfallenden Falbel bebedt und mit einer heliotropfarbigen
leiſe gefchloffen. Die Aermel find am untern Raub verziert.
Ar. 3. Naditfemd aus Percale.
Unter dem Faltenlag befindet ſich ein glattes Theil welches vorn herab mit
8 sen gefchloffen if. Der barliber Befindfiche Fattenfah ift unten eingereiht und
"einer Walbel begrenzt. Den Rand beffelken umgiebt eine Kreite, geftidte' Börde
er Calon 1889. Seft IL. Band I. 16
234 Neueſte Moden,
mit ebenſolcher Schleife. Gfeiche Einfaffung hat der Matroſenlragen, bie Aermel
und die Taſche.
Ar. 4. Indiſches Gorfet,
Die aus weißem Batift angefertigten Theile beftehen aus einem Borbertheil,
welches, in ber Taille faltig eingereiht, einen Gürtel angefett ift, fowie einem
Tragband, welches im Rüden am Gürtel befeſtigt ift. Die Enden des Gürtels
find vorm in der möthigen Weite aufgelnöpft. Am ordern Ausfdnitt und auch
unter dem Arın herab ift ein beftidier Zwiſchenſatz angebracht, buch welden ein
Band hindurchgefeitet if zum befiekigen Zufammenziepen der Ränder. Unter Morgen-
jade oder Hausrod zu tragen, ift diefea Corfet fehr annehmbar.
Nr. 2. Morgenjade aus corahı de P’Inde. Nr. 3. Naqhtbemd aus Percale.
Ar. 5. Promenaden-Anzug für Kleine Kinder.
Ueber einem Kleidchen mit Faltenrod und glatter Taille, um welche eine
farbige Schärpe geſchlungen ift, Befinbet fid eine Pelerine aus weißem Flanel, auf
welchem cremefarkige Seide durchgehende in ſchmale Fängsfalten gelegt if. Ci
Heiner Kragen mit breiten Schleifen und fangen Enden von gleidem Stoff und b
ſtidten Rändern bildet den Schluß am Hals. Der runde Hut mit vorm hedhaufge
bogener Arennpe hat zum Schu obenauf gleichfarkige Baubjelupfen und Federr
Derfelbe Anzug wird auch in Mattblau uud Rofa angefertigt,
Ar. 6m 7. Anzug ans rothem Tuch für Mädchen von 9 Jahren.
(Seiten- und Norderanfit,)
Die vorn glatt herabfallenden Vordertheile des Ueberrodes fichen weit of
und werden am Hals durch einen Kragen und in ber Taille--burch> eine Patte ,
Neueſte Moden. 235
ſchloſſen. Die von der Schulter bis mac der Taille herab ſich zuſpitzenden Auf -
fchläge find gleih dem Kragen und ber Patte mit Sutafd benäht und werben hie
zum Gürtel durch einen Faltenlat ergänzt. Bon da aus geben Tollfalten bis zum
Rante der Vordertbeile berab, deren Vertiefungen ebenfalls ſutaſchirt find. Die
Rüdtbeile haben in ber Mitte herab eine Tollfalte, welde am NRodtheile in tiefe
Falten ausgeht. Die ziemlich weiten Eilbogenärmel find vom untern Rande auf,
fteigend ebenfo benäht. Der Hut mit niedrigem Kopf hat einen vorn breit empor»
gebogenen, nad) hinten fhmalen Raub. Bandfchlupfen ober Stoffwinbungen ver»
vollftändigen denſelben.
Nr. 4. Intifces Gorfet.
Ar. 8. Matrofen-Anzug für Knaben.
Der Faltenvod dieſes Anzuges if aus marineblauem Trikotſtoff. Die Blonfe
iſt eernfarbig geftreift. Die Hermelanffeläge, Kragen und Sag find von erufarkiger
Sa. Kragen uud Pa find befict. Niebriger Hit mit rundum anfgebogenen
and.
Ar. 9. Latz aus Hpige zum Ausſchmücken glatter Taillen,
An dem mit Spige belegten Stehkragen ift auf einer Tüllnuterlage bie breite,
„en Lat bildende heflidte Spite, an der rechten Seite in Falten gufammengenommen,
‚ngefegt umb mit einer farbigen Baubfchleife verziert. An biefer Seite 6i8 zur Spitze
ilit fie glatt herab. Am Hals ift die Spige dem Stehfragen faltig untergebeftet
nd reiht auf der linken Eeite glatt bis auf die Schulter. Bon da an ift bie
zpitge bis herab Infe im Falten gelegt und vermittelg einer Reihe, Vandſchlupfen
16*
236 Neueſte Moden.
auf ber Tulllunterlage feſtgehalten. Die Kante ber Spitze reicht über bie Unter-
fage hinweg.
sr un Ar. 10. Rodkante.
Der untere Rand des Rodes ift abwechſelund mit drei Stidereiftreifen und
Mr. 5. Promenaden-Ungug Wr. 6. Anpug aus vorden
für Tine Rinder. 0 für Mäde en don —
Senenenichi)
zwei ausgezacten Meinen Seideufalbeln beſetzt. Ueber dieſer befindet ſich eine breite,
zaclig ausgefhlagene Seidenfalbel. Die darüber befindiiche Gleiche iſt oben mit
einem mehrfach eingereihten Kopf dem Rod aufgeſetzt
Ar. 11. Gehähelter Stern.
Ein mit Stäbchen umhätelter Luftmaſchenring iſt mit einer durchbrochenen
Aeuche Moden. 237
Stächenreibe umhälelt. Die an berjelben ringsum befindlichen Blättchen werben
mit 10 2uftmafchen begonnen und mit Stäbchen und glatten Maſchen umhätelt.
Zwei Touren Durdbruchftreifen, welche die Luftmaſchen des Inneren verbinden,
deendigen ben Stern.
m
hrfach einen Coller
2, ausgezacte, bide
ite find. Deffnungen
238 Neueſte Moden.
Ar. 13. Fade aus fabakfarbigem Tuch.
Die Vorbertbeife derſeiben find abgerundet und mit einem Ueberfclagfragen
verfehen, welcher eine mit Anöpfen gefchfoffene Wehe frei läft.
Pr. 9. Lay aus Spibe zum Husigmüden glatter Taillen.
Auf der Bruſt und an der Ceite find Taſchen angebracht. Der anfiegenbe
Rüden Hat unten eine übertretenbe Pate.
Nr. 10. Rodlante,
Der untere Raub ber Aermel ift gleichfalls mit Patten und Knöpfen verziert.
Stoff dazu iſt erforderli: 1 Meter 30 Eentimeter Tuch von 1 Meter 30
Centimeter Breite.
Ueueſte Moden. 239
Der Rod des Kleides if am untern Nand mehrfach mit heilen Bor-
ben beſeht.
Mr. 11. Gchäfelter Stern.
Mr. 12, Mantel „Empire“ für Meine Kinder.
Das Uebertleid von karrirtem Stoff ift am Vordertheil abgeſchrägt und läzt
"de Fen Rod frei.
240
Neueſte Moden.
Nr. 18. ade aus tabatfarbigem Tu.
Frdactien, Bering und Drud von X. 9. Payne in Meutnip bei Keipsige
Deine, Google
Das Kafernengefpenft.
Humoreste von Karl Georges.
den Räumen ber Kafinogefellichaft zu *** Herrfchte
heute eine ganz beſondere Freube. Man hatte den
eriten Ball in der Saifon veranftaltet, und er war
zum Entzüden aller Mütter von tanzfähigen Töchtern
und zum höchſten Frohloden der tanzenden Damen
ſelbſt überaus zahlreich beſucht. Selbftverftändlich
galt diefe fröhliche Zufriedenheit nicht etwa der Thatjache, daß recht
viele angehende alte Junggefellen, welche die gefellihaftliche Pflicht
des Tanzend längft hinter fich abgeworfen hatten, mit blafirten
Mon und Binocles die ſchlanken ſchlepperauſchenden Schülerinnen
Terpfichores ihre gewohnheitsmäßige Eritifche Revue pafliren ließen.
Diele zweifelhafte Vergnügen hatten bie jungen Schönen aud in
den beiden vorausgegangenen Jahren hinreichend genofjen, ohne daß
deßhalb ihre jun, Fräutihen Herzen in lebhaftere Ahythmen wären
verjegt worden. Und fintemalen während beiden Saifons aud)
nicht ein einziger Fall vorgefommen war, daß einer diefer Augen-
gläjerbewaffneten ‚Gelegenheit genommen hätte, die im Ballſaale ge-
übte Mufterung mit dem Schlujfe ‚u frönen, daß er fich im engeren
Kreife der Familie als ein ernite Abfichten verrathender Bewunderer
eingefunden hätte; aus diefem mehr wie zureichenden Grunde waren
auch die Ballmütter mit diejer in *** immer zahlreicher auftretenden
Spezied junger Herren geſetzteren Alters herzlich unzufrieden. Die
Freude, welche Heute bei jung und alt — die Mag Ballmutter
verzeihe die ungewöhnliche Wortfolge — allgemein Platz gegriffen
hatte, galt vielmehr dem Umftande, daß veritable Tänzer in mehr
wie augreichender Zahl ſich eingefunden hatten. Aber nicht nur die
Quantität verurfachte diefe Freude; auch die Qualität der erſchienenen
Tänzer erregte das bejondere Wohlgefallen. Denn dieſe waren nicht
nur mit Mon- und Binocles bewaffnet, nein, fie trugen auch eine
ſtählerne Wehr an der Seite: es waren Jünger des Mars von allen
Graden der verfchiedenen Dffizierächargen.
Der Salon 1889. Heft III. Band I. 17
242 ' Bas Safernengefpenft.
Die Thatjache aljo, daß die Herren Offiziere heute wieder den
civilen Kafinoball mit ihrer Gegenwart beehrten, fie war es, welche
die gefammte Damenwelt in die freudigfte Aufregung verſetzte. Und
fie war ja auch fo durchaus begründet. Denn zwei lange Jahre und
noch etwas darüber Hatten bie Bälle bes Glanzes der wilitäriſchen
Uniformen entbehren müffen, in einer Stadt wie ***, das vier Megi-
menter der verjchiedenen Waffengattungen in Garnifon hatte, und
außerdem noch der Sit eines Diviſionsſtabes, dreier Brigadeſtäbe
und zweier Bezirkscommandos war, ein. höchft befrembendes und. be=
trübende3 Geſchehniß. Das aber hing jo ujammen.
Bor drei Jahren hatte der Oberjt eines der hier garnijonirenden
Negimenter, welcher Mitglied des Kafinovorjtandes war, Iegteren zu
bejtimmen gewußt, in der Generalverfammlung der Geſellſchaft den
Antrag einzubringen, gegen eine vom Regiment zu zahlende Pauſchal⸗
ſumme die Offiziere vom Hauptmann abwärt® in corpore ala Mit-
lieder der Kafıno, eieljiaft aufzunehmen. Das würde zur Folge
ben, daß ſich fämmtliche Subalternoffiziere, denen aus Nüdficht
auf die befannten färglichen Gageverhältnijfe und die fonftigen hohen
Standesausgaben eine derartige pefuniäre Vergünftigung wohl zu
önnen fei, auf ben Bällen AR Wi Verfügung ftellen und fomit dem
Bisher ſchon jehr fühlbaren Mangel an Tänzern gründliche Abhilfe
ſchaffen würden. Die Stabenffaiere würden dann Ehren halber
jämmtlih als vollzahlende Mitglieder der Gejellfchaft beitreten.
Glänzendere Bälle und erhöhte Kafjeneinnahmen dürfe man als Ge—
jammtrefultat in fichere Ausſicht ftellen. Gegen diejen Antrag nun
erhob ſich aus dem Schoße der Verfammlung und namentlich in den
Neihen der jüngeren, auf die Erlangung eines Staatdamtes nur erſt
afpirirenden Herren eine tiefgehende Oppofition, die ſich hauptſächlich
auf die Erwägung gründete, cs ſei unbillig und umgereöit, von den
jungen Civilherren den vollen Jahresbeitrag zu verlangen und ihre
Aufnahme in jedem einzelnen Zalle von dem oft ſehr zufälligen Er-
ebniß der Ballotage abhängig zu machen, wenn man bei ben jungen
ffizieren von der Arebingumg der Ausfugelung abjehe und ihnen
noch dazu die erwähnten, Vortheile in Betreff des zu zahlenden Bei-
trags gewähre. Als man fchlieglih nad) langen und erregten De-
batten zur Abſtimmung ſchriit, fiel der Antrag des Vorftandes mit
einer Stimme Majorität dur. Diefe Niederlage konnte der Artil-
Ierie-©berft nicht verwinden; er erklärte furz darauf feinen Austritt
aus dem VBorftande und aus der Gejellihaft. Die Offiziere feines
Regiments ahmten alsbald feinem Beijpiel nach und keiner von ihrer
ließ fich_feit jenem Abende in den Räumen der Gefellichaft mel
Kom as aber noch fehlimmer war, die Sameraden von d.
nfanterie und der Kavallerie fühlten fi mit denen von der Art“
lerie folidarifch und nur die vereinzelten vom Train fchienen nic,
von dem fo mächtigen Corpsgeift zu verjpüren. Ja, fo allgeme
anftedend war dieſer militärijche Strike, daß felbft von den Offizier
benachbarter Garnijonen, die bisher Häufig bei den Bällen in *
SE
‚Bas Kafernengefpenft. 243
hofpitirt hatten, feiner mehr fich bfiden ließ. So war denn das
suupige zweierlei Tuch“, welches noch die Augen der Schönen von
*** bei ihren Tanzvergnügungen entzüdte, nur folches, welches die
Einjährig- Freiwilligen an ſich trugen, und aud) von ihnen behauptete
man, fie wagten erjt dann wieder in den verpönten Räumen der
Kaſinogeſellſchaft zu erfcheinen, wenn fie bereit3 um die Hoffnung,
dermaleinſt Rejerveoffizier zu werben, ärmer geworden feien. Was
unter fothanen Umjtänden aus den Bällen und Reunions der Kaſino—
geſellſchaft wurde, läßt ſich nur mit höchſt wehmüthigen Worten
Ichildern. Kaum zwei Dugend Paare tanzten in den weitläufigen
Räumen, die flottejten Tänzerinnen, die jüngjten und ſchönſten Mäd-
hen, deren Ballſtaat manchen wider Willen in die Ausgabe willigen- .
den Pater ein Monatögehalt gefoftet — dienten nur mehr zum
Schmuck der Wände und das —S te Schickſal, das einer Mutter
blühender Töchter wiberfahren kann und gegen welches Niobes thrä-
nenteiches Geſchick nur wie ein Kinderſpiel erſcheint, das umgeheuer-
liche Verhängnik, Ballmutter von nicht tanzenden jungen Damen zu
jein, es war jet der Matronen von *** ganz gewöhnliches und un-
abwenbbares Schickſal. Und das der Väter war um nichts milder.
Denn ihnen Elangen nun tagaus, tagein die Klagen von Töchtern
und Gattinnen in die Ohren und bie, jo oft als dringend wicder-
jolte Tg den ganzen Einfluß aufzumenden, daß das frühere
ltni zo len Eivil und Militär wieder hergejtellt werde. Aber
jo oft auch die liebenden Gatten und Väter um des lichen häus—
lichen Friedens willens den Wünjchen der Gattinnen und Töchter
Meinung trugen und mit den Offizieren im einzelnen ausgleichende
Verhandlungen anzufnüpfen fuchten, fie ſcheiterten an der cigenfin-
igen Konjequenz, mit welcher bie Kriegerfafte an den einmal ge-
ten Beſchlüſſen feithielt. So jdien denn das Zerwürfnig von
Saifon zu Saiſon dauernder zu werden.
Da geftattete endlich das Schidjal einen Wechſel im Regiments-
commando. Jener Oberſt, der aus Verdruß über feinen durchgefal⸗
lenen Antrag die ganze Entfremdung zwiſchen Civil und Militär
verurfacht, hatte, wurde zum Brigade-Commanbdeur befördert und da-
mit von *** verjegt. Sein Nachfolger, ein verhältnigmäßig noch
junger Mann mit noch jüngerer Gemalin, die ihre Unterhaltung nicht
ausnahmäloje in den exkluſiven militäriihen Kreiſen und auf ben
von diefen veranitalteten Privatbällen zu fuchen gewillt war, Tieß
ſich als Mitglied in die Kafinogejellihaft aufnehmen und fofort
unden ſeitens des Vorftundes mit diefem zugänglichen und einfichts-
len Herrn Derbanbfungen angefnüpft, welche die Wiederherftellung
alten, guten Beziehungen zwijchen der Militär- und Civilgefelle
ıft beswedten. Dean verſprach dem Oberjten, daß man ihn bei
näcten Generalverfammlung in den Vorjtand wählen und den
ierzeit durchgefallenen Antrag von neuem einbringen wolle, für
'en Annahme die ganz veränderte Stimmung in allen hierfür maß»
den Streifen von ** Bürgſchaft gebe. Der neue Oberft war
i7*
244 Bas Safernengefpenft.
das zufrieden und übernahm ſeinerſeits die Aufgabe, mit den Offizier
corps der anderen Regimenter die nötigen Vereinbarungen zu treffen;
des eigenen Regiment? war er felbjtverftändfich ſchon ohne vorgän-
gige Rückſprache ficher. Als dann der große entfcheidende Tag der
Generalverfammlung fam, war dieſe fo ungemein zahlreich bejucht,
wie es die Annalen der Geſellſchaft noch nie verzeichnet hatten.
Die Oattinnen und Töchter hatten aber auch keinerlei Entfchuldigung
gelten laffen, daß die Gatten und Väter ihr Mandat nicht ausübten,
und in welchem Sinne fie e8 auszuüben hatten, das wußten dieſe
‚Herren der Schöpfung fo genau, daß bei der Abſtimmung die einft-
malige Majorität auf eine nur fieben Stimmen zählende Minorität
herabgefunfen war. „Natürlich nur an Unverheiratete*, erläuterte
der Serutator in wohlangebradjter Selbftironifirung, da ihn felbt
die Gattin und brei tanzbebürftige Töchter zum Aufgeben feiner
früheren feindlichen Stellung gezwungen hatten. .
Daß unter dieſen Umftänden die Stimmung in den Kreifen Des
fiegreichen Militärs heute eine außergewöhnlich übermüthige war,
wird ber geneigte Lefer leicht erflärlich finden, und daß infolge da-
von etliche der epeaulettentragenden Herten troß aller chevalerezfen
Manieren bie Grenzen der Beſcheidenheit hier und da eher über-
ſchritten als erreichten, wird einer Sejanderen Verſicherung auch wohl
nicht bedürfen. Ihre Unentbehrlichleit war ja aber auch von ber
jellfchaft zu *** mit einer Bereitwilligfeit anerfannt worden, bie
kaum mehr zu überbieten fchien.
Unter denen nun, die am heutigen Abend ihrer bevorzugten
Perſon etwas ganz befonderes glaubten zugute halten zu Dürfen, fiel
der jugendliche Sekondelieutenant Erich von Rachow noch ganz be
ſonders auf. Einer armen, aber alten Offiziersfamilie der derart
angehörig, war er vor furzem erſt direft aus der Selekta ber
Kabettenanftalt in das hiefige Infanterie-Regiment verfegt worden;
aber troß feiner großen Jugend verfuchte er überall feine hochblonde
Perfönlichkeit in den Vordergrund zu bringen, wo er dann feine
Anfichten mit mehr kindlicher Dreiftigfeit vertrat, ala daß er fie mit
wobhlerwogenen Gründen hätte belegen fünnen. Auf dem, Valle ers
wies er ſich als ber eifeigfte Tänzer, der feine Tour vorübergehen
fieß und jüngere wie ältere, adelige wie bürgerliche Damen ohne
Unterjchied zum Tanze aufforderte. Gleicherweife machte er auch
feinen Umtericieb in der Unterhaltung, überall behandelte er das
Thema von der wenig angenehmen Garnifon *** und ihrer all
feligen Inferiorität im Vergleich zu feiner udermärfifchen Heimat.
jagten dann die Damen, bie fich durch ſolch unqualifizirbare Aeuße-
zungen mit Recht verlegt fühlten, einige fölcherne Einwendungen,
& übertrumpfte er fie regelmäßig. mit der Mittheilung: „Meine
ama hat es auch gejagt, als fie mid) hierher brachte, und fie Legt
mir in allen Briefen ans Herz, daß ich mich ja nicht hier binden
möge; nur aus der Udermarf dürfe ich ihr einmal eine Tochter zu—
führen!“
Bas Kafernengefpenf. 245
Das war empörend, doppelt empörend aus dem Munde eines
jungen Mannes, der in der kurzen Beit feines hieſigen Aufenthaltes
weder bie Reize der Landſchaft, noch die Sorzüge der Stadt oder
ger die Tiebenswürdigen Eigenfchaften der Bevölkerung und zumal
weiblichen Theils derjelben auch nur oberflächlich konnte fennen
gelernt haben. Er war mit ſolchem vorjchnellen Urtheil der Ehre
aller Jungfrauen von *** zu nahe getreten und Dies Vergehen er-
heifchte eine eremplarifche Strafe. Aber wie fie bewerfjtelligen?
Gar bald fanden fi die Damen, die des zweifelhaften Ver—
gnügens, mit Eric) von Rachow zu tanzen, theilhaftig geworden,
zwiſchen den einzelnen QTänzen in Gruppen zujammen, welche fich
von Pauje zu Zaufe zahlreicher gejtalteten, j” ſich immer wieder
ein neues Opfer ber fchier unbegreiflichen Schmähfucht Rachows
ihnen zugefellte. „Unerhörtes Betragen“, „nicht erzogen“, „Feine darf
ihn in Damentour auffordern“, „im Cotillon erhält er feinen
Orden“ u. f. w. u. f. w. ſchwirrte es in den revanchebegierigen Reihen
der beleidigten Schönen.
„Mit allem einverftanden!" fanktionirte die reigende Eveline von
Kroner die gefaßten Beſchlüſſe. „Aber das genügt alles nicht, die
Beleidigung, die und widerfahren, zu rächen. Hier an diefem jelben
Drte, wo er die bünkelhaften Worte fprach, Bier foll er noch ſolche
ſprechen, die ihn auf immer in dem gejchmähten *** unmöglich
machen müffen. Und das foll mein Werk fein, verlaßt Euch darauf!“
Mit ftaunender Bewunderung blidten fie alle zu der um eine
be Haupteslänge fie überragenden Genofjin empor, von ber fie
Ion in den gemeinfamen Schuljahten gewohnt waren, fie ftets mit
th und Entjchloffenheit für gebeugtes Recht und nicht zum min-
deften auch für das anderer eintreten su Jen.
„Es ſei, wie Eveline gefagt hat! Wir billigen alles, was fie
zu thım vor hat! Wenn Du unfere Hilfe brauchſt, wir find bereit“,
verficherte man im Chorus.
„Sch werde fie vielleicht in Anjpruch nehmen müſſen!“ flüfterte
Eveline bedeutungsvoll. Damit fehrten die jungen Damen in ben
engeren Schuß ihrer Mütter zurück, um fich für die folgende Tour
bereit zu halten.
Im Eotillon ſaß Eveline an der Seite ihres Vetterd Hubert
von Horit, welcher der ſchönen Coufine wie immer den Hof machte
heute aber in Diefem Bemühen einen befonderen Erfolg zu hal
ſchien. Denn fie lachte ihn viel weniger aus als fonjt wegen feiner
Spmeichlerifchen Nebewendungen, ja, es wollte ihn manchmal be
ünfen, als höre fie feinen Ergebenheitsverficherungen mit einem ges
iffen_finnenden Ernſte zu, den er früher nie an ihr bemerkt hatte.
yas Herz ſchlug ihm wärmer wider den blauen Rod in dem Ge-
ınfen, das fchöne Mädchen an feiner Seite fünne doch am Ende
nter der leichten Galanterie, mit welcher er ein tieferes Gefühl für
e verbarg, feine wahrhaftige Neigung entdeckt Haben, und es pochte
hier ungejtüm in der Hofprung, jie möchte etwas wie, Gegenliebe
246 Bas Aafernengefpenft.
für ihn hegen. Unwillkürlich wurden aud) die Worte wärmer unb
bebeutungsvoller, welche er an fie richtete, dergeitalt, daß, wenn fie
ihn länger ohne Widerrede anhörte, eine entfcheidende Erklärung un
ausbleiblich jcheinen mußte.
„Sachte, fachte, Herr Vetter Yon Horft! fiel ihm daher Eveline
in eine feiner fchönften Wendungen und jie fchien jet wieder gm
ben früheren muthiwilligen Ton gefunden zu haben. „Sie haben Wr
noch nicht über dem rauhen SKriegshandwerf Ihren Schiller ver-
geffen? Nicht? Nun, wie jagt Kunigunde:
„Herr Ritter, it Eure Lieb’ fo heiß, ö
Wie Ihe mir's ſchwört zu jeder Stund'“,
u. ſ. w. u. ſ. w, id) ändere den Schluß und fage: ei, fo rächen Sie
mid) und die gefammte Damenwelt von *** an cinem Ungeheuer,
das in Geftalt eine Ihrer Negimentsfameraden hier umgeht und
uns alle — nicht bei ee findet!“
Hubert lachte belujtigt auf. „Und das jollte nicht ein Phantafie-
gebilde fein?“
„Leider, nein! Es giebt einen Lieutenant Ihres Regiments, der,
obwohl er jeden Tanz mit einer anderen Dame tanzt, trogbem be-
hauptet, die Hiefigen Damen ftünden, wie alles hier, fo unendlich
weit Hinter ben &hönen feiner engeren Heimat zurüd, daß feine
Mutter völlig recht habe, wenn fie ihn — vor einer Mesalliance
hier nachbrüdlichft warne.“
„Unerhört! Sein Name?“
„Bon Rachow!“ j
„ab, der junge Dachs! Er foll Abbitte thun, bei jeder der be-
leidigten Damen einzeln, oder ich fchieße ihm jeden Zahn einzeln
aus jeinem verleumbderifchen Munde!“
Die Dame lächelte über die bramarbafirende Drohung, dann
meinte fie fpottend: „Ein Duell wäre zu viel Ehre für den jungen
— Mann. Aud) könnte e8 vielleicht“ — umd hier fchien fie etwas
wie eine zarte Beſorgniß durchleuchten zu laffen — „einen anderen
Ausgang nehmen, als es im Intereſſe der Seleibigten Damen liegen
mödte. Darum müffen wir auf eine weniger bfutige, aber nicht
minder wirkſame Rache finnen. Denn Race muß fein, darauf haben
wir uns das Wort gegeben, und ich verfprach, dad Werk einzuleiten.
Sie aber, lieber Vetter, müſſen mir behilflich fein, daß das Werk
auch gelingt!“
Wie das Hang aus ihrem fhönen Munde: „Lieber Vetter!" Um
es ein zweites Mal zu hören, hätte er die ewige Seligfeit ober gar
feine Epauletten dahingegeben.
Befehlen Sie über mich, ſchöne Coufine!“ fagte er feurig.
* — en : Seit ef
. „Auf we eife ich immer Tann“, beeilte er fich zu verfichern.
„Haben Sie jchon einen Plan?“
„Erſt Hald und Halb. Fragen Cie Soc) mer ‚en nad), wie Ihrer
Wi jo hochverehrenden Tante der heutige Ball befommen ift; dann
V————
Bas Kaſernengeſpenn. 247
läßt ſich wohl ungeftörter über die Sache reden. Jetzt wollen wir
möglichit unbefangen unferen Tanzpflichten nachtommen, man möchte
fonit auf ung aufmertfam werben.“
Und mit verdoppeltem Eifer folgten fie nummehr der blumen-
geichmüdten Leier Terpfichores.
Währenddem fehritt Erich von Rachow auf der Bahn bes be-
jangenen Unrechts unbeirrt weiter und vermehrte die Zahl feiner
Keindinnen von Stunde zu Stunde Daß die von den übrigen
jo jehr begehrten Auszeichnungen aus zarten Damenhänden
ür ihn ausblieben, das kümmerte ihn wenig. Er tanzte ja Hier nur
auf Befehl feines DOberften, für ihn ein Dienſt wie jeder amdere,
und er verließ das Haus am Schluffe bes Feſtes mit dem erheben:
den Bewußtjein, die Pflichten gegen feinen Regimentscommandeur
mit jenen gegen feine Mutter in einen guten Einklang gebracht zu
haben. Hätte er ahnen können, welch' ein Ungewitter über jeinem
Haupte ſich bereits zufammen zu ziehen begann, feine Stimmung
wäre wohl eine minder zufriedene geweſen.
* *
*
In dem Heinen, überaus niedlichen Salon, welcher ber einzigen
Tochter für ihren Privatgebrauch überlaffen war, ſaß Eveline von
Kroner am Vormittag des auf den beiprochenen Ball folgenden
Tages an dem zierlichen Schreibtiih und malte eilige Schriftzüge
auf den vor ihr ausgebreiteten großen Briefbogen. Won Zeit zu
Zeit Iehnte fie fich in den bequemen Seſſel zurüd, anfcheinend un-
thätig, in Wirklichkeit aber, um ſchärfer nachzudenken, und es ging
dann zuweilen wie ein leifer, beluftigenber Triumph über ihr Antlig,
wenn fie das aljo Gefundene in kurzen Säßen auf das Papier warf.
Jetzt war fie zu Ende. Sie faltete den Bogen mehrere Male zus
ſammen und ftedte ihn ohne Enveloppe in die ale ihnen blaßblauen
Negliges, das ihren zarten Teint und ihre blonde Lodenfülle aufs
vortheilgaftefte hervortreten ließ.
Dieſer Wahrnehmung konnte ſich ſelbſt ihre Mutter, die ver—
wittwete Frau Präſident von Kroner nicht verſchließen, welche ſich
ſeit geraumer Zeit ſchon etwas ſeitwärts von der angebeteten Tochter
in einem Fauteuil niedergelaffen hatte und dem Treiben des einzigen
Kindes mit einiger Beforgniß, aber doch auch dem gebührenden Mae
mütterlichen Stolzes zuſchaute.
„a3 das nun wieder zu bedeuten hat?“ unterbrad) die Präfi-
tin endlich, die Stille, als Eveline ſich in dem Stuhle zurüdlehnte.
„Staatsgeheimniffe, liebe Mama, würde der felige Papa gejagt
en, wenn er im der gleien Lage gewelen wäre. Dir weißt, er
uberte nie gern aus Schule!” Elang die ſchalkhafte Antwort.
: Spi in wandte dabei ihr ſchönes Antlig der Mutter voll
and verjuchte, was die Worte vielleicht verlegendes haben künnten,
einem liebenswürdigen, filbernen Lachen zu verſcheuchen.
248 Bas Kafernengefpenft.
Aber die Präfidentin beruhigte fich nicht fogleich Hierbei. „IH
möchte trogdem wiſſen, Eveline, was Du fo eifrig zu fchreiben haft.
2 bift jegt manchmal fo jeltfam, auch geftern Abend auf dem
alle... .*
„Störe mir jegt um alles meine Kombination nicht, fühe Mama!
Es ift nichts, was ich zu verheimlichen gedächte, und Du wirft natur-
gemäß die erite fein, welche von dem Solingen des Werkes, das ich
hier joeben Eingeleiet, Kenntniß erhalten joll.“
Die Präfidentin fehüttelte leicht das Haupt. „Ich Begreife Dich
jegt manchmal fo ſchwer, Eveline! Beſonders geitern Abend war
mir Dein Benehmen geradezu räthjelhaft. Ich beobachtete, wie Du
Hubert3 Worten mit einem fo außergewöhnlichen Intereſſe Laufchteft,
daß ich die Erfüllung meines Lieblingswunfches ſchon in die nächſte
Nähe gerückt wähnte; dann wieder warft Du jo falt und unnahbar
gegen ihn, wie gegen jeden beliebigen fremden Herm. Ich Hätte es
nie für möglich gehalten, daß Deinem aufrichtigen Herzen das Kofet-
tiren eine Befriedigung gewähren würde!“
Das Hang beinahe herb aus dem Munde ber ſonſt immer fo
jütigen und nacjfichtigen Mutter. Eveline fühlte die Berechtigung
die Tadel3 und darum beeilte fie fih mit etwas mehr Ernſthaf-
tigfeit, als fie fonft wohl bei diefem Gegenftand zu bethätigen pflegte,
der Matrone zu erwidern: „Sei ohne Sorge, liebe Mama, Dein
Schützling war wohl noch nie fo zufrieden mit Deiner capriciöfen
Tochter, ald gerade geftern Abend, wo ich ihm eine Probe auferlegte,
von deren fiegreichem Beftehen fein ferneres —— —
gi „Eveline, was haft Du vor?“ unterbrach fie die Mutter beun-
ruhigt.
„Herr Premierlieutenant von Horſt!“ meldete in diefem Yugen-
blick die Zofe und überhob fo Evelinen der Sorge, wie fie aud)
noch fernerhin ihr muthwilliges Vorhaben vor der verftändigen
Mutter verbergen möge.
„Sit uns willfommen!“ beſchied die Präfidentin in augenblid«
licher freudiger Erregung, die nur wieder durch die Wahrnehmung,
wie gleihgiltig Eveline die Ankündigung des Vefuches aufzunehmen
ſchien, um ein wenige® gedämpft wurde.
Der Angemeldete betrat den Salon und begrüßte Die Damen
mit jener vertraulichen Nitterlichkeit, welche die Tante ſtets von
neuem zu feiner geſchworenen Verbündeten machte.
„Darf ic) fragen, wie die gnädige Frau Tante die Anftrengungen
des geftrigen Abends ertragen haben? Ich Hoffe, nicht allzu jcywer?“
fragte der galante Neffe.
„Und Sie, ſchöne Couſine“, wandte er fid) an Eveline, ald er
ein zufriedene3 Lächeln der Tante empfangen hatte, „haben auch Sie
fid) von den Mühen und Beſchwerden bes Bälles nach Wunſch er-
holt?“ Als fie danfend bejahte, fügte er etwas leiſer die Frage Hinzu:
„Weiß die Frau Tante um Ihre — Dispofitionen?“
Da Eveline nicht ſogleich antwortete, entftand eine Heine Paufe
Bas Kafernengefpenft 249
im Gefpräch, welche die Präfidentin dahin deutete, daß etwas wich—
tige zwiſchen ben beiden unauögejprochen fei; um es ihnen zu er-
leichtern, ergriff fie einen glaufiblen Vorwand, für kurze Beit in das
Nebenzimmer zu treten. Kaum Hatte fie den Salon verlafjen, als
ſich Eveline zu dem Vetter mit der Frage wandte: „Bereuen Sie
Ihr geftriges Berfprechen?“
Ich bin der Ihre mit Leib und Seele, jet und immerbar!“
erwiberte Hubert, indem er ihr reizendes Bild mit glühender Be—
wunderung umfing.
Sie Fentte unter ben brennenden Bliden ihr erröthendes Antlitz
und hielt ihm wortlos das gefaltete Papier hin.
„Meine Inftruktion?”
Leſen Sie!"
. Anal iberftog die ihm fo fieben Zeichen. Dann ſah er fragend
zu ihr_auf.
„Sie zweifeln, ob er darauf hereinfallen wird?“
„Ein wenig!“
„Und fagten doch jelbft, er fei von ſehr einfeitiger Erziehung
und bejchränfter Einficht.“
„Was Sie ihm da zumuthen, überfchreitet das glaubhafte Maß.“
Ein jpöttifches Lächeln lief über ihre Züge. „Nach dem, was
er geſtern geleiltet hat, wird ihm aucd das — nicht ſchwer fallen!“
Er blidte vertrauensvoll zu ihr auf. „Ich baue auf Ihre Ins
[piration; aber wenn ich es ausführe, riöfire ich den Tadel der Uns
adichaftlichkeit mit allen Konjequenzen.“
Sie reichte ihm die Hand. .
Ah, ich ſoll Ihre tameradichaftliche Hand als Aequivalent nehmen?“
Sie nidte und er bebedte ihr zartes Handgelent mit feurigen
Küffen, denen fie ſich nicht entaog:
In diefem Augenblide trat die Präfidentin wieder ein; die bei
ihrem Nahen unterbrochene herzliche Bertraufichkeit war ihr Teines-
8 entgangen. Sie fragte erfreut: „Nun, meine Kinder, find die
— —9 geſtrigen Abends zur beiderſeitigen Zufriedenheit
jeglichen?“
auge gi waren keine Differenzen vorhanden“, verſicherte Eveline
beziehungsvoll, „nur_die thatſächliche Uebereinſtimmung ift eine noch
voilſiändigere geworden!“
Jede andere Mutter würde vielleicht in diefem Falle die Er-
füllung ihrer man als Thatſache behandelt und mit dem längft
hereit gehaltenen Segen zugeklappt haben. Aber jo wie fie ihre den
nft immer mit Ser vermengende Tochter kannte, begnügte fie
5), forfchend zu dem als Sohn erfehnten Neffen Hinlbersufehen.
Da aud) er feine bindende Antwort gab, jo lenkte fie enttäujcht
» Unterhaltung auf einen anderen Gegenitand, über deſſen Beha;
g bald eine allgemeine, unbefangene Konverfation zuftande kam.
> fi dann Hubert nach Verlauf einer weiteren Viertelſtunde
abjchiedete, erinnerte nichts mehr an die getroffene Vereinbarung,
250 Das Kafermengefpenft.
wenn nicht die zuverfichtliche Phraſe Evelinens: „Ich hoffe immer-
hin, lieber Herr Vetter, dab Sie mich über die Verwirklichung der
Pläne nicht allzu lange in Untenntniß laſſen!“
„Nicht allzu lange in Unfenntniß lafſen.“ Dies Abſchiedswort
ang Hubert von nun an ununterbrochen in den Ohren, und als er
heute nach gehöriger Erledigung des Dienftes in feine Wohnung,
welche er als fogenannter Kaſernencommandant in ber. Ktaferne hatte,
zurüdgefehrt war, juchte er fofort die von ber Confine erhaltene
Inftruktion hervor, um fie aufs neue und mit um jo größerer Aufs
merffamfeit zu überlejen. Nachdem er fie wiederholt durchgegangen.
hofte er ein längst beifeite gelegtes Lehrbuch der Mechanik hervor
und begann darin mit großem Eifer zu fuchen und zu lefen, und er
erfreute fich jelbjt nach längerem Bemühen mit dem Ausruf, den
einft ein größerer Philofoph, aber nicht mit größerer Freude als er
jegt, getan: „Ich hab's gefunden!“
lſobald begann er auch die geiftige Errungenſchaft in förper-
liche Greifbarfeit umzufegen. Er lieh fich von dem allzeit dienſt⸗
bereiten Burjchen, Pappe, Holzleiftchen, Draht, Leim und andere
nothwendige Materialien herbeiihaffen und verjudjte, von dem, wag
er im oben auszuführen verjprochen Hatte, fich ein Kleines Inſtruk—
tiong-Modell zu fonftruiren. Und fo eifrig war er bei der Sache,
daß er über dem Poſſeln Abendeſſen und Offizierskaſino vergaß
und bei einem falten Imbiß fortarbeitete, bis ihn die immer fühl-
barer werdende Kälte des Zimmers darauf en machte, daß
die für heute gelieferten Kohlen längft aufgebraucht feien und darum
wohl auch der Burfche im Nebenzimmer noch weniger als er jelbit
einen Ueberſchuß an Körperwärme verfpüren fünne.
jon am anderen Vormittag padte Hubert fein mit ebenſoviel
Ausdauer ala Geſchicklichkeit gefertigtes Mobell in eine Schachtel
und begab fich damit zu feiner ſchönen Mitverſchworenen, welche ob
der fo baldigen Verwirklichung ihrer Idee, wenn auch zunächſt nur
zur Probe im feinen, jo erfreut war, daß fie wie ein Kind in die
Hände tlatſchte und den lieben, Hilfebereiten Vetter mit einem Lobe
überhäufte, daß es ihm ganz warm im Herzen wurde.
„Jetzt die Ausführung im großen ebenfo genau und, pünktlich
EM I werden einen eflatanten Triumph erlebey!” meinte fie zum
Schluffe.
„Und dann, ſchöne Eoufine, wenn wir den Triumph haben, was
wird mein Lohn fein?“ fragte Hubert und ſah ihr heiß in die jo
wunderſam glänzenden Augeniterne.
Sie legte ftatt jeder Antwort die zarte Hand in feine Rechte.
&i „Berftehe ich Sie recht, theure Eveline, Ihre Hand wollen
ie..."
„Richt jo ſtürmiſch, Herr Vetter!“ mahnte fie ihn unterbrechend,
„erst die Ausführung des Projekts, das übrige wird die Zeit lehren
und bringen!“
Das war nun wieder fo ganz ihre Art und Weife, mit der
Bas Kafernengefpenft. “251
einen Hand zu gewähren, um es mit der anderen wieber fortzu-
nehmen: fo feifelte fie ihn jegt ſchon zwei Jahre an ihren Sieges-
wagen. Aber diesmal, das gelobte er Ye, jollte fie ihm nicht wieder
en lüpfen; wenn er ihren Willen ausgeführt, dann follte fie ihm
die Hand nicht länger weigern dürfen, von deren Beſitz für ihn
Sein oder Nichtſein abhing. War er doch fo ſehr in die Vegierde,
fie Die Seine zu nennen, verftridt, daß er fogar eine That vorzu-
bereiten fich nicht feheute, die ihn um den Auf, ein verftändiger
Menſch und guter Kamerad zu fein, ſchädigen konnte, Eigenſchaften,
die er doch bislang gar hoch und werth gehalten. \
Schüitle nicht zmibmmutbig das fühle Haupt, verehrter Lefer, ob
dem dummen Streide, dem Du nun unferen Helden von Stunde zu
Stunde wirſt näher fommen fehen, ſchlage vielmehr reumüthig au
Deine Bruft und rufe Dir alle Deine Heinen Sünden ins Gedäct-
niß und fieh' zu, ob Du unter ihnen nicht auch eine findeft, die im
Banne eines Paares ſchöner Frauenaugen begangen wurde. Und ne
Du, ſchöne Leferin, erwäge, ob Du niemals Veranlaffung gabſt, daj
eine Deiner liebenswürdigen Schwächen einem von dem jogenannten
itarfen Geji —— von Pfade des ſtrengen Rechtes ablenkte.
Eine fol: löftprüfung, wenn fie nur mit der rechten Aufrichtige
keit ins E gejegt wird, fie wird für die nun kommenden Ereig-
niffe die beite captatio benevolentiae fein. .
Als Hubert von Horſt am Nachmittag in feine Kaſernenwoh—
nung zurüdgefehrt war, machte er ſich fofort daran, mit Maßitab
und Bleiftift die Größenverhältniffe feitzuftellen, in welche er nun-
mehr fein Mobell umzufegen hatte. Das war leicht zu bewerfftelli-
en nicht fo auch die Ausführung in diefen Dimenfionen ſelbſt.
ch verichiebenen mibglüten Verſuchen wandte er ſich um Her-
ftellung der einzelnen Beftanbtheile an die zuftändigen Handwerks-
meifter, denen er die Maße genau angab und die größtmögliche Be—
fchleunigung der Arbeiten abnöthigte. Den Zwed des Ganzen ver-
ſchwieg er, indem er darauf bezügliche ragen überhörte. Bald hatte
er denn auch die einzelnen Be’tandthei e in forgfältiger Ausführung
beifammen und machte fich nun daran, fie'zu dem Ganzen zufammen-
zuftellen. Es verurjachte ihm feine geringe Mühe, ald er aber dann
eine Probe damit veranftaltete, arbeitete der Apparat mit geradezu
überrafchendem Erfolg.
Freudig erregt, verſchloß er fein Machwerk in dem zugehörigen
Kaften und eilte zu Evelinen, um fie von dem Gelingen feiner vor-
bereitenben Schritte gebührend in Kenntniß zu jeßen.
„Run nod) den richtigen Beitpunft erwählen, wann wir unjere
ae Springen laffen, und der Sieg ift und geribn, jubelte fie.
„Wenn nur fein a) En unferen Ungunften eintritt!” be
ite Hubert und eine leichte Wolfe ”g über feine Stirme. „Ich
ı mid) biöweilen nicht von dem Vorwurf retten, daß wir
daben Sie Furcht, Sie Ritter ſonſt ohne Tadel?“ unterbrach
252 Bas Safernengefpenft.
ihn Eveline und ein leifer Spott zuckte um ihren frifchen Mund.
„Weder ich, noch meine Freundinnen wollen Sie irgend einer Ge-
fahr ausfegen, und wenn Sie finden, daß Sie befjer thäten, uns
diefen Dienft nicht zu leiften, jo entbinden wir Sie gerne Ihrer
Zufage!“
Sie trommelte troßig wider die Fenſter Kpeibe und ftellte fich
gegen alle erneuten Betheuerungen feiner Ergebenheit taub. Heute
war fie nun fo, wie fie in alle Zufunft gegen ihn fein würde, wenn
er ihren Wunſch nicht erfüllte. Das aber würde er ficher nicht er-
tragen fünnen und mit bem fefter Vorſatz, bei der erften fich bieten-
den Gelegenheit feine Bufage einzulöfen, verabſchiedete er ſich von
feiner ungnädigen Gebieterin. ugleich nahm er fich vor, erſt
wieder mit dem Bericht der vollendeten That vor fie hingutreten
Eine zur Ausführung des Vorhabens günftige Gelegenheit füllte
nicht lange auf ſich warten lafjen. Schon an einem der folgenden
auge wurde bei Parole befannt gegeben, daß von heute auf morgen
Sefondelieutenant von Rachow Kajernen-du jour habe. Das war
für Hubert das Zeichen, die Kataſtrophe noch in der heutigen Nacht
beizuführen. 13 Herz ſchlug ihm etwas unruhig und er tadelte
ſich felbft ob feines Beginnend, ala er in fpäter Abendftunde Die
legte gan ans Werf legte. Aber dann trat wieder das verführe-
riſche Bild Evelinens vor fein inneres Auge und verjcheuchte jedes
er ex mußte fie befigen, ei es auch mit Hilfe eines thörichten
treiches.
* *
*
Wenn Erich von Rachow nicht einer Einladung Folge leiſten
Ionnte, brachte er die Abendftunden regelmäßig in feiner Wol
zu. Das unter fo vielem anderen hatte ihm feine Mutter zur Pflicht
gemacht, die von dem Beſuch der Hötels und der Reſtauralionen
neunundneungig Prozent aller ruinirten Exiſtenzen mit mathemati-
fcher Gewißheit ableitete. Daher mußte Erich in allen Familien,
wohin immer eine Einladung erivartet werden konnte, Befuche machen,
und unter diefem Gefichtspunfte waren fogar bürgerliche Familien
für Mutter und Sohn annehmbar. Dank Feten Bemühungen, war
es denn auch Erich gelungen, faft an jedem Tage ein warmes Abend-
brod, das er fehr zu fehägen wußte, ohne Inanſpruchnahme eines
Gaſtwirthes zu erhalten. An den wenigen Abenden, die ihm bis
jegt feine Einladung gebracht, war es ihm daher auch nicht ſchwer
allen, zu Haufe „ex faustibus“ feinen Magen zu befriedigen. Er
— zu dieſem Zwecke nur eines kleinen Reſtes feiner Fruͤhſtücks—
milch, die ihm fein Burſche von der Straße holen mußte, und eines
Ternhaften Stüdes Commisbrodes, welches ihm ebenderfelbe getreue
Wardein von der eigenen Portion gegen billiges Entgelt verab-
reichte. „Die von Rachow haben e3 immer fo gehalten“, erklärte er
einem Kameraden, der ihn eines Abends bei feinem frugalen Mahle
antraf, „und die von Rachow find alt dabei, geworden. ‚Mäßigkei
Bas Kafernengefpenft. 253
in Ejfen und Trinken macht einen Maren Kopf und das Herz frei
von Begierden‘, jagt meine Mama und meine Mama ift eine gar
verjtändige und erfahrene Frau.“
„Das ſind jehr ehrenwerthe Anfichten“, hatte der Kamerad ge-
antwortet; im ftillen aber wunderte er fich doch, warum Rachow,
wenn er die geäußerten Grundſätze wirklich zu den feinigen erhoben
hatte, am Offiziersmittagtiſche zur Verzweiflung des Hausverwalters
regelmäßig den Appetit von drei anderen entwidelte und aud in
den Abendgefellichaften, in welchen er bisher mit dem Enthaltjamen
zuſammen getroffen war, in dem Konfum vor Speife und Trank
geradezu befuftigende Fähigfeiten entfaltet hatte.
te num hatte Erich wieber einen ſolchen Kopf und Herz
Härenden Abend. Nachdem er ſich an dem vom Burſchen ferpirten
Imbiß gütlich gethan, verwandte er den Neft des Abends darauf,
fi auf den wichtigen Dienſt als Kafernen-du jour würdig vorzu⸗
bereiten, indem er nicht nur die ſpeziellen Vorſchriften mit Andacht
durchlas, ſondern auch die allgemeinen Bejtimmungen in fein Ge
bächtniß zurückrief. Alſo von dem Geifte der Inftruftion durchleuchtet,
machte er fich endlich gegen Mitternacht auf den Weg, den ihm ber
heutige Dienit vorjchrieb. ö
war noch nicht allzuweit gefommen, als ihm ein zärtliches
Baar in Geftalt eines Unteroffizier und einer, wie der Augenfchein
lehrte, voligiltigen Vertreterin des vielbeiprochenen Küchenperſonals
begegnete; die männliche Hälfte des Paares offenbarte bei dem An-
blick des Offiziers fo unzweideutige Zeichen ber Ueberrajchung, daß
der Verdacht, der Unteroffizier halte fich ohne Erfaubnik außerhalb
der Kaferne auf, nur zu begründet joreinen mußte. Den vorſchrifts⸗
mäßigen Anruf fchien der Untergebene einen Moment mit einem
Fluchtverſuch beantworten zu wollen. Aber war es die nachwirkende
Umarmmn weiblichen Theile, war es die Folge der militärifchen
Disziplin, das Baar machte plöglich Halt und nahm bie Front nad;
dem im vollen Dienſtſchniuck leuchtenden Offizier.
ben Sie eine Ürlaubskarte?“ inquirirte Rachow.
„Rein, Herr Lieutenant.“
„Wer find Sie?"
„Unteroffizier Driller von der zehnten Compagnie.“
„Mir befannt“, brummte Eric) und wandte fi ohne weiteres
zum Fortgehen.
iefe Wortlargheit erſchien der Küchenfee beſonders bedrohlich.
. Serr Leibnant“, rief fie ihm nad), „warten Sie doch nur einen
igenblid. Sie erkennen mich vielleicht wieder. Ich bin's, die
Hin in Herr Geheimerath3 M. wo Sie neulich fo gut gegefien
sen. Beim Heimgehen drüdten Sie mir etwas Hartes in die
nd, aber als ich zufah, war nichts d’rin. Ich will ja nicht? weiter
en, aber lafjen Sie doch aud meinen Schag frei aus. Herr
bnant, Herr Zeibnant! .. .”
So haderte fie eifrig fort, aber Erich hörte weder ihre Gründe,
254 ‚Bas Kafernengefpenft.
noch die energifche Gegenrede des Unteroffiziers, welcher fich vergeb-
lich bemühte, feiner Geheimerathsköchin das Gefährliche ihres Be—
nehmen klar zu machen.
Der Weg führte jegt Erich an einem Heinen Lädchen vorüber,
deffen Schaufenster, wern man das fpärlihe Glas jo nennen durfte,
bereit3 gejchloffen war. Die Thüre war angelehnt und durch den
Spalt jah Rachow in dem noch erleuchteten Innern die Geſtalt
eines Musfetierd fich deutlich abheben. „Was hat ber noch jo fpät
in dem Geſchäft zu thun?“ fragte fich der Dienfteifrige und ftieß Die
Thüre auf. Der Soldat erjchraf, ftellte ſich aber jofort in die vor—
ſchriftsmäßige Pofitur.
aber un Set Burfäe be 50
„Musfetier Infel, Burjche bei Herrn Hauptmann von Saliſch.“
„Haben Sie eine a ai D . *
„Rein, Herr Lieutenant.“
„Wie fommen Sie hierher?“
„Herr Lieutenant wifjen, daß Herr Hauptmann imverheiratet
find. Herr Hauptmann kommen oft jpät aus Gefellihaft und ſehen
es gerne, wenn ich noch da bin, um ihm beim Auskleiden behilflich
zu Fin. Unfer Brennmaterial war heute zu Ende gegangen, ich fror
in der Wohnung und um mid) etwas zu erwärmen, wollte ich mir
hier im Laden’ etwas holen.“
Berde Sie trogdem melden, gehen Sie ſofort mit zur Kaſer—
nenwache!“ .
„Über wenn mich Hauptmann doch haben wollen!“ klagte
der Burſche in weinerlichem Zone.
„Dann muß er Sie eben von der Wache abholen!“ Hang die
harte Antwort. .
Der Arme, der fich doppelt beflagenswerth vorfam, einmal, weil
er jein wärmendes Getränf ungenojjen jtehen laffen mußte, dann,
weil er dem Hauptmann Ungelegenheiten bereiten würde und viel-
leicht gar feinen Burſchendienſt aufgeben müßte, folgte dem alt
Voranjchreitenden zur Kaſernenwache, wo er bis zum Blaſen der
Tageöreveille verweilen follte.
F hätte auch den Unteroffizier arretiren follen!“ brummte
Rachow in ſich hinein. „Zwei Fälle vor ber Staferne, ausgezeichne-
ter Erfolg! Wenn das Reſultat innerhalb ber Kaſerne ein gleich
günftiges ijt, muß ber Oberſt meine Schneidigfeit beſonders aner-
fennen.“
Er lieferte den Arrejtaten auf der Kaſernenwache ab und be- _
gann nun feinen Rundgang durch die weitläufigen Räume.
Die Kaſerne war vor grauer Zeit ein Nonnenklofter geweſ
das bei der Zäfularijation zur Unterfunft für die Soldatesfa
ftimmt worden. Im Lauf Jahre war dann ein Bau nad d
andern, wie es das Bedürfniß erheijchte, angefügt worden und
bildete das Ganze jept einen höchſt fomplizirten, nichts weniger «
ftilvollen, aber doch ganz zweddienlichen Komplex. Aus der vi
Das Kafernengefpenft. 255
bewegten Vergangenheit Tnüpfte fich noch mandie Sage an das
alterthümliche Haus. Man follte in ftürmijchen Nächten oft ein
geheimnißvolles Flüftern und Seufzen in den winfeligen Gängen ver»
nommen haben und jelbjt von geipenfterhaften Erſcheinungen wußte
die Tradition gar manches haarjträubende Erempel zu erzählen.
Am Kafinotifch hatten die jungen Offiziere ſchon oft Proben
folcher Hiftörchen gegeben und zumal in den legten Tagen war
Hubert von Horft, der in dem einheimijchen Dingen wie fein anderer
bewanbert fchien, im Erzählen jolcher Schauermären fchier uner-
{höpflich geivefen.
Das alles fiel fo ganz von ungefähr unſerem Eric) ein, ale
er die sieffattenben Gänge durchmaß, welche nur höchft nothdürfti
bier und von einzelnen, aus Erjparungsrüdfichten, auf Biertel-
ſtärke zurüdgefchtaubten Gasflammen beleuchtet waren, eine Beleuc;-
tung3art, die ganz dazu gefchaffen fchien, in der Einbildungskraft des
einfamen Wanderer allerlei grotesfe Phantome zu begünjtigen.
Dazu umheulte der Wind in allen Tonarten das alte Gemäuer,
daß auf dem Dache die Ziegel Elapperten und die Wetterfahnen
freifchten. Bwifchenhinein glaubte Erich gar den unheimlichen Auf
des Nachtvogels Käuzchen zu hören, deffen Erijtenz und jemeifiges
Erſcheinen in den Ammenmärchen eine jo hochwichtige Rolle zu ſpielen
berufen ift. Won derartigen Einflüffen aber war Erichs Phantafie
keineswegs frei geblieben und fo jah und hörte er auf feinem ein-
famen Wege bei jedem Schritt und Tritt etwas, das ihm ungeheuer-
lid, dünkte. Im Grunde verwünfchte er jet ſchon den nächtlichen
Dienftgang und er war fogar geneigt, auf jeden weiteren guten Fang
zu verzichten, wenn er nur erjt mit heiler Seele aus diejen ſchauer⸗
fihen, labyrinthiſchen Gängen würde gerettet fein.
Ganz von biefem Wunſche erfüllt, hatte er plöglich, in der
Nähe einer tiefen Fenfternifche angekommen, einen Anblid, der ihm
das Blut in den Adern erftarren machte. In der Aufregung des
Moments fuhr er mit der rechten Hand nach feinem Kopfe, wie um
dort eine Erklärung der räthjelhaften Erfcheinung zu fuchen. Durch
die Haftige Bewegung aber zerrig die dünne Schnur, an welcher fein
Lneifer Befeftigt war, und das Binocle fiel flirrend zur Erde. Seine
Sehlraft war durch dieſen unglücjeligen Zufall um das doppelte
ſchwächer als ſonſt. Die unheimliche Erfcheinung im Auge behaltend,
fuchte er mit Händen und Füßen nad) dem verlorenen Sehapparat.
Aber noch während er fid) bemühte, wieder zu feinem Eigenthum
- fommen, verſchwand die Erfcheinung mit Gedanfenfchnelle vor
en Augen, und da der Zwider troß eifrigitem und forgfältigitem
den nicht aufzufinden war, fo beſchloß Erich, ohne denjelben
em Rundgang fortzufegen. Kaum Hatte er indejjen wieder einen
ritt vorwärts gethan, als die vorhin geſehene Erjcheinung aber-
% vor ihm auftauchte.
„Alle guten Geifter“, murmelte der Erſchreckte und fonzentrirte
ſchleunigſt rückwärts, um die noch nicht betretenen Räume von
256 Bas Kafernengefpenft.
einer anderen Seite aus zu vifitiren. Pas gelang ihm denn auch
ohne Störung und ohne daß er ein nennenswerthes Ddienftliches
Nefultat in feinem Geifte hätte aufzeichnen mögen. Und jo war er
dann wieber in die Nähe der Stelle gefommen, wo er vorhin zwei⸗
mal bie geözsdenerregenbe Vifion gehabt hatte. Er ging gerade bei
fich zu Nathe, ob er die unheimliche Stelle num nicht Tieber ganz
vermeiden und auf dem Plage umfehrend, die Kaſerne verlaffen jolle,
was er ja, da alle Gänge abgefucht waren, unbefchabet feiner Dienft-
pflicht thun fonnte, als die Schredgeftalt zum britten Male vor ihm
auftauchte. Der Mond brach gerade durch das zerrifjene Gewoͤlk
und beleuchtete den oberen Theil des Schemens mit feinem bleichen
Lichte, ſodaß ihm trog feiner geſchwächten Sehfraft das Schauerliche
des Anblicks noch deutlicher wie vorhin zum Bewußtfein fam. Mit
einem Schrei des Entjegens taumelte Erich zurüd und verließ eilen-
den Schrittes den Schaupla feines Abenteuers.
AS er zu Haufe angelommen war, zündete er die Lampe an,
um entfegt vor feinem eigenen Spiegelbilde zurüdzuprallen: er war
jelbft fo bleih und fahl wie das Gejicht, das er vorhin gefehen, und
die Kopfhaare ftanden ihm rings zu Berge, wie die Stacheln eines
zur Vertheidigung zufammengerollten Igels. Er ſetzte die Lampe
auf den Tiſch und fich ſelbſt auf das Sopha, um das erlebte Aben-
teuer nochmals an feinem Geifte vorüberziehen zu laſſen und zu
überlegen, was er nun thun folle Bei diefem Rückwärtsſchauen
fror er am ganzen Körper, troßdem der Ofen noch eine gun hag⸗
liche Wärme ausſtrahlie; er umfing ſchließlich den wohlthätigen
Wärmeerzeuger mit beiden Armen und Hatte doch die Empfindung,
als erftarre alles Blut in ihm zu ewigem Eife.
Ia, was pie er thun? Das Erlebniß auf Grund des Garni-
ſons⸗ und Kafernen-Dienftreglement® der Commandantur und dem
Regimentscommando melden? Würde man ihm Glauben ſchenken?
Und hatte er We alles gethan, was er zur Aufklärung des That»
beftandes Hätte thun müſſen? O nein, er hatte nicht einmal den
Thatort umterfucht, er fonnte alfo auch nicht einen Bericht von vor-
ſchriftsmäßiger Genauigkeit einfenden. Was hätte er jegt um einen
Freund gegeben, in deſſen verſchwiegenen Bufen er feine Bejorgniffe
und Bweifel hätte ausfhütten und von dem er einen guten Fass
hätte hören können! Dank der mütterlichen Bevormundung hatte er
fi, um die Rachowſche Gefinnung ja rein zu bewahren, von jedem
näheren Umgang mit einem Kameraden oder ſonſtigen Altersgenoffen
ferne gehalten, und fo war er benn auch jegt mit feinem peinlichen
Geheimniß nur allein auf ſich felbft angewieſen. Doch nein! C-
hatte ja die vortreffliche, verftändige, in allen Dingen erfahren
Mutter; an fie mußte er ſich and) jest wenden. An Schlaf war füı
diefe Nacht Doch nicht mehr zu denken, und daher holte er dem
einiges Schreibmaterial herbei und bemühte ſich, das Erlebnik, fo gu
es die aufgeregten Sinne und bebenden Hände geftatten wollten, zu
Papier zu bringen. Er fchrieb:
Bas Kafernengefpenft. 257
„+ ** 28. November 18...
Vielgeehrte und theure Mutter!
Meinen treugehorfamen Sohnesgruß zuvor! Es ift vier Uhr
morgens und ich Nehe noch ganz unter den Wirkungen, welche ein
mir räthjelhaftes, erjchredendes Ereigniß auf mich hervorgebracht
t. Denke Dir; ich hatte Heute Nacht die Kaferne zu vifiticen.
3 war eine haßli e, regen⸗ und winddurchſchauerte Rast, ganz
fo wie Du fie zu ſchildern pflegtejt, wenn Du mir von dem Unter-
eng unferer altehrwürdigen Stammburg erzählteit, die ein roher
Sb Ihaufe im frevelhaften Drang nad) neuen Rechten einäjcherte,
daß der —— des Geſchlechts wehllagend auf den Trümmern
umberirrte. Ich Hatte bereit3 den grökten Theil der Kaſerne
vifitirt, ohne etwas von Bedeutung gefunden zu haben, ala plög-
lich wie aus der Erde gewachſen, das gejpenitige Bild einer Nonne
vor mir fteht. In der Einwirkung des momentanen Schredens
verlor ich meinen Kneifer, und während ich mich bemühte, ihn zu
fuchen, verſchwand die Nonne vor meinen Augen. fuchte lange,
aber vergebens, mir um fo unangenehmer, als mein Baargeld eben
jegt am nahen Ende des Monats fehr zufammengefchmolzen ijt
und ich mir faum mehr den fo unentbehrlichen Kneifer wieder von
neuem anfchaffen könnte. Nach langem, fruchtlofem Bemühen gab ic
das Suchen endlich auf und wollte meinen Weg weiter fortjegen.
Aber, o Grauen, die Feder fträubt fich fat, es niederzuſchreiben,
da ftand die Nonne ſchon wieder vor mir und ftarrte mich aus
ihren tiefen Augenhöhlen an. Ich machte burg seht und juchte
die übrigen Kafernenräume auf einem andern Wege ab. Als ic
an die vorhin gemiedene Stelle zurüd kam, trat mir die Erſchei—
nung zum dritten Male in den Weg, und wie ich jegt in dem
etwas ftärferen Lichte des Mondes ganz deutlich unterfcheiden
tonnte — das Geficht war ein grinjender Todtenſchädel, unter
fangwallenden Wermeln des tiefichwarzen Gewandes fahen die
Happernden, glänzend weißen Knochenhände heraus, nach unten
aber verlor ſich die Gejtalt in dem unbejtimmten Dunkel, welches
die tiefe Fenfternijche ala Schatten warf. Ich war ganz fonfter-
nirt und zog mich, da die Erſcheinung auch der fräftigiten Be—
ſchwörungsformel nicht weichen wollte, mit angemefjener Eile aus
der Affäre, um nun bier zu Haufe das Abenteuer in Deiner
Geſellſchaft — o, wäreft Du doch fürperlih hier! — nodmals
an meinem Geifte vorüberziehen zu laffen und Dich um Deinen
erfahrenen Rath anzugehen. — Der Tag graut bereitd. Ich gehe
in die Raferne, um nad) meinem Sneifer zu fuchen und den Ort
der That bei Tagezlicht zu fehen. Adieu bis nachher! —
Ich bin zurücgefehrt. Als ich in die Kaſerne kam, bfies der
Signalift gerade die Tagesreveille, mir ein gar fo lieber Gruß.
Ich nahm mir von der Kaſernenwache einen Mann mit, der mir
follte fuchen helfen. Wir fanden auch gar bald den verlorenen Kneifer,
leider war nur noch das Gehäufe in brauchbarem Zuftande, beide
Der Sealen 1889. Heft II. Band I. 18
258 Bas Kafernengefpenft.
Gläſer waren zerjplittert. Wie ich vermuthet, war an der omi—
nöfen Stelle aud) gar nichts außergewöhnliches zu entdeden. Die
Sandjteinplatten, mit welchen ber ganze Gang belegt iſt, find
an der Stelle von derjelben Bejchaffenheit, nichts deutete bei
Tageslicht auf irgend etwas hin, das irgendwie zur Aufklärung
einen Anhaltspunkt bieten könnte! Wie urtheilft Du über den
Vorfall?
Ich habe keine dienſtliche Meldung erſtattet und werde auch
privatim über die Sache Stillſchweigen beobachten, da ich nicht
weiß, ob ich mic) jemandem anvertrauen kann. Schreibe mir bald,
was ich thun fol, ich brenne darauf, Deine Inftruftion zu erhalten.
Wie immer
Dein
lieber und treugehorfamer Sohn
Eric) von Rachow
Königlicher Sefondelieutenant im n. Inf.-Agt.“
Mit wendender Poſt erhielt unjer Held folgende Epiftel:
„N. N. den 30. November 18...
Mein lieber, einziger Erich!
„Es find die fchlechten Birnen nicht, woran die Wejpen
nagen!“ Das laß au ir zum Trofte jagen über Dein großes
Abenteuer. Denn wilje, die von Rachow find, folange unjere
Familienchronik zurüdteicht, immer gerne von Erſcheinungen aus
der Geifterwelt heimgefucht worden, aber fie haben fie alle immer
tapfer beftanden, un daß Du, wie Du mir fchreibjt, in dieſem
Muthe feine Ausnahme gemacht haft, giebt mir den erfreulichen
Beweis, da in dem legten unjeres Stammes das Blut der Vor:
fahren rein und tüchtig erhalten geblieben ift. Anno 1632 war,
um nur mit wenigen Beijpielen zu dienen, einer unferer Vorfahren
als Hauptmann ins Feindesland eingebrochen. Er hatte ein feites
Schloß beieht und feine Mannfchaft ließ es ſich in dem gut ver:
proviantirten Quartier gar wohl gefallen. Mitten in der Nacht,
— die Uhr wird wohl auch gerade die zwölfte Stunde gezeigt
haben — ftand plöglich eine weiße Geftalt neben feinem Lager,
die ihm bedeutete, fchleunigft aufzubrechen und das Quartier zu
räumen; benn es würde eine feindliche Uebermacht kommen und
alles niederhauen, was ſich ihr in den Weg ftelle. Dein Ahr
nahm die Warnung ohne Furcht entgegen; aber ohne Zaubern lich
er mitten in der Nacht Alarm blafen, fatteln und paden und den
Ausmarſch antreten. Am andern Mittag ſchon wehte vom Schloß
die feindliche Flagge: die fünffache Uebermacht war dafelbft ein-
jerüct. — Anno 1759 hatte ein Fähndrich aus dem von Rachow—
Pen Geſchlechte einen gefährlichen Patrouillengang angetreten.
Diefer_Dienft führte ihn in eim dichtes Gehölz und in ihm an
eine Stelle, wo der Weg fich nad) drei Richtungen verzweigte.
Er ließ Feuer ſchlagen und las auf dem Wegweiſer: „Zur Hölle,
Das Kafernengefpenft. 259
ind Himmelreih, nah N. N“, d. h. dahin zurüd, woher er ge—
tommen war. Die Schrift Teuchtete, wie von übernatürlicher Hand
geſchrieben. Er war, wie alle Rachows, ein frommer Chrift. Darum
wollte er nicht in die Hölle gehen, wohin er ja auch nicht gehörte;
ins Himmelreic) einzugehen, Akte er ſich noch nicht würdig genug
vorbereitet; daher trat er mit feiner Mannjchaft den Rückweg nad)
N. N. an. Als er im Lager anfam, hatte der Hauptmann, der
{on ausgeſendet, eine herzliche Freude ihn wieberzujehen, da ihn
der Commandant inzwijchen darauf aufmerkfam gemacht, es Mn
wie ein Wunder aufzunehmen, wenn die Patrouille von dem Gang
in die Nähe bes übermächtigen Feindes zurüdfehre. Was ihn er-
rettet von dem graufigen Schidjal der Gefangennahme oder gar
Schlimmerem, das hat der Fähndrich dem Hauptmann nicht mitge-
theilt; aber unfere Chronik hat e8 gar wohl als einen göttlichen
Fingerzeig aufbewahrt. — Solcher Beiipie fe, daß fich übernatür-
liche Mächte derer von Rachow angenommen und fie ihres Um-
sange gewürdigt, könnte a Dir aus unferer Chronik noch un-
ählige berichten, doch wirft Du mir das, Lieber Erich, gerne erlaffen,
inſonders auch, wenn “ Dir fage, daß meine Augen in letzter
Zeit wieder um vieles ſchwächer graben find. I theile in
diefem, wie in allem andern das Schickſal unferer Hohen Familie,
deren Angehörige ſämmtlich in heranrüdendem Alter eine Schwä-
dung des Gefichts und Gehör zu erleiden hatten. Nur ber
Pöbel bewahrt feine Sinne in thierifcher Frifche.
Um wieber auf Dein Abenteuer zurü diufommen: ich finde es
durchaus richtig, daß Du feine dienftliche Meldung davon erftattet
Haft. Wofür auch? Unjerm Familienarchiv habe ich Deinen denk—
würdigen Brief vom 28. November einverleibt; dort wird er noch
in fpäten Jahrhunderten den Nachkommen ein hochwichtiges Do-
fument fein. Privatim fannft Du immerhin jhon über Dein
Erlebniß fprechen. Der Muth, mit welchem Du das Wagniß be-
ftanden haft, wird zweifelsohne Dein Anſehen heben und Dir
Bewunderer bringen. Aber da von der Bewunderung zur Liebe
nur ein Kleiner Schritt zu fein pflegt, jo hüte Dich, daß Du nicht
in einer fchwachen Anwandlung den Schmeicheleien der bortigen
Damen erliegen mögeft. Daß nur eine einzige, gleich Dir der
legte Sproß unferes einjt jo weit verzweigten Stammes, Dir zur
gehenägefährtin frommen kann, das weißt Du. Aber ebenjo gut
weißt Du auch, daß an die Verwirklichung diefer unferer Lieblings»
"see_erft gedacht werben fann, wenn Du einmal Hauptmann erjter
laſſe fein wirft. Selbſt wenn ich alles daran wenden wollte,
ürde es nicht eher zu ermöglichen fein.
Um Deinen pefuniären Verluft zu erjegen, jchließe ich, hier
nen Fünfmarkjchein ein, für welchen Du Deinen Kneifer wieder
titellen lajfen und noch etwas für unerläßliche ftandesgemähe
uögaben, wie Wohlthätigfeitsbazar, Ausſteuer für arme Waifen-
der, innere Miffion u. ſ. w. erübrigen wirft. Denn „wohlzu⸗
18*
260 Bas Kafernengefpenft.
thun und mitzuteilen vergeſſet nicht!” war immer ein Wahlſpruch
unferer Familie; alle Seiten unferer Chronik weifen darauf hin.
Bleibe immer nahe bem Herzen
Deiner
Dich treuinnig liebenden Mutter
Natalie von Rachow,
nee von Rachow.“
*
*
Es war der zweite Ball, feitbem der famoje Ausgleich zwiſchen
Civilgefellihaft und Militär gefunden war. Die Beziehungen der
Zamilien hinüber und herüber waren vertrautere geworden und
manches Band war gefnüpft, von bem gehofft wurde, daß daraus
ein mindeftens für die Leben dauerndes werden könne. Gott Amor
hatte nämlich hinüber und herüber geſchoſſen und in ben jugendlichen
Schaaren beiderlei Geſchlechts ſolche Verwirrung angerichtet, daß die
unbetheiligten Zufchauer zu ber Ueberzeugung gelangten, die Bewafj-
nung des geflügelten Gottes, welche man fi vor drei Jahren noch
als einfache Ausrüſtung mit klaſſiſchem Pfeil und Bogen gedacht
hatte, ſei feitdem entfprechend modernifirt und in ein maſſenmöͤrderi⸗
ches ARepetirgewehr umgewandelt worden. Hubert von ‚Dorf und
Eveline von Kroner waren allen mit dem beiten Beijpiele voraus-
gegangen und alle Welt meinte, die offizielle Kundgebung beffen,
was alle Welt ahnte, müfje in jedem Augenblid erfolgen.
Nur Eveline ſelbſt glaubte den entjcheidenden Augenblid immer
noch hinausfchieben zu jollen und befand ſich darin im fchroffen
Gegenfag zu Hubert und der Mutter, welchen das Zögern des ges
liebten end von Sekunde zu Sekunde räthjelhafter wurde. Eveline
hatte beiden gegenüber die beſtimmte Abficht ausgefprochen, auf dem
nächſten Back te ihre beiberfeitigen Wünſche mit einem öffentli—
Ja zu krönen. Dies Balffeft war nun gefommen, war im beiten
Zuge und noch immer hielt Eveline mit der Erfüllung ihres Ver—
ſprechens zurüd, Hubert wurde darum viertelftundenlang von allerlei
melandofiihen Gedanken heimgefucht, die zu feinem fonft fo heitern
und aufgeräumten Wefen gar nicht jtimmten. Ihm jchwante etwas,
wie wenn feine fchöne Coufine aud, mit ihm gleich den andern nur
ihe Spiel treibe und an eine ernftliche Abficht gar nicht mehr denke.
Dann wieder, wenn er durch einen verftändniginnigen Blick ihrer
blauen, ftrahfenden Augen aus feinen düſtern Träumereien aufgewedt,
fi) trog allem Zögern ihrer entgiltigen Zufage gewiß hielt, beſchlichen
ihn Zweifel, ob auch ein Liebesbund fürs Leben an der Seite eine
fo ezcentrifchen Weſens mit allen jenen Seqnungen verknüpft ſei
werbe, mit denen er fich das erhoffte irdiſche Paradies ftets jo gerr
ausgemalt hatte. Schon jah er am Horizont feines Liebeshimmel
feichte Wölkchen auffteigen, die näher und näher kamen, größer wu
ben, fich verdichteten und Sturm und Unheil zu verkünden drohte
Infolge dieſer Verftimmung gab ſich Hubert heute weniger eifrig e
Bas Kafernengefpenft. 261
fonft dem Vergnügen des Tanzes Hin; er paufirte ganze Touren und
begnügte fich, an einem Pfeiler gelehnt, dem bunten Treiben zu—
zulpaken, mogegen Eveline heute den ganzen Zauber ihrer len
lichkeit frei falten und walten ließ und durch ihre unwiberftehliche
Laune alle, die mit ihr in Berührung kamen, mit fortriß.
Diefe Wahrnehmung war nur zu geeignet, die Unruhe und Un-
behaglichfeit Huberts au den Gipfel u treiben. Schon war er im
Begriff, die Tante Präfidentin, welcher er ſich momentan ohne
Zeugen nähern zu fünnen hoffte, aufzufuchen und in ihren mütter-
— Buſen ſein Leid über Evelinens offenbare Gefühlloſigkeit aus—
zuſchütten, als gerade der Tanz aufhörte und Hubert ſich beinahe
unmittelbar darauf in einen Kreis junger Damen Hineingezogen fah,
in deren Mitte Eveline mit Eric von Rachow, ihrem letzten Tänzer,
über irgend einen Gegenftand in ber außgelaffenften Heiterfeit zu
ftreiten jchien.
„Nun find wir gerächt, meine lieben Freundinnen, dafür, daß
Herr von Rachow auf dem vorigen Balle die ganze Hiefige Damen-
welt gefchmäht Hat. Denkt Euch nur, eine längft Abgeſchiedene Hat
fi) unfer angenommen, ift Herrn von Rachow um Mitternacht in
der Kajerne erfchienen und hat ihn ob feines ungehörigen Benehmens
enüber den noch im Lichte des Ballſaales Wandelnden bedroht.
ft das nicht eine glänzende Gerugefuung für uns, meine Lieben?“
Das hatte Eveline mit erhobener Stimme hervorgefprudelt, während
aus ihren Augen ber übermüthigfte Spott Teuchtete.
„Sie irren, Gnädigſte, fie hat mich nicht bebroht, ein von Rachow
Täßt fich überhaupt nicht bedrohen. Aber an die Exfcheinung glaube
ih, und daß fie nicht aus dem Neiche der gemöhnlich fichtbaren
jen war. Wir von Rachow haben laut unfeter Familienchronif,
aus welcher mir meine Berehrte Mama erft jüngft einige Beifpiele
aufzählte, in allen Jahrhunderten derartige übernatürliche Erſchei—
nungen gehabt. Anno 1632 3. B.“, fuhr Eric) fort und war im
beiten Buge, das jüngft von der gnädigen Frau Mutter gehörte
Ammenmärchen wiederzugeben, als er ſich durch ein luſtiges Lächen
aus fieben frijchen Mädchenfehlen ‚us unterbrochen ſah. Eveline
hatte die Zwiſchenrede des feindlichen Partners nügt, um mit
wenigen Worten die Genoffinnen über die Situation aufzuklären,
und auf diefe hatte denn die plögliche Mittheilung fo überwältigend
jewirkt, daß fie momentan die ftrengjte Regel des guten Tons durch-
Eraden und fi) dem Zwange der rebellitenden Natur überliehen.
Auch Hubert mußte herzlich Lachen.
Als Erich verftändnißlos bald zu den Damen, bald zu m
inblidte, nahm Eveline den Arm ihres Wetters und fagte: „Hubert
son Horjt, mein Verlobter, wird Sie auf Verlangen gewiß gerne
a3 mechanifche Sunftftügen lehren, vermittels deſſen er Ste jo
sftfich düpirt hat. Jetzt fomme zur Mama, Tieber Hubert, fie er-
‚artet uns längſt!“
Und triumphirend führte fie num den endlich Beglüdten zur
262 Bas Kafernengefpenfl.
Mutter, während die Genoffinnen mit der Nachricht des doppelt
fenjatiomelen Ereigniffes auf den Lippen unter die jhügenden müt-
terlichen Fittiche zurüdfehrten und Eric) von Rachow gleich einer
Bildfäule regungslos auf der Stelle gebannt blieb.
Als die Mufit aufs neue zum Tanz aufforderte, erinnerte fich
Erich, daß er für alle noch übrigen Touren voraus engagirt hatte.
Aber würbe er jegt ben übernommenen Verpflichtungen nachtommen
können? Seine Niederlage würde jedenfalls in firgefier Frift in der
janzen Geſellſchaft bekannt; fonnte er fich allen den ſpöttiſchen
Biken ausjegen? Er fand wohl faum jemand, der feine Partei
ergriff, dafür hatte fein früheres brüsfes Auftreten hinreichend geforgt.
Und doc, follte er das Feld räumen, ohne etwas zur Serfeitung
feiner Ehre unternommen zu haben? Wie die Sachen nun einmal
lagen, glaubte er am richtigften zu handeln, wenn er bie eben bes
gonnene Tour noch mittanzte; für die übrigen wollte er Unwohlſein
al Entſchuldigung vorbringen und den Ball verlaffen. Das that
er denn auch, nachdem er ſich noch für den folgenden Vormittag den
Beſuch eines Kameraden aus einem andern Kffiiercorps, der mit
ihm gleichzeitig aus dem Stadettencorps hierher verjegt worden war,
außgebeten hatte.
Das neugebadene Brautpaar, welches fich unter fo eigenthüms-
lichen Verhältniffen zum erften Male als folches der Mitwelt präfen-
tirte, war natürlich den ganzen Abend über der Gegenjtand der
allgemeinften Aufmerffamfeit. Won der immer ein wenig zum Er-
centrifchen hinneigenden Eveline von Kroner fand man «8 leicht
erklärlich, daß fie mit einem ſolch öffentlichen Eclat ihre Verlobung
zur Kenntniß Ka von Hubert, der allen immer als das Vorbild
eines befonnenen ftziere und Edelmanns erſchienen war, fand man
es ſchwerer begreiflich, daß er in dieſe Komödie eingewilligt hatte.
Zreilih, man wußte ja, wie re 8108 er die Schwingen am euer
verfengt hatte, welches aus den Augen ber jchönen Erbin fteahlte,
und fo wurde fchließlich der größere Theil der Verantwortung für
den auffälligen ritt Evelinen aufgebürbet. Selbjt die näl
Freundinnen der jungen Braut, die Doch auf die Revancheidee fo
Tebgaft eingegangen waren, mediſirten fchon ein wenig unter bier
Augen und fanden es gar nicht angemefjen, daß Eveline den Ci
über den gemeinfamen Feind mit einem fpeziell perfönlichen Triumpe
verfnüpft habe. Jede von ihnen würde lieber auf die Vergeltun:
die ja aud) viel zu graufam ausgefallen, verzichtet, als auf dieſe
singe eife herbeigeführt haben. Der arme Erich! wenn er hätte
ahnen können, welche Vertheidigerinnen ihm hier plöglich aus de
anfcheinend fo feindlich gefinnten Damen erftanden waren! el
würde er es nicht mehr fir nöthig befunden haben, die Einfamkı
aufzufuchen und fih nur mit feinen Gedanken auf das Morgen un.
Uebermorgen vorzubereiten.
Auch in den Kreiſen der Kameraden fand Erichs Sache mel
Theilnahme und Entſchuldigung, als er ſelbſt wohl Hätte erwartı
Pas Fafernengefpenft. 263
mögen. Zwar tadelten alle die Rücdfichtslofigfeiten, welche ſich
Rachow auf dem vorigen Balle gegen die hiefigen Damen hatte zu
ſchulden fommen lafjen. Doch war man geneigt, das unritterliche Be—
nehmen mehr auf Rechnung feiner allzugroßen Jugend, denn auf
einen Charakterfehfer zu jegen. Ebenfo erregte die findliche Begierde,
mit dem vermeintlich übernatürlichen Abenteuer renommiren zu wollen,
mehr Heiterfeit, als Unmillen, und hätte man gewußt, welche trei-
bende Kraft bei dieſer Renommage der mütterlichen Autorität zus
zufchreiben war, das allgemeine Urtheil wäre noch nachfichtiger aus-
jefallen. Dagegen verurtheilten fie allgemein die unfameradichaftliche
Eon Hubert3, welcher mit Vorbedacht und Ueberfegung Sin gejell-
ichaftliche Eriftenz am hiefigen Drt untergraben hätte. r bier
und da von den intimeren Freunden erhobene Einwand, Hubert jei nur
das verblenbete Rachewertzeug der von Erich gefränften Damen ge
weſen, konnte im Hinbli auf den Lohn, den Hubert durch die Hand
des fchönften und vielleicht auch reichiten Mädchens der Garnijon
erhalten hatte, nicht allzufchwer in die Wagichale fallen.
Einen Vorgeſchmack diefer verminderten Sympathie für jeine
Perſon follte Hubert noch im Laufe des Abends zu foften haben;
die Kameraden gratulirten ihm nicht mit der Wärme, die er von
ihnen erwartet hatte, für ihn um jo empfindlicher, als er bisher ftets
von der Gunft aller getragen fehien. Es lag daher eine leichte Ver-
fimmung über ihm, als er der Braut und der ſchwiegermütierlichen
ante zum Wagen folgte und fie darin auf dem Heimmege begleitete.
Auch die Präfidentin fühlte ſich nicht ganz frei von einem ge—
wiſſen Unbehagen. Sie benüße die erite Gelegenheit, fagte fie, da
fie mit den Kindern allein fei, um ihnen zu fagen, wie ſehr fie fich
freue, ihren lange gehegten Wunſch nun endfid, der Erfüllung nahe
zu jehen. Aber fie fei mit der Art und Weile, wie Eveline jie
überrafcht habe, nicht einverftanden. Hoffentlich ſei es die legte ber
Exeentricitäten des verwöhnten Kindes gewefen und Hoffentlich würde
ſich Hubert künftig weniger nachgiebig gegen ihre capriciöjen Launen
erweiſen, als dieſer Anfang des Brautftandes zu verrathen jcheine.
Das Hang jo herb, wie Eveline ich nicht erinnerte, jemals
etwas aus dem Munde der Mutter gehört zu haben. Das gemohnte
filderne Lachen erftarb ihr auf den jchmollenden Lippen und wollte
nicht wieder zurüdfehren, ob fie aud) Hubert beim Abſchied wieder
und wieder zärtlich küßte und feine unbedingte Sklaverei für alle
Zeiten ſcherzend in Ausſicht ſtellte.
* *
*
Als Hubert von Horſt am andern Vormittag ſeinen Beſuch
tattete, um den Damen den Morgengruß zu bringen und den
‚en Boll neuerworbener Rechte einzuholen, fand ev Evelinen in
ränen. Auch die Präfidentin fehien bedrüdt; jie habe eine jchlechte
ht gehabt, nur wenig gefchlafen. Eveline fei von fchlimmen
264 Bas Kafernengefpenft.
Träumen heimgefucht worden, unter deren Nachwirkung fie jegt noch
leide. Der Traum habe ihr gezeigt, wie fi Hubert und Lieutenant
von Rachow im Duell gegenüber Rande, beide aus hundert Wunden
bfutend und dennoch den Kampf nicht beendend, weil einer von ihnen
fallen müffe. Der entſetzliche Anblid habe ihr ftundenlang vorge
ſchwebt, bis fie ſchließlich ohne das graufige Ende gejehen zu haben,
mit einem marferjchütternden Aufſchrei erwacht fei. Die erzählende
Aeutter erzitterte jegt noch in der Erinnerung an den erlebten
chrecken.
ubert bot feine ganze Beredtſamkeit auf, die Damen von der
Grundlofigfeit etwaiger Befürchtungen, die fie an das Traumbild zu
tnüpfenfchienen, nach Möglichkeit zu überzeugen. Wie wenig ihm
das gelungen war, es zeigte ich ga: auffallend, als er fi) zum
Abſchied wandte. vetire | miegte fi) bebend an ihn und beichwor
ihn, er möge, da er für den Nachmittag feine dienſtliche Verhinderung
verfichert hatte, doch ja morgen möglichft zeitig fommen, um fie über
fein Wohlbefinden zu vergewiſſern. Und er verſprach es, tiefbemegt
von dem Maß der Zuneigung und Liebe, die fi ihm aus ihren
beforgten Worten ofjenbarten.
gm die Kaſerne zurüdgefehrt, jah fi Hubert von einem Samera-
den aus dem Kavallerie-Regiment angefprochen, welcher ihn um eine
furze Unterrebung unter vier Augen erjuchte. Er führte den Reiter-
offizier in feine Wohnung, aus welcher er den bedienenden Burſchen
entfernte, und vernahm num, daß Evelinens Ahnung doch nicht jo
ganz irre gegangen fchien: Erich von Rachow ließ ihn wegen Be
leidigung zum Zweikampf fordern.
Hubert wählte einen gerade in der Kaſerne anweſenden Herrn
als feinen Sefundanten und bat ihn, alle Erforderliche mit der
Gegenpartei zu ordnen. Die Wahl der Waffen, die Beſtimmung der
Beit und des Orts, da dag Duell ftattfinden folle, überließ er ganz
ihrem Ermeifen. Nur den allgemeinen Wunſch fügte er bei, da die
Angelegenheit möglichft bald möchte erledigt werden.
Nachdem dann alle für ſolche Fälle vorgejchriebenen Bebingun-
gn erfüllt waren, wurde bejtimmt, daß das Duell am folgenden
ormittag elf Uhr in einem nahe der Stadt gelegenen Gehölz ftatt-
zufinden habe. Und glei, als ob der Traum Evelinens bis ins
einzelne fogar fich erfüllen jolle, jo war — auf Andrängen Rachows
— bie Bekimmung aufgenommen worben, daß der Zweikampf jo
lange fortgejegt werde, bis einer der Duellanten fampfunfähig ge
worden fei.
Eveline hatte im Laufe des Nachmittags das Gleichgewicht ihreı
Seele jo ziemlich wieder hergeftellt. Sie ging am Abend zeitig zu
Ruhe, um das Verfäumte nachzuholen, und Gott Morpheus war fr
zartfühlend, fie im diefer Nacht nur mit freundlichen Träumen zu
bedenfen. Mit einem glüdlihen Lächeln ia fie in den junger
Morgen hinein und ging fröhlich an ihre Toilette, um fich für de
Geliebten heute doppelt ſchön zu machen. Und ihre Abficht gerietl
Bas Kafernengefpenft. 265
ihr fo au daß fie ſchließlich hochbefriedigt dem eigenen Spiegelbilde
Kußhändden zuwarf. Ueber eine für „Ihn“ beftimmte zierliche Hand-
arbeit gebeugt, erwartete fie Die Stunde, da er bei ihr eintreten ſollte.
Jetzt war der Heine Dienft beendet, welcher ihn zu dieſer Jahres-
zeit alltäglich in der Kaſerne hielt. Jetzt vertaufchte er die Dienft-
Heibung mit einer glänzenberen, um auch feine Perſon möglichjt
vortheilhaft & präfentiven. Jet gab er dem Burjchen für den
Ramiting haltungsmaßregeln, jegt verließ er feine Wohnung
und die Kaferne und eilte bie Staat herab ihrer Wohnung zu.
Jetzt überfchritt er jene Querſtraße, noch drei, vier Häufer hatte er
zu pafficen, in jeder Minute fonnte er eintreten. Ihr Herz ſchlug
höher, wie fie mit Auge und Ohr dem erwarteten Eintritt voraus—
eilte. Aber Minute um Minute verrann und Hubert fam nicht.
Die Minuten wurden zu Vierteljtunden, eine Stunde war vergangen
in vergeblichem Warten, die dröhnenden Schläge des chernen Zeit-
meſſers verfündeten es vom nahen Thurme und fteigerten Evelinens
wiebererwachtes Angftgefühl zur Unerträglichkeit.
st ame, fende Johann in die Kaferne, zu fragen, wo Hubert
eibt!“ ”
Johann war von Natur etwas langfam, eine Untugend, die im
Laufe ber Jahre — er war jegt ſchon über dreißig Jahre im von
Kronerſchen Haufe — gewiß eher zu-, als abgenommen Hatte. Aber
für das gnädige Fräulein that er ſtets ein Uebriges, zwang er felbft
die wiberjtrebenden Beine zur Eile. Und fo auch Bi Als er nad)
Verlauf von zehn Minuten aus der Kaferne zurückehrte, meldete er,
der Herr Lieutenant fei vor anderthalb Stunden etwa mit zwei
andern Herren, Lieutenant von Radelnburg und Stabsarzt Dr. Calem-
berg, im Miethwagen fortgefahren. Es müſſe das etwas befonderes
zu bedeuten haben, hatte Huberts Militärdiener gemeint, wie aus
den vielerlei Vorbereitungen, die getroffen worden, zu fehließen ei.
„Mama, laffe anfpannen, wir wollen zu oberht von Grabow
fahren, vielleicht, daß wir von ihm näheres erfahren und noch das
Aeußerſte abwenden können!”
Die Präfidentin erhob Einwendungen.
„Siehe meine Angft und Dual, liebe Mama! Wiegen fie Dir
nicht mehr als Fonventionelle Bedenken?“
Und im rafchejten Trabe fuhr die von Kronerſche Equipage
bei Oberft von Grabow vor. 5
Frau von Grabow empfing die Damen mit ausgeſuchteſter
öflichkeit und bemühte fid), eine eingehende Konverſation anzu=
üipfen. Aber das wollte — für fie eine feltene Ausnahme —
heute gar nicht gelingen. Der Beſuch blieb jchweigiam, fchien in
irgend etwas in finer Erwartung getäufcht. Als die Situation gar
u peinlich wurde, rücte Eveline mit ihrem Anliegen heraus: ob fie
em Sem Oberſt nicht eine Bitte vortragen dürfe,
ach faum zwei Minuten ftand fie dem Commandeur von
jubert3 Regiment gegenüber, und obwohl er fie mit der feinem Stande
266 Bas Kafernengefpenft.
eigenen chevaleresfen Zuvorkommenheit empfing, hätte fie doch jegt vor
Scham in die Erde finfen mögen. Nur der Gedanke an die Gefahr,
in welcher fi) der Gelichte durch ihre Schuld befand, flöhte ihr
wieder einigen Muth ein.
„Herr DOberft, wo und wann ijt das Duell zwiſchen meinem
Bräutigam und Herrn von Rachow?“
Der Commandeur runzelte die Stirn. „So hat man Sie von
dem Bevorftehenden in Kenntniß geſetzt?“
„Nein, o nein, nur meine Ahnung! Ich möchte hin, das Ent-
feglichfte zu verhindern!”
Der greife Soldat lächelte. „Das ift Männerſache und nur
Männer haben fie auszutragen. Die Beleidigung war eine fo ſchwere,
daß der Ehrenrath ein Duell auf Piftolen nicht nur zuläffig, fon-
dern geradezu für geboten erachtete.“
„Aber fie werden fi tödten!“ jammerte Eveline.
„Das jteht in Gottes Hand, meine Gnädige. Wir Offiziere
ſuchen nicht muthwillig und leichtfinnig den Zweikampf; wenn er
aber für nöthig erkannt worden, dann fümpfen wir ihn aus in einer
Weife, daß die Würde der Inftitution unter allen Umftänden ge-
wahrt bleibt.“
„O, mein Gott!“ ftöhnte die Unglücliche, „und ich bin die Ur-
ſache des ſchrecklichen Auftritts!"
„Ich kenne den Zuſammenhang“, bemorkte der Oberſt, „und id)
kann Sie verſichern, gnädiges Fräulein, daß ich Sie ob Ihres An—
theil3 an ber Sache aufrihtig beflage. Die jungen Damen follten
eben in ihren Kleinen Capricen etwas vorlichtiger fein!“
Wie fie der feine Spott mit vernichtender Kraft treffen mußte!
Sie zudte unter dem Streiche zufammen, aber ohne jede Empfind-
litt entgegnete fie: „Ich jehe meinen Fehler Elar vor Augen und
habe nur den einzigen Wunſch zu fühnen, was ich gefehlt. Darum
laffen Sie mid, hin, Oberft, an den Ort der graufigen That,
ich will als Friedenzftifterin kommen und die Kämpfenden trennen!”
Der Oberft lächelte unmerklich. „Ihre Naivetät rührt mich von
Herzen, aber es ift unmöglich zu geſtatten, was Sie von mir be
gehen, meine Gnädige. Zudem dürften Sie jegt" — er ſah prüfend
nad) der Uhr — „auch ſchon zu ſpät kommen!“
‚gu jpät?“ wiederholte Eveline bebend.
„3a doch”, bejtätigte von Grabow, „das Duell muß jegt längſt
beendet fein. Sobald ic) das Reſultat kenne, werde ic) mir geftatten,
Sie davon in Kenntniß zu jeßen, damit Sie wenigftens der Un—
gewißheit enthoben werden.“
Das junge Mädchen fühlte, daß ihr längeres Verweilen nutzlo
fein würde, und fie drängte die Präfidentin gi Abſchied. Ih
Kniee wankten, als fie das Haus verließ und von der beforgte
Mutter zum Wagen geleitet wurbe, welcher fie in wenigen Minute
nad} Haufe führte. Evelinen dünften fie ebenjo viele Stunden unt
der Wucht der töbtlichen Angſt, welche fie erfaßt hielt, und unte
Bas Kafernengefpenft. 267
deren Drud fie ſich felbft das feierliche Gelübte ablegte, nie wieder
ihrer übermäthigen Laune die Zügel jchießen zu Iaffen.
Als die Damen zu Haufe anlangten, fanden fie bereits ein
Billet Huberts vor, worin er mittheilte, daß heute Vormittag zwi-
ihen ihm und Rachow ein Piftolenduell ftattgefunden habe. Im
zweiten Gange habe er einen Schuß durch das rechte Ohrläppchen
erhalten, Rachow einen folchen durch den rechten Oberarm. Obwohl
legterer nur eine Fleiſchwunbe verurfacht habe, fo fei doch das Duell
damit beendet geweſen, weil Rachow nicht mehr habe zielen künnen.
Hubert Hoffte nur wenige Tage das Zimmer hüten zu müffen.
. Eveline dankte dem Himmel für den verhältnigmäßig noch glüd-
lichen Ausgang und fah darin ein Zeichen, daß ihr Gelübde gnädig
aufgenommen ei. Was der jahrelangen mütterlichen Anleitung nicht
gelingen war, Evelinend Charakter mehr für den Ernſt des Lebens
zu bilden, das Hatte mit einem Male das Wort des Oberften und
— eine Piftolenkugel zuwege gebracht. Kein Zweifel, die gezähmte
Widerſpenſtige eignete ſich nun vortrefflich zur — Offiziersgattin!
* *
*
€3 bleibt wenig mehr zu erzählen.
Wie Hubert gehofft, konnte er ſchon nach wenigen Tagen das
Zimmer verlajfen. Da er noch feinen Dienst thun durfte, h hatte
er hinreichend Zeit, fi der Braut zu widmen. Er war erftaunt,
eudig überrascht über die Wandlung, die mit ihr vorgegangen. Die
räfidentin nickte ihm Tächelnd zu; auch fie war hochbefriedigt von
dem Ausgang.
eis von Rachow hatte mit feiner Wunde länger zu thun; er
mußte mehrere Wochen das Bett hüten, dann aber heilte fie, daß
feinerlei Nachwirkung zu verjpüren war. Als er fich bei dem Oberften
wieder zu Dienft meldete, hielt dieſer ihm eine gewaltige Standrede.
Er verwies ihm den Webermuth, mit welchem Crid) an dem Werk
der Ausföhnung zwiſchen Civil und Militär, an welchem in * * * jahre
fang von den einfichtigften Männern fei gearbeitet worden, eigen-
mächtig gerüttelt habe. Seine Aeuferungen den Damen gegenüber
hätten ihn hierorts gefellichaftlich unmöglich gemacht, fein Gejpeniter-
laube auch dienftlih. Zu feinen Gunften fpreche, daß er ſich im
Duett tüchtig benommen habe, und darum wolle er, jobald das mili—
tärgerichtliche Urtheil über das Duell gefällt worden, Erichs Ver—
iekung in eine andere Garnifon beantragen. Dort möge er dann
neues Leben beginnen und fich eine Anfchauung aneignen, die
in den modernen Verhältniffen möglich mache.
Auch Hubert von Horft erhielt Fine Tadel. Er Habe un-
weradfchaftlich gegen einen Regimentsgenoſſen gehandelt, deſſen
mdliches Alter und Auffafjungsvermögen entfchiedene Schonung
sient Hätten. Daß aber Hubert feine Stellung als Kaſernen—
mandant dazu mißbraucht habe, in der Kaſerne einen Hofuspofus
268 Bas Kafernengefpenft.
in Scene zu_fegen, welcher möglicherweife geeignet geweien, die Aus-
übung des Dienftes zu beeinträchtigen, das folle nur deßhalb nicht
nachdrücklich beftraft werden, weil fi der Oberft perſönlich von ber
Reue und Zerknirſchung der ſchönen Anftifterin des Planes überzeugt
habe. Bei dieſer aljo folle ji) Hubert bedanken, wenn von feiner
fpeziellen Beſtrafung abgejehen werde. Um aber den Kameraden
Rn Genugtguung zu geben, jo werde feine Verſetzung beantragt
werden.
Dies Schlußwort fiel Hubert ſchwer auf die Seele. Er dachte
dabei nicht an fidh, obwohl auc, ihn die Losreißung aus den ge
wohnten Verhältniffen bitter anfommen würde. Aber Eveline, Die
hier ihre Heimat hatte, würde fie ihm gerne an ben Ort der —
erbannung folgen? Man würde ihm dafür nicht gerade das Beſte
herausfuchen, deren durfte er fich wohl verfichert halten.
Als Hubert von diejen Ausfichten bei Eveline eine Andeutung
machte, verſchloß fie ihm mit Küffen den Mund und flüfterte zärtlich:
„Sch gehe mit Dir, wohin es immer ſeil“
das Militärgericht, beffen Zufammentritt der Oberſt in feiner
Anfpradie in Ausſicht geitellt hatte, verurtheilte kurz darauf die
beiden Duellanten zur vorfchriftsmäßigen Feſtungsſtrafe. Erich von
Rachow erhielt einen Monat, Hubert von Horft zwei Monate Strafe,
welche fie in einer und derfelben Feſtung verbüßten; während der
— derſelben wurden fie beſſere Kameraden, als fie je zuvor
eweſen.
s AS der Monat um war, hielt Erich feine Verfegung in eine
& udermärfifche Garnifon in Händen. Er begab fi gucerfreut an
: den Ort feiner neuen Beftinmung, wohin ihm feine Mutter folgte,
um mit ihm einen gemeinfamen Haushalt zu führen. Beide legten
nun ihre Erfparniffe zufammen, um doch vielleicht noch bevor Erich
Hauptmann erfter Kaffe fein fann, jene Verbindung herbeizuführen,
welche einzig und allein nad) Frau von Rachows — nee von Rachow,
wie fie nie ihrer Unterfchrift beizufügen vergißt — unwiderleglicher
Anficht für den Stamm derer von Rachow erjprießlich fein kann.
ubertd neue Garnifon Tiegt an der Dftgrenze des weiten
Reiches. Er ging mit einiger Herzbeflemmung dahin ab, fand es
aber doch bald ganz erträglich, da zu leben. Seitdem er nun Eve
linen als Gattin heimgeführt, feheint ihm dort gar das Paradies fich
erichloffen zu haben. Die Beiden führen aber auch, wie Augenzeugen
verfichern, daS Leben eines Turteltaubenpaares.
Und fo könnten wir denn, nachdem wir am Schluffe diefer wahr-
baftigen Erzählung angefommen find, behaupten, daß alle Beteiligten
mit den Folgen jenes Ereigniffes in der Kaferne zu * * * gar mob"
zufrieden feien, wenn uns nicht Die Verlaffenheit der Präfidentin von
Kroner von dieſem generellen Äusſpruch zurückhielte. ALS fie Evelinenz
. Ausfteuer rüftete und die Tochter den zarten Wunfch andeutete, auck
! nach ihrer Verheiratung mit der Mutter vereint zu eben, Hatte bi
Präfidentin dieſe liebevolle Zumuthung mit den Gemeinpläßen zurüd
Bas Kafernengefpenft. — Bie Sergquelle. 269
gemiefen: „Alte Bäume fol man nicht verpflanzen und junge Ehe-
eute kommen am beiten allein miteinander aus.“ Sie blieb, wo
fie war, aber das Gefühl der Vereinfamung war feit dem Tode des
umpergehlichen Gatten nie fo ftark in ihr geweſen, wie eben jegt nach
dem Weggang der einzigen Tochter.
Nun hat aber jüngſt die junge Frau ihre Mutter mit der Mit-
theilung einer Thatjache überrafcht und beglüdt, infolge deren es
unbedingt nöthig fein wird, daß bie Präfidentin die weite Reife
nad) dem Diten dennoch bald antrete. Wünfchen wir, daß das bes
vorjtehende freudige Ereigniß der Anlak fein möge zur Beſeitigung
ihrer Vereinfamung.
Die Bergguelfe.
3 rauſcht die Silberquelle,
Sie fließt jo demanthelle
gerad vom moofigen Berggeftein.
as fie in taufend Jahren
Im Traum der Zeit erfahren —
Es ließ fie unberührt und rein!
Raufch ohne Raft germiebe,
Es flüftern Deine Lieder
Ins müde Herz des Pilgers Ruh,
Deß’ Fuß an öde Stelle
Gebannt Du Haft, o Quelle! —
Der rubelofer noch, al Du...
Frida Schwab.
$
Ernſt von Wildenbruch als dramatifher Dichter.
Kritifche Studie von Ernſt Braufewetter.
er entfinnt ſich nicht, wie im Jahre 1881 plöglich
nahezu gleichzeitig mehrere Dramen Wildenbruchs
befannt wurden und durch Deutſchlands Gaue ber
Jubelruf ertönte, ein neuer Schiller fei erjtanden.
Und wenn die Kritif auch nicht unbedingt in diefen
Subelruf einftimmte, jo leugnete fie doch nirgends,
ß man e3 hier mit einem wahren Dichter und einem
hen Talent von ungewöhnlicher Bedeutung zu thun
yun. zwei Erfolg ift Wildendruch jeitdem zwar nicht immer
ganz gleich treu geblieben, aber immer wieder hat er Schöpfungen
geliefert, deren Bedeutung niemand beftreiten fann. Es wird nicht
unintereffant fein, die dramatijchen Werke diejes Dichters einmal im
Zufammenhang zu betrachten, ihre Vorzüge und Fehler ins Auge zu
fafjen und zu verjuchen I darüber Far zu werden, ob Wilden-
bruch® Schöpfungen das volle Wiederaufleben des klaſſiſchen, hiſto—
tifchen Dramas bezeugen, ob fie eine erfolgreiche Zukunft für dieſe
Gattung hoffen Ian
Wenn man Wildenbruch den neuerjtandenen Schiller genannt
hat, jo ift das nicht ganz ohne Berechtigung. Es ift nicht allein eine
gewiſſe äußere Achnlichkeit in dem erhabenen Schwunge der fließen-
den, ideen- und jentenzenteichen Sprache, der echt theatralijchen, be—
lebten Handlung, die ihn zu dieſem Namen ein wenig berechtigt,
vor allem gleicht er Schiller in der machtvollen nationalen Ber
geifterung, die alfe feine Werfe durchzieht.
Durch feine „Karolinger“, „Harold“, „Menonit“, „Väter uni
Söhne“, fein „Neues Gebot” zieht ſich derjelbe nationale Gedanke
„Des Mannes ganzes Leben
IR ſtummer Treue · Schwur bem Baterfand“
(„Bäter und Söhne.“)
wie ein rother Faden hin. Die Vaterlandsliebe ftrahlt aus ihn
in reiner, hoher Begeifterung wieder.
Ernft von Wildenbrud) als dramatiſcher Dichter. 271
Die „Karofinger“ behandeln jenen Streit Ludwig des Frommen
mit feinen Söhnen erfter Ehe (mit Irmengard), der wegen einer
neuen Theilung feines Reiches 5 Gunſten Karls, jeines Sohnes
zweiter Che (mit Judith) entitand. Die Handlung fonzentrirt fich
um Bernhard, Grafen von Barcelona, der auf Karla Seite fteht.
Es ift die Tragödie der Herrichbegierbe. Diejer Bernhard ftrebt
nach nichtS geringerem, als durch den Prinzen Karl die Macht im
Sranfenteihe an ſich zu bringen, ja ſchließlich über jenen hinweg ſich
jelbit auf den Thron zu ſchwingen. Wildenbruch Tiebt aber nicht
die Einfachheit der Motive und Konflikte, und fo hat er hier dem
Bernhard außer der Leidenschaft der Herrſchſucht noch die Liebe zur
Kaiferin beigelegt. Mag dadurch das einzelne Motiv, jede Leiden-
ſchaft für ii ſchwächer, gleichjam gebrochener erjcheinen, mögen feine
Geftalten dadurch weniger einheitlich, mehr fomplizirt werden, es ift
andererjeit3 auch) nicht zu leugnen, daß fie dadurch menfchlicher, natür-
licher werden. Es find feine abjtraften Begriffe, feine Typen der
Leidenſchaft, fondern wahre Menjchen von Fleiſch und Blut, mannig-
fah in ihren Wünfchen und Trieben, wie die wahre Seele bes
Menjchen. Diefer Bernhard ift eine gewaltige, lebenswahre Geftalt.
Die Kritit hat in der Doppelheit feines Strebens nad) der Macht
und nad dem geliebten Weibe einen Fehler jehen wollen, fie hat
behauptet, Worte in den erften Aften, wie:
„Und biefe Welt if dann für Karl und für mid.
Für Karl? Jawohl, fo lang in Judiths Herzen
Auf gleichen Schalen Kari und Bernhard run —
Doc kommen foll die Stunde, ba ihr Herz
Nur no den Namen Bernhard kennt — und dann,
Dann Karolinger, Bernharb über Eud!“
ftänden in Widerſpruch mit feinem Verhalten am Schluffe; anfangs
handle er nur aus Ehrgeiz. — Zunächſt ift das nicht ganz der Zall.
Sene Worte beziehen ſich nur auf Karl, und er hebt ausdrüdlich
hervor, daß diejer jo lange Herrchen mwürbe, als er in Judiths
‚zen gebiete. Darin liegt doc ſchon, daß fein Ehrgeiz nie ben
ug über die Liebe zu Audit hinwegnehmen werde; aber ferner
it es doch möglic), dab anfangs in ihm die Herrſchſucht ftärker ift
ala die Liebe, dann aber diefe durch den intimen Verkehr mit der
Geliebten immer heißer entfacht, ſelbſt jene überflügelt. Gerade in
diefem inneren Konflift Bernhards liegt für mich das Tragifche
feines Charakters. Er glaubt anfangs auch mit der Liebe zu Judith
mie mit Der zu Hamatelliva — einer jungen Maurin, die ihm einft
Leben gerettet und ihm aus Liebe nad) Deutſchland gefolgt ift;
fie feine Treufofigfeit erkennt, nimmt fie ſich das Leben — ſpielen
können und feinen ehrgeizigen Zwecken bienftbar zu machen,
ce daS Verhängniß ereilt ihn, die Liebe ift ftärker als er und
bt ihm dahin, Dinge zu wagen, bie feinen ganzen Plan zum
itern bringen und feinen Untergang herbeiführen.
Zweifelhafter erfcheint mir der Charakter der Kaiferin. Unfangs
272 Ernft von Wildenbruch als dramatifher Bichter. _
ilt all ihr Streben, ihre ganze Liebe nur ihrem Sohne; fpäter wird
ie völlig von der Liebe au Bernhard beherrfcht. Iſt eine folche
plögliche Leidenſchaft aber, die fie Anftand, Sitte, Treuefchwur, alles
vergeffen Täßt, bei einer vierumbdreißigjährigen Frau, der Mutter
eines bald erwachſenen Jünglings, wahricheinlich?
Der Hauptfehler der Dichtung Fiegt in dem Mangel eines eigent-
lichen Helden, auf den ſich unfer Interefje gurcucue konzentrirt,
und demgemäß eines Surchgegenben Konfliktes. Gier haben wir ein-
mal den Konflikt zwiſchen Ludwig oder vielmehr Judith und den
Söhnen Irmengards (Lothar und Ludwig der Deutjche), ſodann den
Konflikt zwiſchen Ehrgeiz und Liebe (Bernhard — Hamatelliwa), ferner
zwiſchen ———— und Verachtung der Ehebrecherin (feiner Drutten)
in Karl. Bald ftehen Lothar und Ludwig, bald Bernhard, bal
Karl als Helden im Vorbergrunde des Intereſſes.
Soll ich noch die Heinen Schwächen anführen, die nur den Neu-
ling im dramatiſchen Schöpfungsgebiete verrathen, daß Die unglaub-
lichſten Dinge in Karla Schlafgemach vor ſich gehen, daß es unfaß-
bar ift, warum Bernhard die Hamatelliwa an den Hof mitbringt
und ähnliches? Gewiß, das find Uebelftände, die namentlich bei
der Aufführung ftören, aber welcher junge Dichter hätte darin nicht
vefehlt? Man verweile Lieber auf der Fraftvollen Charakteriſtik
Bernparos, Lothars, Ludwig des Deutfchen, des greifen Mauren
Abdallah und anderer, weniger hervortretender Geftalten, man erfreue
ſich Tieber an der echt poetiichen, tief tragifchen Geftalt tellimas,
man beachte Lieber 7— glänzende, glutdurchhauchte, ſtets charaftes
Br Sprache, dieſe |pannende Handlung mit den effektvollen Akt
chlüſſen.
*
Die Tragödie „Harold“ ftellt, wie ſchon jeder aus dem Titel
errathen wird, bie Geſchichte dieſes letzten Königs der Angelſachſen
dar, wie er nad} der Normandie zog, den hinterliftig erjonnenen Eid
ſchwur und in der Schlacht bei Haftings den Heldentod ftarb.
— von der Normandie ſich aber Englands Krone auf das
jaupt ſetzte.
Wer wollte die Fehler leugnen, an denen auch dieſe Dichtung
trankt. Wer wollte es beſtreiten, daß der Charakter des Helden zu
wenig groß ift, um unſer volles Interejfe, unfer Mitftreben zu er-
ringen. Wer jo thöricht handelt wie Harold im erften Afte, daß
er den Mächtigen, den König Eduard, reizt, ohne aud) nur über bie
geringfte Macht zu verfügen, feinem Thun Nahdrud zu geben, der
ann im Unglüd zwar auf unſer Mitleid zählen, aber nicht auf
unfer volles, hingebendes Intereffe, da wir ihm von vornherein
feinen Erfolg zutrauen fünnen. Auch fpäter fein Eid! Iſt es nicht
eine thörichte, ja umbegreifliche Uebereilung! Wie fann man biejer
Eid — „bie Ebſchaft, welche Eduarb ihm verſprach, helf’ ich er
langen Wildelm dem Normannen“ — Ieiften, ohne ſich zu verge
Eine Hovität.
Nach einem Originalgemälde von H. Kotfenreiter.
Ernft von Wildenbrud) als dramatifher Dichter. 273
wifjern, um welche „Erbſchaft“ es fich Handelt? Und ferner, wenn
er im vierten Afte, ala er durch den Boten des Papites des Mein-
eides beſchuldigt und verflucht wird, anftatt fich zu rechtfertigen, dem
Volke zu enthüllen, wie man ihn betrog, wodurch er fich ficher einen
Theil feiner Anhänger erhalten hätte, nur einige unzufammenhän-
gende Worte ftammelt und den Priefter vor allem Wolfe niederjtößt!
Bas follte diefer Mord? Die Beihuldigung und der Fluch, war
ausgefprochen, durch Todfchlag widerlegt man nicht, aber durch den
Mord des heil'gen Dieners der Kirche — zudem eines Gejandten —
mußte er jeine legten Anhänger verlieren. Troß diejer Thorheiten
bleibt unfer Mitleid diefem Harold wohl; wir bedauern es tief, daß
jein berechtigtes, edled Streben fein Vaterland zu retten jo fehl-
ſchlägt, daß diefer freimüthige, hefdenhafte Mann jo nichtswirdig
bintergangen wird und dadurch zugrunde geht, aber fünnen wir
fürchten, daß es uns im ähnlicher Lage cbenjo ergehen könnte?
Verden wir und nicht etwas mehr Klugheit zutrauen? Erwähnen
muß ic) aud) noch die ziemlich unmotivirte ober wenigftend mit ihrem
jonftigen Thum nicht in Einklang ftehende —— Gythas, der
Mutter Harolds, ihrem Sohne nach ber Rückkehr aus der Nor-
mandie als König zu Huldigen. Dieſer Fehler iſt deßhalb um jo
empfindlicher, als jene Weigerung einer der Punkte iſt, aus denen
ſich die Kataftrophe entwidelt und gerade hierbei größte Folgerich-
figfeit und vollſte Baheigeinliheit nöthig ift. Dieſe Fehler find
in die Augen fpringend, aber werden fic nicht reichlich wett gemacht
durch die zahlreichen Schönheiten der Dichtung? War jchon in den
Karolingern das Zeitkolorit trefflich wiedergegeben, fo entwirft uns
ier der Dichter ein reiches Gemälde der Zerrüttung der englifchen
rhältniffe. Dieſer ſchwache König, der nicht Blut fehen fan, und
aus Furt Ströme Vürgerblutes fließen läßt, dieſer normän-
nifche Adel, deffen Gewaltthätigfeiten Englands Bürger zur Empö-
tung zwingen, und ber doch jchon fait alle Macht in Händen hat,
die Uneinigkeit der angeljächfiichen Edlen! Und auf der anderen
Seite der normännifche Hof voll Hinterlift und Schlauheit, aber aud)
voll Fraftvoller Einigkeit und ftolzem Streben, voll Genußfucht, aber
auch voll Nitterlichfeit! Und nun vollends Adele, die Tochter des
Herzog Wilhelm! Wie ſüßer Blütenduft geht es von dieſer lieb—
reizenden Geftalt aus und überflutet die ganze Dichtung. Wer jo
ein zarte, reines, frahlendes Weſen zu jchaffen vermag, das vor
ung fteht in berüdender Lebenswahrheit, der hat ſich jelbit fein hohes
Lied gejungen.
Gleiche Bewunderung verdient die Geftalt des Sachſenprieſters
Wilfried. In wenigen Strichen eine feſt umriffene, Elare Geſtalt.
Und welcher Konflikt in dieſer Seele! Vaterlandsliche und Glauben!
Ein Schüler der Prieſterſchule zu Nom, muß er Zeuge fein dev
gerne, die die Kirche an feinem angejtammten Fürften, an feinem
jaterlande verübt, und es noch nach den ihm dort eingeimpften
Srundfägen für feine höhere Pflicht Halten, ihr dabei zu dienen, um
Der Salon 1889. Heft TIL. Band I. 19
274 Ernſt von Wildenbruch als dramatifcher Bichter.
erſt im Tode zu hören, daß er Unrecht that und ba fein Leben
verfehlt war. Wildenbruch hat es jelbft gefühlt, was in dieſem Kon-
flifte liegt, hat er ihm fpäter doch zur Grundlage feines „neuen Ge⸗
botes“ verwandt; hier aber leider die Konſequenz nicht mit ſolcher
Schärfe gezogen.
* *
*
Es ift vielfach als eine glücliche Idee gepriefen worden, das
Verbot ber Menoniten: Waffen zu führen zum Konflikte einer
Tragödie herauszuarbeiten. Ich kann dem nicht ganz beiftimmen.
Der Konflikt, den ein dramatijcher Dichter wählt, muß, wenn er uns
wahrhaft erjchüttern foll, ein allgemein möglicher fein. Ergreifen
kann und nur ein Seelenkampf, deifen Möglichkeit wir auch für uns
fürchten können. Das ift hier nicht der Tall, Daß, wenn unfer
Heiligftes, unfere Ehre angegriffen wird, auch felbft der Friedfertigite
zum Schwerte greifen ma daß man fein untergehendes Vaterland
aus Friedensliebe oder gar aus Egoismus nicht im Stiche laſſen
darf, ift allgemein genug anerkannt, um uns nicht erft in einer Tra—
gödie ermichen zu werden. Daß es vielleicht an 12,000 Menfchen
iebt, die fo denken ober gedacht haben, geht und nicht? an. Mit
demfetben Rechte Eönnte man eine Tragödie gegen die Menfchen-
frefjerei jchreiben. Ja, hätte der Dichter aus feinem Stoffe feine
PR; mtragobie” gemacht, fondern nur kritiklos umd objektiv die ſich
aus der Menonitenlehre ergebenden Konfequenzen gezeigt, jo ginge
& noch an. Da er aber hier nicht allein die Thatjachen fprechen
läßt, jondern mit großem Pathos Die Thorheit, die diefe Lehre ent-
hält, nachweift, ericheint uns manchmal das Ganze ald „viel Lärm
um nichte“.
Im übrigen hat Wildenbruch feinen Gedanken trefflih barzu-
ftellen gewußt. Das menonitijche Friedensprinzip umd die Gewalt-
herrſchaft des Feindes — das Drama fpielt zur Zeit der franzöfi-
ichen Ofkupation in Weftpreußen — der Egoismus, die Angft für
go und Gut der Menoniten und der Opfermuth Henneders, Sa
iote, der fern aus Weftfalen kommt, um unter jteter Lebensgefahr
zum Kampfe für die freiheit zu werben, das find feharfe Gegenfäte,
die den Hintergrund für eine dramatifch bewegte Handlung abgeben.
Das zeitgefchichtliche Kolorit ift auch hier wieder meifterlich getroffen.
Der Kontitt ift, wie faft ftet3 bei Zeilbenbrud), ein zwiefacher. Rein-
Hold, ein junger Menonit, der lange Zeit „Draußen im Reich“ ge-
wefen ift und daher freiere Anfichten hat, wird zuerft, indem er Pie
Geliebte gegen die freche Aufdringlichkeit eines franzöfiichen Offizi
ſchützt, zu der Nothwendigteit eines Duells getrieben. Aljo Konf
zwiſchen der Lehre der Seinen und feiner Ehre, die das Duell |
dert, da er ſonſt für einen Feigling gehalten würde. Dennoch ı
fäumt er das Duell, da er hofft dadurch die Geliebte, Maria,
geringen: Als er fich hierin getäufcht fieht, leiht er in Bergmeifl
der Werburig des Boten Schills Gehör. Matthias, der beſtiw
Ernſt von Wildenbruch als dramatifher Dichter. 275
Bräutigam Marias, hat diefe Unterrebung belauſcht und denuncirt
ihn bei der Gemeinde, die Auftrag hat Henneder, fowie jeden, der
ihm folgen will, den Franzoſen zu überliefern. Vergeblich ve
ih Reinhold das Vaterlandsgefühl in den Seinen zu weden. Alſo
gonftift zowiſchen dem Menonitenegoismus und Liebe zum
Vaterland
Daß Reinhold in der Hoffnung, dadurch die Geliebte zu gewin-
nen, auf das Duell verzichten will, wodurch er doch feine Ehre ver-
tiert, iſt eben fo unbegründet, wie Auntabricheinfich und ſetzt den
Helden in unſern Augen ſo ſehr herab, daß wir ihm nicht mehr
unfere volle Sympathie ſchenken können. Mit feinem Patriotismus
it e8 auch nicht weit her, da er Henneder eigentlich doch nur folgen
will, weil er jonjt nichts anderes anzufangen weiß, und im legten
Alte, ala Maria ihn befreit und mit ihm fliehen will, da ift jelbe
völlig verraucht. Anstatt die koſtbaren Minuten zu nugen, Henneder
zu retten, feinem Baterlande in feiner Perſon einen Kämpfer zu ers
alten, das Glüd, das fich ihm bietet zu ergreifen, bleibt er, um —
Lind über ben fen zu fehießen. Eine geradeswegs kindiſche
Handlungsweife! Ebenſo wenig patriotiſch wie wahrf ——
Maria ſtirbt am gebrochenen Herzen, eine bei tragi hen ichtern
zwar ſehr beliebte, aber meiſt durchaus unwahrſcheinliche Todes-
urſache. Wildenbruch wußte mit ihr aber wohl nichts anderes an—
zufangen. J
Matthias ift Die am beften gezeichnete Sigur de3 Dramas. Diefer
ſcheinheilige, äußerlich ruhige, fittenftrenge Dann, in defjen Innern
ie Flamme wilder, immer eidenſchaft wüthet, die er Hinter der
Larve Der Milde und Rechtlichkeit zu verbergen weiß, für den es
nicht Vaterland, nicht Glauben, nicht Freundſchaft, ſelbſt nicht Liebe,
nm Egoismus, Befriedigung feiner rajenden Sinnlichkeit giebt, ift
eine ebenfo graufige, wie großartige Geftalt.
Der eigentliche fanatijche Menonit mit feiner geigheit und Hab-
fucht, den es nicht kümmert, wer fein ve ift „der Napoleon oder
der da in Berlin“, der das Wort Ehre für Hirngefpinnfte erklärt, ift
in dem hämiſchen Spötter Juſtus trefflich wiedergegeben, ber zugleich
das Scharfe Gegenbild zu_dem felbftlofen, von Begeifterung für das
Vaterland durchglühten Henneder bildet.
Die Sprache ift in diefer Dichtung von feltenem Schwunge;
namentlich Liegt in der Scene mit Henneder eine Kraft und Boche
eine Tiefe der Empfindung, die wahrhaft Hinreißend wirft. Ueber-
haupt Liegt das Hauptverbienft biefer Biätung, wie das von „Väter
» Söhne“, darin, daß fie wahrhaft nationale Dichtungen find. In
jem Henneder ift gleichjam die große Zukunft unjeres Vaterlandes
jere Gegenwart — verkündet. Ein Bolt, das jolde Männer
lt, das kann wohl finfen, doch untergehen fann es nimmermehr!
* *
*
19%
276° Ernft von MWildenbruc als dramatifcher Bichter.
Ebenfalls in Preußen im ‚Anfang dieſes Sahehunberts fpielt
„Zäter und Söhne”. Es ift nur zu natürlich, a5 & für uns
Preußen kaum einen interefjanteren, ergreifenderen Stoff geben kann,
als das Unglück und bie darauf folgende Erhebung unferes Vater⸗
landes in jener Zeit. Wer wünfchte nicht diefe traurigen und nament-
lich diefe herrlichen Tage in voller Kebenstmabrheit vor ſich ji fehen!
It es darum wunderbar, wenn der Dichter, der Baterlandsliebe und
Begeifterung befigt, mit einem ſolchen Stoffe von vornherein unſers
Beifalls gewiß ift? Und nun vollends ein Dichter wie Wildenbruch,
der ganze, lebenskräftige Geftalten aus dem Boden ihrer Zeit heraus-
wachſen zu laſſen vermag. Wäre „Väter und Söhne“ aud) nichts
anderes, ficher ift es ein naturwahres, hochpoetiiches, ergreifendes
dramatiſches Bild jener Hit vol echt nationaler Geſinnung. Die
feige Muthlofigfeit, das Verzweifeln an ſich ſelbſt, der völlige Mangel
des Vaterlandgefühls, ber durch Unterdrückung und Ungerechtigkeit
irregeleitete Geift der „Väter“ ift in wahrhaft ftaunenerregender
Weife porträtirt. Diefer General Ingersleben mit feinem: „Uns ver-
ſchlingt ber Genius unſerer Zeit". Dieje Oberften ber Feſtun,
Küftern, die jeden Widerftand für nutzlos Halten. Diefer Dorfihuls
lehrer Valentin Bergmann, der wegen erlittenen perſönlichen Un—
echtes — fein Sohn war den Tod durch die Spiekruthen geftorben,
als er, ber hatte ftudiren wollen, auf zwanzig Jahre eingezogen war
und aus Verzweiflung befertirte — nicht nur Mache an der Perſon
deifen, der es ihm zufügte (Sngerzleben), ſondern an dem Vaterlande
haben will, das fol graufame und ungerechte Geſetze hat. Sie
alle zeigen in fehauriger Klarheit, wie e8 zu den Tagen von Jena
und Auerftädt fam, warum Zeitung um Faltung ohne Schwertftreich
fapitulirte, warum der alte Stamm gleichſam zugrunde gehen, bei—
feite gedrängt werden mußte, damit Preußen wieder ein großer, freier,
lebensfähiger Staat werden konute. Und in der Jugend, diejen Lieu-
tenant Thynkel, Wille, Ingersleben, in ben Frauen ift die Zukunft,
die Zeit der Erhebung, Befreiung gleich im Anfange in flammenden
Farben gezeichnet. Diefe beiden erjten Afte find auch vom rein
dramaturgijchen Standpunkte meifterhaft. — Es feige die Beit der
bung =, „der Söhne" — die die drei legten Akte baritellen.
Und wieder ift e8 Wildenbruch gelungen den großen Zug der Be—
eifterung, die biefe Zeit bewegte, ihre erhabenen, menfchlichen, reinen
Sheen zur Geltung und gelungenen Darjtellung u bringen. Selbit
die hier eingefügte humoriſtiſche Geftalt — das alte Faktotum Riefe-
bush — ift ein prächtiger „Barometer“ der Zeitftimmung. Er zeigt,
wie felbft in dem alten Philifter, deffen erfte Bürgerpflicht Ruhe
war, die Erhebung ihren Wiederhall findet. — So find wir Zeugen
der legten Momente, die den frechen Unterbrüdern in unferer Haupt-
ftadt gegeben find, grell Elingen feine Gemaltthätigfeiten hinein, wir
find Zeugen feiner Vertreibung, Zeugen, wie fich das preufiie Volk
ur reinen That der Befreiung und wahren Freiheit erhebt, wie es
dſt ihm widerfahrenes Unrecht nicht rächt, wenn es von einem
Ernſt von Wildenbruch als dramatifcher Bichter. 277
Landsmanne fam. Wir hören von dem großen Siege, den die preußis
chen Waffen erfämpft, und das Drama ſchließt mit machtuoll er-
hebendem Ausklang, wenn der einft durch feinen Vater zum Landess
verrath verführte Züngling — Heinrich Bergmann — ben Helden-
tod für das Vaterland ftirbt, und der Vater jelbft im Anblick der
groben neuen Zeit voll „Güte und Geredhtigfeit” — fein Unrecht
erfennt.
Dennoch bleiben die Fehler der Dichtung als Drama Seftehen.
Es fehlt der Held. Unfer Interefje gehört in den zwei erften Akten dem
Valentin Bergmann. Das furchtbare Unrecht, das ihm wiberfahren,
erregt aufs tieffte unfer itgefüht, fo daß wir feiner Rache — er
ift die Veranlaffung, daß Ingersieben die Feftung Küftrin mit drei
taufend Mann an ein Regiment übergiebt, und daß der Sohn
defjelben für einen Dejerteur und Vaterlandsverräther gehalten wird,
— mit Furcht und Schaubern, aber auch mit. tiefiter Theilnahme
folgen. Wir begreifen hier vollftändig, wie er jomeit getrieben wer-
den fonnte. Wenn er fich fpäter aber für Geld als Spion verkauft,
um jo die Mittel au gewinnen einen Sohn Heinrich ftubiren zu
faffen, wenn ihm förmlich das Verftändnig für die Erbärmlichkeit
feines Thuns abzugehen fcheint, fo mag bieje aus der ganz feltenen
Verbitterung, in bie er ſich verjenft hat, erflärlich fein; wir können
aber jeinem Empfinden nicht — recht folgen und die Niedrigkeit
ſeiner Handlungsweiſe macht unſere a unmöglich. Diejelbe
geht auf feinen Sohn Heinrich über, ber einſt, ohne ſich feiner That
recht bewußt zu fein, an dem Verrath des Vaters und feiner Rache an
Ingersleben theilnahm, — was übrigens ziemlich ſchwach motivirt ift
— und ber nun, da er felbft den Freijchaaren angehört, hören muß,
daß er von dem Blutgelde des Vaterlands gelebt hat. Da beſchließt
er feine an der Familie Ingersleben begangene Schuld Baba) zu
fühnen, daß er durch Selbitanflage den Sohn von dem Verdacht
des Vaterlandsverrathes befreit. Seine Schuld gegen fein Vater-
fand fühnt er duch den Tod auf dem Schlac Isle. Daneben
nimmt noch der begeifterte Vertreter ber neuen Zeit, Lieutenant
Thynkel, zeitweiſe unjer Intereffe in Anfpruch, jowie der hochherzige
und unglüdliche Lieutenant Ingersfeben, das unjchuldige Opfer der
Rachepläne Valentins.
Die Handlung des Dramas ift in zwei Theile gerijfen: das
Drama der Väter und das der Söhne; aber diejer Fehler war für
den Dichter notwendig, wenn er feine Idee zur Darjtellung bringen
wollte. Er wollte zeigen, wie bie Schuld der Väter durch die Söhne
fühnt und gebüßt ift, und dieſe Idee bedingte die Theilung der
andlung. Wir müßten aljo entweder auf das Drama verzichten
ver diefen Fehler deffelben mit in den Kauf nehmen. Die Wahl
ım nicht ſchwer fein.
” *
278 Ernſt von Wildenbrud, als dramatifcher Dichter.
Da in Wildenbruchs dichteriſcher Thätigkeit ein beſonders
beachtenswerther Fortſchritt nicht bemerkbar iſt, brauche ich feine
Dichtungen nicht in chronologiſcher Reibenfeige zu beiprechen.
Sch ſchließe hier alfo gleich „das neue Gebot“ (1886) an, da bafjelbe
aud zu den nationalen Werken des Verfafjers gehört. Ein gut
Theil des großen Erfolges, den dieſe Dichtung fand, darf man wohl
auf. die ſtark tendenziöß gefärbte Idee des Dramas zurüdführen.
Es ift natürlich,. daß die ge: hat ber katholiſe riejter dem
Bapfte zu gehorchen ober Kaifer und Reich treu zu fein? namentlich
im proteftantijchen Deutfchland des größten Intereffes ficher üft.
Auch diefe Dichtung behandelt wieder zwei Fragen zugleich, da auch
noch die der Priefterehe dazu kommt.
Das Stüd fpielt zur Zeit Heinrich IV. und des Papftes Gregor.
Ein Priefter, Wimar Knecht, geräth zunächſt in einen Stonflift des
Herzens, das ihn zu König und Reich zieht, und der Pflicht, die ihn
dem Papfte gehorchen Heißt. Der König iſt verflucht, es ift feine
Pflicht ihn zu verlaffen. Als aber die Königin, flüchtig, in Kindes-
nöthen, zu ihm gelangt und in feiner Kirche Schug jucht, lann er
ber Stimme feines Weibes, die Menjchlichkeit heiſcht, nicht_wiber-
ftehen. Das Herz fiegt über die Pflicht. Allein ein neuer Konflikt
fteht ihm bevor. der Bapjt hat das bot der Priefterehe erlafjen
und fordert von allen Geiftlihen, daß fie ihre aganıen verftoßen
follen: „denn eure Ehe ift Gräuel vor Gott; eure Weiber, nicht Ehe-
frauen, Buhlerinnen find’s!*
Als diefes neue Gebot zu Wimar gelangt, wird ihm fein bis—⸗
heriger Irrthum plötzlich furchtbar Mar. Nicht feines Herzens
Stimme log: .
„Here ber Zelt,
Dich habe ich mein Leben lang gefucht
Und einen Menſchen hab’ ich angebetet.“
Eh er fg von feinem Weibe trennt, die dreißig Jahre treulich mit
ihm Freud und Leid getheilt, verläßt er Amt und Gemeinde und
ieht in die Einöde der Wälder. Aber ſchon im nächſten Frühjahr
hehe er vor ber Leiche der geliebten Gattin, Die jenes Wort „Buhlerin“
töbtlich ins Herz getroffen hat. — König Heinrich hat inbeffen ein
roßes Heer um fich gefammelt und fiegt an der Unftrut über die
Cadjfen, und fein Schwert ir mit töbtlichem Streiche im Kampfe
den Priefter Bruno, der den Fluch und die Botichaft bes Papſtes
an Wimar brachte, und fterbend erfennt derjelbe König Heinrich am
und bittet Wimar ihm zu verzeihen und die Abjolution zu ertheilen.
Doch Wimar weift ihn zurüd und verlangt die Burüderftattung alle
deffen, was Bruno ihm geraubt, und verzeiht erjt, als Heinrich
Sieg ihm alles wiedergiebt:
„Ein neu Gebot haft Du uns bringen wollen:
Seid Gott getreu und treulos Eurem Land,
Du haft Gott nicht gefannt: er fpricht zum Menſchen
Nur in ber Heimatfprache heil’gem Laut.
Liebe zum Vaterland ift Gottesdienſt.“
I
Ernſt von Wildenbrud als dramatifcher Dichter. 279
Wildenbruch hat fein Drama „ein Schaufpiel” genannt. Ein
Schaufpiel ift ein ernſies Stüd mit gutem Schluß, das heißt mit
dem vollftändigen ideellen, wie materiellen Siege des Helden. Der
Sieg ift hier aber nur ſcheinbar ein vollftändiger. wird im
Drama allerdings fo bargejtellt, al feien mit dem Siege Heinrichs
auch die beiden Fragen zur Anerfennung gebracht, um die das Drama
ſich dreht. Das ift thatfächlich aber nicht der Fall. Erſt nach der
—— an der Unſtrut erfolgte Zerrhe Demüthigung vor Canoſſa.
Aber jelbit zugegeben, daß der Dichter, wie Leifing jagt, von der
Geſchichte nur jo viel zu wifjen braucht, als ihm beliebt, fo muß er
doch die Welt fennen und wiſſen, daß dieſe beiden Fragen noch
heute durchaus nicht gelöft find. Ein tömiſch-katholiſcher Priefter
darf fich noch heute nicht vermälen, und ber Streit über Kaijer und
Papft ift noch lange nicht geſchlichtet. Ich möchte faft jagen’ ideel
jet die Idee gefiegt, denn der unparteiifche Beurtheiler wird ihre
jerechtigung anerkennen, aber nicht thatſächlich. Der Stoff eignet
fi eben nur zur Tragödie, wo die bee nur „ideel“ zu fiegen
braucht, thatſächlich, das Heißt in ihrer momentanen Erfcheinungsform,
jugrumbe Es darf. Ein Beweis für meine Behauptung: wenn
tmard Weib noch lebte, dürfte cr auch am Schluffe, trog dem
Siege des Königs, nicht Priefter fein. Brunos Neue ändert daran
nichts, denn nicht er, fondern ber Papft hat jenes „Gebot“ erlafjen
md der Papft nimmt es nicht zurüd. Hier liegt nämlich ein
logiſcher Irrthum. Im legten Theile wird es fo dargeftellt, als
jei Bruno Wimard Gegner, und feine Reue die Löfung der Frage.
Er iſt aber doch nur der Vote, gleichfam der Mund des Papites.
Daher hat er auch gar fein „todeswürdiges Verbrechen", wie Wimar
jagt, begangen. Eine Schuld ift.nur da denkbar, wo das Bewußt⸗
fein der Schuld fein fann. Bruno Handelt aber aus Weberzeugung
ut zu then. Für ihn ift, wie anfangs ja auch für Wimar, „der
Fark Gott“. Wie joll er aljo darauf fommen, daß derfelbe ihm
etwas unrechtes befichlt. Sein Thun iſt feine moralifche oder fitt-
liche Schuld, fondern höchſtens eine tragiſche — fein Irrthum vers
dient unfer Mitleid, nicht unfern Hab. So ift Wimars anfängliches
Verhalten gegen ihn wohl natürlich und begreiflich, aber nicht ti
gerecht und kann daher unjere Billigung nicht haben, was der Dich
ter doch wohl forbert. Webrigens ijt Brunos Reue unwahrſcheinlich.
Wie joll der Anblid eines enfcen, wer es auch fei, Lebensüber⸗
eugungen umjtürzen können? Wildenbruch liebt es, feine „Gegen-
Biden“ bereuen zu laſſen, was ja wohl auch den Beifall unferes
blikums findet, aber natürlich iſt es nicht immer.
Trotz dieſer ſchwerwiegenden Fehler iſt das meue Gebot auch
eſehen von feiner intereſſanten, nationalen Idee, eine bedeutende
Kapfung. Die Charafterijtif namentlich Wimars, diefes Mannes mit
ı großen Herzen, ift individuell, die Handlung fpannend und dabei
fait raffiniert funjtvoller Weife aufgebaut und vom theatraliſchen
andpunft von ungewöhnlicher Wirkungsfraft. Einige lyriſche
280 Ernft von Wildenbrud als dramatifher Bichter.
Scenen, wie die Liebesfcene zwifchen Wimars Tochter und ihrem
Geliebten Berthold, und die Sterbefcene Marthas, der Frau Wimars,
find von feltener Schönheit, und die Sprache ebenjo dramatifch, wie
natürlich umd doch voll echter Poefie.
* *
*
Ließe I bei ben bisher beſprochenen Dichtungen vielleicht eine
Verwandtf mit Schiller nachweifen, fo fomme ich nun zu zweien,
in denen fich eher eine ſolche mit Shafefpeare auffinden Tiehe.
Bei „Chriſtoph Marlow“ (1884) liegt die Verwandtichaft wohl in
der krafivollen Heraushebung einer tragiſchen Leidenschaft, was Wil-
denbruch fonft nirgend in jo hohem Grade gelungen ift. Im , Fürſten
oma! (1886) Tiegt die Beziehung wohl hauptſächlich im
toffe.
Der Gedante:
„Wehe dem Weide, das auf Mannes Geift
Sein Leben baut und nicht auf Mannes Herz."
fol in „Chriſtoph Marlow“ erwieſen werden. Im. übrigen ift es
eine Charaftertragödie. Die Tragödie des Ehrgeizes, der Ruhm—
begierde. Chriſtoph Marlow gehört zu jenen Menjchen, Die „gefoltert
von ber eignen Phantafie fi) in reine Menfchenherzen flüchten und
fie verwüften“. Sein „‚zauft“ und „Tamerlan“ haben ihn zu Eng-
lands gepriefenftem Dichter gemacht, aber dennoch hat feine Seele
feinen Geieden, er fühlt fich einfam, da alle andern ihn nigt ver⸗
ſtehen, wie er meint. Da ſieht er Leonore Walſigham, die Tochter
ſeines Wohlthäters, die ihn längſt in feinen Werken bewundert, liebt.
Die Dämonie feines Weſens, jein Bekenntniß, daß ohne fie fein
Leben einfam fei, daß er nur bei ihr den erjehnten Frieden finden
Tönne, entflammen ihre Leidenſchaft vollends. Und er, in dem Egois-
mus feines Geiftes, reißt fie aus dem Frieden des Vaterhaufes, von
der Seite des ihr mit jelbftlofer Herzenzlicbe zugethanen Bräutigams,
Francis Archer. Sie fühlt wohl, was fie verliert. „Sein Herz
muß groß fein es ihr zu erfeen, betäuben muß er fie im Raufche
durch den Himmel feiner Phantafie.“
Aber Marlow ift nicht, wofür er felbft fich Hält; er ift nicht
Englands größter Geift und Dichter. Er wohnt der erften Auf-
führung von Romeo und Julia bei und „Gott“ hat ſich ihm offen-
bart. So ift der Glaube an fich feldft und feine Miffion dahin,
aber auch ber Glaube an Leonorens Liebe, da er nur Verehrung des
Geiftes, nicht Liebe des Herzens fennt. Sie liebte ja nur den Dichter
in ihm. „Und für den größern Dichter giebt fie den Stümper hin.“
Serälos ſchleudert er ihr in feiner Verzweiflung ſolche Anklagen ind
eſicht um erfehütert jo auf das Furchtbarſte die felten feinfühlige
Seele ber Geliebten. Sie, die ihm alles geopfert, wird jo verfannt!
Und als nun noch die Kunde fommt, daß ihr Vater in jener Nacht,
als jie von Haufe entwich, geftorben ift, umnachtet Wahnjinn ihren
Ernſt von Wildenbrudy als dramatifcher Dichter. 281
Geiſt. So hat Marlows Egoismus feinen Wohlthäter und feine Ge—
liebte gugrunbe gerichtet. & felbft aber fällt von der Rächerwaffe
cis ers, indem er feinen Geiſt von der Selbitlofigleit des
end dieſes Mannes für befiegt erklärt, und ftirbt im Anblic
feines geiftigen Sieger:
„Das Bild bes Dichters, wie ihn Leonore träumte,
& groß, fo heilig, opne Hohn und Lägeln
Unb ohne rende, baß ber Gegner fant.“
William Shafefpeares. Verſöhnt entfchwebt fein Geiſt. Er Tiebt
Den Beh hakeſpeaꝛ erſ ch
Eine gewaltige Tragödie, wohl die tragiſchſte, die Wildenbruch
bis jetzt geſchaffen; tief erſchütternd und machtvoll erhebend. In der
Charalter ʒeichnung unbedingt ſein Meiſterwerk. Die wilde Phantaſie,
der egoiſtiſche Geiſt, der fie) ſelbſt und alles, was fi) an ihn ketiet,
vernichtet, er nicht durch Die Macht des Herzens geläutert ımd
jebändigt wird, ift in Marlow großartig verkörpert. Der dämoniſche
Heute, der ihn anfangs umſchwebt, jo lange er an fi) und feine
iſſion glaubt, ift geradezu bewältigend, und der Vorwurf: Leonore
ſei untragiſch, da fie fich von eitelm Wortgepränge und ſchwungvoller
Bilderfpradde wie eine Närrin bethören laſſe, geradezu lächerlich.
Sie fteht ſchon unter dem Bann feines Geiftes, ehe fe ihn perfün-
lich kennt. Und num kommt dieſer Mann felbft, beraufcht ihren
Geiſt und erregt die Tiefen ihres Herzens. Ihre Bewunderun—
wächſt zu exaftiler Schwärmerei, ihr Mitleid zu Liebe an. Un
ala er ihr verfündet, daß fie ihm Glück und Frieden geben könne,
Daß fie ihm vom iickſal beftigimt fei, da vergißt fie Kindesliebe,
Pflicht, alles; fie folgt dem uͤbermächtigen Drange ihrer Seele zur
Erfüllung ihrer Miffion. Die Steigerung ift hierin wahrhaft meifter-
haft. Daß es bei einem fo jchwärmerifchen Weſen, defjen Denen und
gihten in wildeften Aufruhr verfegt ift, nur eines erfchütternden
genftoßes bedarf, um ihren Geift zu zerrütten, ift Hat. Diefer er-
greifende, tragijche Charakter ift „in dem Zeitalter der Nervofität”
der größten Beachtung werth. Ob er allerdings in den Charafter
der Sheep eit paßt, überlaffe ich andern zu enticheiden.
18 fraftvoller Gegenjag zu Marlow und Leonore erfcheinen
der eble Greis Thomas Walfigham und Francis Archer. Der Leßtere
iſt der Bertreter „jelbftlofen Herzens“ gegenüber „dem —
Geiſt“. Schlichte Beſcheidenheit und männlicher Ernſt, innige, opfer⸗
willige Hingabe ohne wilddraͤngende Leidenſchaft, Gerechtigkeit, Milde
und Großherzigkeit, das ſind die wahrhaft erhabenen Eigenſchaften
eſes Mannes
In den Bedientenſcenen und namentlich in den Dichterſcenen
wiſchen Marlows Kollegen, die der Vorſtellung von Romeo und Julia
imohnen) hat Wildenbrucd, wahrhaft Shakeſpeareſchen Humor und
unft der Charakterificung in wenig Strichen bewiefen.
Leider wird die tragiſche Wirkung dadurch beeinträchtigt, daß der
Tüdsumfchlag und damit die Kataftrophe für Marlow nicht eigentlich
282 Ernſt von Wildenbrud als dramatiſcher Dichter.
aus ihm felbit, jondern von außen durch ein zufälliges Ereigniß erfolgt.
Er geht nicht eigentlich durch feinen Ehrgeiz oder Egoismus zugrunde,
fondern dadurch, daß er ſich für den Größten hält, und ſich ein
größerer findet. Aber zu jenem Glauben war er berechtigt, denn er
war es nad) aller Zeugnis — bisher. Es fehlt daher die inmere
Nothwendigfeit feine Unterganges. Gewiß, feine Einfeitigfeit und
Ueberhebung forderte jein Schidjal Heraus, aber das Erſcheinen
Shalefpeares erjcheint als etwas zufälliges, nicht als etwas noth-
wendiges. Ei wenn Shafejpeare zu feiner Zeit nicht gelebt hätte?
Das war doc Zufall. Wildenbruch hat ben ujammenhang dadurch
hereinbringen wollen, daß Walfigham dem Marlow den Fluch nad;
jendet: „ein Größerer fomme über Dich!" aber dieſe Verknüpfung iſt
willfürlich und rein äußerlich.
Dennoch halte ich „Chriftoph Marlow“ vom rein dramaturgi-
chen Standpunkt für Wildenbruchs vollendetſtes Werk.
* *
*
Seine neuefte Schöpfung ift: „Der Zürft von Verona“, eine
neue Auflage des Romeo-Julia Konfliktes. Entfteht bei Shafejpeare
der Konflikt aber allein aus ber Liebe des jungen Paares und dem
Haß der Familien, jo läßt Wildenbruch ihn hier gleichzeitig auß der
Idee des Helden herauswachſen. Majtino della Skala, Fürſt von
Verona, will feinem Lande den Frieden bringen, den alten Streit der
Ghibellinen und Guelfen, auf deſſen Hintergrunde ſich das Drama
aufbaut, endigen. „Es giebt feine ‚Öhibellinen und Guelfen mehr,
fondern nur Bürger von Verona.“ An der Unmöglichkeit der Durch»
führung diefer Idee geht er zugrunde. Wildenbruch hat es in groß-
artiger Zeile dargeftellt, wie groß der Haß der Parteien if. Und
wenn auch das Liebesband, das Maftino (Ghibelline) mit Selvaggia,
der Tochter des Guelfenhauptes, verbindet, einen Augenblid eine
Verföhnung möglich erjcheinen läßt, bei dem Verlobungsfeſte jelbit
kommt es zu blutigem Streit. Maftinos eigener Bruder tötet einen
vornehmen Guelfen. Und wenn Maftino jeine Gerechtigkeit auch
durch die Verbannung deffelben beweift, die verfündigte Ankunft
Konradins von Hohenftaufen ruft neuen Zwiſt hervor. Maftino
verdirbt es, da er Konradin zwar Unterkunft, aber feine Hilfe wider
Karl von Anjou gewähren will, mit beiden Parteien. Um einen
Ueberfall des Kaſtells zu verhüten, muß er Selvaggia, die die Ihren
verlafjen hat und ihm gefolgt ift, mit ziemlic, geringem Schuge zu—
rüdlaffen.
Da wird fie denn von Adelaide, ihrer Stiefmutter ur
Scaramello, den fie früher auf Verlangen ihres Vaters und Adelaide
heiraten jollte, überfallen. Sie ſoll ins Vaterhaus zurüdfehren. €
weigert fi, und als plöglich die Stimme des zurüdfehrend.
Maitino ertönt, ftößt Scaramello fie nieder, um dann von Reue eı
griffen, Adelaide und fich jelbjt zu tödten. Auch Majtino ift im Kamp
Ernft von Wildenbrud als dramatifher Dichter. 283
töbtlich verwundet. Er finkt fterbend in die Arme Selvaggias,
vereint mit ihr auf enig, denn:
„Die Seele des Menjchen kann die Ewigkeit ahnen, die Seele
bes Menſchen muß ewig fein.“
Schon bie Inhaltsangabe zeigt, wie zahlreiche Einzelgeiten ar
Shafefpeares Romeo erinnern, — iſt es ein vollftändig ſelbſt⸗
Hänbiges Bert.
er Mangel einer tragischen Schuld, den einige Kritiker auf
gewittert haben, ift nicht vorhanden. Jeder Menſch muß bie noth-
wendigen Folgen jeine® Wollens tragen und ge fie in_gewiffem
Sinne aud) ftet3 verdient. Wer unmögliches will, mag bafjelbe noch
fo edel fein, geht daran zugrunde unb reißt alles, was ihm un—
trennbar vereint ift, mit fi. Ein folcher Untergang wird auf uns
nie peinlich wirfen und darauf allein fommt es hierbei an. Wilden.
bruch hat an anderer Stelle einmal ſelbſt die einfachite und zutref⸗
fendfte Theorie für die tragiiche Schuld gegeben, wenn er jagt:
„Des Menſchen Wille ift des Menſchen Schidjal.”
Dennoch Liegt der Fehler in der fchlecht motivirten und daher
unwahrſcheinlichen Kataſtrophe. An umd für fich ift diefelbe nicht
unwahrſcheinlich, fondern im Gegentheil nothwenbig; aber wie fie
der Dichter Herbeiführt, erſcheint fie nicht glaubhaft. Das Volt läßt
den Maftino im Stich, „weil die Staufen feine Weiber zu Buhler—
innen machen“ und es dieſelben daher nicht in der Stadt haben will. Die
ganze Veranlaſſung gu Meier Anſicht ift aber, daß Cunizza, Sel⸗
vaggias verftorbene ter, die Buhlerin Friedrich II. geweſen ift.
Nun ift aber weder von Gewalt noch von Verführung im eigentlichen
Sinne des Wortes die Rede. Daß ihm aber eine Kofette willfährig
gerefen ift, enthält doc, Keine Gefahr für die Allgemeinheit und
her auch nichts, was die Staufen mißlicbig machen könnte. Noch
unbegreifficher ijt die Wirkung der Beſchuldigung, dag Maftino die
Selvaggia zu feiner Buhlerin machen wolle, während er gar nicht
daran denkt, fondern laut verfündet, daß fie feine Gattin werden würde.
Zudem it es durchaus unklar, warum am Schluß die Parteinahme
des Volles einen jo großen Einfluß haben kann, da bisher alles
ohne ober gerade gegen feinen Willen gejchehen if. Und warum
läßt Maftino feinen Palajt jo ſchwach bejegt? Wo hat er die be=
waffnete Macht gelaſſen, mit der er furz vorher Verona eroberte?
Auch die Charakterzeichnung weilt mancherlei Widerſprüche auf.
"*faide ift ziemlich unverjtändlich. Sie liebt Scaramello und will ihn
noch mit Selvaggia vermälen, von der fie weiß, daß er fie bis zur
erei liebt. Kann fie dann hoffen ihn je zu Sefipen? Solche Adelaiden
en aber nicht, ohne befigen zu wollen. Ebenfo wenig wahrjchein-
ift Scaramello. Ein ſolch' rauher, wilder und leibenſchaftlicher
nich, der, wie er ſelbſt jagt, immer gleich) Blut vor Augen fieht,
die Geliebte in den Armen des Rivalen jehen fünnen und be—
een, nicht jenen, fondern ſich felbft zu tödten bloß aus Rührung
284 Ernft von Wildenbrud) als dramatifher Dichter.
darüber, daß die Geliebte für ihm beten will! Solde Scaramellos
werden nicht ME und die Selbftlofigfeit eines folchen Menfchen
ift wenig glaubhaft. Dennoch dürfte bei guter Darjtellung gerade
dieje Sertett zu den theatralitch-wirkjamiten der Dichtung gehören.
Trog al’ diefer Widerſprüche und Unwahrſcheinlichkeiten bleibt
„Der Fürft von Verona“ eine beachtenswerthe und erfreuliche Er-
ſcheinung. Auch dieſes Drama weift die Tugenden Wildenbruchſchen
Dichtergeiftes auf: Die fcharfe Herausarbeitung der Gegenjäge, die
in die Handlung in meifterhafter Weife verflochtene Darftellung der
Verhältniffe, auf denen ſich die Tragödie aufbaut. Der erfte Akt
mit dem Streite der Jungfrauen, dem Erjcheinen Scaramellos, um
Selvaggia aus dem Klofter zu holen, der dritte und vierte Aft mit
dem blutig endenden Verlobungsfefte gleichen großartigen Hiftorifchen
Gemälden; daneben die Liebesjcenen Selvaggias und Majtinos voll
wunderbarem Zauber der Poefie! Auch die Charakteriftit, namentlich
in ber Gejtalt Selvaggias, weist viele ‚Feinheiten auf und zeigt einen
Dichter, der feine Gebilde immer gleihjam plaſtiſch erichaut.
* *
*
komme zu den Zamiliendramen des Dichter? „Opfer um
Opfer“ (1883) und „Die Herrin ihrer Hand“ (1885).
In einem modernen Drama, das ſich nicht um große ragen,
um politifche, veligiöfe, nationale, ideelle Konflikte dreht, fondern die
feinen Konflikte der Seele, des Herzens behandelt, ift größte innere
Nothiwendigfeit vonnöthen. Die Hleinfte Unwahrſcheinlichkeit ver-
dirbt feicht die ge Wirkung. Daher ift es thöricht, wenn einzelne
AeftHetifer die Anſicht vertreten, daß das moderne, das Familien-
drama eine niebrigere Kunftgattung ſei. Es verlangt vielleicht gerade
im Gegentheil vom Dichter ein viel tieferes Durchdringen feines
Stoffes, eine viel jchärfere, individuellere Charakteriftif, es verlangt
die unbedingtefte Ds erichtigfeit. AL die Einwände, die gegen das
miliendrama gejchleubert werden, ee migt auf das Konto der
jattung, jonbern der einzelnen Schöpfungen. Das aber ift ed, was
einzelne Xefthetifer überjehen. Das Familiendrama_ift vieleicht die
fchwwierigfte Gattung und da e3 eine verhältnigmäßig neue üft, fo
ben wir noch feine vollendete, fogar wenig wirklich gute Leiftungen auf
iejem Gebiete. Beweiſt Das aber, daß wir fie auch nie haben werden?
„Opfer um Opfer“ gehört trotz einer Unwahrfcheinlichfeit in der
Borausjehung und einigen Widerfprüchen in der Charakterifirung
zu dem Velten, was auf diefem Gebiet in Deutjchland geleiftet.
Es giebt Menfchen, die die Liebe egoiftiich macht, die fie Pflicht,
alle Rüdfichten vergeffen und nur an die Gewinnung des Geliebten
denfen läßt. Ein jolcher Charakter ift Hedwig Roßiau. Sie liebt
den Afrikareiſenden Wernshaufen, den Schüler und jugendlichen
Freund ihres Vaters. Nach zweijähriger Abweſenheit ift er als be—
rühmter Mann zurüdgefehrt. Auf Grund der Zuneigung, die er
ihr immer erwiejen, hofft fie, daß er ihre Liebe erwidert, gewahrt
35
Ernft von Wildenbrud als dramatifcher Bichter. 285
aber bald, daß ihr nur feine Serunbiäaft gehört, und fängt an zu
fürchten, daß ihm ihre jüngere Schwefter Chriftine nicht gleichgiltig fei.
Da theilt diefelbe ihr mit: ein Herr Kellenberg habe um ihre Hand
angehalten, Hedwig möge ihre Meinung darüber Tagen. Obwohl
num Hedwig ſelbſt Kellenberg für einen leichtfinnigen Menſchen hät,
obwohl jie weiß, da fein Vater ein Güterjpefulant ift, obwohl fie
einft ihrem fterbenden Vater gelobt hat für Chriftine wie eine Mut-
ter zu forgen, — wehrt fie die Entſcheidung von fich ab; denn riethe
fie ab, jo ahnt fie, würde Chriftine ihn nicht Heiraten und dann —
wäre Wernshaujen ihr verloren. Chriftine müffe felbft entjcheiden.
Und dieje, die ebenfalls Wernshaufen liebt, die aber von Hedwigs
Gefühlen für ihn weiß, bejchließt fich für Hedwig zu opfern und
verneint die Frage ber Schwefter, ob fie etwa einen andern liebe.
So glaubt Hedwig, Chriftine reiche aus eigenem freien Antrieb Kel-
fenberg ihre Hand. — Kellenberg und Wernshaufen gerathen anein-
ander; ein Duell foll ftattfinden; aber Chriftine, die den Geliebten
nicht dem fichern Tode preisgeben will, fordert von Stellenberg als
Bedingung für ihre Heirat, daß er fich mit Wernshaufen ausfühne. Da
Kellenberg joeben die Nachricht erhalten hat, daß fein Water bankerott
fei, thut er e8 unter der Bedingung, daß Chriftine ihm ſchriftlich ver
ſpricht, in drei Wochen Hochzeit zu machen. Wernshaufen ift über
Chrijtinens Verlobung mit diefem unbebeutenden Menjchen fo empört,
daß er fie vergefjen will, und fid) daher mit Hedwig verlobt. Dieſe
aber fommt bald Hinter den ganzen Zufammenhang, erfennt, daß
Ehriftine Wernshaufen und Wernshaufen Chriftine liebe, und tief erfchüt-
tert Durch den Opfermuth der Schweiter, rafft fie fich felbft zu heroiſchem
Entſchluſſe empor: „Opfer um Opfer.” Zunächſt gilt es Sellenberg
zur Rückgabe bes Hochzeitsverſprechens Hedwigs zu bewegen, was
ihr bei der Zumpenhaftigfeit defjelben erſt durch Auszahlung von
60,000 Mark Entihädigung gelingt. Aber felbjt dann erklärt er,
Chriftine fei noch immer feine Braut, bie gocaeit ſei nur aufge-
fchoben. Allein die plögliche Nachricht von dem Selbſtmord feines
Vaters erjchüttert ihn fo tief, daß er die Erbärmlichkeit feiner Hand-
lungsweiſe erfennt und auf Chriftine verzichtet. Alsdann vereint
Hedwig Chriftine mit Wernshaufen, „den fie fo fehr liebt, daß fie
ſelbſt Feine Freundin fein kann.“
Der Grundgedanke der Dichtung ift, wie leicht erſichtlich, daß
mangelnde3 Vertrauen, auch jelbjt aus Opfermuth, nur Unglüd für
alle Theile bringt, und daß das durch ein Opfer erfaufte Glück
nderer glücklicher macht, als das auf Egoismus erbaute eigene Glüd.
3edauerlicher Weiſe gründet fi) der Konflikt auf einer Unwahr—
heinlichkeit. Chriftine liebt Kellenberg nicht, ihre Verlobung mit
m ift ein Opfer und ein folches bringt man nicht ohne unentrinn=
‚ren Grund. Ein jolcher liegt hier aber nicht vor. Sie weiß, daß
edwig Wernshaufen liebt, nad) allem muß fie auch annehmen, daß
r Gefühl von ihm erwidert wird. Welche Gefahr konnie es alfo
das Glück der Schwefter haben, wenn fie Kellenberg zurückwies?
’
286 Ernſt von Wildenbrud als dramatifher Dichter.
Wie foll fie darauf fommen, daß fie einer Verbindung ihrer Schwefter
mit Wernöhaufen im Wege ftehen könnte? Wenn diejer fie nicht
Tiebte, Tonnte fie ihn aud nicht für fich gevinmen; aber warum fich
an den ungeliebten, geiftig faft verachteten Mann fetten? Sie brauchte
der —S ja nur zu ſagen, daß fie ihn nicht liebe, dann war
die Sache abgetfan — aber auch das Drama unmöglich. Wilden-
bruch brauchte eben die Verlobung, da diefelbe die Veranlajfung zum
Duell geben follte, welches Spriftine in die Lage bringt, fi an
Kellenberg faft anlosuich zu binden. Dieſes Bedürfniß des Dichters
Hilft aber nicht über die Unwahrſcheinlichkleit der Handlungsweiſe
Ehriftinend hinweg.
Der Charakter Kellenbergs ift völlig verzeichnet. Anfangs er-
Scheint er als ein leichtfinniger, etwas faber, aber ganz harmlofer,
nicht geiftreicher, aber auch nicht witzloſer . Dann plötzlich
im fünften At entpuppt er ſich als ein vollſtänbiger Lump. Die
Erklärung dafür, daß dieſe Seite feines Charakter durch Hebivii
kin gewedt fei, indem biefelbe ihn fo behandelte, ift wenig zutref-
end. Was man nicht ift, dazu fann man durch Die Behand)
anderer nicht in einem Moment gemacht werden. Wildenbruch Hili
ſich, wenn er Unwahrſcheinlichkeiten vorbringen will, darüber dadurch
hinweg, daß er, wie 5. B. bei der in einer modernen Gefellichaft ganz
unglaublichen Forderung SKellenbergs, daß Chriftine ſich wegen ber
Hochzeit ſchriftlich verpflichten foll, die Sache im Drama felbft als
„<horheit“, al® „Unvernumft“ bezeichnen läßt.
Andererſeits hat „Opfer um Opfer” jo große Vorzüge, daß man
nicht umhin kann, dem Dichter das Zeugniß auszuftellen, daß er fich
auch auf dem Gebiete des Familiendramas durchaus als tüchtiger
Dramatiker bewährt hat.
Welch‘ ein reizender, liebenswürdiger Charakter ift dieje Chriſtine,
wie meifterhaft iſt dieſe Entwidlung vom harmlofen, lebensfrol
Kinde bis zum ernjten liebenden Weibe Dergeitent Wie Bang)
Opfermuth, die Selbftlofigfeit diefes edlen Weſens durchgeführt. Wie
trefflich die innere Naivetät dieſer Tieblichen Mäbchenblume bis in
den legten Moment feftgehalten. Ich benfe dabei an die Scene,
wenn fie an ihrem Brauikleide in der Nacht vor der Hochzeit näht
und "2 in den Finger fticht, weil fie gehört hat, daß das binnen
kurzer Zeit den Tod nach ſich zieht. Der Vorwurf, daß ein folcher
Aberglaube bei einem gebifdeten Mädchen unwahrſcheinlich fei, ift
völlig unzutreffend. er Aberglaube Tiegt tief im Weſen des
Weibes begründet und zubem ift es gar nicht der Fall, Daß „gebildete“
Zeute über ſolche Dinge erhaben find. tan braucht an jo etwe
nicht zu glauben, um es zu thun. Es liegt una allen noch imm.
etiwad von jener Furcht der Athener im Geifte, die, um ja feine
Gott zu erzürnen, „dem unbefannten Gotte“ einen Altar baute
Wer kann wohl behaupten, daß er nie dieſes oder jenes „Beiden
als „Knöpfe abzählen mit ja und nein“, Die Blätichen des Ma
liebchen abpflüden, oder ähnliches um Rath gefragt Hätte, wenn
Wildenbruch als dramatiſcher Dichter. 287
ünſchte, gern im voraus Gewißheit hätte haben
glaubt nicht daran, aber man thut es, in der
5 helfen könnte.
jarafterzeichnung Chriftinens gejagt wurde, gilt
3. Wie kräftig ift in ihr der Konflikt zwiſchen
3, zwijchen Liebe zur Schwefter und zum Ge⸗
tet. Betrachten wir fie als die Heldin des
ın e3 faſt eine Tragödie nennen und fünnte es
daß in einer ſolchen feineswegs der Tod des
idern nur feine materielle Niederlage. Welches
ichung des Zieles — dem Befig des Geliebten —!
twa um einen reinen Jrrthum, wenn fie voraus-
3ernshaufen nicht liebt. Es ift vielmehr jenes
md richt jehen wollen. Welch’ erhebender Aus⸗
hrer „Niederlage“ das Glück Geliebten und
jet! Wenn in Wildenbruchs früheren Werfen
arf zurüdtretenden Adele in Harold) die weib-
: fchemenhaft erfchienen, fo hat er ſich in den
mer größerer Vollendung gerade in der Zeich-
hwungen.
i hat Wildenbruch glücklich die Klippe umſchifft
imen Häufig gejehenen Manne zu machen, der
nicht klar iſt und von einer Frau zur andern
on Anfang bis zum Ende nur Chriftine, und
Jand reichen will, gefieht es aus Verzweiflung;
jung von der qualvollen Erinnerung zu finden.
* *
*
rausſetzungen von „Opfer um Opfer“ unwahr-
9 „bie Herrin ihrer Hand“ auf mehreren Un-
ne Inhaltsangabe wird das auf das Beutfihte
» fönnte man dieſer Dichtung ganz wohl
Chriſtoph Marlow voranftellen: „Wehe dem
nes Geift fein Leben baut und nicht auf Man-
c Edmund Wefterholz ift ein Phantaft. Er hat
daß unter den Ruinen Babyions und Ninives
t fein müffen, die in Keilfchrift ungeahnte Auf-
Bolt bieten könnten. Dorthin zu gehen ‚und
ift der Traum feiner Seele, Decke lich hat
üven vieler reicher Privatleute gepocht, ihm die
n Mittel, etwa 10,000 Thaler, zu gewähren.
oder vielmehr Schülerinnen gehört ein Fräulein
1g, eine junge Dame, die ebenfo wie ihr Bruder
Sportämann jet Börfenfpefulant“ — zu den
stadt gezählt wird. Auch bei diefem Herrn von
eſterholz — natürlich vergeblich — fein Glüd;
ggg Ernf von Wildenbrud) als dramatifcher Bichter.
aber Johanna, die ihn ſchon wegen feiner Idealität und Sclbftlofig-
feit licht und nun von feinem „Vebenstraum“ erfährt, will ihm das
Geld geben; und als dies ihr Vormund verweigert — fie ift noch
nicht mündig, — reicht fie ihm ihre ‚Ban, um ihm dadurch ihr Geld
juöutmenben. Sein Bedenken, ein jolches Opfer nicht annehmen zu
Önnen, weift fie mit der Erflärung zurüd, daß es fein Opfer ſei,
da fie ihm liebe.
Dieſe Vorausfegung des Dramas ijt aber unmöglich, da in
Deutſchland jeder Unmündige zur Werheiratung der Erlaubnik des
Vormundes bedarf, die hier wohl faum gemäbrt wäre.
Johannas Familie jagt fi von ihr los. Auch Edmunds Mutter,
eine in engherzigen, bürgerlichen Prinzipien wurzelnde Frau, weigert
ſich fie als ihre Tochter anzuerfennen, da ihr Benehmen unweiblich
Ki So jteht dag junge Fan allein. Aber ein ng ſchwererer Schlag
teht ihnen bevor. Die Bank, wo das Geld der Steinbergs deponirt
ift, fallirt, und ift Johanna jomit eine Bettlerin. Edmund ift verzweifelt,
fein Traum‘ zerftört; aber die Ehre fettet fein Schidſal jegt an
die Verlobte. Er erklärt, daß er eine Lehrerftelle annehmen, und fie
doch fein Weib werden würde.
In feiner Abwefenheit trifft eines Tages ein Brief ein, den
Johanna öffnet. In demjelben wird Edmund von der englifchen
Akademie, die von feiner Entdedung gehört habe, die nöthige Summe
zur Berfügung geitellt, falls er au zehn Jahre in ihren Dienft
treten wolle und unverheiratet jei. Andernfalls würde jemand anders
die Miffion ausführen.
Diefen Brief giebt Johanna dem plöglich heimkehrenden Edmund.
Sie rechnet ja ſicher darauf, daß er ablehnen wird, daß fie dann
fehen wird, wie er fie fiebt. Und Edmund? Gewiß wird er ablehnen,
und ein anderer wird den ihm gebührenden Ruhm pflüden! Er ift
ja nicht mehr freil Seine Ehre ift verpfändet! — Dieſes Wort
Härt Johanna fchredfich über ihn auf. Sie zieht den Verlobungs-
ving vom Finger und giebt ihn ihm zurüd. „Das Band, das zwei
Menſchenherzen in Noth und Trübfal des Lebens aneinander halten
joll, muß aus ftärferem Stoffe fein, al3 aus der Verpflichtung der
Ehre.“ Und vergeffen ift die Verlobte, ihr Opfer, ihre verlafjene
Zage, alles, nur der Traum feiner Jugend ſteht vor ihm — er geht!
Johanna aber finkt ohnmächtig nieder. .
Die Berufung Edmunds durch die Akademie war das Werk
eines Herrn Viktor von Moorsberg, der Johanna liebt und von ihr
früher zurüdgewiefen war. Er wollte dadurch Weſterholz auf die
Probe Äellen Er Hatte fih auch Arthurs von Steinberg angenom-
men und demjelben wieder emporgeholfen. Als Johanna dies Letztere
nad) langem Kranfenlager — fie war in das Haus ihres Bruder
gebracht — erfährt, ift fie über die Handlungsweiſe Moorsbergr
inter ber fie egoiftifche Motive fucht, empört und will das Hau
ihres Bruders wieder verlafjen, um Moorsberg nichts zu verdanfeı
zu haben. Da enthüllt derſelbe ihr, daß er jelbit, wenn Weſterhol
n
Ernft von Wildenbrud als dramatifcher Bichter. 289
die Probe beitanden hätte, ihm die Mittel für fein Unternehmen
dargeboten Hätte. Dieje Mittheilung, fowie ein Brief Edmunds an
feine Mutter, aus dem deutlich hervorgeht, daß er Johanna ſchon
vergeffen, daß er glücklich fei, da er fein Ziel erreicht habe, zeigt ihr,
wel der große Dann fei, „ber nicht? gemein hat mit unſerer ſelbſt⸗
fügen Zeit“, den fie in Weſterholz fuchte. „Viktor, Du Haft geſiegt!“
aß die eine Vorausſetzung, die Johannas Verlobung möglich,
macht, unmöglich fei, habe ich ſchon nachgewieſen. Aber en wir
weiter. Wejterholz braucht für ſein, gelinde gejagt, jehr zweifelhaftes
Unternehmen breißigtaufend Mark und wendet ſich behufs Erreichung
jelben an Privatleute Mit einer jolchen Forderung für einen
Tode weck kann man fi nur an Röthſchilds wenden! Alfo
müßten Arthur und Johanna von Steinberg auch fo reich fein. Bei
einem folchen Vermögen ift es aber undenkbar, daß daffelbe bei einer
Bank „beponirt” fei. Solche Kapitalien legt man in verſchiedener
Weife an! Und zubem ift Arthur ja Börſenſpekulant. Ein ſolcher
benugt fein Geld aber und deponitt es nicht. Auch find „Depo-
fitalien“ doch nur dann gefährbet, wenn zugleich eine oe ung
ftattgefunden hat, wovon hier aber gar nicht die Rebe ift.
Das Falliſſement einer Bank kann Leute, wie diefe Steinbergs, nicht
fo vi dig ruiniven, daß nicht einmal „das Nothdürftigite zum Lebens»
unterhalte“ übrig bleibt. Und gejegt auch, Arthur hätte mit feinem
yanzen Vermögen wild fpefulirt und dabei alles verloren, fo bliebe
— Vermögen noch immer unberührt. Dieſe ganze Voraus—
fesumg ift alfo auch undenkbar. Aber fehen wir jelbft von diefen
eußerfichfeiten ab, jo bleiben noch rein innere Unwahrjcheinlichkeiten
übrig. ag ein Mädchen noch jo freie Anfichten haben und noch
jo refolut fein; fi dem Manne zur Frau anzubieten, wenn es nicht
einmal die leifefte Ahnung hat, ob ihr Gefühl erwidert wird, ijt in
der That jo unweiblich, daß wir es einem fonjt fo edlen, großden-
kenden Charakter, wie diefer Johanna durchaus nicht zutrauen fünnen.
Allerdings hat Wildenbruch diefe That wohl jelbft ala Uebereilung
(im dem Simme von vpgıs), als „Schuld“ darſiellen wollen und bie
ſchwere Täuſchung, die fie erleidet, gewiljermaßen als Siühne
erjcheinen lafjen, aber das fan ung über das Gefühl, daß hier ein
innerer Widerſpruch vorliegt, nicht hinweghelfen.
Ebenſo fteht Die Handlungsweile Weſterholz's am Schluffe mit
feinem übrigen Thun in Widerſpruch. Cs ift wohl richtig, er liebt
Johanna nicht, und unter andern Verhältniffen wäre nichts dagegen
au jagen, daß er den Ring zurüdnimmt, aber fo, wie hier die Dinge
egen, durfte er es als anftändiger Mann nicht, er durfte das
Räbchen, das für ih alles geopfert, nicht verlaffen, auch wenn fie
m zehnmal frei gab. Se Vormund hat techt, wenn er fagt:
&3 giebt Lagen im men! äfigen Leben, wo es ein Verbrechen ift
n Shfer anzunehmen.“ Wie ein Verbrecher, ein Ehrlofer, ericheint
jeſterholz bis dahin aber nicht. Die Erklärung Johannas dafür,
15 es wohl im männlichen Herzen begründet Fin müffe, werben
Dex Salon 1899. Heft II. vand 1. 20
290 Ernſt von Wildenbruch als dramatiſcher Dichter.
wohl wenige als zutreffend anerkennen wollen. Eine ſolche Hand»
Iungsweife hatten wir ihm nicht zugetraut und daher find wir ver-
blüfft und zugleich empört. Wir ärgern uns, daß wir fo lange
unfere Sympathie einem Menjchen geſchenkt haben, der fie jo wenig
verdiente. Und das darf im Drama nicht gejchehen.
Trotz dieſer Widerſprüche und Unmöglicjfeiten ift auch „die
Herrin ihrer Hand“ eine intereffante Erfeheinung und kann fich mit
manchem Erzeugniß gefeierter Salondramatifer noch immer mefjen.
Die Geftalt des Herrn von Mooröberg ift jo mufterhaft durchgeführt,
der Herr von Steudel ein fo prächtiger Vertreter „der oberſten Zehn-
taufend“, der Charakter der Johanna, abgefehen von jener Voraus:
fegung, jo lebensvoll gezeichnet, die Handlung fo jpannend und ein-
heitlich, daß wir auch hier einer unbedingt achtunggebietenden Leiftung
gegenüber ftehen.
Daß Wildenbruc in feinen legten Schöpfungen fich wieder vom
Familiendrama abgewandt hat, beweift wohl, daß er fi) auf dieſem
Gebiete nicht ganz heimifch fühlt, und 4 möchte troß feines „Opfer
um Opfer“ auch annehmen, daß wir auf dem Gebiete der nationalen
Tragödie Hervorragendere3 von ihm zu erwarten haben.
* *
*
Werfen wir auf Wildenbruchs gejammtes Schaffen als Drama-
tifer einen Blick zurüd, fo treten uns faft überall diefelben Fehler,
* Diefelben an diefelben Vorzüge entgegen. Die Ka—
taftrophe ift fat überall mehr oder weniger ungenügend motivirt
oder mit völlig natürlich und aus innerer Nothwendigkeit entjprin-
end. Dabei macht fich eine ftarfe Neigung bemerkbar, die „Gegen-
— am Schluſſe bereuen zu laſſen.
Die Konflikte find immer mehrfacher Art. Verſchiedene Leiden⸗
ſchaften, verjchiedene ideelle Fragen, die mehr oder weniger mitein-
ander verwandt find, kämpfen in der Bruſt des Helden. Der
anfängliche Konflift wird durch ein neues Ereigniß, durch Anwachſen
einer anfangs gering erfcheinenden Leidenfchaft in den Bintergeumb
gedrängt. "3a babe ſchon an den betreffenden Stellen darauf hin-
gewiefen und auch bemerkt, daß dies nicht gerade als ein Fehler zu
etrachten ift. Die dadurch ſcheinbar aufgehobene Einheit wird durch
die größere Lebenswahrheit, die es feinen Menſchen giebt, wett ge-
macht; nur befommt dadurch die Handlung manchmal ein etwas zer-
brödeltes Anſehen.
Die Vorzüge find fast überall diefelben: hoch intereffante, fpan-
nende, theatralijch ungemein gejchidt geführte Handlung mi*
glänzenden Aktſchlüſſen, eine ſchwungbölle, gebanfen- und bilderreich
Sprache, ‚Autreffenbe nur manchmal zu achtreiche, aber durchaus au
der Handlung und den Charakteren fließende Sentenzen, eine lebens
volle, klare, ftarf nach der individuellen Seite hinftrebende Chara
kerift, die verhältnigmäßig jelten Widerjprüche oder Unwahrſchei
lichkeiten aufiwcift, ein aus tiefftem Herzen quellendes, wahres um
Ernft von Wildenbrudy als dramatifcher Bichter. 291
Irmiges Gefühl, eine begeifternde, echt nationale Gefinnung, das find
die Tugenden, die feine Werke auszeichnen.
Wenn ich aber die Frage beantworten fol, ob wir von Wilden-
bruch noch etwas wirklich, durchaus Vollendetes j erwarten haben,
muß “ es verneinen. Seine Fehler find einmal überall diejelben
und offenbar jolche, die aus feiner tiefften, inneren Natur ftammen.
Höheres als er in jeinem „Marlow*, „Väter und Söhne‘, „Opfer
um Opfer“ geleijtet hat, ift faum zu erwarten, aber hoffentlich noch
recht vieles, wie diefe.
Und nun zu der widtigften Frage: hat das Hiftorifche Drama,
dem Wildenbruch fo trefflihe Werfe zugefügt hat, feine wirkliche
volle Lebenskraft für ein größeres Buslitum, die Möglichkeit feines
friſchen Wieberauflebens erwiefen? Ic glaube faum. Zwar hat
das Publitum Wildenbruch® neuerfcheinenden Werfen immer eine
lebhafte Sympathie, manchmal fogar großen Enthuſiasmus entgegen-
gebracht, aber berfelbe ift nirgend von langer Dauer gewejen. Als
Novttät überall ein großer Erfolg, und dann waren feine Dichtungen
in der Theaterbibliothef begraben. Ich erkläre mir das fo: Die
reſſe hat einftimmig den neuerftandenen „Schiller“ gefeiert, und
o war das Theaterpublifum, das ſich ſchon gewöhnt hat, über hiftorifche
Iambendramen zu lächeln, neugierig, zu ſehen — was thäte das
Publikum nicht aus Neugierde? — ob hier wirklich etwas intereffan-
tes vorliege, ob man ein folches Stüd wirklich noch im Ernſte fehen
könne. So jtrömte alles in die Theater, und die Stücke find gut,
theatralifch wirkungsvoll, fein Wunder, daß fie felbft raufchenden
Beifall, volle Häufer erreichten. Wildenbruch ift Mode; man muß
jeine Werke fennen. Aber imgrunde ift das Theaterpublifum mit
dieſer Richtung fertig, die Klaſſiker ficht e3 aus Anftand, wegen der
Darftellung durch große Schaufpieler, wegen der Ausstattung. Der
neue Dichter, der he Werke fchreibt — und wäre es cin echter
Schiller oder ein Shafejpeare — wird fchnell vergeffen. Wohl ge-
merkt: ich Tpreche vom Theaterpublifum, das heißt jenem, von dem
die Theater (eben, das im Parkett und in ben eriten Rängen figt.
Das Volk liebt ſolche Dichter und ſolche Dichtungen, aber das Volf
kann unfere Theater nur herzlich wenig befuchen. Für die Theater
ift nur ihr Publitum maßgebend. Daß diefes mit dem Hiftorifchen
Drama fertig ift, das ift tief bedauerlich, denn ich für mein Theil
halte daran det, daß das Hiftorifche, auch das Jambendrama eben-
ſolche Berechtigung, wie dad moderne hat, fofern es uns nur „Den-
schen“, nicht Begriffe ‚oder perjonifizicte Ideen vorführt. Es wäre
: zu beflagen, wenn dieſer Geſchmack unſeres Theaterpublitums
y nicht änderte, auch nicht angefichts ſolch' wahrhaft nationaler
‘htungen, die und mit Stolz und Freude erfüllen müßten, aber
} zur Bei diefer Geſchmack herrfcht, kaun niemand, der fehen und
en will, beftreiten.
Die legten Tage Boltaires.
Bon Richard George.
„Plus bel esprit que grand genie
Sans loi, sans moeurs et sans vertu,
Il est mort comme il a veca,
Couvert de gloire et d’infamie.“
3. I. Rousscan.
oltaire war der perjonifizirte Widerſpruch; er vereinigte Die
rößten Lichtfeiten und die ärgften Schattenfeiten der menfch-
ichen Natur in fi: in Berlin verwidelte fein ſchmutziger
Geiz ihn in widermärtige Händel mit einem Juden — in
Ferney gab er Hunderttaufende für die Armen aus; er war herrſch-,
haß⸗ und eiferfüchtig, kleinlich neidiſch, verlogen, jähzornig — und
doch fünnen wir ihn nicht einen fchlechten Dienfchen nennen, wenn
wir berüdfichtigen, wie edelmüthig er fich gegen die Entelin bes
großen Pierre Corneilfe gezeigt, wie eifrig er ſich der Familie des
unſchuldig verurtheilten und enthaupteten Talas angenommen; Vol⸗
taire ſchrieb an ben groben Preußenkönig, ein tüchtiger Monarch mit
Geld und Truppen fönne in feinem Lande der Religion entbehren
— und war doc) fein Atheift.
Der Schlüffel zu allen diefen Widerjprüchen liegt im Grund»
zuge feines Weſens, in feiner maß- und zügellojen Eitelkeit, die ihm
zur Setbftvergötterum trieb, die ihn in der Anbetung feines Ich die
höchſte Befriedigung finden ließ.
In feiner Epoche feines Lebens tritt der Gögendient, den er
mit fich trieb und den andere mit ihm trieben, mehr hervor als in
den legten Tagen, die ihm das Schickſal zu leben vergönnt hatte.
Sie find gewiljermaßen cin Bild feines viel bewegten Dafeins; in
kurzer Beit zeigt er am Abende defjelben noch einmal, welde Blüten
feine Eitelfeit treiben fünne.
Am 5. Februar 1778. begann Voltaire jene Reife nach Paris,
von welcher er niemals zurückkehren follte. as trieb den „greifen
Patriarchen von Ferney" aus der ländlichen Stille in die unruhige
Bie lebten Tage Boltaires. 293
uptjtadt? Nur feine Eitelkeit; man hatte ihm vorgeſchwatzt, die
Önigin Marie Antoinette und der Hof von Verjailles wünjche feine
Gegenwart in Paris, er müſſe nach der Hauptitadt reifen, um bei
der Einftudirung feiner Tragödie „Irene“ gegenwärtig zu fein — und
fo beitieg denn der S4jährige Greis Die Bott und langte nad) fünf
Tagen an dem Biele feiner Sehnfucht an.
Die Kunde von feiner Ankunft verbreitete fich mit Bligesichnelle,
und die Hlatjchfüchtigen Bewohner der Hauptſtadi fprachen bald nur
von ihm: „Er ift hier? Haben Sie ihn gefehen? Wie geht es ihm?
Wo kann man ihn jehen?“ fo fchwirtte es auf den Straßen, in den
Reftaurante, in den Salons durcheinander. In der Rue de Beaume,
wo er im Hötel des Marquis de Billette mit feiner Nichte, der
Denis, Wohnung genommen, fammelten fich die Menfchen zu Hun-
derten an und blieben fo lange ftehen, bis der alte Herr fich von
ihren neugierigen Blicken hatte Sega en — In ſeiner Behauſung
ſelbſt Hatte Voltaire nicht einen Augenblick Ruhe, da fein Empfangs-
zimmer vom frühen Morgen bis zum fpäten Abend mit Bejuchern
angefüllt war, bie er alle ftehend empfing und mit Liebenswürdig-
keiten überſchüttete.
So ſagte er dem Er-Minifter Turgot, der ſich feiner Gicht
wegen faum noch auf den Beinen halten konnte: Erlauben Sie, daß
ich die Hand füffe, welche das Heil Frankreichs unterzeichnet Hat;
dr Füße find gebrechlih wie Thon, aber Ihr Kopf ift Har wie
old!“
Der berühmte Marine-Maler Horace Vernet nannte ihn uns
Nerbtih, Voltaire wies dies zurüd mit ben Worten: „Sie gehen zur
Unfterblichkeit, die Wahrheit Ihrer Farben führt Sie dahin.“ Als
der Maler dem alten Schmeichler die Hand küſſen wollte, wehrte
diefer die Huldigung ab und fagte: „Wenn Sie mir die Hand küſſen,
werde ich mich genöthigt jehen, Ihnen die Füße zu küſſen.“
Ein Dichter, namens de St-Ange, verftieg ſich bei gem Bes
fuche zu den Worten: „Heute bin ich gefommen, um Voltaire zu
jehen, morgen komme ich wieder, um Euripides und Sophofles zu
begrüßen, dann Tacitus, Lucian“ — „Ich bin fehr alt, mein Herr“,
entgegnete Voltaire, „Eönnen Sie diefe Beſuche nicht alle mit einem
Male abmachen?“ "
Die Herzogin de Ta Valliere ſchickte dem Gefeierten koſtbare
Mleinodien; fogar Franklin, der damals als Vevollmächtigter der
Vereinigten Staaten in Paris weilte, beehrte dieſen durch feinen
Befuch; er führte feinen 15jährigen Enkel mit ſich, zu dem er jagte:
‚Knie nieder vor diefem großen Manne und bitte ihn um feinen
Segen!“ worauf Voltaire die Hände erhob und mit Pathos und
heatralijcher Gefte die Worte: „God and liberty“ ausfprag,
Wenn Voltaire fich auf der Straße ſehen ließ, jo konnte er
ſich kaum vor den andrängenden Bewunderern retten. Es muß ein
eltſamer Anblid gewejen fein, wenn der S4jährige Greis, der einem
»amdeinden Skelett nicht unähnlich jah, in feiner aus Ferney mite
294 Bie lehten Tage Boltaires.
ebrachten Kutſche durch die Straßen von Paris fuhr und die Pafe
(ten derjelben neugierige Blicke auf den azurblauen Grund feines
jagen warfen, welcher mit goldenen Sternen bejegt war. Die
funfelnden Mugen des Greiſes hatten noch denjelben Glanz, den fie
in ihrer Jugend befeffen; fie leuchteten fo lebhaft in die Welt hinein,
als feien fie unverwüftlih. Die Kleidung Voltaire erinnerte bie
See an längft vergangene Jahrzehnte; er trug ein rothes, mit
rmelin gefüttertes Kleid, eine fomarze, ungepuberte ——
und eine rothe, vieredige mit Pelz beſetzte Müge. In dieſem Koſtüme
jahen die Parifer ihr Gögenbild in feinem „Empyreumswagen“, wie
fie feine Kutjche nannten, durch die Straßen Fe
allgemeine Taumel des Enthufiagmus fand feinen Ausdruck
auch in den damaligen Zeitungen, die ganze Spalten mit dem füllten,
was Voltaire that und fagte. Es je Lobhudelnde Hymnen, bie
und geradezu ammidern, wurden auf Voltaire gedichte. Als Beiſpiel
für den Wahnfinn, zu dem man ſich in damaliger Zeit verfteigen
Tonnte, wollen wir hier den Anfang eines folchen Lobliedes folgen lafjen:
„Quelle fte au sacre vallon!
Platon et D&mosthene,
Plutarque, Eschyle, Homere, Euclyde, Anacreon,
Tous sept, an meme jour, sont rentr&s dans Athenes!“
„Man erjtict mich“, rief Voltaire eines Tages aus, „aber unter
Roſen!“ Das Bild war auch infofern ſehr gut gewählt, als fein.
bortiger Aufenthalt nicht ohne Dornen war; denn die Jubelhymnen
der Lobhudler waren nicht imftande, ganz bie Rufe einiger Wiber-
jacher zu übertönen, die ſich jagten, daß es eine Schande für die
Pariſer fei, mit einem Menjchen einen derartigen Kultus zu treiben.
Dies fand feinen Ausdruck in zahlreichen Spottverfen, von benen
wir ebenfall3 einige citiren wollen,
„Le sieur de Villette, dit marguis,
Facteur de vers, de prose et d’autre bagatelles
Au public donne avis
Qu'il poss?de dans sa bontique
Un animal plaisant, unique,
Arriys r&cemment
De Genère en droiture;
Vrai phenomene de nature:
Cadavre, squelette ambulant,
Da l'oeil tr&s vif, la voix forte;
II vous mord, il vous caresse, il’ est doux, il s’emporte,
Tantöt il parle comme un Dien,
Tantöt il jure comme un Diable“ etc. etc.
Das waren fo Fleine Stiche, die den eitlen Greis empfinblir
trafen. Noch fchmerzlicher war es für ihn, daß der Hof ihn fo
ar nicht beachtete, daß das Königspaar ihn nicht auszeichnete. D-
eiftlichfeit war der im Verdachte des Atheismus ftehende alte Spötte
ein Dorn im Auge. Ein Abbe Marthe drang mit Lift in fein Zimmer un
wollte Voltaire zur Veichte zwingen, fo dab er mit Gewalt entfer
Bie lebten age Boltaires. 295
werden mußte. Harmloſer geftaltete ſich die Sache mit einem anderen
Priefter, der ſich zu ähnlichem Zwecke Eintritt zu ſchaffen gewußt,
und den Voltaire einen „guten Schafskopf“ nannte.
Der erftere war gefund und munter in Paris eingetroffen. Die
Aufregungen, unter denen er in der Hauptftadt lebte, der fortwährende
Bwang, den er 19 auferlegen mußte, die raftlofe Thätigfeit, die er
entfaltete, traten jedoch bald in ihren nachträglichen Folgen zutage. Am
25. Februar citirte Voltaire, wie er es ftet3 zu ihun pflegte, in feinem
Bette liegend. Plöglich Huftete er seftig und jagte angftvoll: „Oh,
oh, ih ſpucke Blut!“ Als fein Sekretär Wagniere an das Bett trat,
floffen Ströme Blutes aus Mund und Nafe. Frau Denis eilte
hinaus; das ganze Haus geriet) in Aufregung; man ließ den
Dr. Tronchin holen. Voltaire rief nad) einem Priefter, da er nicht auf
dem Schindanger fterben wolle. Wagniere, Proteftant und Freigeift
vom reinften Wajjer, wollte feinem Herrn diefe Inkonſequenz er-
-fparen; er that nur fo, als ob er an den Abbe Gautier gefchrieben
und verficherte, man habe denfelben nirgends finden können. „Sie
werden Zeugen fein, meine Herren“, fagte Voltaire zu feiner Um-
gebung, „daß ic) daß erfüllen wollte, was man hier feine Pflicht nennt.”
ier Tage fit erfchien der Abbe de Gautier wirklich; man
führte ihn zum mken, der ihn mit den Worten anredete: „Bor
einigen Tagen habe ich Sie bitten laſſen, mic) zu befuchen; Sie wiſſen
ja Ichon warum. Wenn Sie wollen, können wir das Gejchäft fo-
leich abmachen.“ Gautier fand fich wirklich bereit, die Komödie zu
ie: er nahm Voltaires Beichte entgegen und ließ benjelben
olgende Erklärung unterjchreiben:
„Ich Endesunterzeichneter erkläre, daß ich, da ich feit vier Tagen
Due (hun habe und zu ſchwach bin, mich in die Kirche zu fchleppen,
dem bie de Gautier gebeichtet habe und daß ich, wenn Gott über
mich verfügt, in der heiligen fatholijchen Kirche fterbe, in der ic)
geboren bin, indem ich auf die Barmherzigkeit Gottes Boffe, die mir
meine Fehler verzeihen wird, und daß ich, wenn ich der Kirche
Aergerniß bereitet habe, degwegen Gott und jie um Sergeifung bitte.“
So jchrieb derjelde Mann, der fich in feinen Briefen den burfesfen
Namen „Christmoque“ beilegte, der während feines ganzen Lebens
der wüthendſte Feind des Chriftenthums gewefen; und warum? Um
nicht auf dem jindanger zu fterben! Gegen feine intimere Um-
gebung äußerte er, er würde, fall er am Ufer des Ganges geboren
wäre, nicht abgeneigt fein, auch mit dem Kuhſchwanz in der Hand
jterben.
er Annagme des Abendmahls vermeigerte Voltaire mit ben
ivolen, cyniſchen Worten: „Lieber Herr Abbe, ich ſpucke noch fort-
Ährend Blut; man muß fi hüten, das Blut Gottes mit dem
einigen zu vermifchen.“ j J
Uns Modernen iſt dieſe Handlungsweiſe mögen wir auch ben
igiöfen Fragen gene: die verjchiedenartigiten Stellungen ein-
“men, ein Räthjel, ja, fie widert uns an, wie das Treiben, der
2% Die letzten Lage Boltaires.
ganzen Zeit in una Efel erregt. Die Krankenſtube Voltaires bietet
ein Bild davon im Kleinen: fie macht in den Schilderungen Wagnieres
den Eindrud eines Tollyaufes. Es hatten fi unter ben Freunden
und Verwandten des todtfranfen Greijes zwei Parteien gebildet, von
denen die eine für den Dr. Tronchin, die andere für den Dr. Eorri
eintrat. Der Erſtere hatte der jebung des Kranken die größte
Nude zur Pflicht gemacht. Aber die zahlreich erjcheinenden Be-
fucher machten einen Lärm, als ob trunfene Bauern verfammelt
wären, bie im Begriff ftänden, ſich zu prügeln; dazu drängte jeder
Befucher fine Hausmittel auf, die biefer zum Theil wieder von ſich
geben mußte.
Dr. Trondin ließ Voltaire zur Uber; dennoch hörte der Blut—
erguß vollftänbig erft nach 25 Tagen auf. Daß Voltaire überhaupt
wieder hergeftellt wurde, erjcheint uns nach dem Gefagten falt ala
ein Wunder. Am 16. März 1778 fand die Vorftellung der „Irene“
ftatt; neben frenetifchem Beifallsjubel hörte man auch leichtes ailden
Die Abgefandten, welche Voltaire von Viertelftunde zu Biertelftunde
Nachricht brachten, erzählten ihm natürlich nur von dem Eriteren,
und begierig forfchte der alte Mann, der noch mit dem Tode rang,
welcher Vers, welches Wort die Zufchauer am meiften begeiftert hätte.
In unglaublich furzer Zeit erholte ſich Voltaire wieder; ſchon
am 30. März konnte er ſich zur Afabemie fahren laſſen umd der
jechften Vorftellung der „Irene“ beiwohnen. Er war in feinem
Dagen buchjtäblich feines Lebens nicht ficher; das Volt küßte feine
Hände, Mütter zeigten ihm ihren Kindern; er wurbe gleichjam auf
den Armen von ganz Paris, das ſich ſchon damals mit Frankreich
ibentifizirte, ing Theater jetragen. Bei feinem Eintritt in daſſelbe
erhoben fich alle Anwejenden. Aus hundert Kehlen tünt der Auf:
„Der Stanz! der Kranz!" Er begrüßt gerührt das Publikum; der
Schaufpieler Brigard tritt in feine Loge und überreicht ihm einen
Zorbeerkrang, den er fi von Frau de Villette aufs Haupt ſetzen
Täßt. „Ach Gott“, ruft er aus, „man will mich tödten!“ dabei ftürzen
Thränen der greube, der Rührung aus feinen Augen. Der Lärm,
den das vor Begeiſterung fat tolle Publitum macht, wird immer
größer, jo daß die Schaufpieter kaum jpielen fönnen.
„Es lebe Voltaire! Es Iebe Homer! Es lebe Sophofles!“
ſchreit man durcheinander. „Ehre dem einzigen Manne! Ruhm dem
Hninerfalgeniet brüllen andere. Vergebens verjucht Voltaire zu
danfen. Endlich ift das Stüd zu Ende; der Vorhang hebt ſich noch⸗
mals: man erblidt auf einem Fußgeſtell die Büſte Voltaire. Die
Schaufpieler umftehen diefelbe; jeder von ihnen hat einen Lorbeer-
franz in der Hand. Fr. Vetris deflamirt Verſe von Saint-Marc,
die mit den Worten fließen:
„Voltaire, regois la couronne
Que ’on vient de te presenter;
D cst beau de la meriter
Quand c’est la France qui la donne!“
Die lehten Tage Boltaires. 297
Dann küſſen die Schaufpieler und Schaufpielerinnen die Büfte;
eine ber Lepteren ftreichelt jogar die Wange berjelben, und ber greife
Voltaire ficht diefem widerlihen Vorgange thränenden Auges zu!
Serie Sie Begeifi di ffentli RS
ei dieſer eheuren Begeifterung, diefer Öffentlichen Vergöt—
terung, bie ae Manne zutheil ward, wurde es ber lebens⸗
Iuftigen, vergnägungafüchtigen Nichte effelben nicht ſchwer, den Onkel
um dauernden Aufenthalt in Parts zu bewegen; er erwarb ein Haus
— käuflich, das er jedoch nicht mehr beziehen ſollte.
Nach jeiner Wieberherftellung Hatte —2 nämlich wieder
ſeine gewohnte fieberhafte Thätigkeit aufgenommen; er diftirte len
bis acht Stunden täglich, hielt in der Alademie mehrftündige Reden,
rg Gevatter, wurde ‘Freimaurer, ftattete allen denen, bie ihn be—
ucht Batten, Gegenbefuche ab und früngte fi) mit einem Worte aus
einer Anftren, ung und Aufregung in die andere. So war es benn
natürlih, daß er ſich Mitte Mai aufs Srankenlager Iegen
mußte, von dem er fich nicht mehr erheben follte. Infolge Yes über-
mäßigen Genufjes von Kaffee, den Voltaire zu fich genommen, um
auch zur Rad it arbeiten zu können, litt derjelbe jegt an umaufs
— © a keit, welche ihn von Tag zu Tag mehr entkräftete.
Der Marſchall v. Kichetien Mi te Voltaire ein narkotifches Getränk,
von dem ber Letztere eine fo ſtarke Dofis nahm, daß er 48 Stunden
im Delirium Tag. Als er aus demfelben erwachte, ftellte fich Heraus,
daß der Magen gelähmt fei; auch das Blafenleiden, an dem Voltaire
ſchon feit Jahren litt, nahm in jehr fchmerzhafter Weife feinen Fort
ang. Kleine Eisftüde, die er verzehrte, um die Hige, die er in fich
pürte, zu vertreiben, waren während feiner legten Tage feine einzige
Nahrung. Am Abend vor dem Tage, wo er verjchied, ſchien er feinen
Verſtand und feine Kräfte wiederzubelommen; bald aber ſchlug ſich
der Brand auf die Blaſe und er hörte auf zu leiden.
Kurz vor feinem Ableben fam der Abbs Gautier mit dem Curs
de Saint-Sulpice zu ihm, um ihm feine Dienfte aufs neue anzu=
bieten. Voltaire war jedoch jo Frank, daß der Beichtiger nicht? aus
ihm herauspreſſen konnte. Sein Begleiter drang durch die Philo-
fophen Diderot, d'Alembert, La Harpe, Grimm, welche bas Bett
tanden, bis zu dem Sterbenden durch und fagte zu demfelben in
milden Tone: „Herr Voltaire, Sie find am Ende Ihres Lebens, er-
kennen Sie die Gottheit Jeſu Chrifti an?“ Der Sterbende zögerte
eine Minute, Hob dann jeine Hand und ftieß den Pfarrer mit den
Worten zurüd: „Lafjen Sie I] in Frieden fterben!” darauf wandte
x fi) ab. „Sie jehen wohl, daß er feinen Verftand nicht mehr An
Sagte der Pfarrer zum Beichtiger und verließ mit ihm das Zim—
ner. Voltaire Pflegerin trat an fein Wett; er rief ihr mit Erd
Ntarfer Stimme zu: „Ich bin todt!" und verſchied ſechs Stunden
darauf am Sonnabend, den 30. Mai 1778. —
So ging der Mann aus der Welt, ber dem geiftigen Leben des
8. Jaheflunderts feinen Stempel aufbrüdte, der die innigfte Wechfel-
298 -Bie lehten age Boltaires.
wirfung zwiſchen Leben und Literatur heroorrief, der (zum Theil
unbewußt) der Bahnbrecher einer neuen —* war, welche mit der
großen franzöſiſchen Revolution ihren Anfang nahm. ir können
ihn nicht lieben und können ihn auch nicht verachten; er iſt die Per-
fonififation des Zeitalters der geiftreichen Frivolität. Diefe Epoche
wäre für einen Charakter wie Schiller zu ſchlecht geweſen. Der
Verfafjer der „Pucelle“, des „Mahomet“ war die geeignete Kraft,
auf fie einwirken zu können und der Menfchheit neue Bahnen zu
eröffnen. Bon diefem Gefichtspunfte aus hat David Friedrich Strauß
recht, wenn er Voltaire „ein Nüftzeug Gottes“ nennt, jo paradox
dieß bei deſſen Gefinnungen auch Klingen mag.
J—
Menfhthum.
ie ich auch ftilfe jegliches Begehren,
@:: edlen Urfprungs in mie auferwacht,
Am Wiſſenshimmel goldner Sterne Pracht
In ftillem Aufgeh'n ſchaue ſich vermehren,
Nur einem Drang kann ich nicht Ruhe Iehren;
Er Iodt am Morgen, ſchleicht ans Lager jacht,
Wenn ich nur Frieden will in müder Nacht —
Verließ er mich, ich könnt' ihn nicht entbehren!
Es ift Erhoffen reiner Liebe! — Gößen
Die Götter mir ind Herz der Sehnſucht Stillung,
Dann wär’ mein Leben allen Wunſch's Erfüllung!
Und nein! Wenn ihre Fluten mic umflößen,
Ich ſchwämme wieder nach dem öden Lande,
Und jehnte mich ins blaue Meer vom Strande!
Alfred Friedmann.
tn 2: 2 20
Brunn mo man: nn vora rneure
Taube Klüten. 301
jtchen und die blauen, einen Abgrund von Liebe und
‚ en Mugen berührten mich äußerjt jympathijh. Mit
der Rafchheit meiner ſiebzehn Jahre ftredte ich dem Mädchen die
nd entgegen, und ein: „Wie lieb Sie find; wir wollen gute
reundichaft Halten!“ gewann mir ihr Tiebebedürftiges der
In der Gaisblattlaube draußen in dem parfühnlichen Garten
tranfen wir an demjelben Nachmittag Schweſterſchaft —- in Milch.
Friedrich ſaß dabei und jah Edith famachtend an.
„Wer's doch auch fo gut hätte wie Du, Cläre“, meinte er, an
dem Heinen dunklen Schnurrbärtchen zupfend, „nach_jechsftündiger
Belanntfchaft mit dem reizendften Weſen jchon auf Du und Du!”
Edith erröthete bis unter bie braunen Haarwellen; mir erſchien
die Bemerkung unfagbar albern, und mit der ganzen Würbe meiner
fiebzehn Jahre fragte ich ironisch: „Wie alt wirft Du eigentlich am
Sonntag, Friedrich?" —
„Bweiundzwanzig Jahre, — und der väterlichen Autorität voll-
ftändig entwachſen, ſchöne Couſine“, verfegte er lächelnd, — „und
immer bereit, mein Herz zu verlieren, wenn ſich nur irgend eine
mitleidige Seele finden möchte, um daſſelbe aufzuheben.“
Seine Schweiter Alice wandte fich heftig um, und ich jah wohl,
daß ihr irgend eine feharfe Bemerkung auf den Lippen ſchwebte, die
fie wohl nur mit Rüdficht auf Edith unterdrüdte.
„Wenn Dein Herz nur fo viel Werth hat, um die Mühe bes
Aufhebens zu lohnen“, kam ie) meiner Eoufine zu Hilfe. Im Grunde
begriff ich nicht, was fie an der fleinen Plänfelei verbroß, und auch)
Ediths Haltung erſchien mir räthjelhaft. Ich hätte dem ungezogenen
Jungen anders gedient.
Am Abend jang Edith im Salon. Ihre Stimme war wenig ge-
ſchult, klang aber füß wie Vogelgezwitcher. Sie jang das alte Lieb:
„Wenn's Mailufterl wehet,
Bergeht im Wald drauß' der Schnee,
Dann heben bie blauen Beigerl
Die Köpferl in die Höh, —
Unb die Bögerl, die geihlafen hab'n
Die lange Winterszeit,
Sie werben wieder munter
Und fingen vor Freud’!
Alle Jahr’ kehrt der Frühling,
HR der Winter vorbei, — --
Der Menſch aber hat nur
Ein'n einzigen Mail
Und die Bögert fliegen ſudwäris
Unb tehren wieber her:
Der Menſch, wenn er fort if,
Der kehrt nimmermehr. — — —
Mir traten die Thränen in die Augen.
„3a — ber Menſch, wenn er fort % der ehrt nimmermehr —
mmermeht — — — —
302 Laube Klüten.
Friedrich hatte mid, in der dunkeln Ede, in welche ich mich
urüdgezogen, um dem Gefange ungeftört laufchen zu fünnen, ent»
dt und vermutete, da er wahr eintich meine Thräne bemerkt
Hatte, wohl ein mitfühlendes Herz in mir. .
„Iſt fie nicht bezaubernd?" flüfterte er dicht an meiner Geite,
„armes Ding, und foll in die Welt hinaus, allein und ohne irgend
eine Seele, die mit ihr empfindet. —“
Ich fah ihn erftaunt an. Seit warn war mein luftiger Vetter
fentimental? —
„Aber Deine Schwefter hat ja auch ihr Examen gemacht und
will eine Stellung einnehmen“, warf ich ein.
„Ach, Alice“, fagte er leicht, „Alice mit ihrer Selbftftänbigfeit,
ihrem geringen Liebebebürfnig — und Edith! ich bitte Dich, Cläre,
Du fiebft doch jonft ein wenig tiefer, wie kannſt Du da eine Parallele
iehen?" —
3 „Wenn ich tiefer fehen foll, fo fehe ich vor allen Dingen, daß
Du bis über die Ohren verliebt bift, Dt
„Nicht verliebt, ich bin ihr wirklich gut. Bedenke doch: ohne
Eltern, ohne Freunde! Es ift ein guter Zug von Alice, dem Heinen
Mädchen hier noch ein paar fröhliche Wochen zu vergönnen, eh' fie
hinaus muß ins feindliche Leben.“ — — —
„Es wäre vielleicht befjer, fie müßte gleich hinaus.“
Friedrich ſchien mich nicht zu verjtehen.
ae fagte er leiſe.
Edith fang:
„Noch ift die blühende, gelben Zeit,
Noch find die Tage der Rofen!" —
„Sie antwortet für mich, Cläre. Der Menſch aber hat nur
einen einzigen Mai! Weit Gott, was die Zukunft auch bringen
mag, mein treuer Kamerad!“
Am Abend vertraute Alice mir ihre Veforgniffe an. Sie war
ein ftarfgeiftiges Mäbchen und weicheren Gefühlsregungen wenig zu
gänglich, des Vaters Liebling und von ihm wohl Berti, in ale ie
verwidelten Verhältnifje der großen Wirthfchaft eingeweiht. Diefer
Umftand mochte das junge Mädchen auch veranlaft Iaben, dem
Wunſche der Eltern entgegen, ihr Staatderamen als Lehrerin zu
machen. Im Seminar hatte fie Edith kennen gelernt und nad; ge
meinfam beftandener Prüfung dieſelbe zu ihrer Erholung in das
gaftfreie Haus meines Oheims eingeladen. Nun kam ihr hie durch-
aus unvorhergefehene Leidenfchaft des Bruders für das keineswegs
ſchöne Mädchen unangenehm in den Weg.
„Bring' Du dem Jungen etwas Vernunft bei, Cläre, ihr hal
ja immer fo gut mit einander geftanden“, ſchloß Alice ihre Rede
dazu hab’ ich die Meine doch nicht eingeladen.“
Ih fah den Grund ihrer Beſorgniſſe nicht ein. „Laß bod
Alice, wenn fie fich nur lieb haben.“ —
„Macht Liebe ſatt?!“
Taube Slũten. 303
„Dein Gott, jatt find wir doch noch alle Tage geworden, und
tig und Edith werden in Zukunft auch nicht hungern. Ich finde
ie jr paffend für einander. Und hochmüthig feid ihr doch nie
gewefen." —
„Es wär! befier geweſen“ — Alice hätte offenbar noch mehr
gefagt, wenn in Diefem Augenblicke nicht Edith eingetreten wäre,
einen prachtvollen Strauß halberblühter Rofen in der Hand tragend.
„Seht die himmliſchen Rofen“, rief fie felig lachend uns ent-
gegen, „ich fand fie drinnen auf meinem Schreibtiſch“ —
Alice jeufzte hörbar. Ich beugte mich über die Blumen, um
ihren balſamiſchen Duft einzuathmen, dabei fiel mein Blid auf ein
Papier, das ich in dem Strauß verbarg.
„Schau, Edith" — ich ‚es den Bettel aus feinem buftigen Ver
ſteck — „das hätteft Du bald überjehen.“
Die Verje ftanden darauf, welche fie Heut’ gejungen:
„Und frei iſt das Herz und frei iſt das Lieb,
Und frei iſt ber Burſch, der bie Welt burchzicht,
Und ein rofiger Kuß if nicht minder frei,
Wie fpröb’ und verſchämt aud bie Lippe feil
Bo ein Lied erflingt, wo ein Kuß fich beut,
Da ift noch die blühende, golbene Zeit,
Da find die Tage ber Rofen!” —
DL
Und eine goldene Zeit war es wirklich, die in jenen fpäten
Sommerwoden für und alle erblühte Cs ſchien, als ftrahle noch
einmal aller Glanz und alle Luft, welche die Räume des mweinlaub-
umfponnenen Schlößchen® je durchflutet, blendend auf, jo wie die
Sonne in den ſchönſten Farben erjt vor ihrem Untergang erftrahlt.
Wenn ich jegt am jene Zeit zurüd denke und mir die Lieben,
vertrauten Geftalten vergegenmwärtige, jo will es mir wohl fcheinen,
als hätte ein aufmerffamerer Beobachter, ala ich es damals war, die
dunfeln Schatten unter meines Oheims Augen, dad wehmüthige
Buden um die Lippen feiner Gattin bemerken müffen. Aber das ıjt
ja ber Sugenb felig Vorrecht, nur die Siehrfeite aller Dinge zu ſehen
— und das tiefe Schattendunfel des Lebens bleibt ihrem Aug’
verborgen:
Und herrlich war die Gegenwart
Und forgenfrei das junge Her, —
Und jeder Blid war lite Glut
Und jedes Wort war teder Scherz!
Friedrich ging nicht im Sturm auf fein Ziel los; feiner für
“ empfänglichen Natur behagte das luſtige Verſtedſpiel,
d ich ftand ihm treufich zur Seite, enthufiasmirt für den kleinen,
leichfom unter meiner Aegide abfpielenden Roman.
Onfel und Tante fchienen in der That feine Ahnung von dem
jren Sachverhalt zu haben. Friedrich machte mir den Hof fo
ſtlich, daß felbft Cine Mare Augen ſich mitunter mit Thränen
304 Taube Blũten.
füllten, wenn fie uns beide in den dunfeln Parfgängen im vertrau-
lichen Zwiegefpräch traf. Das arme Ding! wenn es gewußt hätte,
um welchen Gegenjtand fich diefe heimlichen Unterredungen drehten!
Ein Tag Bit mir befonder3 Elar in der Erinnerung geblieben;
vielleicht, weil das Schickſal an demfelben den erften Faden zu jenem
Nee knüpfte, das meinen armen. Freund umentrinnbar in Keinen
Maſchen verſtricken follte.
Am Nachmittag war Beſuch gekommen, ein Stubiengenoffe
Friedrichs, Neferendar Schröder. Derſelbe traf die ganze Gefellichaft
im Garten beim Croquetjpiel verfammelt, — wir huldigten dieſem
edlen Sport weiblich; — und trat, da einer meiner jüngeren Couſins
foeben den Spielplag verließ, fofort in die Partie ein. Ich habe
nie wieder einen Menfchen gejehen, jen erfter Eindrud nur ent
fernt mit demjenigen verglichen werden Tonnte, den Hermann Schröder
auf mich machte.
Die Erſcheinung des ſchlankgewachſenen, hochblonden Mannes
war nicht unangenehm, fein Wejen verbindlich, wenn nicht galant;
und dennoch konnte ich mich eines eigenen ers nicht erwehren
wenn id in dies gleihfam unter den Lidern verftedte, grünlich
ſchillernde Yugenpaar ſah. Ein feltfam erregender, ich möchte faft
jagen graufamer Ausbrud lag in ihm verborgen; ähnlich mag ber
ik der Schlange fein, der ihr Opfer unentrinnbar t.
Als der Gang des Spiele mid) in meines Vetters unmittelbare
Nähe führte, flüfterte ich ihm zu:
„Ist das Dein Freund, Friedrich?" —
„Nein“, fagte er, „aber wir haben manchen fibelen Abend mit-
einander verlebt. Weßhalb fragft Du, Cläre?“ —
„Weil ich Furcht hatte, er fünne Dir mehr fein, als ein bloßer
a e $ nr PEN Ein
tedrich lachte mich an. „Bift Du etwa eiferfüchtig? Ei
hübſcher Junge, Couſinchen. — aber gefährlich!" — i
„Mir mon — ich hatte nur ein Achfelzuden, — „aber ſieh'
die Blide, welche er Edith ji: — — —
Friedrich ward augenblicklich ernſt. „Laß gut fein, Clärchen“,
flüſterte er noch haſtig, da die Reihe des Spielens an ihn kam, —
„ihrer bin ich ſicher, und feinen Eroberungsgelüſten werde ich einen
Damm vorbauen.“
„Wie das? —
„Ich will’3 Dir Heut’ Abend jagen, im Park, — gelt, Cläre,
Du kommſt?“ — — “
Alice fah und flüftern und lächelte verftohlen. Ich triumphirte,
jelbft feine fcharffichtige Schwefter ging in die aufgeftellte Falle.
Nur flüchtig ſah ich noch, wie fie ſich zu Edith gefellte und eifrig auf
diefe einfprach; dann nahm das Interefje am Spiel mich ganz gefangen.
Am Abend benugte ich einen günftigen Moment, um mich aus
der im großen Saal verfammelten Gefellichaft Hinauszuftehlen. Mein
Oheim —* ſich in ſein Zimmer zurückgezogen, wo ein Herr aus
Ein Prieschen.
Nach einem Originalgemälde von H. Kotfgenreiter.
Et
SS,
Bo
Pa
Laube Slüten. 305
der Stadt ihn ſchon ftundenlang geſchäftlich in Anſpruch nahm,
der unterhielt Alice, Edith ſaß am Klavier und phantafierte,
Friedrich war nicht anwejend.
Im Park draußen traf ich ihn. Er war erregt und feine
Stimme zitterte.
„Dank, daß Du kommft, meine liebe Cläre“, flüfterte er und
faßte meine Rechte mit berzhaftem Druck. — Alice kann ich
mich nicht anverirauen; ich habe das Gefühl, daß ſie meine Liebe
mißbilligt; Vater hat den ganzen au feine Wirihſchaft im Kopfe,
md Mama weint heimlich) — weiß Gott, was ihr Herz ſchwer
mach, — ee San, willſt Du mir Io Ritt m & ich
war erſt zweiundzwanzig Jahre, i ilich noch ein Theilchen
Kur und mein Rath oh opt von Bedeutung, aber —
® jemand anvertrauen und id) zitterte vor Rührung über
iebe und dor Stolz über meine —
„Sprid, Zeig!
Ai fol ich's ihr ſagen?“ — — —
‚, „Aber natürlich, wenn Du fie ernſthaft liebſt, natürlich“, rief
id) vor Eifer glühend.
, „Ernithaft!" Ein feltfames, verflärendes Lächeln ging über fein
junges Geficht. „Aber ich bin noch nichts, Cläre, ich Habe noch nichts." —
„Aber ihr feid ja jung und könnt' doch warten,, — und Du
brauchſt dann nicht in. Angſt zu fein, daß fie Dir am Ende noch ein
anderer fortnimmt.“
Es mußte etwas in meinen Worten fein, was eine empfindliche
Stelle bei ihm berührte. „Du meinft Schröder“, fagte er raſch, „er
läuft jedem Mädchen nad, — und ich könnt’ es auch nicht mit an
jehen, daß er ihr die Cour fehnitte und ein Recht zu haben glaubte,
Jagd auf fie zu machen, wie auf eine wehrlofe Beute — —
„Stehft Du — iehft Du wohl?“ rief ich lebhaft, ‚weßhalb alfo
wilft Du zögern?!“
„Cläre, ich will's Dir jagen. Morgen früh fahren wir auf den
Dohnenftieg, früh, wenn Schröder noch ſchläft. Du und Edith und
Ace natürlih, — ohne bie geht es nicht, fie muß ihre ent
Aber haben. Ohne Kutjcher, Clärchen, Alice fährt ja ſiets allein!
um —
Er hielt wie aufjauchzend inne. Durch feine Geftalt rann ein
Schauer erſten, himmelftürmenden Leidenſchaft. Und als müſſe
er am irgend einem Gegenftand die Gewalt feiner Liebe bemeifen,
fr umfaßte er mich plöglid) und drüdte mir einen glühenden Kuß
«uf bie Lippen
„ogriebrichl" —
Ein erftidter Schrei im Gebüfch, — ich rang mich los.
Angezogener Junge, — wenn Edith füher —
Er war plöglich ernüchtert. „Hörteft Du etwas?" —
„Geh', geb’ Hinein“, fagte ich rafch, „kühle Dich drinnen ab in
ir igten Gejellichaftstemperatur.“ -
Der Salon 1889. Heft III. Band I. 21
feine
306 Taube Slüten,
„Ein brüberlicher Ku, — bift Du böfe?“ verfuchte er eine
Entfguldigung.
„Geh — und wenn e3 auch fein brüberficher Ku war, — ich
nahm ihn für Edith.“
Er late und haft nach meiner Hand, um dieſelbe famerad-
ſchaftlich zu ſchütteln. Dann ſchlugen die Zweige Hinter ihm zu-
jammen und feine hohe Geftalt verfant in ben Schattenwogen.
Nun lag der Mondicein ſchimmernd auf den Parkwegen, aber
ich Hatte. fein Auge fr die Schönheit der Nacht. Eilig bog ih in
den nächſten, durch eine hohe Buchenhede abgefchloffenen Gang ein
und I daß ich mich nicht getäufcht. An der Hede lehnte, von den
Mondesftrahlen wie von einer Gloriole umgebend, erzitternd in herz⸗
Dreijenbem Schluchgen — Ebith.
Edithl
Sie Beste zufammen und ftredte mir abwehrend beide Hände
entgegen.
„ort!“ fam es von ihren Lippen, — „o, ich war eine Närrin,
wenn ich feinen Bliden glaubte, o fort — nur fort! Alice hatte
doch recht, recht wie immer.“ — — — —
„Liebe Edith“, — ich verfjuchte, ihre Hände zu faſſen und fie
an mich zu ziehen, was mir erft nach einiger Anttrengung gelang;
aber dann war auch ihre Kraft zu Ende und wie eine gefnidte Roſe
Tag ihr Köpfchen an meiner Schulter. „Was hat Alice Dir gejagt,
Edith?“
„DO nur die Wahrheit: daß Friedrich Dich liebte und Du ihn,
und daß er leichtſinnig genug fei, mit mir zu fpielen, — und daß
ihr _beide ein Rendez-vous hättet im Park, — und da bin ich euch
‚nachgefchlichen und hab’ es felber hören und fehen wollen.“ —
„Und nun höre auch Du mic an, Edith“, —— ich ernſt. „Es
iſt wahr, daß Fritz und ich uns lieb haben, — wie ſich eben Schweſter
umd Bruder lieben. Und es ift auch wahr, daß wir uns im Park
trafen, um über Dich zu reden und feine Liebe zu Dir, — und es
ift wahr, daß er mich geküßt hat, aber nur im Uebermaß des Ent-
zůckens als ich ihm fagte, daß Dur ihn Liebteft, Edith." —
Sie laufchte, wie in Träumen verfunfen, mit dem Lächeln eines
Kindes um den fnofpenhaften Mund.
„Kannft Du mir das alles beſchwören?“ fragte fie zuletzt sogbeft-
„Sp wahr ich Dich im Arm halte, Edith, ich habe die Wahr-
heit gefagt!"
Ha löſte fie ſich leiſe aus meinen "Armen und glitt auf die
monbenjchimmernbe Erde nieder. Und die Kinderhände falteten fich
‚um Gebet.
5 Ein großer, dunkler Nachtichmetterling flatterte mit müden
Schwingen um ihr gejenftes Haupt, um fi dann auf einem in der
Nähe ftehenden Rofenftraudie niederzulaffen. Ich war dem Fluge
des Falters mit den Blicken gefolgt und gewahrte im hellen Mon!
licht noch eine verfpätete Roſenknoſpe.
Taube Slũten. 307
Und behutfam brach ich die Roſe und befeftigte fie in Edith
braunem Haar.
Noch ift bie blühende, goldene Zeit. — —
„Sei getroft, Edith!“ ,
W.
Der nächſte Morgen kam nicht licht und fonnenftrahlend herauf
wie alle feine Vorgänger. Dumpf und dicht lag der Septembernebel
auf ben na een und ſchlich wie ein Geift des Unheil drohend
um das Haus.
Wir waren heut’ ungewöhnlich früh um den Kaffeetiich ver-
ſammelt, um zur rechten Zeit auf den Doßnenftieg zu gelangen.
Tante präfibirte, da ihr Gatte nach einer ſchlummerloſen Nacht
Morgenruhe hielt, und fah merkwürdig alt und verfallen in
dem falten Licht dieſes Nebelmorgens aus. Auch, Alice erihien mir
uur gestoungen freundlich, während Friedrich ftrahlte und Edith wie
eine junge Rofentnofpe glühte.
Der Neferendar ſchlief wirklich noch, und wir waren kindiſch
froh, feiner lei entgangen zu fein.
dehnen der Fahrt 34 der Nebel mitunter und Frie-
drich prophezeite und den fchönften Tag. Gewandt brach er einen
rothen Ebereſchenzweig, der während bes raſchen Fahrens unfere
Köpfe fkreifte, und Befeftigte die leuchtenden Beeren an Ediths Hut.
„Umd nun, Fräulein. Edith, geht Ihnen jeder loſe Vogel ins
Gam; Sie brauchen nur die Satin ie anzuziehen, jo haben & ihr
feit“, Iachte Frig übermüthig, al ie3 Lachen tönte ein traumhaft
hohles Echo in der Nebelatmoiphäre wieder; „geben Sie nur acht,
mit welch’ reicher Beute Sie heut’ heimfehren werben.“
Ich werfe feine Söjlinge aus‘, gab fie Heiter zurüd, „und nach
Iofen Bögeln trag’ ich fein Verlangen.”
„Und —5 doch auf den Dohnenftieg‘ — — — —
is „Um gefangene Vögel aus den Nepen zu Löjen“, fiel fie
raſch ein. .
„Und finden Sie doch nad Ihrem Gejchmad, wenn fie fein
zugerichtet auf die Tafel kommen“ Friedrich triumphirte wieder.
Unter ſolchen Plänfeleien waren wir im Walde angelangt.
iedrich hatte bald den Strich gefunden, aber er führte durch dichtes
büfch, und unfer Wagen mußte zurüdbfeiben. Alice erklärte, nicht
in der Stimmung zu fein, durch Gefträuch und fußhohes, nebel-
feuchte Gras ſich einen Weg zu bahnen; fie wollte bei den Pferden
“eiben. „Im übrigen will id) auch den Damen ben Kavalier nicht
auben“, ſchloß fie ihre Begründung.
Uns war's recht; der Zufall hien abſonderlich günſtig. Wir
‚gaben und auf den Weg und fanden wirklich ein gut Theil Kram⸗
et3vögel in den Schlingen hängen, die ihr Verlangen nach ben
uchtend rothen Beeren mit dem Tode hatten büßen müſſen. Bus
3t Eonnte ich Friedrichs bittenden Bliden nicht mehr widerſtehen
2ı*
308 Laube Slũten.
und erffärte, die Läftige Beute zum Wagen tragen zu wollen; bie
beiden follten ruhig weiter gehen, ich käme — wieder zurüd.
Ueber Edith ſchien eine eigene Verwirrung zu kommen. Sie Hängte
fi) an meinen Arm und wollte durchaus mitgehen, und es koſtete
rip umb mir nicht geringe Weberrebungsfunft, um fie zum Bleiben
zu en. 5
weg,
„Und verirrt Euch nicht im Nebel, damit ich Euch auch wieber-
finde“, rief ich noch lachend über die Schulter zurüd, um dam lang⸗
jam meinen zu verfolgen.
Der Nebel tHeilte fich wirklich und & hin und wieder ſchon
eine Fernficht frei. Alice, die in tiefes Sinnen verloren am Wagen
— hatte mich nicht gehört und ſchrak fichtlich zufammen, als ih
ie antedete.
„Du allein, Cläre?“ unterbrach fie mich erregt, „wo find bie
Sam 1" Taste ich Luftig, da it 1
„Ins Garn gegangen!“ achte ich luſti es mir nicht länger
nöthig ſchien, men Geheimniß zu — „Gelt, Alice, Du Ye
Iommjt doch eine reizende Schwägerin; ich könnte Dich) bemeiben!“
Sie fu ig) auf und faßte mich krampfhaft bei der Hand.
„Bag, Du inf ! rief fie rauh, als ob die Erregung ihre Stimme
erftidte, „ich bitte Dich um Gottes willen, ſag', Du Lügft!! — —
ftand ſtarr; das hatte ich micht erwartet. Verabſcheute
Alice wirklich das holde, fleine Mädchen? Und warum hatte fie
Edith dann mitgebraht? Hundert Fragen bligten mir durch ben
Kopf, aber ich ftammelte nur verwirrt. „Nein. Ich begreife Dich
nicht, — ich rede wahr, — warum bift Du fo en?" —
Sie lachte grell auf. „DO du liebe Einfalt! jeil — weil —
wir ja doch am Bankerott find, weil Friedrich kaum noch die Mittel
haben wird, um fich als Neferendar durchzuſchleppen. — weil Edith
bettefarm ift und nichts befigt als die leider auf ihrem Leibe, —
weil — weil — doch wen puebige ich das alles?“ unterbrach fie
ſich leidenſchaftlich — „was haft für eine Idee von des Lebens
Noth?! D Hätt’ ich doch geſprochen und gewarnt! Aber wer mag's
denn fagen, das Ungeheure: Es iſt aus, und uns bleibt der Bettel-
ftab!? — Und warum führtet Ihr die abicheulihe Komödie eigent-
lich auf, als liebte Friedrich Dich, die ihm doch eine anftändige Mit-
gift mitbringen könnte, — doch nur, um uns alle blind zu machen,
nicht wahr?" — —
Ge pu war e8 mir gejagt, klar und deutlich, woran mein Kinds-
Topf nie aud) nur im Traume gedacht. Ein Sonnenftrahl durchbrach
die flutenden Nebel, ſcharf die verftörten Züge des Mädchens |
leuchtend, und ein warmes Mitleid mit Alice durchzog mein He
„Aber das ift ja ein furchtbares Unglüd“, fagte ich bebend, „v
ift denn feine Rettung mehr möglich?“
„Keine“, verfegte fie dumpf, „feit geftern Abend keine mehr!“
„Und doch“ — id) fam hartnädig auf meine alte Idee zurüd
mund doch fehe ich nicht ein, warum felbft unter diefen Verhältniſ
Taube Slũten. 309
Fritz und Edith fich nicht Tieben und aufeinander warten follen?
Und wenn auch dies abjolut unmöglich ift, warum, Alice, warum
Habt ihr Friedrich denn nichts gejagt?“
„sind“, antwortete fie mit qualvoll gepreßter Stimme, „Dir
weißt nicht, was Du ſprichſt. Vater ift krank und ganz gebrochen
durch diefen Schlag; Dlama ift ftet die große Dame geweſen, nur
ra über ein von Domeftifen zu befehlen, — meine Brüder
iind ſämmtlich unverforgt, und uns bleibt fein Pfennig übrig, kein
fenmig, Kind — — Herrgott!” Jar fie auf, „wie e8 werden fol,
wir wiſſen's nicht, — und da foll der Knabe ſich an das Meine Ge—
ſchöpf hängen, feine fchönften Jahre vertrauern, um dann fpäter,
wenn fie verblüht und feine Jugendideale verronnen, als ein gebun-
dener Dann feine Knabenthorheit zu verfluchen, oder ein ehrlojer
Schurke zu werben an feinem Wort?! Und warum wir ihm nichts
gefagt Haben, fragjt Du? — Um bem füßen Jungen das Leben nicht
zu verbittern, Claͤre, die etliche Mutterliebe litt es ja nicht, —
und weil wir immer noch auf Aufſchub Hofften und Rettung, auf
Rettung, bis geftern Abend der Jude aus X, fam und all’ die vers
fallenen Wechjel in Händen Hatte, da ihm eine Prolongation nicht
mehr räthlich fehien, — und weil, — was joll ich mich denn wieder⸗
holen? — weil wir glaubten, dab Du — — — —
Sie brach jäh ab, und e8 war auch unnöthig für mich, daß fie
weiter ſprach; jet verftand ich. ſah in den goldenen Morgen
inein, aber bie Welt erſchien mir Öder und grauer wie vordem, als
Nebel geg zwiſchen den Bäumen hing. or meinen Blicken
war auch ein Schleier zerriffen, und bie plögfiche grelle Helle um
mi und in mir that mir weh. Als ich aufjah, war Alice vers
ſchwunden, und nur ihr helles Stleib je ich noch fern zwifchen den
Bäumen flattern, und ich wußte wohl, wohin fie eilte in dem hohen,
nafſen Graſe — — — —
Ich fegte mich wie betäubt auf einen Baumftumpf nieder und
wartete.
Sie famen bald. Friedrich nicte mir glüdjtrahlend zu, Ediths
Züge färbte verrätherijche Roſenglut; ihre füßen blauen Augen
ſchimmerten feucht.
Alice ſprach krampfhaft in einem fort, als fei es ihre Abficht,
durch lebhaftes Reden zu verhindern, daß auch nur ein verrätheris
ſches Wort fallen könnte. Während unferer Heimfahrt herrichte eine
ſchwüle Stimmung in dem Heinen Gefährt, — jeder einzelne fuchte
au verbergen, was doch alle wußten.
„Und num, Frig“, jagte Alice zu da Bruder, ald wir wieder
1f der großen Freitreppe des Schlojfes ftanden, wo Referendar
Hröder ung ernſilich ſchmollend empfing, „nun fomm’ zum Vater;
hat nad) Dir verlangt, um ſich in gejchäftlichen Angelegenheiten
it Die I berathen.*
Friedrich ſah fie erftaunt an, warf dann übermüthig den Kopf
den Naden ımd folgte der Schweiter.
310 Taube Blüten.
Mic; fröftelte es; es fehien, ala ſei die Sonne mit einem Male
umterge jangen.
zu lange hielt ich es auch draußen nicht aus; das Lachen
und Plaudern Schröders und meiner Jüngeren Vetter machte mic
nervös. Ich trat ind Haus und ſchlich über den Korridor in das
Heine Zimmer neben meines Oheinis Arbeitsfabinett. Wurden fie
drinnen mit ihrer Berathung denn nie fertig?
riedrich® Stimme lang manchmal laut und heftig aus dem
dumpfen Gemurmel hervor, dazwiſchen das leiſe Weinen einer Frau,
— Zante war aljo auch, darinnen. Ich ſchämie mich plöglich meines
Thuns und preßte, mich abwendend, Die Stirn gegen bie Fenſter⸗
iheiben. Im Garten ging Schröder mit Edith fpazteren und unter
hielt fie aufs eifrigfte. Arme, arme Edith! —
Da wurde die Thür Hinter mir geöffnet; Friedrich trat aus dem
Kabinett bleich bis in die Lippen. Als lachender Knabe war er
Hineingegangen, ein fertiger entichloffener Mann ftand er vor mir.
Ich ftredte ihm ftumm die Hand entgegen.
„Du Haft es gut mit mir gemeint, mein treuer Kamerad*, fagte
er mit leifer, ruhiger Stimme, „und haft mir eine Selunde des
öchften Glückes verichafft, — Gott jegne Dich dafür viel taufend
al! Sie haben es mir aber da drinnen eben verzweifelt Kar ge-
macht, daß es jet meine Pflicht fei, mein Leben und meine Liebe
für die Eltern zu opfern und mir fo bald wie möglich eine reiche
Braut zu ſuchen. — fie fprachen auch von Dir, Eläre*, — und der
Schatten eines Lächelns Hufchte über feine ſteingewordenen Bi —
„aber ſei ruhig; en weiß id, daß Du mich nicht ſo Liebft,
wie Du's für die Ehe für nöthig hältft, und anderentheils ftehit Du
mir auch viel zu hoch für die gemeine Spekulation.“
8 aa mer, fieber Fritz — und bie Thränen liefen mir über bie
jaden.
„Alice kam ja gerade zur rechten Zeit“, fuhr er fort, „ehe ich
mi) noch durch irgend ein Wort gebunden, und überlegt, wie fie
ke ift, Taut unfere Namen rufend, um ja nicht die Zeugin unferes
mdes werden zu müſſen. Was thut auch ein Kuß, — Du kennſt
ja das Lied: Frei ift der Burſch' und frei ift Das Lied, und ein
Tofiger Kuß ift nicht minder frei. — Siehſt Du, Cläre, das haben
fie alles ganz genau durchdacht, fo da ich mir gar wicht mehr den
Kopf darüber gerberßen rauche. Und ich trüg’ es ja auch, aber fie
— Hölle und Teufel — meine Edith!" —
Unb fein Blid fiel durch das Fenſter, und ein Schauer rüttelt-
feine Geftalt, ala er die Gelichte gewahrte.
„Ich reife heut! noch ab, — Seröber begleitet mich natürlich"
fuhr er Haftig fprechend fort, „das Examen jteht vor ber Thür, -
aber ich habe noch einen Wunſch, eine Bitte! —
„Ich weiß es, rip, Du willft " Rebewohl jagen?“
na“, fagte er leidenfchaftlich, „fie ſoll nicht glauben, daß fı
eines Schurfen Umarmung litt. Komm mit, Cläre, beidhäftie
Laube Blüten, 311
Schröder vor allen Dingen. Den Brautkuß nahmſt Du im voraus
— den Abſchiedskuß ſoll ſie allein haben.“
* *
*
art Edith wandte fich purpurglühend um, als fie Friedrichs Schritt
fannte.
„Entjchuldige, Hermann“, fagte mein Vetter ohne viele Umstände,
„entfchuldige, wenn ich Dir Deine Dame auf eine Viertelftunde ent
führe. Meine Coufine wird jo liebenswürdig fein, Dir die öns
heiten unferes Parts zu zeigen. Kg Edith, ich verſprach Ihnen
neulich, Ihnen eine neue Kompoſition br ieblingsliedes vorzu⸗
jen, — wenn es Ihnen jest gefällig it?" —
vs Gönhter ſandte Aitfernenden Paare einen heimtücki⸗
fen Blick nad).
„Begreife eigentlich nicht recht, mein gnäbiges Fräulein, warum
nicht aus wir an diefem Genuß theilnehmen dürfen?“
„Vermuthlih, weil der Komponift fein großes Auditorium
wünfcht*, erwiberte ich fühl und unterzog mich dann mit bewunde—
rungswürdiger Geduld meiner Aufgabe.
Bei Tiſch Ko Edith; fie üeß ſich wegen Kopfweh entſchul⸗
digen. Als ich ſpäter hinaufging, fand ich ſie auf ihrem Sopha
liegend, bleich und mit verweinten Augen.
Sie fam mir langſam entgegen und ſchlang beide Arme um
meinen Hals.
„Sprih mir feinen Troft zu“, fagte fie mit Ieifer, müder
Stimme, als ich die Lippen öffnen wollte, „ich bin wirklich nicht uns
glüdlih in dem Bewußtſein, fo treu und innig geliebt zu fein.
Mir thut auch nichts leid, Höeftens, daß ich den Frieden dieſes
Hanfes geftört habe. Geſtern Abend wollte ich's nicht ertragen, Dich
in feinem Arm zu fehen; ich glaube, ih wäre wahnjinnig geworben,
wenn ich die Hoffnung auf feine Liebe hätte aufgeben müfjen. Aber
nad) diejer Stunde weht mic; fein Sturm mehr um. Ich las geftern
im „Daheim“ eine Stelle auögeboten, die für mic) pafjen würde und
habe darum gefchrieben; fieh’ Dir den Brief an.” —
Und fie zog mich nach ihrem Schreibtiſch; aber zu gleicher Zeit
fielen unſere Altee auf die Blumenvaje, welche ben Auffag des ziers
lichen Möbels ſchmückte. Darin Hing zerbrochen, verwelft, entblättert
die legte Roſe, welche ich ihr geſiern gepflüdt.
„Schau“, fagte Edith fchmerzlich lächelnd, „nun ift die Rojen-
eit doch vorüber. Was thut es auch?
Ale Jahr lehrt der Frülpfing,
IR der Winter vorbei;
Der Menſch aber hat nur
Einen einzigen Mai. — — — —
312 Laube Klüten.
V.
Sie ſtarben beide nicht an dieſem jähen Erwachen aus ihrem
ſchönen Jugendtraum. Im Gegentheil, was ſchwankendes in ihrer
Seele gelebt, erjtarkte und nahm feite Form an. Edith Hatte bie
Stellung einer Erzieherin in einem hanndverfchen Pfarrhaufe inne
und fühlte fich, ihren Briefen nad), von dem neuen Birfungstreife
befriedigt. Friedrich war eiſern fleißig; er arbeitete nach glänzend
beitandener Prüfung als Neferendar am Landgericht in C, dem
eimatsorte Schröders, wo er mit dem alten Stubiengenofjen zu-
jammentraf und bald in einen lebhaften Verkehr trat. In feinem
väterlichen Haufe ſah es indeß trübe genug aus. Amar war es
meinem Oheim gelungen, noch einmal muglofen Aufiaut bes drohen⸗
den Unheils zu erzwingen; dennoch fchwebte das Damoklezichwert
ftindtich über feinem Haupte, und der eigenthümlich ſchlaffe Zug um
feinen und trat um fo fchärfer hervor, je ſpärlicher und lichter
gar an feinen Schläfen wurde.
ir ſahen es alle, wie der alte Mann verfiel, und doch war
jede augenblidliche Hilfe, die ihm gute an bieten konnten, nur
wie ein Tropfen, der auf heißen Stein fällt und zijchend verdampft.
In jener ſchwülen Zeit erhielt ih einen Brief von Friedrich,
in welchem er mic; bat, doch mitunter hinauszufahren, — Lichtfelde
war nur eine halbe Stunde von meiner Heimatjtadt entfernt — und
feiner armen Mutter einigen Troft zuzujprechen. Er ſchilderte fein
Leben und Treiben in C, aber jo ruhig und leichthin auch diefe
Beilen lauteten, mein Ohr hörte doch bie Bitterfeit hindurchklingen.
„Ich verfehre viel in Schröders Familie“, fo lautete eine Stelle
bes Briefes, „es iſt ein gaftfreies, liebenswlürdiges, wohlhabendes
gu Der alte Rechnungsrath hat außer Hermann nur noch eine
ochter, Gerta. Sie ift munter und fehr Tebhaft, wenn auch nicht
verblüffend geiftreich, und erinnert mich in ihrer Erſcheinung zu⸗
weilen an — doch wozu alle Erinnerungen wieder auffrifchen?!
Passons-la-dessus! Hermann vergöttert feine Schweiter. Aengitige
Dich nur nicht wieder dor meiner Freundfchaft mit Schröder, mein
treuer Kamerad; die Zeiten, in denen fie mir gefährlich werden
Zonnte, find lange vorüber. Meine Abende find nur gewöhnlich jehr
einfam, und — wie gejagt — es ift ein wohlhabendes Haus und
für Unterhaltung reichlich geforgt.“
Diefe Worte berügrten mich peinlich, ohne daß ich mir einen
Grund hierfür angeben fonnte. Ich las die Stelle wiederholt, und
bei der Erwähnung feiner „einfamen Abende” ward mir unmilltür
lich das Auge feucht; ein nebelhaftes, fremdes Etwas ſchien zwiſche
tig und mich zu treten. Mein verwöhnter Vetter, dem cinft du
sterne nicht zu feſt genagelt erfchienen für fein Begehren, dem deu
Champagnerfeld der ‘Freude von Feenhänden ſtets neu gefüllt wurde
fobald er nur den Schaum davon geichlürft, ging jet, um ſein
„einfamen Abende“ auszufüllen, alltäglich) in das „wohlhabende Haus
7*
Taube Klüten. 313
des Rechnungsraths, — ich empfand ein erfältendes Gefühl im
en. Sriebrid Bitte kam ich treulich nach, umfomehr, da auch
lice in dieſer ſchweren Beit das Vaterhaus verließ, um die er-
worbenen Kenntnifje genügen zu verwerthen.
Das ift ja der Armuth Härtefter Fluch, daß fie das Kind aus
den Armen der Eltern reißt, um die Brodbroden zu ſparen zu einer
eit, da der Liebe Lächeln am nöthigften thut, um ihnen die bittere
;peife zu verjüßen.
ö Zum Seibjahr fiel der langerwartete Schlag.
Kichtfelde wurde unter Sequeftration geftellt und das Inventar
des Schlofjes von den Gläubigern mit Belä, belegt. Diefer Zus
— der Dinge ſchleppte ſich ng bis die ofen zum andern Male
übten.
Zwei Jahre Hatte Friedrich doch gebraucht, um fein zudendes
gen ganz in Staub zu treten. Und zulegt trat das Gejpenft der
Fa grinfend vor ihn Hin und wies ihn auf den einzigen Weg zur
‚ettung.
„Die Verlobung ihrer einzigen Tochter Gerta mit dem Gerichts-
Neferendarius Herrn Friedrich Georgi zeigen hiermit ergebenft an
€, im Juli 188.. Schröder, Rechnungsrath und Frau.“
Und die Noth war zu Ende, der Schwiegervater warf feine
Börfe in den Hlaffenden Spalt. Meine Tante weinte, als ich zur
Sratulation hinausfuhr, vor Rührung und Freude.
„Gott fegne meinen guten Jungen“, ſchluchzte fie, „das ift doch
ein Lichtftrahl in die Finfterniß, die uns umgiebt! "Schröder hat
viel Geld, Cläre, und kann Frig anftändig über Waſſer halten, bis
er in Amt und Würden if.” —
Ich ftand mit abgewandtem Geficht am Fenfter und ftartte in
den vernachläffigten Garten hinaus. Bon der kahlen Beranda
brödelten die Steine nieder, drunten auf dem Rajenplag aber dufteten
füß und beraufchend die Roſen. Der Springbrunnen warf feinen
kühlenden Silberftrahl mehr empor in die warme Sommerluft, —
der eine Arm des Tritonen lag zerbrochen zwiſchen den Rofenbüjchen.
Ich jah das alles wie im Traume, während meine Lippen murmel-
ten: „Sa, Gott fegne ihn, — Gott fegne ihn“, aber fie thaten es
nur mechanisch, und ich glaubte nicht an den Segen.
Bald darauf kam Lichtfelde unter den Hammer; ein jpefulativer
Geſchäftsmann erjtand das ſchöne Gut um einen verhältnigmäßig
hohen Preis, um es fpäter in Parzellen wieber zu verfaufen. Und
das Schloß, welches mein Oheim ſich in feiner beiten Zeit erbaut, —
leider damit auch den Grundftein zu feinem Ruin legend, — kam
ı die Hände eines findigen Reftaurateurs, welcher dort ein Ver—
nügungslofal für die erhofungsbebürftigen Städter anlegte. Seine
"see bewährte ſich glänzend, — Lichtfelde ift heute ein viel befuchter
flugaort — sie transit gloria mundi! —
Meine Verwandten fiedelten in die nahe Stadt über. Bon dem
st fo großen Vermögen war nichts gerettet, — und es mußte ein
314 Taube Slüten,
Glück genannt werben, daß meinem Onfel die Agentur einer Ber
ſicherungsgeſellſchaft übertragen wurde, deren Einkünfte die He
doch vor ber äußerften Noth ſchützten — oder vielmehr ſchützen
follten. Denn vier Wochen, nachdem der alte Mann fich blutenden
Herzens von dem Erbe feiner Väter losgeriſſen, bahıten fie ihn in
bem engen Wohngemadje feines neuen Heims auf.
Die fladernden Lichter zu ‚Häupten feines Sarges warfen einen
verflärenden Schein auf das ftille, friedliche Antlig.
„Ihm ift wohl, Tantchen, er hat ausgerungen“, flüfterte ich der
ebrochenen Frau zu, die in thränenlofem Schmerz zu Füßen bes
& es kniete, — ein banaler Troft und dennoch der größte, ben
ein Menſch zu ſpenden vermag.
„Sa, ihm iſt wohl“, wiederholten ihre zudenden Lippen, „und
die Kinder find ja aud) verforgt. Werner und Mar will meine
Schwefter in Meg zu fi nehmen, — e8 ift freilich ein bißchen weit,
ie aber fie find gut aufgehoben, — und nun kann ich ja auch wohl
ſterben· — — — —
Am Rajmittag kam Alice, faſſungslos, fo innerlich vernichtet,
daß ich das willenskräftige Mädchen nicht wiederzuerfennen glaubte.
Und der Abendzug brachte Friedrich.
Er war — wie der Todte im Sarge. i
„Ich wollte Gerta mitbringen, Mutter“, fagte er heifer, — „ich
glaubte, fie jollte Dich tröften; aber fie lann feine Per ſehen —
und kommt morgen zum Begräbniß, wenn ber Sarg geſchloſſen ift.“
„Gott jegne ihn, — Gott fegne ihn! Der alte Segenswunich
tam mir in den Sinn. Aber was that es denn, daß Gerta Schröder
leine Leiche jehen konnte? Sie brachte ihrem zukünftigen Gatten ja
Schönheit und Friſche und Jugendfraft mit in die Ehe und Geh,
— Geld genug, um ein Menſchenleben in Luft und Herrlichkeit zu
verbringen, — was hatte Gerta Schröder mit dem. Tod zu thum? —
VL
te ſich ber verfpätet! Friedrich ging finfter und um-
un unter, en Bl wieder und wieber auf das Zifferblatt der
rm wendend; aber die Beiger rüdten unerbittlich, Iangjam vorwärts,
ohne daß Gerta erjchienen wäre.
Im Nebenzimmer waren die Leibtragenden verfammelt; der
Geiſtliche, welcher nicht länger Herr feiner Beit war, trat endlich zu
dem Sohne des Haufes heran und mahnte ihn zum Beginn ber
Trauerfeterlichkeit. Wie aus tiefem Traume erwachend, ſah Friedrich
ftarr in das ehrwürdige Geficht vor ihm und fagte abgebrochen:
"Wohl, wohl, — Here Paſtor, — fangen wir an, — ich glaube, ich
warte doch Ver
Und ber Geiftliche ſprach die alten, ach fo oft vernommenen
Worte des Troftes, die alles Weh im Menjchenherzen wieder aufl
wühlen bis in die tiefite Tiefe und zu gleicher Zeit doch lindern
-)
Taube Blüten. 315
Balfam in bie offenen Wunden träufeln. Ernſt und zuverſichtlich
Hang feine Rede von der Fürforge Gottes für bie Feten und
Waiſen, verfündend, daß Er dennoch einen Weg erſchaue und Licht
in ber Finfterniß erjtrahlen ließe, wenn das furzfichtige Menfchen-
auge nur Dunkel und unwirthbare Dede erblide. —
Ein leifer, Inarrender Laut unterbrach die Kirchenftille des
Trauerzimmerd. Ich ſah empor und erblidte Friebrih mir gegen-
über ſich ſchwer auf ben Heinen Edtifch ftügend, neben welchem er
lehnte. Und dann berührte ein kühler Luftzug meine Stirn, Hinter
meinem Rüden wurbe eine Thür geöffnet. Ein leijes Raufchen —
ein Halb erſtickter Schrei — ich fühlte inftinktiv, daß dies Gertas
Stimme ſei — und die Thür ſchloß ſich wieder; neben mid) trat,
nur mit den Sugen grüßend, Hermann Schröder. Sie kam doc) zu
früh, die junge Braut, fie follte das ftille, todte Antlitz noch fehen.
Als die Hammerfchläge verhallt waren, ließ Friedrich feine
Mutter, die er in dem ſchwerſten Augenblide, der einem Frauen—
herzen beſchieden, feft im Arme gehalten, vorfichtig auf da3 Sopha
neben Alice gleiten und ging hinaus. ,
Sept kam Leben in Hermann Schröder. Er bot mir, die ihm
umächft ftand, die Hand und verjuchte eine Entſchuldigung ber ent-
Nanbenen Störung. Seine Schweiter ſei äußerſt nervös und er
be, um ihr den unangenehmen und nuplofen Eindrud zu erſparen,
fie veranlagt, lieber zu Fuß zu gehen und bei dem herrlichen Wetter
noch einen kleinen Spaziergang mit ihr gemadjt. Mich wiberte fein
Wortgeklingel in einem ſolchen Augenblide umfagbar an. Ich ver-
feste daher kühl: „Sie thäten wohl beffer, Herr Neferendar, meiner
Tante Ihr Beileid zu bezeigen, als fich bei mir zu entſchuldigen“, —
und ließ ihn ftehen.
Jehzt trat Friedrich mit feiner Braut ein, um biefelbe feiner ,
Mutter zuzuführen. Das alfo war Gerta Schröder! Bierlich, fein-
gebaut, hochblond wie ber Bruder, ein allerliebites Sefiätcien mit
einem capriciöfen Zug um ben Heinen Mund, in biefem Augenblid
indeß erregt und ziemlich verdroffen breinblidend. Mit fcheuem Auge
ftreifte Die jchöne Braut den gejchloffenen Sarg, die Trauerfleider
ımd das verweinte Geficht der alten Dame vor ſich.
. „Sei ihr eine gute Tochter, Gerta, und fteh' ihr bei in ſchwerer
Stunde“, jagte Friedrich mit fchleppender Stimme und einer müden
Armbewegung, — Hirrte nicht die Feſſel an feinem Handgelenk?
Und Gerta machte einen zierfi Penſionsknix und füßte der
Schwiegermutter die jchmale, durchſichtige Hand.
Auch, die dumkelften Stunden gehen vorüber, und das Leben
ſtellt an den jchmerzgebeugten Menſchen feine unerbittlichen Forde—
Tungen.
J ls wir jpäter im engjten Familienkreiſe verfammelt waren,
gab ſich Gerta freier und Tebhafter, wenn aud) nod) einigermaßen
von dem fonventionellen Zwange eingeengt, den das traurige Er-
eigniß ihrer erregten Natur auferlegte. Das verwöhnte Kind ſchien
316 Taube Slüten.
ernftlich mit dem Bräutigam zu ſchmollen, daß diefer fie am Be-
gräbnißtage nicht ſelbſt am Bahnhofe erwartet habe.
Friedrich entſchuldigte fi. „Lieb“, fagte er bittend, „ich konnte
Mama nicht verlafjen in jener Stunde umd glaubte überbem, daß
Hermann Dich fiher und ohne einen Umweg bergeleiten würde.“
© „ber ich“, vief fie lebhaft, den in feinen Worten enthaltenen
Vorwurf ſowie ihre Umgebung fcheinbar ganz ignorirend, „ich hätte
Vater und Mutter und alles vergefien, um Dir entgegen zu eilen.
Bift Du böfe, Frig?“ ſetzte fie ſchnell hinzu, als fie den verjtimmten
rd in feinen Mienen wahrnahm, „böfe, weil ich Dich fo lieb
Und leidenſchaftlich beide Arme um den Hals fchlingend, küßte
fie ihn Heftig auf den Mund, J
Ich las es in Friedrichs Augen, was ſeine feinfühlende Natur
dabei litt. — -
Und konnte ihm nicht _heffen. — — — —
Mic beehrte Gerta Schröder mit einer sang befonderen Ab⸗
neigung, deren Urfache ich zuerft nicht begriff, allmählich aber, da
ich dieſe EranfHaft-jenfitive Natur näher kennen lernte, als eine raſende
Eiferfucht erkannte auf jedes Weſen, das Friedrich in irgend einer
Art nahe ftand. .
Die erjte Probe diefer Eiferfucht gab fie, als fie auf halben
Befehl ihres Bräutigams und Hierdurch vielleicht föon gereizt, im
meiner Familie einen Beſuch machte, bei welcher Gelegenheit fie mi
leider allein zu Haufe traf. Im Laufe unferer Unterhaltung geriet!
ihr mein Photographie Album in die Hände. Und als ihr, während
fie achtlos die Blätter befjelben ummandte, Friedrichs Bild in die
Augen fiel, küßte fie das Porträt leidenſchaftlich und fagte, mic) faſt
drohend dabei anfehend:
„Mein ift ec und mein bleibt er, und niemand gu ihn mir
abſpenſtig madjen. Ich Habe ihn mir gefauft, Fräulein Clara, Halten
Sie mich nicht für jo dumm, daß ich das nicht wüßte!“
Eiskalt durchſchauerte es mich, Bis jegt hatte ich fie nur für
ein verwöhntes Kind gehalten und jah nun, daß ich mich geirrt.
Sie war mehr. Und hatte vecht; das war das jchredlichite. Sie
hatte fich den Mann gelauft, aber — man jagt ed doch nicht. .
„Sie wundern fich über meine Rede“, fuhr fie erregt fort, „aber
find Sie einmal feine Vertraute, jo fünnen Sie auch gleich die meine
Fran Sie können es ihm aud) wieberfagen, wenn Sie Luft dazu
Sriedrich, Friedrich! Ich fprang auf; in meinem Hirn trieben
aufend alte ihr Spiel. Und meine Lippen öffneten ſich nur
mit Mühe.
„Danken Sie Gott, Gerta, wenn ich ihm das nicht wiederhofe!
Sie fünnten den Ausſpruch bereuen!“
„Bereuen?!“ Gerta Schröder lachte hell auf, — „aber id) bitte
Sie, geliebte Coufine in spe, — ich halte ihn doc) in Händen! —
Laube Klüten. 317
!
Und wer ift die8?“ fuhr fie in ihrer fprunghaften Weife fort, auf
die Photographie neben Friedrich® Bild deutend, „warum haben Sie
dies Mädchen an feine Seite geſteckt?“ —
„Edith“ — entjchlüpfte es mir, und graufam deutlich ftieg die
Vorſtellung in mir auf, wie fo anders es heute hätte fein können.
„Wer ift Edith?“ inquirirte Gerta weiter.
Beunruhigen Sie ſich nicht, Fräulein Gerta“, erwiberte ich, in
äußerjter Erregung meine Worte nicht mehr wägend, „Edith ift eine
bettelarme, kleine Gouvernante im fernen Hannover, — fie kann
Ihnen nicht mehr gefährlich werden.“
„Nicht mehr?! Und Gerta Schröder fprang auf, gerade als
iebrich im Rahmen der Thür erſchien, am feine Braut von ihrer
ifite abzuholen. Eine grenzenlofe Beftürzung malte ſich in feinem
ſchönen, blafjen Geficht, ala Gerta, ihm entgegeneilend und feinen
Arm umklammernd, mit fliegendem Atem auörief:
„Wer ift Ebith, Frig? Was ift fie Dir? Und weßhalb Haft
Du mir nie von ihr erzählt?“
„Wer hat Die denn von Edith erzählt?" Und der erfte vor»
wurfsvolle Blick aus meines Freundes Augen traf' mich.
J — war der Richtung dieſes Blickes gefolgt. lachte ſie
itter auf.
„O, beruhige Dich, lieber Frig! Fräulein Clara weiß das in
fie gejegte Vertrauen zu rechtfertigen; fie hat mir nicht? von Edith
ft. Aber mein Herz hat es mir zugefchrieen, daß dies Mädchen
Dir werth geweſen — oder noch ift?“ % te fie fragend Hinzu, da
fie den aufglimmenden unten in ihres äntigame Augen wahr
nahm, „o, Fritz, Fritz, Hüte Dich! Du bift und bleibft mein — ver
SE a babe ihn eine Aiper Driet, ſo ſchleuderte Seicric) Ge
Habe ihn eine Viper rt, jo fchleuderte Friebris orgi
des Mädchens Hände von feinem Arm und that einen Schritt feit-
wärts. Dann Flang feine Stimme dumpf und grollend wie nahen»
des Gewitter:
ür Du Di, Gerta! Noch eine folche Scene und ich ver-
eſſe Ehre und Pflicht und Zukunft, alles — Gerta, hörft Du?
Mahne mid, nie an Edity — Du am allerwenigjten! Und nım“,
fegte er langjam und jedes Wort betonend Hinzu, da er ſah, daß
jie wieder emporfahren wollte, — „und nun verbiete ich Dir, noch
ein Wort über diejen Gegenftand zu fprechen! Verſteh' mich wohl:
ich verbiete es Dir!“
Das moralische Uebergewicht des zürnenden Mannes verfehlte
doch feinen Eindrud nicht auf das Mädchen. Langfam, mit weit
offenen Augen in fein Geficht ftarrend, wich fie vor ihm zurüd, um
ich zufegt, beide Hände vor das Geficht jchlagend, von Eonvulfivi-
Hem Schluchzen erjchüttert, in einen Seſſel zu werfen.
Ih ftand rathlos. Es war eine tobende Angft in mir und
3 wagte wicht zu reden. Friedrich aber trat, wie von einer weiche- .
n Regung erfaßt, der Weinenden näher und fagte, mit der Hand
318 Eaube Blüten.
über Gertas blondes Lockengewirr ftreichend, mit gebämpfter Stimme:
„Du bift frank, Kind, fomm fort.“ — — — —
„Ja, Du Haft recht, Frig, ich bin frank, — frank von dem An-
blick —— von den dnmargen ( —— und em
der Hand zerriß fie die ſchwarze Kreppkrauſe, welche ihren Hals um-
— Sant von dem einigen Weinen und Jammern um mic)
ber, Frank, weil ich Dich nicht allein für mich Haben kann, — ja,
fomm fort, Frig, aus diefem Haufe, aus Diefer Stadt, in wel
mic nicht3 intereffirt ala die Steine, welche Dein Fuß berührt.” —
Während Gerta im Nebenzimmer ihre Sachen anlegte, trieb es
mich mit heimlicher Gewalt in die Stube zurüd.
Am Tiſche vor dem aufgefchlagenen Album ftand Friedrich.
Seine Bruft hob und fenkte ſich in Inngfamen, ſchweren Athemzügen,
während die Augen fih in Ediths Bild Hineinzubrennen ſchienen
Mit fliegendem Bufen trat ih auf ihm zu. Ich mußte der
namenlofen Angſt in mir Luft fchaffen, felbft auf die Gefahr Hin,
ihm weh, gu Km.
„Friedrich, um ber Barmherzigkeit Gottes willen, — wie
konnteſi Du _ pn — Hohe Sand geh Salſeh 36
„Halt! — feine erhobene Hand gebot mir Stillichweigen. 5
Habe xy gewählt. Und nun rühre mir nie mehr daran, fondern bete
lieber zu Deinem Gott, daß er mir die Kraft gebe, es zu tragen!“
VIL
Nun war Jahr und Tag entſchwunden. In meinem Leben
hatte eine einfchneidende Veränderung Platz gegriffen; von X. hatte
mid) das Geſchick an den fturmumtobten Strand der Djtfee ver-
Pflanzt. So fam es, daß der innige Verkehr mit der Georgi'ſchen
Demiie ein Ende erreichte und deren ferneres Ergehen mir nur im
jeinen äußeren Umriffen befannt wurde. Alice hatte eine Privat»
ſchule in &. errichtet, um ihre Mutter bei fich haben zu können, und
üdliche Sterne lächelten über diefem Unternehmen von Anfang an.
Berner Georgi war nad) abgelegtem Abiturienteneramen in den Boft-
dienft getreten und ftand fchon auf eigenen Füßen, während Max
mod) — Verwandten in Metz weilte, um dort das Gymnaſium
zu befuchen.
Von geietri hörte ich verhältnigmäßig am wenigften; nur
vereinzelte Briefe von Alice brachten mir Hin und wieber Kunde von
ihm. So erfuhr ich, daß er als Affeffor fich in der Landeshaupt-
ſiadt aufhalte, in nächſter Zeit feine Ernennung zum Richter erwarte
und daß die Hochzeit in Ausficht genommen A Gerta Hatte ſich
nad) ihrem erſten Beſuch nie wieder veranlaßt gefühlt, ihre Schwieger-
mutter aufzufuchen, obwohl Alice die Ferien mitunter im ae
chen Haufe verlebte. Nach einem folchen Aufenthalt ſchrieb fie mir
einmal, daß Gerta launenhafter denn je fei, Hermann feine Schweiter
aber trotzdem abgöttifch zu lieben fcheine.
Taube Blüten. 319
Das war alles.
Und dann war e3 wieder an einem fonnenleuchtenden blüten-
duftigen Tage in der Roſenzeit. Blau ımd ficht wie einft in Licht-
felde „paunte 1 der Himmel über der See, lächelnd und wolfenlos,
ala ob es fein Ungewitter geben könnte im Himmelsraum und fein
Leid im Menjchenherzen. Am Strande auf und ab wogte ber
warm der Babegäfte, lachend, ſchwatzend und den Becher des
Lel ſchlürfend bis zur Neige. Und inmitten dieſer glücklichen
Tauſende fiel mein Bid auf das Zeitungsblatt, welches ein dienſt⸗
Seffijener Kellner wohl in Erwartung eines reichlihen Douceurs
auf den Tiſch vor mir gelegt. —
Die rauſchende Mufif der Badelapelle tönte an mein Ohr, —
lachende und plaubernde Stimmen umwogten mich, doch ich Hörte
keinen Laut mehr von all dem Treiben um mich her. Ich las und
- [a8 wieder und lad zum dritten Male, — und langjam erft drängte
7 das Verftänbniß der wenigen Zeilen mir auf, über die meine
ide irrten:
Geſtern Abend erſchoß fig in feiner Wohnung in der Wilhelm-
ftraße der Gerichtsaffefjor Friebrich G...... “
„Ewige Satmherzt keit!“ Alles hatte ich erwartet — das nicht,
nein, das nicht!! — hie und Zukunft, das Leben felbft hatte der
Unglüdfiche geopfert um dieſes Weibes willen, — eine taube Blüte
am Baum der Menjchheit war er vom Sturm der Vernichtung in
den ewigen Abgrund gejchleudert, ohne eine andere Spur mehr zu
binterfaffen, als wehmüthige Erinnerung — — — —
Am Nachmittag erhielt ich die Todesanzeige. Im knappen Stil
theilten die Hinterbliebenen das plöglich erfolgte Ableben ihres
Sohnes und Bruders mit; von ber Braut fein Wort, feine Er-
wähnung. —
So bald es meine it erlaubte, fuhr ih u &., ohne indeß
hier die erhoffte Löfung des Räthſels zu finden. Meine arme Tante
tonnte id) nur Momente ſehen, da biejelbe, von rafendem Kopfweh
fefottert, das Bett hüten mußte; Alice dagegen fand ich auffällig
ühl umd dem Unfcheine nach nur empört über die Schmacdh, welche
der Unjelige feiner Familie angetan. Der eine Umftand war mir
neu, — und derſelbe verwirrte mich noch mehr, — daß Friedrich,
von dem Vater Ki Braut zur Hochzeit gedrängt, das unglüd-
felige Verlöbniß faft im letzten Moment getöh hatte.
„Nun war er aber doch ein freier Mann“, gab ic) meiner erften
Empfindung Ausdrud.
Alice lachte bitter.
„Ein freier Mann mit diefer Ehrenjchuld?! Ein freier Mann
at dem Bewußtjein, dag Mädchen vier Jahre lang am Narrenjeil
jerumgeführt zu haben, vier Jahre lang von der Gnade des Schwie-
yervater8 unterhalten zu vn ihm alles zu verbanfen, von dem
Hlaſe Wein auf feinem Ti Be zu dem Leinen auf feinem Leibe?!
— — Glaub’ mir, ich habe Friedrich gefannt, beſſer als ihr alle, —
320 Laube Klüten.
und er hätte — ehrenhafter gehandelt, wenn vor feinem Auge nicht
no immer Ediths Bild geitanden und ihn gelodt hätte, immer
weiter bis zu jenem Punkte, wo ihm das Manneswort nichts mehr
galt unb er ‚ein freier Mann‘ wurde! Geh, Kind, diefe Freiheit
war es, bie er nicht ertragen konnte!" —
„Am Narrenfeil ſoll er Gerta Herumgeführt Haben?” gab ich
entrüftet über die ſchonungsloſe Härte ihres Urtheil® zur Antwort,
„ich fage, fie fchleppte ihn an ber Sflavenkette vier Jahre langi
Und daß er dieje emblich doch zerriß, als fle ihn ganz zu Boden
drüdte und knechten follte, wer will ihm das verargen?“
„Die Welt“, jegte fie kalt, „die Welt fieht die Oberfläche, und
was darunter verborgen liegt, kümmert fie nicht. Die Welt ficht
den Schuldſchein über Taufende in der Hand von Gertas Bater, fie
fieht das vernichtete Leben des Mädchens, das Terzerol in der Hand
des GSelbftmörbers, — und zieht ihr Facit. Und uns bleibt die
jande.“
I Das war die Grabrede der Schweſter.
Ich grüßte kalt und ging.
VOL
Bald darauf befand ich mich auf dem Wege zur Nefidenz, um
mir . Klarheit zu verichaffen. 5
ch follte fie finden. j
iedriche Wirthin empfing mich freundlich, nachdem ich ihre
erſte Zurüdhaltung überwunden und die mißtrauijch Elingende ee:
„Sind Sie etwa die Braut?“ — kurzweg verneint hatte. Die alte
jaubere Frau mit dem jchwarzen Spisenhäubchen auf dem fchlichten
grauen Haar hatte „ihren ſſeſſor“ geliebt und wohl einen
tieferen Blick in das Geelenleben des unglüdlichen Mannes gethan,
als die eigenen Angehörigen. Das bewies mir biefe erfte ‘Frage.
Und nun ftand ich oben in dem trauten Stübchen, darmnen
mein armer Better den legten, ſchweren Kampf gekämpft.
Nichts erinnerte ben Beſuchet an das fchauerliche Drama, das
hier gefpielt, und die Auguftjonne bligte lachend und Heiß durch Die
blütenweißen Dorhänge, welche das Fenſter ſchmückten. Unb bı
war es mir, als blidte mich ein bleiches Antlig an, wohin ih a
die Augen wenden mochte, und zwei verfärbte, zufammengeprefte
Lippen öffneten fich, um mir wie grüßenb zuzuraunen: „Mein treuer
Kamerad.” — — — —
Die alte Frau fah meine Bewegung.
„3a, ja, er war ein lieber, ihre Mann, mein Herr Aſſeſ
for“, fagte fie, „und wohl werth, daß ihm eine Thräne nachgewein
werde. Gut und freundlich war er zu jebem, der ihn anfprach, unt
war's auch der gemeinjte Mann. Nur wenn bie Briefe von de
Braut kamen, dann iſt's aus gewefen mit aller Freundlichkeit, —
dann fonnte er ftundenlang figen und vor fich Hinjtarren, — — je
Fräuleinchen, die hat ihm feine Thräne nachgeweint!*
Taube Slüten. 321
„Doch — doch“, dachte ich bei mir. Sie hatte ihn doch aud)
geliebt, wenn auch auf ihre eigene unedle Weile. „Und wie war
3 rau Erwin, als er von feiner legten Reife zurückehrte?“ fragte
ich laut.
„Fräuleinchen, er fam anders wieder als er bingin ; aber nicht,
als ob er die Braut verloren hätte, fondern wie ein der, glüd-
licher Mann. Er hat ja nicht gejagt, was da pafjirt jein mag, aber
das fieht unfereiner doch auch, wenn der Ring am Finger fehlt, wo
er fo lang gejeffen. ‚Und jegt heit es zufammenhalten und |paren,
Frau Erwin‘, hat er dann wohl gejagt, aber jo glüdjelig Etat
dabei, als habe ihm einer goldene Berge verfprochen. Nun, “ hal
das meinige getan, Fräuleinchen; er hat das Zimmer fajt um die
Hälfte gehabt, mein Iieber Herr Afjeffor, weil ichs ja deutlich genug
gejeben habe, wo ihn jegt der Schuh drückte. Er hat auch um ein
illiges an meinem — gegeſſen und iſt nicht mehr in die theueren
Reſtaurants gelaufen, aber lang hat die Herrlichkeit doch nicht ge-
dauert, Fräuleinhen.” — — —
„Ja, Frau Erwin, und wie fam es nun, daß“ —
Sie unterbrach mich. „Wies fam, Fräuleinden? Ihnen will
ich's fagen, Ihnen allein; vor den andern Hab’ ich mich gejchämt,
einzugejtehen, daß ich gehorcht habe. Aber du liebe Güte, hab’ einer
’mal einen Menjchen recht von Herzen lieb, dem ift das Horchen
wohl zu verzeihen, wenn da hinter Finer Thür gezankt und gepol-
tert wird, als follt' drinnen gleich einer abgethan werden — — —
und er bat ihn doc auch eigene abgethan, der Rothkopf.“ —
Wer?!“ Mir war's, als Habe der Blig vor mir eingefchlagen.
„Kennen Sie den Menſchen, Fräuleinhen? Den Bruder von
dem gnädigen Fräulein Braut, mit den Baronsmanieren und den
grünen Augen, die immer thun, als fähen fie einen nicht, und doch
alles merken, was rund umher vorgeht?! Mir ift doch gleich der
Schred in die Glieder gefahren, wie ich den Menſchen jo die Treppe
jinaufgehen jehe, und im jtillen Hab’ ich gedacht: ‚Was will denn
er jegt noch bei meinem Herrn Affeffor, nun doch alles aus ift und
vorbei“ Damals bin ich ihm aber noch nicht nachgegangen, fondern
sat’ nur an ber Treppe geftanden, und das ‚Herz hat mir geſchlagen,
5 ich es ordentlich hab’ hören können. Als es oben aber laut
wurde und immer lauter, da” —
„Und da, Frau Erwin?“ —
„Da hab’ ich gehorcht, „gefuleinden! Den Aſſeſſor ab? ich
auerſi gehört. Er hat dem andern Vorwürfe gemacht, daß ihn
immer wieber in fein Haus gegogen und ihm von der Gerta
Ber Liebe folange erzählt habe, bis er fie zur Braut genommen.
er ber Rothkopf achtete darauf gar nicht, fondern ſchrie ganz aut
heftig: ‚Und magſt Du Dich drehen und wenden, wie Du willft,
ehrlofer Schurke bleibft Du doch! Läßt Dich jahrelang durch⸗
‚ern, um am Ende, wenn Du e3 nicht mehr nöthig haft! — — —
» dann gab’3 ein Gepolter, ala ob ein Stuhl umgeworfen würde,
3er Galon 1889. Heft I. Band 1. 2
322 Taube Hlüten.
— und ich hört’ meinen Herrn Affeffor deutlich ftöhnen; aber ver-
ftanden Hab’ ic) fein Wort mehr von dem, was da drinnen noch
weiter verhandelt wurde. Nur ein Klirren und Klappern hört' ich
noch, al3 ob mit Würfeln gerollt würde, aber — Herrgott! e3 wär”
doch wie Wahnfinn geweſen, wenn die beiden gefpielt haben follten
a Seren ® Mi Ing das He
„Frau Erwin, um Gottes willen!“ mic ſchi 8 Herz zum
PR — ich ftand vor des Räthſels Löjung.
„Dann wurde die Thür aufgeriffen?, fuhr die Frau fort, „und
der Rothkopf fam heraus, ganz falt und zu, als fei drinnen gar
nicht? paffirt. Ich hatte mich Hinter den Treppenpfofter gebrüdt,
und er dacht' wohl nicht, daß einer ihm in das hämiſche Geficht
jehen könnte. Beim Hinunterfteigen hat er ganz laut gerfffen —
Gott verzeih' ihm die Sünde, es klang wie: ‚Ach, du Lieber Auguftin‘ —
Und als ic) mich eben von meinem Schreden erholt hatte, ſchob mein
Affeffor drinnen den Riegel vor, und ich hab’ ihn den ganzen Tag
nicht mehr zu Geficht befommen. Und als er am Abend fort war
und ich Hinaufging, um fein Zimmer in Ordmung zu bringen, da
fand ich auch richtig noch die Würfel auf dem ee liegen und
tröftete mich damit, daß dem Anfchein nad) doc der Streit un
fo groß gewejen fein fonnte. Aber das Bett hab’ ich vergeblich auf-
gemacht, denn erft am grauen Morgen ift mein Herr Mlefior nad
Haufe gefommen. Gott erbarme fich, wie ſah er aus, — und wenn
ich hundert Jahre alt würde, den Anblick vergeffe ich nie! Die
Kleider mit Schmutz befprigt bis obenhin, es hatte die ganze Nacht
geregnet, den Hut verdrüdt und das Geficht blaß wie eine Leiche.
Und feine hübſchen, freundlichen Augen, — Fräuleinchen, die ſahen
aus, als hätte einer eine Hand voll Aſche hineingeworfen. Er wünfchte
mir Guten Morgen, als er mich unten im Hr traf und bat fich
eine Taffe Kaffee aus, da er einen ordentlichen Nachtfpaziergang ge=
macht habe. Du Lieber Himmel — Nachtſpaziergang! Als ob einer
aus purem Vergnügen in Macht und Wetter auf Sen Feldern umber-
rennen würde! Nun, feinen Saffee hab’ ich ihm gemacht, und als
ich ihm das Getränk Bradte, jaß er am Tiſch und Arieh und wollte
fi) partout nicht ftören lafjen. Den Brief hat er nachher auch noch
jelbjt fortgetragen. Und dann, Fräuleinchen, hat er fich eingefchloffen,
ſo daß ich dachte, er fchliefe fic gründlich aus, und Hab’ ihn nicht.
mehr gefehen, bis — — big — —"
Die gutherzige Frau übermannte die Rührung. Cie trodnete
fi die Augen und ihre Lippen flüfterten den frommen Wunſch:
Gott ſei feiner Seele gnädig!" —
Nun hatte ich die gefuchte Löſung gefunden. Und dort auy
dem Edtifche Stand der verhängnißvolle Ankrfebeder. Ich hab’ ihn
Frau Erwin abgelauft und fpäter in das Meer geworfen, das mit
feinen Wogen alle Sünde bededt und alle Schande. Es ſollte nie—
mand mehr im Spiel die Würfel vollen Taffen, die todbringend über
meines Freundes blühendes Leben entjchieben.
Tanbe Blüten. 323
Alfo war e3 doch Hermann Schröder gewefen, ber zerftörend
in Friedrichs Dafein gegriffen, und nicht umfonft hatte ein guter
Genius mir jene —8 einſt auf die Lippen gelegt.
Und im Geiſte durchlebte ich mit Friedrich) noch einmal all’ die
ſchweren Kämpfe der legten Zeit. Ich jah ihn ringen mit fich felbft
in_ftrenger Ehrenhaftigkeit und endlich dennoch den großen Entichluß
faffen, um jeden Preis frei zu werben und, nicht länger von un-
würdigen Ketten herabgezogen, als freier Mann ſich zu des Lebens
höheren Zielen emporzuringen. Ich fah ihn die Ehrenſchuld unter-
zeichnen, um dann, von dem alten, freudigen Kr a befeelt, die
me, troſtloſe, dornige Bahn der Entbehrung q reiten, an
en äußerſtem Biele ihm wohl gleich einer Iodenden fata Morgana
das alte verjunfene Paradies von Liebe und Glück zuwinken mochte,
— und ich hörte dazwiſchen das heimtüdifche Lachen feines Böjen
Dämons, und vor mir tauchte Hermann Schröders rothblonder Kopf
or, und feine ſchmalen Lippen öffneten fih, um faut und hohn-
voll zu rufen, damit alle Welt es vernehmen follte:
„Und ein ehrlofer Schuft bleibft Du doch“ — — — — —
Nein, ein Heros war mein unglüdlicher Freund nicht geweſen,
nur ein Menſch, aber ein Menſch von jeltener Gemüthätiefe, und als
folcher frug er au) die Konfequenzen jeiner Handlungsweiſe.
Nun blieb mir nod ein Gang.
Und Tachender Sonnenfchein ing über den Gräberreihen und
flimmerte auf den Goldbuchſtaben Kreuze und Gedenktafeln.
Schwül ftieg der Mofenduft aus diefem Todtengarten empor und
das Raujchen der Cypreſſen Hang mir im Ohre wieder; aber nicht
todesbang und Magend, ſondern ſehnſüchtig und liebeſelig:
Noch iſt die blühende, gofbene Zeit,
Noch find die Tage ber Rofen! — — —
Nicht zwiſchen ben Ruheſtätten der Tobten wanbelte ih. Im
Garten von Lichtfelde war's, und die Sommerfonne ftrahlte durch
die hohen Parkbäume und wob einen Glorienſchein um Ediths
jugendfhönes Haupt. Sie ftand an die Buchenhede gelehnt und
ihre Lippen fangen leife das alte Lied.
Da rührte der Wind die Hede an und Edith wandte fi —
nein, nicht das junge, holde Antlig war's, das Friedrich, einst fo ſüß
geläcelt. Ein paar große, traurige Augen blidten mir überrafcht
aus einem frühverblühten Gejicht entgegen. Und dann that Edith
einen Schritt vorwärts, und der Schleier zerriß — — — —
„Ebith!“
Sie trete mir die Hand zum Gruße entgegen.
„Er rief mich“, jagte fie trübe lächelnd, „und ich Habe ihm die
ofen wiedergebracht, mit denen er mid) einft gejhmüdt. Sieh’ fein
bermächtniß· — und fie zog einen Brief aus dem Buſen. Eine
ode lag darin von Friedrichs Haar, aber nur eine Zeile enthielt
8 Papier: „Meiner einzigen Liebe mein legter Gedanfe!" — —
298
Er Sande Blüten.
. Das einfame Grab des Selbſtmörders war mit blühenden Rofen
5 überbedt, deren Duft uns füß und betäubend umfing. Aber Die
zu Cypreſſen raufchten kein Lied mehr vom Luft und Lebensfreude.
Zeife und klagend Hang ihr Gejang an mein Ohr, jo wie Edith
einft in Lichtfelde gefunden: „Und ber Menjch, wenn er fort ift, ber
Tehrt nimmermehr — ber kehrt nimmermehr!! — — — —
Meſſalina.
ch ſtrebt' nach Dir! In Deiner Liebe glaubt!
Ich jene heil’ge Flamme zu erfennen,
Die dem Olymp der Promethide raubt,
Die heilet, reinigt, ohne zu verbrennen.
Mit meiner Seele weiht' ich den Altar,
An dem ih gläubig biente ihrer Hehre,
Mein 18 bot ich ihr big dar,
af meine Hoffnung, meine Ehre.
€3 hat mir Deiner Flamme ut aut gelobt;
Sie zehrte gierig reinen inne
Und Löfchte aus; nur Af “ ich fo tobt —
Erinn’rungsqual vom Gößendienft der Sinne.
Dahin! Was heil'ge Flamme mir gebäucht,
Di der Verklärung a ber Sun umgaufelt,
— Ein Irrwiſch war's, aus Moderduft erzengt,
Der tückiſch auf verfall’nem Grab fich fchaufelt.
Hermann Hirfhfeld.
RR
Ueber Fremdwörter.
Bon Dr. Karl Panfi.
„Seit älteſter Zeit hat bier es getönt, und
fo oft im ermeuenden Umſchwun
In verjüngter Geftalt aufftrebte bie Welt,
Hang aud) ein germanifches Lieb nad.“
fang einft Platen und wollte fagen, daß auf Deutſch-
lands Boden jeder ftantliche Aufſchwung auch einen
Aufſchwung der Dichtkunſt nach fich gezogen habe. Er
hat echt, aber auch noch eine andere Foige Hat jedes—
mal der ftaatliche Aufjchwung, jei es, daß er !öon vollzogen war, ſei
es, daß er fich vorbereitete, gehabt, ſofern die Stärkung des deutſchen
Volksgefühls fi auch in einem Kampfe gegen die Fremdwörter
äußerte. So war's, als Deutfchland unter und nad) dem ſchrecklichen
Elend des dreikigjährigen Krieges ſich auf fich felbit zu beſimien
anfing — da fümpften der „Palmenorden*, die „Deutjchgefinnte Ge=
noffenjchaft“ und die „Pegnitichäfer“ für Die Reinheit der beutjchen
Sprade; fo war's zur Zeit der Befreiungskriege, als der alte TZurn-
vater Jahn die Fahne der Sprachreinheit hochhielt; fo ift es jegt
nach der Neugründung des Reiche, wo nicht bloß Seine Ausgezeichnets
heit, der Unterzuftandsgeheimniffer für Stellmagen- und Fernfchreib-
weſen Lehrer von Kranz, der auf Deutſch Se. Ercellenz, der Unter
ftaatzjekretär für Poft- und Telegraphenwefen Dr. von Stephan .
heißt, für die Reinlichfeit das Seine thut, ſondern wo auch kürzkich
ein eigener Verein mit hochachtbaren Namen an der Spige fich aufs
‚ar hat, um und zu einer reinen deutſchen Sprache zu verhelfen.
Vorſchrift — faft hätte ich das Fremdwort Rezept gebraucht —
Bewerfftelligung dieſer Reinigung flingt auch einfach genug:
erft alle entbehrlichen Fremdwörter hinaus und fegt beuff
rter an ihre Stelle!“ aber in der Ausführung hat die Sache doch
ſehr erheblichen Schwierigfeiten. Diefe liegen in der jchwanfenden
r fließenden Beftimmung der Begriffe „Fremdwort“ und „entbehr-
*. ber Begriff des „Hinauswerfens“ ift weniger ſchwierig
326 Ueber Fremdwörter.
Wir eben den Sag: „Die Tinte, mit der ich diefen Brief ger
fchrieben, iſt mir von dem Berfäufer angepriefen worden.“ Das ift
Doch ein ſchönes reines Deutjch, und doch find nicht Imeniger als fünf
Wörter fremden Urſprunges darin: „Tinte, Brief, ſchreiben, Taufen,
preijen“, kommen allefammt aus dem Lateinifchen, Die echt deutfchen
Ausdrüde dafür heißen: „Schwärze (für Brief fehlt ein 1 jeher völlig),
rigen, erhandeln, loben.” Wie nun, foll ic alle jene Wörter hHinaus-
werfen und bie letgenannten an ihre Stelle jegen? „Mit nichten“,
wird man mir entgegnen, „Die finl & längft eingebürgert und fo
gut wie deutjch“, Die Antwort ift durchaus zutreffend und völli—
Tihtig, aber es ift doch ein Aber babei. Denn es erhebt fid, foglei
die Frage: wenn bie eingebürgert find, können das denn andere nicht
auch, die es jegt noch nicht find? Das ift denn doch nur em
zeitlicher Unterfdieb, fofern die eingebürgerten nur eine längere
Beit im Munde unferes Volkes Aumgelaufen find, als die nichtein-
gebürgerten, und eben dadurch die Möglichkeit gehabt haben, fich in
aut und Form (pfui, ſchon wieder ein Fremdivort!) unjerer Sprache
anzubequemen. Es ift wahr, dieſes Anbequemen geht jegt langſamer
von ftatten als früher, wo man die Sprache nur ſprach, während
man fie jet reichlich ebenfoviel ſchreibt (und drudt), und die Schrift
übt auf alle Sprachformen, alfo auch die fremden, einen erhaltenden
Einfluß aus, aber daß trogbem auch die jegt noch nicht eingebürger-
ten Fremdwörter zu irgend einer Zeit einmal eingebürgert Fin wer-
den, ift nicht zu bezweifeln, zumal ihnen eben dies Einbürgern durch
die neue Rechiſchreibung in etwas erleichtert ift, denn ein „Konzert“
hat entſchieden ein deutſcheres Ausſehen, als ein „Concert“.
Woher will man nun das Recht nehmen, diejen Einbürgerungs-
vorgang, ber doch ein gefchichtlich gewordener ift, zu unterbrechen,
und wo will man bie Grenze ziehen zwiſchen eingebürgerten und
nicht eingebürgerten Fremdwörtern? Bon legterem zuerjt.
Man könnte gemeigt fein, in Gemäßheit des oben Erörterten
die Grenze zwijchen eingebürgerten und nicht eingebürgerten Fremd⸗
wörtern zeitlich ziehen zu wollen. Die Fremdwörter find zu fi
verfchiebenen Zeiten in unfere Sprache gelangt und lagern darin in
beftimmten, zeitlich verfchiedenen Schichten. Nun könnte man fagen
wollen, bie älteren Schichten find eingebürgert, bie jüngeren nicht.
Aber das entfpricht den Thatfachen nicht. Die Fremdwörter „Meter“
und „Liter“ z. B. gehören der allerjüngften Schicht an und doch find
fie zweifello® eingebürgert: jeder Bauernburfche, jedes alte Weiblein
fennt und braucht fie und verſchmäht um ihretwillen die Beutfihen
Ausdrüde „Stab* und „Kanne“, die das Geſetz neben den fremi
als zuläffig Hingejtellt hatte. Im dem Alter der einzelnen Fremd
wörter kann aljo der betegte Unterjchied nicht Liegen.
Aber vielleicht in ihrer Form? „Meter“ und „Liter“ Klingen
fo hübſch deutſch, daß man ihnen den fremden Geburtsfchein mich:
mehr anmerkt. Die Wörter „Pofaune” und „Trompete“ find dod
gewiß eingebürgert, denn auch fie verftcht jeder Bauernburſche um
Ueber Sremdwörter. 327
jedes alte Weiblein, und doc ift ihr Klang und ihre Form fo gar
nicht deutſch, ſchon die Betonung allein fennzeichnet fie ala Fremd»
linge. Form und ang fann aljo den Unterjchied. aud) nicht be—
jründen. Aber Halt! jet haben wir's doch wohl! Bei ben vor-
Regenden Beifpielen ift immer das als eingebürgert angefehen wor-
den, was jeder Bauernburſche und jebes alte Weiblein verfteht.
Darin alfo wird's liegen! — Vielleicht. — Wenn jämmtliche Be—
wohner Deutjchlandz ein Fremdwort fennen und verftehen, dann ift
es ficher eingebürgert, das läßt fich wohl nicht anfehten Wenn
aber nicht fämmtliche, wie liegt die Sache dann? Etwa die Mehr-
zahl? Ja, wer foll denn das beftimmen? Dean ann doch nicht
über jebes Fremdwort eine bejondere Volkszählung abhalten, um
feitzuftellen, wie viele es fennen und verftehen. ienn Das aber
nicht geht, fo find wir bei dem einzelnen Fall auf eine Schägung
angewiejen. Das aber ift ein ledig jubjeftiver — man verzeihe mir
das Fremdwort, aber ich weiß feinen deutfchen Ausdrad dafür —
Mafitab, für den feine Gewähr der Richtigkeit gegeben iſt. Im einer
großen Anzahl von Fällen wird ja allerdings die Schägung von
allen Seiten unbeftritten fein, aber es giebt doch auch eine ganze
Anzahl derjelben, über welche die Anfichten auseinander gehen
werben unb über die man daher eine ſichere Entſcheidung nicht wird
fällen können.
Wir fehen aljo, daß, wie man die Sache auch drehen und wen
den mag, ein ficheres Kennzeichen, ob ein Fremdwort eingebürgert
fei ober nicht, ſich nicht findet. Es werben immer eine Anzahl Zälle
übrig bleiben, bei denen man ſchwanken wird, ob die Einbürgerung
ftattgefunden habe ober nicht.
Wenn dem aber jo ift, dann tritt fofort die weitere, ſchon oben
berührte Frage an uns heran, kraft welches Rechtes man die bei
jedem Wort begonnene und bei manchen ſchon recht vorgerüdte Ein-
bürgerung glaubt unterbredjien zu dürfen.
Dan wird vielleicht jagen: „Weil wir eine reine deutſche Sprache
ben wollen.“ Als ob e8 irgendwo in der Welt eine in diefem
inne reine Sprache gäbe! Die giebt es fo wenig, wie es reine
und ungemijchte Volker giebt. Im bunten Getriebe des Lebens
wandern nicht bloß Perfonen von Ort zu Drt und laffen fs unter
ftammfremben Leuten nieder, ſondern es finden auch gewerbliche Er⸗
eugniffe, Erfindungen u. ſ. w. des einen Volkes Eingang und Ber-
Vrertung bei den andern, und in beiden Fällen dringt gar leicht ein
gembmon ein, insbefondere behält zumeift eine fremde eingeführte
sache auch ihren fremden Namen. Daher wimmeln denn aud) Spra-
hen, von denen man es gewöhnlich gar nicht annimmt ober vers
muthet, von ‘Fremdwörtern. Einige Beifpiele mögen das zeigen.
Als Ulfilas zum erjten Male die Bibel in deutſche Zunge
übertrug, da war doch ficherlich der Vorwurf der Frembländerei, wie
man ihn uns fo oft macht, gegen die Gothen nicht zu erheben, und
dennoch ftrogt feine Bibelüberjegung von Fremdwörtern, Nicht bloß,
328 Heber Eremdwörter,
daß er für die religiöfen und firchlichen Begriffe, wie apaustaulus
.Apoſtel“, aivaggeljo „Evangelium“, sabbato „Sabbath“, aggilus
„Engel“, die fremden Ausdrüde beibehielt, nein, auch ſonſt ftedt das
Gothiſche voller Fremdwörter ‘aus aller Herren Länder. So find
3. B. läteiniſch aurali „Schweißtuch“ (= lat. orale), aurkeis „Krug“
urceus), ſlaviſch ift plinsjan „tanzen“, galliſch find reiks
„Si eisarnı „Eifen“ und mande andere. Da es fich hier um
Ausdrüde des gewöhnlichen Lebens handelt, jo ift mit Sicherheit
anzunehmen, daß nicht etwa Uffilas dieſelben in die gothifche Sprache
einführte, ſondern daß fie bereit? vor ihm im Munde des Volkes
gang und gäbe waren.
Auch, das Franzöfifche ift von Fremdwörtern in einer geradezu
erfchredenden Weiſe aurehfeht, nur daß die Sache hier minder auf-
fällig ift, weil die Fremdwörter zumeijt berjelben Quelle entfloffen
find, wie die echt franzöfifchen Wörter, nämlich dem Lateinijchen.
Der Unterſchied ift der: echt franzöfifch find diejenigen Wörter,
welde von den Römerzeiten her bei den Galliern und ihren Nach—
fommen in ununterbrocdenem Gebrauche geblieben find, lateiniſche
Fremdwörter find diejenigen, welche erft zu einer fpäteren Zeit, viel-
ah durch Gelehrte, in die franzöfiiche Sprache wieder eingeführt
find. Beide Arten von Wörtern find für den Sprachforjcher jehr
leicht an ihrer verjchiedenen lautlichen Geftalt zu unterjcheiden. So
ift 3. B. nation ein Fremdwort, echt — müßte es naison
heißen, wie es raison, déclinaison, conjugaison heißt. So iſt chose
echt franzöfifch, cause ein Fremdwort, beide vom lateinifchen causa
herkommend; cbenfo ijt naif echt franzöfijch, natif ein Fremdwort,
beide auf lateiniſch nativus zurüdgehend.
Diefe Beilpiele genügen wohl, um zu zeigen, daß nicht bloß
unſer jegiges Deutſch, ſondern alle andern Sprachen auch voller
Fremdwörter fteden. Das Fremdwort ift der Niederichlag des Ver-
kehrs von Volt zu Volk, und eine Sprache ohne Fremdwörter ift
überhaupt nur denkbar bei einem Wolfe, welches fernab vom Welt-
verfchr irgendwo im Ozean auf einer entlegenen Infel wohnt. Aber
jobald das erfte europuͤiſche Schiff zu diem fommt und ihm bie
Belanntjchaft mit dem „Feuerwaljer“ oder dem Schießgewehr ver-
mittelt, dringt das Fremdwort auch in dieſe Meereseinjamkeit. Mit
der fremden Sache ftellt auch das fremde Wort ſich ein.
Von diefer Seite aus betrachtet, find die Fremdmwörter nicht bloß
ein geſchichtlich gewordener, fondern auch ein geſchichtlich höchſt in-
tereffante, ja jelbft wichtiger Theil der hraden. Es ſpiegelt fich
in ihren verſchiedenen Schichten der Entwickelungsgang der ganzen
Suftungefshichte eines Volkes wieder, und fie find gleichfam die Wahr-
und Merkzeichen in ber Sprache, an denen man dieſen Gang ver-
folgen kann. Sie austilgen, heißt einfach, an Stelle eines natürlic,
gewachjenen Waldes eine Baumſchule jegen, und die Veitrebunge
in diefem Sinne find etwa den Beftrebungen derer zu vergleichen,
die unjere gefchichtlich getvordene Rechtſchreibung durch eine „Fonetijche
Ueber Sremdwörter. 329
Ortografi“ erjegen wollten. Auch jene Tempelſchändungen find
ähnlich, die in manchen Städten aus den herrlichen alten Straßen
mit ihren Beifchlägen, Erfern und dergleichen geradlinige Fahrıvege
ſchufen, an beiden Seiten eingerahmt von elenden Miethafajernen.
Der Mangel an gefchichtlichem Sinn ift e8, der in allen dieſen
Dingen ſich zu erfennen giebt.
Aber nicht bloß. die Entſcheidung iſt ſchwer zu treffen und
ſchwankend, wie wir foeben gefehen, ob ein Fremdwort eingebürgert
jet ober nicht, fondern auch der Begriff „Sremdivort“ ſelbſt wird
gewöhnlich ganz einfeitig gefaßt und infolgedeſſen manches gar nicht
ol Se wort angefehen, was doch im richtigen Sinne durchaus ein
olches ift.
Die Sache, die ich im Auge ‘habe, ift die folgende. Bekanntlich
hat jedes Wort zwei Seiten, eine innere und eine Äußere, feine Be—
deutung und feine Form. Die Iandläufige Veftimmung der Fremd-
wörter geht num ganz einfeitig mur von der äußeren Geite aus,
indem es ein Fremdwort nur das nennt, was der Form nad) aus
der Fremde ftammt. Aber die innere Seite des Wortes ift nicht minder
maßgebend, ja vielleicht noch wichtiger, weil in ihr die abweichende
Anjchauung des fremden Volkes ſich darftellt, die fremde Volksſeele,
wenn ich jo jagen foll. Wenn man dies erwägt, fo findet man leicht,
daß es drei verfchiebene Arten von Fremdwoͤrtern giebt, folche, in
denen Inhalt und Form, folche, in denen nur die Form, und folche,
in denen nur die Anfchauung aus der Fremde herüber genommen ift.
Wenn ber Sranzoje le heimweh oder heimve fagt, fo braucht
er ein Fremdwort der erſten Art, denn Begriff und Form des Wortes
ift ihm beides gleich fremd. Bemüht er fa, es zu überfegen, etwa
durch le mal du pays oder le desir de la patrie, fo hört er zmar
heimifche Laute, aber ein Fremdwort braucht er doch, denn der Be—
wiff, Die in dem Worte liegende Anfchauung ift ihm cine fremde.
on Fremdwörtern diefer Art, die man indeß gewöhnlich gar nicht
als Fremdwörter rechnet, find aber die Sprachen nicht minder an-
gefüllt, als von denen ber bloßen Form. So ift in dieſem Sinne,
um nod ein weiteres Beiſpiel anzuführen, franzöfifches la contree
ein Fremdwort, denn ed verdankt feinen Urjprung dem deutjchen
„Gegend“, nach, deſſen Mufter man fic) von contre „gegen“ das neue
Wort contree bildete.
Fremdwörter diefer Art haben wir auch im Deutfchen genug,
aber es wird bis jet Die Ningabe darüber vermißt, wie ſich der neue
Seutjchgefinnte Verein gegen diejelben verhalten will. Will er auch
fe verbannen, jo wird er fürwahr ein hart Stück Arbeit haben.
IN er, was ich für wahrjcheinlicher halte, es nicht, jo erhebt fich
fig die ge e, weßhalb er jo einjeitig nur gegen die Wörter vor-
en wolle, die ein fremdes Gewand tragen, nicht aber gegen die,
‚che ihrem innerſten Wefen nad Sremblinge find. Das ift ein
„fahren, welches boch lebhaft an den alten Spruch erinnert: „Die,
inen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen.“
330 Heber Sremdwörter.
Das Vorftehende wird zur Genüge dargethan haben, daß in der
That der Begriff „Sremdwort” ein ſchwaniender und fließender ift.
Nicht befjer aber fteht es mit dem Begriffe „entbehrlich“. Hier fehlt
die Beſtimmung, wem entbehrlid. Das macht ſchon bei Gegenftänden
des gewöhnlichen Lebens einen bebeutenden Unterfchied, wen man im
Ange bat bei der Frage, ob etwas entbehrlich fei. Dem Dandy find
Zaditiefel und Monocle unentbehrlich, mir perjönlic find fie jehr ent-
behrlich. Eine Weduhr hingegen ift mir unentbehrlich, aber dem Dandy
Kir entbehrlich. Noch mehr aber tritt diefes Wem? hervor bei Dingen,
ie das geiſtige Qeben betreffen. Ein lateiniſches Wörterbuch und Leffings
ämmtliche Werke find mir nicht entbehrlich, aber einem Bauernburjchen
jehr. Und eben jo ſteht's auch mit den Fremdwörtern. Ich kann die
vembwörter „jubjeltiv“ und „objektiv“, für bie ich feinen beutfi
usdrud weiß, nicht entbehren, dem Kaufmann werden fie entbehrlich
fein. „Kredit“ und „Ched“ Hingegen, die mir ſehr entbehrlich find,
werben biefem unentbehrlich fein. Dem Bauernburfchen aber werben
fie alle entbehrlich fein.
„Nun gut“, werden die Fremdwörterftürmer fagen, „jo wollen
wir das Hinausthun, was allen entbehrlich ift“ Das ift jehr ſchön
jo weit, aber ich habe doch auch hier meine Bedenken. Sind wir
nn überhaupt in der Lage, feftzuftellen, ob ein Fremdwort allen
entbehrlich ift?_ Das ginge doch in aller Schärfe wieder nur durch
eine Bolfabftimmung in jedem einzelnen Fall. Da das aber eben
nicht angeht, jo find wir wieder, wie bereils oben in einem anderen
Falle, auf Vermuthung und Schägung angewiefen. Das ift aber
wieder nur etwas Subjektives, welches in jedem einzelnen Falle auch
der abweichenden und entgegenftehenden fit Raum läßt. Damit
aber ift ber Deariff „entbehrlich“ ſchwankend und fließend geworden.
„Aber es giebt doch aud) ein objeftives Kennzeichen“, würden
bie Beutfäthänier erwidern, „ob ein Fremdwort entbehrlich fei ober
nicht“. „Übjektives Kennzeichen“, das ift ſchweres Geſchützi Alſo
demaskirt eure Batterie (pfur, pfui, „Demaskiren“ und „Batterie“!)
ihr en. „Bremdwörter find dann entbehrlich, wenn es einen
deutſchen Ausdrud für den betreffenden Begriff giebt.“ Vortrefflich,
aber —. „Schon wieder ein Aber!?“ Ja, es thut mir leid, aber
ich lann's nicht ändern.
Giebt «3 denn überhaupt in je zwei Sprachen Ausdrücke, Die
1 in ihrer Bedeutung völlig entfprechen? Das franzöfifche aimer und
as beutjche „lieben“ deden fich in ihrer Anwendung zwar vielfach,
aber durchaus nicht immer. Die Summe der möglichen Anwendungen
eines Wortes macht aber eben feine Bedeutung aus. Iſt ein folches
Nichtſichdecken aber ſchon bei fo alltäglichen Wörtern, wie den ge-
nannten, der Fall, jo wird das um jo mehr fein bei Ausdrüden aus
dem Gebiete des höheren geiftigen Lebens. Hier ift die Zahl ber
Fälle eine recht große, in denen wir einen deutjchen Ausdrud haben,
der dem fremden anjcheinend entipricht und ber in einer Reihe von
Anwendungen ihm auch wirklich entjpricht, der aber dann in einem
Ueber Scemdwörter. 331
befonberen gegebenen Fall plötzlich verfagt und ſich mit dem fremden
nicht mehr _dedt, fo dag man nad) einem anderen deutfchen Ausdruck
ſuchen muß und zu dem ſchließlichen Ergebniß gelangt, daß man
für das eine Fremdwort zwei oder auch noch mehr verfchiedene
Bee Musbräde nöthig hat, um demſelben in allen Verbindungen
gerecht zu werben.
Das wäre nun freilich an fich nicht fchlimm, aber nicht Selten
wird doch aud der Fall eintreten, daß Ne) war für die Mehrzahl
der Fälle ein beutfcher Ausbrud einfegen —* der aber dann plötz⸗
lich in einem Falle nicht paßt, ohne daß ein zweiter deutfcher Aus-
drud fi) finden will, jo daß man alfo dann doch das Fremdwort
beibehalten muß und ed fomit nur für einen Theil der Fälle „ent
behrlich“ ift. Dann läßt ſich aber doch billig fragen, warım man
es denn nicht lieber überhaupt weitergebrauchen jolle.
Wie man fieht, ift es alfo doch auch mit dieſem objektiven
Be für die Entbehrlichfeit der Fremdwörter recht mangel«
t beitellt.
Eines aber hat mich bei dem obigen Sage recht angenehm und
wohlthuend berührt, Dankbar anzuerkennen ift es, daß bie neuen
Begnigfchäfer nur diejenigen Fremdwörter für „entbehrlich“ halten
wollten; bie allen entbehrlich, find, daß fie alſo die jogenannten
Kunftausbrüde, die termini techniei der einzelnen Willenfchaften
oder Kreife des gewerblichen Lebens, ſchonen wollen, wenn nur —
ich komme hier einmal der Abwechslung halber mit einem Wenn
ftatt einem Aber — es ihnen hiermit auch wirklich Ernft ift. Aber
es liegen allerhand bedenkliche Angeien vor, die in Bezug auf diefen
Punkt etwas mißtrauiſch machen. Daß man vonfeiten der Reichs—
poftverwaltung bie ſiameſiſchen Zwillinge Telegraph und Telephon
don einander gejchnitten und aus legterem einen Fernſprecher ges
macht hat, ift h jon recht bedenklich, noch bedenklicher aber, daß kürz-
lich auf einer immermann-Verfammlung, die fi bedauerlicher
Weiſe Architelten-Verfammlung nannte, alles Ernſtes geforbert ift,
& follten bi] die Fremdwörter in ber Baukunſt, jo wie auch in
der Grammatik durch deutjche Ausdrücke erjegt werden.
So iſt's recht, Ihr Herren! Führt das nur einmal folgerichtig
einige Jahre Bund) und Ihr werbet fehon jehen, was für Folgen das
hat. Wenn Ihr Euch freiwillig auf den Iſolirſchemel jegt, jo werdet
Ihr auch bald genug ifolirt Gin. Die internationale Wiffenfchaft
wird über Eure Werke, beren Verſtändniß Ihr ohne Noth jo
erſchwert, bald genug zur Tagesordnung übergehen und Euch ber
ſelbſtgewollten oticthet überlaffen.
Ind nun gar erit der zweite Vorſchlag! Die Schule wird recht
dankbar fein, daß Ihr gerade jet, wo das Gejchrei über Ueberbür-
dung aus allen Winkeln erſchallt, den Schülern eine Doppelte Garni—
tur grammatifcher Ausbrüde, deren Zahl doch feine kleine ift, aufs
bürden wollt. Zu entbehren find felbjtverftändfich die fremden Aus—
drüde nicht, denn der Unterricht im Lateinifchen verlangt fie, mit
DZ FE Ze
Ueber Sremdwörter.
were engen ʒvendigleit, und ebenfo auch der im
und Englischen, denn Franzoſen und Engländer find
Völker, ala daß fie einer Etoben Schrulle zuliebe aı
nationalen Ausdrüde ‘Verzicht leiten ſollten. Nur un
Schulen will man daneben noch „vaterländijche”
aufpaden.
Aber dabei ift man noch nicht ftehen geblieben.
man auch die mediziniſchen Kunftausdrüde verbann
Miene gemacht. Es muß recht hübſche Beortbilbungen
man 3. den museulus sternocleidomastoideus auf deu
will. Und recht nüglih wird's ja aus fein, wenn die
Ausdrüde deutjch find, denn die Zahl derjenigen Leute
Ausdrüde überhaupt gebrauchen, wie groß hi fie den
den eigentlichen Fachleuten!
ur zu auf diejem Wege, Ihr en, dann wird
Lächerlichkeit fi bald genug von ſelbſt an Eure T
Nur muthig fo weiter!
Doch man mißverftehe mich nit! Ich bin n
Gegner, wenigſtens fein grundjäglicher, diefer Sprac
wegung. Das, worauf es mir bei diefen Erörterunge
nur zweierlei, einmal, zu zeigen, Daß Die ganze Frage
leicht und einfach ift, wie der gewöhnliche — Wald
Sprachphiliſter jie ſich vorſtellt, und zweitens zu war
doch ja fein vorſichtig und beſonnen vorgehe, damit ma
das ind mit dem Bade ausfhütte und fich ſelbſt ü
lich mache.
—
Der Yuchs.
Nach dem Franzöfiigen von 8. Ludwig.
Der Baumgarten meines Pathen zeigte mir noch ganz das alte
Geficht; in Leier- und Fächerform gezogene Birnbäume Handen in
einer Reihe längs der Einfafjungen da, und an ben Eden der Ge-
müfebeete zeigten ſich die hübſchen Apfelbäume in Form von Cham-
pagnergläfern ‚ober gefälligen Vaſen. Die Folter und Mißhandlung
Bäume triumphtrte hier bei jedem Schritte.
Auch mein Pathe hatte fie, nicht verändert. Im der grünen
Laube figend, las er noch ohne Brille feinen alten Horaz, den ich
von weiten auf den erjten Blid erkannte. Auch den alten Stroh-
But der feinen Kopf bebedte, glaubte ich wieder zu erfennen. Die
ſche feiner blauen Schürze barg eine Baumfcheere und ein Meffer
um Pfropfen. Als er mich kommen hörte, erhob er ſich Tebhaft;
jein magered Geficht Härte ſich auf und überzog ſich mit freundlichem
in.
„Wie, Du biſt es?“ Bei dieſen Worten umarmte er mich und
küßte mich auf beide Wangen. „Nun denn“, begann er nad einem
Weilchen, „was verjchafft mir das Vergnügen Deines Lieben Defuhes?
Angenehm in der t, nur etwas zu felten, ohne Dir jedoch deß—
Halb Vorwürfe machen zu wollen.“
„Sathe, ich komme, Sie um einen guten Rath zu bitten.“
Willſt Du? Und zu welcher Veranlaffung?*
Zwei Familien, die ich befuche, haben beſchloſſen, mich zu ver
traten.“ j
„Den Teufel auch!“
„Man Hat mir zwei junge Mädchen vorgeichlagen, die beide
ei zei und gleich —X find; die eine iſt brünett, die andere
lond, und... .“
„Seit n ben beiden ſchwankt Dein .
„Gewiß, fo ift && Sol ich die Blonde ober ‘die Brünette
„heiraten?“
„Oder nehme ich weder die Dunkle noch die Helle?“
„Was denfen Sie dazu, mein teurer Pathe?”
„Run, wenn Du durchaus meine Meinung hören willit, jo denke
) wie Bantagruel, daß es eben jo viele Gründe für als gegen bie
eirat giebt.“
"gi vollen Ernſt, welchen Rath, geben Sie mir?“
naenahee mich der liebe Himmel, Dir in dieſer Angelegenheit
zathen!“
Am Kamin.
„Und warum nicht?“
Wieberlege doch, wie viel Kummer es uns bereiten würde, went
mein Rath fe Mir wäre und Du befolgteft ihn, oder er wäre gut
und Du befolgteit ihn mich - BP
„Was wünfchen Sie dann, das ich thue?“
Thue jegt gar nichts! .. Warte noch!“
Das Leben gleicht einer aus vielen Theilen guiommengefegten
Uhr, deren Ueberwadhung man dem Uhrmacher überlaffen muß; je
mehr wir und um ihre Zeiger und Räderchen befümmern, defto mehr
risliren wir, ihre Bewegung in Unorbnung zu bringen.
„Sie meinen aljo?“
„Die Sachen arrangiren ſich immer ganz von felbit; mifchen
wir ımfere Hände darein, werben wir fie nur mehr verwirren.“
Geſtatten Sie!“
„Du kennſt die Gefchichte von Ariftomenes, dem waderen Vers
theibiger feines Vaterlandes Meffenien.”
Derſelbe, der in einen Abgrund Hinabgeftürzt wurde?“
„Genau derſelbe; cr wurbe von ben barbarifchen Spartanern
mit einem Theil Kampfgenoffen gefangen genommen und in eine
tiefe Felſenſchiucht hinabgeworfen. Alle feine Kameraden zerichmet-
terten I! beim Hinabfallen an den rauhen Felfenwänden die Schädel.
Nur Ariftomenes fiel lebend auf die Leichname feiner Kampfgenoöſſen;
er überlebte fie aber nur, um einen längeren Todestanpt auszu⸗
halten. Ein Ungeduldiger hätte ſein Leiden abgelegt und an dem
harten Felſen ſich den Schädel eingerannt. ‚ nicht jo dumm,
Ta —D PR dem Geruch der
„Endlich fam ein Fuchs, angezogen von er r Leichen...
‚Er ift doch nicht vom Himmel herabgefallen, fagte fi —ES
dieſer Abgrund muß demnach auch einen unbefannten Ausweg daben!“
Auf diefe Annahme Hin lauerte er auf den Fuchs, heftete ſich an
feine Schritte und gelangte hinter ihm durch eine Deffnung ins
Freie, erſchien wieder in Meffenien und, indem er aufs neue den
Muth feiner Krieger anfchürte, zwang er die Spartaner, den Krieg von
vorn anzufangen.“
„sa, und Ihre Meinung?“
vn... It, daß der Fuchs ſchon kommen wird; es genügt, ihn
zu erwarten.“
„Sie haben gut reden.“
Ich ſpreche darüber freilich etwas gelehrt; allein ich habe mich
ſelbſt u denſe ben Abgrunde befunden, in dem ich Dich ſehe ...*
„Sie?“
„Und der Fuchs ijt gelommen, mich herauszuziehen.“
„Ei was! Man follte kaum denken .. .“ Bi
„Sege Dich, ich will Dir das erzählen, indeß Katharine und
das Frühſtück zubereitet.“
ch ſetzte mich auf die ländliche Bank, die Bienen ſummten um
die Laube herum, angezogen von dem füßen Duft des Jasmin; in
. Am Kamin. 335.
der Hede ließ ein Rothkehlchen feine liebliche Weife ertönen und auf
— benachbarten Kirſchbaume zankten ſich eine Bande Spatzen
rum.
„Sch war damals in Deinem After“, begann mein Pathe, „ebenfo
erpicht auf die Gefchichte wie Dur auf die Malerei es biſt. Ich
theilte mein Leben in zwei Hälften: ſechs Monate des Jahres durch-
ftöberte ich die Bibliotheken von Paris, ſechs Monate hindurch reifte
ih durch Europa, ftet? auf der Suche nach gejhichtlich genauen
Thatjachen und Ausſtaffirungen. .
Es war jene Zeit, wo ich mein Buch über die „Normannen in
Sicilien“ vorbereitete. Ganz in dieſe Arbeit vertieft, hielt ich alles
von meinem Leben fern, was nicht irgend eine Beziehung zur Herr⸗
Schaft der Normannen Hatte, und bewegte mich fajt nur unter Ge—
fehrten, welche ftarf im Entziffern alter Urkunden und vergilbter
Handichriften waren. Wenn id) aber von biefen Abendzirfeln nad)
Haufe fam und mic) ins Bett legte, fo träumte ich doch nur von
den Normannen und ihrer Baukunft in Palermo und Meffina.
Niemals hatte ich daran gebadjt, daß noch etwas an meinem
Glücke fehlen könnte. Unglücklicherweiſe hatte aber doch jemand für
mid) daran gehadit An Tage, wo ich meinen Onkel Charles
und meine Tante Godet benachrichtigt hatte, daß ich bald nad
Neapel abreifen werde, jchrieben fie mir zu gleicher Zeit, gerade als
ob fie e8 mit einander abgefartet gehabt hätten:
Ich hoffe recht ſeht, daß Du nicht an Verfailles vorüberreifen
wirft, ohne mir einige Tage gu ſchenken.“
Ich Hatte beabfichtigt, ihnen 24 Stunden zu wibmen und bil
dete mir ein, damit völlig genug gethan zu haben, fo jehr hatte ich
mit der Zeit geizen gelernt, die ich den Normannen entzog; allein
beim Empfang diejes doppelten Briefes fühlte ich doch, daß diefe
Knauferei mit der Zeit mich einer doppelten Beſchuldigung von Un—
Dankbarkeit ausjegen möchte.
Alles, was ich war und hatte, verbanfte ich meiner Tante
Godet und meinem Onkel Charles. Allein in der Welt geblieben
und bemahe ohne alle Hilfsmittel, auch abſolut untanglich zu einem
einträglichen Geſchäft, würde ich ohne die Unterftügung, die fie mir
fließen ließen, niemals fo theuere Studien ge fortjegen können,
ie mir zu jener Zeit auch nicht das Mindefte einbrachten. Gewiß
hatte ich nicht das Necht, dies zu vergeffen und durch meinen Beſuch
ihnen zu zeigen. Ich jagte ihnen daher eine volle Woche zu, und bie
habe ich ihnen denn auch geſchenkt.
Die eriten Tage verflofjen auf die bejte Art von ber Welt und
ich hegte nicht das mindeite Mißtrauen. Ich ſpeiſte bei meinem
Onkel Charles zu Mittag und bei meiner Tante Godet zu Abend;
fie ſchienen beide nicht gut auf einander zu ſprechen — er fanguis
nijchen und fie Soletifgen Temperament, liebten fie ſich wenig und
ſahen fi höchit felten. Ich erzählte ihnen von den Normannen, fie
hörten mir gern zu und jo ftand die Konverjation nie ftill.
336 Am Kamin.
Den Sonntag nun — mein Lebtag werde ich jenen Sonntag
nie mehr _vergeffen — "Hatte ich bei meinem Onfel, welcher damals
in dem Haufe wohnte, das ich heute bewohne, zu Mittag geipeift.
Nachdem die Vesperglode verhallt war, traten wir beide Arm in
Arm unten im Baumgarten, wo wir jet find, einen Spaziergang
an, und ich erzählte meinem Onfel eben wieder von den alten Nor-
mannen umd ihren Bauten, als er auf einmal haftig ftehen blieb
und x mir fagte: „Apropos; wann willſt Du Did verheiraten?“
Diefe von einem verftodten, alten Junggefellen fommende Auf-
forderung zum Heiraten hatte für mic) etwas fo unerwartetes, daß
“5 mich nicht enthalten Konnte, in ein lautes Lachen heraus zu
plagen. J
„Lachen Sie nicht, Monſieur“, fertigte mich mein Onkel kurz
ab, „das ift durchaus nicht zum Lachen.“
Und er gerieth in der t in einen wahren Eifer, und ohne
etwas hören zu wollen, hielt er dem Eheftande eine feierliche Ver-
theibigungsrebe, in der er bie brolligften mit ben ernfteiten den
mijchte und bald Stellen aus der Bibel und den Kirchenvätern, bald
aus Nabelais citirte; alles war ihm recht. Ich war außer mir vor
Erftaunen.
„Wenn er nur vom gejundheitlichen Standpunkt wäre!” fagte
er babei. „Giebt es wohl etwas, das Deiner ganzen Lebensweiſe
nachtheiliger fein fünnte, als dieſe ewige Koft im Speifehaufe?
Willſt Du denn auch fchlagflüffig und gichtkrank werben wie ich?
Oder gelb- und gallfüchtig wie die Tante? Ober ziehft Du es etwa
vor, eine Haushälterin zu nehmen, die Dein Vermögen aufzehrt und
Dich nur ſchulmeiſtert ?
„Aber mein lieber Onkel...“ \
„Ach, hier giebt es fein „aber mein lieber Onkel!“ .. Ich rede
in Deinem Intereffe, und wenn Du da8 nicht gutwillig begreifen
willſt, jo werde ich Dich wohl zwingen, es zu Fegreifen u. N
werde Dir Deine Leibrente entziehen! .. .“
„Meine Rente!“
„Dann giebt es feine Unterfuchungen mehr! feine Reifen! feine
Normannen! Ic bleibe taub und werde kein Wort erwidern.“
Nur mit Mühe vermochte ich heraus zu ftottern: „Das werben
Sie thun?“
„Gewiß, Monfieur!“ B
„Und auf welche Veranlaſſung Hin, mein gebietender Herr?
Warum?" J
„Warum? ... Weil ich Dich lieb Habe! Weil ich Dir nicht
ein fo abgefchmadtes Leben wünſche, wie ich es führe, und damit Du
nicht einen jo fchlechten Magen befommft, wie ig ion mir mache.
Weil aud in der Schrift geichrieben fteht: „Der Menſch ſoll nicht
allein fein!“ Und gewiß hat der, von dem dieſe Worte gejchrieben
worden find, auch recht gehabt.“
Deine, Google
%
£
Am Kamin. 337
„Mein lieber Onkel ... .“
Ich entziehe Dir Deine Leibrente und damit Baſta!“
Es war unmöglich, ihn davon abzubringen. Fir den Augen-
blick wenigftens war er unbeugſam und ich wohnte nur bem Aus-
bruch einer feit langem geladenen Mine bei. Ich fand es daher ein-
facher, den Rückzug anzutreten und verfprah, mir die Sade zu
überlegen, Fhlenderte hin und her, nad; Ausflüchten fuchend, fand
aber nur fchlechte.
Als ich zu meiner Tante Godet fam, um mit ihr zu Abend zu
fpeifen, mußte fie auch meine Verzweiflung auf meinem Gefichte ge
Tefen Haben; denn kaum war ich zu ihr eingetreten, fo ftagte %
mid) fhon: „Sage mir, was ift Dir? ꝛ ö
Mir? Nichts... Nur der Kopf ift mir ein wenig einge,
nommen.“
„Armer, lieber Sohn!“ rief fie plögfic mit einer mitleibigen
Stimme aus; „ich errathe Deine Befcäftigungen und erwartete auch,
Dich Vertrauen von Dir... Du haft gehört, die Rathichläget der
atur .... .* .
„Sie wollen jagen? ...“
> „Du bift unzufrieden mit Dir! Du fühlt wohl, daß dieſes
Leben fo nicht mehr länger fortdauern fan. Du begreift endlich,
daß ber Augenblid gefommen, Dich zu verheiraten.” .
Ein Angftfeufzer entjchlüpfte mir: „Wie? ... Noch einmal!”
„Roc einmal? Sollteſt Du fchon verheiratet fein? Etwa im
geheimen?“ .
Ich Hatte nicht den Muth zu diefer Täufchung, die mich viel-
Teicht gerettet Hätte. Ich ſchühte eine tolle Leidenſchaft für eine
Frau vor, bie ig nicht ehelichen könne, da ſie mir in der Erinnerung
immer als eine Todte erſcheine. oo.
„Die Ehe wird Dich heilen“, erklärte fie, „wird Dich beruhigen.“
Und fie jchaffte die Argumente mit einer Vegeifterung herbei,
die ich fonft an ihr nie bemerft hatte. Und mit welcher Beredtſam⸗
Teit ließ fie mich in die Leere meines freudlofen Dajeins hinein-
hauen!
! „Willſt Du denn, wenn Du frank wirft, von Sremben gewartet
und gepflegt werben? Willit Du fterben, ohne Kinder zu himter-
Yofjen, als Erben Deines Talents, um Dein Werk fortzufegen? .. .”
Sie ſchloß ihre feierliche Rede mit den Worten, die ich er-
wartete: „Was ich Dir fage, ift nur in Deinem Interejfe, und wenn
Du eigenfinnig Dich nicht davon überzeugen willft, fo hoffe ich, Dich,
dahin bringen zu koͤnnen; ich werde Dir Deine Leibrente entziehen!”
Diesmal hatte es eim ſchönes Ende genommen. Jetzt galt es,
ſich zu entf—eiden: entweber den Normannen zu entjagen, oder mich
in eime weibliche Gewalt zu fügen, zwei Beripeftiven, welche mir
einen gleichen Schreden eimflöhten. Endlich verjuchte ich zu ant-
worten:
„Aber, meine gute Tante, meine Kinder, wenn ic) welche habe,‘
Der Salon 1889. Heft IT. Band J. 23
338 Am Kamin.
werden vielleicht gar nicht wünjchen, mein Werk fortzufegen, und Die
Gegenwart einer Sr wird mich verhindern, felbft es fertgufe a.“
Diefe legte euherung rief einen neuen Strom von Berel anne
feit hervor: „Ganz im Gegentheil!“ rief meine Tante aus; „bie
Gegenwart eines liebenden und geliebten Weſens wird Dich er-
muthigen und Deine Kräfte verboppeln. Das ift ja gerade das
Wunderbare in der Ehe: fie ſchützt Euch vor allerhand Widerwärtig-
Teiten; fie verdoppelt Eure perſönlichen Hilfsmittel; fie fügt jedem
der Gatten fämmtliche gute Eigenſchaften andern bei; fie...“
Sie ſprach nod) lange, aber ich hörte fie nicht mehr, da fiel
ein Lichtjtrahl von oben herab und erleuchtete meinen Abgrund.
Ich erblidte den Fuchs .. Und als fie geendet hatte, fing ich an:
„Sagen Sie mir bod), meine liebe Tante, wenn Sie in ber
Ehe fo viele Vollfommenheiten finden, warum haben Sie fi nicht
verherratet ?"
Meine Tante machte ein den Umftänden amgemeffenes Geficht
—E „Ein junges Mädchen iſt nicht die Herrin ihres
ichhal3."
„Nun gut“, wagte ich fortzufahren, „aber eine ältere Dame?“
Sie blidte mid erftaunt an: „Was willſt Du damit fagen?
Erkläre Dich!“
Meine Idee war wohl ein wenig macdjiavelliftiich; allein es
blieb mir eben feine andere Wahl der Waffen; „Ich will jagen,
meine Tante, daß ich mich gern verheiraten werde unter der Bedin-
gung, a Sie mir mit einem guten Beifpiel vorangehen .. .“
Ich
„Erlauben Sie! Wenn Sie nach Verlauf ihrer erſten drei
Honigmonate mic noch ermuthigen, eine Frau zu nehmen, jo gebe
ich Ihnen mein Wort, daß ich Ihnen das Vergnügen machen werde.“
„Da kannſt Du leicht Dein Wort geben; aber Deine Voraus-
kan ift abgejchmadt, denn Du weißt wohl, da ich gar nicht daran
enfen kann, mich zu verheiraten.“
„Sagen Sie nur, dab Sie nicht wollen!“
nu sit VE In 7 a angſtlich⸗
Ach, Sie find noch ſehr flott! .. Nur zu ängftlich.
„Madit Du Dich FAR, über mid) Tuftige"
„Gott bewahre mich! Fragen Sie nur meinen Onfel Charles,
was er darüber denft!.. Er ſprach erſt vorhin noch mit mir über Sie.“
„Dein Onkel Charles?“
Meine Tante war wie aus einem Traume erwacht; aber dieſer
Name ftieß fie weniger zurück, als ich befürchtet Hatte. Es blie
mir demnach nur übrig, zu halten, was ich gejagt, und ich hielt e
mit kühner Stirn.
Ich erklärte daher, daß ihre beiderfeitige Antipathie ein Miß
verftändniß wäre, daß fie ſich alle beide mehr liebten, als fie &
ſelbſt glaubten, daß fie nur ſich geſchämt, e3 ſich einzugeftehen, da
ich — Dank dem Himmel! — Har in ihr Herz fähe, daß ich mu
!
\
‚Am Kamin. 339
Berjailles gefommen wäre, zwei fo unähnliche Wefen näher zu
n und. bemgemäß bazu beizutragen, fi; zu verſtehen.
Reine Tante hörte Hu ergriffen, gejchmeichelt und fich etwas
> an. Ich fehrte alle Argumente zu Gunſten der Ehe, die fie
: mir vorgeführt hatte, gegen fie um und fügte noch die hinzu,
ſich mein Onfel gegen mich bedient hatte. Cine volle Stunde
cch ſprach ich mit einer feurigen Beredtſamkeit, deren ich fonft
hig gewejen war, und ging endlich von. bannen, die würdige
in der Ueberzeugung zurüdlaffend, daß mein Onkel fie ſchon
vanzig Jahren im ftillen verehre.
Brechen wir denn auf! Und ftimmen Sie ein, liebe Tante?"
Wenn ich jemals einwilligte“, erklärte fie,. „indem. fie mich
3begleitete, jo geſchähe es nur um Deinetwillen, um Dich zu
m, mir nadzuahmen.“
Im folgenden Morgen hatte ich meinem Onkel Rede zu ftehen,
ir ſchon mit der e entgegenfam: „Nun? Wann verheis
Du Dich?"
Nah Ihnen!“
Ich?
„Wollen Sie denn, wenn Sie in eine Krankheit fallen, von
Fremben unterftügt und gepflegt werden, während Sie die.prächtige,
fiebenswürrdige Frau bei der Hand haben, die Sie höher ſchätzt, als
ich IHnen fagen kann .. .“ .
„Wen meinft Du?“
„Meine ‚Tante Godet.“
„Zreibft Du Scherz?“
Durchaus nicht, Onkel; ich weiß es von ihr felbft ...“
Kurz, er fegte ſich zu Tiſch, überzeugt, daß ihn meine Tante
immer geliebt habe. Beim Deſſert rief er dann aus: „Wahrhaftig,
wenn ich jemals einwilligte, fo geſchähe es nur, um Dich zu zwingen,
mir nachzuahmen.“
An folgenden Tage veranftaltete ich zwiſchen beiden eine Zu⸗
jammenfunft, und- drei Monate nachher war meine Tante Godet
Madame Charles. \
Bei meiner Rückkehr von Neapel frühftüdte ich bei ihnen und
ich habe fie feitdem oft gejehen. Niemals aber hat mich weder das
eine noch das andere an mein Verfprechen erinnert oder meine Rente
zurüdgehalten. Sie haben mich ganz ruhig bei meinen Normannen
gelaffen. Doc gehen mir nun hinauf. zum Eſſen, denn Katharine
erwartet und; aber ſprich micht mehr zu mir von der Braunen und
von der Blonden, denn ich will Dir nichts fagen, was einem Mathe
ähnlich fähe. Warte, bis der Fuchs kommt, ja der Fuchs!
23*
340 Am Kamin.
Grillparzer in Norodeutſchlanoö.
nlaßlich der Erſtaufführuug der „Judin von Toledo“ am 8. Oktober 1888 am
Deutſchen Theater“ zu Berlin.)
Was iſt uns ſchließlich Leſſings imgrunde völlig undramatiſcher
„Nathan“ (Eröffnungsauffährung am Leffingtheater) im üppigften
Bühuengewande imd Schillers „Demetrius“ (Eröffnungsaufführurng am
Berliner Theater), diefer herrliche Torſo mit der banaufifchen Fort⸗
führung bes „bühnenpraftiichen“ Altmeiſters Laube, gegen ein
wie Grillparzers „Jübin von Toledo“, dieſes köſtliche, Dramatifche
Juwel, welches uns foeben in würdiger Faſſung vom —
Theater“ dargereicht wurde?! Das deutſche Theater hat entſchieden
mit dieſer — im Öegenfag zu Nathan und Demetrius — für Berlin
leider! — wie. fo mancher von Grillparzer bisher nicht vorhanden
gewejenen Dichtung ben. Manen bes Dichters ein liches Opfer
gebracht. Die „YJübin von Toledo” ift und eine Novität gemeien;
biefes fatale Faktum ift bezeichnend für bie Gleichgiltigkeit ımd
Verfennung, welche Grillparzer bis jegt — 16 Jahre nach feinem
Tobe! — vonfeiten des norddeutſchen Publikums entgegengebract
murbe :.. Sah man body hier bisher zmitleibig Tacelnd auf ben
„Donauſchiller“ herab; das wird nun anders werden müſſen! Der-
jenige fennt Grillparzer nur wenig, der ihn nach feiner trefflichen
Medea“ (dem Paradepferd aller Heroinen) beurtheilt; ber ganze
dramatiſche Reichthum dieſes würdigen Genoffen eines Goethe, Schiller
und Kleift muß ung nad) und Mi) plaftifch-verförpers von Der Bühne
entgegeh treten — ber Anfang ift gemacht worden! — dann wird
mancher reuig feine einem Iple u. j. w. nachgebeteten Eritifchen
Zormeln ad aota legen und beſchämt ſig vor der Größe bes Genius
beugen. Ein wunbervoller poetifcher Reichthum offenbart fi in
Grillparzers Werfen (12 an der Zahl!)., Der Zauber einer minu-
tiößefeincifelirten, märchenhaft-füßen Sprade, mit ben hertlichiten
ſeeliſchſinnlichen Accenten Ohr und Seele beraufchend, burdhzieht —
oft wie Muſik aus anderen Welten — die Werte diejes Ay eſten
aller Epigonen, und trotz der Romantik des Stoffes, der Muſik der
Sprache iſt Grillparzer ein echt moderner Dichter in der nervös—
Pigchologifchen Anlage feiner Geftalten, in dem grübleriſchen An-
paden tieffter Seelenprobleme, in der Betonung des Schopenhauer
ſchen „Unbewuhten“. Wie Calderon ift ihm das Leben mur ein
Traum. Aber nur einmal — vorübergehend — befannte' er fih in
feiner „Ahnfrau‘ halb und Halb zu den Prinzipien eines Werner,
Müllner und Houwald. Bald in lauten, bald in leiferen Schtuingungen
erflingt überall bei ihm mächtig ergreifend die Klage der Endlichteit und
Vergänglichteit alles Srdifchen, aller irdiſchen Luft und THorheit ...
Mit Recht hat Profeffor Johannes Volkelt in Bafel, welcher
unferem Dichter jüngft eine prächtige Monographie „Franz Grill
parzer ald Dichter des Tragifchen“ gewidmet hat, das Tragifche in
«
Am Kamin, 341
Grillparzers Werken in der des Dichters unfelig-fenfitivem Tem-
ment entjprechenden, echt modernen Ausprägung hervorgehoben!
ür Grillparzer fängt die Zeit rechter Würdigung jet erft an. Seine
tiefe, zarte Innerlichteit, welche in glühend- optimiſtiſcher Dafeins-
bethätigung ber Sinne Befreiung fucht und babei an den Riffen der
rauhen Wirklichkeit den naturnothwendigen Schiffbruch leidet, wird
naturgemäß immer lebhafter, mächtig fortreipender auf das fanguini-
fchere Temperament des Sübdeutjchen einwirken, dem die Magie der
Sprache, der Bilder und Tropen beraufchend wie Afti dünkt; aber,
wenn auch erftanbestühter, fo ftehen wir Norddeutſchen Grillparzer
auch deſto objektiver und nunmehr, in dem Beſtreben begangenes Un-
recht wieder gut zu machen, um fo entgegentommmenber gegenüber;
diejeß zeigten im hocherfreulicher Weiſe die anläßlich der Erflaufs
führung der „Yübin von Toledo“ im ben maßgebenden Berliner
Blättern erjchienenen — geradezu Abhandlungen zu nennenden —
Beiprehungen und Recenfionen; da fonnte einem das ge aufgehen
über diefe warmen Töne der Anerkennung, diejen ül er teömenden
Zribut hohen Dankes, den die norddeutiche Kritik (allerdings etwas
post festum!) dem großen Todten darzubringen fich veranlapt fühlte.
Der natürliche Enthufiasmus des durch den Zauber echter Genialität
gepackten Bubhitumg, die Ehrfurcht und Objektivität, welche die Er-
habenheit Todes dem Genius gegenüber verleiht, war auf die
ewig mälelnden, zünftigen kritiſchen Skribenten übergegangen und
hatte fie, die ſonſt — gerade entgegen Winkelmann herrlicher An—
meijung! — immer nur die ſchlechten Seiten an den Werfen auf-
ftrebender junger Talente (allerdings Lebender!) auffpüiren, gezwungen
wahr zu fin. Endlich einmal Tonnten fie ehrlich und uneingefchränft
ihrer wirklichen Ueberzeugung Ausdrud geben und fie thaten es mit
wahrer Wonne. Mit das Beſte gab der — Schaufpielteferent der
„Freiſinnigen Zeitung“ in einem ausführlichen Feuilleton, aus dem ich
einige markante Stellen hier herzufegen mir nicht verjagen Tann, da
fie — in jeltener Weife kernig und offen — uns Norddeutſchen
über Grillparper die Leviten Iefen und einem Dichter zu feinem Rechte
verhelfen, welchem „Unrecht widerfahren ift im Leben wie im Tode“.
Shrliparger war eine zu vornehme, feinbefaitete, porös-innerliche
Natur, dabei ein Todfeind aller Reklame, um bei Lebzeiten durch»
$ bringen; feine Werke follten für fich ſprechen und an dieſem natür-
ichen Verlangen — heutzutage der größte taktische Fehler! — ift
ihm manche ideale Forderung an Publikum und Kritit gefcheitert —
„der Reſt ift Schweigen“. Hören wir nun unferen „freifinnigen“
und „feinfinmigen“ Kritifer! Da heißt es zumächft mit Bezug auf die
„Jüdin von Toledo’: man hat den Sargdedel gefprengt, den Vor—
urteile, kritiſche Oberflächlichkeit und das Nachbeten von Schlag-
worten ſeitens eines „gebildeten Pöbels“ über eine der herrlichiten
Dichtungen aller Zeiten gejenkt und verwundert mag fich mancher
die Augen reiben und ausrufen: „Giebt es in ber literarifchen Schätz⸗
Tammer der Nation jo viele Stleinodien, daß man diejer Perle nicht
342 Am Kamin.
achtete?!“ Grillparzer Iebt und fol uns erhalten bleiben! Cs gab
eine Zeit — heißt e8 dann weiter — fei ihrer ftets als ciner un-
jeligen gebast — da im beutjchen Geiftesfeben auch ein preußifcher
Partitulerismus beftand, ber aus den Vorurtheilen von Jahrzehnten
feine Sumpfnahrung zog: man nannte Grillparzer den öfterreichiichen
Dichter, die widerfinnigfte aller Bezeichnungen, als ob es ein Aus-
and gebe im ibeafen Leben der Nationen! Das muß num anders
werden — meint unjer waderer Kritifer, — benn „Grillparzer war
ein Seelenverfündiger und in feinem jeelichen Aug’ gewann das
Getriebe der Welt eigenes Leben und eigene Bedeutung“. Freudig
wird jeder ehrliche Literaturfreund diefe Ausführungen aus vollitem
Seren unterfchreiben! Auch in der Jüdin von Toledo „giebt es
onnenfleden“ aber „was wollen fie befagen gegen das glutvolle
Leben, das in biutwarmen Strömen ſich durch dieſe Dichtung ergießt,
gegen ben reifen Tieffinn, den dieſes Werk predigt”. Die fonnenklare
Wirkfichfeit, der echte poetifche Realismus ift es, der Grillparzers
„Züdin von Toledo“ fo bebeutend macht. Grillparzer übernahm bon
Lope da Vega nur das Nohftoffliche; wie aber wußte er ihm das
individuell⸗ nervös Sprudelnde, innerlich — Nagende, Bohrende
ſeines tragiſchen Selbſtes einzuimpfen, fodaß die urjprünglicen
Thatſachen ſich zu einer Fülle von Konflikten von überwältigender Tra⸗
ie geſtalteten und in den Rahmen der Zengöbie hineinwuchfen! ....
iejes ſchöne Judenmädchen Rahel, Halb Kind halb Dämon, mit
feiner -verblüffenden Natürlicleit und Sinnlichkeit ift eine der groß-
artigjten betatl-pfychologifchen Studien, eine Meifterprobe profunder'
Kenntniß der Frauennatur, und diefer König Alfons — welch vol-
Ienbete, magiſche Verförperung des Kampfes zwifi menſchlichem
Gelüſte und ‚gerifherpflicht und Herrichergröße ftellt er bar! Ueber
dem legten Aft Tiegt es wie ewige Dämmerung, aber nad} ber in
der Weltliteratur einzig daſtehenden Auseinanderfegung zwilchen.
Mann und Weib (Königin) fteigt die Sonne der Verföhnung am
ginmel auf und felbft der ud, ben die Schweiter ber ermorbeten:
tahel dem König nachfendet, Klingt in wehmüthiger Stepfis aus ...
Ueber ber glanzvollen Infcenirung lag es (namentlich im III. Akt) wie
Märchenhauch; alle Spieler gaben ihr Beſtes, allen voran Joſeph
Kainz, der Darfteller des König Alfons, welcher — wie und ver-
fichert ward — lange nicht einen jo guten Abend hatte und zum
guten Theil die harten, Bitterfeit und perfünliche Gereintheit ber⸗
rathenden Anklagen widerlegte, welche jüngſt in der „Geſellſchaft“ ein
ſonſt verdienſtvoller junger Schriftſtellet — „ohne Schminke” — gegen
diefen einem verfehlten Realismus fröhnenden, manierirten, aber troß
alledem talentvollen, allerdings in Berlin ſehr überſchätzten Schau-
fpieler vorbrachte. Daß — Kainz als Liebhaber längſt über
feine Glanzepoche hinaus ift, wird jeder, der ihn feiner Zeit in
München kennen lernte, beftätigen. Das Organ hat bedeutend nach-
gelaffen, dabei weifen Figur und Phyfiognomie, fowie die poin-
tirte Spielweife den Künjtler auf Aufgaben des Charakterfaches
Am Kamin. 343
wie Franz Moor und Mephiftopheles Hin; thut er ben angebeu-
teten Schritt, fo wird ſich ihm noch ein weites Feld originalen
Schaffens öffnen, im andern Fall wird fein Talent mehr und mehr
verfümmern. An ein Imdiejchrankentreten mit einem Matkowsi
kann Kainz nie benfen, es fei denn er gäbe als Franz Moor die
vielleicht dämonifche Folie_zu Matkowskys wunderbarem Karl. In
ſolchen Rollen liegen die Quellen Rainzitäer Kraft. Um auf Grill
parzer zurüczufommen, fo war es fein Geringerer wie Lord Byron,
welcher uerf! diefen „Großen“ erkannte, indem er in fein Tagebuch
am 12. Sanuar 1821 fchrieb: Mitternacht: ich las Guido Sorellis
itafienifche Ueberfegung der Sappho des beutichen Grillparzer. Ein
verteufelter Name, aber die Welt wirb ihn ausfprechen lernen müffen!“
Nun, fie hat ſich bis jetzt gefträubt, aber vielleicht ift der Name Grill-
parzer bis zum Heilsjahre 1900 den Gebilbeten deutjcher Nation
geläufiger und verehrungswürbiger geworben.
Wilhelm Krent.
Bilömerke, -
Blauberei von Maria Asmus. ’
Auch ohne die Unterſchrift und ohne die den Beſchauern ein
ehändigte gedrudte Erklärung würde man fogleich erfennen, was Frau
midt von Preufchen auf ihrem privatim ausgeftellten Bilde zeigen
wollte. Wir fehen ein mit dem Hermelin behängtes Gerippe. Den
erſten Fuß jet es auf die Weltkugel, mit ber rechten Hand faht es
ein Schwert, mit ber linken ſtößt es einen Thron um. Das Scepter
— vom Seſſel, hat ſich aber wahrſcheinlich mit einer Ver ferung im
das Kiffen gehaft, da e3 nicht fällt. Die Krone ift ſchon fat auf
Zußboden angelangt. Wie fie und die abfallenden Blätter der Rofen
und Lorbeeren ſich in ber Luft halten, ift nicht ulen. „Mors impera-
tor“ will die Malerin mit ihrem Werk daritellen. Durch) die Haltung
des rechten Fußes zeigt ung der Tod, welcher in dem Gerippe ver
finnlicht ift, an, daß er über die Welt herrfcht, außerdem erinnert
noch die linke Hand, daß auch die Throne in derjelben Welt in feiner
Macht find.
der empfinden wir bie Macht des Todes durch das Betrachten
jener Gegenftände? Fühlen wir nicht ganz dafjelbe, wenn wir die
Buchſtaben ablefen: „Mors imperator?“ Die Malerin führt uns ein
Gerippe vor, wir bejinnen uns, daß darunter ber Tod verftanden
fein fol. Wir fehen einen Thron und fchließen, daß damit die
girfenmast gemeint ift. Die Roſen ftellen uns die Liebe vor, der
'orbeer ben Ruhm, der Globus die Welt, die alle auf demjelben Bilde
vorgeführten Einzelheiten in ſich ſchließt. Wir müffen uns Diefe
Symbole in ihre Bedeutungen überjeben und dann duch Schlüfle
unfer Gefühl dazu bringen, ſich die Macht des Todes zu vergegen-
wärtigen. Dazu aber brauchen wir ſchon das Bild nicht mehr. Wenn
344 Am Kamin.
wir überfegt haben, können wir für Die weiteren inneren Vorgänge
die Augen ſchließen. Die Malerin will diefem Bilde noch ein. Sei—
tenftüd geben: „Regina vitae“ Wahrjcheinlich wird auch diefes ſich
begnügen, durch Symbole die Gedanfenarbeit anzuregen, anftatt die
Idee ſelbſt darzuftellen. Die beiden Gemälde follen den Spruch
illuftriren: „Die Liebe ift ftärfer als der Tod.” Wenn wir das Bild:
„Jairi Töchterlein“ von Guſtav Richter anjehen, jo empfangen wir
jenen Eindrud durch die Kunft jelbit. Nicht unfere Reflektion, fon-
dern der Künſtler giebt ihm uns. Wir jehen mit unjeren Augen
die Macht de3 Todes und die Herrlichkeit des Todüberwinders.
Die Symbolik ift in der Künft ausgeſchloſſen. Wenn fie fih in
einem Kunjtwerf findet, z. B. in den Attributen eines Gottes, fo
hat der Künftler damit nur der Geſchichte gerecht werden wollen,
aber die Kunft hat keinen Theil daran. Er muß die Idee in die
Geftalt legen, fonft hat feine Kunſt fie nicht ausgeſprochen. Wir
müffen Zeus, Neptun, Venus nicht an ihren Attributen erkennen,
ober dieje würden gleichbedeutend mit auf die Gejtalten gejchriebenen
Namen fein.
Dagegen leihen fich allegorifche Figuren vollfommen der fünft-
Ierijchen Darftellung Sie find. die Perſonifizirung einer Idee.
Wir empfinden ohne Reflektion, ganz unmittelbar den künftlerifchen
Gedanken. Wir fehen die Freiheit in. dem Weibe mit dem fühn
jetragenen Haupte, dem ftolzen Lächeln ber Lippen, in ber erhabenen
Gattung der Geftalt. Niemand würde fie mit der Germania ver-
wechjeln, welche uns die Kraft, die Trene umd Geradheit unferer
Nation vorführt. Die Wiffenihaft, die Poefie, der Glaube, die
Hoffnung und viele andere Abjtrafta ftellen ſich uns durch allego-
riſche Figuren dar. Aber nicht alle. Die einzelnen Künfte würden
ſich z. 3. ſchwer indivibualifiren laſſen. Die Darftellung jchöner
Frauen mit den entfprechenden Kunſtwerkzeugen würde den Gedanken
wieder zu verjtehen geben, ihn aber nicht malen. Wer lacht nicht
herzlich über die Eingangsilluftrationen zu ben belannten Gefdichten:
„Die böfen Buben von Corinth“ und „Der Elephant” — „Nachdenk-
lich fügt in feiner Tonne — Diogenes hier in der Sonne” und
„Den Efephanten fieht man da — Spazieren gehn in Afrika” —?
Uber in einer ſchönen rau mit dem Pinfel und der Palette erfenne
ich ebenfo wenig die Malerei wie in zwei aus einer Tonne hervor
ftedenden Beinen ben Diogenes, oder wie in einigen Strichen und
Palmen den Erdtheil Afrika. Die Kunft weiß genau, in welches
Bild die Idee zu — iſt und grenzt fie ſcharf ab gegen andere,
und der wahre Künftler geht nicht irre. .
„Die Parzen“ von Thumann bedürfen der Attribute, um ver-
ftändlih zu werden. Ein junges Weib löſt den Faden von ber
Spindel, ein anderes, reifer erblühtes, das Lorbeeren und Blumen
in der Hand und im Schoße hält, nimmt ihn auf, eine Alte Fauert
daneben und hebt die verhängnißvolle Schere. Wir empfinden duch
die Darftellung nicht Die Bedeutung der Vefchäftigung jener Weſen,
Am Kamin. 35°
wir: haften uns an die Betrachtung ihrer Formen. Die Mythologie
muß den Cindrud vollenden. Das Bild bietet fein Ganzes, denn die
Stellungen weijen auf eine Bebeutung hin, bie außer dem Bilde Tiegt.
Anders ift es mit der plaftifchen Gruppe „Amor, von Venus
jezüchtigt“ von Guſtav Eberlein. Wir find durch den Anblick be—
int und verlangen feine Erklärung, auch wenn wir nichts von
dem Bogen und dem Köcher des Knaben wilfen. Wir jchen, daß
der Mutter ein Leid von dem Seinen zugefügt ift, ihr verzagtes
Gefichtchen fpricht Von eigenem Schmerz umd die Züchtigung ift ſo—
wohl Erziehung als Rache. Das Wert bietet an ſich ein Ganzes.
Wohl wird unſer Interejje noch lebhafter erregt, wenn wir erfahren,
daß hier der Uebelthäter, gegen den wohl jedermann eine Beſchwerde
aufzuweiſen hat, ein Mal für viele Male bejtraft wird, und daß es
Berfämergen find, welche die Thränen aus den Augen der pietüts-
3 bebandelten Mutter Ioden. Aber wie man diefe Erklärung nicht
braucht bei der Betrachtung, fo erhöht fie auch nicht das Kunftgefühl.
Den ſchadenfrohen Kihzel Ant die Gedichte hinzu. Er ift uns will-
tommen, aber für das Stunitwert können wir ihn miffen.
Daſſelbe ift es mit allen der Gefchichte entnommenen Gegen-
ftänden. Wenn die Gemälde erflärt werden müſſen, um verftändlich
u werden, wenn fie gar einer am Rahmen angebrachten Erzählung
dürfen, jo find fie feine felbftftändigen Darftellungen, geben feinen
vollen Eindrud, find alſo keine Kunſtwerke. Steigt unſer Intereſſe
und unjere Befriedigung durch die Kenntniß der gejchichtlichen Thats
ſache, die aber zur Fünftlerifchen Vollendung des Bildes nicht ges
hören ‚darf, fo vereinigen fich zwei in fich vollendete Kräfte zur
Wirkung auf den Menjchen, Die Kunſt und bie Gefchichte, wie [7
aan Melodie im Liede verbinden, die Seele in thren Tiefen
zu fafjen. .
Der Künftler muß ein Ganzes gebert, darum muß er den voll-
endeten Kunftgedanten in fich aufgenommen haben und nen fchaffen.
Weder die Idee noch die Formen dürfen mechaniſch fopirt werben.
Ein belichiges Stückchen Wirklichkeit bietet kein Kumjtwerl. Es muß
abgefchloffen fein, fertig empfunden und gegeben von dem Schöpfer,
einheitlich wirtend auf den Beſchauer. Wenn fo nicht jede Wirklich
feit wahr ift, jo ift das Wahre doch nur in der Wirklichkeit. „Auf
dieſer Erde wurzeln unfre Freuden“ und jede Regung unferer Seele.
Bei den märchenhaften, mythologijchen und bibliſchen übernatirlichen
Weſen ift das Unnatürliche faſt immer eine Zuſammenſetzung
Natürlichen und wirkt, wo es nicht das Wefentliche des Werkes aus-
macht, nicht ftörend auf den Kunftjinn. Es ift mit den Engelaflügeln,
mit den Faunfüßen u. ſ. w. wie mit den ſchon erwähnten Attributen
der Götter: das Wefen jener Geftalten liegt nicht in diefen Aeußer—
lichkeiten. Aber wie joll eine Landfchaft mit unnatürlichen Farben
Stimmung erweden? Wenn Bödlins Farben die Allgemeinheit des
realen Bodens verlafjen zu Gunften des Individualismus einer uns
genügfamen Phantafie, wenn Makarts Farben aus Höflicher Müc-
346 . Am Kamin.
fihtnahme für einander ihre Natur verleugnen, wie follen dieſe
‚arben unfer Empfinden weden? Die Stimmung ift zum großen
heil Erinnerung und läßt nur die Saiten ertönen, bie ſchon ein—
mal geſchwungen haben. — —
Der hiſtoriſche Hut.
Einem vor längeren Jahren erſchienenen Aufſatze eines Pariſer
uutmachers über den bekannten hiſtoriſchen Hut, entnehmen wir
olgende Stellen: Seit meiner früheften Jugend mit ber Hutfabri-
Tation befchäftigt, habe ich alle Fortichritte dieſer Branche aufmerkjam
beobachtet. In diefem Aufſatze aber möchte ich mich über die Frage
ausfprechen, ob und in welder Weiſe zwifchen dem Hut und dem
Geſicht eine Wechſelbeziehung beiteht? Der Hut dedt das Haupt,
ſchützi e8, verbirgt feine Mängel und hebt die Züge und Phyfiognomie
hervor. Der runde Hut batirt fein Entftehen aus dem 14. Jahr:
Hundert. Er joll äußerlich den achten Theil des menfchlichen Körpers
darftellen, er joll dem Kopfe, den er repräfentirt, angepaßt fein. Er
ſoll im gehörigen Verhältniffe zum Körper ftehen, foll er anders nicht
entftellen. Der Hut muß mit dem Gefichte, der Stirne, den Schläfen,
en Haaren und der Taille harmoniren. Iſt der Kopf Elein, jo muB
der Hut biefen Bester decouvriren; das Gejicht zu vergrößern, ift er .
eine uptaufgel e. Iſt dagegen der Kopf ftark, jo jo der Hut nichts,
als eine enge Einhüllung des Gefichtsumfanges Im erften Falle
thun die Haare gute Dienfte, und fehlen fie — die Perrüde.
Kaifer Napoleon I. widmete dem Anzuge überhaupt, befonders
aber dem Hute, große Aufmerkſamkeit. Doc, Tiebte er c3, durch Ein-
fachheit den größtmöglichiten Effekt hervorzubringen. Bonaparte
wählte den grauen Ueberrock und ſchuf den Hiftorifch gewordenen
Heinen Hut. Ich weiß von jemanden, der damals in den Tuillerien
angeftellt war, daß, als Napoleon zum erften Male diefen Eleinen
gu auffegte, er mit der größten Aufmerkfamfeit die verſchiedenſten
stellungen damit verfuchte. Buerft fegte er denſelben ber Länge
nad auf. Da er aber bemerkte, daß diejes der Gravität jeiner Figur
Abbruch that, jo fegte er ben Hut jchnell in die Breite. So are
er fi und fo ward es beibehalten, denn in diefer Art wurde
Ausdrud feines Geſichts gehoben, der dadurch freilich mehr ftrenge
als graziös wurde. Wenn Biefer Heros eilenden Schritte dur
feinen Garten ging, nachdem er kurz vorher einer Staatsrathsſitzung
er hatte, jah man feine Gefichtszüge unter dem Heinen Hut
fich auffallend beleben, und feine Augen glänzten. Stieg er aber in
Toben der Schlacht zu Pferde, um das Feldherrntalent zu üben, fe
drüdte er den Hut, verbunden mit einer rajchen Veränderung be
— tief ins Geſicht, derſelbe bildete dann gleichſam die Begrenzun
ſeiner energiſchen Figur, und Napoleon erſchien wie ein Siegesgot
Fr
Am Kamin, 37T
Diefer Hut kann als Meifterhut betrachtet werden, und es ift in der
That ſchade, daß man ihm nicht mehr tragen kann.
Murat hatte in feinen Jugendjahren volle runde, rothe Wangen,
Augen voll Feuer, natürliche Eleganz; feine Figur war die eines
entſchiedenen Charakters; deſſen ungeachtet gefiel er mehr im Salon
als zu Pferde, wo er mehr einem Tankred ähnlich ſah. Als Murat
noch Marſchall war, hatte er feinen dreiedigen, weiß ausgefchlagenen
gu der Länge nad) figen. Allein er wendete oft Eofettirend den
opf, um von vorn gejehen zu werden. Im der Schlacht, wenn man
ihn von vorn fah, hatte jein Geficht etwas martialifches, hinreißen⸗
bed. Damals trug Murat das ſchöne, weiße, himmelblau ausge-
ſchlagene Kleid, mit Diamanten beſetzte Cpauletten, einen Anzug,
von dem ſchon fo viel erzählt worden ift. Nachdem Murat König
geworben, jo war fein Hut bald der eines kaiſerlichen Großwürden⸗
trägers, bald der Czako eines Reiters. Seht ihr ihn, wie er, mit
Gold, Seide und Edelſteinen bedeikt, einer der Vorderiten beim Ein-
zug in Straßburg, auf die Koſaken einbringt? Geht ihr ihn wie
er Beitfchenhiebe und Edelſteine austheilt, wie er durch Luxus und
Muth die Be eifterung ber Seinigen erregt? Wer gab das Zeichen
ur lacht bei Dresden? Es war ebenfall3 wieder Murats Eu
r ſich auf den Höhen von Plauen zuerſt fichtbar machte. in
leid pflegte mit einem goldenen Gürtel umfchloffen zu fein, in
welchem ein prächtiger Säbel hing. Allein alles dies & ihm nicht .
Del Ausdrud, als ber Hut mit den wunderfchönen Straußfebern;
13 war ber Anzug, in welchem Murat feine Soldaten ins Feuer führte;
in diefem Anzuge fteht er an ihrer Spige, felbft auf Wegen, die burı
Roth und Somun ungugänglich find. — Düro widmet feinem Hute
gar keine Aufmerkjamfeit; daher entitellte er aud feine Figur.
Moch eine Menge folcher Veifpiele könnte ich anführen, um zu
beweifen, daß ausgezeichnete Männer großes Gewicht auf die Art
ihrer Kopfbebedun, Daten, aber ich fomme zu meinem Thema zurüd,
en ſchmalen Gefihtenn jagen am beften längere Hüte mit breiten
Rän zu; breiten volleren efttern aber mehr fürzere Hüte mit
aufgebogenem Rande. Lange, gebogene, herunterhängende (auch rothe)
Nafen verlangen einen breiten Rand des Hutes, überhaupt einen
Hut, ber dieſe Fehler bededt. Kleine Leute follen es ja nicht ver-
ſuchen, —F hohe Hüte ihre Geſtalt vergrößern zu wollen, ſo wenig
als große Leute ihre Süße durch niedere Hüte vermindern dürfen
(nach dem Grunbfag, daß der Hut den achten Theil des Körpers
usmachen fol.) Laffet Die gewölbte Stirn hervorragen, dieſes ftolze
‚eichen der Intelligenz. Die Engländer, welche biefe Regel außer
Ht laffen, find feine Meifter in der Wahl der Kopfbedeckung. Man
bt ſtets ihre langen Geſichter in hohe Hüte gedrüdt, ihre Augen-
‚en find verftedt, und ihren Augen find nur wenige Linien zum
en vergönnt. 68.
—
⸗
Am Kamin.
Ein ungariſcher Eſſayiſt.
Dr. Adolf Koput, in Mindszent in Ungarn 1847 geboren, hat
Kon eine große Anzahl Bücher veröffentlicht. Es ift nun einmal
ode geworden, daß die — Faulen dem Fleißigen vorwerfen, fie
kin von „un eimlicher chtbarkeit“, Ienjen, Telmann, Heyie,
;pielhagen, Ebers, ff u. v. a, jeder der feiner Mufe lebt und
jedes ‚Jahr ein Ai! von 1—3 Bänden veröffentlicht, das doch
niemand gezwungen ilt, zu faufen ober zu Iejen, fie find alle denen
ein Dorn im Yuge, welchen die Zeit es nicht erlaubte, ihre zerſtreuten
euilletons ober Novellen, ober jonftigen Kleinigkeiten in einem Kon-
erenzbande auf den Markt zu werfen. Karl Bleibtreu bemerkt im
„Magazin“ fehr richtig: „Schwer möglich ift echte Freundſchaft nur
unter Kollegen, in welchem Stande auch immer, denn im Kollegen
ftedt immer der Rival.“
Dr. Adolf Kohut nun macht -eine Löbliche Ausnahme. Er hat
neuerdings zwei Bünde „Ejfays“ Herausgegeben, unter den ebenjo
bezeichnenden als originellen Titeln: Eſſays und Skizzen: „Leuc;-
tende Fadeln.“ (3. C. C. Bruns. Minden. 1887. Mark 2,40) und
„Ragende Gipfel“. (Ebendaſ. 1887 Mark 3.) Sie find unter dem Zeichen
udiger Anerkennung, menfchenfreundlicher Milde und oft mit wirk-
licher Begeifterung geichrieben. Sie zeichnen ſich durch einen leicht flüj-
fa allgemein verjtändlichen Stil aus, gerade wie ſich der Verfaſſer
jelbft durch eine ftupende Beleſenheit und Gelehrjamfeit auszeichnet.
Die „Ragenden Gipfel“ find Geiftesheroen aus dem legten und
diefem Jahrhundert. Es ift höchit interejfant, Ausfprüche il 13 über
riftftellechonorar, (S. 13) Herders, des Humanitätsapojtele, über
das größte Duldung und Humanität gebietende Chriftenthum, (im
Stöderichen Zeiten!) zu lefen! Kohut führt uns Schiller im Urtheile
Jeiner Zeitgenoffen und feine Abelserhebung vor, bei welchem Aulaß
otta nad) Weimar fehrieb: „Es ift eine feltene Erſcheinung, da das
Diplom durch dem geadelt wird, dem es ertheilt wurde!" Der Ver-
fajjer führt ung dann Mar von Schenfendorf, Leopold Säefer,
Varnhagen von Enfe, Bettina von Arnim, Arago, Humboldt,
Juſtinus Kerner, und ben Charafterfopf des rechtsgelehrten Schrift-
ftellers Rudolf von Ihering vor; und wenn der Literaturgeſchichtskun⸗
dige die Worte Goethes bei Kohut wiederholen möchte: „Stoff und Be-
züge find uns befannt“, jo müßte er auch den zweiten Theil des Sapes
Hinzufügen: „aber wie er fie wieder aufnimmt, erfcheint er ung neu
und individucl.“ Der Laie wird aus den beiden, gut ausgeftatteten
Bänden eine Fülle von Anregung und Belehrung jhöpfen. Wenn ich
etwas u tabeln hätte, fo wären es manche der angeführten Bei—
fpiele, die für bie pietätvolle Verehrung der Geiftesheroen Kohuts
Propaganda und Profelyten machen jollen, die aber unferen heutigen
Geſchmack nicht mehr fo ganz befriedigen. So das Gedicht Leopold
Schefers: „Wonne ift Wonne“ u. |. w. Das Gedicht des gleichen
Autors: „Der Liebendfte ift der Glücklichſte“, ſcheint mir doch nur
Am Kamin, 349
eine Baraphrafe bes befjern, weil fo viel fürzeren Goethefchen: „Slüd-
lich allein ift Die Seele, die liebt!“ Sehr bezeichnend nennt Kohut
Bettina von Arnim, das Kind, „eine fich in ihren Phraſen beran-
ſchende Bacchantin.“ Oeſterreichiſche Lefer werden fich beſonders an
den Aufjägen über Zofephine Gallmeyer, Marie Geiftinger, auch Jenny
Bürde-Ntey erfreuen; für Mufikfreunde fei die „Dresdner Oper" em-
pfohlen, welcher Kohut Kürslic übrigens auch ein Prachtwerk ge»
widmet hat. . Daß Dr. Adolf Kohut nicht nur großen Todten, wie
etwa Friedrich dem Großen, fondern auch noch nicht fertig ab»
eſchloſſenen Lebenden Denkmale fett, ohne fie gleich, wie die Frank
Aaher ihr Börne-Denkmal, mit Tinte zu bejudeln, ſpricht für feine
literarifche Urbanität. Er meint nicht wie Saphir: „Ach, über wer
fol man denn Wige machen, als über feine Freunde? Die Feinde
nehmen es Einem gleich übel!“ ı . u
. Dr. Alfred Friedmann.
Pr
Hippfaden.
Ein altes Univerfalpeilmittel. Eine Broſchure aus bem Jahre 1713 hat
folgenden Titel: „Ausführliche Nahriht von der ſehr nütligen Magenbürfte, melde
itzo zu befommen bey bem Burſtenbinder in bes alten Hoff-Sattiers Haufe auf der
Breiten Strafle in Eölln an der. Spree.“ Cs mag wohl ſchon mancher gewünſcht
haben, feinen Magen einmal gründlich auspugen zu können, unb jener fpefulative
Bürftenbinder hat. biefem Wunfce ſchon zu jun bes achtzehnten Jahrhunderts
greifbare Geftalt verliehen. Dieje in der Brofchlire abgebildete Magendürſte ähnelt
einem mobernen Pfeifeneiniger, if jedoch eutjprechend größer angelegt. Der Stiel
beſteht aus vierfach aufammengebrehtem Draht, der mit Zwirn, Seide ober Bändchen
ummunben ift und nach Vorſchrift 26 Zoll Länge hat. Die am unteren Ende befind-
uche Burſte iſt 2 Zol lang und 1%, Zoll breit, fie beſteht aus Ziegenbarts-Haaren.
werm man ſich jedoch 3 bis 4 Wochen an ihren Gebraud; gewöhnt hat, läßt unan
fi eine andere Bitrfte aus Pferbehaaren machen, „denn biefe Haare find etwas
ftarler und thun baher befleren Effekt.“ Die Anwendung biefer „fürtrefffichen" Bürfte
iſt ehr einfah: man brüdt fie Be A Schlund bis in ben Magen hinab und
putzt benfelben durch Hin» und Herziel . Herauf- und Herunterftoßen ber Bürfte
ordentlich aus, dann trinkt mau Talte® Waffer oder rangbranntiwein, jet bie Bürfte
wieber ein und pußt fo Iange, bis ber Magen gänzlich rein if. Die „Kur ift jeben
Morgen zu wieberhofen.
„Im Anfang“, fagt der Verfafler bes Buches, „wird Dir es etwas incommode
fallen, ehe Du die Bürfte hinter Triegft, aber indem Du ſolche oben an bem Gaumen
umd zum Munde hineinfteden, fo ziehe zugleich Wind und Athem an Did, und flede
fie in währendem Anztehen gemachlich nah und nad hinunter, fo wirb ſie ohne
fonbere Mühe feicht hinuntergehen, es iſt um bie erften 8 ober 14 Tage zu thun,
Du wirft es alfo in wenig Tagen gewohnt werben als das tägliche Eſſen und Trinken.”
Natitrlih ift bie tägliche Anwendung ber Magenbitrfte das unfehlbare Mittel
legen alle Krankheiten, bie man fid) überhaupt benten fan. „Ber biefe Kur gebraucht,
Bedarf feiner andern Mebizin, denn fie ift gut vor alle falte, hitige und gifftige
ieber, macht Appetit zum Effen, ift gut vor Engbrüftigkeit, Blutftückungen, vor
upt- Wehe, fo aus dem Magen entfteht, vor Bruftbefhwerung und Huften, vor bie
Schwiudſucht, dem Schlage, vor Zahn- und Augenwehe, Bauc-Ruhr, Bräune ber
Zungen, vor bie Bräune im Halje und Halsgeihwüre, vor bem Hertz Spau und
Magenbrüden, beförbert bie Dauung, flärdet das Here, bertreibet bie Hige im Haupt,
benimmt bie Teundenheit, if wider das Witrgen bes Magens und den Zwang im
350 Am Kamin.
Leibe u. . w. madet alliufette und engbrüfige und aufgeſchwämmte Leute mager,
hingegen magere fett.” Dieſe großartige Wirkung wird jebod nur erreicht, wenn
man die Bürfte in Verbindung mit einem Gligir gebraucht, deſſen Zufammenfegung
der „Bilrften-Binber auf ber Breiten Strafje” offen mittheilt: „Aloes 2 Loth, Safften
1 Dutl, Rhabarbara */, Loht, Lerhenihwamm 1 Dutl., Zitwer /, Outl., Enzian
4, Dutl., Mörehen 1 Butt, Theriec. Opt, ar Dutl.“ Der Theriak durfte zu bar
mafiger Zeit naturlich in feinem twirffamen Mebitament fehlen. Der Theriaf, jenes
unfinnige Gemifh bon Arzneimitteln, twurbe ja in Gegenwart der Magiftratsperfonen
amter Paufen und Drommetenſchall bereitet, für fo wichtig galt er als Arcanum
egen alle Krankheiten. Bon.bielem Elirxir hat man nach ber Magenwäſche 40 bie
& Tropfen in Wein zu nehmen, baffelbe „präferbiret 24’ Stunden vor allem Gifft
und Peftileng."
Das interefjante Büchlein von ber „Magen-Bürfte" befindet fi im Beſitze bes
mãrtiſchen Provinzialmuſeums
Ueber Steintohleuformatison. Die Steinkohle beſteht ohne Zweifel ans
vegetabilifchen Stoffen, wie ans ihrer chemiſchen Zufammenfegung, ihrer mitkroſto-
piſchen Struftur unb vor allem dirch bie im ihr fo oft mod) deutlich erkennbaren
Wflangenrefte hinlanglich beiviefen wird. Weniger ſicher if man inbeffen hinfichtlic
des Brogeffeß, durch melden bie Kohlenbildung vor fih gegangen if. Nad ber Mei
nung ber meiften Geologen beftehen unfere Kohlenflöge ans Pflanzen, welde auf ben
—e unter Denfefben befinbfich geweſenen Erdſchichten ihren Standpunkt hatten.
Diefe Annahme findet Beftätigung burch ben Umftand, daß Baumflämme, weiche in
ben Kohlen erfennbar waren, mit ihren Wurzeln bis tief in dem unter dem Kohlen-
flög gelagerten fogenannten „Liegenben' verfolgt werben Tonnten. Da alle biefe
Unterlagerungen ber Steinkohle aus Schichten beftehen, jo muß ihre Bilbung unter
Waſſer vor fi gegangen fein und man vermuthet, daß fie einft bie Sohle vom
Marien, Slufrändungen oder Sagunen geivefen find, auf welchen ih unter günftigen
Minatifhen Bedingungen eine Vegetation entwidelt bat, bie wilber und Üppiger ger
weſen, als fie je eine frühere ober fpätere geologifche Periode hervorzubringen ver»
mochte. Bei dem gieißpeitigen, beftänbigen tfiehen und Bergehen mächtiger
Balbungen auf berjelben Stätte und vieleicht aud durch auf Strömen aus auberen
Gegenden berbeigeführte und angeſchwemmte Pflanzen und Pflanzentheile, mußte fich
allmählich eine enorme Mafle vegetabilifcher Stoffe an einzelnen Stellen anhänfen.
Die Umwandlung biefer Stoffe in Kohle ging wahrſcheinlich während eines langſamen
Sinfene der VBobenfläce vor fi, auf mwelder biefe vorweltfihen Kiefenp|
wuchſen; durch bie Wärme und unter bem Drud ber fih anf ihnen anfammelnden
neuen Schichten, fowie durch nicht genau nachweisbare chemiſche Veränderungen untere
fagen biefe Maffen einer Zerfegung und alimählichen Verfeinerung, b. b. ihre Um -
wenblung in Steinkohle ging während einer außerorbentlih Iangen.Zeitperiobe vor
fi. Unpäpfbare Generationen von Pflanzen mußten Ieben und flerben, ehe der bide,
fruchtbare Pflanzenſchlamm fi auch nur in einen Quadratfuß Steinlohle umbilden
Tonnte. So erzählt uns unfer Brennmaterial, weldes man mit Recht verfleinertes
Sonnenlidt nennt, wunberbare und ſeltſame Dinge aus einer fernen, nicht mit Zahlen
nachzurechnenden Urzeit.
Der Opal als Verkündiger der Zukunft. Henry War Beeger (geboren
24. Juni 1813 zu Litchfield in Connecticut), einer ber berühmteften amerilanifchen Kanzel ⸗
zebner ber Neuzeit, war in einem großen Stanbalprogeß wegen angeblihen Chebruche
mit ber rau feine® ehemaligen Freundes Tilton verwidelt. Diefer Prozeß bauerte vom
4. Januar bis 2. Juli 1875 vor dem Brookiyner Gerichte, wobei fi bie Geſchworenen
nicht einigen fonnten, ba neun für Freifprehung und brei für Vernrtheilung waren.
— Berher hatte feiner Frau an einem Jahrestage, ihrer Vermälung, einen Opal-
ſchmud verehrt, ben fie jedoch nur wenig trug. Kurze Zeit vor Beginn bes erwähnten
Standals wollte fie den Opalſchmuck anlegen und bemerfte, dah bie Steine tribe,
wie mit Dampf beichlagen, ausfahen. Alles Putzen war vergeblich und von ſchlimmen
Ahnungen erfüllt, ſchloß fie den Schmud wieder in feinen Behälter. Als der Stan-
dal feinen Höhepunt erreicht hatte, hatte ber Opal jeden Glanz verloren und gewann
Am Kamin. 351
dieſen immer meht wieber, je mehr bie über Beechers Haufe ſchwebende Trubſals
woile fih Mlärte, aber Frau Becher hat den Schmuc niemals wieder angelegt. Sie
war unerfütterli im bem Bertrauen in bie Tugend und Ehrenhaftigkeit bes von ihr
ohne Schwanken geliebten Mannes geweſen.
Salon · Züchertiſch.
Fictennadeln vom Libanon. Loſe Reiſeblätter von Theodor Sourbed.
Baſel. Kommiſfionsverlag von Benno Schwabe. 1888. An einem glutzitternden
Septembertage geht ber Werfaffer biefer Iofen Reifeblätter vol übermütbiger Reifer
faune in Wlegandrien zu Schiff, um an Port Said, Jaffa, dem alten Joppe, vorbei
nad) Beirut zu dampfen, von wo er zu Pferbe weiter durch Syrien reif. Er wohnt
im prachtvoll gelegenen Hötel am Abhang bes Fibanon und reift weiter über ben
Antifibanon, vorbei an ber uralten Wöfterftraße mit ben Pelsinfchriften des Ramſes
des Großen, bes affyrifen Königs Ganherib, bes rämifchen Kaifers Mark Aurel,
des ägyptifhen Generals Ibrahim Pafcha und — Napoleons II, nad Damashus,
von welder Gtadt, „das Halsband der Schönheit” genannt, ber Berfafer einen Ab-
leder nach ben Ruinen von Baalbed macht, um dann nad Ramleh zurüczulehren.
Die ganze Reifebefchreibung if in ſcherzhafiein Tone gehalten, die Schilderungen von
Land und Lenten, allerlei Reifeabenteuern, befonber® ber Stäbte Beirut und Damaskus,
fotwie ber Ruinen von Baalbed find änperft lebhaft, friſch und farbenreich, und bie
iandſchaftlichen Befchreibungen erheben ſich zumeilen zu poetiſchem Schwung. Mande
ber zahlreich eingefirenten humoriſtiſchen Ergüffe würde ber zartfühlenbe Leer dem
Berfaffer wohl ſchenlen. Sie find nicht immer fein, und wo es ſich um bibliſche
Reminiscenzen handelt, bie fi zahlreich auf dem Wege des Wanderers finden, fo
übergießt er biefe insbeſondere mit ber nicht einmal immer witigen Lauge feines
Spotted. Wer indeflen fi eines näheren über bie Verhältmiffe dieſes Theile von
Syrien belehren fafjen will, wird bie „ichtennabeln vom Libanon“ gewiß nicht ohne
Imtereffe und Nugen lefen.
Amfelrufe. Neue Strophen von Karl Henkell. Züri 1888. — Karl
Hentell zahlt ohne Zweifel zu ben begabteften Vertretern ber jüngeren Poetengene
ration. Leider if er noch immer micht zur tieferen Erkenntnig und Päuterung ber
in ihm ſchlummernden eblen Geiftesträfte gelangt, oft genug geht feine urfprüngliche
bung in vollſtändig poeſiefeindlicher wüfter Tendenzmacherei unter, Das Yau-
ſtiſche Zweifeelenelement iſt beim reinen Lyriker mit Recht verpönt, ba es beflen Aufgabe
iR, oßne Schminke bie Tiefen feiner Individualität preis zu geben. Wo Hentell
dies in entzüdenb naiven und reinen Liebesliederchen thut, ummeht ber Hauch echter
und lauterer Poeſie bie Seele des Leſers, fobald unfer Dichter aber für bie „Rechte
bes vierten Gtanbed eintritt, geihieht dies in fo einfeitig-abfloßenber manierirter
Weiſe, daß er unbeſchadet des ebel zutage tretenben Patriotismus bie Sympathien
ber keſer berſcherzt. — .
Die getran Ein Berliner Roman von Paul von Szezepanski, Leipzig,
8 d arl Reißner. '
it Intereſſe fehen wir ben jungen Autor, deſſen Novellen und vortreffliche
Stigzen aus bem Weltſtadtleben feit ein paar Jahren ſchon die Aufmerkfamteit ber
Literaturfreunde ven, zum erſten Mal das Gebiet ber Romanthätigleit betreten.
Seine Begabung Halt and hier in ber erfreulichften Weiſe fand, Mit der Gewanb-
heit unb rubigen Sicherheit eine® tafentvollen Beobadhters unb Kiebensmwikrbigen Er-
zäblers ſchlingi er die Fäden ber verfdiebenartigften, durch bie Mannigfaltigleit des
Großftadtlebens verfnüpften Lebensichidjale ineinander, fpinnt fie in feſſelndſter Weiſe
fort und hebt aus dem bunten Gewebe ben Faden der um bie Titelpeldin gruppirten
Haupthandlung immer krãftig wirtſam hervor. Die feſſelnd Heransgearbeitete, naturwahre
Seſtali ber retzenden Polin, die von ber ärmlichen Eriſtenz einer Zeitungsfalzerin
durch das Stabium ber Operettenfängerin, von Glück und Zufall begünſtigt bis zum
Rang einer wirklichen Gräftn emporgehoben wird, ſchenkt man trog aller -Rüdfichte-
352 Am Aamin.
lofigteit, mit ber fie Uber das Wohl und Wehe ihres ſympathiſchen, gutmüthigen Liche
habers hinweg zum Ziele ſchreitet, bis zulegt gefpanntes Zuiereſſe. Ihren bunten
Schidfglen gegenüber verliert bas hoide, |hlichte FiebeeibyN, das ber Erzähler (ba
ganze Wert hat bie Form eines Ich-Romans) fi felbft erleben läßt, feinen Augen ⸗
biid an Intereffe. — Kurz, das nen betretene Gebiet daun als ein erobertes im
Bir winfgen bem fleigigen, firebfamen Berfaffer ber Falzgräfin zu ber weiteren Veſitz
nahme deffelben vedht herzlich Glüc!
Bildertifl.
Sonnenuntergang.
Er war ein fühner Geifteöftreiter;
Nun hält das Alter ihm im Haus, —
Unb braußen rollt das Leben weiter
Mit raſchem, flutendem Gebraus,
Tief finnend figt er Stund' um Stunde,
Da endlich tritt im Abendſchein
Mit Ungem Wort und treuer Kunde
Der Freund, der ernſte, bei ihn ein.
Nun wird's lebendig um ben Alten,
Num lauft er hungrig dem Bericht, -
Und ımter feiner Stimme alten
Sprüß'n feine Blide Gut und Licht. °
Lebenbig fieht er nmu vom weiten
Des Lebens ſturmiſches Gebraus. — —
So wirft der Wogenſchlag der Zeiten
Dog eine Welle ihm ins Haus! — _ı.
„Eine Resität” und „Ein Priescen“. Bon bem belichten Maler H. Kotſchen -
zeiter, ber es fo prächtig verſteht, den flbbeutichen Vollscharafter zur Anſchauuug zu
bringen, führen teir unferen Lefern heute ein paar koſtliche Menbants, Aobildungen
bayerifßer Dorfmufitanten, vor. „Cine Rovität" zeigt une dab fnflige —— —
das muftfaktfehe Genie der Dorflapelle, beim Studium eines Glanzfiitdes, geteil
eines flotten Walzers aus ber neueften Operette, bie vor furzem in der Hauptflabt
zinbete. Beim Ablefen ber Noten fieht ber Mufitant ſchon im Seiſte die Burfcen
unb Mäbcen fliegen und jauchzen. Mancer blante Waren fällt bei ſolch einem
Zugftäd daun aud) für ihm ab. Kein Wunder, daß fein gemüthfiches Geficht ſchon
im voraus leuchtet! Mit ebenfo brolligem Schmunzeln blidt der Slötenjörg, ber
‚Held des anderen Bildes, vor fih mieber. Sein ftiller Cuthuſiasmus gilt jedody nicht
ben Rhythmen von Strauß und Millöder, fonbern einzig und allein feiner alten
giebften, ber braunen Dofe wol Schnugftabat träftigfter Sorte. Nimmt man an,
daß in ber nächſten Minute ein zweiter Liebesblid das frifchgefüllte Ma| jel treffen
wird, ba8 neben dem Braven auf ber Bank fteht, fo kann man wohl mit t dere
muthen, der flötenjörgel gehöre zu der Klaſſe ber Spielleute, denen, von bem ganzen *
Mufittram, die Taufen halt body das Liebfte find. I
Mutter und Kind.
Ob wohl auf dem Erdenrund Das Puppchen im Feſtgewand
Ziweie nod fo glüdlic, find, Pranget gar Kofz und fleif
As hier in ber Feierſtund' Im kniſternden Seidenbanb .
Mutter und Kind? — — Und golbnem Reif.
Wie iht fo traut vereint Böglein thurs fÄmetternd kund,
Zänbelt und lacht babeil Wie fie jo glüdiih find
Slüdfelige Kinder ſcheint In friediicher Feierſtund:
Ihr alle zwei! — Mutter und Kind! —
— —
Fr. 1. Anzug für Mädgen Nr. 2. Auzug für Mädepen
aus dunfelrofa Boile. aub Yenfee und „nattblauen
munet.
Der Ealon 1989. Heft IT. Band I.
Ar.
Anzug für Nädgen,
24
354 Arnefte Moden.
aus bunfelrofa Seide, deſſen Enden vorn auf benfelben herabfallen und oben in
der Taille eine Schleife bilden. Die faltigen Vorbertheile der Taille werben von
einer Faltenkraufe und Winbungen aus buntelrofa Seide Bebedt. Die Aernel
haben einen gleichen Aufſchlag. Togue aus altrofa Surah, mwelder in Bäuſche
genommen unb vorn mit einer weißen Feder und roſa Flügeln gehalten wird.
Der Rand bes Hutes ift mit gleichfarbigem Sammet bebedt.
Ar. 2. Anzug für Mädchen aus penfee und mattblauem Sammel.
Das ruſſiſche Kleidchen aus penſee Sammet ift am Hals in Falten genommen.
Ein Gürtel aus mattblanem Surab umgiebt die Taille und bildet an ber Seite
eine Schleife mit herabhäugenben Enten, welde mit Duaften zuſammengefaßt find.
Nr. 4. Capote Gall.
Bon der Echulter, ſowie vom glatten Stehkragen herab bis zum Saum bes Rodes
iR_ein breiter, mattblauer Surahftreifen fchräg aufgefeßt. An ber innern Seite
beffeiben befinden fid) Meine Pliffcfalten. Die Wermel baben einen gleichen Aufe
ſchiag Der runde Hut bat einen niedrigen Kopf, an beffen obern Rand farbige
Bandſchleifen und eine mattblaue Feder befefligt find. Der Schirm des Hutes
iR vorn hoch aufgefhfagen und innen mit mattblaner Seide gefüttert. Blaue
Striimpfe.
Ar. 3. Anzug für Mädden,
Der erfte Rod dieſes Kleides aus karrirtem Wollenftofj mit indifd-rothem
Grund if} durchgehende in tiefe Doppelalten gelegt und im ſchräger Stofflage an-
gefertigt. Die Polonaife aus inbiih-reiher glatter Boile bevedt als Salirze das
Vorbertheil des erſten Rodes und ift an ber Taille über den Hüften faltig empor -
genommen. Die Ructheile find ähnlich kefefligt. Die vorn offenen Borberthe’fe
‘
_ Aenefte Moden. 355
ber Faltentaille füllt ein ſaltiges Latztheil aus karrirtem Stoff und bildet am obern
Rand einen Kopf. Die ben Äusſchntt vervollſtäudigende Guinpe aus rother Surah
iR am Hals faltig eingereiht und Bifvet eine hochftehende Kraufe. Die Aermei
haben am Hanbgelent einen farrirten Aufſchlag. Die Taille umſchließt ein breiter
Gürtel mit Stahiſchnalle. Der runde Hut bat eine vorn bocpaufgebogene, mit Surah
gefütterte Krempe und ein oben hoch am Kopf angebrachies rothes Schlupfenbitfchel.
Ar. 4. Gapote „Gall“, ”
Der herbſtgrüne Hut mit fehr flachen Kopf ift vornauf nur mit einigen, ſchmal
nad) vorn fich neigenben Bandichlupfen garnirt, von denen bie ſich an den Seiten
flach anlegenden Bindebänder ausgehen. Der born weit offene Schirm bes Hutes
R
Mr. 5. Capote aus fapbirblauem viüſch
iſt mit grünen Tüllpuffen gefüllt. Zwei grünabſchattirte Federn find an biefen
Buffen, auf das Haar herakfallend, bejefigt.
Ar, 5. Gapote aus ſaphirblauem Pfüld.
Das glatte, mit Pluſch belegte Kopftheil des Hutes hat am vordern Rand hoch -
ſtehende fr nad) vorm meigenbe, nußfarkene Faillebäufche, weiche am ben Seiten in
flachen Falten befeſtigt find und fi) unter beim am untern Ranb bes Hutes befinb-
Tihen nußfarbenen Bindebändern verlieren. An ber Seite biefer Faillebäuſche ift
7 [höner Phantafievogel befefigt.
Ar. 6. Anzug aus ſchwarzem Tuch und Afrakan.
Der Faltenrock dieſes Anzugs hat glatte Vordertheile, die an ber Seite ge-
walten find und unter welchem fi Pliffefalten Befinden... Das eine dieſer Theile
24*
Nr. 6. Anzug aus ſchwarzem Tuch und Aftcafan. Ne. 7. Mantel aus gemuftertem Wollenftoff und Sammet.
Deine, Google
358 Neueſte Moden.
ift etwas höher unter ber Taille befeftigt unb an der Seite herauf mit einem, unten
breiten, fpig nach oben verlaufenden Aſtrakanaufſchlag beſetzt. Den untern Rand
ber glatten, vorbern Rodtheile zieren Baflementrofetten. Die Rüdtheile ded Rodes
falen flach herab Die glatte Taille ift fhräg übereinandergehenb gefhloffen und
ebenfalls mit vier Paffementrofetten vorn herab beſetzt. Der unten breite, oben jpite
zugebende Aftrafankefat ber glatten Aermel ift gleichfalls mit einer Roſeite verfeben.
An der Taille befindet fih ein Afrofantheil, weldes an der Hlfte mit bem von
Mr. 8. Meiner Beutel zu Stidereien ıc.
unten tommenben gleichen Teil befeftigt iſt und das ſich nad vorn breit auf ben
Taillenrand auflegt und unter dem ilbergefnöpften Vordertheil enbigt. Stehtagen
von Aftrafan. Der Heine Muff von Tuch hat Pelzränder und obenauf eine Schleife,
Gapote von Sammet mit Gofbfebern verziert. Helle vandſchuhe Zu diefem Anzug
Nr. 9. Jage aus englifhem Stoff. (Border und Ridanfiht.)
iR an Stoff verwendet: 1 Mtr. Tud zum Falten. 1 Mir. 30 Centin. zur Draperie
tete. 2 Dir. GO Gentm. zum Puff und zur finfen Seite. 1 Mtr. 50 Gentm. zur
Taille. Im Ganzen 6 Mir. 40 Eentm.
Ar. 7. Mantel aus gemufleriem Bollenfioff und Tammel.
Die Bordertbeile ber Taille find anliegend und haben in ber Diitte Falten,
welche fi auf den Nodtheifen fortfeßen. Dieſe Zalten werden oben mit zwei breiten,
Lu
- Aenefle Moden. 359
fPihauslaufenden Sammetaufihlägen begrenzt. Am Schluß ber glatten Rückentheile
beginnen Sammettheile, welde mach unten fid) verbreiten und abfhrägen unb bie
nad) der Hüfte zu angebrachten Rodfalten am Hintern Rand herab fehalten. Die
langherabreiienden Wermeltheife faufen am ber dordern Seite der Hlftfalten herab
md endigen am Rodfaume in einer Spige. Die unteren Ränder des Mantel,
welche außerhalb ber Falten fih befinden, haben einen breiten Rand aus Sammet.
Der vorbere Rand des Aermels bildet einen in ber Breite bem untern gleichen Be-
fa und verbreitert fih don da bis nach ber Hüfte. Bon ber Schulter ausgehend
befindet fi auf bem Aermeltheil aus Wollenfoff ein oben breit angeſetztes Sam-
Mr. 10. Runder Hut.
mer heil, welches bie ganze Länge deffelben herabreicht und in einer Spige, ba wo
der vordere Sammetbeſatz bes Nermeltheiles endigt, ebenfalls befeftigt ift. Kleiner
&: ımetmuff mit Pelzrändern Capote von Sammet mit cremefarbigen Tüllrüſchen
un eber. Helle Handiduhe.
Ar. 8. Kleiner Beutel zu Hlidereien it.
Ein vierediges Stüd roſa Atlas ift mit einem befidten Spitzentheil bon
m belegt. Die beiden gegenfeitigen Ränder befielben werben einige Centimeter
d in Salten zufammengezogen unb ber obere Rand des Meinen Beuteld mit
ein © beftidten Spitenfalbel umgeben. An ben zufammengenommenen Enben be-
fir n fi roſa Bandfcpleifen, unter welchen bie Enden des Beutels herborftehent.
22:
360 Neueſte Moden.
Ar. 9. Fade aus engliſchem Stoſſ. (Border- und Rüanfidt.)
Die vorn offenen Vordertheile find auf ein glattanfiegenbes Latztheil aus
gleichem Stoff vermittels Meiner Knöpfe befeigt. Diefes Patstheil hat oben und
am unten, eine Spige bildenden Rand aufgenähte Borben. Auch ber Stehlragen
und bie runden, gefpaltenen Ränder ber Fade finb damit Genäht.
Ar. 10. Runder Hut.
Der. fehr niedrige Kopf und Rand dieſes Hutes ift mit ſchwarzem Sammet
belegt. Nach der Mitte zu, am äußerften Rande des Kopftheiles, befindet fih eine
große, bochftehenbe Aigrette aus ſchwarzen Atlasbaudſchlupfen. Den Rand des Hutes
dedt vollfländig eine große ſchwarze Feder, welche am Hinterkopf mit einer ſchwarzen
Nr. 11. Haarfrifur.
Aulasbandſchleife befeſtigt if. Der innere Raub des Hutes if mit Sammet belegt
und das Kopftheil mit ‚weißem florence gefüttert.
” Ar. 11. Saarfrifur, “
Diefe kleidſame Friſur wird auf ber Höhe des Kopfes nah vorn aufgefledt.
Auf einem Heinen aufammengerolten Haarknoten befefligt man, mit Ausnahme eines,
am Naden zurüdgelaffenen Strähns, die nah oben vereinigten Haare. Die Stirn-
Tödchen werden in Ermangelung ſtarken Haarwuchſes durch untergefchr ne Löckchen
erfegt. Hat man von bem mad) oben genommenen Haar, welches ebenfalls hei nicht
genügenber Fülle mit einigen Strähnen vervollſtändigt werben kann, Schlupfen und
Kuoten geftedt, fo nimmt man dann ben Nadenfträhn auf und befetigt biefen ber-
artig inter den nad) vorn hochſtehenden Schlupfen, daß dieſe bad’ & eine Stile
erhalten. Auch die im Naden berabfallenden Löcchen können dei K mangel fünft-
lich erfegt und unter dem Strähn befeftigt werben.
Wevaction, Berlag und Drud von &. 9. Bapne in Meubnig br: ( :1Piig-
Nenjahrs-- Bilder.
Nach einer Originalzeichnung von Wilhelm Grögler.
N)
HHotographien aus dem Offiiersleben.:
Bon A. von Gersdorf,
I
Kamerad „Gilka“.
erwünfchter Zuftand! — Da fige ih nun allein in
diefer mijerablen Wohnung und denke nach!! Kann
es etwas wahnfinnigeres geben?! Wenn’s nur ein
Anderer gewefen wäre, ein Befjerer als ih! Weiß
Gott, jegt fühle ich erft, was mir das Weib gewefen!
fen fahl£öpfigen Salathüpfer zu nehmen, ein Menſch,
ıt einmal reiten kann! — fit wie eine Klammer auf
e! Aber gefchieht Dir ſchon recht, mein guter Lud⸗
wig, Du Hatteft ja noch unendlich viel Zeit! Was joll ich nur
anfangen? Ich lann mich doc, nicht allein hinfegen und dieſen ver-
wünſchten Abend mit Seft begießen! Wenn ich ur jemand da hätte,
dem kgenüber ich mid) austoben fünnte! Will 'mal zu Gilfa gehn!”
mb der Premierlieutenant Graf Röbern drüdt bie Mühe auf
die umbüfterte Stirn und verläßt die mijerable Wohnung, die ihm
der erjte Decorateur der Stabt — „haute nouveaute“ natürlich —
eingerichtet hatte. Nur in ſolchen Stunden bedeuten geſtickte Vor⸗
hänge umd magnifique Raffepfer! —* nicht allzuviel!
—D taunsdorff!“ — Der verzweifelte Graf ſtand in der
engen Straße und vief gedämpft zu ben dunklen Zenftern hinauf.
„Scheint nicht zu Haufe zu Kin! Es wird doc) ein wenig zu
viel des Bummelns! Sit ein guter Junge, ber befte Kamerad, den
es giebt, aber, wenn er fo fort macht, befommt er auf Ehre näd-
ſtens 8. S. S. in der Conduite; verdient wahrhaftig jeinen Spig-
namen 2 ih
Ein Fenſter öffnet ſich droben und das Haupt Friedrichs, des
Och erjcheint.
Lieutenant fatafen, Ser Graf!“
läft!? Unſinn! die Thür auf.“ Es geſchieht; der
Graf "Himmt ftolpernd die — le Stiege hinauf und — Aſſein⸗
Der Salon 1889. Heft IV. Band I.
362 BPhotographien aus dem PVffisiersieben.
in das Schlafzimmer des Lieutenant® von Staunsdorff, unter den
Kameraden „Gilfa“ genannt, aus naheliegenden Grinden.
‚Schon im Etut, alter Freund? 's it faum zehn Uhrl?“
„Mir war fchauderhaft jchlecht, Beſter!“
„Wie glaubjt Du wohl, daß mir ift?“ fragte der Graf. „Erna
hat ſich verlobt!”
„Nun gut, da bift Du ja die Gefchichte los! Du Hatteft Dich
ja Eräftig zurüdgezogen! Weißt Du, wern man dem Bedienten zehn
Mark giebt, damit er fagt, er habe die Einladung an Dich bergelfen,
und bie Seigte kommt "raus, dann kannſt Du Dich nicht wundern!“
s En ern, nein! Ich bin außer mir. Sept fühle ich erft, wie
ich fie liebe!“
„Guter Ludiwig, mein Kopf ift wie in einer Schraube, Du
könnteſt vielleicht morgen — —!“
. „Gilka, ich kann nicht allein bleiben, ich muß austoben. Thue
mir den Gefallen und gehe mit!“
„Nun, weine nicht, Graf! Ich fteige in die Montur und geh’
mit Dir, wenn's Dir Erleichterung bringt, mic wird's nicht todt
Wenige Minuten jpäter waren die Freunde auf der Strafe und
der gutmüthige Gilfa konnte vor Kopfjchmerzen kaum den eg
fehen, aber er Hatte in feinem ganzen Leben noch feinem Menichen
eine Bitte abgelchlagen!
Einige Tage fpäter begann das Manöver. Eine fühle, regne-
riſche Biwal-⸗Nacht fand unferen Freund Staunsdorff-Gilfa auf behag⸗
lichem Strohlager in feinem Zelt, das er mit zwei anderen Offizieren
ae Plöglih fühlte er fi etwas unfanft am ber Ehulter
efaßt.
s „Was giebt'3? Iſt Alarm?“
„Aların ift nicht!“ fagte der junge Lieutenant Solm, der vor
ihm Stand, „aber Sie knirſchen jo entjeglich mit den Zähnen, liebſter
Staunsdorff, mir läuft ein falter Sipaner nach dem andern über!“
„Bedaure aufrichtig, aber vielleicht könnten Sie einichlafen,
wenn ich eine Weile wace!?“
„Kein Gebante, “ bin ſchon vollitändig nervög!“
‚ „Nun, jo gehn Sie hinüber in Meerheims Zelt, 's iſt ja nicht
beſonders weit!“ war der freundliche Rath.
„Meerheim, dem ich ſchon am Tage fo weit ala lich aus
dem Wege gehe!? Sehen Sie, ich bin geftern den ganzen Tag über
Hin- und hergejagt — ein Ordonnanz- Offizier vom alten Artmann
Hat mabnhaftig fein leichtes Leben!“
„Lieber Solm, Sie feinen zu wünjchen, daß ich mein eigenes
‚Belt, verfaffe und bei Meerheim eine Unterkunft erbitte!?"
Damit ftand der gute „Gilka“ langſam auf, nahm fein Strol
unter den Arm und verließ Eopfichüttelnd das Belt.
In Meerheims Zelt hatte er num die Rechnung ohne den Wirth
gemacht, nicht weil dieſer Schwierigkeiten erhoben hätte, er wäre au“
Photographien aus dem Effiyiersichen. 363
das hül
blauen Augen und dem kurzen, blonden Schnurrbart, dem euer zu—⸗
gelehrt und machte weiter feine Höheren Anſprüche an das Schidſal.
Wer hatte ihm nicht gern? Wer hatte ihm nicht ſchon Heinere
ober größere Gefälligkeiten zu danken? Ueberall war er willfommen,
und wo es noch fo eng war, für den alten „Gilka“ und fein. Glas
wurde Pla gemadt. Man war fo ficher feines gemmärdigen Nickens
oder feiner ftehenden Antwort: „Wenn's Dir Erleichterung bringt,
Kamerad, — natürlich!” fobald man ihm mit einer Bitte nahte.
B Hatten Freunde in angeregtem Zuftande Streit befommen,
Gilka ftedte fein gemüthliches Geſicht dazwiichen: „Na, Kinder, lat
die Geſchichte geh'n, da füllt mir 'mal mein Glas!“ und legte mehr
als einmal die Geſchichte bei.
Wollte ein Kamerad Jagd⸗Urlaub, oder hatte er andere drin—
gende Angelegenheiten auswärts Br ungelegener Zeit, wie oft hieß
es da: „Gilka, oller Junge, Du bleibt da, Du vertrittft mich, wenn's
Dir nicht unbequem ift!?" Es ſchien ihm felten unbequem zu fein,
und er machte freundlich und oft genug ben Lücenbüßer.
Hatte ein Avantageur Dummheiten gemacht, die ihm die Epay-
letten often Tonnten, er balf ihm aus ber Klemme! Nur mit
schriftlichen Arbeiten durften Sie ihm nicht kommen, davor hatte er
eine unglaubliche Scheu!
Das Mandver ift vorüber. Ein großes Liebesmahl ift gewefen.
Mit einem glänzenden Eindrud werden die auswärtigen Kameraden
der Divifion dad Regiment verlaffen.
Das Diner ift % tadellos, Dank dem Tiſch⸗Direktor Grafen
Nöbern, der Ernas Verlobung überwunden zu haben ſcheint, denn
in der Heuchelei war er niemals Meifter, und er tjt unglaublid) ver-
mügt. Die magnifiguen Räume des Kaſino enthalten einen Kleinen,
” idenen Spieljaal, in dem zuweilen natürlich kleines Epiel ges
fpielt wird, wie es höheren Ortes geftattet ift, aber ſeht euch nicht
um nad den bedeutenden Summen, die da zuweilen bin und her
25* 5
364 Photographien aus dem Vffiziersleben.
gleiten. Es dringt nichts davon hinaus in die „Geſellſchaft“, man
ift unter Kameraden, alſo „en famille“, und das find ſchöne, edle
Einrigtungen. Der Corpsgeiſt der Regimenter, Achtung vor ihm!
Im Kaffeezimmer auf einem bequemen Plüſchſopha, eine Taffe
Molka und ein itöngäschen vor fich, figt Lieutenant von Staunsdorff
bei der friedfamen Befchäftigung, das müde Ausjehen feiner alten
Müge durch geichidt eingelegte Schwefelhölzer zu Heben; da wird
die Goire aufgeriffen und ein Offizier, es ift der Freiherr von Meer⸗
heim, ſtürzt ziemlich verftört, wie es fcheint, durch das Gemach;
Gilfa erbliden, auf ihn zueilen, feine Hände faſſen und ihm jammer-
voll in die runden, blauen Augen jehen, ift eins!
„Run, Kamerad, was jol’s?“
„Alter Freund, warjt immer an der rechten Stelle, wo's noth
— ‚fernen alle Deine gentlemanliten Gefinnungen, mußt mir
jen!“
* „Natürlich, wenn's Dir Erleichterung bringt, Kamerad!* ift die
etwas betroffene Antwort.
„Es würde mich von einer Zentnerlaft befreien.“
Sprich nur geug Du weißt ja!“ .
„Gewiß Freund, Du mußt mir Deinen Namen zu einem Wechſel
eben, habe drinnen unglaubliche Summen verloren, muß morgen
üh zahlen, muß — veritehft Du?“
„Natürlich, aber Wechſel Türziben ohne einen Heller in der
Tafche, kommt meines Glaubens dicht vor Einbruch!”
Ich verfichere Dir, reine Formſache! Du giltit als wohlfituirt,
bift es ja auch wahrjcheinlich! Ich zahle am erften die Summe,
hörſt nichts wieber von der Gefchichte, auf Ehre!“
& Und Herr von Meerheim wiſchte fih den Schweiß von ber
tirne.
abe nicht einen Heller in der Tafche, mein Beſter!“
Was thut das, Du ſollſt ja auch nicht zahlen!“
WMachſt — am Ende unglücklich, Meerheim?“
„Nun, jo laß es, muß dann eben zu andern, habe Dir meinen
höchſien Schwur gethan, mehr kann ich nicht!"
„Beruhige Dich, Kamerad, ich will ja, natürlich!“
„Dank, vielen Dant, iu: auf mich im Leben und Sterben!“
Bald darnach figt Gilfa wieder in der Sophaede; er betrachtet
zufrieden die reparirte Müge, hat ein bampfendes Gläschen Punſch
vor fich und fat die ganze Affäre vergeſſen!
Und vier Wochen fpäter: Wo bift Du, Kamerad Gilfa und
Dein Glas? Wo bift Du, guter, gemütlicher, gefälliger Kamerad
Da liegt er ausgejtredt auf fühlem Waldesgrund, das hübfche
gemütvolle Geficht ſtill und ernit dem Himmel zugewendet.
Ein Freund Hat ihn erſchoſſen!
Warum? Wieſo?
Wie war's möglih? Gerade ihn?
Das find Fragen, die das Ehrengericht angehen! Es ift ftren
BPhotographien aus dem Bffiiersleben. 365
IL,
Harry, der Löwe.
„Lieber Hauptmann Erfah!“
Gnẽdiges Fräulein befehlen?“
„Sie find ja mit dem Lieutenant v. K. befreundet, kommt er
eigentlich Heut’ Übend?
„Weiß der liebe Himmel, wo er fein Gebiet burchftreift!“ ift die
Antwort de3 jungen Infanterie-Hauptmanns.
„O, es ift jchon recht fpät und ich bin zur erſten Françaiſe
mit Herr v. K. engagirt, wenn er aber nicht fommt, jo — —!“
„So ift er des Glüdes nicht werth, daß Sie auf ihn warten,
meine Gnädigſte“, fagte der Hauptmann, nicht ohme einen Anflıy
leiſen Spottes. „Es ift neun Uhr, aber der „Löwe“ pflegt Fr
erwarten zu laſſen, nicht weil er eitel wäre, — fondern weil er
faul ift“, wollte der Hauptmann jagen, verbefferte fi aber und
ſchloß: „weil er fehr in Anſpruch genommen ift.“
„Warum nennen Sie den Lieutenant v. K. der „Löwe“ und fo
offenbar fpöttifch, ‚Ser Hauptmann? Mir ift er immer nur als ein
“benswürbiger und geiftvoller Offizier erfchienen!“
Der Hauptmann ſetzte langfam fein Glas auf: „Tant pis pour
mein Kätchen“, denkt er dabei und antwortet bieder: „Weit ent-
at, gnäbiges Fräulein! Ich ſchätze den guten K, jehr, doch werden
zugeben, daß er folange „Löwe“ ift, als er „König der Wüſte“,
Ite Yagen: der Saifon hi nun, vor diefen Thieren iſt immer gut,
arnt zu Jin, ſelbſt im gezähmten Zuftande find fie gefährlich,
” Sie bleiben immer Raubthiere, die vierbeinigen Löwen zerreiken.
366 Photographien aus dem PBffiyiersieben.
und verjchlingen ben Menjchen ganz, wonach ihnen wieder wohl ift,
die zweibeinigen —5 nur das Fa befte und auch das
nur dom zarten Geſchlecht. Doch da ift er und ich weiche!“
Hauptmann Erlach verneigt fich und ftreift an dem Eintreten-
den freundfchaftlich vorbei, ihm mit dem bewaffneten Auge eine
Sekunde zublinzend.
„Wirſt fehr erwartet, Harry!“
„Meinetwegen!“
„Bift nicht bei Laune, Bruderherz? Sieh’ Dich vor, ſcharfes
euer da drüben!“
„Bah, Hatte befferes vor! Bleibe nur eine Stunde, wenn ich
Tostommen Tann!”
Ob er fchön war? DO ja! Geiftvoll und liebenswürdig? Auch
wohl! Denn dieſe Schönheit ftrahlte von intelleftuellem Glanz.
Ih fah einſt ein höldes, junges Geſchöpf in der Ede eines
—8 lällſaales ſtehen, und hörte fie leiſe flüſtern: „Ob er wohl
w iſt?“
Dies iſt Die letzte Frage, ſchöner, liebenswürdiger Löwe, ob Du
wohl brav bift?
Langſam geht er durch den Saal, die hohe, ſchlanke Geftalt,
bie ihren Auf verführerifher Schönheit mehr der, unübertrefflichen
Geſchmeidigkeit, als vielleicht vollendeter Proportion zu banfen hat;
ein Hein wenig gebeugt, dadurch jeltfam abftechend von ben Same-
raden mit der militäriſch geraden Teen den ebel geformten Kopf,
die großen, ſchwarzen Augen, die jo zärtlich, jo Luftig und auch fo
unendlich vorwurfsvoll zu bfiden veritehen, vergißt nicht leicht das
Herz eines Weibes, zu dem er fich in ſchnell verraufchter Liebe ein-
mal hinab gebeugt.
‚umeilen bleibt er jtehen, hier eine Hand ſchüttelnd, bort ein
Lächeln, ein Scherziwort erwibernd, oder raſcher dahingleitend, ger
ſchickt auf die Stelle parirend, um feinen ſchönen Kopf ehrfurchts-
vol zu neigen und eine Sefunde gehorfamft zu zögern, einer mög-
lichen Anrede von ſchöner oder ren Kippe Zeit zu Iaffen!
Wie fie ihm nachblicken, hier jtrahlend, dort verftohlen, der
ältere Kamerad, mit Wohlwollen und Billigung und Freude, denn
er ift der vollendete „Gentleman“ überall, am Bantetttiih, am
Spieltifch, in Ehrenhändeln unter vier Augen!! Seine Diskretion
jeht ins unglaubliche, der jüngere und jüngfte Kamerad fieht ihm
Friend und bewundernd nad, fein nachläſſiger Gang, der Schnitt
jeiner Haare, die unvorjchriftsmäßige weiße Schnur oberhalb feines
Uniformrodes wird vorfichtig kopirt, fogar die ihm ganz allein eigene
Art, vertraute Freunde mit den Augen und Augenbrauen zu grüßen,
findet_mehr oder weniger Nachahmung.
D prächtiger Löwe!
Nur einer hat Heute fein Verftändniß für ihn und feine Be—
wunderung, fein Auge, feine Begrüßung, als einen jchlaffen, geiftes-
abwefenden Händedruck. Es ſchweift fein Blick über die Menge, bir
Photographien aus dem Offisiersleben. 367
fi) eben zur Quadrille in Ordnung zu bringen fucht, und mit ver-
‚weifeltem Gefichtsausdrud ſchiebt er den Finger ab und zu in den
Febr engen Kragen der Uniform. Es ift der maitre de plaisir.
Harry winkt dem Unglüdlichen mit den Augenbrauen und jagt im
vorbeigehen: „Mache es nicht zu lang, Werber!“ erhält aber nur
ein Achjelzuden zur Antwort.
Ihre Erzellenz, die Höchiteommandirende hat ihm ſoeben im
vorbeigehen gejagt: „Machen Sie es recht lang, mein lieber Werder,
das Souper ift noch nicht fo weit, Sie verftehen?!“
Tiefe Verbeugung. Er gehorcht und ſchiebt den nachläffig bum- :
melnden Löwen an feinen Pla, ihm noch zuraunend: „Commanbire
ein aut bei Dir da, im Carte ift immer eine heillofe Konfufion
uch“
Harry ift mist ‚u verwechfeln mit dem gewöhnlichen Allerwelts⸗
Courmacher oder Hofgrafpler. Was er fagt, hat Hand und Fuß,
und ift oft ſchön gedacht. Seine ‚Sufbigungen find vollwichtig und
fein Geſchmad nicht leicht zu befriedigen, aber bie Ungenirtheit, mit
der er feine Bewunderung oder Liebe zeigt, unübertre| in Da fteht
er mitten im Saal, einer jungen & vnheit feinften Stils einige
Verſe eines berühmten Dichter? als Antwort auf eine unbebachte
Frage ihrerjeits, mit einem Ausdrud in den tiefen, ſchwarzen Augen,
daß Seine Exzellenz, der feine zwei Schritte von ihm fteht, fait er-
ſchreckt zurüdtritt. Hat er ernfte Abfichten?
Zumeilen einen Anflug, doch er läßt nicht gern etwas davon
verlauten. Im allgemeinen pflegen ja doch Löwen ſchließlich zu
heiraten und damit aufhören Löwen zu fein, aber Harry hat fein
Vermögen, aber immer Geld. Er iſt tadellos beritten, treibt den
Sport, aber nicht jodeimäßig, nennt fich mit feinem Rittmeifter „Du“
und füßt feine ehemalige Gouvernante, eine fluge und liebenswür-
bige alte Dame, die er zuweilen eff,
Löwe, viel geliehter, beiwunderter, verwöhnter Löwe! wart Du
es, der in jener reichen und bewegten Winterfaifon fo oft leidend
Br Ind den Himmel des Ballſaals ohne Sonne ließ, d. h. ab»
jagte?!
Warft Du es, der den folgen Kopf unter jene Eleine, niedrige
Thür neigte, wo die gute, alte Dame wohnte, und im Kleinen Kreiſe
gen hoch im Nange ftehender Menfchen, die von Ballfaal und
ſeüſchaft nur aus Büchern wußten, bis weit nach Mitternacht ſaß
und fein gutes Herz, feinen luſtigen Wig, feinen echten Sumor
lenken ließ? Warft Du es, der ſchweigend das En jene Nixen⸗
haar bewundert, wenn der Eleinen Lampe Schein es jo herrlich aufs
leuchten ließ, war es Dein Kuß, der fo heiß auf den fchlanfen,
weißen Händen brannte, die auf den Tajten des alten Klaviers
rubten? Come back again? War ed Deine Thräne, die auf diefen
Händen funtelte, ala Du Abſchied nahmit und fie übers Weltmeer
ziehen ließeft, woher fie gefommen, um dem alten, nüchternen Europa
zu zeigen, was Schönheit war!? Jawohl, Du gingſt ruhig und
368 Photographien aus dem’ Hffiyiersichen.
traurig, aber ohne Selbftvorwurf und überwandeft muthig die Er—
innerung an das Ideal Deines ehrlichen Löwenherzens.
Da geht ein Schrei durch die Gefellichaft: „Harry heiratet!”
Man beklagt es, man nimmt es übel, man findet ihn unbegreif-
lic, man jagt ihm nichts gutes in der Ehe voraus, aber, man kann
Sa nicht ändern und ergiebt ſich in das gebrudte oder Lithographirte
tum.
Junge Löwen fpringen verjucheweife auf das freigewordene
Boftament, können ſich aber nicht halten, man ift verwöhnt und der
öwe muß fertig fein wenn er erfcheint, nicht erft werben, fonft ver-
fehlt er den Zweck. Ja, er heiratet und wird Bater! Wen?!
Wo?! Wie?! Das geht und nichts an! Er ift ja nicht „Löwe“
mehr! —
u
Brida von Shüß.
Ein romantiſches Bühnenmwanberfeben früherer Zeiten. Bon Anna Löhn - Siegel.
vethe fagt in den Frankfurter „Gelehrten Anzeigen“ vom
9. April 1773: „Laßt uns jede, auch Die unerheblichite
Nachricht vom Zuftande. ber deutſchen Bühne aus Patriotis-
muß nicht verachten" — und an einer andern Stelle: „es
ftedt oft mehr von unferm volfstyümlichen Geifte in getreuen Nach-
richten über die deutfche Bühne und ihre Vertreter, als in langen
Abhandlungen über unjere Nation.“
Diefe Ausiprüche des Altmeifters finden volle Anwendung auf
die künſileriſche Perjönlichfeit, um deren Lebensgang es ſich hier
handelt. So furz die Spanne Zeit war, die ihr das Geſchick gu
Entfaltung ihrer Bühnenwirkſamkeit gönnte: fie konnte als eine
berufenften rtreterinnen deutſcher Innerlichleit und deutſchen
Humors gelten, die in unſerer Jahrhunderthälfte von der Schaubühne
herab die zarteſten Saiten unſeres Gemüths erklingen machte.
Frida von Schütz gehörte zur Zeit ihrer höchſten künſtleriſchen
Reife dem Dresdener Hoftheater an, zu deſſen ſchönſten Zierden fie
gibt wurde. Diejenigen, die von dem erfrijchenden Hauche der
arftellungen und der volfsthümlichen Liedervorträge dieſes echten
Naturtalents berührt worden find, haben fie nie vergeffen fünnen,
und ftimmen mit dem Dichter Otto Ludwig überein, der von ihr
jang:
ſang Des deutſchen Herzens Wehmuth, ſtilles Sehnen,
ünd feines derchenjubels Wunbertöne,
Du trugſt fie in der Bruſt.“
ig war ein merkwürdige Gemiſch von Idealismus aus
merfter Anlage und Begabung, und von Naturalismus aus Mangel
Schulbildung und Verfeinerung durd) Erziehung. Trotz Dieles
ingels, der ans unglaubliche grenzte, und hauptjächlic, in dem
elojen Bühnenwanderleben ihrer Eltern zur Zeit der Schulpflich-
370 B Frida von Schũtz.
tigfeit be3 Kindes zu fuchen war, zeigte der ideale Grundzug ihres
ejens doch Beftändig, Wie die Magnetnadel nad) Norden, mit einer
wahrhaft rührenden Schnfucht nad) jenen lichten Höhen, auf benen
die Blume der Veredlung durch Erfenntniß blüht. Das hatte zur
Zolge, daß fie fich, wo immer es möglich war, an Perjonen anſchloß,
von denen fie mit feinerrathendem Gefühl vorausfah, fie würden
bei näherer Befanntfchaft ihre Unbildung nicht belächeln, jondern ihrem
Wiſſensdrang unterftügend und belehrend entgegenfommen. Bald
hatte fie unter allen Kolleginnen meine Wenigfeit zur Vertrauens—
perfon auserleſen, etwas, das mich umſomehr überrafchte, als mir
noch nie von einer jungen Kunſtgenoſſin eine ſo freiwillig gebotene
und ſich liebend unterordnende Zuneigung zutheil geworden war.
Frida wollte immer lernen, fie-fragte und forſchte unausgeſetzt,
ſchämte fich mir gegenüber ihrer Unwiſſenheit nicht, und ar dem
dauerbaren Pfeifer jochen Lehrens und Lernens ruhte unfere Be-
kanntſchaft, die fich durch des trefflichen Mädchens dankbare Anhäng-
lichkeit zur Freundſchaft erhob.
„ijfene“, fagte fie einmal in ihrem treuherzigen öfterreichifchen
Dialekt zu mir, „i_ möcht Ihne alles erzähl'n aus mein'm Leben,
und i möcht, da Sie all’ das Zeug auffchrieb'n.“
So gejhah ed. Sie erzählte, und ich fehrieb, denn „all dag
gu war merkwürdig, nicht allein in Bezug auf die Gemüt3- und
Iententwidelung ber Erzähferin, ſondern aud um ber oft wilden
Romantik willen, die fid) in ben Fahrten ihrer Eltern mit den beut-
ſchen Schaufpielertruppen durch die Steppen und Heinen Städte
Ungarns, Siebenbürgens und Kroatiens während der faft noch eijen-
bahnlofen Zeit der dreißiger und vierziger Jahre ausprägte,
In Lugos im Banat wurde Frida von Schütz geboren.
„Sie war halt a verfrühtes CHriftkindl“, pflegte ihr Water zu
jagen, „denn ber 22. Dezember 1838 bracht' fie ind Haus, und ihre
Mutter lag in a nit viel befjerm Bettg’ftell, al a _Kripp'n.“
Frau von Schüß ftammte aus ber ſchönen Steiermark, Eine
unüberwindliche Neigung zur barftellenden Kunft hatte fie ans guten
bürgerlichen Verhältniffen zum Bühnenwanderleben fortgetricben. In
Siebenbürgen lernte fie bei einer umherziehenden Schaufpielertruppe
den bayerijchen Lieutenant von Schüg fennen, ber dem Kriegahand-
wer entfagt und gleichfalls aus Begeifterung für Mufif und Theater
Dienfte bet der dramatifchen Mufe genommen hatte.
Er war Iyrifcher und komischer Tenor, jpielte aber, wenn Noth
war, auch Väter und Intriganten, und verfah zeitweilig mancherlei
Aemtchen, die bei der Truppe gerade unbefegt waren. Beide deutjche
Kunſtenthuſiaſten fchloffen ein Herzensbündniß, das ſpäter Die kirch-
liche Weihe erhielt. Außer Frida wurden dem liebenden Paare noch
‚wei Kinder geboren, ein Sohn und eine Tochter. Als ich die
milie in Dresden fennen lernte, wurde von derſelben der Pater
Bellermann an der fatholifchen Hofkirche bafelbft gerade erfucht, mit
feinen Herren Amtsbrüdern in Ungarn und Kroatien zu forreipons
Er
Frida von Schũh. 371-
diren, um für Sepp, den jungen Sohn, ein Taufzeugniß zu erlangen,
das, wie die Mutter fagte, „mit vielem andern Thenergrrümpelt
verloren gegangen war. Die Eltern aber wußten nicht mehr genau,
wo Sepp die heilige Taufe erhalten hatte, der Water meinte in
Temesvar in Ungarn, die Mutter behauptete, in Jaszka in Kroatien.
In Kroatien auch begann Fridas Lebensgang über die Bühne,
und zwar in Karlaftadt, wo fie im Alter von vier Jahren als Kleiner
Sranzl in der Poſſe: „Der verlaufte Schlaf“, ihre erften Lorbeeren
pflüdte. Durch die Freimüthigkeit und Natürlichkeit ihres Spiels
gewann fie ſogleich ‚alle Herzen. Ihre wirkliche Mutter, eine hübſche
junge Frau und routinirte Schaufpielerin, war zufällig ihre Theater-
mutter im Stüd, und als der Schaufpieler Menks, der den Vater
anzels darftellte, Fridas Mutter auf der Bühne wieberholt zu
füffen hatte, improvifirte die Kleine, von einer Art Eiferfucht erfaßt:
a, Du kannſt aber nit genug krieg'n mit Deine Buffertn“
Selbſtverſtändlich — eine ungeheure Heiterkeit im Publi-
tum, bie fid) lange nicht beruhigen wollte und Frida ganz verdutzt
machte. Leiſe fragte fie die Mutter: „Was hab'n denn d’ Leut’ da
unten, daß fo an Spektakel mad'n?“
Franzl wurde mehrmals herausgerufen und ein riefiger Sufenn
offizier, der auf der nächiten Bank hinter dem Orchefter ſaß, nahm
die Kleine von der Bühne herab und reichte fie weiter, jo daß fie
im ganzen Parterre von Arm zu Arm wanderte, wobei viele Zwan—
ziger und größere Gelbjtüde, auch Zuckerwerk und Obft, in bie
Hofentafchen des Heinen Franzis flofjen.
Diefer Lachjubel Amieberholte fid) ein Jahr fpäter in gg in
Kroatien, ald Frida den Knaben Chriftel im Luftfpiel „Der Wittwer“
fpielte. Da geſchah es, daß in dem Heinen, mangelhaften Mufen-
tempel ber altersfchwache Vorhang von Gingan, mitten entzwei riß,
als man ihn aufzog, weil Frida berausgerufen wurde. Das frühs
reife Kind empfand das Lächerliche dieſes Vorgangs, ſchaute verdrießlich
in bie Höhe, wo ber letzie übrig gebliebene pen flatterte, und
tief dem Borhangaufgieher zu: „Hörens, Sie müff'n den alten Gin-
gan nit jo befpeftirli zammreiß'n.“ Natürlich verdoppelte ſich nun
der Beifall des Publiftums, und man warf dem Heinen muthigen
Chriſtel Apfelfinen zu und anderes Opft, aber im fmeigjefafteften
Sinne.
Diefe Sinbergefchicten wurden von Fridas Mutter beftätigt,
und noch viele hübfche Anekdoten, die das aufgeweckte Mädchen ge—
liefert hatte, Hinzugefügt.
Mit Sepp, dem jüngeren Bruder, Hatte fie manchen tollen
Streich ausgeführt. Die Kinder wuchſen ja ziemlich unbewacht auf,
denn Vater und Mutter waren vom frühen Morgen bis in die
finfende Nacht mit ihrem Beruf befchäftigt, mit NRollenfernen, Pro—
benbeſuchen. Koftämzufammenfegen, und fat allabendlic, mit Komoͤdie⸗
tg Es war ein wahrhaftiges Zigeumerleben, das die Familie
ührte. Oft gab es Eleine Gage und ſchmale Biffen, und Frida Tief
Frida von Schũtz.
mit Scpp am frühen Morgen auf die Wiefen hinaus, um die gungen
Keime des Löwenzahn zu jammeln, woraus dann ein Salat bereitet
wurde, der bem täglichen Mittagsejjen, dem Maisbrei, einige Würze
verlieh. Mit einem leifen moralijhen Schauder ſetzte die Erzäh—
lerin hinzu:
„Und denkens nur, warn m’r an rechten Hunger hatt'n, i und
der Sepp, da hab'n m’r Obft g'raubt. Und a Brud’n war in ber
Näh', und da hab'n m'r ung unter an Bog'n g’dudt, und da hab’
m'r's verzehrt.”
An einem ftürmifchen Novemberabend in einer fleinen Stadt
Siebenbürgens war Frida mit dem jüngern Sepp, wie faft allabenblich,
“ allein zu Haufe geblieben, während die Eltern ihrer Pflicht im
Theater nachfamen. Sie bewohnten ein elendes, kaltes Zimmer im
Erdgeſchoß eines baufälligen Haufes, denn die möblirten Stuben
waren in dem Orte rar. Che fie fortgingen, hatten fie die Kinder
in die Betten geftedt, d. h. in zwei Kiften für den Transport der
Garderobe beftimmt, worin ſich die Kleinen mit alten Kleidern und
einigen Kiſſen zubedten.
Aber Frida und Sepp konnten nicht einjchlafen, denn der Sturm
tobte entfeglich, riß die fchlechtbefeftigten Fenſterladen los, trieb fie
hin und her, und die Slinder famen bei manchem heufenden Wind⸗
ftoß auf den Gedanken, es feien Wölfe vor den Fenftern, und fie
würden in das übelverwahrte Häuslein eindringen und fie, die Hilf»
108 Berlafjenen, zerreigen.
Beide kannten die furchtbaren Raubthiere von den Fahrten der
wandernden Schaufpieler durch die Steppen Ungarns her. Sie hatten
einzelne gejehen, da8 grauenerregende Leuchten ihrer Augen in ber
Nacht, das markerſchütternde Geheul, mit dem fie herantrabten, war
den Meinen im Gedächtniß geblieben, ebenfo eine Schauergefchichte,
die ihnen die Mutter oft erzählt hatte.
Einftmals, als Frida und Sepp noch jehr Klein gewefen waren,
folgte ein ganzes Rudel heißhungriger Wölfe der in einigen Schlit⸗
ten untergebrachten, auf der Reiſe begriffenen Künſtlergeſellſchaft des
Schauſpieldirektotrs Mohring in Ungarn. Die Nacht war hereinge⸗
Srochen: Immer näher und näher fam das gräßliche Gethier dem
Schlitten, worin die verzweifelnde Mutter faß, ihre Kleinen krampf-
haft umklammernd. Die furchtſcheuen Pferde Hatten gezittert und
gebebt, und doch im tiefen Schnee faſt nicht mehr fortgefonnt, die
Männer hatten Schüffe abgegeben, denn ohne Schußwaffen in jener
Gegenden zu reifen, war damals unmöglich. Alles vergeblich. Da
hatten die Fuhrleute ein äußerſtes Vertheidigungsmittel angerathen:
Stroh mußte aus den Schlitten herausgezerrt, angezündet und in
brennenden Bündeln gegen die blutgierigen Beftien Gelfeubert wer⸗
den. Ihre Furcht vor dem Feuer war größer gewefen, als ihr Hunger,
und hatte wenigftens zur Folge gehabt, daß bie Heerde einige gi
lang zurüdblieb, wodurd) es den inzwiſchen in der Nähe einer rt-
isch angelangten Reifenden möglich wurde, der töbtlichen Gefahr zu
Frida von Schũtz 373
entfliehen. Die ahnungsloſen Kinder hatten gefchlafen; umfchlungen
von den Armen ber in Todesangjt bebenden Mutter, war weder das
Angitgefchrei der Verfolgten, noch die über ihren Häuptern abge
feuerten Schüffe, noch das Geheul der nahenden Raubthiere, in ihre
findlichen Träume gedrungen. Die Engel des Himmels hüteten ihr
Leben und ihren Schlummer.
So behauptete Frida, deren frommes Gemüt an die unmittel-
bare Einwirkung himmliſcher Mächte glaubte.
Die Erinnerung an diefe, von der Mutter oft gejchilderte
grauenvolle Steppenfahrt erfüllte jegt bie verlaſſenen Kleinen im
einfamen dunfeln Kämmerlein, wo der Sturm jie umheulte und fie
fi) von Wölfen bedroht wähnten, mit Schredfen. Ihre Angſt fteigerte
ſich bis zu einem ſolchen Grade, daß fie’aus den Kiften herausffet-
terten, nach der nur ſchwach mit einem Holzriegel gejchloffenen
Hinterthür tappten, fie öffneten, und fo wie jie waren, d. h. nur mit
einem Hemdchen beffeibet, trog Sturm und Kälte, den Weg nad dem
Theater einſchlugen. Sie bildeten ſich ein, die Wölfe feien vor der
Vorderthür des Haufe, und ihre Findliche ‚Befangenbeit glaubte,
dur die Hinterthür müßten fie der Gefahr unbedingt entrinnen
fönnen. Dort lag ein Hof, diefen mußten fie überfchreiten und durch
eine Lucke unter einem gejchloffenen Thore auf allen Bieren hinweg»
kriechen. um die Gaffe zu erreichen.
Aber wer bejchreibt das Entjegen der Eltern, als fie die Kleinen,
fölotternb vor Froft, in diefem Aufzuge hinter den Souliffen, er-
bfiden! Die Mutter, die gerade als eine mit Zlitterpug überladene
Feenkönigin auf der Bühne fteht, unterbricht ihre pathetifche Rede
mit einem jähen Schredengfchrei, der die ganze Zuhörerfchaft in Auf-
zegung verjegt. Man glaubt, ein Unglück fei geſchehen, einige Stim-
men rufen: Feuer! feuer! es entiteht ein Angſtgeſchrei und ein Lopfe
Iofes Drängen nach) den Ausgängen — da erſcheint, vom Direktor
der Truppe faſt hinausgeftoßen, Fridas Vater auf der Bühne und
ruft: „Halt! Halt! Es iſt nix vorgefallen, fein Unglüd, fein Feuer!”
— Aber der Mann ift jo erjhüttert, daß er plöglich ftodt und nur
gerade die Wahrheit ftammeln fan, indem er hinzufegt: „Es ift nur,
meine verehrten Herrichaften, daß unfere Heinen Kinder, die Frida
und der Sepp, ſich 3° Haus gefürcht' haben und uns in Hemd'ln
hierher nachg’laufen find —“. Weinend bricht er ab.
Das erührte Bublikum aber bricht in einen Beifallsjturm aus,
der feine Theilnahme an Vater- und Muttergefühlen befunden foll.
Viele Frauen Fate Man verlangt, die Kinder zu jehen. Fridas
Mutter rafft ihre jilbergefticte Seenäleppe empor und widelt den
"uben hinein, der Vater trägt die in einen alten Schafpelz gehüllte
riba, und fo treten die Feenfünigin und der Spaßmacher im Stüd
it ihren Kindern vor die Lampen. Das allgemein Menfchliche geht
r alle fünjtliche Phantajterei und Feerie, man bejubelt und bes
net die Kleinen, und erjt nad) langer Pauſe kann die Kunjt, die
ch die Natur verdrängt worden war, wieder zu ihrem Recht gelangen.
374 Frida von Sqhũt.
Aber auf Frida, ein zartes, leichterregbares Kind, wirkte dieſer
Abend verderblich für ihr ganzes Leben ein. Er legte den Keim zu
allen ihren fpäteren Leiden, ja zu ihrem frühen Tode. Wiederholte,
vielleicht wenig beachtete Erkältungen, denen fie auf den mannigfachen
beſchwerlichen Wanderungen der Schaufpielertruppen ausgejegt war,
verjehlimmerten den Buflans, welcher endlich in höchſt femengpafte
und bedenkliche Gichtanfälle überging. ‚Eine fchwere Krankheit brach
über das frühreife, talentvolle Mädchen herein, und befümmert ftan-
den die Eltern oft an ihrem Lager, ehe fie zum Muſentempel ſchrit⸗
ten, um bie ſchauluſtige Menge duch Wig und Humor, der ihnen
nicht vom Herzen fam, zu ergögen.
Um dieſes ımftäten Wanderlebens willen konnte Frida nicht zur
Schule geichidt werben. Die Mutter erzählte, daß gerabe damals
in ihrem fünftlerifchen Erdenwallen eine Zeit eingetreten fei, wo die
Schaufpielertruppen faum länger als drei bis vier Wochen in einem
Ori geraftet hatten. Und wie jchlecht waren bie Schulen jener Ort⸗
ſchaften beichaffen! Selten wurbe, und in ganz mangelhafter Weiſe,
.deuiſcher Unterricht ertheilt. Der ungariſchen und ber ſlaviſchen
1, die in jenen Gegenden geſprochen wurden, waren aber die
‚Kinder auß der deutſchen Femii nicht mächtig, nur einige im Ge-
ſchäfts⸗ und Wirthichaftsleben nöthige Redensarten, bie fie von den
Eltern hörten, hatten fie aufgefchnappt. Auch ſchienen die Schulvor⸗
jtände nicht geneigt, folche Heine Zugvögel vorübergehend in ihre Bil-
dungstempel aufzunehmen. Man bebeifallte die Schaufpieler zwar auf
der Bühne, aber im bürgerlichen Leben mochte man weder ihnen noch
ihren Kindern gefällig und nüglich fein. Das tiefgewurzelte Borurtheil,
das allerdings in dem Verhalten mancher Mitglieder jener Wander
tmuppen reichliche Nahrung finden mochte, wirkte auch hier verderblich ein.
Und doc bildeten dieſe oft ungulänglichen deutſchen Schaufpielvor-
ftellungen ein nicht zu verachten jand, weiches Die von magyari-
ſcher und ſlaviſchet Flut umraufchten beutfchen Sprachinfulaner jener
Gegenden in gewifjem Sinne mit germanifcher Kultur verknüpfte.
Die armen deutſchen Schaufpieler waren doc ein Stüd Vaterland,
das zu den vereinfamten Landaleuten kam, und fie hätten ſich ſelbſt⸗
bewußt fagen fönnen: Auch wir tragen ein Scherflein Kultur
dem Dften, oder helfen doch wenigſtens dazu, daß fie am Leben bleibe.
Zridas Vater beſaß viel mufifalifches Talent und eine gute
Tenorſtimme, aber durch die Anftrengungen, denen das Organ durch
tägliche und oft übertriebene Ausnugung unterworfen war, nahm
deifen Wohltlang bald ab und es traten Heiferfeiten und Halsent-
zündungen ein. Diefer Umftand veranlaßte Schüß, ſich bet Zeiten
und nach Kräften ber Ausbildung der heranwachſenden talentvollen
en anzunehmen. Aber welche mangelhafte Ausbildung! Frida
empfing, wenn es die Zeit des vielbeichäftigten Water3 geftattete,
einige Anleitung zur Mufit, d. h. er fpielte ihr auf der Geige Me-
lodien vor, die fie nachjingen mußte. Nachdem fie, unterftügt von
einer feltenen mufifalijhen Begabung, mit lieblicher Silberftimme alle
Frida von Sit. 375
Töne rein und ohne zu fehlen wiedergegeben hatte, legte ihr der
Vater das, was fie Veen gejungen hatte, in Noten vor. Gie
mußte, die Melodie wiederholend, mit bem Fingerle die runden
ſchwarzen KöpferIn (wie fie ſich ausbrüdte) begleiten, auf den langen
Noten verweilen, wenn Achtel und Sechzehntel famen, fchneller hüpfen,
bie WVorfch! marfiren, und auf dieje Weife, gleihjam taſtenlos
Klavier fpielend, ihren Gejang mit den jchwarzen „Köpferln“ in
bereinftimmung bringen lernen: Hätte Frida nicht ein außer-
ordentliches Naturtalent beſeſſen, dem es leicht ward, felbft die
ſchwierigſte Tonfolge ſchnell aufzufafjen ımd richtig nachzufingen, fo
würde dieſer Höchjt primitine Unterricht wohl faum von einem
guten Reſultat begleitet geweſen fein. Aber Frida war ein Wald-
vöglein, das die Vorbedingungen zur Kunft von Gottes Gnaden im
Buſen trug, und dem ber Sangesjutel ‚Herzensbebürfniß war. Faft noch
glängender offenbarte ſich ihr fünftlerifches Können für das gejpro-
bene Wort. Eine Rolle, die ihr nur einige Male vorgejagt worden
war, haftete in ihrem Gedächtniß, nicht genug, fie traf den dazu
paſſenden Ton, das charakteriftiiche Mienen⸗ und Geberdenfpiel, mit
einer Unmittelbarkeit, die Staunen erregte, und ohne jede Anleitung.
Ia, ihr angeborener Kunftinftinkt lehnte jede belehrende Einmiſchung
ab, fie hatte das Gefühl, fie dürfe fich ihrer natürlichen Eingebung
getroft überlaffen, die würde ſchon das Michtige treffen. Und fie
traf nicht nur das ala richtig längft Anerfannte, ſondern fie ſchuf
aus Altbefanntem, Hergebrachtem, etwas neues, originelle. Rollen,
die feit ihrem Entftehen in einer und berjelben Manier verlebendigt
Fr waren, wußte fie mit einem neuen, ungeahnten Reiz zu
Ein merkwürdige, in feinen Folgen ſchwerwiegendes Abenteuer,
in das Fridas Vater auf ‚einer Reiſe durch das wilde Vellebich⸗
gebirge nach Zengg im roatikheilavonifihen iitärgebiet Dejterreiche
verwidelt wurde, veranlaßte die Eltern, ihre junge Tochter ſchon mit
elf Jahren zur Mitarbeiterin am künftlerifchen Broderwerb zu machen.
Herr von Schüg hatte die Seinigen in den vom Direltor ber
Schaufpielertruppe, bei welcher er und feine Gattin gerade engagirt
‚waren, geftellten Wagen allein abreijen laffen, ich weiß nicht mehr
von welchem Orte in Dalmatien oder Kroatien, und wollte ihnen
einen Tag fpäter in einer fogenannten Landkutſche nachfolgen. Der
Direktor der Truppe hatte ihn nämlich beauftragt, eine neue Poſſe
‚zu erliften, die eigentlich vom Dichter hätte gefauft werden müjjen,
aber die von dem ungetreuen, in dem betreffenden Orte zufällig auf-
hältlichen Souffleur einer andern größern Schaufpielergejellichaft ge-
ftohlen, d. h. abgefchrieben worden war, und an den meijtbietenden
Theaterdireftor verfauft werden ſollte. Diefer nichtewürdige Schmuggel,
ber bie durch fein Geſetz geſchützten Schriftiteller um das Honorar
betrog, war damals allgemein, und foll nicht nur an Kleinen Wander-
bühnen geübt worden fein, fondern fogar an ftehenden Theatern.
‚Herr von Schütz eroberte den Schag durch ein Mehrgebot, von
376 Frida von Schũt.
5 fl., denn fehr billige Preife mußten ‚die biebijchen Abfchteiber ftellen,
weil bie Direktionen ſonſt befjer gethan hätten, gejegmäßig zu ver-
fahren und das betreffende Stüd vom Verfaffer zu laufen, der eben⸗
falls genöthigt war, fich mit einem Handwerkerlohn für fein Kunft-
werf zu begnügen. B
Als Herr von Schüg im Vegriffe ftand, nach Zengg abzureifen,
und um einen Plag in einer poftähnlichen —Se handelte,
wurde ihm von einem Geſchäftsmanne aus dem eben genannten Orte
für ein Billiges deſſen Reitpferd zur Benutzung angeboten, das auf
diefe Art in feine Heimat zurüdgebracht werden jollte. Der Ge—
ſchäftsmann und Beſitzer des Gauls hatte noch längere Zeit am
Plage zu verweilen, und mochte das Thier bis zu dem unbeitimmten
Tage feiner Abreife nicht im Gaſthofe füttern laſſen. Man wurde
hanbelseinig, und Herr von Schüg, der ehemalige bayerifche Offizier,
war angenehm berührt von ber Ausficht, einmal wieder einen tüch⸗
tigen Ritt ausführen zu können. "Sein Weg führte ihn durch dichte
älder und durch ein einfames, rauhes Gebirge.
Man Hatte ihm viel von einer Räuberbande — die jene
Gegenden unficher machte, allein er ſagte ſich tröſtend, daß die Räuber
nad einer ſchlecht abgefchriebenen Poſſe fein Verlangen tragen wür-
den. Neichthümer aber beſaß er nicht, faum das nöthige Reifegeld,
nicht einmal eine Uhr, die gerade auf einem Beihhaufe nd
war. Dennoch befaß er ein —* das ihm zwar nicht geraubt,
aber welches doch derartig gemißbraucht werden follte, daß er Dadurch
faft ums Leben gefommen wäre. Im Abendbunkel ſah er auf einer
von Bergen eingefehloffenen Halde plöglich Lichter funkeln, endlich
auch ein Kochfeuer, um welches ſich Geftalten bewegten. Da jene
Menſchengruppe die Nähe der Landftraße nicht fcheute, konnte es ſich
bier unmöglich um die berüchtigte Räuberbande handeln, vor der
er gewarnt worden war. Herr von Shi ritt aljo zuverfichtlich
weiter, um noch vor Einbruch der Nacht die nächſte Deraafı zu
erreihen. Da jah er fich urplögfich von phantaftifch, oder auch halb
‚effeideten, wilden Männern umgeben und angehalten. Er fannte
das heimatlofe Völkerbruchſtück fehr wohl aus ben Pußten Ungarns
und aus den angrenzenden öfterreicdhifchen Landen, e8 waren Bigeumer.
Sie hatten die Abficht, ihm jeinen wadern Miethgaul abzunehmen,
nachdem fie ſich überzeugt, daß bei dem armen Schelm ſonſt nichts
zu faffen war. Denn den Werth der Poſſenabſchrift unterfchägten
diefe Kumitheiden felbjtverftändlich und warfen das foftbare
Papiere auf einen unappetitfichen Haufen von Küchenabfällen neben
dem Kochfeuer. Nur mit Verachtung allen und jeden Ekels bes
Kulturmenfchen, und der Gefahr, von den Flammen ergriffen zu
werden, rettete Herr von Schüg die für feinen Direktor eroberte
Poſſe und barg fie von ba an unter der Weite auf der Bruſt. Seine
ſchlechten Reifekleiver hatte das Gefindel glüdlicherweife nicht bean
ſprucht, der Gaul galt ihnen als das Begehrenswertheſie. Im
übrigen benahmen ie die weltbefannten Pferdediebe menſchenfreund⸗
Frida von Schũtz. 377
licher als ber ee Reiſende e3 erwartet hatte. Sie Iegten ihm
ihre Abendfoft, halbgejottenes Pferdefleiich vor, auch ein Becher
Ungarwein fehlte nicht, denn man beging die Geburtäfeier eines
äigeunerifchen Weltbürgers. Dem Hauptmann war ber erfte Sohn
geboren worden. Kind und Wöchnerin lagen in einem, aus dem.
nãchſten Bauernhofe gejtohlenen Schweinetroge. Wan jang Lieder
zur Geige, um den Hauptmannsfprößling zu ehren, und tanzte dazu,
oder trampefte vielmehr um ben Trog herum. Auch Herrn von
Schütz reichte man die Geige und ermunterte ihn freundlich, ein Lied
zu fingen, um das neugeborene Kind zu ehren. Und hierin lag die
große Unvorfichtigfeit des armen Komoͤdianten: er fang und verrieth,
daß er gut zu fingen verftand. Er trug mehr ſich jelbft, als den
ägyptifchen Abkömmlingen, ein deutfches Lied der Sehnjucht vor, denn
er gedachte der fernen Seinigen, und wie fie um ihn bangen würden.
Bangte er doch felbit, ob das Abenteuer einen glüdlichen Ausgang
nehmen und er Frau und Kinder wiederfehen werde.
Raum hatte er das Lied geendet, als etwas unbegreifliches ge-
ſchah. Unter widerlichen, freifgend hervorgeftoßenen Lauten in der
ihm unverftändlichen Zigeunerfprache drängte man Sm von Schütz
zu einem, in jenen Gegenden gebräuchlichen Keinen Dchſenkarren mit
niedrigen Rädern, und bedeutete ihn, aufzufteigen. Als er fich weigerte,
wurde er unfanft angepadt und ohne weiteres auf den Karren ger
worfen. Ein zottiger ſchwarzbrauner Burfche von riefiger Gejtalt
fegte fid) neben den Gefangenen und umklammerte ihn mit beiden
Armen. ger von Schüß jammerte: „Das ift mein Todesgang! D
meine Kinder, meine Kinder!“ — Der Gaul aus Zengg wurde vor
den Karren gefpannt, Zigeunerbuben liefen voraus und hinterdrein,
und fort ging die nächtliche Fahrt über Stod und Stein und Sturz
ader. Die Sigeunerburfhen heulten einen feltfamen Gefang, Herr
von Schüg meinte, es jeien Grabgeſänge, eine andere Nadoweſſiſche
Tobtenklage. Beim Morgengrauen erreichte das Gefährt einen ſtädtiſch
ausfehenden Ort. Dort wurde Halt gemacht und in einer der unter-
geordnetſten ſchmutzigſten Weinichänfen — wer beſchreibt de3 ge-
Ängftigten Sänger? Staunen — eine Art Konzert veranftaltet.
das aljo war des Pudels Kern! Die Zigeunerburfchen fangen
einige tolle Lieder und führten einen Tanz dazu auf, dann reichten
fie Herrn von Si die Geige, bie fie mitgeführt hatten, und be—
fahlen ihm unter drohenden Zurufen und Geberden zu fingen, ohne
Aufhören zu fingen. Für feine Leiftungen forderten Die zottigen
Konzertgeber vom Wirth, der ſelbſt Zigeuner zu fein fchien, Speife
-ınd Tranf, von den Gäſten Geld und Wein, und machten auf dieſe
Art den unfreiwilligen Konzertanten zu ihrer melfenden Kuh. Bald
ermochte Herr von Schüg feinen Ton mehr Hervorzubringen. Die
‚odesangft, die ausgeftandene rajende Nadıtfahrt, Die verzweifelte
Yage, aus der er ſich nicht zu befreien wuhte, alles wirkte vernichtend
uf ihn ein. Er verfuchte es, fich einigen ihm nahefigenden Gäjten,
*e den beſſern Ständen anzugehören ſchienen, verjtändlich zu machen.
= Galon 1889. Heft IV. Ban L 26
378 Seide von Schũt.
Aber es waren Kroaten, die fein Deutſch verftanden. Sie begriffen
nicht, was er wollte, und reichten ihm Wein. Er ftürzte einen Beer
Hinab, in der Hoffnung fi zu ftärken, jeinen Muth zu beleben, aber
das ſchwere Getränk hatte Die gegentheiligen Folgen. Er ſank ohn—⸗
mächtig zu Boden. Als er erwachie, in er in einem elenden Pferde⸗
ſtalle und erblicte in feiner nächiten Nähe den von ihm gemietheten
Saul aus Zengg, der ihn mit den Hinterhufen fait berührte. Das
Thier wurde fein Retter. Zwei Männer aus Zengg traten in ben
‚Stall. Sie redeten deutfh, und Herr von Schüg vernahm, daß fie
das Pferd, das ihrem Nachbar in Ieptgenanntem Drte gehörte, er-
kannten. Ihnen entdedte I) nun, obgleich er faum ein lautes Wort
fprechen konnte, der verzweifelte deutſche Sänger. Sie fühlten Mit-
feid mit dem Aermften, hauptfächlich weil fie gegen die Zigeuner,
die Pferdediebe von Profeffion, wütheten Dies hatte zur Folge,
daß fie den erfchöpften Mann auf ben Gaul fegten und ihn auf den
richtigen Weg nach dem Städtchen Zengg brachten, in deſſen unmit-
telbarfter Nähe er ſich befand. QTodtmatt langte er bei den Seinigen
an, die in fehweren Sorgen um ihn gewejen waren, und erfraufte
an einem bigigen Nervenfieber, das ihn für lange Zeit unfähig
machte, feinen Beruf zu erfüllen und fogar fein Leben bedrohte.
Dadurch geriet die Familie in große Bedrängniß. Zwar er:
hielt Fridas Mutter mit ihrer Heinen Gage die Ihrigen zur Noth,
aber Arzt und Apotheker wollten bezahlt fein, und bie roftfofen, ja
graufamen Einrichtungen bei den Heinen, nicht jubventionirten Bühnen
jener Zeit, und felbft noch unferer Tage, die fich doch ihrer huniani—
tären Beſtrebungen rühmen dürfen, erflären den erkrankten Künftler
nad) einer kurzen, im Kontrakt vereinbarten Zeit fr vogelfrei. Nach
acht oder vierzehn Tagen Krankſein — nur bei größeren Bühnen nad)
drei biß vier Wochen — hat der Schaufpieler fein Recht mehr, die
feftgefegte Gage zu beanfpruchen, er Tann enttafjen werden, ijt brod⸗
1083, auch wenn er fich die Krankheit (wie e& doc} in 99 von 100
Fällen gefchieht) im Dienste feines Brodheren zuzog. Dieſes Ger
hie hatte Herrn von Schüß erreicht. Laut kontrattlicher Seltimmung
erhielt er feinen Gehalt nur noch acht Tage lang, und durfte währen!
der längften Zeit feines Leidens höchitens ein Almojen von ber
Gnade des Direktors erwarten, für ben zu arbeiten er augenblidlich
nicht imftande war.
In diefer entfeglichen Nothlage ging Fridas Stern rettend auf.
Sie hatte vor ber Erkrankung ihres Vaters, obgleich ein Kind von
faum elf Jahren, die Rolle der „Zugend“ in der Pofje: „Der Bauer
als Millionär“ bei demfelben ftudirt. Einem in Zengg zufällig an—
wejenden, der Mutter Fridas wohlbefannten Schaufpieldireftor aus
Brud an der Mur, wurde dieſe jugendliche Jugend probeweife vor-
geführt. Er war entzüct von ihrem friſchen Darftellungstafent und
ihrer umfangreichen Stimme, und um Frida für Die bei ihm gerade
bevorftchenden Aufführungen der beliebten Poſſe zu gewinnen, engagirte
der Schaufpielunternehmer die Familie. Die Mutter für —
Frida von Süß. 379
damen und geſetzte Liebhaberinnen, welches Fach gerabe erledigt war,
Heren von Schüg, der noch immer Fränfelte, vorläufig für das In—
!pigienten- und Zettelträgeramt. Ueberglüdlich, endlich einmal wieder
in civilifirte Gegenden einziehen und den ungariſch-kroatiſchen Miß—
uftänben entfliehen zu können, „segette Herr von Schüg mit ben
Seinigen in die ſchöne Steiermarl über und gewann bier das eble
Gut der Gejundheit bald wieder.
Die jugendlichite Jugend, die wohl & auf einem Theater ge-
ſtanden hat, fang und fpielte fo hinreißend anmuthig, daß kunſtver⸗
ftändige Berfonen den Eltern dringend riethen, mit dem hochbegabten
Kinde nah Wien zu gehen, und dort für ſeine mufifaliiche Ausbil-
bung Sorge zu tragen.
Allein die materiellen Verhäftnijfe der Familie machten ein fo
roßes Opfer für ein einziges Glied derfelben unmöglich, und aufer-
jeigts & fi, daß größere Anftrengungen der Stimme und eine
voreilige Ausbildung derjelben für das zarte Mädchen verhängnißvoll
hätten werden fünnen. Nachdem die offe: „Der Bauer ala Mil-
fionär“ zahlreiche Male aufgeführt worden war, fühlte Frida_eine
bedenkliche Ermattung ihres Organs, fo daß ‚Tangandauernde Ruhe
unbedingt geboten erſchien, wenn bafjelbe Sämehz und Kraft be⸗
wahren follte.
In jene —* fielen merkwürdige Vorgänge in der Seele der
findlichen Künſtlerin, die fie mit einfachen aber ergreifenden Worten
ſchilderte. Sie entdedte mit Entjegen ihre gänzliche Kenntnißlofigfeit,
ihren Mangel an Schulbildung, ihre ——— auf religiöjem
Gebiet. Bis in des Kindes Träume ftahl ſich der Schmerz über
dies Unglüd, und oft mifchte Frida im unruhigen Halbjchlummer die
wenigen heiligen Gejänge und Gebete, die fie von der Mutter gelernt
tte, mit dem Lieb der Jugend, die fie am felben Abend auf der
me. dargeftellt haben mochte: „Brüderlein fein! Brüderlein fein!
Mußt mir ja nicht böfe fein!“ Ihr frühreifer Verftand erkannte ja
die Schuldlofigfeit der Eltern an dieſem entjeglichen Mangel. Der
Vater hatte ihr wohl Gebrudtes und Gejchriebenes leſen gelehrt,
auch mit der Notenſchrift war fie ziemlich vertraut, aber mit dem
Schreiben ftand e3 übel, und wie nun erſt mit allem Wiſſen, das
über dad Handwerlsmãßige der Schauſpielkunſt bei kleinen Bühnen
inausging!
s h Aber follte der mit dem Broderwerb durch Rollenſtudiren
und Theaterämter unausgeſetzt beſchäftigte Vater, wo bie mit Koftüm-
herrichten, Kleider⸗ und Wäfchefliden für die Bebürfniffe der Ihrigen
abgehegte Mutter, die ihre Anjtandsdamen und Liebhaberinnen Haupt-
ſächlich des Nachts memorirte, wo follten dieſe überanſtrengten Leute
die Zeit hernehmen, um von dem Neft der Schulfenntniffe, der ihnen
im Sturm und Drang ihres Wanderlebens verblieben war, den Kin—
dern ſoviel mitzutheilen, als fie felbft ed wünfchten?
ida liebte ihre Eltern mit findlicher Herzlichkeit, fie erkannte
dankbar die aufopfernden Bemühungen derſelben an, für den Lebens-
26*
380 Srida von Schũt.
unterhalt der IHrigen’aus allen Kräften zu ſorgen. Nührend war
es, wenn fie erzählte, wie fie, um ben Vater nicht zu kränken, e&
nur ein einziged Mal gewagt habe, ihn recht ſchoͤn zu_bitten, mit
ihr zum Herrn Pfarrer irgend einer gut deutſchen Ortſchaft zu
gehen, wo bie fpielertruppe, der die Eltern angehörten, ſich
gerade aufhielt, und den Hochwürdigen, dem die Schulen Spren-
gel3 unterftanden, zu fragen, ob et nidjt geitatten wolle, baß die
{unge Lernbegierige für die Zeit ihres Aufenthalts im Orte unter
ie Saüileeimen der Hauptſchule aufgenommen werde.
„DO mei!" ſagte Frida traurig, „nu ging's aber ſchlimm. Der
Pfarr’ war fehr Liebreich, aber a Prob’ mußt’ i ableg'n, a
ob’, was i fonnt’ ımd nit fonnt. Ja, was i nit font, das
war's ſchrecklichſte. Was Half m’r nu all’ der Theaterplunder, ba i
jo dumm, fo dumm wie a Ganferl war?“
Zitternd und weinend, und von tieffter Beſchämung zerknirſcht,
Tief das arme und doch fo ebrgehhige, jtrebfame Kind wieder nach
Haufe, und der liebevolle Water litt mit ihr und wehflagte lange,
da er nicht imftande fei, den Seinigen eine rechtſchaffene Schul-
Biumg zutheil werden zu laſſen. Der Pfarrer hatte nämlich wohl-
wollend den Vorſchlag gemacht, Frida möge doc) erft noch Privat-
unterricht nehmen, um nicht in die Klaffe der kleinſten Schulkinder,
ran ſchon fo ftattlich herangewachſenes Mädchen, eintreten zu
müffen.
Infolge diefer fchmerzlichen Erfahrung verfiel Frida in Schwer-
muth, und durch & neue ftarfe Erkältung auf einer Reife im
Winter, in ein rnae ches Fieber, das fie dem Tobe nahe brachte.
Die Gicht, dies fürchterliche Uebel, das ihr blühendes Leben unter-
grub, trat ſchon damals mit folcher Heftigkeit auf, daß es nur den
angeftrengteften Bemühungen ber Aerzte und der aufopfernditen
Bilege der Ihrigen gelang, dem Tode feine Beute zu entreipen. Als
ſie endlich durch die Schwefelbäder von Iſchl geneſen war, für wel-
hen Ort die Eltern um Fridas willen ein Sommerengagement an-
enommen hatten, ſchien es, als fei plöglic des jugendlichen ro
Anz Lachen für immer von ihr gewichen und ein vorzeitiger, weh⸗
müthiger Ernſt in ihr Gemüt eingezogen.
Die Eltern hatten, nachdem die Pforten bes Mufentempels im
ſegensreichen Iſchi gefchloffen worden waren, cin Winterengagement
in einer Stadt angenommen, wofelbit fich ein berühmte Frauen—
kloſter befand. Dieles Klofter Hatte für Frida und ihre nachdent-
fiche Gemütsrichtung eine unwiderſtehliche Anziehungskraft, und eines
Abends fand die Pförtnerin deſſelben das ihr fremde Mädchen
knieend in der Vorhalle des Gebäudes.
„Was willft Du hier, mein Kind?“ fragte freundlich die fromme
Schweiter. Frida brach in Thränen aus und geftand ihr treuherzig
ihr tiefes Sehnen nach Unterricht, nad) Kenntniß von Gott, der
heiligen Gottesmutter, ihrem hochgelobten Sohne und allen Heifigen
des Himmels. Cie fei nun ſchon fo groß und dod noch jo uns
Irida von Schüß. 381
wiſſend wie ein Meines Kind, und das ließe ihr feine Ruhe und
quäle fie bis in den Schlaf hinein. Gerührt erfaßte die Nonne des
jeltenen Mädchens Hand umd führte fie zur Oberin des Kloſters,
und auch dieſe war fief ergriffen von den Geftändniffen der „Gottes-
jehnfüchtigen“, wie fie Frida nannte, und dieje mußte alles erzählen,
was Bezug auf ihr Seelenleben und ihre bisherigen Schidfale Hatte.
Sie that es mit fo ftaunenswerther gehhaftigfet der Schilderung
und fo großer Innigkeit des Ausdruds, daß die Nonnen, von ber
Wahrheit ihres Schnens Burjbrungen, den Entſchluß faßten, fich
ihrer nad) Sträften he Frida durfte von diefem Tage an,
fo oft fie wollte, ins Kloſter fommen, und die Oberin unterrichtete
fie liebevoll im Glauben, und die freundlichen Schweftern ließen fie
Gebete leſen, fchenkten ihr heilige Bildchen mit frommen Sprüchlein,
die fie auswendig lernen mußte, und übten fie in mancher nüglichen
Handarbeit. Nur im Schreiben erhielt fie keinen Unterricht, und
Frida ſprach bie Vermuthung aus, daß die guten Nonnen wohl
jelbft nur geringe Fertigkeit in diejer Kunst beſeſſen haben möchten.
Sie überli es ihrer Schülerin, fich allein darin zu üben, und
Frida malte mit Eifer alle bejchriebenen Zettel, die ihr in die Hände
fielen, ab, auch Rollen, die von den Eltern gelernt wurden, jchrieb
fie mühevoll nach, woraus allerdings eine Sandfehrift hervorging,
die ihren eigenen Ausſpruch rechtfertigte, wenn fie mir zuweilen eines
ihrer rien ſchüchtern überreichte: „Können's denn nur meine
Krafelfüß' Iejen?“-
Das Glück des Kloſterbeſuchs währte nicht allzulange, die
Eltern mußten mit der Wandertruppe, der fie angehörten, weiter
ziehen, raſilos weiter, wie des Ahasveros Söhne, und mit tiefftem
Seelenjchmerz trennte ſich Frida von den guten Nonnen, die auch
fie herzlich Lieben gelernt hatten, und bei denen fie jogar gern für
immer geblieben wäre. Es war. merfwürdig, wie Frida, das Welt
Find, die fahrende Schaufpielerin, ſich von der Poefie des religiös
beſchaulichen Stilllebens im Klofter noch zur Zeit unferer Belannt-
Schaft fo ganz durchdrungen fühlte, als habe fie Die gottgeweihten
Räume erſt geftern verlajjen. Ihre feelenvollen Augen gen Himmel
erichtet, erzählte fie leiſe flüfternd von den feligen Schauern, die
K in den langen, düftern Sioftergängen einft überriefelten, und wie
die letzten hereinbrechenden Strahlen Abendfonne dort noch ein
Kruzifiz, da ein Muttergottesbild überzudten, und wie bie Zweige
der Bäume im fleinen Kloftergarten janft an den Scheiben der
hohen Fenſter nidten, und wie die heilige Stille ringsum fie mit
ſolchem Entzüden überwältigt habe, daß fie am nächſten Altare je
ternd in die Kniee habe finfen müfjen, um, von heiker Dankbarkeit
cfüllt, alle Gebete zu liſpeln, die fie von den Nonnen gelernt hatte.
Im Jahre 1851 Hörte fie der Kapellmeifter Binder aus Wien
fingen, und war fo überraſcht von dem Wohllaut und der Ausdrude-
fähigkeit ihrer Stimme, welche damals eine feltene Tiefe befaß, daß
r die Ausbildung Fridas zur dramatifchen Sängerin. dringend
382 Frida von Schüt. '
wünfchte. Aber trog der Vereitwilligfeit ber Eltern, Opfer über
Opfer zu bringen, war es unmöglich, nach Wien zu ziehen, um Frida
auf die Hohe Muſikſchule zu ſchicken. Bivar' follte fie nad) Binders
Rath vorläufig nicht Gefangsunterricht nehmen, im Gegentheil: die
Stimme müfje mehrere Jahre ruhen, lautete fein Urtheil, aber Frida
follte die Zwiſchenzeit bis zur vollftändigen Feſtigung ihres Organs
zu mufifalifchen Studien in umfafendem Sinne und zur Vervoll-
Tommnung ihrer höchſt mangelhaften Schulbildung benußen. Sicher-
lich wäre auf diefe Art eine bedeutende dramatifche Sängerin aus
dem talentvollen, in jeder Hinficht begabten Mädchen geworben, aber
die Verhältniffe der Familie forderten gebieterijch, daß Frida fchon
jest ihr Brod felbft verdiene, und jo mußte fie fich darein ergeben,
ein Engagement beim Direktor Calliano in Laibad) anzunehmen, wo
fie nur Chor zu fingen und kleine Rollen zu fpielen Hatte Cine
ihrer Hauptpartien war dort die Brautjungfer im „Freiſchütz“
Von Laibach zu den Ihrigen zurüdgefehrt, überfiel das jchwer-
jeprüfte Mädchen abermals jenes alte rheumatifche Leiden. Sie lag
ſechs Wochen lang unter unnennbaren Qualen, ihr Körper war fo frumm
ezogen, daß man zweifelte, ob fie je wieder werde aufrecht gehen
Önnen. Der Gebrauch der berühmten Heilquellen von Iſchl that
auch diesmal Wunder, zugleich wohl auch bie u} ungebrochene
Jugendkraft der Leidenden. Aber ihr Gedaͤchtniß und ihre Stimme
hatten durch die Wuth der Krankheit empfindlich gelitten. Lange
ging, fie am Stod wie eine Greifin, und konnte nicht daran benfen,
ie Bühne zu betreten. Ein Gelübde, das die gläubige, junge Seele
Gott auf ihrem merzenslager gethan, gab ihr endlich, wie fie
feſt glaubte, die vollitändige Gejundheit zurüd. Infolge dieſes Ge-
lübdes ging Frida ſtets zur Kirche und betete inbrünflig zu Gott,
wenn fie eine ſchwierige Rolle durchzuführen hatte. Und darin war
nichts angelerntes, feine Sklaverei der Gewohnheit, feine Ki
Frömmelet, oder etwa gar ber Wunfch, das Wohlgefallen der ki
lich Geſinnten ihres Glaubens. zu erregen. Nein, es war Herzens
bebürfniß, es war der freie Erguß einer tiefen, reichen Innerlichteit,
Die ſich dem Erhabenen verwandt fühlt, und die bei dem Urquell der
Geifter Kraft, Muth und Erhebung für die dürftende Seele fucht.
So’ jpenbete Frida auch aus innerjtem Herzensbrang Blumen und
Kerzen in die katholiſchen Kirchen der Ortjchaften, in denen fie
gaftirte, und legte finnbilblich ihre irdifchen Triumphe am Throne
des Höchſten nieder.
Nachdem die Krankheit, wie es ſchien, vollſtändig überwunden
war, durfte Frida nur äußerft wenig fingen, aljo nur in ben klein—
ften Rollen bejchäftigt werden. Aber mit,der nad) und nach wieber-
erftarfenden Geſundheit erwachte auch die Theaterleidenihaft von
neuem umd die Sehnſucht, die Schwingen ihres Talents zu regen.
Das langweilige Chorfingen und Statiren, zu dem fie verpflichtet
war, drüdte ihren Geift nieder, fie fühlte ſich unglüdlich bei dieſer
unbedeutenden Beſchäftigung, und als eines Tages in Wiener Neu-
Srida von Schũtz. 383
ftadt, wo fie mit den Eltern engagirt war, die Poffe: „Die Klofter-
bäuerin“ auf das Repertoir kam, ſetzte Frida re ganze Willenskraft
ein, um eine in dem Stüd befindliche, zwar Meine, aber bei guter
Darstellung dankbare Gefangspartie Pi erringen, die fie beim Vater
umeilen durchgegangen hatte. Sie begab fich zu der Dame, die im
Beni der Rolle war, und trug ihr die Bitte um eine einmalige
Ueberlaffung derjelben bejcheiden vor. Die Künftlerin, in der Mei-
nung, daß in einem faum fünfzehnjährigen Mädchen, das bis dahin,
ſo viel fie wußte, noch nicht vielmehr für die Kunft gethan hatte,
als Chor gefungen, feine Rivalin zu fürchten ſei, willigte barein.
Nachdem dies gelungen war, eilte bie von ihrem Runfttrieh und
Talent begeijterte Jüngerin der Mufen Ei Direftor der Truppe
und erbat fid) die Erlaubniß, in der Rolle der Minfa ein einziges
Mal auftreten zu dürfen. Die Antwort war: „Wenn Fräulein R.,
die Befigerin der Minka, nichts dagegen einzuwenden Hat, meinet-
wegen. Sie können ſich mir, wenn der Verfuch gelingt, vielleicht
manchmal durch Alterniven oder Einfpringen für erkrankte Mitglieder
nüglich machen.“
Im Triumph trug Frida die Partitur nach Haufe und ftudirte
die Arie der Minfa unter Aufficht und Anleitung ihres Waters mit
dem größten Eifer. Am Morgen der Probe ging fie zur Kirche und
betete innig zu Gott, dab er das Werk möge gelingen laffen, um
ihren Eltern, als dankbare Tochter, endlich einen Theil ihrer Sorgen
abnehmen zu können.
Aber nicht ohne Herzklopfen verfügte fich Fridag Mutter am
Abende der Aufführung in den Zufchauerraum. Neben ihr ſaß eine
eifrige Theaterbefucherin und fagte ziemlich laut, als Frida-Minka
die Büpme betrat und ſich um Sologefang rüjtete: „Na, was will
denn die Statiftin da?" Aber ſchon nachdem Die hübjche, freundlich
fächelnde Minka einige Strophen geſungen und die erneute Kraft
und den wiebererrungenen Wohllaut ihrer Stimme Er hatte,
ertönten Bravorufe, welche fih bis zum Schluffe des Gejanges fort
während fteigerten, fobaß der Erfolg der jungen Künftlerin ein durch—
greifender ji nennen war. J
Wer beſchreibt Fridas Glück! Sie erzählte, ſie habe Vater und
Mutter fait unig'rifſen vor Freud'“, als alles jo wohl gelungen
war, und habe gerufen: „Nu ſeid's aus aller Sorg', Ihr, die Spt
mit mir fo viel Noth und Sorg' ausg’standen habt. O mei lieber
Gott, wie dank’ i Dir für Deine Gnad'!“ — Selbftüherhebung und
Uel ätzung konnte nicht in dieſes tief veligiöfe Gemüt eindringen,
das ſich in der Abhängigkeit von Gott fo glüdlich fühlte, wie es
ihre oft wiederholten Worte ausdrüdten: $ glaub’, unfer licher
Herrgott ſchaut m'r immer zu, was i red’ umd was ti thu‘.”
Am Tage nach der Minfa-Leiftung engagirte der Direktor Frida
von Schüg für erjte Solopartien. In einem Alter, wo andere
Kunftjüngerinnen faum daran denken, ihre theatralifche Laufbahn zu
beginnen, jtand fie jchon als erflärter Liebling des Publikums; faft
384 Frida von Schũtz.
täglich auf dem Volkstheater zu München, wohin fie im Jahre 1854
berufen worden war. Dort fand fie jo recht eigentlich den Boden
für ihr Talent. Die gemütlichen, ſchauluſtigen Bayern mit ihrer
natürlichen Empfänglichkeit für Humor und überftrömende Herzlich”
feit, die, ergriffen von Ho ſchelmiſchem und wieder fo ſeelenvollem
Liedervortrage das beifalldonnernde Echo dazu bildeten, waren jo
ganz geeignet, ihre herrliche Begabung für die volksthümliche Kunft
hervorzulocken, wie die Sonnenjtrahlen Keime und Blüten am jungen,
triebfräftigen Baume. Alle Herzen flogen ihr zu, auf ihr filberhelles
Lachen wurden Ländler fomponirt, ee genannt, und wo
fie fich zeigte, drängte man ſich um fie, um einen Sunnenblid ihrer
heitern Zaune, ein Wigwort ihres immer jchlagfertigen Genius zu
erhaſchen. Trog ihrer Jugend war ſchon damals eine ihrer Vortreife
lichften Rollen die fehwierige der Thereje Krones im gleichnamigen
Stüd. Die jugendliche THerefe konnte wahrlic) nur vermöge ihres er-
rathenden Schöpfergeijtes ein überzeugendes Lebensbild jener Künftlerin
bieten, deren ſtürmiſche Schidjale und Charaktereigenichaften weit jen-
ſeits de Horizontes ber reinen, frommen, dem Trivialen abholden
Darftellerin lagen. Sie fpielte die Rolle oft zwei Mal an einem Tage
und wurde mit Beifall und Blumen überjchüttet. Won einer unge
treuen geldgierigen Theateranzjeherin war ihr einmal ein rothes
Mieder, das fie als Therefe getragen Hatte, entwendet und an einen
Verehrer Fridas verkauft worden. Aber kaum hatte dieſer das er-
rungene Kleinod glückſtrahlend feinen Freunden gezeigt, jo war es
ihm auch ſchon entwunden und von ihnen in eine Fetzen zerriffen
worden, „damit jeder a Stud Frida-Mieder an der Uhrkett'n tragen
konnt“
Später nahm fie bei dem damals rühmlichſt bekannten Schau-
jpieldireftor Kramer in Regensburg, dem Water des langjährigen
Sofieaufpiclers in Dresden, ein Engagement als Lofaljängerin und
Soubrette an, welches ihrem Talent zu großem Vortheil gereichte.
Dort verfeinerte fich ihr Spiel ganz außerordentlich. Während im
Münchener Voltstheater die Volfsfeele in Freud’ und Leid bis zur
Ausgelaffenheit hervorbrechen durfte, während dort die unverfälichten
Herzenstöne vom übermüthigften Juchzer bis zum thränenteichen
Ausbruch einer verlaffenen Liebenden um fo ftürmtjcher aufgenommen
wurden, je naturtreuer fie erlangen, mußte im Sünftlerfreife zu
Negensburg Maß gehalten und Spiel und Gejang in möglicfte
Uebereinftimmung gebracht werden. Fridas feines Kunftgefühl er-
kannte dieſen Vorzug gebührend an, ihre vom Herzen fommende
Sehnſucht nad) Veredlung fand bald fein Genügen mehr an beı
Spielweife der fogenannten Vorftadttheater und trachtete daher im
ftillen zmausgejent nad einer Anjtellung an einem Kunſtinſtitu
erften Ranges. Die Erfüllung diejes Wunſches follte ihr jpäter zu
theil werden. Sie erhielt zunächst Engagement am Krollichen Theate
in Berlin, wo fie glänzend aufgenommen wurde, machte dort die
Bekanntſchaft eines Künftfers, der am Dresdener Hoftheater, ange:
Frida von Schũt. 385
ftellt gewejen war, und wurde von diefem veranlaßt, fi an den
tunftfinnigen Intendanten. und einfichtsvollen Förderer junger Ta—
lente, Geheimrath von Lüttihau in Dresden, zu wenden. Sie that
jo umd erhielt die Antwort, fie möge ſich perfönlich vorftellen. Um
diefe Vorftellung zu ermöglichen und um zugleich Herrn von Lüttichau
Gelegenheit zu geben, fich ein felbftftändiges Urtheil über ihre Leiftun-
gen zu bilden, bewarb ſich Frida um ein Gaſtſpiel beim Nesmüller-
chen, fogenannten „zweiten Theater“ in Dresden. Dies zu en
war unſchwer, denn Herr Direktor Nesmüller, ſtets befliffen, jein
Publikum durch interejjante Gäfte in angenehmer Spartnung zu er—
halten, ging jogleih auf den Antrag ein und hat fih dadurch ein
bleibendes Denkmal bei den Kunftfreunden Dresdens gefichert, indem
Fridas Gaſtſpiel auf feiner Bühne die regſte Theilnahme fand und
Veranlaffung zu ihrer Anftellung an der, unter Herrn von Lüttichaus
Zeitung ftehenden, hochbedentenden Kunftitätte wurde.
Am 1. Mai 1858 trat fie in den Verband des Hoftheaters ein
und erwarb ſich auch auf diefen heißen Brettern, obgleich das Feld
ihrer Darftellungen von dem herrſchenden Repertoir der Tragödie,
des großen Schaufpiels und der Oper ſehr eingefchränft wurde, die
allgemeinften Sympathien. Denn wie Fridas Gefang und Spiel
aus dem Herzen kam, jo ging es zum Herzen, und die überrajchen-
den Talentblige, die ihre natürliche Begabung allüberall einftreute,
erregten jenes urfräftige Behagen, das, wie Goethe fagt, des Zu—
ſchauers und Hörerd Gemüt durchdringt. Sie gab das Beite ihres
efena, wenn fie in dem Liederjpiel: „Ss Lorle im Schwarzwald“
fang: „I bin Dir gar zu gut, i kann Di leide“ Ihre Seele redete
in diefen einfachen Tönen mit einer Wärme, die aud) die Kühler
geftimmten des großen Publitums mächtig ergriff. zeigt minder
entzüdte fie durch ihren Humor und ihre Drollerie in dem Liederſpiel
„Hans und Hanne“, wo fie die ländliche Befangenheit der Hanne fo
poffierlich und wiederum fo rührend darftellte, daß fie eine der höch-
ten Kunftwirtungen — Laden und Weinen in einem Zuge — bei
den Bujchauern erreichte. Sprihwörtlich war damals die Antwort
der armen, bejehränften Hanne geworben, die fie dem flotten Hans
auf die Frage giebt: „Na, Hanne, kannſt Du denn leſen?“ — „Ob i
leſen kann? Ja, Erbjen und Linfen.“
In den Alpenjcenen: „3 legi Fenfterl“ und „Drei Jahre nach
dem letzt'n Fenfterl” erreichte Frida eine wahrhaft tragijche Wirkung,
wenn die jchmerzlich harrende Geliebte plöglic ihren todtgeglaubten
Herzensichag wiederfieht und bei feinem Erſcheinen einen Schrei aus-
jtößt, in welchem fich der höchſte Jubel und die Befürchtung, es jei
ur fein Geift, nicht er jelbft, ausdrüdt. Sie traf den Ton, der Die
yihörer bis ins Mark erſchütterte mit einer Unmittelbarfeit, welche
‚on der Schöpferfraft ihres Talents das glänzendfte Zeugniß ablegte.
-ida fonnte den befannten Ausjpruch auf fich beziehen: „Ihr Genre
nicht groß, aber fie ift groß in diefem Genre.“ Gegenüber dem
oüchſigen Naturtalent, das fie durch feine Eingebungen oft fogar
386 Frida von Süß.
auf gleiche Höhe mit großen, feingefchulten Künftlern ftellte, mußte
man zu der Frage gedrängt. werden: Was wäre nun erft aus'ihr
geworben, wenn jie eine vollendete Ausbildung genoſſen hätte? Aber
es gab einen Troft für diefen unleugbaren Mangel. Würden Ver-
feinerung und Ajcleifung durch regelrechte Studien nicht auch den
arten Blütenftaub von ihrem Gefange und ihrer Darftellung abge-
— haben, jenen Zauber ber Ur! prünglichteit und Kindlichfeit,
welcher die Gaben ihres Talents einem Blumenftrauße, friſch in
Wiefen und Wäldern gefammelt und mit den köftlichen Thauthränen
des Himmels befeuchtet, vergleichbar machte?
tida von Schüg beſaß feine fieghafte Perfönlichkeit. Ihre
Geftalt war groß und ſchlank, ihre Züge ausdrudsvoll, aber nicht
unbedingt ſchoͤn. Schmale Gejigtebittung, ein fedes Stumpfnäschen,
eine Stirn, auf welcher ein felbittändiges Denken thronte, und die
von ſchwarzen, glänzenden Scheiteln umrahmt war, ein großer
Mund, der aber die Teifeften Abfichten oder Schattirungen der
Sprecherin durch feine Ausdrudsfähigfeit unterftügte. Sieghaft ſchön
waren nur Fridas Augen, von jener unbeftimmten, graubraunen
Farbe, die bald hellglänzig-harmlos ſchimmert, bald dunfel glutvoll
bfigt. Dieſe fehönen, großen Augen, die der treuefte Spiegel ihres
jeelifchen Reichthums waren, umfriedigte das dunkle, ſeidene Wimper-
haar wie das Schilf einen umergründfichen Alpfee. Fein gebogene,
ſchwarze Brauen bildeten gleichfam die Thore, unter welchen hervor
der Geift der Künftlerin in nedifchen, zärtlichen, zürnenden, neugierig-
Kindlichen und ſeelenvollen Biden feinen fiegesfreudigen Rundgang
durch die Kunftwelt hielt.
Es verjteht fich fait von felbit, daß eine Künſtlernatur, wie Die
Fridas, alle Zerrbilderei und Uebertreibung verabjcheute. Die Kunft
war ihr die feufche Göttin, die nur herabgewürdigt werden fann
durch Die fchon damals eingeriffene und feitdem immer mehr ausge:
bildete Effefthajcherei und alle jene pifanten oder frivolen Spigfin-
digfeiten im Spiel, die für tiefes Eindringen in die Rolle und für
neuerfonnene, wunderbare „Nuancen“ gelten möchten, und doch feinen
gu haben, al3 den: das Publikum zu verblüffen und zu ftärferen
eifallskundgebungen anzuftacheln. Frida fonnte niemals zur Vir-
tuofin im modernen übeln Sinne werden, davor bewahrte fie ihre,
bei aller Naturwahrheit in der Parftellung, dem Idealen zugewen-
dete Geiftesrihtung. Aus dem Vortrag ihrer Heinen, harmlofen
Lieder ſprach die deutſche Volfsjeele; ihr Humor, zwar zuweilen
derb, aber grumdbeutjch-treuherzig und aller Zweideutigkeit wie
der Himmel der Erde. Das feingebildete Publitum Dresdens, und
namentlich auch der Hof, erfannten diefe Vorzüge gebührend an und
ehrten Frida durch einen Beifall, welcher der Wärme und erquiden-
den Naturtreue ihres Spiels entiprad. Man beflagte nur, daf das
für den Kothun in Wort und Geſang hauptſächlich berechnete Re
pertoir des föniglichen Hoftheaterd (mit Ausnahme. ber im Sommer
1858 noch ftattfindenden, von 1859 an aber für immer eingeftellten
Frida von Süß. 387
Vorftellungen im föniglichen Theater auf bem Linkeſchen Bade, die
hauptſächlich im Dienjte der draſtiſch-heitern Muje ftanden) Frida jo
wenig Gelegenheit bot, ihre Talentſchwingen zu entfalten. ,
Nur gar zu gern hätte fie ſich zu dem Fach der Soubretten
in_ber Spieloper emporgearbeitet, und an Fleiß und Strebfamkeit
würde e8 der mit einer feltenen Willenskraft begabten Kunftjüngerin
nicht gefehlt Haben. Aber zweierlei ſtand leider der Erreichung dieſes
Zieles entgegen: die für ein künſtleriſches Opernenjemble, wie das
der, Dresdener Hofbühne, doch zu mangelhafte muſikaliſche Aus- und
Stimmbildung, und der öſterreichiſche Dialekt, der, wie es ſchien, mit
ihr verwachien und faum zu entwurzeln war. Wenigſtens vermochte
Frida in den anderthalb Jahren, während welchen fie der königlichen
Hofbühne angehörte, troß regſtem Eifer und hingebendftem Studium,
diefe Mundart noch keineswegs zum Hochdeuiſchen abzurunden ohne
geziert und unnatürlich zu werden.
- Ihre Hauptrollen in Dresden waren und blieben daher: die
Almerin in „Das DVerjprechen hinterm Herd“, die Hanne in „Hans
und Hanne“, Liefe in „Die Verlobung bei ber Laterne", woraus fie
ein Hinteißendes, ländliches Genrebild fehuf, Salome in „Der Talig-
mann“, die Jugend in „Der Bauer als Millionär”, Roſa in „Der
Verſchwender“, die Titelrolle in „'s Lorle im Schwarzwald“ und die
Almerin in „'s letzti Fenfterl“ und in „Drei Jahre nach dem legt'n
Fenſterl“. Ein Verſuch mit der Rolle der Baronin im „Wildſchuͤtz“
wurde unternommen, und wahrlich, die ehrgeizige und ſtrebſame
Junge Künftlerin ließ es an Fleiß beim Einſtudiren nicht fehlen.
Sie bezwang wohl leidlich den Dialeftanklang in der Profa, aber
man merkte eben den Zwang, die Abficht, und wurde verftimmt.
Noch ſchwieriger war es mit dem Gejang. Die korrekte mufikalifche
Ausbildung, der höhere künſtleriſche Schliff fehlte, und fomit die
vollendete Beherrſchung des Organs, um die immerhin trefflichen
Intentionen der talentvollen Darjtellerin zur Geltung zu bringen.
Vom jchmer; ficgen Gefühl des Unvermögens bedrüdt, detonirte Frida
an jenem A fogar, was ihr fonft nicht begegnete. Nicht viel
beffer ging es in „Doktor und Friſeur“ wörin ihr bie italienifchen
jeden, die. man ihr beizubringen bemüht war, verzweifelt viel zu
potter machten. Es war eben all dies ae lediglich auf
frühen Mangel an Schule und an jener Geiftesdrejjur zurückzufüh-
ven, wodurch die Fähigkeit, verſchiedene Bildungsformen mit größerer
Leichtigkeit anzunehmen, entwidelt wird. Dieſe Gefchmeidigfeit in
ben zwanziger Jahren nachzuholen, ift allerdings unendlich ſchwer,
fajt unmöglich. Vennoch bezmweifelte man nicht, daß, wenn Frida
am Leben geblieben wäre und fich einer ausdauernden Gejundheit
u erfreuen gehabt hätte, noch manches ſchöne Ziel, das vorläufig
ern fehien, bei ihrem jtarfen Willen und ihren vorzüglichen Anlagen
erreicht worden wäre. Der geiftvolle und gemüthreiche Pater Beller-
mann von der Dresdener Hoffirche, der für fein ehrlich-fromm ges
finntes Beichtlind lebhafte Theilnahme empfand, fagte treffend: „Sie
388 Frida von Schũtz.
ift aus einem Stoff, aus dem ſich alles formen läßt. Ich Hoffe das
beſte für ihre fünftleriiche Weiterentwidelung.“
Diefe Weiterentwidelung im höchften geiftigen Sinne übernahm
der Himmel. Im Herbit des Jahres 1859 fang und jpielte Frida
noch in Tetjchen an der Elbe zum Beſten einer dort zu errichtenden
Realſchule. ALS fie nach einer unbehaglichen Nachtfahrt früh 4 Uhr
urüdfehrte, überfiel fie ein heftiges Froſtſchütteln, woraus ſich ein
atarch entividelte, ber fich nicht verlieren wollte. Dennoch folgte
die ſchon Kränkelnde aufopferungsvoll dem Rufe ihrer Schweiter,
welche in Annaberg in Sachſen bei einer_reifenden Schaufpieler-
geſellſchaft als Soubrette engagirt war. Diefelbe wollte ſich ver-
heiraten, brauchte Geld und bat Frida, in ihrem bevorftehenden
Benefiz zu gaftiren, damit fie. cine gute Einnahme made. Trog
bringendfter Warnungen der Mutter reifte Frida, nachdem fie den
erbetenen Urlaub erhalten hatte, bei höchft ungünftiger Witterung
ab und fehrte nach fünf Tagen, zwar mit einem tüchtigen Schnupfen
behaftet, der in Fieber überging, doch in heiterer Stimmung und
guten Muthes zurüd. Cine abermalige Einladung, in Tetfchen zu
fingen, wurde leider nicht abgefchlagen, obgleich Frida feit der Anna-
berger Gaftjpielreife fi) nie ganz fieberfrei fühlte. Nach diefem
dritten, bei ungünftigitem Herbitwetter gewagten Ausfluge, traf Die
Aermfte ſchon tobtfrant zu Haufe ein. Die Gicht, an welcher fic
jeit frühfter Jugend jo unfäglich und ſchwer gelitten Hatte, trat in
furchtbarſter Weife hervor. Doch ahnten die Ihrigen nicht die tödt-
liche Gefahr, ebenſowenig die Freunde und Bekannten. Als ich zum
letzten Male an Fridas Lager ftand, nidte fie mir nur ſchwach zu,
denn ein entjeglicher Gichtanfall hatte fie fo matt niedergeworfen,
daß fie nicht —3— fonnte. Demungeachtet fürchtete man noch
nicht das Aeußerſte. Der Arzt tröſtete die Mutter, und fie hoffte
alles von der Tochter guter Natur. Dann famen Herr von Schü,
der beim Nesmüller-Theater als Soufflcur angeftellt war, und der
Bruder nad) Haufe, der an demſelben Theater als Orcheftermitglied
wirkte, fie beflagten wohl as das Leiden der theuren Tochter
und Schweiter, aber fie gaben fich ſämmtlich vertrauensvoll dem Ge—
danken Hin, eine Reife nach) Teplig und der Gebrauch der dortigen
Quellen im nächſten Frühjahr, werde Heilung bringen. Die Vor—
fehung hatte es anders beichloffen. Im der Nacht zum 26. Novem-
ber war die Gicht nach fpäterer Ausſage der Nerzte in den Kopf
getreten und hatte einen Gehirnfchlag herbeigeführt. Frida fchrie
plöglich angftvoll auf, e8 war ihr, als kämen ſchwarze Männer auf
fie Tosgefchritten, die fie ermorden wollten. Ihre Mutter Tief nach
dem Arzte, der Vater nad) dem Pater Bellermann, nur ihr Brude
blieb bei ihr. Im feinen Armen verfchied fie; ihre legten Wort:
zeugten nod) von ihrer Herzensgüte und Pflichttreue, fie jammertı
als fie ihr Ende herannahen fühlte: „Meine armen Eltern!“
Der hereinbrechende düftere Novembermorgen fand die Tieblich
Blume gefnidt. Frida von Schütz ftarb 1/,6 Uhr am 26. November 185
Frida von Schũt. 389
und wurde am 28, unter innigfter, tiefgefühlteiter Theilnahme der
ganzen Stadt auf dem katholiſchen Friedhofe der Friedrichſiadt be—
erdigt. Pater Bellermann hielt eine erſchütternde Leichenrede, die
der allgemeinen Hochachtung und Liebe, welde Frida ſowohl als
Künftlerin, als auch al3 Privatperfon genofjen hatte, den ehrenvoll⸗
ften und beredteften Ausdrud lieh. —
Werfen wir noch einen Blick auf die früh Dahingefchiedene ala
Nichtkünſtlerin, als Kollegin, Gefellichafterin, fo entrollt ſich vor una
ein Bild reich an Farbenwechjel, nedijch und lieblih. Frida war
“heiter, voll wigiger Einfälle, aber nie verlegend in ihren treffenden
Ausfprüchen. Nichts war poffierlicher, als wenn fie von jemand be—
hauptete, fie fenne ihm in- und auswendig und wiſſe nicht gerade
viel gutes über ihn zu fagen. Dann warf fie bedeutungsvolle Seitens
blicke, nickte langſam mit dem Kopfe und fagte mit fehnarrendem
Tone: „Na, den fenn’ i, als ob i ihn g'macht hätt’.
Einer meiner Dresdener Freunde, dev königliche Oberbibliothelar
und Kulturhiftoriter Hoftath Klemm, wünjchte jehr, Frida im ges
jelligen Kreiſe kennen zu lernen, da er fo viel von ihrer Tiebens-
würdigen Dfjenheit und ihrem unverwüftlichen Humor gehört Hatte.
Ich veranftaltete deßhalb eine Kleine Abendgefellichaft und lud außer
Hofrath Klemm und Frida von Schü noch einige andere Kolleninnen
vom Hoftheater ein. Es war in der That eine Iuftige Gejellichaft,
Frida fprudelte über von guten Einfällen, die freilich nicht immer
zu ben feinften, gefchniegeltiten gehörten, vielmehr etwas derb waren,
aber die den Kulturhiftoriter zu dem Ausſpruch veranlaßten: „Wenn
man ein Götterbild fernigen Dre Volkshumors aufitellen wollte,
müßte Frida von Schü auf das Pojtament gehoben werben.“
„Was?“ rief Frida lachend, „heben wollen's mi? Aufheben bei
denen alten Mumrien in Ihr'n großen Tempel drüben? (Sie meinte
das Bibliothefgebäude.) Na, da wollt i doc) lieber, daß alle vier-
gehn Nothhelfer und die elf taujend Jungfrauen mi auf den Feuer-
oden 'naufheben thäten, al3 jo ang'nagelt und fteif in a'n Glas—
faften aufg hoben z'werben.“
As ich eine dampfende Bowle Punſch auftragen lieh, rief Frida
lachend: „Na, das iS guat! Mr fein al’ a biſſel ausg’laflen, da
verjchreibt uns die liabe Kollegin a’n ſchwachen Kamüllenthee, der
fol das G'blüt beruhigen.“
In Defterreih hat man den Ausdrud: „Du garjtiger Ding“;
Zrida machte ein Femininum daraus umd fagte herzlich begütigend,
As ich ihr ob des „ſchwachen Kamüllenthees” drohte: „Nir für un=
iat. Wiſſens aber, Sie garftige Dingin, daß S' mir heut’ noch fa
uffer! geben haben?“
Die legte Zeit ihres jungen Lebens wurde der herzigen Kollegin
H trefflichen Künftlerin durch die Gefinnungslofigfeit eines Mannes
bittert, der fich zuerit aus allen Kräften um ihre Liebe beworben,
» al er fie endlich errungen und Frida ihm ihr treu- und warm»
inbendes Herz dahingegeben Hatte, fi eines ſolchen Schatzes
390 Seide von Schü.
nicht würdig zeigte. Wer in ſolchen verzweiflungsvollen Stunden,
wo wieder einmal einer feiner Briefe ihr gezeigt hatte, daß fie nicht
fo geliebt wurde, wie fie liebte, daß Familienvorurtheile wohl gar
imftande fein dürften, von feiner Seite eine Löfung des Verhält-
niſſes herbeizuführen, wer da_von ihr die unter taufend Thränen
geitammelten Worte hörte: „OD Du mei lieber Herrgott, laß mir
doch nur den einzigen lieben Mann, i will All’s auf Erd'n entbehr'n,
aber laß m’r nur ihn!“ der fühlte, daß Frida ein Mädchen war,
das am gebrochenen Herzen fterben konnte.
Daß diefe unglüdliche Liebe an ihrem Leben zehrte, daß dies
ewige Schweben zwijchen Hoffnung und Verzweiflung einen verderb-
lichen Einfluß auf ihre Gefundheit ausübte, war denjenigen, die ihr
nahe ftanden, fein Geheimniß, ſodaß auch die hinzutretende jomee
Krankheit bei der im Gemüt fo tief Bewegten leichteres Spiel haben
mochte.
ine legte Rolle war bie der Liefe in „Die Verlobung bei der
Laterne“, in welcher ſich ihr fchöpferifches Talent jo wunderjam be-
thätigte. Die heimliche Liebe der armen Magb zu dem von zwei
zeichen Wittwen umworbenen Peter wußte fie jo rührend, fo einfach
wahr darzuftellen, daß man in dem luſtigen Stüdlein oft Thränen
ſah, die Fridas Spiel und Geſang hervorgelodt hatte. Das ift
eben der echte Humor, welcher Aifen Scherz und Ernſt wie ein
m zwiſchen feinen Ufern dahinrauſcht. Und diefen Humor be-
jaß fie.
Zum legten Dale ſtand Frida von Schüg auf der königlichen
Hofbühne, als die Mitglieder des Hoftheaters gelegentlich der Schiller-
feier die Statue des beutjchen Vichterfürften befränzten. Ach, fie
war fo kindlich fröhlich an jenem Abende, fie ahnte. ja nicht, daß
I pon Fr Brettern, deren Bierde fie geweſen, den ewigen Ab-
ied nahm.
si Ein rührender Bug des theilnahmvollen Herzens des liebens—
werthen Mädchens beichließe dieſe Schilderung ihres Charakters und
ihres Lebensganges. Als unfer verehrtes Königshaus einen e
ſchmerzlichen Verluft in dem plötzlichen Dahinjcheiden der jugen!
lichen Erbgroßherzogin von Toscana, der Tochter Königs Johann
von Sachen, erlitt, war Frida außer fi) und weinte bie bitterften
Thränen, indem jie rief: „O wenn i's nur dem guten König Jagen
konnt', wie ſchwer i fein’ Kummer mitempfind. Kommens“, fagte
fie zu mir, „wir geh'n ins Schloß, da liegt a Bud, da kann m'r
fich einfchreib'n, da lieſt er's doch, daß m’r mit ihm wein'n.“ Ich
entgegnete, Died Buch fei doc, wohl nicht für uns ausgelegt, es
könne am Ende gar zubringlich erfcheinen, wenn wir uns bort ein-
ſchrieben. Es half alles nichts, ich mußte mit, denn Frida fagte:
Gehn's mit Ihre Bedenken! Wenn die Krafelfüß’ meiner Namens-
unterſchrift auch nit red'n könn’, wie's in mein'm Herzen ausſchaut,
der gute König merkt's doch, wie's g'meint is.“
Einen warmempfundenen poetifchen Nachruf widmete ihr der
0° Seide von Schät. 391
Schriftſteller Robert Waldmüller in der Dresdener Konftitutionellen
Zeitung, er feiert das Naturfind, die Almerin, die fie fo unwider-
jtehlich treu und wahr zu verlebendigen wußte, und endigt mit den
Worten: .
„D hätte Dich die. donnernde Lawine
Dabingerafft, wenn fie zu Thale jagt!
D lügft Du jet, wo Deine wahre Bühne,
Bon Kindern des Gebirg's umringt, umllagt!
O konnten wir bie Täufhung une bewahren,
— Denn nun hat fie allein für uns noh Sinn —
Du ſei'ſt im Wetterſturm dahin gefahren
Und ſtarbſt den Tod der echten Almerin!"
Münden im Jafre 1888.
Bon Adolf Heilmann.
nmer und Herbſt des Jahres 1888 waren
m die Zeit theild reicher Ernte aus frühe»
theils der Ausfaat für die Zufunft; eine
iſche Epoche erften Ranges; ein Nachweis
iAufſchwungs in Literatur, Induftrie und
, we um ‚Deitelten Sinn und des ftaatlichen Lebens,
Die Wiſſenſchaft Münchens ging ihren ehrwürdigen, fteten Gang;
ein äußeres, in die Erjcheinung tretendes Zeichen, ein vor das finn-
liche Auge tretendes Bild des Sonft und Segt, haben wir nur im
Bufammenhang mit jenem Nachweis, nicht für fie allein zu ver
zeichnen. a ein Jahrhundert ift es, jeitdem die Saaten geftreut
wurden. Sie find pn nicht etwa erjt im Jahre 1888 aufgegan-
en, wohl aber haben die Stadt und das Land, nachdem die tiefe
vauer um ben tragifchen Heimgang König Ludwigs IL abgelegt
war, in diefem Jahre Akt davon genommen, daß und wie die. Saat
aufgegangen ift und haben dies äußerlich bethätigt und zu erkennen
jegeben. In diefem Sinne haben wir den Frühling, Sommer und
rbft des reichen Jahres eine Zeit der Ernte genannt; gleichjam
ein Exntefeft, welches alle bisherigen Ernten zufammenfaffen jollte.
Von der Saat felbit, welche ſchon der legte Kurfürjt und zus
leich der erfte König, jodann fein erhabener Sohn, König Ludwig L,
Beide gemeinjam mit den Männern ihres Sinnes und ihrer Wahl
und ihre Nachfolger ausftreuten, wollen wir unfere Lejer ebenjo
wenig unterhalten, al3 von der Art und Weife und Zeit des Auf
jangs dieſer Saat, der Störungen und Henimniſſe deifelben und
Fines endlichen, glüdlichen Sieges über dieje Elemente. Das find
Dinge, welche der Gejchichte angehören. Nur wie fi München
ſchon feit zwei Jahren gerüftet und im Jahre 1888 ausgeführt Hat,
vor ganz Deutſchland Zeugni abzulegen von dieſem Steg — nur
davon fei Hier die Rebe, wobei aber — wie wir gleich jet hervor—
Deine, Google
Münden im Jahre 1888. 393
heben wollen — nicht etwa eine Nachlefe der Taufende von hierüber
erfchienenen Zeitungsartifeln gesatten, ſondern ein das Ganze umfaffen-
des Bild gegeben werden fol, in welchem nur einzelne hervorragende
Punkte, die das Publikum bereit Eennt, vielleicht als liebe Bekannte
in einer gewiffen Gejammtbeleuchtung mit Gefammtwirfung wieder
hervortreten dürften. Denn jenes -war der leitende Gedanke der
Schöpfer und Führer bei allen Veranftaltungen, Zeiten und ſonſti—
en Kundgebungen, welche im Laufe jener Monate die Stadt und
8 Land in Aufregung verfegten und erhielten, welche die Augen
und Reifegele einer ee roßen Anzahl von Gäften auf
München lodten, auf die fchöne efibenz Bayerns an ben Ufern der
Iſar, von denen fonft nur das eine die Stadt begrenzte, während
fie fich jet, vom. einer Einwohnerzahl von etwa 50, zu Anfang
dieſes Jahrhunderts bis auf nahezu von 260,000 gewachſen, an
beiden entlang ausdehnt, und beide um den Vorrang der Schönheit
ftreiten. Und da diejer Streit ſich bisher von ſelbſt zugunften des
rechten Iſarufers entichieben hat, welches ehemals mit der Stadt
feinen anderen Zufammenhang hatte, als eine rg ift jetzt
im Frühjahr 1888 auf dem linfen Ufer der Palaſt der Sunft- -
‚ewerbeausftellung erbaut und hiermit die Enbgiltigfeit jener Ent-
i pin wieber zweifelhaft geworden. war in der That '
eine geniale Kühnheit des Architekten H. Emanuel Seidl in Münden,
Biejes Ufer für dieſes Gebäude zu wählen, oder, wenn er es nicht
K ft gewählt Hat, bort jeinen Bau zu wagen — ein lang hinge⸗
trecktes, von jeder Flußwaſſerſteigung überflutetes, grobes Sties- und
Steingerölle, nur, etwas entfernt vom Waffer, mit alten Kaftanien-
bäumen und wenigen, elenden Hütten — Häufer im heutigen Sinne
Münchens kann man nicht jagen — befeßt, von der oberen Ifar-
brüde, welche die Zweibrückenſtraße mit der Vorſtadt Au verbindet,
bis Herunter zum Mariannenpla, aljo längs der ganzen alten Quai—
und Floßſtraße fich ausbehnend. Die Hütten mußten angefauft und
abgebrochen, das Land mußte bedeutend aufgetragen und erhöht und
die Ufer mußten mit einer Dauer eingebaut werben. Es durjte
aber feine einfache Mauer werden. Sie wurde ein Schmud des
Ufers mit zwei großen vorjpringenden, halbrunden Balkons, in deren
Mitte eine breite Treppe in den Fluß _hineinführte, geziert mit zwei
auf Felſen Hingejtredten, firnig in Die Flut ſchauenden Zlußgöttinnen
vollendetfter Formen. Gar Mancher ſchüttelie den Kopf über dieje
ſcheinbare Syjiphusarbeit und den Koftenaufwand. Aber die Arbeit
wurde in Angriff genommen, für dag Geld wurde geforgt, bald er—
der ſich eine ebene Terraſſe auf dem Steingerölle. So hätte es auch
er große Säemann, König Ludwig J., gemacht, als er Stadt und
Land mit den Bauten ſchmückte, die fo manches Blatt der Gejchichte
der Baufunft füllen, und feine Saat war aufgegangen. Es galt ju,
eine deutfche Kunftgewerbeausftellung zu veranftalten und der Welt
zu zeigen, daß das deutjche Kunſtgewerbe wieder, wie ehemals zur
‚Zeit der Nürnberger Meifter, auf eigenen Füßen zu jtchen gelernt
Der Salon 1889. Heft IV. Band I. 27
394 München im Sahre 1888.
habe, vor franzöſiſchen und englifchen Muftern nicht mehr zurückzu—
ſchrecken brauche und daß man im neuen deutſchen Neid) nicht mehr
diefe, fondern deutfche Produkte fuchen müſſe, um Zweckmaßigkeit,
Nüglichkeit, Behagen und Bequemlichkeit, verbunden mit Schönheit
in Geräthe und Gefchmeide, in Wohnhaus und gataft, in Kapelle
und Don einziehen zu laſſen. Zwar befteht in München ſchon feit
1854 der Glaspalajt, der damal3 nach dem Muſter des englifchen,
furz vorher für die vom Prinzgemal, Prinz Albert infpirirte erfte
Weltausstellung errichteten Glaspalaftes ebenfo kühn auf ödes Land
bingezaubert worden war, wie jet der Ausftellungspalaft an der
far. Aber er war fchon vergeben für die internationale Kunftaus-
stellung, welche ebenfalls im Sommer 1888 ftattfinden follte Und
jo wurde denn reiht hier eine Reihe von Sälen eingerichtet,
unterbrochen von großen, fufengetragenen Kuppelwölbungen, in denen
mächtige Fontänen raufchten, um Gemälden und Bildhauer-
arbeiten beutfcher, öfterreichijcher, ungarifcher, belgischer, Holländischer,
italienifcher, ſchwediſcher englifcher, amerikanischer Künftler eine wür-
dige Aufnahme und Aufftellung zu gewähren — und dort ein leichter
Bolten auf neu gefchaffenem Grunde errichtet, der, al3 er noch vom
jerüfte umgeben in der Entjtehung begriffen war, in allen, die den
Entwurf in feiner Vollendung nicht Tennen zu lernen Gelegenheit
Hatten, feine Ahnung davon auffommen ließ, welches Bild ſich nad
Entfernung der Gerüfte ihrem erftaunten Auge zeigen würde. Denn,
wenn fie auch in ihrem Leben alle Ausstellungen der Welt geſehen
hätten — ganz andere Formen follte der Münchener Ausftellungs-
palaft tragen. Aber — fo zweifelte man — wo jollen denn die
Menfchen fich ergehen und vergnügen, wenn fie die Ausftellung be—
fuhen? Da ift ja fein Park, der Raum am Ufer vor dem Ge:
bäude ift ja zu eng! Auch diefer Befürchtung, die wohl begründet
war, wurde begegnet. Diejer enge Raum wurde zu einer anmuthi-
gen Promenade verwendet und die dem Ufer gegenüberliegende, von
zwei Sfararmen gebildete, baumbefchattete Injel zu einem Park aus-
erfehen, um darin ein befonderes (zweites) Reftaurationsgebäude zu
errichten und die Infel durch eine Bride mit dem das Ausstellungs
gebäude tragenden Ufer zu verbinden. Kurz nach biejen Worberei-
tungen erhob ſich auf dem Iſarthorplatz die mächtige Rotunde für
die dritte Ausftellung, diejenige der Kraft» und Arbeitsmafchinen,
und die Stadt jah einem Sommerbefuch und einem Zuſtrom von
Kunftgewerbe- und großen Induftriegegenftänden entgegen, wie nie
zuvor.
Aber auch das Hoftheater hatte Vorbereitungen getroffen, um
im Laufe des Sommers feine Hallen einem erwartungsvollen, großen
Zurutun öffnen und ihm ein Repertoir von beſonderem Intereſſe
ieten zu können. Im Sommer 1887 waren zwei neue baterlän-
difche Dramen des Münchener Dichter Martin Greif erfchienen und
die königliche Intendanz hatte fie zur Aufführung angenommen:
„Heinrich der Löwe“ und „Die Pfalz im Rhein“, echt deuttche Stüde
Münden im Yahre 1888. 395
ferniger Art, gefchichtlich in fich To eng zufammenhängend, daß fie
immer je an zwei Abenden hinter einander über die Bühne zu gehen
beitimmt waren. Sie wurden mit der größten Sorgfalt einftudirt
und bereits im März zum erjten Mal mit durchichlagendem Crfolg
geaeben. Eine zweite, vielbeiprochene Novität befand ſich in ber
orbereitung, die Wagnerſche Zugenbo T: „Die Feen“. War es
dort die Dichtung, der ſich bie ftellenden Künſtler mit voller
Wärme hingaben, da fie die Belchnung des Haufes Wittelsbach mit
dem Serzogetum Bayern und den Sturz bes troßigen Welfen, vor
dem der Kaifer in Bartenkirchen (nicht in Chiananna, wie ältere
Quellen bisher vermuthen ließen) den berühmten Fußfall that,
wieder mit chernem Tritt in die Gegenwart hereinfchreiten lieg —
fo war es hier bei den „een“ die Pracht der Ausftattung, mit wel-
cher das Hoftheater bei den oft wiederholten Aufführungen allabend-
lich bei dicht befeßtem Haufe verdiente Lorbeeren ernten follte.
Bereit für 1886 war eine impofante Feier des 100jährigen
Geburtstages Königs Ludwig I. geplant worben, welche damals
wegen ber erjchütternden Geigniffe im Königshaufe unterbleiben
mihte und nun für den Sommer 1888 in Ausjicht genommen war.
Die ſchon früher konftituirten Komites waren feit Anfang des Jahies
in voller Thätigfeit, um der Gentenarfeier eine Geftalt zu geben,
welche erfennen lafjen follte, daß Stadt und Land es der Ausjaat
diefes Königs verdanfe, in München jet die Stadt zu fehen, die
es geworden. Man wollte feitiymboliich zeigen, daß er den Grund-
ftein zur jegigen Ausdehnung der —— Reſidenz gelegt und
Dſen date Kunſt und Kunſtgewerbe in dieſelbe eingefühet habe
und daß fein deutjcher Sinn es gewefen, welcher, wenn auch lang⸗
jam, das jegige Staatsleben des Königreiches und feine jegige Stel-
lung in und zum Reich vorbereitet hatte. Der Mogiftrat hatte
einen der bedeutenditen Künftler Münchens, Wilhelm Lindenjchmid,
Profeſſor an der Akademie der Künfte, beauftragt, in einem für das
Rathhaus beftimmten (und gegenwärtig bort bereits prangenden)
Koloffalbild jene Thätigkeit des Königs nmbolife) und zugleich hiſto⸗
riſch darzuſtellen. Verfaſſer dieſer Kun bat das Wild entjtehen
fehen, geräihrt und erhoben von der Pietät gegen ben König, welche
nicht bloß den Künſtler perfönlich zu dem großen Werf begeifterte,
ſondern fich gleichfam in feiner Sünftlerfeele fo fpiegelte, wie man
fie allüberall in der Stadt wahrnehmen konnte.
Aber — — ein trüber Schatten lag über all diefem Denken
und Schaffen. Nur wer es felbit gejehen, kann ein treues Bild von
der Wärme haben, mit welcher das bayerijche Volt am beutfchen
Kronprinzen hing, der deſſen Söhne in ruhmreichen Schlachten gegen
den Feind geführt und ihnen einen Antheil am der Entftehung
neuen Reiches gejichert hatte, vor welchem trübe Erinnerungen aus
früherer Zeit, wie Nebel vor der Sonne, verſchwanden. ‘Und dieſer
Mann war foeben, felbft ſchon umraufcht von den Schwingen des
Todesengels aus San Remo an das Sterbebett des Vaters, Kaijer
27*
396 Münden im Sahre 1888.
Wilhelms geeilt! Daß der greije Kaifer ſchon am 9. März ruhm-
gekrönt und von einer Welt, nicht nur vom deutjchen Volk, verehrt
und geliebt, wie nie ein Monard), heimgegangen war, rief natürliche
Trauer hervor. Aber fie war gemijcht mit dem Stolze, einen fol-
hen Mann auf dem Throne feines neu gegründeten Reiches gefehen
zu haben und Trauer, ebenjo wie diefer Stolz, Iprach 19 in dem
Riefenkatafalt aus, der in München mit Aufwand aller Kunſt und
Brad, denen die Stadt fähig war, errichtet wurde. Der Gebanfe:
der König ift tobt, es lebe Der König! — beherrichte alle Kreife der
Bevölkerung, wie allenthalben im Kein, Aber die Sorge um ben
nun auf den Thron gelangten, geliebten Kronprinzen wich nicht.
Tag für Tag riß man ſich auf den Straßen um die Tagesblätter
ober fragte: Wie geht's dem Kaifer? und in banger Ahnung nahmen
die Vorbereitungsarbeiten für den Sommer ihren Fortgang.
war die Stimmung. Weihevoll und ernft für Vergangenheit und
Bufunft, Hangend in peinlicher Befürchtung für die Tage der Gegen-
wart, die in Arbeit und Schaffen ausgenugt werben mußten.
Im Mai wurden die Ausftellungen an der Ifar und im Glas—
palaft eröffnet. Außen war alles fertig, im Innern noch nicht. Täg-
lich_mehrten ſich Kiften und Kaften und faft fehlten die Räume, fo
groß und weit fie auch bemeffen waren. Die Baumerfe der Kunſt⸗
gewerbeausftellung an der far ftanden in vollendeter Geftalt, frei
und zugäng id), ſchon umfprieft von bem feimenben Raſen und um-
bangen und leicht bejchattet vom zarten Laub des Wonnemondes.
Sie waren vornehm und fürſtlich in einem wirklichen Stile erbaut,
feine großen, unſchönen Kuppeln, ober Reihen niedlicher Schweizer-
häufer waren zu fehen, wie fie jo häufig bei folchen und äuch bei
den gleichzeitig mit der Münchener in_diefem Sommer veranftalteten
Ausftellungen anderer außerbeutfcher Städte in Anwendung gebracht
worden find. Man ftand hier vor großen Maffen in fhönjter Grup-
pirung, vor einer hellfarbigen, heiteren Architektur mit Duaderungen,
ſtark vorfpringenden, gefälligen Gefimjen, mächtigen Fenfter- und
Portalhalbkreiſen mit allegoriig jemalten Friefen und mythologifchen
Figuren reich geſchmückt. Der Gedanke, nur einen leichten Holzbau
vor ſich zu jehen, fam gar nicht auf, denn Die Formen des Baͤues
und die Baſſins mit wafjerfpeienden Pferden und Ungeheuern, ge-
tragen und gehalten von riefigen Männer» und rauengeftalten,
feffelten und fättigten das Auge vollftändig. Ihren Triumph feierte
die Architektur mit ihrer naiven einfachen Stonjtruftion in Bau- und
Färbung des Rejtaurationzjaales im Hauptgebäude und im Mittel-
pavillon deſſelben mit dem SKaiferfaal. Was hier improvifirende
Deforationsmalerei geleiftet Hatte, das überbot fat der Reftaurations—
pavillon auf der Injel, der unter ſchattige Baumgruppen hingezaus
bert fchien, mit feiner wohlthuenden und einlabenden Kombination
von Veftibül, Saal, Zimmer, Verandas und Terraffen und einer
wunderbaren, man fann frgen geiftvoll angebrachten Studaturorna-
mentif. Biwifchen beiden Gebäuden erhoben fi mitten und un—
Münden im Sahre 1888, 397
mittelbar ohne jedes Baifin aus dem Fluß drei riefige Fontänen, die
6—8 Stodwert hoch emporraufchten und durch deren PDiamanten-
fprühregen hindurch man bei fonnigen Tagen die entzüdendfte Aus—
ficht hinüber auf das in ganz ähnlichem Bauſtil wie das Haupt-
ausſtellungsgebäude aus reichen Baumgruppen hervorragende Mazi-
milianeum, eine Stiftung König Marimilians IL, des Sohnes König
Ludwigs I, genießen fonnte. Beſonderes Intereffe erregten bie
abendlichen elektrijchen Beleuchtungen, welche oft von vielen Taufen-
den befucht waren. Man Hatte auf dem Altan de3 nördlichen Ein-
ganges mit dem fugenannten „Ausfichtsthurm“, eines Gebäudes von
hervorragender architeftonifcher einfacher Schönheit, durch welches
ein weites, offened Thor in den Park führte und auf deſſen mäch-
tigem, in quadratijchem mit Statuen und Kandelabern geſchmückten
Stufen fich erhebendem Unterbau ein Thurm emporragte, einen elet-
triſchen Apparat angebracht, der ſich nach verfchiedenen Seiten hin
drehen ieh um die an ſich ſchon reizende Tandichaftliche Umgebung
des Parkes auch zur Nachtzeit in Bildern erfcheinen zu Iaffen, deren
Auswahl ſchon eine fünftlerifche Thätigfeit genannt werden durfte,
Ein anderer, gleicher Apparat ftand jenem gegenüber tief in einem
Schopfen mitten im Fluß; in diefem befanden fich zugleich die un—
geheueren Turbinen, welche die erwähnten drei Springquelfen empor—
trieben. Drüben liegt, auf ber Höhe des Ufers, die fogenannte
Gafteiganlage und mitten in ihr eine alte, Heine Kirche mit ihrer
trüben Erinnerung an das vatifanifche Konzil von 1870, deren
Infallibilitäts- und Unbefledtheitsbeichlüffe veranlaft Hatten, daß
men den „Altfatholifen“ dies enge Stirchlein einräumte, umgeben von
einer Yaumgruppirung feltenfter Fülle und Pracht. Dorthin — das
war 3.3. eines jener Bilder — warf ber hochaufgeſtellte Apparat
weit über den Strom hin feinen Strahl, in welchem Hunderte von
eleftrijchen Funken, wie Sternfchnuppen zudten. In derjelben Linie
"gleißgeitig tief unten im Fluſſe erglänzt die eine jener Spring-
quellen, getroffen vom Strahl des im Schopfen aufgeftellten Appa—
rates. Jetzt verwandelt fich phantaftifch-Luftig feine natürliche Wafter-
farbe im tiefes Uftramarinblau, dann in blendendes Smaragdgrün
und endlich in Roth, daß man meint, Bacchus Täge im Fluffe und
fpiee Rothwein in die Lüfte. Zugleich erglänzt in demfelben Roth
die obere Fontäne auf ganz bunfelem Grunde der tiefen Nachtluft-
farbe. In der Mitte ſieigt unbeleuchtet in natürlichem geifterhaften
Scheine die dritte und größte majejtätijch empor und die Taufende
von Gäften, erft in tiefes Schweigen gebannt durch diefe Macht und
diefes Spiel der Natur und ihrer Kräfte, bricht in lautes, jubelndes
Beifallrufen und Händeklatfhen aus. — Und doch — wenn das
elektrische Licht gegen */,11 Uhr erlofchen war und man über Die
Brücke Heimfehrend noch einen Blick auf das ganze Bild warf, wel-
ches nun in einfachen, natürlichen Glanze der Yeräpellen, jest mond⸗
glänzten Zaubernacht vor unjerem Auge liegt, der Palalt hinge-
‚et am Flufje in feinen großen, ſchönen Formen, theilweije tief
398 Münden im Jahre 1888.
befchattet von den buſchigen Kronen ber alten Kaſtanien; bie drei
Springquellen wie Geifter auf den grünen Wellen der Iſar tanzenb;
der gothiſche Thum der: Mariahilffirche in der Au mit feiner filis
granartig Durchbrochenen Spige, hineinragend in die von der Tages-
glut noch zitternde Nachtluft — dieſes Bild war und ift immer
noch jchöner, als das elektriſch beleuchtete.
Die internationale Kunftausftellung im Glaspalaſt hatte einen
ganz anderen Charafter. Es war natürlich zwar eine einladende
Reftauration daſelbſt eingerichtet. Das war aber 'aud) alles. Im
übrigen blieb das Intereffe der Befucher feſt an den außgeftellten
Kunſtwerken haften, auf welche hier näher einzugehen uns Beruf
und Raum fehlen. Im allgemeinen trugen fie einen vorherrſchend
ernſten Charakter. Bon Humor zeugten wenige Werke, und eines,
an welches fich bereits eine Novelle geknüpft hat, kann nicht uner-
wähnt bleiben. Im Saal der Statuen und Büſten ftand auf einem
Sodel eine etwa dh Meter hohe Venus, die ihren Amor übergelegt
hat und mit der Ruͤthe züchtigt, während diefer mit dem Händchen
fi an der betreffenden Stelle zu fügen und die Hiebe der wunder
ſchönen, aber jehr erzürnten Mutter zu pariren fid) bemüht. Dazu
fam noch etwas. War's Abjicht oder Zufall — kurz, unmittelbar
vor diefer Gruppe war diefe Büfte des greifen Döllinger in Paftoral-
tracht jo aufgeftellt, daß er die Zücjtigungsfcene mit anfehen muß.
Später wurde fie anders poftirt. Wahrſcheinlich gab es ber Lacher
dod) zu viele. Ernſt und würdig war der Eingang in das Gebäude.
Hatte man den Vorſaal mit den Garderobe und Kaffenräumen durch
ſchritten, fo gelangte man in eine mächtige Halle, wo die Koloffal-
ftatuen, z. B. Kaiſer Wilhelm L, Graf Moltfe zu Pferde a. a. m.
Platz gefunden hatten und ein weites, hoch übermwölbtes, mit Zier-
Pflanzen und Ruhefigen umgebencs, Iuftig plätfcherndes Wafferbafin,
innerhalb einer großen Säulenrotunde immer dem Raume liebliche
Kühlung brachte. Von hier aus faroffen ſich nach rechts und links
die mit Kunſtwerken dicht befegten Reiten der verfchiedenen größeren
und fleineren Säle an, alles befegt mit geflochtenen Deden, ſodaß
fein Tritt der Umherwandelnden hörbar war. Das praftifche Er—
ebniß der Ausitellung war jehr befriedigend. Für eine volle Mill.
arf wurden Gemälde u. |. w. verkauft.
Der Kraft: und Arbeitämafchinenausftellung näher zu gedenten,
geht uns Beruf und Sachkenntniß ab. Sie war Icdiglic dem In—
tereffe einer großen Anzahl von Gäſten an den neuen Erfindungen
gewidmet. Von allen brei Ausftellungen aber gilt ber eingangs er
mwähnte Gedanfe an Ernte und Saat gleichmäßig, Die Induftrie-
ausjtellungen vorhergegangener Jahre hatten den Grund gelegt zu
der auf der letzten Kunftgewerbeausftellung von 1888 klar hervor-
jetretenen Befreiung des Geichmades von den verfchiedenften Ein—
Mitten des Mode und Muſter gebietenden Auslandes und eigener
Seichmadsverirrungen. Und in diefer Befreiung liegt der Keim ihrer
befruchtenden Wirkung auf dem ſchon jegt emporblühenden Handel
Münden im Sahre 1888. 399
mit dem Kunftgewerbe und feinem Export. Ihre baulichen Erſchei—
nungen waren ſchon durch die Gejchmadsrichtungen Königs Ludwig I.
und feiner Meifter vorgezeichnet. Die Kunftausftellung im Glas—
palaft war bie Frucht all jener großen Beſtrebungen beifelben Mo⸗
narchen und der von ihm berufenen und durch ſeinen hohen Sinn
durchwärmten bildenden Künſtler. Sie wird ihrerſeits die Grund-
lage und den Anlaß zu einem ftändigen internationalen Kunſtſalon
in München werben, der die Beitrebungen der Künſtler in enge Ver-
bindung mit dem fünftlerifch empfindenden Theil der Nation bringen
fol, wonach ſich gerade die namhafteften Künftler Münchens fehnen.
Dann müßte freilich der bisherige Comment aufhören, den man in
München in den Ausjtellungen und auch in dem Heinen, mit jenem
ftändigen erfehnten Salon nicht zu vergleichenden Kunftvereinsfalon
übt. Denn We einer Ignorirung ober kurzen, wenn auch höflichen
Antwort ausgeſetzt zu fehen, wenn man jemanden — und befonders
eine Dame [ohne fich gegenfeitig zu Fennen, oder wenigjtens vorgeftellt
zu fein] — anredet, um feinen Gebanfen und Selühlen über die
auunftwerke Ausdrud zu geben, — in den erjten Logen und im
Parkett bes Hoftheaters findet mar daſſelbe — dient wahrlich nicht
dazu, zwifchen ben Beſtrebungen der Künjtler und dem künſtleriſch
empfindenden Theil der Nation jene Brücke zu fchlagen. So gut
der Künftler ein Publikum braucht, ebenfo nöthig bedarf das Publi-
kum freie Sitte ungezwungener und etifettefofer Unterhaltung in den
Hallen der Kunſt.
Der Gedanke, den hundertjährigen Geburtstag König Ludwigs J.
(den 25. Auguſt 1786) feftlih durch eine Centenarfeier zu begehen
und den Dank für feine Verdienfte um Münden feinen Manen in
diefer Form auszusprechen, war jchon feit drei Jahren Iebendig ges
worden, aber die Igor oben angebeuteten traurigen Ereigniſſe in
den Fürftenhäufern Wittelsbach und Hohenzollern Hatten ſich dem
frohen Schaffen entgegengeftellt. Ende Juli 1888 waren die Kata-
ftrophen vorüber und namentlich der Geiſt des jungen Kaiſers und
feine Thatkraft für den Weltfrieden flößte allen Kreifen frifches
Leben ein. Der Zufttom von Gäften zu der Eentenarfeier überftieg
alle Erwartungen, Geſandte vieler beuticher Städte, unter anderen
Straßburgs, der Geburtsſtadt des Königs, aber auch Athens, welches
ihm Heute noch aus jener Zeit der Regierung bes jugendlichen Königs-
johnes, Otto L, ein warmes Andenfen bewahrt, trafen cin — wie
mandjer herzliche Händedrud wurde da gewechjelt, welche begeifterten
Worte wurden gejprochen, welches Reich ſchönſter Erinnerungen er—
ſchloß fich den jet Lebenden! Die eranftaltungen des Feſtes
waren finnig und groß, die Ludwigſtraße mit der Univerſität, der
Ludwigskirche und mehreren anderen monumentalen Kultusgebäuden
wurden zu einer Via friumphalis umgewandelt, durch welche ſich ber
Feſtzug bewegte, den Taufende, in zwei dicht gefchloffenen Spalieren
aufgeftelft, an fich vorüberjchreiten ließen. Alle Kunft- und Gemwerbe-
genoſſenſchaften Hatten prächtige Wagen mit fymbolifcher Auzftattung
400 Münden im Jahre 1888.
gebaut. Leider verfiel die Kaufmannfchaft in eine Uebertreibung de3
Guten. Acht Efephanten, die ihr aus dem Circus Hagenbed über-
laſſen wurden, follten in ihrem Gefolge erfcheinen und biefer Irr—
weg rächte fich durch die befannte, damals in allen Beitungen be—
ſprochene Panik, hervorgerufen durch das Ausbrechen der Thiere aus
dem Feſtzug, dem jelbjt durch die umfichtigiten Vorfichtsmaßregeln,
die man getroffen, nicht hatte vorgebeugt werden fünnen. Zwar im
allgemeinen war der Mißton bald verflungen, aber in den Häufern
der unglüdlich Betroffenen wird er noch lange nicht vergeffen werden
und wohl unvergefjen. bleiben.
Bald Hierauf, zu Anfang September, wurde abermals ein Zubi-
läum gefeiert und es würde zu einer allgemeinen Feftlichfeit gewor—
den fein, wenn es nicht ben ganzen Tag geregnet hätte. Der Erz
bifchof von München Freifing, Freiherr von Steichele, feierte fein
funfzigjähriges Priefterjubiläum. Da es in feinem Palais verlief,
könnte es bei gegenwärtiger Schilderung Münchens im Jahre 1888
üÜbergangen werden, wenn nicht auch dort das Sonft und Jept figni-
ficant Bernorgetreten, wäre. Der Jubilar erfuchte ben Rufmusminiter,
Minifterpräfidenten Freiherrn Dr. von Zug, beim Feftdiner vor einer
illuſteren Geſellſchaft geiftlicher und weltlicher Würdenträger den
Toaſt auf den Papſt auszubringen. War es ſchon außergewöhnlich
und von hergebrachter Etifette abweichend, daß fich der Erzbiſchof
bei diefer Gelegenheit des Wortes zugunften des Kultusminifters be⸗
gab, fo überrajchte noch vielmehr der überaus fühle Ton, den
von Lug anſchlug. Von der Wirkung deſſelben auf die Tifchgejell-
ſchaft Hat nichts verlautet.
Heroorragend in der Mitarbeiterfchaft an dem großen Kultur
bild des Sommers 1888 war die Intendanz des Königl. Hof- und
Nationaltheaterd. Der beiden bebeutendften Vorbereitungsarbeiten ift
oben ſchon gedacht worden. Aber auch Darftellungen, zu denen man
an dieſem Theater feiner Vorbereitung bedarf, weil fie in 24 Stun=
den aufs Repertoir gejegt und aufgeführt werben fünnen, zogen das
größte Intereffe auf fih. Won ihnen müffen wir hier namentlich
zwei hervorheben, bevor wir über die Aufführung von R. Wagners
„seen“ und M. Greifs „Heinrich der Löwe" und „Die Bi, im
Rhein“ unfere Lefer Eurz zu unterhalten verfuchen wollen. Jene
beiden Darftellungen waren diejenigen der alten Opern „Don Yuan“
und „Fidelio“. Es ift wahr, e3 find alte Opern. Aber wie fie hier
gegeben wurden und jegt wohl immer werden gegeben werden, dürfte
wohl an diefer Stelle eine Gewähnung verdienen.
Die gewöhnlichen Aufführungen des „Don Juan“ an unferen
Bühnen, bebeutendere nicht ausgenommen, leiden an einer Entftel-
lung des Libretto. Da begegnen uns nicht nur ans komiſche, fogar
ans abgejchmadte ftreifende, fundern auch unklare, kaum verftänd-
lie Scenen. Die Gerichtsdiener, die Don Juan zu Haufe aufjuchen
und inquiriren, find überlebte Karikaturen. onna Anna tritt
mehrmals, z. B. bei der fogenannten Briefarie auf, ohne dag man
Münden im Sahre 1888. 401
Anlaß und Zweck verftcht. Wie ſich die Gefellichaft im Sertett bes
zweiten Aktes zufammenfindet, bleibt gewöhnlich unverftändlich. Am
Schluffe öffnet ſich ein Höllenſchlund und Teibhaftige Teufel holen
den ofemicht und übergeben ihn den ewigen Flammen. Alle bieje
Klippen werden jept hier guaua vermieden. Die Gerichtsdiener er⸗
ſcheinen gar nicht mehr. Donna Anna erſcheint ſtets in Begleitung
Octavios, an ben fie ihren Geſang richtet. Zugleich iſt fie als vor-
nehme Spanierin durch die Begleitung mehrerer Diener gekennzeichnet,
wodurch Don Juan an ihr verübter Frevel noch mehr im richtigen
grellen Lichte erjcheint. Die Scene des Sextettes fpielt in einer
offenen, an Promenaden ſtoßenden Halle, in welcher recht wohl die
Mitwirkenden al3 an einem öffentlichen Orte, wenn auch zur Nacht:
zeit, ſich zufällig zufammenfinden fönnen und wo der in Don Juans
Mantel gehüllte Leporello, die Entdeckung des Betruges fürchtend,
Elwiren zu entkommen hoffen mag. Während der fteinerne Gaft
auftritt, durchzuden draußen leuchtende Ba die Luft; das Wetter
fommt näher, man fühlt die waltende Nemefis und im legten Augen-
blick, wo die gewaltige Muſik von D-moll in D-dur überfpringt,
ſchlägt der Bliß als dröhnendes Strafgericht in das Haus, welches
jofort in Flammen fteht und über dem Haupte bes Frevlers zu-
jammenbrit. So zieht fich der Mare Gedanke durch das Ganze,
daß die Opfer der Sünden Don Juans ihn gene zu erfpähen und
Rache an ihm zu nehmen fuchen, daß er aber wohl ihnen, jedoch
nicht dem vernichtenden Arme höherer Mächte entgeht und der siefige
Träger ber Titelrolle, Herr Eugen Gura, zeigt und nicht nur den
vornehmen, fondern auch den abgefebten, blafirten Wüjtling in jeder
Scene. Was die mufifalifhe Seite der Darftellung betrifft, jo be-
darf es zwar feines Wortes des Ruhmes für Sängerinnen, Sänger
und Orchefter. Ihre Virtuofität ijt allbefannt. Aber bei Opern
wie „Don Juan“ ducchgeiftigt fie ſich. Die drohende Vergeltung
und die ihr gegenübertretende Verhöhnung feitens Don Suans,
Momente, welche Mozart an gar manchen Stellen der Oper in ſei—
nen unfterblichen QTönen wiedergegeben hat, werden mit einer Klar—
heit und Ueberzeugungskraft — die jauberhaften und bejtridenden
Klänge, 3. B. im Terzett vor dem Balkon Elwirens und das Ständ-
hen, letzteres nur mit einer voll» und wohlklingenden Zither im
Orchefter bei oftenfibel ruhigem Tempo begleitet, mit einer Eleganz
und Zartheit wiedergegeben, daß das Publikum mit all den alten
Herren, die es umfapte und die ihren Don Juan Gott weiß wie oft
-2hört hatten, immer in jubelndem Applaus ausbrad).
Was den Fidelio betrifft, jo giebt man hier jegt immer nur
ne und zwar Die große, durch die Trompeten-Fanfare auf die dra-
atiſche — der Oper hindeutende und fie vorbereitende C-
\uverture. Der Zwiſchenakt bleibt für die Alleinherrſchaft der
Sitalifchen Einleitung in dem zweiten Aft frei. Daß ſchon eine
verture das Publikum efeftrifirt, ift nicht häufig. Jene aber hat
* immer denjelben Erfolg. Er war bei den diesjommerlichen Auf-
402 Mũnchen im Bahre 1888.
führungen um fo hervortretender, als fie von einer großen Zahl
Fremder befucht waren, denen es vielleicht felten befchieden geweſen
jein mag, dieſe Ouverture zu hören und noch feltener, ben Reid
thum ihrer oft verdeckt Tiegenden Motive und ihre geniale Verbin-
dung fo wahrnehmen zu fünnen, wie man es bem jegigen Drchefter
verbanft. u ſchauſpieleriſch angeſehen boten die Aufführungen
hervorragende Schönheiten und zwar durch die einfachiten, aber im
richtigen Augenblide angewendeten, dem ernften Libretto eng ange
paßten Mittel, z. 3. wenn Leonore nad) der Befreiungsfcene un-
mittelbar vor der Verwandlung der Sceneric an ber Edjäule des
Kerfers, wo fie das Grab für ihren Gatten hat graben helfen, mit
einem Schrei — ähnlid dem berühmten „Wolter-Schrei“ nad) dem
Kampfe, der ihre Kräfte natürlich hat erjchöpfen müffen — ohn-
mächtig zufammenbrict und dann in der fegten Scene mit rührend-
frauen! after Herzlichfeit und zugleich im Vollgefühl ihrer Freude
Die arme, enttäufchte Marzellina beim Kopfe nimmt und abfüßt und
mit vollendete Chevaleresferic ſeitens des Gouverneurs aufgefordert
wird, jelbft die Ketten Floreſtans zu löfen, wobei die mit fiegee-
froher und danferfüllter Innigfeit fomponirten und gefungenen Worte:
„Bott_diefer Augenbli!* faum ein Auge thränenleer laſſen.
So tief greifende Wirfungen darf man von dem, einem Mär-
hen Gozzis entnommenen „Feen“ nicht erwarten. Hier war es bie
überaus große Pracht der ſceniſchen Ausftattung, die es möglich)
machte, das weite Haus fajt bei jeder Aufführung wöchentlich wenig-
ſtens einmal auszuverfaufen. Da dies Jugendiwerf noch nirgends
zur Aufführung gelangt ift, hat ſich die beutjche Preffe im vergan-
genen Sommer jehr vielfach damit beſchäftigt und feinen poetiſchen
und mufifalifchen Werth, mit echt beutfcher Gewiſſenhaftigkeit auf
Wagner und antiwaguerſcher Seite abgewogen. Merkwürdigerweiſe
weichen die Urteile auf beiden Seiten nicht gerade weit von ein-
ander ab und machen es der hiefigen Intendanz gleichfam zum Vor—
wurf, daß fie das Werf hervorgejucht und hiermit in dag Genre
der Augftattungeftüde gedrängt habe. Das mag dahingeftellt bleiben;
aber ein gutes Geſchäft it gemacht worden.
Die Dramen Martin eis wirkten auf das Publikum in gan;
anderer Weife als die Opern. Sie hoben den durch Pracht, Mufit.
ge Feuerwerke — das Feuerwerk bei der Centenarfeier wurde in
om vorbereitet, von dortigen Meiftern hier in Scene gejegt und
koſtete 40,000 Mart — gerltreuten und taumelnden Sinn der Men—
ſchen wieder auf die Höhe des ernften nationalen Gedankens, *ır
us durch die Kaiferreifen ſich durch alle Vergnügungen Hindu h
Geltung verſchafft und Bahn gebrochen Hatte und nun in je 'n
vaterländifcen Dramen von der Bühne herab ebenfalls Anregı ıq
und Nahrung fand. Cie führen uns in jene Zeit der hohenftar ü-
ſchen Romfahrten, mitten in den Konflikt zwifchen Bapft und Kai! ır.
Aber gleichzeitig rüftete ſich auch der jegige deutfche Kaifer zu jeiı er
Romfahrt und eine ber erſien Reifeftationen ift München zu Anfo ig
Mũnchen im Sahre 1888. 403
des Herbſtes. Aufs neue ſchmückt ſich die Stadt. Pete iſt's fein
Kriegezug, wie damals, wo der mächtigſte Kaiſer vor feinem Vaſallen,
jenen Heinrich den Löwen, auf? Knie ſank, um- feine Hilfe zum
Kampfe um Italien zu erlangen. „Der Kaifer iſt der Friebe!“
jubelt heute die Nation. Er And in Rom den treueften Bundes⸗
genoffen und eifte dahin in vollgiltig faiferlicher Majeftät, während
er damals ſich erft in Rom die Krone erjtreiten und mit (euer und
Schwert den Weg dorthin ebnen mußte, wo heute der Jubel des
ganzen Volkes ihm „Willlommen“ zum Das war bie Stimmung
aud) hier in München, als Kaifer Wilhelm IT. in die Stadt einzog
und mit braujenden Hochrufen bis zur Nefidenz geleitet wurde.
Jeder fühlte ben ungeheueren Wandel der Zeit. Auch damals war
es ein Wittelsbacher, der dem großen Hohenftaufen treu zur Seite
ftand. München war aber nur ein Dorf. Heute iſt's wieder das
Haus Wittelsbach, welches den jungen Hohenzoller begrüßt und den
hohen Gaſt mit ausgefuchter Pracht in feiner Königsburg bewirthet,
um welde ſich die aus jenem Dorf erwachfene große Stadt aus⸗
breitet, eine ber fchönften des Reiches.
Der Winter ift hereingebrochen. Die Ausftellungen find ge-
ſchloſſen, leer ftehen die Hallen. Eine bleibende Erinnerung verlangt
aber das Publikum und es hat fein Augenmerk auf den Pla an
der Iſar geworfen, ber der Stadt neu erfchlojfen worden ijt und
nun eine würdige Verwendung finden fol. Es ift ein Nachklang
an die bedeutenden, jüngjt verlebten Monate, wenn fich viele Stim-
men in der Preffe regen, um Vorjchläge über jene Verwendung zu
machen. Es gejchieht mit folcher Wärme und Energie, daf die Väter
der Stadt bald vor der Schwierigkeit der Wahl ftehen werden.
Und jenes Verlangen der Bürgerjhaft hat eine tiefe innere Berech-
tigung in dem dunfferen Gefühl der einen und in der Haren Er-
fenntniß ber anderen, daß diefer Sommer ein Bild unferer Zeitrich-
tung gegeben hat, wie es felten in folcher Vollſtändigkeit hervor-
getreten ift. Es war das Bild des ringenden Wettlampfes aller
ebelen Kräfte. Arena certamini artium! Mit großer Golbichrift
waren diefe Widmungsworte am Eingangsthure der Ausftellung an
der Ifar zu leſen. Im der fönen Hülle diefes Kampfes liegt aber
auch der andere ernitere, der Kampf aller um das Dafein verborgen.
Die Geifter und alle beten Kräfte find zum Wettbewerb um bie
Auffindung neuer Wege, um die Löfung der Probleme der Gegen-
wart auf Ben Plan gerufen. Nicht — Wiſſenſchaft und Staats-
kunſt, fondern auch die ſchönen Künfte, Gewerbe und Induſtrie be»
theiligen fi an diefem Reigen, der die ganze Kulturwelt umfaßt.
Uenthalben find die Fermente neuer Ideen wirkſam rchoen die
dem Leben einen anderen Inhalt verſchaffen. Ueberall in München
bot ſich dem denkenden und ſinnigen Wanderer das Bild dieſes Beit-
eiſtes und hierin ſehen wir den kulturellen Werth aller geſchilderten
seite und Veranſtaltungen, deſſen Erkenntniß ung dieſe Zeilen in die
seder diktirt hat.
—+&88+—
Eine Weiderlaune.
Bon Hatalie Guth.
n den eyffufivften Reifen der Refibenz jpielte Blanda von
Bergen unftreitig die erfte Rolle. Die Komteffe war nicht
mehr jung, jondern ftand in bem Alter, in welchem unge:
wöhnliche Frauen bedeutenden Männern am gefährlic ”
zu fein pflegen. Worin eigentlich der Zauber ihres Wa
beftand -— was es war, das jeben, der in ihre Nähe kam, beftı
darüber hatten ſich fchon weit jüngere und ſchönere Frauen ale
den Kopf zerbrochen. Blanda von Bergen war aud) nicht |
nad) den strengen Regeln und Gejegen der Schönheit — ihr G
zeigte weiche, unregelmäßige, faft kindliche Züge und doch konnt
eine eigenartige, geradezu fascinirende Schönheit nicht, abgefprı
werben. Dieje Schönheit lag nicht in einzelnen Partien
runden als ovalen Gefichtes, nicht in ben großen, träumerij
grauen Augen, nicht in dem Heinen, fein geſchnittenen Munde,
dern in dem geiftigen Leben, das aus diefen Augen ſprach uni
ganzen Gefichtszüge adelte, aud) in der Belebtheit und Beweglü
diejer Gefichtszüge; vor allem in ihrem ganzen Auftreten. "Geifi
und lebendig war die Komteſſe Bergen, etwas Berüdendes lag in
Art ihres Auftretens, etwas dämonifches in ihrer Unterhaltung
wenn fie angeregt war, tif fie alles mit fich fort. Sie war ei
führlicher Umgang für Männer, wenigitens wurde von ihr behar
daß noch jeder Mann, der in ihre unmittelbare Nähe gelommer
Feuer gefangen habe. Selbſt bie Frauen gaben das adjjelzuden
„Sie ijt alt und jung zu gleicher Zeit, und fie hat cin
liches Katzengeſichtel“, hatte ein, öſterreichiſcher Edelmann einfi
klärt, als man ihn vor einem Korbe warnte. „Berfucht wird
Ding, denn fie hat die Neize, die nicht vergehen.“
Leider befam ihm fein Verſuch fehlecht, denn er trug fi
Korb heim wie alle die anderen.
Ihr neueſter Verchrer, ein blonder Jägermajor, der ſch
Offizier in feinem Regiment, hatte einft bei Gelegenheit eines Bi
Eine Weiberlaune. 405
wo er Blanda von Bergen in fofetter Balltoilette gefehen, ſich be-
gehen dahin ausgeſprochen: „Wiffen Sie, daß mich die Erſcheinung
biejer Dame an eine jchöne, orientalifche Wendung erinnert, der
man in den atabifchen Schriftftellern bei der Schilderung fchöner
Frauen häufig in einer oder der anderen Form begegnet? Da heikt
es, nachdem des Halſes und der Schultern vollendete Formen ges
priefen wurden: ‚Ihre Augen aber ſchöſſen Pfeile nach dem Kühnen,
der dieſe Schönheit zu bewundern oder gar zu begehren wagte! So
bliden ihre großen, ernſten Augen, als wollten fie jagen: Sieh, wie
reizenb ich bin! Aber wage es nicht, mich zu berühren ober auch,
nur mit begehrlichen Blicken zu betrachten; anſehen darf man mic,
auch jchön finden, wie man ein fchönes Bild bewundert, aber mehr
ſoll feiner wagen!”
Blanda von Bergen war trotz dieſer gerlihmten, eigenartigen
Schönheit eine alte Jungfer geworden, und es fchien, daß fie diejem .
Stande treu bleiben wolle, denn fie wurde älter und älter und fie
„griff nicht zu“, obgleich fie die Gelegenheit gehabt hätte,
Warum wollte fie durchaus eine alte Jungfer werden? „Ich
Iobe mir meine ſchöne, goldene Freiheit!“ pflegte fie auf Diefe Frage
zu erwidern — oder: „Sa, das ift nun jo, e3 erging mit wie ben
meiften meines Gefchlechtes. Die, welche mid, liebten, waren mir
gleichgiltig, und bie, welche ich liebte, konnten wieder fein Wohl-
efallen an mir finden, oder fie hatten ſchon eine Frau und an
remdem Eigenthum konnte ich mich Doch nicht bereichern!“ ober:
„Alle Eugen und bedeutenden Männer find Kampfgaft darauf ver-
. jeflen, jchöne, unbebeutende Frauen zu Heiraten. Die Folge davon
ift, daß für Die efiheiten Mädchen die dummen Männer übrig
bleiben, und was 5 ein gefcheiteg Mädchen mit einem dummen
Manne anfangen? Ich frage —?* .
Eine ieler Angaben war unftreitig jo falſch wie die andere.
Welches nun war der wahre Grund? Eine unglüdliche Liebe? Man
mußte nichts von einer ſolchen. . Blanda von Bergen ſah auch
mit nad) einer unglüdlichen Liebe aus. Sie war die Uebermüthigite
und Auögelaffenite ihres Geſchlechtes; luſtig bis zur äußerten
Grenze des Erlaubten. Keiner ihrer Bekannten hatte fie je ernit
gefannt. Eine Eigenthümlichkeit hatte fie noch, die man aber eine
WWeiberlaune nannte, eine Caprice —: fie konnte feine Geige hören.
Sie befuchte nie ein Konzert, nie die Oper, und wenn es ber Sufall
mit fid) brachte, daß ein Geigenton ihr Ohr fraf, dann wurde fie
todtenbleich, fie fing an zu zittern, man jah ihr den tapferen Kampf
a ben ſie mit ip fämpfte um nicht zu erliegen, aber er enbete doch
in ner mit ihrer Niederlage — fie wurde ohnmädhtig. Und doch
:g in ihrem eleganten Bouboir eine Kleine, braume Geige und ein
gen. Es fei eine echte Amati, behauptete fie, und gehöre zum
chlaß ihres Vaters, der fie meifterhaft gefpielt habe. Dieſe Kleine,
une Geige hing in unmittelbarer Nähe der Bewohnerin, gerade
enüber dem Plage, an dem Blanda von Bergen jaß. wenn fie
@ mw
406 Eine Weiberlaune.
daheim weilte. Ihr Auge mußte, jobald fie den Blick hob, auf die
Geige fallen, deren Saiten geritten herabhingen und beren Wirbel
verquollen waren... „Sonderbar, daf fie das Inftrument in ihrer
ummittelbaren Nähe placirt, deffen Ton ihr fo verhaßt ift" — fagten
ihre neueren Bekannten — „doch, die Launen und Capricen fchöner,
vornehmer Frauen find ja meift fonderbar“ — fchloffen fie dann
nad) einigem Nachdenken. Wieder andere erflärten ganz entſchieden:
„Ich glaube aber nicht, daß fie feine Geige hören kann!“ und da
wurde ihnen von noch anderen die Antwort: „Sie glauben e3 nicht?
Wir aud) nicht — aber darauf fommt ja auch nicht? an! Es iſt
eine Caprice von der Bergen! Sie will fid) dadurch interefjant
machen! Das foll doch etwas heißen! Sie kann nicht hören, was
jedermann entzüdt — ift das nicht ungewöhnlich und originell?
Anders als die Maffe, die jeder Geige nachläuft!“
Noc jonderbarer aber würden es jene Beſucher des eleganten
Boudoirs, denen die Geige dort aufgefallen war, gefunden haben,
wenn fie Gelegenheit gehabt hätten zu beobachten, daß die Bewoh-
nerin des laujchigen Zimmers die Geige oft herabnahm und auf
ihren Schoß legte, daß fie den Bogen oft an jener Stelle mit den
Xippen berührte, wo ihn der Violinift berühren muß, wenn er die
Saiten zum Klingen bringen will; daß fie das Inſtrument gegen
die Schulter ftemmte, als wolle fie ſelbſt ein Spiel auf ihm begin-
nen, und baß fie babei zärtlich ihr Köpfchen zu der Geige herab-
neigte, ſodaß ihre dunfelen, feidenen Loden auf die zerjprungenen
Saiten herabfielen ...
Ja, diefe Heine, braune Geige im Boudoir ber ſchönen Blanda
von Bergen hatte eine Gedichte, und wenn fie imftande geweſen
wäre, dieſe Gefchichte zu erzählen, dann würde das Räthſel fe
Löfung gefunden haben, das alle Welt beſchäftigte. Die Ge
wußte, wehhalb Blanda von Bergen eine alte Jungfer war, o
bleiben wollte...
Eines Abends ſaß die Komteffe allein in ihrem bequemen F
teuil zurückgelehnt, den intereffanten Kopf mit dem glanzlofen, n
gelodten, üppigen Haar, das ihr über die Stimm don bis in
Augen fiel, in die Hand geftügt. Sie wußte mit diefem Ab
abſolut nichts anzufangen. — hatte ſie es, ihn zu verleben
alle die anderen, in luſtiger, fröhlicher Geſellſchaft, in deren Treiben
man vergaß ... ber jie waren alle gegangen, um Wilhelmy zu
hören, ber mit feiner Wundergeige gefommen war, die Hörer zır ent
züden. Sie hatte da nicht mitgehen Fönnen — unmöglich! Wi
man fie gequält und beftürmt, und wie man damit graufam c“
Erinnerungen in ihr wieder gewedt hatte... Ein Teuer B
traf jetzt in der halben Dämmerung die Geige — cin Fröſteln üb
Tief die fchlanfe Geftalt der Einfamen — die fleine Hand mit d
Grübchen ftredte ſich nach der Klingel aus — aber jie ſank ſchl
jerab. Müde lehnte fie jegt den Kopf in die Poljter zurüd x
ſchloß die Augen...
Eine Weiberlaune. 407
Ganz deutlich vernahm ſie die weichen, ſchmelzenden Klänge
einer Geige, die Schumann Träumerei fpielte — meifterhaft fpielte ...
Ton an Ton erklang in ihrer Erinnerung ..... wie lange das ſchon
ber war... Sie meinte eine Emigfeit Peitbein gelebt zu haben.
Damals war fie noch ein Tuftiges, hübjches, junges Ding ge-
wefen — weit übermüthiger und ausgelafjener noch, als die Gejell-
Schaft fie jegt kannte. prit hatte ſie ſchon damals beſeſſen, und
jene eigenthümliche Art ſich zu geben, die alle Welt entzüdte —
Lebendigkeit des Geiſtes auch, und ein kleines, wild klopfendes Herz⸗
n. übermüthigem Leichtſinn Hatte fie ſich auf einer abend⸗
lichen Waſſerpartie eine ſchwere Erfältung zugezogen und der Arzt
jandte fie ihrer Nervofität halber ne einem Eleinen Badeorte.
Nicht im Kushanfe follte fie ſich einlogiren, nicht in einem ber doch
immerhin belebten Hötela, fo wurde ihr eingefhärft, ſondern in einem
Bürgerhaufe in einer ftillen Straße ber Heinen Stabt, bamit ihre
gereizten Nerven Ruhe finden. Verſehen mit dieſer Inftruftion, die
ſie ſich mit ſchelmiſchem Augenzwinfern von Zeit zu Zeit laut an den
gingen berzählte, reifte fie in Begleitung ber alten Hausdame ihres
ters — fie war ſchon als Kind mutterlos — nad) der ländlichen
Idylle ab, während Graf Bergen in bie Tirofer Berge ging. Strifte
befolgte fie die Vorſchriften ihres Arztes, und als fie nach der erjten
Nacht, die fie in ihrem neuen Heim verlebt, erkannte, daß fie gerade
durch das Befolgen diefer Vorjchriften "das Gegentheil von dem er-
reiht hatte, was ihr beforgter Arzt bezwedte, da wollte fie ſich aus—
ſchütten vor Lachen. Das Schichſal Hatte es nämlich gewollt, daß
fie dem „Stadtpfeifer“, wie men in jenem Weltwinkel den ſtädtiſchen
Mufikdireftor oder Kapellmeifter nannte, gerade grggnüber Wohnung
jenommen hatte. Die alte Franzöſin, Blandas Beſchützerin, war
fe hungelod, als pünktlich um 7 Uhr, Tag für Tag, das Gebudel
frage der Flöten und Geigen begann, fie war nahe daran,
ihre Koffer zu paden und das Weite zu juchen, als einft eine Klari-
nette, früh morgens beginnend, ununterbrochen bis Mittag brei Takte
aus der Duverture zur weißen Dame, Takte, welche dem jugendlichen
Spieler beſondere tvierigfeiten zu bieten fchienen, meberholte.
Sobald dieje aus allem Rufammenang ‚ausgeriffenen drei Takte
durchgefpielt waren, begann die Klarinette das graufame Spiel frampf-
Haft von neuem. Aber Blanda amüfirte fich darüber. Ihr Ueber
muth fand es entzüdend, daß der würdige Geheimrath mit feinen
dantischen Inftruktionen an des Stabtpfeifers Klarinette Schiff
erlitt. Und als die behäbige Wirthin, die ob biefer unwill-
tommenen Nachbarjchaft citirt worden war, flehend ihre Blide auf
ihre vornehmen Abmiether richtete und bedauerlich erklärte, „ja, das
Taffe fi nun nicht ändern, freilich die Damen ſeien nicht die ein-
zigen, Die gegen jolche Nachbarſchaft Proteſt einlegten, der Stadt-
pfeifer: Habe feit feinem kurzen Aufenthalte hier den ganzen Ort
ſchon kreuz und quer durchzogen. Wo immer er auch ſich häuslich
niedergelafjen, Habe er das Verhängniß gebildet ober jei ſelbſt in
408 Eine Weiberlaune.
ein jolches hineingezogen worden. Entweder man fündige ihm nad
einem Bierteljahre die Miethe, oder jämmtliche Bewohner der Nadj-
barfchaft zögen um. Auch hier fei ihm ſchon wieder gefündigt, aber
vor der Hand müffe man das Kreuz eben noch tragen, man fünne
den Kerl doch nicht am die Luft fegen. Freilich, verdient habe er
es! Es fei himmelfchreiend, was er feine Leute quäle! Er gönne
ihnen feine Minute Ruhe. Das fei ſonſt nicht jo gemwejen. Und
wozu auch? Hier verjtehe man doch nichts von Konzert und Oper!
Wenn der Mann gute Tanzmufif aufjpiele, jo fei man ja feelen-
zufrieden und dazu bedürfe es feiner tagelangen Uebungen, die feinen
anderen Zwed hätten als die Nachbarſchaft aus ber Haut fahren zu
machen.“ .
„Der arme, arme Mann!” rief die kleine Komteſſe, die mit
weiten Augen zugehört hatte und in deren weichem Herzchen fich das
Mitleid zu regen begann, „wir wollen ihn gewiß nicht verbrängen,
und uns auch durch ihn nicht verdrängen Taffen! Um ber heiligen
Kunſt willen wollen wir es geduldig binnchmen, wenn eine Kleine
Klarinette die boshafte Abficht zeigt, Steine zu erweichen.“
Das war mın freilich leichter gefagt als „erduldet“. Die ehr
muſikaliſche Blanda begriff im übrigen nicht, daß ein fo tüchtig ein-
geſchultes und gut zufammenfpielendes, kleines DOrchefter in ſolch
einem Weltwinkel exiſtiren fönne, und wenn die Kapelle zufammen
jpielte, dann fenkte fie ihr Buch mit dem neueften franzöfifchen
Romane, hörte fopfichüttelnd und verwundert zu und trilferte wohl
aud) leije die Melodie mit. Aber es gab Leider auch Tage, wo bie
einzelnen Inftrumente ohne jede Rüdficht auf einander ihre Partien
ſelbſtſtändig einübten, dann gehörte die äußerfte Selbftüberwindung
dazu, nicht davon zu laufen.
Eines Abends hörte Blanda, am Fenjter figend, plötzlich eine
einzelne Geige... Wer das möglih? Konnte es hier in des
Stabtpfeifer® Häuschen und unter feinem Chor einen Mufifanten
geben, der in dieſer Weife befähigt war die Geige zu ſpielen? Mit
angehaltenem Athem laufchte daS junge, reizende Mädchen den füßen,
einſchmeichelnden Tönen. Diefer Anfag! Man hörte überhaupt
nicht, daß der Bogen die Geige berührte.... Und wie rein und
glodenhell fich jeder Ton von ben Saiten löfte! Zu dieſer Geige
hätte fie fingen mögen! Wie kam ein folder Geiger nad) Seebach?
„Das ift der Stadtpfeifer ſelbſt!“ verficherte die abermals citirte
Logiswirthin. „Er fragt ganze Nächte lang auf dem unglüdlichen
Holze herum.“
„Unmöglih! Das fann Ihr — Stadtpfeifer nicht fein! D
ift ja ein Künftler!“ rief die alte Franzöfin begeiftert.
„Wie ich Ihnen füge!” behauptete die Wirthin mit ſtoiſch
Nude. „Sie können ſich ja davon überzeugen, wenn er dus er
Konzert im Kurjaale giebt.“
nacigen Sie uns doch einmal diefes Weltwunder von einc
Stadtpfeifer!” rief die junge Gräfin enthuſiasmirt.
Eine Weiberlaune, 409.
Und fie ſaß juft über einer Perlftiderei gebeugt, als die Treppe
ächzte und die alte, fchwerfällige Dame im Rahmen ber Thür er—
schien. „Gnädiges Fräulein!“ feuchte fie außer Athem, und deutete
Fr kurzen, diden Zeigefinger nach dem Fenſter: „Der Stadt-
fer!”
Und Hurtig fprang Blanda auf — alle ihre Perlen fielen zur
Erde — ber Sage ... Ya, einem Geiger, einem Künftler glich er
aber nicht. Auf Schwelle de Kleinen, gegenüberliegenden Häus-
chens jtand ein großer, ftarfer, breitfhulteriger Mann mit frifcher,
gelunber Gefichtöfarbe. Er trug ſehr elegante Straßentoilette und
öpfte joeben feine Handſchuhe. Ein Wi Strohhut bededte den
dunleln Kopf mit bem ſchwärzen. kurz geſchnittenen Haar. Die Züge
des Geſichtes waren markant, aber nt fein gefchnitten, ein präi
tiger Schnurrbart bedeckte die Oberlippe. Das follte ein Künftler
fein? Der Künftler, der allabendlich feinem Inftrumente jo weiche,
berüdende Klänge entlodte? Unmöglich!
ß „Der Menſch ſieht ja aus wie ein Bierbrauer!“ entſchied Blanda
entſehl
„Ich finde eher wie ein feiner Landgutsbeſitzer!“ milderte die
Franzöfin. „Wie ein Künftler fieht er nicht aus, aber das ſchadet
ihm in meinen Augen nichts. Ich liebe es nicht, wenn man die
Firma allüberall mit fich Herumträgt. Er fieht übrigens durchaus
nicht unbedeutend aus.” .
„Aber nicht wie ein Künftler!“ fchmollte Blanda und warf die
Oberlippe auf.
Dann las fie in dem fleinen, ftädtifchen „Intelligenzblatt“ die
Anzeige des erften Surtongerte. Ein Flötenvirtuos follte auftreten,
ein Bofaumenbiäfer — beides auswärtige Größen. Von einem
Geigenfolo war nichts zu leſen. Das durfte nicht fein! Ja, wie
aber e3 ändern — —? Gott, wie bejcheiden diefer Mann war bei
all feinem Können! Er wußte offenbar gar nicht, was er leitete... .
Ja, wie nun zu einem Geigenfolo fommen? — — halt! fie wußte
&! Er verdiente ſchon für fein Spiel eine Anerkennung, eine Heine
Sämmeihelei Das Talent bedarf ja überhaupt der Aufmunterung,
fol es nicht erlahmen. Sie wollte ihn um ein Geigenjolo bitten.
Und alsbald ſaß fie vor ihrem Schreibtifche und fchrieb mit
Hochrothen Wangen ein Hleines, duftendes Briefchen:
„Herr Mufikdireftor Norden ,
wird hierdurch ganz ergebenft gebeten, den bezüglich feines Kon-
zertes angefündigten Solovorträgen auch ein Geigenſolo anzu—
reihen. — und Poſaune würden mich nicht in das Konzert
ziehen; wohl aber Ihre Geige.
Vielleicht, wenn man recht ſchön bittet, läßt fich dieſe Geige
u einem recht zarten Solo bewegen? Aber Sie jelbft müffen
iejen Vortrag zu Gehör bringen.
Bitte, jagen Sie nicht nein!
Blanda von Bergen.“
Der Salon 1989. Heft IV. Band 1. 28
410 Eine Weiberlaune.
Von dem Zeitpunkt, an welchem das Heine Briefchen in bie
Bünde des großen Mannes gelangt fein konnte, ſchwieg nunmehr
ie Geige.
An dem Nachmittage aber, der dem Konzert voranging, erhielt
Blanda einen Brief durch die Stadtpoft, und als fie ihn öffnete, fiel
das Programm zu dem bevorftehenden Konzerte und die Viſitenlarte
des Mufitdireftors vulgo Stadtpfeifers heraus. Mit lachenden Augen
las Blanda unter der vierten Nummer, mit Blauftift Teicht angeftrichen:
„Elegie“ von Ernft, vorgetragen von May Norden. Als fie am Abend
den Konzertfaal betrat, jah F zum erſten Male den Violinenſpieler,
der fo wenig einem Künftler in ſeinem Aeußern glich, in der Nähe.
Er jtand am Eingange des Saales, gleichjam fein Publifum em-
pfangenb, Impofant fa er aus in feinem tadellofen Salonanzug,
von Frad und weißer Weite bis herab zu den Laditiefeln einem
Kavalier Ehre gemacht hätte. Und etwas hatte er denn Doc, was
fofort den Künſtler verrieth — e3 lag dieſes Etwas in den Augen.
Ein Paar Feueraugen, aus denen das Genie förmlich herausleud-
tete, blidten aus bem frijchen Geficht. Sie drängten fich Dicht an
der Wurzel ber fein gebogenen Naſe zufammen und begegneten einen
Moment mit fcharfem, prüfenden Blide dem grauen, ſchwärmeriſchen
Augenpaare des vornehmen, jungen Mädchens.
Das Konzert war allerliebit. Die ftimmführenden Inftrumente
zeichneten ſich durch auffallende Reinheit der Intonation und große
Sicherheit — und Die begleitenden durch lobenswerthe Decenz aus.
Der „Stabtpfeifer“ bewies, daß er auch ala Dirigent ein Künftler,
und jehr wohl imftande war, ein ganz anderes Grisefter noch zu
leiten als das feinige.
Dann geigte er feine „Elegie“. Der Betrag, war meijter:
Haft. Die halb wehmüthigen, halb einjchmeichelnden Klänge nahmen
der jungen Zuhörerin förmlich das Herz aus ber Bruſt. Aber ſie
vermochte auch ihre Blicke nicht von der äußeren Erfcheinung
des Kuͤnſtlers zu trennen. Wie hatte fie nur etwa® an Diejer
Erſcheinung vermiffen können! 3 war die marfige, Fräftige Cr-
ſcheinung eines echten Mannes, die da vor ihren Bliden jtand. Und
wie graziös die wunderbar feine, wohlgepflegte Hand den Bogen
ührte!
VE ie vortheilhaft Du Dich in der Nähe entpuppt haft, mein
großer, dicker Protege*, murmelte fie Pati zwiſchen den Zähnen,
Auge in Auge gleihjt Du freilich feinem Vierbrauer! Ich fürchte |
— id) fürchte — mit Deinen Augen und Deiner Geige kannſt Du
den Weibern ſehr gefährlich werden, Mar Norden, „Stadtpfer r*
von Seebad!”
ALS er geendet hatte, traf fie ein langer, fragender Blick ſer
Auen, Augen. „War es fo recht?“ fragte dieſer Blid, „bift Du u-
jeden?“
Sie war ed, und fie ließ fich den jungen Mann vorfte
Nicht? von Scheu ober Verlegenheit der vornehmen Dame gegen
3
a 5
Eine Weiberlaune. 411
war dabei in feinem Auftreten zu bemerken. Eine gewiſſe felbft-
bewußte Sicherheit trug er zur Schau. Und als fie ihm für die
liebenswürdige ereitwilligfeit dankte, mit der er ihren Wünfchen
nacgefommen war, da hatte fie Gelegenheit, die regelrechte Salon-
verbeugung zu bewundern, mit der er ben Dank ablehnte und
die Behauptung aufftellte, daß er es fei, der hier zu danken habe.
Und als er fie dabei feine nachſichtige und wohlwollende „Bönnerin“
nannte, theilte für einen Moment ein jchnell wieder verſchwindendes
Lächeln feine Lippen und unter dem ſchwarzen, glänzenden Schnurr-
bart bligten feine prächtigen Zähne.
Bon da an hörte Blanda Abend für Abend zur gleichen Stunde
die „Elegie*. Abend für Abend öffnete der Geiger fein kleines
Sealer, und unmittelbar darauf traten die Klänge, die er feinem
inſttumente zu entloden verftand, den Weg zu Blandas zen
an. Sonft hielt er fich ſtolz yurüd. Er drängte fich zu ihr feines- ,
wegs auf, wurde ihr nicht läſtig. Weilte fe aber am gleichen
Orie mit ihm, dann He fie förmlich, wie das dunkle Auge des
interefjanten Mannes auf ihrer reizenden Erſcheinung ruhte — mit
einem ſeltſamen Ausdrud — ftarr — wie gebannt. Und wenn fie
mit ihm fprad) — bisweilen war fie fo „gnädig*, ihn anzureden —
dann Tief ein jonderbares Zucken über fein Sehgt. Das amüfirte
fie, und es gefiel ihr au. Es lag eine namenlofe, ftumme Huldi-
gung in diefem feinem Gebahren, eine Huldigung, genen] eben
von der, die man ihr bisher dargebracht hatte. Aus Dankbarkeit
dafür begann fie ihn auszuzeichnen. Nie brachte er einen Vortrag
in feinen Konzerten zu Gehör, der ihm nicht eine liebenswürdige An-
erfennung von ihrer Seite eingebracht hätte — und dann machte fie
aud) fpeztell für ihn Toilette, ebelein fie das nicht einmal ſich ſelbſt
eingeſtand. Und doch war es fo. Sie wollte ihm gefallen, wenn
fie ſich „Ihön“ machte.
Und er hinwiederum fpielte feine Melodien nur für fie; für
niemand fonft.
„Herr Mufikdireftor! Sie follen gelobt werden!“
Dann pflegten feine Augen einen Moment aufzuleuchten, und
während er einen bezeichnenden Blick auf fein Inftrument warf, fi
tief, wie vor einer Köhigin, vor dem ſchönen Mädchen zu verneigen.
„Ganz wie Sie gebieten, gnädigfte Komteffe, wir ftehen durchaus zu
Ihrem Belieben — die Geige und — ich!“
Ein andermal: „Haben Sie Ihr Knopfloch noch frei? Sie
follen deforirt werden!“ und ſchelmiſch lächelnd Hielt fie ihm ein
Veilchenſträußchen entgegen.
„Einer ſolchen Deforation würbe jede andere natürlich weichen
müffen!*
Der: „Wenn ich eine große Majeftät wäre, dann würde ich
ie zu meinem Kammervirtuofen machen, und dann müßten Gie
„nerfort geigen, Tag und Nacht — bis Ihnen die Heine, braune
Beige aus Hand fiele.“
26
412 Eine Weiberlaune.
„Das würde immerhin einiger Zeit bebürfen! Ich „eefige einige
Widerftandatraft und einen eifernen Körper. Ich würde fon im-
ftande fein, dieſer von Ihnen fo verlodend geſchilderten Stellung
ln: =hre Geige it für mih fon gar nich 9 cin sb
nn: „Ihre Geige ift für mi jon gar nicht mehr ein tobtes
Inftrument! Sie kommt mir vor wie Ichenbig! Sie kann lachen
— an und fpricht eine fürmliche Ernör, die ich ganz gut
„Wenn Sie diefe Sprade nur nicht ganz Lerſtehen, gmäbigftes
Fräulein! Ih glaube faum, daß Sie — würden, was
leine, braune Geige Ihnen ſagt.“ —
Wie geht e meinem Liebling, der kleinen, vielſagenden Geige?“
Fri ao danke der gütigen Nachftage, die beneidenswerthe befindet
ich, wohl.“
de Kapellmeifter! Grüßen Sie, bitte, die Geige von mir.”
nle ganz ergebenft! Werde gewilfenhaft ausrichten! Zur
Vermittlung ähnlicher Botſchaften halte ich mich beitens epfohlen!”
So ging es hin und ber — bei einer jebeamali
Ein junger, eleganter Kavalier meinte eimft Fe „Wie
rührend! Das Elingt ja Beinahe I perlißt
„Sol es aud, Die Hleine, braune Geige be
get, Norden ift mein Perg Ih bin in das Heine Ding ver-
„Wenn fich das nur nicht weiter frißt!“
Ein hochmüthiges Aufwerfen der Oberlippe, ein hoch»
mütbigerer Bli der vornehm Halb gefchloffenen Augen: „| wenn
— ba hätte ih doch auch niemand um Erlaubniß zu fragen? Das
wäre meine Sade!”
So verging die Saifon.
Ganz & Ende berjelben traf die junge Gräfin Mar Norden
mitten im Walde.
Sie Hatte fich einer Gefellfchaft ihr befannt gemordener Dan
und Damen angefhloffen und man hatte einen gemeinjchaftlichen
Ausflug nad) einem ſchönen Ausſichtspunkte gemadt. Jetzt befand
fi Blauda mit ihren Velannten auf bem Hei je und war,
Blumen pflüdend, ein gutes Stüd zurü— ehticen. a hörte fie
einen raſchen Schritt Hinter fich, und? plöglid) ftand der junge Maim
vor ihr. Ucherraft ſah er zu ihr herab, und zog dan, fich tief
verneigend, ben Hut.
Da begann fie wieder in übermüthig-nedenbem Tone nad) feiner
Geige zu fragen, aber er antwortete nicht. Ein langer, grübelnde
Blid feiner wunderbaren Augen traf ihr Geſichtchen. Er Aien ve:
gebens nad) einer Antwort auf ihre harmlofe ir e zu —3 —
endlich ſchuͤttelte er heftig den Kopf. „Nicht vi iafjen Si:
das, verehrtes gnädiges Fräulein! — Sie meinen es gut und ich —
ach, Sie thun mir damit jo namenlos weh — wenn Sie wühten“ .
„Weh?“ fragte fie erftaunt und ihm förmlich Hilflos in das den
Eine ‚Weiberlaune. 413
merkwürdig bfeiche Geficht blickend. „Weh thun fol ich Ihnen mit
meiner Freundlichkeit? Das verftehe ich nicht!“
„Das glaube ich Ihnen gern“ — entgegnete er bitter, „e3 geht
mir wie den Blumen in ihrer Hand. Wohl liegt für fie ein Glüd
in dem Umftande, daß fie von Ihnen gebrochen wurden und fi
Ihres Beifalls erfreuen — Ihnen näher. fein dürfen als alle die
anderen kleinen Waldblumen, aber dieſes Glück ift zugleich ihr Tod
— fie gehen daran zugrunde. Mir geht e8 nicht befer.“
„D, Herr Norden!” rief Blanda verwirrt, „wie undankbar Sie
reden! Ich bevorzuge Sie in jeder nur erdenklichen Weiſe und
Ja, ich weiß das!“ fiel er ihr in Die Rede, „Sie fpielen mit
mir! Aber ih — ich liebe Sie!" Er ſtieß es zwilt den Zähnen
hervor und feine dunkeln Augen flammten in wilder Leidenſchaft
auf, Fr die Züge des Gefichtes etwas unbewegliches, ftarres
annahmen.
Erjchroden jenkte fie das Auge zu Boden und ihr Blic fiel
dabei zufällig auf feine Hand — auf die Hand, die jo ficher, jo
feſt und energiſch den Taltftab regieren und fo elegant den Bogen
u führen wußte, welcher ber Eleinen, braunen Geige die fühen
Sänge entlodte, die dem fchönen Mädchen das Herz Elopfen machten
— diefe Hand zitterte heftig.
Langſam hob Ylanda den Blick wieber zu ihm empor. Er
tand noch immer unbeweglich vor ihr, den Hut in der Hand. Durch
18 Gewirr der Blätter und Bweige fiel der Sonnenfchein und
fpiefte auf feinem dunfeln Scheitel, die Waldvöglein fangen leiſe
zwitſchernd ihre Abendlieber und in dem Geficht des Mannes, der da
vor ihr ftand, war fo gar nicht? von dem ftillen Frieden ringsum
u finden — Die Leidenjchaft arbeitete in feinen Zügen und ließ
Ben marfigen Körper leicht erbeben — während ſich dem fchönen
Mädchen plöglich mit unwiberftehlicher Gewalt die Mebergeugung
ufbrängte, daß fie diejen Mann ohne Rang und Namen ganz ebenfo
leidenſchaftlich Liebe wie er fie.
a begegneten fich ihre Augenpaare .. .
Eine bei, glühende Sehnfuct Tag in den dunfeln Augen des
arınen Geiger? — eine flehende Bitte — eine angftvolle Frage...
Nun! fie konnte ihn nicht zurücweifen .. . fie konnte nicht.
Er follte grath fein — einen Yugenblid wenigftens, und fie
wollte diefen Augenblid voller Seligfeit mit ihm genießen — ganz
der Gegenwart eben — denn an die Zukunft durfte fie nicht denfen,
ohne: daß ihr die Sinne vergingen. Nur den Eingebungen ihres
Sefigte folgend, ſchloß fie ihre kleinen, rofigen Finger feit um feine
‚zitternde Hand.
„Mar!“ fagte fie leiſe, und ihre Stimme bebte wie ber ſtarke
Mann, der vor ihr ftand, „weßhalb ſprichſt Du das aus, als ob es
ein Verbrechen wäre? Giebft Du mir nicht das Höchfte, was Du
geben Tannjt, das edelſte Gefühl Deines Herzens, indem Du mir
414 Eine Weiberlaune.
Deine Liebe jchentft? Auch ich habe Dich Tieb — wer will ung
das wehren? Wir felbft find das nicht einmal imjtande! Ich —“
Aber noch ehe fie weiter ſprechen konnte, hatte er fie ungeſtüm
an fich geriffen und fie ruhte, feit von feinem ftarfen Arm ums
fchlungen, an feiner Bruft ... Mit einem Gefühle Halb ber Selig-
feit, halb der Todesangft, laufchte fie auf das wilde Klopfen feines
Serien, und als fich fein dunkler Kopf zu ihr herabbog und feine
ippen die ihren fuchten, da ſchloß fie die Augen. Sie fühlte feine
Umarmung wie einen förperlichen Schmerz und feine Lippen brann-
ten wie Feuer auf den ihren — fo ftanden fie lange forweigenh, be⸗
rauf von dem höchſten Glüde, das die Erde dem Menjchen
ietet. — —
ALS dann die Nacht hereingebrochen war und das junge Mäd—
hen allein am offenen Fenſter ihres Stübchens lehnte, fam ihr mit
niederfchmetternder Gewalt die nüchterne Erkenntniß deſſen, was fie
gethan .....
Am nächtlichen Himmel flimmerten friedlich die Sterne und
durch die Stille der Nacht zogen die Klänge einer Geige... Aus
den Augen des ſchönen Mädchens aber fiel Thräne aue Träne und
benegte ben Stein. der Fenfterbrüftung. Während da unten ber
Mann, ben fie liebte, in jubelnden Herzenstönen vom Glüde ber
Liebe ſchwärmte, brach ihr vor Weh fait das Herz, Was Hatte fie
gethan? ... Sie durfte ihm nie angehören ... ihm, bem Manne
ohne Namen und Rang... Nimmermehr! Ja, wenn er noch ein
berühmter Künstler gewefen wäre, ein Künftler von Gottes Gnaben,
den die Welt anftaunt und den man an die Throne der Fürften
ruft, um ihm-den Lorbeer um die Stirn zu flechten .... und felbt
dann noch würde die Geſellſchaft über eine ſolche Wahl gejpöttelt
haben, wenn fie von einer Gräfin Bergen ausgegangen wäre — und
ihr Vater — —. Was würde er fagen zu ‚Projefte feiner
Tochter, Frau „Stadtpfeiferin‘ von Seebad) zu werden? Cr, der
mit nichts zu rechnen pflegte al3 mit feinen dritten Ahnen? „Mar
Norden“ war fein Name, der dem ftolzen Ariftofraten imponiren
konnte. Und der Träger dieſes Namens — er war weder der Geiger-
könig Joachim, noch der in feiner Art einzige Wilhelmy — fein be
zühmter Künftler . . freilich ein Künftler wohl, das konnte fie ihm
nicht abftreiten, ohne ala Mufikverjtändige mit ihrer eigenen Ueber-
zeugung in Widerjpruch zu gerathen. Aber was galt das bort, wo⸗
ber fie fam? Tauſend thörichte. Vorurtheile, die troß der gerühm-
ten Aufflärung unferer Zeit ein üppiges Dafein friften, obgleich fie
vor dem Nichterftuhle der reinen Vernunft nicht beftehen könn
unzählige Regeln und Gefege von Erlaubtem und Schicklichem, v
dem blinden Menfchen felbft erfonnen und ausgeflügelt, um fich
quälen und das Leben zu vergiften, ftanden zwiſchen ihr und b
armen Teufel, den fie liebte... Nein, es ging nicht.
Und als fie zu dieſem troftlofen Schlufje gelangt war, war .
nächſter Gedanke die Flucht. Zort von Hier, ſobald als mögl:
Eine Weiberlaune. 415
Fliehen vor ihm und vor der Liebe, die nun einmal eine verbotene
für fie war! Fort! Und fie fegte fi) vor den Schreibtiich und
ſchrieb ihm alles das, was hu das Herz bewegt hatte in näcjtlicher,
einfamer Stunde. Sie fchloß damit, daß fie beide entjagen müßten,
daß er ihr verzeihen möge, eine kurze Spanne Zeit wenigſtens feien
ſie beide doch glüclich gewefen — treu bleiben wolle fr ihm ihr
Leben lang — nie einem anderen angehören.
Dann padte fie mit zitternder, nervöfer Hajt ihre Koffer und
allen Einwendungen ber vor Erftaunen ftarren Gefelljchafterin zum
Trog, ſah fe icon der frühe Morgen auf dem Bahnhofe, und bald
eilte fie auf Flügeln des Dampfes der Ferne entgegen, wo die Hei-
mat Igrer harte.
er arme Mufikant aber hatte, bevor er fich zur Ruhe Iegte,
die Heine, braune Geige, der er all fein Glück verbankte, zärtlich
an feine Lippen gedrüdt. Dann träumte er von einem Morgen
voller Liebesglüct und Sonnenfchein, während Blanda, mit ihrer Liebe
ringend, heiße Thränen meinte.
Als die Flüchtlinge die Heimat erreichten, war Graf Bergen
von feiner Reife noch micht heimgelehrt, aber die junge Gräfin fand
ſich doch deßhalb nicht vereinfamt. Sie machte Beſuche und die
Freunde ihres väterlichen Haufes beeilten fich, diefe Befuche zu er-
widern und die junge Dame in allerfei- raufchende Vergnügungen
und anregende Gejelligfeit hineinzuziehen, und alle diefe Einladungen
nahm Blanda, ganz entgegen ihrer fonftigen Gewohnheit, jegt regel-
mäßig an. Die alte Hausdame, die fie gewiffenhaft allüberall hin
begleitete, begriff ihre Gebieterin nicht mehr, deren Launen alles bis-
ber Dagewejene übertrafen. Einmal wagte fie auch einen Einwand,
als Blanda mit überwachtem, bleichem Geficht und tiefliegenden
Augen, aufs äußerte angegriffen noch vom vorhergehenden Tage, Die
Bufage zu einem weiteren Vergnügen nieberjchrieb.
„Wenn Sie fo fortmachen, werden Sie krank, gnädigſtes Fräu-
Tein! Wozu dieſes ewige Jagen und Hajten? Es macht mir den
Eindrud, als ob Sie auf der Flucht vor der Einfamfeit wären.“
Da hatte Blanda luftig aufgelacht. „Wie ſchön gejagt! Wie
gewählt Sie fprechen, befte rau von Montpre! Aber ed nügt Ihnen
nichts, daß Sie für Ihre Bequemlichkeit Stimmen! Für Ihre Nacht:
ruhe! Dan ift nur einmal jung!" Es Hang unnatürlich, als das
ſchöne Mädchen fo fagte, und noch weit unnatürlicher Hang bas
Lachen, mit dem fie ihre Nebe begleitete, aber man befuchte das
Rauberfeft des Grafen Lorm. .
Als Blanda von dort zurüdfehrte, fand fie auf ihrem Tiſche
in ſchmales, längliches Padet. Verwundert durchſchnitt fie Die
Schnüre, und mit zitiernden Fingern entfernte ſie die Hülle — kam
8 doch aus weiter Ferne, aus der kleinen, waldigen Idylle jenſeits
er Berge, wo fie ihren erſten Liebestraum geträumt —.
Aber todtenbleich wurde fie, als fie den fnifternden Briefbogen
ntfaltete, der ihr entgegenfiel. Der Brief war von Mar Norden.
416 Eime Weiberlaune.
—
„Blanda!“ ſchrieb er mit verzerrter Handichrift, „wenn Du dieſe
Beilen erhältft, weile ich nicht mehr unter den Lebenden! Ich kann
nicht entfagen! Und ich Tann aud meinen Beruf nicht mehr aus-
füllen! Der Gedanke an Dich und mein verlorene Glück verläßt
Hr nicht eine Sekunde! Er raubt mir alles are Denken und jede
Luft zu meiner gewohnten Thätigfeit. Was bin ich doch ein un-
glüdlicher Menſch geworden! Ein Stümper — denn ich kann meine
Gedanken nicht mehr auf meine Leiftungen fonzentriren. Was ich
fpielen fol, leſe ich ohme es zu verftehen, und was id) fpiele, höre
ich nicht. Um Deinetwillen wurde ich der Kunft untreu und der
Heinen, braunen Geige, die Du fo liebteſt — wie Du fagteft ....
Sonſt war fie aud; meine Liebe geweſen — jegt mag fie von dem
Treulofen nichts mehr wiljen. Ich nichts mehr vom Leben. Ich.
habe zuviel verloren. Blanda — alles! Jept bin ic jo grenzen:
103 müde — laß mich fchlafen gehen! Gute Nacht, Blanda!
D Mi ⸗ beiden Hände "nal den Shläfen
as junge Mädchen griff mit beiden Händen nad) den äfen,
umd richtete einen irren Sie auf die Geige Nordens, die mit zer⸗
fprungenen Saiten vor ihr lag .... Einen Moment fehien alles
Leben aus der wanfenden Geſialt gewichen, die fich zitternd an den
Tiſch lehnte, dann brach fie leife wimmernd zufammen. Tauſend
Gedanken kreuzten fich in ihrem Hirn .... 8 follte fie thum?
Hin zu ihm und das Entfegliche jehen? Sie ſchauerte ... Nein!
Nein! — Das ging nicht! Das konnte fie nicht ertragen. —
Schreiben an ihre alte Wirthin und fich nad) dem erkundigen, was
ß bereit wußte? — Welchen Zweck fonnte das haben? — Was
onſt? — Es gab ja nichts mehr, was ihm und ihr helfen konnte
— nit? ... Jegtzt ftand fie nur vor der Wahl, ob weiter leben
mit dem Bewußtfein deffen, was hinter ihr lag, ober vielleicht den
leichen Schritt der Verzweiflung zu thun, den er gethan hatte.
Saft beneidete fie ihn um bie Entfptoffenteit, mit welcher er der
nagenden Qual ein Ende gemacht hatte. Cie felbft war nicht im—
ftande, ihm das nachzuthun, das wußte fie. Jhr graute aber auch
vor dem Leben und fie gedachte des Dichterwortes, daß mancher
gern todt fein würde, wenn es nicht gälte, vorher zu jterben. Es
alt für. fie weiter zu leben. Mit hämmernden Schläfen und
[opfendem Herzen lag fie dann auf ihrem Lager mit weit offenen
Augen — erſt gegen Morgen verfiel fie in einen fieberhaften Schlaf
und fie träumte einen entfeglichen Traum:
Noch einmal ftand fie, wie geftern Abend, vor der traurigen
Sendung, aber fie verfiel nicht der gleichen Schwäche. Mit zittern
den Händen riß fie fich die gleißenden Feitgewänder vom Leibe, mi
athemlofer Haft warf fie fich in bie erfte, ihr in die Hände fallent
Straßentoilette und eilte mit zitternden Knieen die Treppe Hina
nad dem nächjften Droſchkenplatze. Dann fuhr fie die ganze Nach
mit dem Schnellzuge und langte im Morgengrauen in dem kleinen
Städtchen an, das fie vor wenigen Wochen jo eilig verlafjen hatt
Eine Weiberlaune. 417
Es ſchien ihr, eine Ewigkeit fei feit jener Zeit verfloffen. Und wäh-
rend fie über das noch feuchte, holprige Pflafter in Fliegender Haft
dahin eifte, wiederholte fie im Geifte immer nur das eine: „Lebt er
noch — oder komme ich zu ſpät?“ Wenn ich ihn nur noch finde
— lebend — dann will ich ſchon wieder gut machen, was “ ver⸗
brach! Dann ihm angehören, aller Welt zum Trotz und follte ich
darüber heimatlo8 werden und mit allem brechen müſſen, was mir
bisher das Liebſte war.
Aber fie fam zu fpät — der arme Teufel war fchon todt ...
Sie fah ihn dann nod in dem kleinen Todtenhäuschen am
Friedhofe. Sie Hatten ihn dort auf rohe Bretter gelegt, weil der
rg noch nicht fertig war... Konnte das wirkfich der von Kraft
-,und Leben ftrogende Mann fein, der hier jo fchlaff und bemegungs-
103 vor ihr lag? Der dunkle Kopf haltlos zurüdgefallen, die jchöne
Hand feitwärt® von dem Brette herabgeglitten? Das fchwarze,
länzende Haar klebte vom Blute geträntt an der Stimm, die Ge
Feptögüge waren bereit erftarrt, die dunkeln Augen mit dem ver
laften: Blicke ftanden halb offen, ein fchmerzlicher Zug lag um den
eſt zufammengepreßten Mund, ein Zug, den Blanda nie vorher in
dem Gefichte des Lebenden bemerkt hatte...
Mit einem halb erſtickten Acchzen brach fie an der Leiche zu-
ſammen und riß den Tobten zu fi empor. Sein Kopf ſank ſchwer
- auf ihre Schulter — fie verfuchte ‚den ſchmerzlichen Zug von feinem
Munde mwegzufüffen — der ihr das Herz zerjchnitt — aber es ge
lang ihr nicht · .. Halb irrfinnig vor Dual, hörte fie wie aus
weiter, weiter Ferne die Stimme der alten Bürgersfrau, deren Häus-
hen fie einft bewohnt. Mißbilligend Hang das harte Wort, das fie
vernahm: „Gott — die Vornehmen! Wie die fich jegt anftellt! Und
wer iſt denn an dem ganzen Elend ſchuld als fie? Erſt hat fie dem
armen Teufel den Kor verdreht — wenn er ein Neichögraf geweſen
wäre, fie hätte es nicht raffinirter anftellen können, und ald er dann
drinn ſaß in dem Nehze, das fie ihm doch erft gejtellt hatte, da war
er ihr dann doch nicht gut genug und fie konnte ihn nicht ſchnell
genug wieder [08 werben.“
Und als fie aus diefem Traume erwachte, war ihr eriter Ges
danfe wieder jenes Entjeglihe — fie dachte und dachte daran, bis
ſich ig die Sinne verwirrten.
nge, lange Wochen lag dann die junge Gräfin todtkrank dar-
nieber.
Und als fie genefen war, verfolgte fie die Erinnerung an jenes
erſchutternde Ereigniß durchs Leben, und foviel fie auch verfuchte, ſich
durch taufend Dinge zu betäuben, es gelang ihr nicht. Sie konnte
nicht vergeffen; nicht jenes fchauerliche Creigniß, nicht den Mann,
den fie geliebt hatte und deſſen Bild nie ein anderer aus ihrem
Herzen verbrängte. ı
Dann. — Jahre waren feitdem vergangen — hörte fie einmal
zufällig von ihm — auf dem Perron eines kleinen Bahnhofes —
a8 Eine Weiberlaune.
wo? wußte fie jegt nicht mehr. Zwei Frauen, i
eine Seebacherin erfannte, fprachen von ihm. ,
nicht? Aber das ift doc) eine alte Geſchichtel €
Kugel vor den Kopf gefchoffen — damals. Ich d
Mutter, der wir natürlich gleich telegraphirten, v
Iammer bei dem Anblide! Der einzige Sohn, m
und fie eine Wittwe, für die er immer rechtſchaf
Es war aber auch zu entfeglich! Ich vergeffe es
lang nic, wie er fo balag. 3 Herz that einen
„Aber — fo was!“ war die Antwort, „das hi
zugetraut! Da Hätte ich ihn für zu vernünftig geha
einem Mädchen, jagen Sie?"
„Ich danfe!“ lachte die erftere — „ein Mädche
leibhaftige Gräfin! Und anfangs war fie ganz ve;
feine Geige und ärger hinter ihm her als cin It
Hafen! Wir werden —
Hier_ wurden die beiden Frauen von Blandas
und der Schaffner, der ſchon länger neben einem ı
ftanden hatte, wurde ungeduldig. „Bitte, beeilen €
Dame!“
Wie elend fie wieder gewejen war auf jener |
war geftraft genug!
Sept, wo fie alle diefe Erinnerungen abermals
hatte, wo fie allein ſaß in der hereinbrechenden &
feinen, ftummen Geige gegenüber — der HZeugin ı
legte ſich ein bitterer Zug um ihren Mund. Seht
reich — Herrin ihres Handelns — jetzt würde
Sie wußte in diefem Augenblide, daß fie den Sd
der fie über alle Borurtheile hinweg an Mar Nord
mußte. — Jetzt war er todt....
Auf einem Abfage, dort wo die große Stein
dung machte, die zu dem Ronzertfaat führte, wı
Wundergeige erklingen ließ, jtand ein ftattlicher 2
Schleppjäbel dicht an fich gezogen, den Oberkörper v
er hinunter nad) der Halle, wo die Wagen vorfuh
Schleppen der vornehmen Damen raufchten, die ©!
klirrten.
„Und die Komteſſe Bergen?“ fragte er wenige
eine Gruppe plaubernder Herren und Damen, die la
heraufftiegen. Mit ungeftümer Haft fragte er es u
züge drüdten Enttäuſchung aus.
„Gott, was wollen Sie, Graf Dahlen? BWiffı
daß fie feine Geige hören fann? Iſt Ihnen 1
Bergen fremd? eute müſſen Sie fich ſchon eiı
faden Gejelljchaft begnügen! Ein ander Dal haben
Eine Weiberlaune. 419
„Den ganzen Abend wie eine Melancholie an Laura!" nedte
den fichtlich Verſtimmten fpäter eine reizende Blondine. Kennen
Sie nicht das ſchoͤne Wort:
Ueber Wetter · und. Herrenlaunen
Runzle nimmer bie Augenbraunen
Und bei ben Grillen ber hülbfchen rauen
Mußt Du immer vergnügfih ſchauen!
Lernen Sie es auswendig!”
Er verfuchte ein Lächeln, das ihm aber mißlang. „Ich muß da
ſehen, ehe ich glaube!“ murmelte der Offizier mit finjter grübelndem
Blicke, „ich glaube es nicht.“
In dem Konzert traf er eine Bekanntſchaft von früher, die ſich
u geſchäftlichen yon in der Nefidenz aufhielt. Diefe Belannt-
Isa fam ihm jehr erwünfcht und er erneuerte fie und lud fie zu
einem der nächiten Abende zu fid) ein. Dieje Bekanntſchaft war der
Kapellmeifter einer Eleinen Oper und an einem £leinen Hoftheater
angeftellt. Graf Dahlen hatte einft dort in Garnifon gelegen. Es
war verzweifelt langweilig gewefen in dem Eleinen Nejte, und der
Kapellmeifter hatte Sort mit zur Nobleffe gezählt. Durch irgend ein
Vorkommniß, das der Offizier längft wieder vergefjen hatte, war er
dem Danne nod) dazu verpflichtet geweſen, genug, fie wurden faft
Freunde — fo jo — was man Freundichaft nennt. Dieſen Kapell-
meifter fultivirte Dahlen in dem Wilhelmyſchen Konzerte und lud
ihn zu einer muſikaliſchen Soiree mit fammt feiner Geige zu ſich ein.
Und er kam.
Zu diefem Feſte war die halbe Arijtoftatie geladen und auch
die Gräfin Bergen. Die mufilalifchen Genüffe, welche dieſes Feſt
bot, waren verſchiedener Art, meift von Dilettanten ausgeführt —
ulegt kam der Geiger. Er geigte tadellos und dem verwöhnten
efidenzpublitum zu Danke. Äls er begann, ftand der Gaftgeber
inter einer Säule, in unmittelbarer Nähe der ſchönen Blanda von
jergen. und ar Augen Hingen mit ungläubigem Ausdrude an ihrer
graziöfen Geſtalt.
Aber jebatt der Geiger mit feinem Inftrumente auf der mit
ZTeppichen belegten Ejtrade erſchien, wurde das ſchöne Mädchen, das
der Beobachter leidenfchaftlich liebte, todtenblaß. Ihre Augen hingen
mit dem Ausdrude des Entſetzens an dem Manne dort drüben, ——
intereſſante Erſcheinung die Blide auch der Uebrigen ſchon deßhalb
feſſelte, weil zwiſchen dieſer Erſcheinung und der Leiftung, die er
bot, ein ſcharf ins Auge fpringender Kontraſt beftand. Unter der
Berührung feines Dogens itterten die Klänge feines Inftrumentes
wie ein Hauch durch den Saal — und er war cin großer, hünen-
after Mann, ſtark, kräftig — er ſah durchaus nicht aus als ob er
ünftande fein könne ein jo Eleines, feines Inftrument fo zart zu be
handeln. Als er aber die Geige hob und der Bogen über die Saiten
litt — die erſten Takte der Schumannfchen Träumerei durch die
autlofe Stile Elangen, da griff die Hand der Gräfin Bergen taftend
420 Eine Weiberlaune.
ins leere — fie ſchien eine Stüge zu ſuchen — ein Ausdrud gren-
zenlofer Angft brad) aus ihren Augen, und mit einem halb erftidten
Aufſchrei fent fie ohnmächtig zufammen.
Trogdem glaubte Graf Dahlen nicht an diefe Schwäche.
„Sie ijt aber wirklich ohnmächtig!” verficherte der Arzt, der ihr
in ein Nebenzimmer gefolgt war und fie dann nach Haufe begleitet
Hatte. Aber auch dieje Werficherung begegnete nur einem umgläubi-
en Lächeln der Gefellichaft. „Eine Weiberfaune! Dips als eine
Lapricet flüfterte man lächelnd. „Sie Tann feine Geige hören!
Wußten Sie das nicht? Graf Dahlen!“
„Es war mir in der That fremd! gi einen Mann etwas &
myſtiſt am e3 zu glauben!“ war die malitiöfe Antwort, „zu unbe=
reiflich!"
s Unbegreiflich! — Noch unbegreiflicher war es der Gejellichaft,
als wenige Wochen fpäter die Verlobungsanzeige der Gräfin Bergen
mit eben jenem objfuren Kapellmeifter veröffentlicht wurde.
„Heiliger Gott! Das ſieht ihr mim wieder ähnlih! Das ift
in der That verblüffend! Ste fann feine Violine hören! Beim
erften Geigenton, der ihr Ohr berührt, wird fie ohnmächtig! Wie
intereffant? Nicht? Welcher Roman läßt ſich zwiſchen ben
Zeilen leſen! Aber nicht genug damit! Sie taufcht, plöglich ins
entgegengefegte Extrem verfallend, ihren alten Namen an den unbe
Tannten, bürgerfichen Namen eines Geigenfpielers! Noch origineller!
Ganz um fpradhlos zu ſtehen! Ja, das will fie eben!Jetzt nur
nicht merken Lafjen, daß man aus den Wolfen gefallen ift! Diejen
Gefallen ihr nicht thun! Um feinen Preis! DO, Weiberlaunen!“
Am Sylvefterabend Hatte Graf Dahlen jene mufitalifche Soirée
jegeben, am Neujahrsmorgen ftand ein großer, blafjer Mann, deſſen
ſchwarzes Haar ſchon Hin und wieder Silberfäden Burchgogen, und
fen jeltfam glänzende Augen wie zwei Flammen aus bleichen
Geficht herausleuchteten, vor einem der hohen Fenſter des Hötels,
in dem er logirte. Geine zitternde Hand hielt einen Heinen Brief,
und er aeg, diefen Brie‘ u öffnen.
„An die kleine, braune Geige bes Herrn Kapellmeifters Norden“
Tautete die Adreſſe — und die Handfchrift ....
Endlich erbrad) er den Brief. Eine Meine, elegante Glüds
wunfchlarte, wie man fie in bürgerlichen reifen, wenn auch viel-
leicht weniger elegant, dem Liebiten beim Jahreswechſel zu fenden
pflegt, fiel heraus: Tauſend Glückwünſche aus treuem Herzen, der
Meinen, braunen Geige!“ las ber große, blafje Mann.
Wenige Stunden fpäter betrat er die Wohnung der Abfenderin.
„Herr Kapellmeifter Norden” meldete das Böfchen.
„Mag!“ rief eine jubelnde Stimme ...
Zögern Stand er einen Moment auf der Schwelle... ‚Ja —
haft Du mic, denn noch lieb?“ fragte er zweifelnd.
Dann aber lag er zu ihren Füßen, und fie drückte ihr Geficht
in fein lodiges Haar und füßte taufend Mal feine Augen.
Eine Weiberlanne. , ) 421
il welchem Umftande verbanfe ic) dieſes große, unverdiente
Bid” fragte. ſie enhlich, währenb fie ihm das Haar aus der Stirn
Mei und mit dem Ausbrude namenlojer Zärtlichkeit in. feine wun⸗
derbaren Augen blidte. „Jahrelang habe Dis als einen. Tobten
beweint und. jest bift Du plöglich uerftan
„Welchen Umjtande?“ wiederholte er bewegt, „einer unficheren,
zitternden Hand, bie den tollen Kopf ſchlecht mit "der Waffe traf,
und — einem alten Mütterchen, das einen zweiten Schuß verhin-
derte und am deſſen aufopfernder, hingebender Liebe das kranke Herz
des Sohnes langſam foweit genas, daß er ben Gedanken an ein
Weiterleben nicht mehr als unmöglich von fich warf.“
„Und mic ließeſt Du über das alles alle bie Jahre in Un⸗
wiffenheit?" Frage fie mit leifem Vorwurf.
Ich meinte, es fei beſſer für Dich, Du bliebeft in dem Glau-
ben, ich fei tobt. Mein Tod überhol "Sich aller Verpflichtungen
gegen mich. Du wurdeft dadurch frei und > ri mit Deinem
Serien nicht in Konflikt, wenn Du vielleicht glüdlich werden
wollteit mit einem — Anderen.“
„Und die Gemiffensgunfen,, die mir Dein Tod verurfachte?
Nechneteft Du fie für fo gering?“
„Sch meinte — an meinem Tode fei nicht viel ‚gelegen, ebenfo-
wenig an meinem Leben. Was fonnte das einer vornehmen Dame
viel madjen, ob man den „Stabtpfeifer von Seebad“ zu ben Zobten
ober Lebendigen zähle — imgrunbe zählte er ja nicht mit .
„Mar!“ bat fie angitvo
„Sei mir nicht böſe!“ bat nun auch er. „Jetzt ift das ja alles
vergeben und vergeffen. Das Unmögliche wird ja möglich werden.
Die Gräfin Bergen wird einen armen Mufifanten heiraten — einen
Heimen meister aus irgend einem obſkuren Neſte da Hinten in
irgend welchem troftlofen Weltwinkel. Sie will hinabfteigen aus ber
Höhe — warum nur?“
„Weil fie mei, daß fie bei diefem Hinabfteigen dag Glück am
Biele ihres ri es finden wird, das fie auf ber Höhe ihrer Verhält-
va Fi ng 1 None vermifte“ — unterbrach ihm lächelnd das
ch verfpricht fie ihrem großen, ſtattlichen Lieb-
en ei feiner damen Geige, daß fie nicht nur glüdlich werben,
fondern vor allem glücklich machen will.“
HB
VUERS2 RTWSWEVesansEHn
.
Earl Gutzkow und das Gutzkow-Denkmal. 423
Auf der Generalverfammlung bes „Allgemeinen deutfchen Schrift
Ttellerverbandes“, die im Herbfte 1879 in Dresden tagte, wurde auf
Antrag Dr. Rudolf Döhn’s, eines vortrefflichen Schriftftellers, ber
jahrelang in Amerika ben deutſchen Namen hochhielt und mit Ruhm
bededte, der Beichluß gefaßt, „in anbetracht der großen Bedeutung
Carl Gutzkows für die Literatur, insbefondere auch in Anerkennung
der Wirkſamkeit dejjelben für Die Snterefjen des Schriftftellerftandes,
eine Sammlung zum Zwede der Herftellung eines würdigen Denk—
mals für den torbenen anzuregen.“ Der Stadt Dresden ge-
bührt das Verdienft, daß hier auf die hochherzige Anregung auch ſo⸗
fort die That folgte. Am Abend des 13. Dezember 1880 fand die
vom Gutzkowdenkmal⸗Komité veranftaltete Suglonfeier im Saale des
Gewerbehaufes ftatt. Es wirkten hier bedeutende Künftler, wie
Therefe Malten, Frau Niemann-Seebach, Joſeph Joachim, Franz
Wüllner u. a. mit, — ber Reinertrag, 1200 Mark, wurde dem Vor—
Stande des Schriftftellerverbandes überwiefen. So waren benn bie
erſten Gelder für das Denkmal aufgebracht, — aber das Gefamint-
ergebniß der Sammlungen, welche in Berlin, Leipzig und anderen
Städten veranftaltet wurden, war innerhalb der nächſten Jahre ein
ſehr geringfügiges, und noch heute wäre Gutzkow fein Denfmal er-
ſtanden, wenn der err Oberbürgermeifter von Dresden, Dr. Stübel,
— ein um das Aufblühen der Shadı, um Kunft und Wifjenfchaft
—S Mann — und andere Vertreter der Reſidenz die
Koſten der Aufſtellung der von dem Bildhauer Herrn Emmerich
Andrejen — dem Schöpfer des Tübinger Hölderlin-Denkmals — in
Bronce ausgeführten Gutzkow-Büſte nicht übernommen hätten.
So wurde denn, wie gejagt, am 11. Juni 1887 auf dem Georgs⸗
plage das Gutzkow⸗Denkmal, welches neben dem Standbilde Theodor
Körners, des Sängers und Heldenjünglings, und dem des Lieder-
Meifters Julius Otto aufgeftellt ift, unter entjprechenden Feierlich⸗
teiten, im Beifein des Vorjtandes des , Allgemeinen beutfchen Schrift-
ftellerverbandes“, der ftädtifchen Behörden Dresdens u. |. w., enthüllt.
Auch die Frau und die ältefte Tochter des Dichters — Frau Yuftize
rath Ofius aus Hanau — und fein Schwiegerfohn aus Frankfurt a. M.
wohnten der erhebenden eier bei. Profefjor Dr. Adolf Stern, der
befannte Dichter und Literarhiftorifer, hielt eine inhaltlich wie formell
meifterhafte Anſprache, worin er mit großen Zügen das Wollen
und Denken, das Leben und Streben Gutzkows zeichnete. Im Namen
des Schriftftellerverbanbes übergab hierauf der Redner das Denkmal
dem Vertreter der Stadt, Herrn Oberbürgermeifter Dr. Stübel. Tief
empfundene, warme, für alles Hohe und Ideale begeijterte Worte
prach Diefer_bei der Webernahme des Denkmals und er gelobte im
men der Stadt, dafjelbe nicht bloß zu ſchützen, fondern auch ben
Geiſt zu hüten, welchen der Mann, defien Auge auf die Anmefenden
herabblickte, fein ganzes Leben hindurch bethätigt habe. Hierauf Iegte
Dr. Rudolf Döhn mit bewegten Worten im Namen des Schriftiteller-
verbandes einen Lorbeerkranz auf den Fußfodel des Denkmals nieder.
424 Carl Gutzkow und das Guhkom-Benkmal.
Daffelbe ift eine meitterhafte Schöpfung des noch jungen Bild-
hauers Ma Andrefen, Geftaltungs-Vorfteher an ber Königl.
Rorzellan-Manufaktur in Meißen, welches Dresden zur Zierde reicht.
Der Künftler, welcher fich durch dieſes Standbild mit einem tage
einen berühmten Namen gemacht hat, ift am 20. Februar 1843 ai
Sohn des 1849 gu Ueterfen in Holftein verjtorbenen Rektors
Andreas Andrefen dajelbft geboren. in Bruder ift der _befannte
Germanift, Profeſſor Dr. Guſtav Andrefen in Bonn a. Rh. Bis
zu feiner Konfirmation bejuchte er die Kettoraticule feines Heimat-
ortes, war von 185963 Lehrling in dem Studaturgeihäft von
Vivis in Hamburg und ftudirte von 1868—68 im Atelier des be-
rühmten Bildhauers Profefjor Dr. Hänel in Dresden. Nach feiner
Etablirung in diefer Stadt fehuf er zuvörberft die. Statue aber
waldjens für die Hamburger Kunfthalle, dann die lebensgroße Mar-
morftatue Gefeſſelte Pſiche“, welche von Seiner Majeftät dem
Deutfchen Kaifer Wilhelm L angefauft wurde und fid) im königlichen
Schloſſe zu Berlin befindet. Später führte er die Statue noch ein-
mal in Marmor aus und zwar für das Thaulow-Mufeum in Kiel,
— äußere figürliche Dekorationen auch von ihm hertühren. Hier⸗
auf ſchuf er den feirzfigen Schmud der faiferlihen Yacht „Hohen-
zollern“, fowie einen in Eichenholz ausgeführten Cyclus germantfcher
Götter für einen hamburger Runttfreusd. Seine ferneren Wrbeiten
find: die Modelle für die Ausfhmüdung bes Kaifer-Wilhelm-Gym-
nafiums und Die des neuen Seminars in Hannover. Ich habe fchon
erwähnt, daß Andreſen auch das Hölderlin-Denkmal geigaffen, wel-
ches 1880 im botanifchen Garten in Tübingen unter Betheiligung
der Univerfität und der afademifchen Jugend, die den Meifter am
30. Juni durch einen Sadelsug augzeichnete, enthüllt wurde. Be-
tannt ift Die 1880 entitandene Statuette „Onkel Bräfig“, welche
große Verbreitung in zahlreichen Eremplaren gefunden. Später ſe
der Meifter für die königliche Porzellan- Manufaktur in Met
eine Reihe von Modellen und ift feit einem Jahre ala Geftaltungs-
vorfteher an diefem weltberühmten Kunftinftitut angeftelt. om
Januar 1884 bis April 1887 war er Stadtverordneter in Dresden
und hat als Title bes Verwaltungsausſchuſſes ſich die nicht gemug
anzuerfennenbe Mühe, die künftleriihen Verhältniſſe von Elbathen
u fördern, gegeben. Gegenwärtig iſt Andrefen mit einer Büſte
Bartciers, des Erfinder des Meißner Porzellans, und einer Pegafus-
gruppe zu Ehren des Königs Johann beihäft, t.
Was nun das reiffte und gebiegenfte Bart Andreſens, das
Denkmal Gutzkows, betrifft, allen Büſie wir heute unferen Lefern im
wohlgelungenem Holzſchnitt vorführen, fo zeichnet fich daſſelbe vor allem
durch eine überaus natürliche Sharakterftit aus. Wer diefe Büfte
fieht, erfennt fofort den eigenartigen Dichter und Charakterkopf, der
bereit3 am 13. November 1840 von fich jelbit gejagt hat -— wie er
von nt aus an Levin Schücking ſchreibt — „es liegt in mei«
nen Zügen etwas finfteres, dag mein Gemüt nicht fennt..... Das
Karl Gubkows Porträtbüfe vom Guhkow-Deukmal in Dresden.
Earl Gutzkow und das Gußkow-Benkmal. 425
Leben hat mir zu tiefe Wunden gejchlagen, als daß ich heiter hinein⸗
bliden könnte. Was bin ich, das ich nicht durch mich jelbit gewor-
den wäre? Was hab’ ich, das ich nicht erobern mußte?“ Andrejen
fertigte die Büfte in 1’/, Lebensgröße des Dichterd und zwar auf
Grund einer von dem intimften Freunde Gugfows in Dresden, dem
Advofaten Fafold, geliehenen Photographie an. Anfangs hatte er
nur die Abjicht, die Büfte deforativ zu behandeln, aber bei ber
Arbeit intereffirte ihn der Kopf immer mehr. Wie in ben Werfen
des Dichters und in deſſen Leben, findet fa aud in feinem Kopfe
der Dualismus: Stirn, Auge und Nafe find wie vom Abler, der zur
Sonne fliegt, Mund und Unterfiefer aber von ber Bulldogge, die
fich Hier unten herumbeißt. Die Büfte Gutzkows erhebt ſich auf einem
von den Dresdener Architekten Giefe und Weidner entworfenen und
von Friedrich Rietſcher in Häslich bei Biſchheim in der Laufig vor-
üglih ausgeführten Oranit-Boftament. Auf zwei aus bfauent, ge-
Koitten laufiger Granit hergejtellten Stufen fteht ein einfaches Poſia⸗
ment mit kräftiger Profilirung von polirtem tothem meißener Granit.
Eine Bronzetafel mit dem Namen Gutzkow an ber Worderfeite des
Boftamentes ift die einzige Infchrift. Die Architekten Giefe und
Weidner haben es vortrefflich verftanden, das Ka und. Edige
im Charakter und Wefen des Dichters durch das Poftament und den
mit Edblättchen verzierten Büſtenfuß hindurchklingen zu laffen. Das
Boftament hat influfive der Stufen eine Höhe von 2,, Meter, das
ganze Denkmal eine folhe von 3,5, Meter.
Hat Carl Gugfow, der vor einem Jahrzehnt, am 16. Dezember
1878, heimgegangene Dichter von „Zopf und Schwert“, „Urbild des
Zartäffe, Ariel Acofta*, „Ritter vom Geifte” und des „Zauberer
von Rom“ in der That verdient, daß fein Andenken in Erz und
Marmor verewigt werde? — Gewiß! Es ijt nichts als eine alte
Schuld abgetragen worden, als ber Führer bes „jungen Deutichland“,
der Schöpfer des neuen Dramas, der Vorkämpfer de3 modernen
Geiſteslebens und der Schriftftellerwelt par excellence, fein Stand-
bild erhielt.
Bar Gutzkow auch ein ausgezeichneter Publiziſt, ein ſchneidiger
Kritiker, ein namhafter Aefthetifer, jo befteht doch die unleugbare und
bleibende Bedeutung deffelben in der deutſchen Literatur, befonders in
kim theatralifchen Werten, feinen Erzählungen. Er hatte einen fehr
feinen Inftinkt für Tagesfragen und für die Stimmungen und Strö-
mungen der öffentlichen Meinung, und in feinen Bühnenftüden fpie-
ylt ſich dieſes tendenziöſe Ausbeuten der „Aktualität“ vielfach wieder.
ie hervorragendften unter feinen Bühnenſtücken find: Richard
Savage“, Trauerfpiel (1839), „Zopf und Schwert“, hiftorifches Luft
ſpiel (1844), „Das Urbild des Tartüffe“, Luftjpiel (1847), „Uriel
Acofta, Tragödie (1847), „Der Königslieutenant”, Luftipiel (1849).
Es pulfirt in allen dieſen Schöpfungen große, dramatijche Geftal-
tungefraft wahre Poeſie und eble Geſinnung. Die hiftorifchen Luft
fpiele müffen geradezu als mujtergiltig bezeichnet werden. Die Thea—
Der Ealon 1889. Heft IV. Band L 9
426 Carl Gutzkow und das Gußkow-Benkmal.
terftüde waren es, die den Namen Gutzkows zu einem ungemein
gefeierten gemacht haben. Sie wurden in faft alle lebenden Sprachen
überjept und behaupten ſich feit einem Menfchenalter auf dem Reper-
toir aller guten Bühnen mit ungeſchwächter Kraft. Zu feinen ſchwäch-
ften Stüden gehört „Der Königslieutenant“, welches denuod) ſehr po-
pulär ift, weil fahrende und effekthaſchende Virtuofen & la Friedrich
Haafe in ber Titelrolle fpielen und es zu einem Paradepferde gemacht
haben. Es würde ungerecht fein, wollten wir es hier — bei aller
Verehrung für Gutzkow — verjchweigen, daß er in feinen Dramen
leider! gar zu oft die Kunft dem Effekt geopfert und von hochtönen-
den Phrafen in umerlaubter Weiſe Gebrauch gemacht hat. Der
Menge freilic) imponirten am meiften die hohlen Redensarten, ſobald
Bein ga ‚Darmays und Haafes ihre Rollen recht fräftig herunterge-
rüllt haben.
Noch unmittelbarer an die Zeit ſchloß fich der Dichter in feinen
tulturhiftorijchen Romanen an, von denen die bedeutendften find:
„Die Ritter vom Geift“ (Leipzig 185052, 9 Bände) und „Der
Bauberer von Rom“ (Leipzig 1858—61, 9 Bände). Dieſe Erzäh-
ungen zeichnen ſich durch große Gedanfenfülle, charafteriftifchen
Sitwationgreihthum und viele treffenden Bemerkungen über einzelne
Schwächen de3 Zeitalter aus. In den „Nittern vom Geiſte“
jeht dad Streben de3 Dichters darauf aus, die Demofratie humani—
tiich zu geftalten und fie als ein geiftig und fittlich gemildertes
Bildungselement durch alle Klaſſen der Gejellichaft zur wahren Wie-
dergeburt berjelben vorzubereiten. In dem genannten Roman wird
mit meifterhaften Zügen die Reaktionsperiode, welche der Revolution
von 1848 folgte, gejchilbert, während im „Zauberer von Nom” die ge—
jammte deutfch-ultramontane Welt vor uns vorbeibefilirt. Von feinen
übrigen Romanen find die bemerfenswertheften: „Zrig Ellrodt“ (Jena
1872, 3 Bände), „Die Söhne Peſtalozzis“ (Berlin 1870, 3 Bände)
und „Die neuen Sarapionsbrüder“ (Breslau 1877, 3 Bände).
Gutzkow ift einer der umfaſſendſten und vieffeitigften Geiſter in
unferer Xiteratur. Er hat faft feine Tonart in derjelben anzufchla-
gen unterlaffen — überall erzielte er Erfolge, denn fein frucgtbarer
und beweglicher Genius wußte jedem Stoffe eine neue und fefjelnde
Seite abzugewinnen. Er wäre fiherlich einer unferer größten Dichter
geworben, wenn bie ätzende Skepſis eines großen, aber jelbftquäferi-
chen Verſtandes nicht oft den Blütenftaub der Poefie verweht hätte.
Dieje Skepfis führte ihn einmal zu einem Selbſimordverſuch, fie zer-
rüttete ſchließlich feine Nerven und erzeugte in feinen legten Schrif-
ten eine außerordentliche Bitterfeit, welche auf das Kunſtwerk oft
zerftörend wirkte. . un
Freilich gehörte er zu jenen Unglücklichen, die Jahrzehnte Ianı
mit der Noth des Lebens, mit der Engherzigkeit der Theaterdirel:
toren, der Bosheit der Kritifer und dem Stumpffinn der Mafje
jchwer ringen mußten, — wer wollte daher ben erſten Stein auf ihn
werfen? Wer fände feinen Menſchenhaß nicht erflärlich?
Earl. Gutzkow und das Guhkem-Benkmal. 427
Mit trefflichen Worten fagte Adolf Stern in feiner Weihrede
am 11. Juni 1887 von Carl Suyton, auf die Bedeutung dieſes
Meifters hinweifend: „Die Wahrheit des Herberfchen Wortes: „Die
denen en des Gejchmads find nie ganz eines Menjchen
ille, fie find im der Gefchichte des menjchlichen Geſchlechts wie die
onen Punkte der Saite, es müffen Diffonanzen dazwiſchen Liegen“,
habe Gutzkow in feiner erften Entwidelungsperiode an ſich erfahren.
Nicht das dürfe uns befremden, dab unter den Beiteindräden Cup
kows frühere Werfe allzuftarfe Spuren der politischen Beſtrebungen
trugen, daß vom Tag zu viel, vom Ganzen des Lebens zu wenig im
fie hineinfloß, fondern das müfje mit Erftaunen und Bewunderung
erfüllen, wie raſch ſich Gutzkow über die politifirende Publizijtit er-
hoben, mit wie emergijcher Selbjtkritif er feine geiftigen Beftrebungen
mit den künſtleriſchen Forderungen des Bühnenftüds, der Erzählung,
in Einklang gebracht habe. Wohl fei auch in den Werfen ein ſiarkes
Element der Tendenz zurüdgeblieben, welche dies Jahrhundert über
dauern und bleibende Denkmäler feines geiftigen Ringens für die
Nachwelt fein würden. Die beiten dramatiichen und erzählenden
Werke Gutzkows ftünden auf jener Höhe, auf der wohl noch über
Bedeutung des Einzelnen, aber nicht mehr über Bedeutung und
dauernden Werth des Ganzen geftritten werbe. Gleich anderen großen
Schriftftellern vor ihm wird Gutzkow jene volle Gerechtigkeit zutheil
werden, welche mit der klareren Erfenntniß der Gebantengänge, der
urjprünglichen Abfichten des Zuſammenwirkens von innerem Antrieb
und äußerem Eindrud für alle fommt, welche ein großes und ganzes
jewollt — ein großes und ganzes geweſen find. Schon Gui
ows geiſtiges Ringen allein, die Ibealität feiner Ziele flößt Theil»
nahme und Ehrfurcht ein. Auch dürfe nie vergefjen werden, unter
wie jchweren Bemmniffen Gutzkows Schaffen zum Theil ftattgefun-
den habe, wie ausſchließlich der große Schriftfteller auf die eigene
Kraft und den unabläffigen Einjag derfelben angewiefen geblieben
jei. Unter dem Drude äußerer Umftände habe er jederzeit noch die
reiheit des Geijtes, Die Größe feiner Entwürfe bewährt, die Freiheit
der Stimmung und der fünftlerijchen Vollendung oft nur theilweife
erreichen können.“
Geboren wurde Carl Gutzkow am 17. März 1811 in Berlin
als Sohn eines prinzlichen Leibkutſchers. Dort erhielt er feine erfte
Ausbildung. Er ftudirte zuerft Theologie, kam aber nicht dazu, ſich
diefem Berufe praktifh zu widmen. Sehr jung betrat er bereits
die Schriftftellerlaufbahn, nachdem er in Heidelberg Philofophie und
Philologie ftudirt hatte. Er lebte an verjchiebenen Orten, in Frank
furt a. , Mannheim, Hamburg, ging dann nad) Italien und auf
einige Zeit nad) Paris. Er lebte dann längere Zeit in Dresden,
wo er an Tieds Stelle Dramaturg am Hofkhenfer wurbe. 1861
übernahm er das Generalſekretariat der „Schillerftiftung“ in Weimar.
Zerwürfniffe aller Art, Aufregungen und Arbeit machten ihn fo ner-
vös, daß er 1865, wie bercits erwähnt, fogar einen Selbſtmord—
29*
= ri
428 Carl Gutzkow und das Gutzkor
ver machte. Geneſen, ging er zuerjt nad}
nad) Berlin. Bulegt lebte er Wieber in Zu
dort am 16. Dezember 1878.
Ein auferorbentlicher Dichter und Schriftjteller, ein edler Wäre
tyrer, ein anregender und ſtets geiftreicher Mann war Carl Gutzkow
und nur mit lebhafter Befriedigung fann man es begrüßen, daß die
Nachwelt die vielen Diffonanzen in dem Leben des Poeten in dem
Fr Schlußakkord eines ſchönen Denkmals verjühnend aus—
lingen ließ!
3u dienen der Kunſt!
ie [prachen viel
yon dem leuchtenden Ziel
Der Wahrheit;
Bon himmlifcher Schönheit
geben Duft,
ion der fanften Klarheit
Des Götterlichts
Und den Schmerzen der Erde...
Und er fagte fein Wort:
Ging einfam fort
Einaus in bie Nacht,
in den Nebeldunft —
Zu dienen der Kunſt.
Wilhelm Arent.
Admont.
Ein Bild aus der grünen Steiermark.
Bon A. 6. %. Rötfinger.
den Anblick Admonts von der fchönften Geite ge—
nießen will, der wandere von Hieflau her Ennsaufs
wärts ‚durch das „Gefäufe“, durch jene Wildniß, die
mit ihren Felskoloſſen und dem alles übertofenden
Braufen der Enns de3 einfamen Wanderes Herz cr
beben macht. Schaut man da unter dem Donnern des urgewaltigen
luſſes an den ſenkrechten Felfenwänden empor, wie broben über den
tenfpigen bie weißen Wölffein das tiefblaue Firmament durch-
jegeln, oder wendet man den Blick auf die Schuttrinnen, Die ein
heftiger Wolkenbruch in einer Stunde geriffen, und die, hundert und
mehr ritte breit, den grünen Tannenwald Hinmweggefegt haben
und ihn durch eine Wüfte voll Geröl und Felsblöcke erjegen, und
betrachtet man dann die Strafe und den Schienenweg, die beide mit
Mühe ftelenweife dem Felſen oder dem Waffer abgerungen wurden,
und die zu zerftören nur ein ftärferes en der Enns oder
ein herabpolterndes Felsftüclein genügt, jo muß einem wohl in ben
Sinn fommen, daß es ſich doc) verlohne, dann und wann ein bittend’
Wörtlein zu unferem gott zu reden. Und tritt man nun plößs
lich aus engen Gefäuje hinaus in das breite, fruchtjtrogende
Admonter Thal, 5 wird man, hat die Schredenswildnig einen das
ae —5— auf gottgeſegnetem Grunde wohl auch des Dankens
t vergeſſen
Und fürwahr, der Wechſel zwiſchen fürchterlichſter Wildniß und
n freundlichen Thale ift ein Fneller. Die Enns, die wir eben
t in gewaltigem Zorne gifchtend aufbraufen jahen, fließt hier ruhig
: großen Windungen, ohne Ahnung ihrer Stärke, zwiſchen gepfleg-
ı Aderboden und grünem Wiejenlande dahin, bie Ufer mit niden-
2 Weidengebüfch oder auch mit ſchilfbewachſenen Sumpfftellen um—
‘mt. Die Feljenwände, die vor kurzem nod) fnapp an der Strafe,
40 Admont. u
gerurzelt, trennt nun ein breiter Thalboden, und wo früher büfter-
rüne Tannen ihre Weite ausgeftredt, winfen uns nun die Helfen
hürme des St. Blafienmünfters von Admont, dem Ziele unferer
Wanderung.
Die Lage des Marktes Abmont, der am rechten Ufer der Enns,
eigentlich nur aus einer langen Strafe beftehend, das Thal der
Breite nad) durchzieht, ift eine Herrliche. Im Norden fchliegen Die
Haller Mauern, die mit ihren Zelfenthürmen und Wänden über
vorgelagerte Waldberge herüberbliden, das Thal ab, — ftolze Häupter:
der grobe Pyrgas und der Scheiblingftein, der Hochthurm und ber
renthurm und wie fie alle heißen mögen, — während die füdliche
halwand meift von bewaldeten Höhenzügen gebildet wird. Doc,
nicht immer find biefe Höhenfetten, beſonders aber die eritere, für
neugierige Bergguder zu Haufe; gar mancher ift —D — nach
Admont gezogen und hat ſie noch immer in ihrer Nebelkappe ver⸗
ftedft gefunden. Am Fuße der Haller Mauern, eine gute halbe Weg» |
ſtunde nördlich von Admont, Liegt das Dertlein Hall, bei welchem,
wie fein Name uns ſchon va einft Salzbergbau betrichen wurbe.
Hall ift uralt; es beſtand ſchon lange, bevor noch das Kloſter ge—
ründet wurbe und „Die Se in der Bell“ von Diefem den Namen
dmont erhielten. Dort ſoll auch das Schloß Purgftall geitanden
haben, in weldem die Stifterin Admonts, Gräfin Hemma, wohnte.
Als fie aber einft vor ihrem böfen Vogte die Flucht ergriff, ſoll dag
ganze Schloß, jowie ihr Fuß es verlieh, in unergruͤndlichem Sumpfe
verſunken fein.
Auf einem ber grünen Waldberge, welche fich ſüdlich von Ad-
mont hinziehen, Tiegt malerifch ein Schlößlein mit Thurm und Erfer
aus dem 17. Jahrhundert, das den Namen Nöthelftein trägt und
dem Kloſter gehört. In feinen Gemäcern jteht noch manches alte
Hausgeräth, Feb geichnigte Käften, Defen von funjtvoller Schmiebe-
arbeit und anderes. Auch eine alte Gemälbegalerie ift darin unter⸗
gebracht. Die Bilder find meift von geringem Werthe, eines ift
jedoch darunter, das feine Wirkung nie verfehlt. In einer bunfeln
Ede eines wohnlichen Saale hängt ein Damenporträt. Weiß und
Iodenb leuchtet dir ein voller Bufen aus Sammet und Spigen ent-
jegen, und trittft bu näher in der Erwartung, unter dem tiefen
tten eines breitfrempigen Hutes und wallender Straußenfedern
ein reizendes Gefichtchen zu erbliden, jo grinft dich höhniſch ein
tahler Zodtenjhädel an ..... Die Mauern, einſt der Schu bes
Schlößchens vor lüfternen Feinden, haben jegt nur mehr die Hirjd
und Rebe von dem Kohl und den Bohnen des alten Müttercher
abzuwehren, das im Schloffe wohnt, und bie alten gelbfälange
die von ihnen herab ind Thal gebräut, liegen jetzt —
ei
fers
ij
unter den Arkaben des Schloßhofes auf ihren morſchen
trauernd, daß ſie nicht anders mehr den Ruhm ihres Schöpfers ver
künden können als durch die Inſchrift, die fie auf ihrem Rüde
tragen: „Mebardus Reig in Graz hat mich gegoflen.- 1653,“
Admont. . 431
Ennsaufwärtd liegt mitten im Thale ein Berg für fi allein,
der Kulmberg, der auf feinem Rüden die ftolze Wallfahrtskirche
Senuenberg mit ihren weitläufigen Nebengebäuden trägt. In der
ähe befinden fich jegt noch die Ueberrefte einer alten Thalſperre,
die einft Abt Heinrich IL. von Admont zum Schuge des Kloſters er-
richten ließ; doch fehren wir jeßt zu biejem ſelbſt zurüd.
& war im Jahre 1072 des Heils, als der hochwürbige Erz-
bifchof von Salzburg, Here Gebhard, Graf von Helfenftein, mit et-
licher Begleitung Ennsabwärts in jene Gegend gezogen fam, wo jetzt
das Stift Abmont fteht. Die Heilige Hemma, Gräfin von Frielah
und Zeltſchach, eine Blutsverwandte Kaifer Seinridis bes Heiligen,
hatte, nachdem ihr ber Tod all ihre lieben Söhne genommen, dem
damaligen Salzburger Erzbifchof Balduin ihr ganzes Beſitzthum ver-
macht unter der Bedingung, daß er im Ennsthale ein Benedictiner-
Hlofter gründe. Doch erit 30 Jahrg, nachdem die fromme Wittib zu
Hall geitorben war, dachte der Nachfolger Balduins, Gebhard, daran,
das Verjprechen feines Vorfahren zu erfüllen. Als er nun 1072
das Thal nad), einer paffenden Stelle für das neue Klofter durch-
forjchte, glaubte er dieje dort gefunden zu haben, wo am rechten
Ufer der Enns am Rande eines Wildbaches ein Gehöfte ftand mit
dem Namen „Adamunta*, jo da heißet: Wajfermündung.. Nach diefem
GeHöfte nannte man auch das Klöfterlein Adamunt, und nicht etwa
Darum, weil e3 ad montes ftand. Das Jahr darauf ſah man bereits
fleißige Hände Balken behauen und Steine herbeiſchaffen, und 1074
konnie das fertige Klofter eingeweiht werben. Aus ber Zeit ber
Einweihung geht noch eine Sage unter dem Volke: Unter den
Bergen, die dad Thal von Süben her einjchließen, ift einer, deſſen
Gipfel vier teile, jeltfam geformte Felfenfäulen bildet. Dort ftand,
als die Klojterbrüder im Thale drunten in Heim erbauten, ein
Seibentempet, bei dem ein alter Heidenpriefter zu feiner Wartung
wohnte. Diefer aber Hatte einen Hahn, welcher zu bejtimmter Stunde
fein Krähen erjchallen ließ umd jo das Volt zum Gottesdienfte rief.
Dod immer mehr vertaufchten den alten Gott mit dem neuen der
Kloſterbrüder, bis es endlich nur mehr vier waren, die beim Glau—
ben ihrer Väter ausharrten. Da that aber der Priefter einen grim-
men Schwur: „So wenig ald wir vier je zu Stein werden, fo wenig
fol je den Mönchen dort im ne ihr Glöcklein erklingen!“ Und
wie er die verwegenen Worte geiprochen, da ſchwamm das erfte Ave—
Dearia-Geläute vom Klofter ins jtille Abendroth hinaus, und die vier
ibenmänner wurden x ftarrem Stein. — Nicht lange follte die
junge Siedelung fih Ruh’ und Friedens erfreuen. Berthold von
Moosburg, ein unter ‚Herr, hub an, mit Erzbifchof Gebhard um bie
Infula zu ftreiten, und bei dieſem Streite mußten auch die treuen
Klofterbrüder von Herrn Bertholds Knechten manche harte Unbill
erfahren; auch hatten fie nebenbei von Adalbero des Rauhen Be-
fuchen zu leiden, der nicht verfäumte, von Zeit zu Zeit zum Klojter
einen ine zu thun. Doc waren dieje Schäden bald wieder ſo weit
432 Admont.
ausgeheilt, daß Abt Wolfhold 1120 daran denken konnte, auch Weib-
fein nad) St. Benedicti Regel ins Thal zu ziehen*), von denen
einige fo zierliche Lettern auf Pergament zu malen verftunden, wie
Negilind und Irmingard, daß man fie bald nur mehr die gelehrten
Frauen von Adamunt hieß. Doch blieben auch die Mönche nicht
unthätig. Während die einen draußen Wälder rodeten und Felder
anlegten, fehrieben die anderen in ihren gel gelahrte Bücher, wie
ſolches Gottfried, fein Bruder Irimbert, Iſenrik, Engelbert und viele
andere gethan. Der erjte Admonter Benedictiner, der Einfluß auf
die Geſchichte des Reiches nahm, war Abt Heinvich II, welcher Rath-
geber des Kaifers Rudolf von Habsburg und fpäter auch Kaiſer
Albrecht? wurde. Sein Ende war bafjelbe wie das jeines letzten
Herrn. Als er im genge des Jahres 1297 über den Lichtmeß)
ins Paltenthal ritt, fiel er der Nachgier eines feiner Verwandten
gm Opfer. — 25 Jahre jpäter erhielt St. Blaſius, der Schugpatron
e3 Kloſters, hohen Beſuch. Friedrich der Schöne, der eben auf dem
Zuge wider Ludwig den Bayern begriffen war, hatte zu Admont
Derberge genommen. Damals foll ihn Abt Engelbert inftändigft ge-
eten haben, das Kampfgewühle ja zu meiden, da Bruder Bartho-
lomäus für den ſchönen Kaijer Unglüd aus den Sternen gelejen
habe... Als Antonius, ein heiterer Italiener, die Abteswürde er-
Tangte, brachen für die Mönche abermals böje Tage herein. Abt
Antonio ließ nämlich die ihm anvertrauten Schäflein regelrecht aus-
Kan und ſchickte die Beuteſchätze nad) Italien, um diejen nach
ich bald felbft auf den Weg zu maden. Er gelangte jedoch nur
bis nad) Kärnthen, allwo man ihn feitnahm; Die erzürnten Stlofter-
leute aber jeßten ihr Oberhaupt hinter Schloß und Riegel auf den
Gallenjtein bei St. Gallen, wojelbft er 1492 ſtarb. Dann brachen
die Zeiten ber Reformation herein mit all den Schredniffen, Die
dieſe in Sefotgfäctt hatte, als Bauernaufftänden und anderem mehr.
Abt Valentin Abel zeigte fich einem Uebertritte zur neuen Lehre gar
nicht abgeneigt, führte ihn jedoch nicht aus. Um fo entjchiedener
Bing fein Nachfolger Johann IV. an der Tiara; es gelang ihm auch,
was im Ennsthale und in den benachbarten Gebieten Iutherijch ges
worden war, in den Schoß ber alten Kirche zurückzuführen. Seit
diefen Tagen floß das Leben unferer Klofterbrüder ruhig und heiter
fort bis in die neuefte Beit, als nämlich) 1865 das Kloſter in Ger
fahr kam, ganz niederzubrennen.
Die Spuren dieſes Brandes machen ſich bei einem Beſuche des
Klofters allenthalben bemerkbar. Nicht nur der rohe Biegeljtein.
der und an den Stellen entgegentritt, an welchen die abgebrannten
Trakte ſich an die erhaltenen Khfoffen, auch der neue St. Blafien-
münfter ſelbſt ift gewiffermaßen ein Vermächtniß der Feuersbrunft.
Derjelbe wurde an Stelle der alten Kirche, welche Abt Heinrich IL
*) Das Nonnenllofter Admont wurde im 16. Jahrhundert bereite wieder aufs
gehoben.
Admont. 433
1286 vollendet hatte, und die durch häufige Um- und Zubauten ganz
ftillo3 geworben war, von W. Bücher in gothifcher Bauart neu er-
richtet. Die Altäre find in kunſtvoller Holzichnigerei ausgeführt;
den Hauptaltar \ mückt das gerettete Blatt von Altomonte:
. tiefer Künftler beforgte auch die malerische Ausſchmückung der
1774— 1781 mit größtem Prachtaufwande erbauten Bibliothek. on
Abt Anton dachte um 1740 daran, den Bücherſchätzen des Kloſters
einen würdigen Aufbewahrungsort zu ſchaffen; doc war e3 dem Abte
Matthäus vorbehalten, den Plan jeines Vorgängers zur Ausführung
zu bringen. Der Vücherfaal, in italienischer Nenaiffance erbaut,
nimmt zwei Stodwerfe der Dftfront ein bei einer Länge von 70,
einer Breite von 13 Meter und wird durch 60 Fenſter erhellt. Er
ift fomit bei weitem größer als der berühmte Bibliotheksſaal des
Kloſters St. Gallen in der Schweiz. Die Dede des Saales gliedert
ſich in fieben Kuppelgewölbe; dem mittleren, al3 dem größten, ent-
ſpricht im Grundrifje einer Rotunde. Rings um den Saal läuft
eine Galerie; der Boden ift mit ſchwarzen, weißen und rothen Mar-
morplatten gepflaftert, deren jebe einen Dufaten koftete, während Die
Schränke in Weib und Gold gehalten find. Die fieben Kuppel
gwötbe find mit den ſchon erwähnten Fresfen Altomontes geſchmückt.
Meijter hat in denjelben in zahlreichen allegoriichen Geſtalten
alle Künjte und Wiffenfchaften abconterfeit, darunter in erjter Linie
die Theologie mit allen ihren Unterabtheilungen. An ben beiden
Schmalfeiten des Saales find große Reliefs in Holzichnigerei ange
bracht, welche „Salomos Urtheil und die Königin von Saba“ und
„Chrijtus lehrend im Tempel“ zum Gegenftand haben.. In ber
Mittelrotunde des Saales ftehen vier aus Lindenholz geſchnitzte,
bronzirte Statuen von Stammel (+ 1765): der Tod, das Gericht,
die Bote und der Himmel, als die vier legten Dinge. Die Biblio-
thef zählt 80,000. Bände, außerdem bei 1000 Handichriften und über
700 Inkunabeln. Von jenen Folianten, mit welchen die Gründer
Admonts das Junge Klofter ausrüfteten, ift noch eine zweibändige
Bibel erhalten; ältere Manuffripte famen fpäter in die Bücherei,
darunter ein Gloffarium aus dem neunten Jahrhundert, das in alter
Zeit ala unjeäggares Kleinod an einer Kette hing. Dieſe Bücherei
war ſtets der Stolz Abmonts, dem zu Anfang unjeres Säkulums
ein Bibliothekar des Kloſters in folgendem Diſtichon beredten Aus-
d lieh: Jactarunt veteres septem miracula mundi
Octavo nostra est bibliotheca loco.*)
Noch eine andere Bücherei befigt das Klofter, die, wenn auch
niger berühmt, von Stennern nicht minder gejhägt wird, als die
en befprochene, und aus der mancher, dem die Folianten des Klofters
„benfiegelig verfchloffen blieben, fich tiefe Weisheit geholt. Es ift
jenige, von der e& (bei Baumbach) heißt:
* Sieben zählten einſt die Alten Wunder des Weltalle.
Set‘ auf den achten Play umfere Bibliothet.
434 Admont.
Der Bucher Einband iſt von Holz,
Sechs Reifen hat ein jeber, \
Der Bibliothelare ftolz
Trägt einen Schurz von Leber ... u
Und da der Weg zur Slofterbücherei gerade am Kloſterleller
vorüber führt, ift mandjer nicht dazu gekommen, ſich am Anblide
jener zu erfreuen. — j
ings um das Kloſter, das mit allen feinen Nebengebäuden das
Ausfehen einer Kleinen Stadt Hat, zieht fi eine Mauer, die auch
einen Park mit fchattigen Baumgängen und fiſchreichen Teichen, der
oftwärts vom Kloſter ſich ausdehnt, mit einſchließt.
Admont hat, wie viele Schidjalsgenoffen, bei bebeutenden Bor-
theilen einerjeits, in mancher Beziehung wieder durch den kn
verloren. Denn während jet Die Lofomotive, die Wildnik bes
früher unwegſamen Gejäufes durchpuftend, Fracht und Reifende an
Admont vorüberträgt, mußten ehedem Laft- und Pojtwagen, die mit
Vermeidung des Gejäufes unterhalb Hieflau bei Altenmarkt unb
Weißenbad die Enns und die über Hieflau nach Eifenerz führende,
fogenannte „Eijenitraße* verließen und auf ber Straße über St.
Gallen über die Berge von Nord-Dft her den Heberpang nad) Admont
fuchten, Halt und Zeche machen. Dafür wird der Markt jedoch durch
den Beſuch zahlreicher Reiſenden und Bergiteiger, welche daſelbſt
— der Sommermonate längeren Aufenthali nehmen, genügend
en! igt.
Wir haben zuvor der „Eifenftrage“ und in Verbindung mit
biefer des Marktes Eifenerz Erwähnung gethan. Dieſer Ort tft Die
quite Kulturftätte der nörbtichen Steiermarf. Während man im
fofter zu Admont beutiche Wifjenjchaft pflegte, gewann man im
Ergben je zu Eiſenerz deutſches Eiſen. Gott fei gedankt: beide
hal Hrersben Nationen gegenüber guten Klang ....
—
u
Eine Mutter.
Nach dem Däniſchen des A. Steenbuch.
ie war ein armes Mädchen, die Tochter eines Tagelöhners.
Mit zwanzig Jahren wurde fie die Beute eines vornehmen
BVerführers, der fie und ihr Kind im Stiche ließ.
- Da es im den Lebenskreifen, welchen fie angehärte,
nicht üblich ift, dab Eltern ihre Kinder um eines Fehltrittes willen
verjtoßen, jo nahmen auch ihre Eltern fie bei ſich auf, pffegten fie
und thaten während des nächten halben Jahres an ihr und dem
Kinde, was fie zu thun vermochten; fie theilten das Brod mit ihr,
welches fie für des Vaters Tagelohn und das wenige Geld kauften,
was die Aufwartdienfte der Frau in einigen Familien einbrachten.
Aber dabei ging es jehr fnapp zu, da auch noch andere da waren,
mit denen gerheift werden mußte. So wurde das Kind eine Laft.
Die Mutter konnte feinetivegen feinen Dienft annehmen, dent
wäre fie nicht bei dem Kinde geblieben, jo hätte die Großmutter
feinetwegen daheim bfeiben müffen.
Eines Tages verunglüdte ihr Water bei ber Arbeit und jo
wurde die Armuth zur Noth.
Nun ftand einft im Tageblatt eine Anzeige des Inhalts,
daß eine wohlhabende Familie, die feine Kinder habe, ein hübſches,
Meines Mädchen als ihr eigenes anzunehmen wünſche. Beit und Ort,
fich zu melden, war beigefügt.
Des Kindes Großmutter Ins es zuerft; hiernach las es Die
Mutter. Jede wußte von der anderen, daß fie es gefejen hatte, doch
fie vermieden beide fich anzufehen und davon zu fpreden.
Die Großmutter hatte die Kleine auf dem Schoße, doch die
Mutter nahm fie ihr ab, fegte fi) in einen Winkel der Stube,
drüdte das Kind mit einer Heftigleit an ſich, daß fie es faft erfticte
und begann zu weinen.
Die Alte jagte nicht und ging hinaus in die Slüche,
Eine Hutter.
Das Mädchen legte das Kind vor ſich Hin, I es an, küßte es
wieder und wieder und ihre Thränen fielen auf ſein kleines Geſicht.
„Nein“, fagte fie zu ſich, „ich könnte, ich könnte mich nicht von
ihm trennen!“
Dann erhob fie ſich und legte das Kind aufs Bett. Das war
ein elendes Bett, wenig Kiſſen waren noch darin geblieben. Sie
blickte ſich in der Stube um; da ſah es ſchon fo leer und ausge—
räumt aus, denn Stück für Stück war aufs Leihamt gewandert.
Sie entfärbte ſich, holte tief Athem und ſah nicht nach dem Kinde.
Doc nein, fie konnte nicht! fie konnte nicht!
Sie ſank neben dem Bett auf die Kniee nieder und ſchluchzte
Bald darauf trat die Alte wieber herein; fie hatte ein Tuch
um die Schultern gefchlungen.
„Willft Du ausgehen, Mutter?" fragte die Tochter.
„Ich will ins Krankenhaus, um nad) Deinem Vater zu ſehen.“
„Doch — willjt Du nicht zuvor etwas efjen?“
Eſſen? Es iſt ja nichts mehr da.“ — Die Alte ging auf die
Thüre zu, blieb aber mit der Hand auf der Thürklinke ftehen und
jah fih um.
Die Tochter wußte, weßhalb die Mutter fie anblicte, doc) fie
wagte nicht, fi umzumwenden und dem Blick ihrer Mutter zu be
egnen.
I Das dauerte eine Weile, endlich ſagte die Alte: „Wir können
das ja ertragen — aber wenn es äuch an die Kleine kommt, die
wird es ſchwerlich ertragen künnen.“
Damit ging fie hinaus, .
Leichenblaß wendete fich die Tochter um und fah nad) der ge
ſchloſſenen Thür. Da eben das Kind zu weinen anfing, machte fie
eine Bewegung zu ihm zu gehen, blieb aber auf halbem Wege ftehen.
Es ſchien a, als fürdte fie ſich, es anzuſehen. Sie ſchlug die
Hände vord Gefiht und ging oder rannte vielmehr in der Erube
hin und her, während das einen de3 Kindes lauter und lauter
erjcho] J
Endlich begab fie ſich in bie Küche und oh die Thür Hinter
ji. Sie wollte verfucen, ſich einzubilden, daß fie fein Kind mehr
habe und zu denfen, es fei fo, wie es früher geweſen. Doch die
robe gelang nicht, da fie es noch immer weinen hörte.
Sie ging nun auf die Hintertreppe hinaus und verſchloß auch
die Küchenthür. Jetzt Tagen zwei gejchlojjene Thüren zwiſchen ihr
und ihrem Kinde und dennoch vernahm fie fein Stimmchen noch.
Denn Angft und Liebe zwangen fie, ihr Ohr an das Schlüſſelloch
zu legen.
I packte fie die Verzweiflung, fie wollte zu ihrem Kinde
Hineinftürzen, es füffen und ihm fagen, daß fie es nie, nie von ſich
geben könne. Doc da fielen ihr die Worte der Alten wieder eir
und mitten in ber Küche blieb fie ftehen. Kein Feuer brannte hie:
jeit mehreren Tagen war nichts mehr gefocht worden... Die Thü.
Eine Mutter. 437
des Küchenfchrankes ftand offen; auch nicht fo viel wie cine Brod—
frufte war barin zu jehen.
Und fie murmelte vor fi hin: „Wenn es auch an die Kleine
kommt, die wird es nicht ertragen fünnen.“
Sie mußte ſich gegen die Thür lehnen, ihre Füße trugen fie
nicht mehr und während fie da ftand, fah fie mit ihrem geijtigen Auge
das Heine Angeficht blafjer und verfallener werben, fie jah, wie die
lieben, hellen Augen größer wurden und wie die Heinen Glieder im
Sieber bebten; und 1 ſelbſt ſah fie neben dem armen, franfen Ge-
Garen figen, vol Angft es anbliden und warten, da der Tod
es erlöfe.
Sie riß die Stubenthür auf, nahm das Kind, hüllte es ein und
vermied es, in fein Geficht zu fehen. Sie eilte mit ihm hinaus und
floh faft die Straße entlang, fehneller und jchneller, als ob ihr
graue zur Befinnung über bas zu fommen, was fie vorhatte.
Einer von den reichten, jungen Kaufherren der Hauptftabt, oder
vielmehr deſſen Frau, wünſchte das Eleine Mädchen anzunehmen.
och die Dame wollte nicht das erfte befte, fie wollte vor allem ein
ſchönes Kind und wünfchte eine Auswahl unter armen Kindern zu
ben. Nach Tanger eberlegung hatte fie daher das erwähnte
jerat mit ihrer Wohnungsbezeichnung und Zeitangabe veröffent-
lichen laſſen.
An dem beſtimmten Tage hatte ſie einige Freundinnen einladen
laſſen, welche ihr bei der Wahl einer Adoptivtochter behilflich fein
jollten. Ein gutes Frühſtück ging diefem wichtigen Afte voraus.
Der Portier hatte Befehl erhalten, die mit Heinen Kindern eintreffen»
den men über bie Hintertreppe hinaufzuweiſen. Aus einem
roßen Raum, ber gewöhnlich bei. Bällen ober großen Geſellſchaften
mugt wurde, hatte man alle Gegenftände, die möglicherweije ge—
ftohlen werden Eonnten, entfernt. Die Gardinen hatte man hoc.
emporgeftedt und die Möbel, welche ftehen geblieben, hatte man ſörg⸗
fältig_verbedt und eingehüllt.
In dem Zimmer der Hausfrau hatte man Wachstuch von der
Thür bis in die Mitte gelegt, die Gardinen zurücgezogen, um
befferes zit zu haben. Flaſchen mit Kölner Waller und ein Brett,
mit einem Xilörfervice ftand auf dem runden Tijche, um welchen die
Damen auf Hochlehnigen, bequemen Stühlen faßen.
€3 fehlte noch eine Viertelſtunde zu der beftimmten Zeit. Man
begann zu gähnen.
„Wenn niemand konmen follte!” rief eine der Damen.
Der Diener, welcher an einer der Thüren poftirt war, bemerkte
höflich: „Seit einer halben Stunde wartet ſchon die erjte.“
„AH!“ rief es im Chor, „fangen wir doch an.“
Ya, vor einer halben Stunde war ſchon die erſte gefommen
und num warteten jchon jo viele Mütter mit Kindern in dem ele-
ganten Saale, der ſichs wohl nie hatte träumen Laffen, Daß jo viel Arm=-
elig keit, Elend und Leid über fein glänzendes Parkett fchreiten werde.
488 Eine Mutter.
Jede diefer Frauen, bejfer oder jchlechter gekleidet, hatte ein
Kind im Arme oder an der Hand. Einige ſaßen vn tern in eine
Ede gedrückt, andere blidten keck um fi), manı üfterten unter
einander, einzelne lachten. Und mitten unter die Harrenden trat
auch fie; fie öffnete die Thür und ſchloß fie ſchaudernd wieder;
öffnete nochmald und trat zögernd ein. Ihr Geficht war_leichen-
bloß, fie biß die Lippen zulartmen, drüdte ihr Kind an fih und
flug die Augen nieder, ſodaß man glauben Eonnte, fie habe fie ge-
fchloffen. -
Drinnen im Sabinett der Hausfran wurde eime der Mütter
nad der anderen vorgelaffen, ihr Kind betrachtet, und nachdem man
nad) allen Einzelheiten gefragt, Namen und Wohnung aufgefchrieben,
wurden fie alle mit dem Bemerken, man wolle ſich s bedenken, Durch
den Diener wieder auf die Haupttreppe hinausgeführt.
Die Damen fühlten ſich abgefpannt, fie nippten an den Lilör—
giiasen, um ſich zu erfrifden. Die Hausfrau wurde nachdenklich.
3 war doc) feine jo leichte Sache, das kleine, hübſche Kin zu
finden, welches man wünfcte.
Und fo fam denn endlich auch fie.
Als der Diener die Thür für fie öffnete, bfich fie auf der
Schwelle Stehen; der Diener mußte ihr winken näher zu treten und
ein Wink der Frau brachte fie erft bis in die Mitte des Zimmers.
Die Damen bogen jich vor, um fie richtig zu fehen. Und wie
fie fo ftand mit dem Kind im Arme, das ernfte, blaſſe Geficht jenen
zugefehrt, jah fie anmuthig, faft ſchön aus, obgleich fie feine Schön—
heit war. ‘ ö
„Wie heizen Sie?“ fragte man fie.
Warie.“
„Weiter?“
„Hanfen.“ Ihre Antwort kam leife und beflommen.
„Wie alt ijt das Kind?“
„Etwas über ein viertel Jahr.“
Ah! das war das gewünfchte Alter.
„Können wir es jehen?“
Das Kleine war eingejchlafen. Die Mutter ſchob das Tuch,
harein fein Köpfchen gehüllt war, beifeite; vorfichtig, wie um es nicht
zu weden. j
Die Damen erhoben ich und neigten Die Köpfe über das kleine
Kinderantlig.
„Ach, wie ſüß es ift!“ Hang es im flüftertone, und das Tuch
wurde weiter hinweggejhoben, um beffer jeden zu fünnen. Ein
milder Schein ergoß fich über die Züge ber Frauen, ber fie ver-
ſchönte, und eine Weile wagte feine zu fprechen.
„Könnte ich es wohl nehmen?“ Aapte die Hausfrau.
Die Mutter zudte zufammen und drüdte das Kind fefter am
fi), fo feſt, daß es erwachte, doch es weinte nicht und blidte mit
großen, hellen Augen auf.
Eine Mutter, 439
„AH! fo wunderfchöne Augen!“ Und fie näherten alle ihre Ge—
fichter mehr noch dem des Kindes.
„Bitte, geben Sie es mir einen Augenblick!“ jagte die Dame.
des Haufes wieber.
Die Mutter reichte ihr das Kind hin und die Frau jeßte fich
mit dem Kind auf ihrem Schoße nieder und ließ ihre Finger leiſe
über feine Wänglein gleiten.
Die anderen Damen fnieeten neben ihr am Boden und ftreichel-
ten de3 Kindes Arme und Hände.
„Es ift auch gar nicht roth, wie andere arme Kinder“, fagte die eine.
„Und e3 hat eine jo zarte Haut“, meinte die andere.
„Dag fein, daß es einen feinen Water hat.“
Alle jahen auf die Mutter, doch diefe blidte vor ſich nieder, als
ob fie nicht? gehört hätte.
Dann ſchwiegen alle eine Weile ftill, bis eine Halblaut fragte:
„Wer ift der Vater?“
Da feine Antwort kam, fahen fich die Damen einander an, und
blidten dann auf den Diener. Sie Tiebfoften das Kind noch immer,
doc ihre Gedanken waren neugierig mit dem Vater beffelben be-
ſchäftigt. Endlich fagte die Hausfrau zu dem Diener und der
Kammerfrau, die. auh im Zimmer war: „Geht doch beide einen
Augenblid hinaus.”
Hierauf winkte fie des Kindes Mutter, die näher trat, und auch
Die anderen Frauen drängten fich dicht heran.
„Wie ift fein Name?“ kam die geflüferte rage.
Das ſage ich nicht“, klang die Antwort feſt und beſtimmt.
Aergerlich winkte man Marie wieder hinweg und dieſe ſtand
nun und hörte die Fremden unter einander flüftern und ſich be
tathen. Doch fie verſtand nur foviel davon, daß fie den Entſchluß
faßten, ihr das Kind zu ftehlen. Sie bemerkte auch, daß ſie fie
aufmerkſam anfahen und dann wieder das Kind betrachteten und fie
berechneten, ob dafjelbe hübſch und wohl gar eine Schönheit werben
tönne. Und die Mutter fpähte voll Todesangſt in den Mienen der
fremden Frauen, fie hielt Athem an, fie rang die Hände inein-
ander und biß die Zähne zufammen, um nicht laut aufzufchreien,
als fie endlich jah, wie fi) die Frau herabbog, um bes Kindes
Stien zu küſſen.
Sie fühlte, daß es ihr jegt genommen war.
„Wie heißt fie?“ fragte die San
Sie ließ die Arme ſinken und beugte den Kopf.
Theodora.“
„Das bedeutet Gottesgabe“, ſagte eine der Damen; eine religiöſe
Nührung ergriff fie alle und fie waren einig darüber, daß des Kindes
Name eine gute Vorbedeutung wäre. Das Kind follte der Frau
Glück und Segen bringen.
„Sottesgabe!" — Die arme Mutter bildete das Wort mit ihren
Lippen nach, aber ohne es auszufprechen. Und fie fegte ein Frage
440 Eine Mutter.
zeichen dahinter, welches fragte, wen denn
Gottesgabe fein folle.
Die Frau gab dem Diener den Befeh
zu ihr zu kommen.
Und gleich darauf erfchien er auch,
beim Eintreten an und fchien nad) dem o
ſchläfrig zu fein.
Triumphirend hielt ihm die Frau da
meinjt Du dazu?“ fragte fie.
„Ah! Und was meinen die Damen?“
„Ein füßes Kind!“
„Well!“ er verneigte fich, „ein ſüßes
„So behalten wir'3 alſo?“ fragte fein
„Wenn Du willft, meine Theure!“
an. „Zit das —?“
„3a, das ift die Mutter.“
„Ja, meine gute Frau“, fagte er,
fragte: „Oder Mädchen?“
Sie neigte ganz wenig den Kopf.
„Alfo, oder mein gutes Mädchen! Wi
natürlicherweife nur unter der Bedingung,
wiffen lafjen, daß Sie feine Mutter find.”
„Ganz natürlich”, fielen die Damen ei
Sie blickte überrafcht zu ihm auf und
glaubte, ihn nicht recht beriianden ‚u habe
„Hertgott! wie ſchwerfällig Diele Leute
trat ganz dicht an fie heran und fagte lau
Sie mid) nicht verftehen? Entweder find €
und fo nehmen Sie es wieder mit fich, odı
Mutter und es bleibt hier. Ein und bafje
eine Mutter haben, follt’ ich denken.“
„Nein! Nein!“ ſchrie fie entjegt auf
vorwärts.
Doch die Frau fahte unwillfürlich dai
mit der Hand ab,
„Nein“, fagte der Mann gelaffen, „ma
mitnehmen. Betteln werden wir doc nicht ı
BZögernd hob die Frau das Stind au‘
ſich inzwifchen gefaßt, trat wieder zurüd,
ihrem Schmerz und janf doch dann überwä
jelben zujammen, laut ſchluchzend und mit !
zudend.
Die Damen wurden bleich, eine oder d
Sie ftanden auf, um zu der am Boden Lie
Kaufber winkte ihnen, zu bleiben. Er be
‚enden nieder und fragte: „Sagen Sie, mei
ind ernähren?“
Eine Mutter. 441
Sie blickte nicht auf und fehüttelte leiſe den Kopf.
„Wollen Sie es dennoch behalten?“
Sie gab kein Zeichen einer” Antwort und er wieberholte feine
Frage einige Male. Sie ſchluchzte immer wilder auf, ſchüttelte aber
endlich den Wer j ge dah des 8
machte er feiner Frau ein Zeichen, 3 Kind weg⸗
gebracht werben follte und & übergab es der Kammerfrau mit den
geffüfterten Befehl, es fofort in ein warmes Bad zu bringen.
Die Mutter merkte nicht? von dem, was ba vorging; fie blieb
Tiegen, ſchluchzend und ji merglich eſchüttelt.
Der Kaufherr zog fein Notizbuch hervor: „Laffen Sie ſehen“,
ſprach er, „wie alt iſt das Kind?“
Die Damen esten es ihm. .
„Na, ich bente hundert Thaler Pflege- und Koftgeld für jeden
Monat und hundert extra, macht vierhundert.“ Er reichte ihr einige
Beitel Hin, doch fie ftredte die Hand nicht nach dem Gelde aus, und
To ftedte er ihr's endlich in die Tafche.
Gerührt nidten ihm die Damen zu. „Wie hübſch das von
Ihnen ift!“ fagten fie.
„Bagatell!" Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Na,
fo wäre die Sache I abgemacht.*
Noch immer blieb das Mädchen liegen und da ging die Frau
auf fie zu und flüfterte: „Sie brau nicht jo betrübt zu fein, ic)
werde gewiß immer gut gegen das Sind fein.“
Nach einiger Zeit ſah das Mädchen auf, ſchob die Frau beifeite,
erhob ſich —X und ließ ihre Blicke angftvoll ſuchend durchs Zim⸗
mer ſchweifen. Und jo ſiand fie eine Weile mit ſtarren Zügen und
ufommengepreften Händen. Plöglich ging ein Zuden durch ihre
lieber und langſam, wie zum Tode erfchöpft ſchlich fie der Thür
zu, welche der Diener ihr öffnete.
In einem Deka dumpfen, müden, betäubten Buftande
ab fie fich nad) ihrer Wohnung.
Den Ehe io heimfam, war ihre Sauter Yon vom Hofpital zurüds
gekehrt. Die Alte fragte nichts, als die Tochter fam, fie veritand
gleich, was gefchehen war, und ohne zu fprechen machte fie ſich ge-
räufchlos in der Stube zu raten,
„Dein Vater ift todt!“ fagte fie endlich.
Die Tochter fah auf ohne zu antworten. j
„Run können wir beide wieder arbeiten“, bemerkte die alte Frau
dann mit einem ernften Kopfniden, indem fie Hinau ing.
Marie ſaß den erften Tag ftill daheim und jah ſtumm vor fi)
in ohne eine Hand zu rühren. Gegen Abend begann fie zu weinen,
Hlief dann ein und fchlief lange und feit. I .
Die folgenden Tage ging fie aus, um fid einen Dienſt zu
uchen, doc) vergebens. Die Leute wollten ein Luftiges, heitere3 Ge⸗
icht jehen ud 1 wetten vor ber Trauer in ihrer Stimme zurüd.
So kam der Sonntag. Sie ging am Vormittag aus, ohne zu
Der Salon 1889. Heft IV. Band I. 30 J
442 Eine Mutter,
wiffen wohin und ſah ſich plöglich in der Straße, wo ber reiche
Kaufberr wohnte. Sie ftand fill und fah das große Haus an,
ſchlich fi näher und näher und laufchte endlich in die Gitterthür
nein. Bor dem Hauseingang ftanden zwei Sandfteinfiguren, ein
ofeidon mit dem Dreizad und ein mes mit Flügeln an den
erjen, hinter biefem befand ſich die ſchwere Mahagonithür mit ge
ſchnitzten Engelföpfchen und matten Glasicheiben.
Es fiel ihr ein, daß fie dies alles nicht gejehen, ba fie zum
erften Mal hier gewefen, num ſah fie jedes einzelne jo genau, daß
fie es nie mehr vergaß.
Als es ihr fchien, als bewege fich etwas hinter der Thür, wich
fie fchleunig zurüd, blieb aber doch in einiger Entfernung ftehen
und fah fid um.
Und da fah fie einen Kinderwagen, den eine Amme vor fi
herſchob, Die einen Dunkeln, fammtgeränderten Rod, eine große, weiße,
geftidte Schürze und eine Haube mit goldenem Nadenftüd und großer,
other Seidenihleife trug.
Marie jtand und ftarrte darauf hin. Die Amme mit dem
Kinderwagen fam an ihr vorbei und brinnen, hinter feidenen Gar-
Dinen erblidte fie ein Meines Geficht, welches fie genau fannte.
Zangfam folgte fie dem Wagen, bis die Amme ſich in einer
benachbarten Anlage auf einer jonnenbefchienenen Bank niederlieh
und ven Bogen fo sur ne ehe w- fie Fr en tonnte.
arie blieb in der jtehen, ſetzte ſich al nad eini⸗
ger Zeit auf das äußerjte Ende derjelben Bank. 9
Das Kind fah fie nicht, es fah die Amme an und ſchlug mit
ben Händchen in die Luft, fo umangefochten von der ‚a
welche es gefommen war, als ob es immer ein Seidenhütchen auf
dem Heinen Kopfe getragen hätte und immer in einem bequemen
Wagen auf jpienverzierten Kiffen gefahren worden wäre.
Marie mühte ſich hierüber zu lächeln, und eine Art Stolz, dab
Dies ſchöne Kind ihr Kind fei, kämpfte in ihrem Herzen mit dem
fürchterlichen Bewußtſein, dem Kinde jo nahe zu fein, ohne es in
ihre Arme nehmen und an fich drüden zu dürfen.
Einige elegant gefleibete Damen mit mehreren fleinen Mädchen
ingen an ihr vorbei, von denen das jüngfte in einem Wagen ge
Fahren wurde, wie ihr Kind. Sie fah den Kindern nach bis fie
ihren Augen entſchwunden waren und ſah in ihnen gleichſam die
tufenjahre, die ihr Kind durchlaufen würde, und ein unklares, über
wältigenbdes Gefühl fagte ihr, Daß bie Pracht, welche heute ihr Kind
umgab, der Anfang einer Kluft ſei, die ſich mit der Beit zwiid n
ihm und ihr mehr und mehr erweitern würde.
Sie konnte nicht länger hier figen bleiben, denn fie wußte, i B
fie, wenn fie nicht entfloh, das Kind aus dem Wagen reißen ı. d
mit ihm davon laufen würde. Und fo ftand fie auf und ging weii c.
Und nun Sega fie ihr neues Leben, welches fie ohne 9 »
werhfelung oder Veränderung dreißig Jahre lang fortführte,
. Eine Mutter. 443
In einem alten Haufe weit draußen in einer ärmlichen Vor—
ſtadt miethete fie fi ein unter der Treppe gelegenes Kämmerchen,
in welchem früher Feuerungsmaterial aufbewahrt geweſen und wel-
ches nur ein winziges, hoch oben, fajt an ber Dede befindliches, nach
dem Hofe gehendes Fenfter hatte. Hierher brachte fie ein altes
— einen kleinen Schrank, Tiſch und Stuhl und fo richtete fie
ich ein.
Im Anfang beſchäftigte fie ſich mit Scheuern, Waſchen, Gaffen-
fegen und Wegegehen, doc gab fie dies bafd auf, da fie lohnenderen
Verdienſt fand.
Man konnte fe nun als Lumpenſanmlerin fehen, wie fie die
Höfe abjuchte und zur Umgugsgeit in den Gafjen umherſpähte.
Nichts Tieß fie fich entgehen, Lumpen, altes Eifen, Knochen und
Glasbroden las fie auf., .
Am Hafen bei den Kohlenfchiffen war fie zu finden, wo fie
jedes Kohlenſtückchen, welches etwa den Fäſſern der Kohlenmefjer
entfiel, während Diefe über das Brett vom Esifte nad den Wagen
ingen, aufhob und in ihren Sad ftedte. Sie drängte ſich da zwi-
Ken den anderen armen Weibern herum und pidte die Brojamen
auf, wie ein Sperling die Samenkörner auf dem {Felde oder bie
Krumen an einem Bäderladen aufpiet; und die Kohlenmefjer hatten
Erbarmen mit dem armen Sperling.
Kam man an einem Zimmer- oder Bauplatz vorbei, jo jah mar
fie auch da ficherlich befchäftigt, Brettftüdtchen und abgefallene Spähne
zuſamnienzuleſen.
‚Hatte fie dann dmm Abend ihre Beute heimgebracht, fo machte
fie fid) daran, fie zu fortiren. Die Lumpen famen für fi und
ingen nad) der Papierfabrit. Das Holz fpaltete fie Hein, alles
tte feinen bejtimmten Platz. Sie hatte feſte Kunden in der Stadt,
fparfame Hausfrauen, an welche fie das Anzündeholz und die Kohlen
verfanfte. Much gab man ihr da oft außer dem Gelbe noch ein
altes Kleidungsjtüd, ein Bündel alte Zeitungen ober eine Mahlzeit.
Sie lernte es ſchnell, zur Eſſensſtunde zu kommen, fo daß fie regel-
mäßig in den Häufern ihrer Kunden mit fatt wurde.
Während fie aber noch jung war und gut ausjah, geſchah es
wohl hie und da, daß fich ihr des Abends ein Mann nahe, fie
zärtlich anblickte, mit einſchmeichelnder Stimme zu ihr ſprach oder
feinen Arm um fie ſchlang. Da fühlte fie, daß fie noch jung war;
doch gedachte ihres Kindes und riß ſich los.
hre Ausgaben waren gering und ihre Einnahmen wuchien; fo
daß fie bald in der Lage war, Geld in die Sparfajje zu legen. Den
Srundftod bildeten die 400 Thaler, welche ihr der reiche Kaufherr
in Die Tafche geftedt hatte. Sie hatte zu niemand davon gejprochen
und nie davon genommen. Bas Geld gehörte bem Kinde. Niemand
ſollte ihr nachjagen können, daß fie ihr Kind verkauft habe.
So ging eine Neihe von Jahren dahin und die Heinen Leute,
mit denen fie in einem Haufe wohnte, würden fie für veich gehalten
30*
44 Eine Mutter.
haben, wenn fie gewußt hätten, wie viel fie befi
ſpornte fie zum Sparen an; fie ſparte nicht für
heimliche Freude des Geizigen an feinem zufam .....,., —
ihum und die Angſt, dies alles nach ſeinem Tode anderen laſſen zu
— waren ihrer Seele fremd. Ihr Kind war es, für welches
ie ſparte.
Sie folgte dieſem Kinde durch alle die Stufenjahre, die ſie einſt
mit ahnendem Yuge erblidte, und jebe freie Minute opferte fie der
Möglichkeit, ihr Kind von ferne fehen zu können. Und als es be
gann auf feinen Eleinen Beinchen umberzutrippeln, jo tröftete es fie,
wenn fie zu fich felbft mit ihm redete: „Ich könnte Dir ja einen
uppenmagen mit einer Wachspuppe im Seidenkleid faufen, doch
u haft gewiß viel Spielzeug und Kleine Kinder müffen nicht ver
wöhnt werben. Du wich mehr Freude an meinem Gelde haben,
wenn Du einmal groß wirft.”
Als die Heine Theodora größer wurbe, machte e8 ihrer Mutter
Freude, Hinter ihr auf der Straße herzugehen und vor fich hinzu⸗
murmeln, wie etwa: „Du haft da einen recht hübſchen Sommenfchirm,
mein Kind! Möchteft Du einen noch fchöneren? Sag's nur, Du
weißt doch, wir fünnen Rath ſchaffen.“
Und da es erwachſen war, ſah fie ihr Kind einft mit gelodtem
Haar, die zarte, feine Geftalt von raufchendem, leichtem, fpigen-
bejegtem Gewand umwogt, in einen Wagen fteigen, und fie murs
melte: „Ja, nun fahren wir zum Balle! Du ſchämſt Dich wohl
Deiner Mutter, da fie ein sihchen ärmlich gekleidet iſt. Das ift
vet dumm; ich hätte mir ja fo gut auch ein Sammetkleid kaufen
önnen.“
Später ſchien e3 ihr, daß das junge Mädchen verlobt fein
müffe, da fie ihr eine® Tages am Arme eines feingefleideten, jungen
Herm begegnete. Sie dachte ſich er könne wohl auch Kaufherr fein,
doch um ficher zu gehen und ihm nicht zu wenig Ehre anzuthun,
nannte fie ihn Baron. „Sie willen, Herr Baron“, flüfterte de, ins
dem fie ftehen bfeibend dem Paare nachblidte, „daß fie eine große
Mitgift befommen wird. Ich hoffe doc; nicht etwa, daß Sie meine
Tochter ihres Geldes wegen nehmen.“
Und fo fuhr fie fort, mit beiden zu plaudern, da fie bemerkt
hatte, daß fie getraut worden waren und mit in demjelben großen
Haufe, unter dem Schuge der fteinernen Götter Pofeidon und Her-
mes wohnten. Und fo führte fie ihre Gefpräche auch mit den
Entelfindern fort, wie diefe num fo mit der Zeit, eins u dem
andern, von der fchöngepußten Amme im Kinderwagen ausgefah
wurden und auch jpäter noch, da fie ſchon felbftitändig auf ih
Beinchen herumliefen.
Und Hinter all diefen Trojtmitteln lag der ftolze Gebante,
fie in ihrem trübfeligen Dafein aufrecht erhielt; der Gedanke, }
dieſes Kind, welches das Gefchid ihr entriffen und welches man di
die Macht des Reichthums ihr fern zu haften gefucht, einft r
Eine Mutter. 445
ihrem Tode erfahren follte, daß es eine Mutter gehabt, deren fein
Kind des Reichthums ſich zu ſchämen Urfache habe.
Sie machte fein Teltament. Bu was denn auch? Sie wußte
ja doch, daß es ein Landesgeſetz gab, wonad das Kind jederzeit feiner
tter Erbe war. Kam ihr mopt auch zuweilen flüchtig der Ge—
danke, daß eine fchriftfiche Hinterlaffenfchaft ihres Willens erforber-
Tich ei, jo wurde er bei ihrer raftlofen, anftrengenden Lebensweiſe
doch nie zur That und fie war fig aud nie darüber Far, daß ach
ihrem Tode eigentlich doch niemand wiſſen könne, daß fie ein Kini
Bejefien und wo dieſes Sind fei. Seit dem Tode ihrer Mutter hatte
fie feinen Verkehr mehr, ja fie war feit langem fo gut wie jelbft
geftorben für alle, die fie in ihrer Jugend gelannt.
Da fie den Vierzig nahe war, Fe fie an, alt auszufehen. Die
Leute in ihrer Nachbarſchaft hielten fie für eine Wittwe und fie galt
für etwas befchränkten Geiftes. Das fam daher, daß all ihr Denken
nur auf eines gerichtet war, ihr Kind.
Da geſchah e3 einftmals im Sommer, daB fie an dem großen
ufe mit den Göttern vorüber fam. Auf jeder Seite neben ben
tatnen war ein Plafat angeflebt und fie mußte ftehen bleiben, um
es zu leſen. Das war eine ſchwere Sache. Mit der Ueberfchrift in
gro) Buchftaben wurde fie bald fertig: „Detonntmagung“, doch
von dem, was Darımter in Kleinen Budfiaben gedrudt ftand, N
ſtabirte fie nur das Wort: „Auktion“ heraus und ganz zulegt noch:
öbel, Silberzeug und dergleichen Dinge.
Das war ja ounberlig)! ie fehüttelte den Kopf. Was konnte
dee ben Sommer ſoh fie j, wie Möbel aus ben Säufern gefafft
eben Sommer fah fie ja, wie Möbel aus den Häufern g
wurden, wenn familien aufs Land zogen. Aber daß man fie ver-
Taufte, war bad) eltfam.
Aber Halt! hatte fie'3 gefunden. Sie wußte auch B fo
wenig Beſcheid mit den Gebräuchen der reichen Leute. Die Lieben,
die ſo lange dort gewohnt, wollten jedenfalls bie Stadt num auf
immer verlaffen, hatten fich wohl ein Herrſchaftsgut gekauft, ober
wollten auf lange außer Landes reifen.
Betrübt ai fie die Straße entlang; fie war fo wehmüthig
geworben. 0 konnte das Br lange währen, ehe fie Kind und
indeskinder wiederſah! Vielleicht ſah & alle niemal3 mehr!
Auf einige Zeit brachte fie diefe Entdedung aus dem Gleich-
gewicht. Doch fie griff zu ihren alten Troftmittel. Sie plauberte
it ihren Kindern und emmelte Geld für die Abreifenden.
„Herr Baron“, fagte fie, „ich habe Ihnen ein Nittergütchen ge-
uft! — Keinen Dank, mein Lieber, das ift nur ein Heiner Vor—
aiß von dem, was Sie nach meinem Tode erhalten werben. Ich
ıube, daß meiner Tochter, der Baronin, und den Kleinen, die Land»
"t gut thun wird.“
Dder fie murmelte lächelnd: „Leute unferen Standes müſſen
ser Landes reifen, das gehört ich. Ich bin meiner Tochter noch
446 . Eine Mutter.
ein Geburtstagsgeſchenk ſchuldig, hier find die Billets für die Eifen-
bahnfahrt.“
Sie merkte, daß Fremde in das große Haus zogen, und als ſie
eines Tages vorüberkam, ſchien es ihr, daß es eigentlich gar
nicht mehr fo groß und ſtolz ausnahm, wie früher. Sie ſtellie ſich
an die Thür vor die Götter und rief diefen jpöttifch zu: „Wir find
ausgezogen, weil es und hier zu eng wurde. Ihr armen Kerle jeht
auch nicht mehr beſonders gut aus und feid recht alt geworben.”
Sie machte eine geringshägige Miene und Handbewegung, wie um
ihnen anzudeuten, daß fie außer Dienft geient feien und fortan, wenn
fie vorüberging, that fie, al3 ob fie die alten Götter nie gefannt hätte.
Aber trog dieſes felbfterfundenen Troftes ging es doch nicht
mehr mit ihr wie früher. Sie vermißte fo tönen lich das Glüd
eines, wenn auch noch fo kurzen und feltenen seltene des An-
blid3 ihrer jungen, liebreizenden Tochter und der niedlichen, Heinen,
gepugten Enkelchen. Im Verlauf des Spätfommers und Herbites
alterte fie ſichtlich, redete weniger und fühlte fih oft müde. Sie
verfuchte feit an der Hoffnung zu halten, daß bie ihr.fo Theuren
bald wiederfehren würden, doch es gab Zeiten, wo fie doch den
Muth verlor.
h Eins Zu e8 be — im inters war fie ma sinem
außerha! ı Stadt gelegenen Zimmerplag gegangen und fie fehrte
nun mit ihrem gut gefüllten, ſchweren Sad auf Dem Rücken heim.
Es war igon dunfel, da fie beim Gehen an dem erleuchteten
Fenſter eines einen, ein wenig abſeits des Weges gelegenen Häus-
chens einen Kinberfopf fah. Kinder waren ihre ſchwache Seite,’ fie
ging felten an einem Kinde vorbei, ohne ftehen zu bleiben und ihm
nachzuſehen.
So blieb ſie auch jegt ftehen, obgleich der Kopf vom Fenſter
verſchwunden war. Gie ließ ihren Sad am Wegrande, ging bis an
das Häuschen und fpähte in das erleuchtete Stübchen hinein. Was
fie da_fah, war Noth, das kannte fie gut. Aenige ärmliche Möbel,
eine Einrichtung, welche den Verſuch zeigte, die Armut mit einem
gewiffen Schein von Zierlichkeit zu überfleiden, ein Werfuch, der aber
doch zum Theil ſchon aufgegeben zu fein ſchien. Am Fenſter ftand
eine Nähmaſchine, an welcher ein herabhängendes Stüd Leinenzeug
noch die eben verlaffene Arbeit zeigte.
In einer Ede des Stübchens ſaß zufammengefauert ein Eleiner
Knabe. Auf dem Rande eines Bettes ſaß eine magere, blafje, ärıns
lich gekleidete rau, welche auf ein kleines, auf ihrem Schoße Tiegen-
des Mädchen traurig und zärtlich nieberblidte.
Das Kind fchien frank zu fein; feine Wänglein waren mage
und farblos, feine Augen hatte es geſchloſſen und feine Glieder
bebten. Auch der größere Knabe zitterte, obgleich die Kinder warır
eingehülft waren. Es war alfo fein Feuer im Ofen.
Die Armen!“ Marie jchüttelte mitleidig den Kopf. „Dir
arme Mutter!” dachte fie. Pie Frau fah aus, als ob Angft unt
Eine Mutter. 447
Sorge um ihre Kinder fie zahllofe Nächte wach erhalten und nicht
einmal hätte einfchlafen Taflen,
Eine Kefome Bewegung ergriff die alte Marie. Etwas, wenn
auch noch jo wenig, im Aeußern diefer Frau erinnerte fie an ihre
Tochter. Hätte fie nicht jo ganz gewiß gewußt, daß ihr Kind eine
reiche, junge Frau mit vollen Wangen und lachenden — eine
feine Dame wäre, die nicht ein altes, verblichenes Wollkleid wie
diefe Frau, fondern prächtige Seidenkleider trug und blühende Kinder
hatte, jo hätte fie fait einen Augenblick denfen fönnen, diefe arme-
Mutter müſſe Theodora fein. Sie wußte ja auch, daß ihre Tochter
ein Kind mehr, noch einen Kleinen, diden, brolligen Jungen hatte.
Doc, die große Aehnlichkeit verdoppelte ihre Rührung und erhöhte
ihr Erbarmen. \
€3 fiel ihr ein, daß fie ja Drennbol, im Sade hatte und fie
ing hin um ihn zu holen. Uber fie hob ihn doch mit zögernder
ash auf; das Holz follte ja verkauft und ber Erlös dafür zu dem
anderen Gelbe gelegt werden, was fie nächitens wieder auf die Spar-
banf tragen wollte.
Sie ließ den Sad auf halbem Ziege ftehen und ſah nochmals
durch Fenfter. Aber da fie die zitternden Kinder erblidte, eilte fie
zurüd und klopfte gleich darauf an eine Thüre, welche, wie fie an-
nahm, zu dem erleuchteten Zimmer führte.
Faſt verlegen ſtand fie in ber Thür und fchob den Sad vor
fih hin. Die Frau mit dem Kinde auf dem Schoße blidte erftaunt
auf und wollte ſich erheben.
„Bleiben Sie nur figen“, meinte die Alte, „ich bringe nur ein’
wenig Spanholz, das “ aufgelefen_ habe.“
Und damit fauerte fie ſich am Ofen nieder und machte Feuer an.
Die Frau auf der Vettfante wollte etwas fagen, doch fie brachte
fein Wort heraus und begann zu weinen.
„Nun, nun“, fagte die Alte mild, „feien Sie nicht jo betrübt,
es wird ja aud) wieder beffer.“
Doch fie jah die Frau nicht an dabei. „Sehen Sie ba“, rief
fie sufftebent, „nun flackert's fo hell. Ich ſchichte das andere neben
Ofen und Sie brauchen nur nachzulegen.“ .
Damit job fie fich eilig mit ihrem leeren Sade zur Thüre
jinaus.
s Haufe angefommen, nahm fie ein in ein großes Halstuch
jebundenes Padet aus feinem Verftede hervor, in welchem fie ihr
Sparbuch und das angefammelte und noch, nicht eingegahtte Geld
serwahrte, zu welchem fie aud) das an biefem Tag verdiente legen
‚sollte. \
Sie begann eben fich bei dem Herrn Baron zu entſchuldigen,
daß fie Brennholz weggeichenft hatte und ihm zu jagen, daß ie Holz
genug in dem zu feinem Gut gehörenden Walde wachſe; boch fie
anterbrad) fich, indem fie das Geld aus ihrer Tafche nahm. „Herr
gott“, dachte fie, „wo hatte ich meine Gebanten? Das Geld konnte
448 Eine Mutter.
ich ja doch ihr geben! Gewiß waren die Kinder auch hungrig.“ Sie
betrachtete das Seh eine Weile in der Hand, beeilte fi) dann aber
plöglic und ſchloß es ſammt dem Sparbuche weg.
Sie legte fich nieder, konnte aber nicht Kloten. Das Bild der
armen, betrübten Stau mit dem franfen Kinde auf dem Schoße
hatte ſich vor ihren Augen feigefegt und ließ fich nicht verjcheuchen.
Und daneben ftieg noch ein Bild auf, je nämlich, wie fie
ſelbſt in ihrer Mutter leeren Küche mit wanfenden Knieen und ge
rungenen Händen geftanden und ihr Kind in ber Stube drinnen
freien gehört und wie fie ſich damals felbft ahnend gefehen mit
m armen, kranken Gefchöpfchen auf ihrem Schoße Abend, vol
Angft es anblidend und wartend, daß der Tod es erlöfe.
Und dann famen all die qualvollen Stunden de3 Vermiſſens,
des Entbehrens und der jfämersvolfen Sehnſucht in ihrer Erinne⸗
zung zurüd, all die ruheloſen, friedloſen Gedanten, welche zu be
täuben und zu bändigen es ber unaufhörlichen, anftrengenden Arbeit
bedurft Hatte.
Sie erhob ſich Halb im Bett und ſchloß die Augen und da ſah
fie die Frau, die fie am Abend gejehen, fo lebendig vor ſich und fie
mußte fie unverwandt anbliden und dadjte babei, dab die Arme jegt
dafjelbe litt, was fie einft gelitten hatte und vielleicht auch all das
andere ſchwere noch würde leiden müffen.
„Arme Kleine‘, murmelte fie und Elopfte fie im Gedanten auf
die Wange. Um ihres Leides willen wurde fie ihr fo Lieb.
Einen Augenblid tauchte der Gedanfe in ihr auf, daß fie ja
reich ſei und es in ihrer Macht habe, die Frau von ihren Leiden zur
erretten. D. leich darauf erſchrak fie über fich felbft, roch unter
ihre Dede und flüfterte: „Vergebung, Herr Baron! — Nein, nein,
mein Kind! Du follft alles haben; e3 tft ja Dein und ich will es
Dir nicht ftehlen!" — Aber der Gedanke kam doch rrlich immer
aufs neue, Iodend und verführerifch wie ein ſchönes Bild, aber zu-
eich voll Schreden, eines halben Menſchenlebens Arbeit mit einem
lage zertrümmernd.
Am nächjften Tage hatte fie feine Ruhe, fie mußte beim Duntel-
werden nach jenem Haufe gehen. Das Fenfter war verhängt, aber
feitwärts der Gardine konnte fie in die Stube laufchen. Die Mutter
jaß an der Nähmafchine, Tieß aber jeden Augenblick die Arbeit Kegen,
um nad) dem kleinſien Kinde zu Tehen, welches wie todt auf dem
Bette lag. Sie beugte fich nieder, richtete ne wieder auf, jah ver
zweifelt um ſich und hielt die Hände an die Schläfen. Dann begab
ſie ig wieder an ihre Arbeit.
ie alte Marie fehlich fich fort, ftreifte eine Weile in der Um:
gegen herum, bis fie einen Arzt gefunden hatte, den fic bat, nac
em Kinde zu fehen. Sie legte dabei zwei Thaler auf den Tiſch
Hierauf ftrich fie wieder voll Unruhe in den Gafjen umher, be
‚ab ſich aber nicht nach Haufe; es litt fie nicht, fie mußte am jpäte
bend nochmals nach dem Kleinen Haufe gehen.
Eine Mutter. 449
Sie ftand da draußen mit angehaltenem Athem, fühlte nicht,
daß fie kalt wurde, vergaß, daß es tüchtig fchneite, einen naſſen
Thaufchnee, der ihr von obenher in ihre Kleider drang und von
unten ihre Schuhe durchweichte.
Drinnen jah fie den Doktor am Bette ftehen, und ala er fort
gi , hörte fie ihn fagen: „Sie wiſſen nun, wie die Krankheit ihres
tindes heißt, der Hunger.“
Die Mutter treichelte die Wangen des Kindes, ftand dann auf,
rannte mit gerungenen Händen durch den Heinen Raum und ftürzte
endlich laut fluhpenb neben dem Bette nieder.
Als die alte Marie ganz langſamen Schrittes ihr Kämmerchen
erreicht hatte, zündete fie ein Lichtjtümpfchen an und zog das Padet
im Halötuche hervor. Sie ſchlug ihr Sparbuch auf und zählte, wie-
viel darin verzeichnet ſtand; dann ſaß fie lange und jah das Buch
an, löſchte dann das Licht und fegte fich in ihrem feuchten Anzuge
auf den Rand ihres Bettes.
Theodora“, agte fie mit leifer Stimme, „Du mußt Dich darein
finden, daß Deine Mutter eine arme Frau ift. Ich kann das nicht
aushalten, Du, ich kann nicht! Wenn Du nach meinem Tode das
Buch befommft, jo wirft Du ſehen, daß ich einmal ſehr reich ge-
weſen bin. So brauchſt Du Dich doch meiner nicht zu ſchämen.“
Sie lächelte und nidte ind Dunkle hinaus, erhob s stellte fich
feierlich gegen die Wand, that ein paar Schritte und fagte: „Herr
Baron, e3 bleibt nur graufam wenig für Ste. Doch Sie brauchen
ja aug nicht mehr.“
achdem fie am nächiten Morgen das Beſte von ihren wenigen
Sachen angelegt Hatte, ging fie nad} der Sparkaffe und verlangte
alles, was in ihrem Buche ftand, ausgegaßit zu haben, ausgenommen
die zuerſt eingezahlten vierhundert Thaler.
„Auch die Zinfen davon?“ wurde gefragt.
„Die Binfen? Ja, gewiß! auch die Zinfen! aber nicht die von
den vierhundert Thalern.“
Da fie das Geld Hatte, ging fie hinaus und ſah das Eleine
u8 zum erften Mal bei Tageslicht. Sie gudte nicht durchs Fenſter,
jondern Hopfte gleich an die Thür und trat ein.
Die abgezehrte, bleiche Mutter fnieete am Bett und fah angt-
voll in ihres Kindes Geficht. - Da Marie eintrat, blickte fie auf,
wollte fich erheben, um ſich für die umfängft erzeigte Wohlthat zu
bebanten, blieb aber mit dem Ausdruck des Staunens in den Bügen
in ihrer Stellung. Die Alte erſchien auf ihre Weiſe feltiam gepupt
und nicht nur das, fie bemühte ſich au— en|heinlih, mit einem ge
wiffen Geptäge von Vornehmheit und Würde aufzutreten.
Sie ſetzte ſich feierlich auf einen, der wenigen im Bimmer be-
findliggen Stühle, räufperte ſich einige Male und begann: „Ich bin
ehr reich, ich habe ein großes Vermögen, mit dem ich anfangen
ann, — ich will. Nun möchte ich gern ein kleines, hübſches Mäd-
yon .“
20: Eine Mutter.
Die Mutter wendete ſich nad) ihr um und fah fie mit weit auf-
geriſſenen Augen erftaunt an.
„3a, ich möchte gern folch eine Kfeine haben, die ich mit einer
Amme in weißer Schürze fpazieren fchiden könnte, und der ich ein
Seidenhütchen auffegen und die ich in fchönem Kinderwagen auf ge—
ftidten Kiffen fahren laſſen fünnte.“
Die Mutter lag immer noch vor dem Bette auf den Snieen,
wenbete rg aber noch mehr herum.
Die Alte ſah fie gar nicht an, ſondern fuhr, auf ihrem Stuhl
urüdgelehnt fort: „Wenn fie größer wird, joll fie einen Sonnen=
Fe befommen, dann in Seidenfleidern gehen und wenn fie er=
wachfen ift, auf den Ball fahren.“
Marie ſah hier plöglich die Frau an, zeigte auf das Kind und
fragte: „Wie alt ift fie?”
„Mein Sind?“ Die Mutter jah fie entfegt an.
„So ein halb Jahr paßte mir gerade“, ſagte die Alte, trat an®
Bett und fragte: „Könnte ich's fehen?“
Die Mutter ftieß fie geit und fehrie voll Angft: „Was wollen
Sie denn? Was meinen Sie? -
„Geben Sie mir Ihr Kind“, fagte Marie, „ich will es als mein
eigenes annehmen.“
„Nein, nein!“ fchrie die Frau auf und deckte das Kind mit ihrem
Körper zu. Es begann zu fchreien.
Die Alte ſchloß die Augen und horchte. Dann fagte fie lang-
fam: „Sie fönnen das wohl ertragen, aber wenn es an die Kleine
kommt, die wird es nicht ertragen fönnen.“
Die Mutter brach in lautes Schluchzen aus.
„Könnte ich es wohl nehmen?“ fragte die Alte.
Die Mutter rührte ſich erft nicht, aber dann ließ fie Marie
doch das Kind aufnehmen und diefe jegte fi) mit dem Kinde auf
dem Schoße nieder, ftreichelte feine Wänglein, befühlte feine
Händchen und Arme und fagte: „Es ift auch gar nicht jo roth, wie
andere arme Kinder.“ .
Nachdem fie eine Weile nachgefonnen, fuhr fie fort: „Und es
hat eine jo feine Haut.“
Hierauf küßte fie das Kind auf die Stirne, jah die Mutter an
und fragte: „Sahen Sie nicht, daß ich das Kind küßte?“
die Mutter nicht antwortete, fondern nur vor ſich hin
ſchluchzte, fragte fie: „Wie heißt fie?“
—— J
a.
Ein Schauder überlief die Alte; ſie ſtand mit dem Kind auf
dem Arme auf, trat ganz nahe an bie Frau heran und ſtarrte ihr
ins Geficht. Nein, nen, was find das für wahnfinnige Grillen, die
ihr immer wieber fommen! Ihre Tochter? Gie, die fo ſchön, jo
jung, fo reich war und biefes abgezehrte, arme, gealterte Weib! Das
iſt ja Wahnfinn!
Sie ſchüttelte dieſe beängftigende Idee unwillig von fi) ab
Eine Mutler: 451
und fagte mit leifer Stimme: „Das bedeutet Gottesgabe, Das Kind
fol mir Glüd und Segen bringen.“
„Nein, nein!“ vief die Mutter nad) dem Kinde greifend.
„Sagen Sie“, fragte die Alte, „tönnen Sie die Kleine ernähren?
Die Gefragte fehüttelte den Kopf.
„Und wollen es doch behalten?“
„Sa! ja!“
Dann war e3 ftill in der Kleinen Stube. Marie legte das Kind
in feiner Mutter Arme und wandte fich tiefergriffen ab. Dann ftrei-
helte fie mit der harten Hand die Stirn und das Haar ber armen
ga, ging auf und ab und murmelte dann: „Nein, ich will feiner
— iht Kindchen nehmen; doch ich will etwas für die Kleine
thun.
Und damit legte fie das Geldpacket in der Mutter Hand. „Ich
hatte ſelbſt einmal fol ein kleines Kind, für welches id) das Geld
hier gefpart habe“, ſagte fie, „doch das braucht es nicht, denn“ —
und fie lächelte geheimnigvoll — „es ift jegt eine reiche Frau und
lebt im Auslande.“ . " "
Die Mutter wollte das Padetchen zurüdgeben, doch Marie
wehrte mit der Hand ab. „Es gehört nicht Ihnen“, ſagte fie, „Ion
dern dem Kinde, jo haben Sie fein Recht, es zurüdzumeijen.“ Sie
fann wieder ein Weilchen nad und fügte dann halblachend Hinzu:
„Es ift ja auch nur eine Bagatelle!”
Die junge Frau ergriff ihre Hand und ihre heißen Thränen
fielen darauf nieder. Doch plöglich breitete fie die Arme aus und
einen Augenblid hielten fie ſich beide umjchlungen und füßten fich.
Doch gleich darauf glitt die Alte Ham zur Thür hinaus.
Als fie nach Haufe fam, fühlte fie fich frank. Der nafe, thauende
Schnee, der ihre Kleider durchdrungen, hatte ein Fieber in ihr ange-
fat. Sie fühlte ſich ermüdet und ihr Kopf war heiß und ſchwer.
Dennoch ging fte nicht gleich zur Ruhe. Sie zog ihr Spar
Taffenbuch hervor, ſchlug es auf und ftarrte lange auf Die große
Zahl, die zulegt darin verzeichnet ftand.
„Sie kann doch fehen“, murmelte fie, „wie viel ich heute heraus—
genommen habe und fo genau wiffen, wie reich ic) geweſen bin.“
Als fie im Bette lag, verwirrten ſich ihre Gedanken.
„Herr Baron“, fagte fie drohend, „warum find Sie nicht mehr
bei Ihrer Frau? Warum haben Sie fie allein gelaffen, nun fie
trank und bieich geworden ift? Warum laſſen Sie Ihre Kinder
Hunger fterben?“ j
Und nad} einiger geit tief fie: „Ich bin Ihnen nichts ſchuldig,
Baron! Meiner shter habe ich das Geld gegeben; es gehört
ihr und fo ift alles in Ordnung!“
Dann ftöhnte und wimmerte fie und mit müdem, fchlaftrunfe-
nem Tone hauchte fie zulegt ganz leife: „Meine kleine Gotteögabe
Hat alles ganz allein befommen.” — —
Als die Nachbarn mehrere Tage lang die alte Frau nicht ſahen
i y Eine Mutter. — Sauber der
und ihre Kammer verfchlofjen blieb, lich n
da fand man fie todt.
Die Gerichtöbeamten kamen in einer ©
fuchten die Kammer und ſchrieben alles ar
ihrem Nachlaß fand ſich auch ein Sparbuch
undert Thaler fammt den feit dreißig Jahı
tanden.
Die Wohnung der Verftorbenen wurde
verfchloffen und die unbefannten, etwaigen,
Wittwe Marie Hanjen wurden öffentli
pfangnahme des Erbes zu melden.
Doch es meldete fe niemand, und fo fl
Tajje zu.
Zauber der Weiße
ftile Nacht, o heilige Nach
DO teined Himmelslicht!
Ein jedes zum Glüd ı
Zu füßer Liebespflicht ... .
Mit Kerzen ſchmüdt ſich jet
Mit Liebe jedes Herz:
Als wär die Welt ein licht
Daraus verbannt der Schme
Die Erde rings deckt weißer
Ein milder Engel ſchwebt;
gelber Friede auf allem ®
nd nur die Liebe lebt! —
a.
Sin „Reufcher“ Roman Bolas.
Verleger und Ueberfeger müffen wohl den neueften Roman
[a8 „Der Traum“ (überfegt von Alfr. Ruhemann, Verlag von ©.
iſcher, Berlin) ala einen bedeutfamen Wendepunkt in der literari-
hen Thätigfeit bes Vater bes modernen Realismus und Natura
liösmus und fomit als epochemachend angefehen haben, daß fie ſich
beeilten, die deutſche Ueberjegung zugleich mit der franzöſiſchen Yu
ausgabe (15. Oktober des Jahres 1888) erjeinen zu laffen und nicht
erft ein Urtheil der franzöfifchen Kritit abwarteten. Allerdings
bietet Zola hier uns ganz etwas neues, einen Roman, in welchem
Zola nicht mehr Zola ift, einen Roman, der in nicht? an die nätu⸗
— Schilderungen, um nicht einen bezeichnenderen Ausdruck
ng rauchen, in „Nana“, „Bot Bouille“ und „La Terre“ erinnert.
ies nimmt auch der Verleger als Ausgangspunkt feiner buchhänd-
Terifchen Empfehlung, indem er mit fetten Lettern verkündet: „Der
Roman ift von einer Keufchheit, die felbft die prüdeften Gemüter
für den Dichter einnehmen wird“, ala ob feufche Schreibart allein
die Gemüter der Lefer gefangen nehme, ala ob nicht ‘noch andere
Mittel nothwendig find, den Leſer mit dem Dichter zu befreunden,
als ob nicht vielmehr lebenswahre Darftellung, tief dichteriſche Em-
pfindung, reiche Erfindungsgabe ben Leſer über mandes gewagte
Wort Hinwegjehen läßt. ehe Schreibart ift nicht das ängftliche
Vermeiden jedes anftößigen Wortes, wie es in der That im vor=
liegenden Romane zutage tritt — die Keufchheit eines Romans bes
fteht in -dem fetichen Sanfte, den das Ganze durchdringt, in dem
poetifchen Bauber, fich über das Ganze auöbreitet.
Darin unterfcheibet fi ja gerade der geſunde Realismus wahrer
Dichter wie ber Spielhagens, Jenſens, Paul Heyfes u. dgl. m,
gar nicht zu reden Goethes, von dem ungejunden Naturoliämus
Zolas und dem noch ungefünderen feiner deutjchen Nachtreter, daß
bei jenen das Künftlerifche unter dem Realismus nicht leidet, dieſes
jenem untergeorbnet ift, während bei diefem das Künſtleriſche ſich
aur auf einzelne Sapbildungen bejchräntt, für das Ganze aber ver-
oren geht, und man den Eindrud hat, als fei das ganze Werf nur
gefchrieben; um in behaglicher Breite Scenen grobfinnlichhten Inhalts
em Lefer naturgetreu borzuführen. Wo andere andeuten, malt,
ein photographirt Zola, und wenn auch die Forderung berechtigt
äre, daß alles, was dargeftellt werden joll, naturgetreu dargeftellt
erben müffe, jo enthält dies doch nicht die Forderung, daß alles,
a3 da ift, auch darzuftellen ſei.
454 Am Kamin. . ö |
Da ift denn nun wirklich etwas überrafchendes und geeignet,
das Erftaunen und die Neugierde der Welt hervorzurufen, daß Zola
einen keuſchen Roman gejchrieben hat, einen Roman, „der felbft bie
‘ prübeften Gemüter für den Dichter einnehmen wird.“
„Einnehmen wird" — ja, das ift es, eine Ausföhnung fol mit
dem Publikum ftattfinden; ob diefer Roman aber einen Umſchwung
in Zolas Thätigkeit bezeichnet, ob er für bie Bolge einen entgegen=
fetten Weg einschlagen wird, ob auf ihn in Anlehnung an ein
fanntes Wort wird angewendet werden können: „Junge Nealiftiter,
alte Myſtiker“, ijt ſehr fraglich. Es iſt nit unwahrjcheinlich, daß
diefes Buch vielmehr beftimmt ift, das Publifum fo einzunehmen, daB
es eine Brüde u den früheren Werfen dieſes Dichters bilde, wenn
nicht gar daffelbe ihm einen Weg zu dem ſchon längjt erjehnten
Seſſel in der Akademie bahnen fol.
Jedenfalls ift der Ruf, Zola habe einen feufhen Roman ger
ſchrieben, eine wirkſame Reklame; die greugierbe, den Verfaffer des
„La Terre“ als den Dichter eines Werkes Tennen zu Iernen, welches
man ohne Bedenken jungen Damen in die Hand geben könne, ift ja
u erwarten; doch wie ſehr wird man enttäufcht fein, wenn man
Kine Neugierbe befriedigt Hat.
n diefem Roman treten die Mängel Zolafcher Dichtung umfo
mehr hervor, ala — das fehlt, was ſeinen früheren Schriften
trotz aller Gegnerſchaft einen ſo großen Leſerkreis verſchaffte. Zola
iſt arm. an Erfindung, er iſt ein Feiner Beobachter, ein bewundernd«
werther Schilberer feiner Wahrnehmungen, aber die Fabel ift bei
ihm jtet3 eine dürftige, er verjteigt ſich höchſtens zu Lebensbildern,
aber von dem Scürzen eines Knotens, das den Beer in Spannung
hält, je fejter Die Schlingen gezogen werden, und einer Löfung, die
den Lefer nach) und nach aus der Spannung befreit und jenen Fünft-
ferifchen Genuß gewährt, der bei und die Befriedigung Hinterläßt,
die ein Kunftwerk in uns erzeugen foll, davon ift bei Zola feine
Spur. Was jeine früheren Werke bei dem großen Publikum begeh-
renswerth und unterhaltend macht, ift — die Lascivität, die unge
ſchminkte Darftellung von Verhältniffen und Vorgängen, die ng
ſonſt der Oeffentlichkeit entziehen. Wir können ums doc nicht
darüber täufchen, dab bei einem großen Leſerkreis die Sinnlichkeit
ausſchlaggebend für die Lektüre Zolas ift, andererfeits verſchmaͤhen
auch beſſer angelegte Naturen nicht ein Buch dieſes Schriftſiellers in
die Hand zu nehmen, befriedigt er doc, eine Neugierde durch Die
Eröffnung eines Einblids in Kreife, Verhältniffe und Situationen,
deren Kenntniß fie durch Selbſtſchau und perfünliches Eintreten in
diejelben nicht erwerben möchten. Ohne an perfünlicher Ehrbarkeit
zu verlieren, fann man hier im Geifte mit Menjchen verfehren, von
denen man fich im wirklichen Leben fo fern wie möglich hält, kann
Zeuge von Scenen fein, an denen man in Wirklichkeit feinen Au—
theil haben möchte. Fehlte dieſes ftimulirende oder Neugier erweckende
Element in Zolas Schriften, jo wären fie langweilig, und wer es fich
Am Kamin. 455
nicht längſt bei der Lektüre feiner Bücher gelost hat, wer fich nicht
längſt die Frage vorgelegt: Schiede ich das Lascive, grobfinnlich
Naturaliftiche aus, was bliebe dann? der wird durch den neueften
Roman diefes Meifters der naturaliftiichen Schule belehrt.
Zola hat fich felbft vergewaltigt, indem er „Der Traum“ vers
faßte. Durch das Unterbrüden dejjen, was feinen Namen zu einer
Art Begriffswort machte, verzichtete er auf viel. Er verzichtete auf
Schilderung von Situationen, in welcher er fich eine Meifterfchaft
erworben, er verzichtete aber auch zugleich auf eine Menge von Stoff,
fein zu füllen. In dem vorliegenden Roman tritt fo recht Die
Uermlichleit der Handlung hervor; woher aber die 368 Seiten?
Hier kam ihm feine unbeftrittene Meifterjchaft in der Detailzeichnung
uftatten, die er aber, weil er Füllſel brauchte, nicht in weiſer Be-
Voröntung vermerthete, fondern in peinlichfter leinlichfeit ausführte,
B fie abjtoßend wirkt und langweilt. Das gilt jowohl von der
Beichreibung des Domes von Beaumont, in der fein Säulchen und
fein Ornament zu fehlen feheint, wie auch von der Gefchichte des
geufes Hautecveur und ganz befonders von der Erläuterung der
iſtſtickerei, wie Die Fäden gewählt, wie der Stoff umftochen, durch-
ftodden wird, welche Stiche hier, welche dort gemacht werden müffen
uf. mw. u. f. w., alles Dinge, die einen Fachmann jehr interefjiren
werden, für die große Menge der Lefer aber nichts anderes bedeuten,
als die mühfame Aufanbe, fich eine Anzahl von Seiten, die felbft
ein ftattliches Heft bilden, mit der fteten Hoffnung bald zu Ende
u fein, durchichleppen zu müfjen. Dazu fommt nod) eine weitläu-
Ye Imbaltsangabe alter Legenden und Heiligengeichichten, die dann
noch zweimal etwas fürzer wiederholt wird. So liegt die Lange
weile über dem ganzen weihrauchdurchdufteten und myſtikerfüllten
Buche auögebreitet, für welche uns manche feine Beobachtung und
mandje hübfche Stelle, die das Erzählertalent des Verfaſſers befun-
det, nicht entjchäbigt. Die Fabel des Romans ift folgende. Eine
arme Stiderin, als Findelfind in das Haus des Stiders Hubert
aufgenommen, wächſt in Abgefchiedenheit von anderen Kindern auf.
Ein altes en bildet ihre Leltüre und nimmt fo ihre Sinne
gefangen, daß fie fh von Heiligen und Märtyrern überall umgeben
laubt. Doch hat Angeligue aus all diefen Legenden nicht das Ent-
jagen gleich jenen heiligen Frauen, die jungfräulich bis zu ihrem
martervollen Tode gelernt, nur der unverrüdbare Glaube an das
Wunder ift bei ihr eingezogen; wie jenen ein Engel plöglidh Er—⸗
Töfung brachte, ße müffe ſich auch an ihr, dem armen Mädchen, ein
Wunder durch die plögliche Erſcheinung eines Art Märchenprinzen
bewähren, der als der ſchönſte, liebenswürdigſte und reichite aller
Menjchen, fie zu feiner Gemalin mache, daß fie, wie eine Prinzeffin
eſchmückt, über unzählbare Reichthümer verfüge, die dann als fegen-
Poenbender Goldregen die Armen beglüden jollten. Das Wunder
vollzieht fich; fie gewinnt die Liebe eines jungen und ſchönen Man-
nes, der fich ihr unter dem unſcheinbaren Aeußern eines armen Glas-
456 Am Kamin.
malers naht. Es ift dies aber ein funfzig Millionen-Erbe aus bem
fürftlichen Gefchlechte derer von Hautecveur, Sohn des Biſchofs von
Beaumont. Der junge Mann durfte zwanzig Jahre lang, feit feiner
Geburt, nicht vor das Angeficht des Baters fommen und war, un-
befannt mit feinen Berhättnif jen im Haufe eines jchlichten Land⸗
pfarrers erzogen worden. Hatte ja feine Geburt das Leben ber
Mutter, der von ihrem Manne fo heißgeliebten Gemalin, gekoſtet.
darum jollte das Kind vom Angelichte des Vaters verbannt bleiben,
der dann feinen Schmerz in ein Kloſter ug, von wo aus er von
Stufe zu Stufe jteigend, die Bahn des Weltgeiftlichen einſchlug, bis
er endlich auf ben Biſchofsſitz von Benumont gelangte. Als zwan-
zigjähriger Jüngling durfte Felicien endlich heimfehren, nachdem er
über feinen wahren Stand aufgeklärt worden war. In der Heimat
verliebte er fih nun in bie öne Angelique, die nicht lange im
Zweifel über den mahren Stand ihres Anbeters bleibt, fich aber im
ihrer Schlihtheit und Weltunfenntniß nicht denken ann, daß der
Standesunterſchied zwifchen einem Findelkinde und eines Fuͤrſten
Sohn irgendwie der Verheiratung hindernd jein könnte. Wenn mar
fich Tiebt, heiratet man ſich doch! Wer follte das hindern? Das ijt
ihr unerfchütterlicher Glaube, das ift das nicht zu widerlegende Argu-
ment, das fie ihrer fie warnenden Pflegemutter immer wieder ent
jegenhält. Zu ihrem Schreden erfährt fie aber, daß der Biſchof dem
Cohn, der ihm feine Liebe entdedt hat, mit einem ‚Niemals!“ jede
weitere Rede abgefchnitten und bei den ärgften Scenen, die Felicien
ihm macht, umerjchütterlich bleibt. Ohne Wilfen des Sohnes hat er
der Familie Voixcourt das Verſprechen, Felicien mit deren Tochter
Claire zu verheiraten, gegeben, und er will fein Wort mic brechen.
Angelique ſelbſt macht dann einen Werfuch, den ftrengen Vater um-
uftimmen; „Niemals!“ ift das einzige Wort, das fie von ihm Hört.
da wird Angelique bis auf den Tod Eranf, man erwartet ihre legte
Stunde. Der Biſchof, deſſen Herz nicht ganz ungerührt geblieben,
als das junge Mädchen bittend vor ihm lag, ſchidt fich an, derſel⸗
ben in eigener Perfon die letzte Delung zu reichen, eingedenk
Wahlſpruches feiner Ahnen „Wenn Gott will, will ich!“ der ja auch
feinen Vorfahren Johann V. beivogen, die Peftkranfen zu beſuchen,
deren Hände zu füffen, worauf fie genafen. Denn er Aare feinem
Sohne das Verfprechen gesehen, in Die Heirat einzuwilligen, follte
bei ber in Agonie liegenden Angelique noch ein Wunder geſchehen
Und das Wunder gejchieht, fie wird wieder gefund. Noch nicht voll-
ftändig genefen, feiert fie im großen Pomp die Hochzeit mit Felicien,
und da seh darin wiederum ein Wunder: fie gehörte ihm an,
aber iht Leib follte unberührt bleiben: Seieien hebt nad) der Trau=
ung feine junge Gemalin in den Wagen, den erſten heißen Kuß drückt
er auf ihre Lippen, und ihre Seele entflieht.
Unzmweifelhaft enthält dieſer ergäblenbe Theil im Roman manche
hübſche Epifode. Die Scene am Bache, in welcher Angelique zum
erſten Male mit Zelicien zufammentrifft, die Scene auf dem Ballon,
22}13@ gaajıg uog agpuaßpnmdt wanna Poyß
uaiſpipſabaaguacag
Am Kamin. 457
von wo aus fie Felicien zum erften Male erblidt, zeugen von ber
Dichterifchen Kraft Zolas. Das find aber nur eben —X Hin⸗
gegen gelingt es ihm nicht, ein keuſches Mädchen zu ſchildern. Aller—
dings ſoll e8 ein naives Kindergemüt verrathen, wenn Angelique den
ftürmifchen Liebhaber, ber nachts den Balkon vor ihrem Zimmer er-
jtiegen, zwei Mal zum Eintreten in ihr Zimmer ermuntert, oder
wenn fie nachts ſich aus dem Haufe ftiehlt, im bis zum Morgen-
grauen im Atelier ihres Geliebten in deffen Gefellichaft zu verwerlen.
Aber das ift Doch weder Keujchheit noch Naivetät, das iſt in unjerem
Zalle, da die Zufammenfünfte jo ehrbar bleiben, daß nicht einmal
ein Kuß gewechjelt wird, allerdings nicht Frivofität, aber mehr als
Unbefonnenfeit; es find das Handlungen, die von einer Unzurech⸗
nungefähigfeit zeugen, welche nicht geeignet ift, Angelique zur Heldin
einer Erzählung zu maı .
Wie ſteht es endlich um die jo Fr gerühmte Realiſtik des
Meifters? Er giebt uns jelbft genau an, daß im Winter des Jahres
1860 Angelique in das Haus der Huberts als neunjähriger Find-
ling gefommen fei, mithin fpielte deren Liebesroman im Jahre 1869.
Wir wollen es ihm verzeihen, daß er Beaumont ftatt Beauvais
nennt, denn dieſe Stadt ijt Sit eines Biſchofs. So weit ab liegt
doch aber dieſe fabrifreiche Stadt nicht vom Weltgetriebe, daß ein
jo jenfationelles Ereigniß, wie die vioplige Ankunft eines Erben von
funfzig Millionen, bes Sohnes bes Biſchofs, ber auf die Trauung
unmittelbar erfolgte Tod der jungen Frau, nicht feiner Zeit durch
alle Tagesblätter der Welt wäre befannt geworden. Hier ift doch
Namennennung und Hinweis auf die jüngſte Vergangenheit von Uebel.
Das müfjen wir freilich bemerken, hätte der Verfafjer nicht aus-
drücklich die Zahl 1860 genannt, wir hätten in dem Roman an eine
Begebenheit aus dem Mittelalter gedacht, denn kein Zug außer dem
nebenfächlihen von ber Eriftenz eines Armenpfleger® erinnert an
die Gegenwart.
yftit und Weihrauchduft mit einer guten Portion Sentimen-
tafität iſt die Signatur dieſes Buches, denn nicht nur Angelique und
deren Pflegemutter Hubertine vergießen reichlich Thränen, fondern
auch Felicien und der alte Hubert weinen, ja auch ber Biſchof wird
von diefem edeln Naß nicht. verfchont.
Der Verfaffer nennt fein Buch „Der Traum“, ja es ift ein
Traum und zwar ein fehr wüfter, ber beim Erwachen nicht? anderes
als Kopfſchmerzen hinterläßt.
Und nun die Ueberjegung. Sinige Heine fprachliche Verſtöße
find nicht die ſchlimmſten Fehler derfelben, der KHlinmitr Sehler iſt
fie ſelbſt. Stünde nicht Zola auf dem Titelblatt als Verfaſſer,
wahrlich niemand hätte dieſes Machwerk einer Ueberjegung ve
gehalten, und fomit ift diefelbe wiederum ein beredtes Zeugnik, daj
man in Deutfchland noch immer auf dem Zola-Kuftus rechnen darf,
mit dem man jedoch endlich gebrochen haben follte.
_ A. Sulzbach.
Der Salon 1889. Heft IV. Band 1. 31
458 l Am Kamin.
Meine Neujaßrstleisen.
Die Weihnachtsfreuden und -Leiden find noch faum vorüber;
der durch bie reichlich genofjene Sylvefterbowfe erzeugte kater-alifche
Zuftand beherrjcht noch unfere im normalen Zuſtande ſonſt ganz
gglumben fünf Sinne, ala wir bereits zu neuen Qualen erwachen.
er gute Jean Paul hat im feiner altväterlichen Weiſe einft „die
Neujahrsnacht eines Unglüdlichen“ geſchildert — o fehöne Zeit, wo
bift Du Hin, als es nur Einen Unglüdlichen in der Neujahrsnacht
gab, — Heutzutage fchreitet das Unglück ſchnell und die Zahl der-
jenigen, welche mit einem Brummſchaͤdel erwachen und bei denen das
Gefühl der vollendeten „Wurjchtigkeit“ — um mit dem Herrn Reichs⸗
kanzler zu ſprechen — zum Durchbruch gekommen, ift Legion.
Brr! Der Bote Stephans bringt und die Morgenpoft. Noch
janz traumbefangen, von einer heiteren, fteuer-, zind- und krankheits
fen Zukunft träumend, greifen wir beim Anblid des modernen
Merkurs freudig nad) den zahlreichen Briefichaften. Wie ſchön iſt's
doch, wenn man jo viele Verehrer und Freunde befigt! Aus allen
Theilen der Welt fendet man mir gewiß aufrichtige und herzliche
Glüdwünfche; niemand fpart das Porto, um mir zu bezeugen, daß
er mich — t und mir zum Jahreswechſel gratulirt. da wen
der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu fein! ....
Guten Morgen, Herr Boftrath! Na, was bringen Sie? Laffen Sie
doch fehen! ... Sch öffne die Briefe... O Blendwerk der Hölle!
Der Schneider glaubt, „daß ich ihm auch am 1. Januar den Rod
nicht werde bezahlen können“. Es lebe mein Glaubensgenofie! .. .
Der Weinhändler droht mit der Klage, wenn ich die Champagırer-
rechnung nicht endlich begleiche. .... Der Schuhmacher macht die
alberne Bemerkung, daß ic) wohl auf großem Fuße leben müßte, da
ich fo jehr viel Schuhe gebrauchte, aber die Honvrirung der Stiefel
vergäffe. .. . Und mein Bankier, der an der Börſe als unverbeſſer—
licher Witzbold befannt ift, Teiftet fich den wohlfeilen Wi, daß der
Jahreswechſel ihm als fchidlicher Anlaß diene, mir meinen Wechſel
zu überreichen. Angſtſchweiß tritt auf meine Stirn. Der Brief-
träger empfindet ein menjchliches Rühren, er. wünjcht mir wahrhaft
elegiſch: „Ein geſegnetes neues Jahr!“ ... „Ein Blick von Dir, ger
liebtes Leben, und ich bin belohnt genug!“ citive ich und gern greif’
ich in mein Portemonnaie und überreid;e dem mic jo theilneymend
anblidenden Beamten den Obolus.
„Die Woche füngt gut an!“ fagte Jack, al3 man ihn am Montag
hängen follte. ... Das Jahr füngt gut an — wäre ih nur nad
Grönland verreift, hätte eine Nordpolerpebition mitgemacht ober in
Aſyl für Obdachlofe mich aufgehalten! nun Unheil, nimm’ deine:
Lauf! Eine Figur, welche ich fonft nur als Kind in meiner Phan
tafie erblidte, womit mic, meine Mutter ängjtigte, wenn ich unartir
Am Kamm. 459
war, taucht vor mir auf, indem fie den Briefträger beinahe über den
Haufen rennt.
— Broft Neujahr! gnädiger Herr!
— Dante, jehr gütig! — Neujahr!
— Na, auf eine Kleinigkeit wird es dem guädigen Herrn wohl
„auch nicht ankommen! .
— Ad fo, aus diefem Loche pfeift der Wind!
Und ich öffne aufs neue mein Portemonnaie und entnehme fei-
nem Inhalt einige Münzen, um fie dem Mohr von Venedig, pardon
dem —— der mich auf eine ſo zarte Weiſe an meine
Pflicht gemahnt hat, zu übergeben.
. Gottlob, daß der ſchwarze Mann weg ift! Man fann jegt un-
geftört mal feine Zeitung Telen. Gedichte... . Natürlich! die Neu-
jahrsgedichte ‚find wohlfeil wie Brombeeren. .... Was ix ih?
Gedichte nicht bloß im Blatte, fondern auch als Ertra-Beilagen!
Bricht eine Iyrifche Sündflut über uns herein? Herrſcht die Dich-
teritis denn überall? Wer mag das beſonders ſchwungbolle Poein
verfaßt haben? — Ha, eine Dame, die Zeitungsträgerin! Und bevor
ich noch Zeit habe, über die poetiichen Anfälle der alten Schachtel,
welche mir täglich zum Srühftüd das Blättchen vor die Thür legt,
meine Betrachtungen anzuftellen, erſcheiut fie jelbft in eigener Perſon
Pe mir das fliegende Blati mit einer tiefen Verbeugung
und fagt: '
— Ein gelegnetes neues Jahr!
— Broft Alte! Bringen Sie mir ein Ertrablatt?
— Heute haben wir Ruhe. Meine fieben Kinder und mein
blinder un:
— Ich weiß ſchon. Hier, trinten Sie eins auf mein Wohl.
Mebrigens habe ich geglaubt, daß Sie bloß drei Kinder haben. und
daß Ihr Mann nur kurzfichtig iit . - .
— Taufend Dank, lieber Herr Doktor! Die drei Kinder find
von meinem dritten Mann, die übrigen vier find von feinen Vor—
gängen, Der Mann ift wirklich blind — farbenblind. Gefegnetes
teujahr!
Es war höchfte Zeit, daß fie verbuftete, denn er erfchien, mein
Verſchönerungsraih, mein Figaro, welcher den Klatſch der ganzen
Welt kennt, deffen Zunge dem mobile perpetuum gleicht, weil fie
nie ftille fteht, um mich zu rajiren. Bligfchnell bin ich eingefeift,
und indem der Barbier mir fein Meffer an die Kehle fegt, ruft er:
— Proft Neujahr, Herr Doktor! Wifjen Sie ſchon, daß fich
der reiche Geizhals X heute morgen die Kehle abgejchnitten? Bbſe
Menjchen behaupten: ein verrüdter Raſeur hätte ihm die Halsſchlag-
aber durchichnitten, weil er ihm fein Trinkgeld gegeben, das ift aber
nicht wahr! Der Harpagon hat in der Nacht eine Flaſche Rothipohn
mehr getrunfen und fich dieſe Koften gar zu fehr zu Herzen ge-
genommen.
Ich fühlte,- wie der Schaumfrige mit dem Raſirmeſſer meine
sı*
360 Am Kamin.
Gurgel figelte, wie er mit dem Mordinftrumente hin und her fuch-
telte und ich machte im Geiſte mein Teftament. Alle meine —
Schulden hinterließ ic dem Antineujahts-Gratulationd- Verein und
empfahl meine Seele dem Herrn. In diefem Augenblide mußte
Figaro niefen und das Nafirmefjer abjegen. Ich Jerang wie von
der Tarantel geftochen auf, rannte zu meinem Schreibtifch und Iangte
daraus ein nicht unbedeutendes Trinkgeld hervor. Der Figaro fprang
vor Freude mit dem Rafirmeffer Hin und ber, ich ftörte ihn in fei-
nem tollen Vergnügen nicht, denn meine Kehle war gerettet... .
Seit jenem entjeglichen Neujahrämargen raſire ich mich felbit. Ich
bin am Halje — ers kitzlich ...
Es tlopft! Na, dachte, ich, jetzt kommen die Gratulanten im
Frack, im Claque und in Glacéhandſchuhen! Ah, muß eine Rede
eben — ſcheußlich unangenehm! Welcher Irrtfum! .... Zwei nichts
weniger als fajhionabfe gekleidete Geftalten, die ich gar nicht kenne,
erzeigen mir die Ehre, mich zum neuen Jahre zu befuchen.
— Bas verihafft mir das Vergnügen, meine Herren? Mit
wem habe ich die Ehre? .
— Ein glüdliches, ein gefegnetes neues Jahr! Kennen Sie
mich nicht, gnädiger Herr? $a bin ber Nachtwächter! Und mich
— ich bin der Hausmann!
— Wie ſchwach mein Gedächtniß ift! Ich kann mich wirklich
nicht entfinnen, Sie je gefehen zu haben. Ich Habe im verflojjenen
Jahre meines Wiſſens den ‚Sonsfitäfet nie vergeffen und Sie da-
her, Herr Nachfwächter, nie inkommodirt! ... Und ein Hausmann?
Was? Hat diefe Barade auch einen Hausmann? Ya, wo fteden
ie denn? Bis jegt hat der Wirth ftets höchfteigenhändig den Zins
eingeftedt und Ihre Eriften, war mir bisher ein Geheimniß wie der
Mord in Whitechapel‘ Wie recht hat doch Shakeſpeare, wenn er
jeufzt, daß es Dinge zwiſchen Himmel und Erde gebe, wovon ſich
unjere Syulteizheit nicht? träumen laffe!!
Die beiden Baffermannjchen Geftalten jahen mich mit p durch⸗
bohrenden Blicken an, daß ich es doch für rathſamer hielt, meine
Neujahrsgratifikationen⸗Pandorabüchſe vollends zu leeren und den
Inhalt derfelben dem Diosfurenpaar in den Schoß gleiten zu laſſen.
Wie leicht kann es geichehen, daß ich doch einmal den Hausfchlüffel
vergeffe — der Mann fieht jo grimmig aus, daß es ihm wohl zu-
zufrauen ijt, daß er mir die Pforten meiner Wohnung nicht Öffnet,
wenn ich jegt nicht ablade. ... Und mit dem Hausmann ift nicht
zu jpaßen. Gefährlich iftö, den Leu zu leden. Nach dem Haus-
wirth ift er ja der Schredlichfte der Schreden und aus den Wolfen
ſeines Grimmes ohne Wahl zudt der Strahl auf das Haupt des
unglüdjeligen, feine Trinfgelder gebenden Miethers. ... Ruhe ift
die erſte Bürgerpflicht und Ruhe kann man fi nur durch frei
willige Steuern erfaufen.
Ganz refignirt und zu allem bereit, laffe ich hierauf den Strom
der Gratulanten, welche ihre Hände öffnen, über mich ergehen, —
Am Kamin 461
nur einmal verliere ich mein europäifches Gleichgewicht, als der
Theaterbiener bei mir erfcheint und mir ein glüdliches Neujahr zu—
rufend den fpeziellen Wunſch ausfpricht, daß mein Luftipiel einen
glänzenden Erfolg erringen möge.
— Das ift he] zu toll, Sie Theaterteufel! Wiſſen Sie denn
nicht, daß mein Stüd im vorigen Jahre durchgefallen ift? Sie wollen
mich wohl noch verhöhnen? Da foll doch gleich das Donner... .!
Der Hurtige Theaterdiener machte fich flugs aus dem Staube
und feine Flucht Hatte unter den mich umlungernden „Schnorren* eine
derattige Panıf hervorgerufen, daß jelbit die klotzigſten unter den
Bettlern das Hafenpanier ergriffen.
Schon glaubte ih, von den Neujahrsparafiten befreit zu fein,
ala zu meinem Entfegen — ich bin etwas abergläubiih — ein in
volle Gala gefleideter Beamter der „Mifericorbdia*, d. h. des Glanz⸗
beftattungävereins erfter Klaſſe — mit vierjpännigen Galaleichenwagen
wartet die Gefellichaft den vornehmen, d. h. theuer zahlenden, Todes—
fandidaten auf! — in mein Zimmer trat.
— Herr! Was wollen Sie? Ich lebe noch und habe nicht die
eringſte Zuft, troß des heutigen verrüdten Neujahrstages, zu fterben!
ollen Sie mir auch Proft Neujahr wünfchen? Machen Sie, daß
Sie forttommen!
— Nicht jo higig, mein Herr! Ich wünfche Ihnen, da Sie fo
unhöflich find, fein fröhliches Neujahr — mein Beſuch gilt auch
nicht Ihnen, jondern Ihrer Köchin, die meine Braut ift und heute
ihren Ausgehtag hat.
mi drüdte ich ihm 5 Mark in die Hand und ihn ſelbſt an
meine Bruſt — endlich, ein Menfc, der fein „Proft Neujahr” wünjcht
und nichts dafür bezahlt haben will. Ecce homo!
Adolph Kohut.
Sin Prama der Wahrheit.
«Don Zofe Ehegarays „Narrheit ober Heiligfeit", zum erften Maf aufgeführt am
2. Dezember 1888 im Belle-Alliance-Theater zu Berlin.)
Während die grangjen politifh mehr und mehr ihre Groß-
machtſtellung verlieren, liegt ganz Europa im Banne ihrer frivolen
dramatischen Erzeugnifje und oft genug find fünf franzöfiiche Stüde
zu gleicher Zeit (angejichts unferes gegenwärtigen Bühnenreichthums!)
an den Anichlagfäulen Berlins angekündigt! Iſt es ba nicht ein
köſtliches Erfrifchungsbad, wenn man aus der ftidigen Treibhausluft
der franzöfiichen Ehebruchswirren in die Gewalt eines echten, ganzen
Dichters und „Philofophen dazu‘, wie es dieſer Spanier
it, geräth? Der Spanier ift ein Gegenfag zu dem vielgerühmten
Norweger Ibſen, mit dem er indefjen den gleichen ———
Drang nad) der abſoluten Wahrheit theilt — der geborene Drama—
tifer. Scheinbar unmöglich theatralifch-wirkfame Probleme weiß er
462 Am Kamin.
in überrafchender Weife dramatifch zu beleben. Schon fein „Ga—
leotto*“, weldem Joſeph Kainz feiner Zeit am „Deutichen Theater“
zu einem vollen Erfolge verhalf, hat die üppige Schlagkraft drama-
tifcher Steigerung dieſes aufßergewöhnlichen Schriftfteller® gezeigt,
obwohl Paul Lindau in unbegreiflicher Verblendung diejes urjprüng-
lich in Verjen gefchriebene Kunftwerf ‘arg verballhornt umd wie ein
fpanifcher Literaturfenner in der Sonntagsbeilage der „Voſſiſchen
Zeitung“ nachgewiejen hat, das befte Leben des Anginals gemaltjam
- unterbunden hatte. In „Locuras o Santitad“ („Narrheit oder Heilig-
feit”) nun hat Echegaray endgiltig bewiefen, daß die Weltliteratur
künftig mit ihm zu rechnen hat. Noch mehr Dichter wie Ibſen,
welcher vielleicht der größere Schriftfteller ift, hat er gezeigt, daß er
mit einem Drama furchtbarere Anklagen gegen den inneren eigengeift
der menſchlichen Natur, die hohlen Konventionen der „Gefellichaft“
erheben fann, als Ibſen mit einem Dutzend feiner tendenziöfen, dialo-
gifirten Novellen! Das Thema wird, nachdem vorher als Leitmotiv
‚eine Definition der „Wahrheit“ feitens bes Helden vorangegangen
war, haarſcharf, fonnenklar exponirt, mit grandiofer Steigerung in
gerader Proportion” unerbittlich durchgeführt, bis es zulegt in der
unheimlichiten Schlußapotheofe gipfelt, welche je von einem Dichter
geſchrieben worden ift. Echegaray leugnet nicht mehr und nichts
weniger als die Möglichkeit des Beſtehens der Wahrheit, dieſes Tob-
feindes der Geſellſchaft, und wir gen ihm, wir bewundern die
unerbittliche Folgerihtigfeit feiner Logik, die eiferne Konjequenz, mit
der er bis zum „Urgrund der Dinge“ gelangen mödhte. ... Wie
knapp und £riftallffar fließt Diefe Sprache, welche nur zuweilen blig-
artig von warmen poetiichen Lichtern durchzuckt wird. Keußertt
Hrarlam wendet der Autor — nur hier und da einmal — ein Bild
an, aber wie überrajchend beleuchtet e8 dann die Situation! So
das herrliche: „Welch' düftre Gruppe! Welche ſchwarze Wolfe wälzt
je in das Blau unferes Himmels?! welches die Liebenden im
erften Aft beim Nahen der „Choana“, diefer unfeligften aller Mütter,
ausftoßen. Dieje „Choana“ (Luife Franz) und der Gelehrte, der mit
der Naivetät und dem Tiefblid des Genius begabte Held (Karl
Wiene vom Hoftheater in Stuttgart) ftanden natürlich im Mittel-
punkt der nervenerjchütternden Sandtung und führten ihre Rollen
mit ben Mitteln eines gemäßigten Realismus aufs feinfinnigfte durch.
Die gefammte Berliner Kritit war erſchienen, dazu die bekannten
„Premierengefichter“ und man fonnte in den Zwifchenakten im Foyer
mand)’ erbauliches Apergu zu hören befommen! Der beforatine
Rahmen war nicht ftörend, aber die Nebenrollen ungenügend beſet
das Velle- Alliance» Theater ift nun einmal fein Schaufpielhau:
Pietätlos gegen den Dichter war es, die Statiften im legten 9
nicht paffender auszuwählen, die tragifche Stimmung wäre auf e
car zeritört worden. Und nun noch eins, Echegaray ift in fein
eimat vornehmlich als Gelehrter, Mathematiker hochgefchägt — w
emundern den Dichter. Hermann Balter.
Am Kamin.
Zwei Scherg · Gedichte.
Dann, ja dann.
Wenn der Schein des letzten Sternes
Sid) in eine Schnuppe hüllt,
Und aus meines Mädchens Auge
Eine dicke Thräue quillt:
Dann will es mir immer fcheinen,
Als wenn Sterne Thränen weinen.
Aber wenn ein Sternenfunfeln
Dedt die ganze Himmelsflur,
Und ic) hänge mejnem Mädchen
Um den Hals ’ne Perlenſchnur:
Dann, ja dann, ich ſag' es gerne,
Iſt's, als lachten taufend. Sterne!
Samstags.
Was macht ihr da für tollen Lärm
Im ſtillen Gotteshaus!“
So ruft zu einer Kinderſchaar
Der Küfter zornig aus.
„Gleich, ſcheert euch weg, jonft führ ich euch
Zum Paftor alle hin,
jamit er für das loſe Schrei'n
Euch lerne frommen Sinn.“
Die Kinder ſchau'n verwundert auf,
Und treten ſcheu zurüd;
Nur ein beherzter Bube fpringt
Hervor mit fugem Bid:
„Herr Küfter! feid doch nicht fo grob!
jenn Ihr es noch nicht wißt,
Daß „Samstags“ unfer Herrgott in
Der Synagoge ift!“
Hans von der Bogelweibe,
464 . Am Kamin.
Mailänder Grinnerungen.
Mächtiger und kühner denn je darf der Deutjche in Italien
fein Haupt erheben, feit unfer junger Kaiſer dem öfterreichifchen
Nachbarkaiſer und dann dem König Umberto in feiner italieniſchen
Hauptftadt einen Beſuch abgeftattet hat.
Seller Enthufiagmus begrüßte das deutſche Landesoberhaupt
aller Orten und hochauf jubelten die fern der theueren Heimat im
Ausland anfäfligen Deuttchen! Namentlich die Mailänder Kolonie
hat fich Durch eine warmempfundene Adreffe Br und von
Klein-Baris, der handelsmächtigen, lombardiſchen Kapitale möchte ich
heute wieder einmal — in Ergänzung meines feiner Zeit im „Salon“
erfchienenen Mailänder Briefes — ein weniges plaudern, fintemalen
mir die Erinnerungen gerade jet wieder jo friſch zuftrömen, als
wäre ich mitten drin in dem tollen, lärmenden, athemlojen Getriebe,
und der Ruf ber eitumgeträger und Obftverfäufer ſchlüge mir noch
gellend ins Ohr, ala ob ich bloß ein paar Schritte aus meiner Cafa
zu thum brauchte und mir der herrliche Dom in feiner marmorpran-
genden Schönheit winfte!
Ja, das Mailänder Leben! Wer es bejchreiben könnte, dieſes
Tohumabohu von feiljchendem Krämerfinn und naivem Ginnen-
taumel. In der fogenannten Gefellichaft mag's zugehen wie ander-
wärt3, nur wahrlich ein bißchen Iuftiger, denn dieſe Marcheſas und
Ducheffen find feurige, üppige Raffeweiber von beraufchend-naiver
Sinnlichkeit, aber das Volk im großen und ganzen, — nun das
arbeitet, wenn auch) die deutfche Solibität mangelt; aber es verfteht
ſich auch zu amüfiven.
Freilich der Karneval ijt todt, aber was gab der. italienischen
Oper den jüßen Melodienzauber, der jo magijc die Sinne berüdt?
Was anders als Italiens Licht, Luft und Sonne; das heiße, glü-
hende, farbige. Leben des Südens pulfirt in diefen Rhythmen. Und
diefer Sangestuft ift au der Mailänder voll; er mag im übrigen
Berlin als Hauptftadt Defterreichs an die Donau ſich denken ımd
ein Genie, wie feinen Mantegazza „Charlatano“ benamjen, — von
feinem vergötterten Verdi, feinem Bellini u. |. w. kennt er jede Note
einer Partitur, als wenn er fie felbft gefchrieben hätte. Und wel-
hen Antheil nimmt er überhaupt an der Mufif; fie ift fein eigent-
lichſtes Lebengelement.
Gleich in zweiter Linie fommt die Plaftif, welche ſich ebenfalls
einer koloſſalen Popularität erfreut; auch der Aermfte ſchmückt das
Grab des Heimgegangenen mit einer, in irgendwelcher Manier, in
Stein ausgeführten Gebenf- oder Bildnißſäule; eine ſchöne, nach—
ahmenswerthe Sitte, welche ſich in Deutſchland, wo man meift nur
geihmadtofe Sreuge und ähnliches kennt, ebenfalls einbürgern follte,
onft flößt hier die bildende Kunft weniger Interefie ein, aber die
— hat ihre Stätte in jedem gebildeten Haufe, und das will viel
jagen.
Am Kamin. 465
Wer fcheert ſich bei uns um die Beftrebungen feiner zeitgenoj-
ſiſchen Schriftfteller, wer kauft und lieſt fie? — Höchſtens werden
ein paar platte Modelyrifer und Romanfabrifanten des „Einbandes“
ober ber Gelegenheit wegen angefchafft. In Italien ift Dies anders.
Dort Hält man es noch für feine Schande, geiftig fih an ben köſt⸗
lichen Blüten der Lyrik zu .erfrifchen; nicht im Verborgenen stühen
die Rofen und Veilchen echter Gefühledihtungen, wenn aud, aller-
dings manch’ prüdes norddeutjches Dämchen erröthend die gefeierten
Stechetti, Rapifardi u. ſ. w. aus den Händen legen wird, weil fie
Ma die gewohnten verlogenen Mondicheinphrafen, fonbern das
wilde Schäumen, Wogen und Begehren der Leidenfchaft, ben ſüßen
Jubel des Beſitzes und die himmelläfternde Klage jatanifcher Ver—
zweiflung findet.
Auch die Schaufpielbühne, über deren vorzügliche Qualitäten ich
mic, ſchon ausgeiprochen habe, fteht in regitem Kontakt mit der
Nation und nimmt eine hohe Stelle im Geijtesleben ein. Shake—
peare ift in Italien faft jo heimifch wie in Deutfchland. In keinem
Lande der Welt hat „Othello“ fo oft auf dem Repertoire geftanden.
Gleichermaßen vermittelt die Bühne die beten Erzeugniſſe moderner
franzöfifcher und deutfcher Augenblidsdramatit. ährend meines
Anfenthalts gab es kurz hinter einander „Krieg im Frieden“, „Raub
der Sabinerinnen“ und „Der ſchwarze Schleier“; Teßteres wurde ab-
gelehnt, während das erite Stüd einen ähnlichen Erfolg wie des
une erga „Cavalleria rusticana“ in ganz Italien aufzu—
weifen bat.
Kann es etwas intereffanteres geben, wie das eigentliche Bolt
in feinem angeftammten Mailänder Mufentempef, dem „Teatro fossati“
und „Teatro gerolanio“ zu beobachten! Eine ähnliche naive und
doch jelbitkritiiche Art des Genießens wird man bei uns nur hier
und. da bei einem kleinſtädtiſchen Galerie-Bublitum finden. Kind
und Kegel wird mit hincingefchleppt, die ganze Familie muß dabei
fein und läßt ſich die vorgejegte dramatiſche Rott vortrefflich ſchmecken.
Doc, wehe, wenn die Tendenz des Stüdes nicht volksfreundlich ift,
die Darftellung fi Nr auf einem gewiffen Niveau erhält, das
iebt böjes Blut, das ſich in ohrzerreißendem Lärm und Pfeifen
uft macht. „Othello, der Schaggräber von Paris“ (nad) Felix
Byat), „Tereſa“ (eine kraſſe, aber tool Behandlung der Rettung
einer geratiam ind Mönchsklofter Entführten) und ähnliches von
der „Compagnie Napoleone Borelli* gut dargeftellt, fand den reich-
ften Beifall. Im „Gerolanio“ (einem — putzig eingerichteten,
bühnlich überraſchenden Marionettentheater) ſah ich „Vor Dogali“
(das afrilaniſche Abenteuer ſtand auf der Tagesordnung); doch ben
‚Grande ballo Mephistophele“ abzuwarten, erlaubte mir die Sorge
Für meine Gefundheit nicht, da die Luft von all’ den Müttern,
Säuglingen, Burſchen der _unterften Klaſſen wie verpeftet war.
Da ich gerade beim Ballet bin, bitte ich den freundlichen Lefer,
den Sprung nad) der „Scala“ mitzumachen: ich muß mir mein hoch
466 Am Kamin.
gradiges Entzüden vom Herzen fchreiben über die Wunder Terpfi-
chorens, welche mir Zufchauer vergönnt war. Keine Frage: Mai-
land ift das Eldorado der Tanzpoeme. Der cherne Gang der Welt
eſchichte und eine Fülle Liebesromane trippelt gleihermaßen in ben
Hängen diefer bezaubernd -graziöfen Gejchöpfe über die Bretter.
ailand (d. h. vor allem die Jeunesse doree) war gerade zur Zeit
in zwei Lager getheilt: hie Monti (Dal Verme), hie Sranzioni (Scala)!
Ich gebe der erteren, einer hinreißend finnlich-poefievollen „prima
ballerina“ den Vorzug und habe fie eingehend in ihrer — Heutzu-
tage bei uns in Deutjchland ebenjo wie die „Mimik“ arg vernad-
Tälfigten — Kunft in meinen damaligen Mufilbriefen gewürdigt.
Die Kultur der Schönheit leitet mich zum Teatro milaneje über,
auf dem Corſo Vittorio Emanuele (Fortjegung des Corſo Venezia),
einer der ſchönſten Straßen Italiens gelegen. Bier ſpiegelt im rein-
ften Dialekt die Gejellihaft des mit Recht beifpiellos berühmten
avilla das unverfälfchte Mailänder Leben mit all’ feiner Skepſis,
feiner nüchternen Gejchäftigkeit, bem liebenswürdigen Leichtfinn feiner
jewohner. Ein Komiker erften Ranges, jchreibt und fpielt der
Direktor felbft zumeiſt die Hauptrolle feiner Stüde. Zur Seite fteht
ihm Mademoifelle Ivon (Anagramm), die frühere berüchtigte Cout-
tifane und Bevorzugte des Königs Vittorio Emanuele, — jegt eine
ganz brauchbare ——
So geht der Lauf der Welt, und das Wort Ben Alibas be—
wahrheitet ſich zur Abwechslung auch einmal nicht! Die Stellung
der Frau iſt Übrigens in Italien eine ganz andere: fie iſt auf das
Haus beſchränkt, wird in geiftigen Fragen ald nicht gleichftehend be
trachtet, im übrigen öffentlich aber mit ganz anderer Achtung wie
bei uns behandelt. Gewiſſe Elemente jind auf die Case di tole-
ranza (Maison d’amour) beſchränkt, jodaß jede Dame allein ohne
Begleitung in ein Cafe, Riftorante oder fonft wo hingehen fann.
Das ganze Leben Hat eben überhaupt — wein aud in beſſerem
Sinne wie in Amerika — einen freien Anſtrich; die jtaatlihe Be—
vormundung ift eine viel geringere wie in Deutjchland. Allerdings
liegen die Verhältniſſe ja auch in fozialpolitifcher Beziehung anders.
Im übrigen ergeben fich für beide Nationen ähnliche Gefichtöpunfte.
Beide haben die lang erjehnte Einigfeit erhalten, und die Kräfte
beider Länder Gentrafiiten fi unter der Herrfchaft eines gemäßigt-
monarchiſchen Prinzips!
Wilhelm Arent.
Aippſachen.
Eine Parodie. Ich will hier von einer Parodie erzählen, bie ihres eigenari
Humors wegen wohl nicht verbient vergeffen zu werben, wenn fchon nur wenige
ihrer erinnern mögen. Ich hörte fie von meinem alten Oheim, bem Pfarrer
Groß · Z. in einer unjerer Oftfeeprovingen, deſſen Worte ich hier ftatt meiner E—
lung folgen laffen möchte.
„32, ja“, meinte ex, behaglich aus ber langen Pfeife rauchend, zurüdgelept
Am Kamin. 467
feinen alten Lederſtuhl am offenen Fenſter, „ia, als ich noch fo jung war wie Du
jett, und zur Univerfität Halle am ſchönen, grünen Saaleſtrand einzog, ja, da
wars doch anders, friſcher, fröhlicher, freier!” Und träumeriſch blidte ber alte Ser
in den Gommerabend binaus, ber mit all’ feinen wunderfamen Dilften und Melodien
in das Etubierftübchen voll hereinflutete, und bie hagere Hand fuhr faſt tramig
über bie Hohe Stirn und die weißen Baden. Es war in ben breißiger Sabıen,
turz bevor bie Ehofera bort in Halle ausbrach. Das war ne ſchlimme Selbi
das Bier mundete uns Burſchen nicht mehr recht; jeder mied ben anderen änghfich:
er Lönnte ja vielleicht, und man könnte doch night wiffen — ımb — und — und
man wirbe ſich doc) Hoffentlich nachſens wieber einmal jehen! Und bann fo ſchneü
wie nur möglich fort, jeber mit bem feſten Vorſatz, das nächſte Mal. bem andern
ſchon von ferne auszumeichen. Ya, bie Hörfäle, damals hieß das noch Hörſäle
und nicht Aubitorien, ſchütielte er mißbilligenb ben Kopf, bie Hörfäle waren eben
fo Teer, ſelbſt beim Geſenius, bem alibeliebten Kritilker und Ausleger des alten
— Sonf Hatte alles, Kopf an Kopf bicht zufammengebrängt, ben Worten
tigen Rebnere zugehört, — nun fah man Gefenius felbft kaum auf ber
Eiche aueh ängflih und eilig vorKberfaufen. Und er war doch fonft eim gar großer
Kenner der ſemitiſchen Sprachen und ber Orientafia, aber der Gaft aus bem gelobten
and, ben tonnte er nicht vertragen, er, der fonft fo begeiftert von der Schönheit
—* Abel ſprach alles deſſen, was mit der Sonne von Often tam, wie er zu
jagen pflegte.
„Eines Abenbs wurde das Gerücht laut: Gefenius fährt morgen früh nad) Norb-
haufen — er war ein Norbhäufer — und am nächfien Tage in ber Univerfitätshalle
— war benn alle Furcht und Angft vor ber Krankheit fort, verſchwunden? Dicht
drängte fi alles um eine Stelle am ſchwarzen Brett, woher bie Buchftaben groß
Teuchteten: Abſchied des gewaltigen Helden Heftor von feiner theuren Andromache, frei
nad Schiller bearbeitet. Mrd) ich Ia6 und nun höre bie Löichle Parobie, bie ich je
gelefen:
Student: Willſt Dich, Dokter, treuloe von uns wenden,
Beil bie Cholera mit gierigen Händen
Zum Eoicytus flarre Opfer fhidt!
Ber wirb künftig —e— lehren,
Hiob ieſen, Geneſis eril
Wenn Du mit —E Dich gebrüdt?
Doktor: Theure Freunde, ſtillet eure Thränen!
- Rad) Norbhanfen fteht mein freubig Sehnen!
Weit genug iſt gut vorm Schuß.
Nicht anftedend fei fie, ſchrein bie Spötter,
AG, fein Thee, Flanell, noch Ehlor iR An,
Schleppt fie mid hinab zum ſtyg'ſchen 51
Student: Rimmer lauſcht man Deiner Rebe Schalle;
Einfam-feht Dein Yubitor in Galle,
Stüdwert bleibt Dein Mofistommentar!
Du wirft hinzieh'n, wo die Schweinmaft blühet,
Branntweinduft hin durch bie Filfte ziehet;
Doch wie ſteht's mit unferm Honorar?
Doktor: Wollt doch nicht an bie paar Thaler denken!
In ber Lethe Strom mögt ihr fie fenten:
net drumm ein Leben nicht.
rc! Schon bIAR ber Schwager vor ber Thilre,
Lebet wohl, wer bumm ift, der frepiere!
Geſenius flirht hier an der Cholera nicht!“
468 Am Kamin.
Frantreichs alte Fahnen. Die älteſte franzöſiſche Fahne, von welder bie
Geſchichte fpricht, ift das Panier mit ben.Lilien, deſſen Ruhm jeboh bald burd andere
verbunfelt wurde, befonders durch die fogenannte Chappe, das heißt den Mantel des
heiligen Martin, der in Kriegen vor ben Königen hergetragen wurbe. Martin war
ber Schutpatron bes Reiche; von feinem Tode zählten bie Franzoſen ihre Jahre, an
feinem fefte eröffneten fie ibre Parlamente, und an feinem Grabe wurben bie heiligften
ide geſchworen. Diefer Mantel war bas Reichspanier zu ber Zeit Karls bes Großen.
Er wurbe unter einem Zelte bewahrt, welches barum Ghapelle hieß, wovon unfer
Heutiges Wort Kapelle famınt. Getragen murbe biejes Panier von bem Großfenefchall,
der den mächften Rang nad; bem Könige behauptete.
Die Zeit, mo man aufhörte, ben Mantel des heifigen Martin ale Fahne flattern
zu Iaffen, ift unbeſtimmt. Bermuthlid warb er verbrängt durch das Banier bes
Heiligen Denys, Oriflamme, fo genannt von ber goldenen, darauf geftidten Flamme
Ueber ben Urfprung biefer Flamme find bie Geſchichteſwreiber nicht einig. Munde
faffen fie bei ber Taufe Chloviwige, welche am Weihnachtstage 496 in Rheim® gefchah,
erſcheinen. Andere fegen bie Zeit ihres Auflommens unter Karl den Großen.
Setoiß aber if, bafı bie Könige Franfreich® nie im ben Mrieg zogen, ohne zuvor mit
frommer Demuth aus ben Händen bes Abtes von St. Denys biefes Panier zu
empfangen, welches fie ftet® der Obhut bes mürbigften Ritters anvertrauten. Der-
jemige, der biefe Fahne empfing, bemahrte.fie unentfaltet auf ben Nothfall. Bisweilen
hing ihm der König das Oriflamm um ben Hals; bann trug er es als ein Ghren-
zeichen, bis es etwa nöthig warb, bafielbe an einer Lanze flattern zu laſſen. Die
Ehre, es zu tragen, mar fo groß, daß zu Karl bes Weifen Zeiten ein Herr vom
Andrefon die Würde eines Marſchalls von Frankreich nieberlegte, um dagegen das
Driflamm zu empfangen, umd es bfieb baffelbe im Gebrauche bis anf Karl VI. Das
dritte Panier, unter welchem bie Franzoſen gelämpft, war ein weißes, mit Lilien
betreutes Kreuz, welches bernad; mit einer Stanbarte vertanfcht wurde. Es warb
wicht bloß im Nothfall eutrolft, fondern befand fih ſtets im Heere, oft mit dem
Oriflamm zugleih. Die Standarte wurde ebenfall® nur treuen uub geprüften
Nittern anvertraut.
Auch die Brüberfchaften und befonders die Kirchen hatten ihre eigenthümlichen.
verfgiebenfarbigen ahnen, je nachdem fie biefem ober jenem Heiligen gewibmet
waren. Die Farbe des heiligen Martin war bla, baher man glaubt, bafı bie Könige
von Frankreich, als fie die Pilien zu ihrem Wappen gewählt, dieſelben zu Ehren
biefes_ ihres Schubpatrons auf blauen Grund fegten.
Die Stanbarten ber leichten Reiterei famen unter Ludwig XI. auf, wogegen
die Fahnlein (guidons) erft feit Errichtung ber Ordonnangsompagnien unter Kari IX.
erifürt hal ©. T.
ben.
Salon-Büdertifg.
Auf den Weihnachtstiſch des Leferpublifums Tegt in biefem Jahre auch bie
Leipziger Verlagefitma B. Elifger Nachfolger, Bruno Windler, eine veizenbe,
werthoolle Gabe in Geftalt ber „Bier Weignachtserzählnugen“ von Wilhelm
Ienfen (Brei 5 Mark). Das Novellentuch if wie jedes Iiterarifche Erzeuguig des
befiebten Autors eine meientlihe MWereiherung ber Erzählungshunf. Cmmft und
Humor vereinigen fih, ben Leer in einen unentrinnbaren Zauberbann zu verftriden.
Im eiflen Gtüd bes Nobellencyfius „Cine Weihnahtsfahrt” wird in reigboller
Schafkhaftigkeit bie Fiebesidylle eines jungen Arztes gefcilbert, beffen erfte Patientin
eine leichtverlegte Kuh unb beffen zweiter Fall eine nur durch Sympathie heilbar
Herzenstzanfgeit ift. In ber zweiten Grzählung „Droben im Walde“ zündet ein
erſchutternde Tragik bie Weihnachtslerzen im hohen Forſthaus an und fette beinal
die ſtille Glüdesfätte im einfamen Walde zur chrifffeftlihen Zeit in Flammen. „Ci
mweißeß Haar“ erzählt bie Geſchichte eines alten Ctubdenten, "dem zu Weihnadsten ba
herrlichfle Gefcent, die Tiebreizende Braut, zutheil wird. Much in der Schlufnonell
Tehnt fih das Glüd in Geflaft eines klonden Madchenkopfes beim Lichterglang +
der Winterſonnenwendnacht an bie Bruft bes geliehten Mannes, Damit —
Am famin, 469
Hergensgefchichten aber nicht allzu ungebunben erfcheinen, hat der Verleger das Bert
mit einem geſchmacvollen Driginaleinband ausgeftattet, welcher an Schönheit dem
Imbalt der Erzählungen gleich zu tommen fught und ba® Bud) insbefondere als ein
paffendes Weihnachtsgeſchent empfiehlt. Dr. E. Tr.
Eines der ſchönſten BWeipnachtsgefcpente iſt jedenſalls bie im Berfage von X.
9. Bayne in Reubnit bei Leipzig erſchienene Junſtrirte Jamilien-Bibel.“
Der impofante, prächtig außgeftattete Band enthält die vollfländige Bibel nach ber
beutfchen Uel ung Dr. Martin Luthers mit erMärenden Anmerkungen von
Brofeflor Dr. Otto Delitih, fowie 36 fehr ſchöne und, wirfungsbolle Delbrudbilder,
2 Karten, bie flattliche Reife von 431 Holzſchnitten, und eine Mebaillon-Familien-
Urtunde zum Cintragen aller in ber Samilie vortommenber Geburts- und Sterbe ·
jälle und Heiraten, Wir vermögen zur Empfehlung ber Bapne’ihen Illuſtrirten ·
amiſien · Bibel“ nichts befleres > thun, als ben Ausſpruch einer hochberühmten
torität, bes Stiftspredigers und Ober-Ronfiftorialtathes Dr. Burd in Stuttgart,
über’ biefe Bibel zu citiren. Er lautet: „Wenn irgend etwas unfer evangeliſches Bolt
yu,jener Bertrautheit mit der heiligen Schrift zurlläführen kann, um welche wir unfere
iter beneiden, jo iſt es eine Familien-Bibel, melde den Hausvater in ben Stand
fegt, ohne voraugehendes Stubium umfangreicher Auslegungen, das Wort Gottes
mit ben Geinigen in ber Weife zu Iefen, baß bie Hinbernifle bes Verſtändniſſes
durch kurze Erläuterungen weggeräumt werben. Im bieler Hinficht bieten bie der
„Süuftrivten Familien « Bibel“ beigegebenen Anmerfungen des Herm Profefier
Deliti gerade das, was die hriftlihe Familie braucht. Gelehrte Unter-
fusungen beifeite laſſend, weiß berfelbe bie Ergebniffe gläubiger Bibelforſchung
einer für jeden benfenden Ehriften veränblichen Geftalt kurz zufammen zu fallen,
fo baß fowohl in Beziehung auf bie äußere Hülle des Gottesworts buch gefchichtliche,
geographifce unb arhälogifche Erläuterungen bie erforberlihe Belehrung dargeboten,
als auch ber beilsgefhichtlihe Inhalt deffelben durch kurze Wingerzeige ins rechte
Licht geflellt wird und Auftöße befeitigt, Eimwenbungen gegen bie Wahrheit der Schrift
idgewiefen werben.“ Diefe Bibel ift zu dem reife von 24, 25, 27, 29 und
Mark, je nach ber Ausfattung bes Einbandes, durch jede Buchhandlung und "
obigen Berfag zu beziehen.
Ber einem guten Wlufiler oder einem gebilbeten Dilettanten zu Weihnachten
eine Freude maden will, lann in ber That nichts beſſeres thun, als Pahne'e
„Kleine Bartituren“ zu wählen. Diefes reizende und für Mufifer eminent prattiſche
Unternehmen, das fi in kurzer Zeit ben ungetheilten Beifall aller Mufiter und
Dilettanten erworben hat, präfentirt fih in ben hübſch ausgeftatteten, handlichen
Bänden gang beſonders vortheilhaft und anziefend. Wir eriumern und nit, ſeit
langem bei einem ähnlichen Wert einen fo gebiegenen, einfachen und gleichzeitig ele ⸗
janien Einband gefehen zu haben. Es liegen von biefem mufitalifhen Sammelmwerte
folgende Bände vor: Beethoven, Duartette; Haybn, 24 Öuartette und 30
Duartetie; Mendelsfohn, Quarteite, Alavier-Zrios, Duintette und Octette; Mo-
jart, 10 berühmte Ouartette, ferner biefe und bie 5 Streid-Quintette und Klari-
netten-Quintett; Schubert, 3 berühmte Ouartette, 2 Trioe, Quartett und Octett,
fowie baffelbe nut mit fänmtlichen Ouartetten und bem Borellen-Duintett; Shnmann,
Streich · Quartette, Klävier-Zrios, Mlavier-Duartette und Duintette; Spohr, 4
Doppel-Duartette, Oetett und Nonett. — Diefe letzten 6 Werke find nod nie in
Bartitur erfhienen und wahre Perlen der Kammmermufil. Die Sammlung enthält
(im Heften) noch viele andere Mufitwerke von höchftem Intereffe fir ben Mufiter
und Mufilliebhaber, 3. ®.: 3 Ouartette von Eherubini, 3 Ouartette von Ditterd-
dorf. Die große Serenade fir Blasinftrumente von Mozart, bie beiben Diverti»
wmenti in.B-Dur und D-Dur. Die Preife ber Hefte variiren von 40 Pig. bis
1 Mart 70 Bfg., diejenigen der Bände von 6 Marl bis 13 Dart 50 Pig.
470 Am Kamin.
Der thätige Berlag von Meißner und Bud in Leipzig, deſſen Spezialität
one Bücher in Farbenbruden für bie Jugend und fir ben Salontifc find, hat in
biefem Jahre eine Reihe von Prachtwerken anf ben Weihnachtemarkt gebracht, bie
fich ihrer ganzen Art nach ganz befonders zur Auſchaffung empfehlen, zumal auch bie
Breife “ F Minderbemittelten geſtatten in das Gädel zu greifen. Da find bie
„Sterne der Heimat, Bild und Reim ans bes Kindes Daheim. HMufrirt dom
% OH. inte, mit Gedichten von Frida Shanz“ Wie kaum ein anbere® Bilber-
buch iſt dieſes geeignet, — n trauten „Sternen” unter dem Weihnachtsbaum
zu firablen. faler und Di feiern jeder im feiner, aber beide in en
tamiger Weife das Leben in der Kindheit Heim, bei Tag unb Nat, beim
und im Traum, im Lenz unb im der Bintersjeit, in Leib unb in
Muttergerz muß frobfoden, wenn es bie innig-füßen Berfe nnd Reime in m,
wenn eb inne wird, wie ber Liebling fi baran erbauen foll. Unfere Sugendi
namentlich bie Voche des beutfchen Heimathaufe hat in biefem Buche mit feinen
chlieten, formenfhönen unb fo innig volfsthiknficen, ‚Herzen ſprechenden
Berfen und lieben Bildern einen Schaf erhalten, ven «6 7 noch lange bewahren
fol. Nah Art der Hey-Spedter’ichen Yabeln follte das Buch ein Gemeingut, eim
Bollabuch werden. Aehnlich ift bie ugendluſt von Frid Rei mit Keimen
von Friebrid Erk, Hier Herricht mehr daS broffige Kinderlich und ber Humor
aus dem Kinderleben vor. Das Buch if ganz allerliehft ansgefuttet und bie nied-
lichen Sinberbifber be6 Degen Malers Feie Reiß machen fh Wirklich in ihrer
flotten Manier ganz prächtig. Die „Oeidereien, ein durch Wald unb
And ein niedliches Meines Saal mit bunten Lanbfcha| und Blumenbi
auf ſchönſtem Papier, welche ſich je um ein befanntes Gedicht ſchlingen. Da® nette,
Hanlice, ie elegant außgeflattete Werten wird namentlich junge Däbchen erfoeuen.
Ein viertes Meines Prachtwwert, betitct „Werte des ', enthält Sinufprüde,
Sentenzen, kleine Gedichte mit niedlichen, bunten Bildchen verpient Auch biefes,
sehr Hüßeh gebundene Buch eignet fich als eines, finniges Weihnacdhtsangebinbe.
Bebeutenb als künftierifches Prachtwerk ift der in Edwin Bormann’s Selbf-
verlag in Leipzig erihienene „Ließerkert in Gang und alaus in Bild und
Bert“ von Edwin Bormann, bem belannten und beliebten ſächfiſchen Humoriften.
In einem prägtig außgeflatteten, fehr fhön gebundenen Großquartband enthält ber
Sieberhort” eine —S— ammiung friſcher, fröplicer Gedichte und fengbare:
Beifen, welche bie verſchiebenſten Töne unb Stimmungen, aber immer heitere unb
iupige, anſchiagen. Das Wert if in fieben Bücher eingetheilt; ben Reigen eröffnet:
‚Dae Bud) von der Mutter Natur“, weiches ganz reigende parobifiice und fatyrife
Serge über Dinge der Raturwiffenfchaften in iprer neueften Entwidelung enthält;
dann folgt harmlos · parodiſtiſche Nederei, in ber Edwin Bormann ein Meifter ik
in bem „Buch ber Weltgeſchichte.“ Daß das „Buch vom Durfte” einen kefonbers
feugptfröhlichen Charakter trägt, fagt ſchon der Titel, aber auch das vom Fre
Beiblihen" if nedifh und mit mandem Stachel verfehen, mit
inbeffen nur zart verwundet. Das „Buch vom Kulturfortichritt“ Geigakint Ro m AH mit
allerlei Tagesfragen unb das „ ber Bücherwelt“ feiert bie {hmwarze gu mb unb
das Reich der „Gulen und KXrebfe" in ber bekannten geiftvoflen Mawier Ber
„Das Buch Kunterbunt‘ macht mit buntem Reigen ben Beihluß. — gr
bas Wert durch eine glänzende Reihe vortreffliher Iuftrationen, von Meifterhasb
gegeichnet. or allem hat fi geoder Flinger, der „Leipziger — mit feinen
fellen Zeichnungen, Ornamenten und netten um Das Bud bverbient gema
Suber ihm Nleuerten noch Gehrte, ber famoſe Mindener Ile, Kieinmichel, Kant.
x. prädtige Zeichnungen bei. Daß jebes Lied nach einer Melodie zu fingen if, '
Bormann in fehr gelhidter Weiſe angeorbnet. Meiftens find allbelannte Melon
dazu gewählt, einige Sieber find aber eigens Lomponirt worben. eben biefer =.
autgabe Hat Bormann eine Heine, handliche und natürlich um vieles biigere
ausgabe feines Fieberhort® veranftalter, welde wir ebenfall® auf das Mär
empfehlen können.
Am Kamin. 471
101 nene Jabeln. Serausgegeben von Frida Schanz, iffuftrirt von Feodor
grinzer Kein ‚ Ambr. Abel. — Unter Mitwirtung von Friedrich von
odenftebt, ilior Blütgen, Franz Hirſch, Iulins Lohmeyer, Pauline
Schanz, Julius Sturm m. a. hat uns bie beliebte Jugendſchriftſtellerin im
Berein mit dem trefflichen Thierzeichner einen wahren Schatz für unfere Jugend
jeliefert. Die halb ſchon veraltete und vergefiene Dichtgattung feiert in bem ſchoͤnen
mb eine Auferſtehung, beren ſich jeber Päbagog und Jugenbfreund mur von
Herzen freuen fann. Die Mehrzahl der gefammelten Stüde werben in bie Schul-
bucher und von bier in das Gebähtmiß des Volles übergeben: fie bieten das
wahrhafte Ibenl ber Fabel: in Mmapper, tabellofer orm bie Darlegung einer
wmoralifhen ober ethifchen Idee, unter fpielendem, liebenswürbigem Humor ernfle
Hinweife auf Tugend und Wahrheit, im ganzen nie über das kindliche Verſtändniß
binansgehenb, und doch tief genug, um Pt; dem Erwachſenen Stoff zum Nachdenlen
zu geben. Wie meifterhaft ber Illuſtrator es verſtanden Hat, dieſe Fabelideen zu
derbildlichen, lann fich jedet denken, ber einmal mit Verſtändniß bie wunderbaren,
in ihren qalalteriſtiſchen Zügen frappant aufgefaften Thiergeſtalten Flinzers betvun-
derte. Der Berleger hat offenbar für das Buch gethan, was man nur an eine
Erſcheinung von bleibenbem Werth wendet. Die Ausftattung ift eine glänzende; ber
Preis (5 Mark) im VBerhäftnig ein billiger. — Fur Liebhaber eriftirt übrigens eine
—D zit Buntbildern verfehene Ertraausgabe in Prachtband zum Preife von
art.
Garlette, Bon Leipzig na der Sahara. Mit ca. 100 Iluftrationen und
einem feitiwort von Hr. von Hellwald. 6 M. broſch. 8 M. geb. gr. 8%. 24
Bogen. Berfaffer, ein Leipziger Buchhändler, fehildert hier feine letzte Reife
durch Frautreich, Spanien, Algier und bie Ziban Dafen, Freiherr von Hellmalb,
der berühmte Geograph und Kulturhiftorifer, fagt im Vorwort u. a. folgendes: Das
Bud, dem ich dieſe Zeilen woranfende, hat es eigentlich nicht nöthig, das eine fremde
Feder ihm zu Gevatier ſtehe. Wer daſſelbe Suffätägt, wird fon burd die forgfame,
vornehme Austattung, durch den Schmuck zahlreicher, künſtleriſch ausgeführter Bilder
von vornherein beſtochen. Der Berfaffer iſt ein liebensmwilrbiger Plauderer, der ſchon
ein gut Stüd Welt geſehen unb feinen Bid geihärft für Menſchen und Dinge.
&r iR ein guter Beobachter, ein lebhafter Schilberer. Die deutſche Reifeliteratur
würbe nur grwignen, verftünben e8 ihre hochverbienten Berfafler, öfter als es bie
Regel, ihre Echilberungen mit bem Gewande der Anmuth zu umlleiben, wie hier
geihieht x. Wir fhlleen uns bem Urtheil Herr von Heltwald's voll’und ga
an, unb bemerfen noch, daß der farbenprächtige Umſchlag und Einband genau na
einem Bogen der Alhambra hergeftellt ift. dar Bert if für den Weihnachtetifch
ſehr zu empfehlen.
Dentſche Dichter von bis auf unſere Tage im Urteil zeit⸗
genäffiiger und nachgeborener Dichter von Dr. Mabrenheig. Leipzig 1887.
5. Oranbfletter. Zu aefipetifcper Lektüre, zum Auffpeichern geiftiger Sagerfloffe, fruchte
tragenber Keime feeliicher Läuterung — wer will heute noch die Zeit dazu finden?! Es
iſt wirklich traurig, wie völlig ifolirt, ohne jebe aufmunternde Theilnabme das Schaffen
ber wirklich tiefere Probleme aufgreifenden Dichter (Lyriler und Romancier) heutzu-
tage fi bei uns vollzieht! ögejehen von der — durch das Teibige Efiquenmefen
ſtart beeintrãchtigten — Anerkennung rein literariſcher Kreiſe iR bie Summe von
Veachtung und Berfländniß, welche dem jungen Schriftfteller entgegengebradt wirb,
verzweifelt gering. Was Wunder, daß unter den meiften eine fo derbe Berbitterung,
Hin fo ſchneidender Peſſimiemus Platz gegriffen hat, bag man über Neben und Ger
bahren biefer Leute mandmal faft erihreden möchte! — Unwillkürlich trübt ihren
id der Weihrauch, welcher dem Iebernften Klaviervirtuoſen und Salontompofiteur
‚ejpenbet toirb und macht fie umgerept und — neibif! Allerdings ift der Mufit-
"moindel bei unferem benfträgen Publikum nachgerabe zu bebenflicher Höhe heran-
wochſen, aber Zeichen ber Befferung find ſchon vorhanden. Jedenfalls „left“ der
-tjche an und für fi) genug (vide Leihbibliothefen!) und die Bahn bes Boeten
472 Am Kamin.
war von jeher eine „dornenvolle · Im Beten, der m Tiat find_die „Tränmer“ und
„Ideologen“ immer überflüf iſſig“ geweſen — obigen Werte möge mar bie
Abf'pnitte Aber Goethe und —* een um nie Wahrheit des Geſagten ber
Nätigt zu finden. Das Werk if im übrigen recht gefchidt Gufammengefeit x und ger
währt einen überrafgenden Einblick „hinter bie Eonliffen.” Wahrlih alle Nationen
tönnten uns um ben Zaubergarten beuticher Dichtung beneiben, wenn fie ibm nur
tennen würden! W. A—t.
Heitt er lt en Denk Brölt, prefifher dye Meran ud
waifers. Dargeftelit von Dr. Guftau Prölf, ät zu m
Babgaflein. 9. Auflage 1888. Werlag bes Herausgebers. Preis 15 Kreuzer. Bir
maden hiermit auf eine Heine Brojhlire aufmerkſam, melde der auch in weiteren
Kreifen befannte und verdienfivolle Arzt zum Wohle ber leidenden Menfchheit verfaßt
hat. Man laffe fi) das Schriften kommen umb forge für Werbreitung feines
Inhaltes. Indem mander Kranke das Gafteiner Waſſer daheim benugen Tann,
ohne in das nicht Billige Bad reifen gu mäffen, wirb bie Heine Brofdjlre äußerk
eınpfehlenswerth. Ewald Haufe.
Bildertifg.
Der gewandte unb flott zugreifende Zeichner wilden m arögter verherrlicht
in —8 moriſtiſchen ife auf unſeren beiden erſten Siluftvationen bie beiden
fte, welche das eine das Enbe, das andere ben Anfang des Jahres bezeichnen:
ten und Reujehr. Bie in der Chriſtnacht und in der Nenjahrönecht
in Hütte und Palaft, auf der Straße der Großflabt, wie im fernen @ebi 1, je
im fernen Kamerun und auf hobem Mafttorbe, im Cafe, wie im trauten ilien-
Treife gefeiert, gejubelt, gezecht und auch wohl geweint wirb, das alles flellt und ber
Maler auf ben beiden Blättern in flotter originelle Beile dar. Die brüte
Süufration bringt die Porträtbüfte Kerl Gnttems anf dem Dentmet des Dichters
des „Uriel Acofla“, bas ihm im Juni 1887 in Dresden erridtet wurde Den
Tert dazu finden unfere Leſer in einem Auffage ans der Feder Adolph Kokuts über
Suglow im gegenwärtig igen Salon «Heft. FR az gang ezäplt auf
unferm lehten Bilbe bie Alte: ben faufcenden hübfchen Mäbchen, Garakterifiide
Köpfe reiht Deutlich dae lebhafte Imtereffe wieberfpiegeln, weldpes bie Mäbrpen az
den Gruſelgeſchichten der Alten nehmen.
—
Neueſte Moden.
. Ar, 1. Binterhut aus ſchwarzem Filz.
Der Gazeſchleier, melder zur Ausſchmückung des Hutes verwendet ift, bildet
vorn am Kopitheif beffelben dicht zufammengezogene Bäufche, welche hoch nach oben
L--
Nr. 1. Winterhut aus ſchwarzem Filz.
Der Salon 1889. Heſt IV. Band I. von Dit 32
474 Aenefte Moden.
fäcjerartig emporftehen und au ber einen glatten Seite mit einer fchräggeiledten,
verzierte Feder geftügt werben. Der Schleer winbet ſich dann in zwei Theilen an
dem Kopftheil des Hutes nad) hinten, wird bort ineinander» und nad vorn loſe
unter dem &ium geidlungen. Die Krentpe des Hutes in an ben Eeiten ftark aufe
gebogen und hat einen emporfiehenben breiten Ranb
Nr. 2. Winterhut.
Ar. 2. Vinlerhut.
Der ſchwarze Filzhut mit niedrigem Kopf hat eine, vorn breit vorſtehend⸗
zu einem Bogen gerundete Krempe, weiche imen mit ſchwarzem Sammedeie
ift. Den hinten fhmalverlanfenden Rand des Hutes bededen obenauf mehrere neben
einander aufgefetste Goldborden.
Das Kopftheil fpmüdt eine reihe Gtiderei, welde ‚von mehreren „an Hinter:
Acurfte Moden. 475
topf angebrachten und nach vorm, fowie aud am bintern Rand bes Hutes herab»
fallenben Federn beſchattet wird.
Ar. 3. Binterhut,
Den niedrigen Kopf des maronenfarbigen Filzhutes umgiebt eine, vorn breite,
Nr. 3. Winterhut.
erabe vorfiehenbe und nach hinten fehe ſchmale Krempe. Der innere Rand ‚des
Shirmes if mit Federn bededt. Die Bindekänder find am Hinterkopf in ihrer
Mitte befeftigt. Gin Theil berfelben hängt von ba aus frei herab, bie anderen En
den werben unter bem Kinn in eine Schleife gelnütpft. Den Kopf kededen nad)
vorn zu gelegte breite Arlasichlupfen und ſchöne fh dazwifchen. fehlingende dedern
32°
Deine, Google
Deine, Google
478 Aeuefte Moden.
Ar. 4. Mantel aus brofhiriem poau de sole. j
Die glatten Vordertheile des Mantels haben einen Falteneinfag. Die faug
Nr 7. Diantel aus blauem Tuch und Sammet.
beraßreichenben, vorn offenen Aermeltheile find an ben Rändern mit blauem Fuche
pelz befeht. Der Rüden it anfiegend und enbigt in ‚Rodfalten weiche mit einer
Neueſte Moden. 479
großen, am RNuͤdenſchluß befeftigten,. laug herabhängenden Faillefchfeife Gebet find.
Der rumde Hut von fehmargem Filz bat einen Yinten f—hmalen, vorn gerabe bor
Rehenden Raud und zur Ausfhmüdung vornauf hochſtehende Bandfeleifen. Stoff
zue Anfertigung bes Dantels ift erforberli: 12 Ditr. Geide und 7 Mir. 50
Tentm. Pelz.
——
EN
DEATH
must line aan:
Nr. 8. Bitte. (Ballumpang).
Ar. 5. Anzug für Mädden.
i Der Ueberrod aus otterfarbigem Sammet hat eine glatte Taille mit faltig
angefegtem Rodtheil, welches aus fünf Stofjbreiten Sammet hergeftellt if. Ein
Dreifadper Pelerinenkragen umgiebt die Schuftern. Den Hals umfliegt ein Steh
ragen. Der Nodanfag wird von einer fChönen Geibenfhnur mit Duaſten gebedt! "
480
;
Das Vorderthe
reifen. Das faltig
finden ſich zadig um
Die fegrägtiegenden {
vorn über einem we
theile. Die glatten
Rodtheilen, fowie ei
Hals umgiebt. Die
bogen und bort mit
fhlupfen befinden, bı
Ar.
An einem vor:
angefegt. Die Bord
Gürteltheife befefigt.
den Seiten glatt bis
falten. An den Seit
bat eine, anf ber Er
fchleifen befinden. D
Diefer fehr ele
Die vorn abgerundet:
Ein zadig abjcht
ziert. Die glatten,
Pelzquaften zufamme
den Yale ift eine gl
abpängen md unten
Auf einem We
und mit einer ſchön⸗
Amfeltopf bervorfieht
futter bedt die Inne:
Reraction, }
Murillos '„Unbefleckte Empfängniß.“
Qo
Pa
Auf Gapri.
Blaudereien von Anton Andrea.
is vor einigen Jahren wußte der Neapolitaner nicht
viel mehr von dem lieblichen Eiland, als daß es
feiner Stadt gegenüber liegt, daß er es dicht vor
Augen hat, wenn er in der Billa Nazionale fpa-
ieren geht, und daß es dank der berühmten blauen
Brotte und der malerischen Tiberiusbautentrüm-
en viel von Künftlern und Reifenden bejucht wird:
e genug, um ſich das Leben daſelbſt jo eimförmig
4 „eilig wie möglich vorzuftellen!
ute freilich hat man ſich überzeugt, daß auf Capri auch herr⸗
liche Ausfichten, erfriſchende Luft, ftärkende Bäder und eine Anzahl
guter Hötel3 vorhanden find, wo man mit den —ãe— — Typen
der in und ausländiſchen Geſellſchaft zuſammentrifft und in allen
Sprachen Unterhaltungen pflegen fann. Und was für köſtliche Aus-
flüge zu Fuß, Wagen und Pferde! Und die jeuberbafte Kahnfahrt
— mit und ohne Seekrankheit — um die Inſel! Die Eſelsritte nach
dem Monte folare, die Mondfcheinpromenaden nad) dem Tiberius-
berg, wo fi) Donna Bettinas Weine und belegte Butterbrode jo
harmoniſch mit den Genüffen, welche ve Natur dem Wanderer
darbietet, vereinen! Donna Bettina ift nächſt dem traditionellen
Denkmal Tiberianifcher Graufamfeit die erfte, ihr ſich in drei Jahr⸗
jängen präfentirendes Fremdenbuch, die zweite Merfwürdigfeit auf
m befagten Berge. Arme Donna Bettina — treues Mutterherz!
Noch nad) zehn Jahren trägſt Du Trauerkleider um Deinen in
Umerifa zugrunde gegangenen Sohn, und beteft täglich, ftünblich
Dein Avemaria und Dein Paternofter für ihn, was Dich jedoch nicht
abhält, Deine Gäfte freundlich zu bemwirthen und ihnen Deine Nuto-
graphenjammlung zur Anficht, wie zu neuen „gefälligen“ Beiträgen
vorzulegen. Himmel, welch’ ein Reichthum von Dokumenten menſch-
lichen Blödſinns! .
Der Galon 1889. Heft V. Band 1. 88
482 Auf Capri,
Bo ift der Mann, Donna Bettina, der auf der ſchwindelnden
Böbe des Tiberiusfelfen geftanden und nicht eine poetiſche Anwand⸗
ung gehabt hätte? Und gar erjt die Frauen und Fräulein! Dein
grembenbug Hagt fie alle mit taufend Stimmen der Verjündigung
jegen die Muſen an, und Du Unſchuldige ahnſt nicht, wie ſchwer fie
— büßen werben müſſen, wenn Apollon am jüngſten Parnafjos-
ine Werke auf die Wage feiner Kritik Iegt.... .
ir, wie allen ſich zur Zeit auf Capri befindlichen Reifenden,
ſchlug Donna Bettina einen dramatijchen Anlauf aus namenlofer
Feder in ihrem Buche auf, mit der Vorausfegung, daß es „bellissi-
mo“ fein müßte, weil zwei Damen (ic) wette, dab es Blauftrümpfe
waren!) beim Leſen deſſelben Thränen een hätten. Getroit
tage
machte ich eine zweite Gedankenwette: Verfalferin gleichfalls Blau—⸗
ftrumpf! — Gewonnen! Donna Bettina Härte mich bereitwillig
darüber auf: Eine Ausländerin, die ſchon feit mehreren Sommern
nach Capri fommt, und zwar zufammen mit der „wunderjchönen
Marquife Adele". .
„Wer ift denn Die ‚munderfchöne Marquife Mdele‘?“
„Die elegante Dame in ber Geſellſchaft des ‚Onorevofe‘.“
„Und der ‚Onorevole‘?“
Donna Bettina jah Be) an, als ob fie fagen wollte: Wenn
Sie das mic wiffen, jo wilfen Sie überhaupt nichts! Erwiderte
jedoch zuvorfommend: „Der Deputirte von Chiaja, Marcheſe Ungaro.
Wenn Sie in Duififana wohnten, Herr, würden Sie die ganze vor
nehme Gejellichaft kennen lernen.“
Dem kann geholfen werden! Ich wohnte zwar im Hötel Pa:
gano, der gemütlichen Künftler- und Stubentenherberge, fchnürte
jedoch noch an bemjelben Tage mein Bündel und fiedelte um nad
Quififana, Signor Serenas großem Etablifjement, dem Fein anderes
Gaſthaus auf Capri den erften Rang jtreitig zu machen wert. Wie
gewöhnlid; war hier bereits „alles — aber Signor Serenas (in
traulichem Umgang Don Federigos) Gaftfreundfchaft, die ſich zunächſt
von meiner Auſpruchsloſigkeit überzeugte, fand mir noch ein nied-
liches Schlupfwinkele in feinen eigenen Wohnzimmern, und id
wurde binnen kurzem Mitglied der „vornehmen Geſellſchaft“ in
Quiſiſana.
Don Federigo, Dein Name ſteht obenan auf dem Gedenkblatte
meines Gabrefer Aufenthalts! — Eine Marlittide Ideal-Männer-
geftalt, auffallend Hübfche, nichtsfagende Phyfiognomie und mangel-
hafte Orthographie kennzeichnen den äußeren, Gutmüthigfeit, Schlau:
heit, Gewinnfucht und Furchtfamteit den inneren Mentchen. Ven
fie gut bezahlen, geht Don Federigo für feine Gäfte durch’s Feuer -
vorausgefegt, dab es ihn nicht brennt. Seine Toilette wie ji n
Selbftbewußtfein richten fich nach den Einnahmen. Gegenwär g
fteht er mit feinem Hotel im Zenith feines Erfolges: Alles, was | h
duch, Rang, Schönheit, Geift, Spleen und Abenteuerlichkeit audzei F
net, ſcheint ſich in Duififana Stelldichein gegeben zu haben! — I r
Auf Capri. 483.
Onorevole“, ein Typus des vornehmen Neapolitaners*), gewandt,
oberflächlich, gemütvoll, lärmend, elegant und unverwüftlicher „Bla-
eur“: Er vergieft Thränen über feine eigenen im Wahlklub ge-
Itenen Reden, prügelt feinen Diener und leiftet ihm nach verflo-
jener Aufregung reuig Abbitte; Hilft Armen und Bedrängten mit
Feier Fürfprahe und dem Gelde anderer, fchreibt ſchwungvolle Ge—
Dichte über den Tod feiner Gemalin, die er gerührt dem eriien beiten,
der ihm während feiner poetifchen Anwanblung in den Weg kommt,
vorlieft und erfreut ſich der Achtung und Liebe von gaug Deapel. —
Der —S Fürſt Corrigliano, ein fo großer Muſikfreund,
daß er ſelbſt nicht an der Table d’höte ohne feinen für die Sommer-
Ken gedungenen Kammerfänger erfcheint, an deffen wohlbeleibten
Perſon alle RE und -Enöpfe bligen, die man gegen. die
neapolitanifdhe Mode an feinem Herrn vermißt. — Der feine Herzog
von St. Dpidio, mit feiner munteren Gemalin und feinem wohl⸗
erzogenen Söhnchen. — Der vielbelefene Marquis d’Anunziante mit
Familie, in ber ſich die fünf männlichen Sprößlinge durch Klugheit
und phänomenale Nafen auszeichnen. — Der junge Graf Miramon
— Sohn de3 an einem Tage mit dem unglüdlichen Kaijer Mazi-
milian zu Queritaro erfchoffenen General? Miramon — mit feiner
ſchneeweißen Dogge Lie. — Die blonde, zierliche, arg geſchnürte
Prinzeffin von Velmonte, und vor allem die „wunderfhöne” Mar-
quife Adele mit ihrer Dianengeftalt und dem ftolzen Jundaugenpaar!
Das find ungefähr die Repräfentanten des Ranges und der
Schönheit. Ihnen ſchließen ſich Die des Geiftes an: Der braun-
gelodte Graf Pompejo Litta (unter den Dichternamen Loppi in der
italieniji Riteratur debutirend) mit dem Arm in der Binde, in
Rekonvalescenz — nad; einem Duell, in welchem feine Gattin eine
ve Tugend nicht fchmeichelnde Hauptrolle fpielte, und das ganz
tailanı in Aufregung brachte, — ſchwärmeriſcher Anbeter ber
schönen Marquiſe und eifterter Freund feiner Schweiter in der
Literatur, der mir durch Donna Bettinas Reklame befannt gewor-
denen „Ausländerin“, die gleichfalls zu den Vertretern des geiftigen
Elements unter_ Don Feberigos Säften gehört und eine durchaus
internationale Erſcheinung ift; dann: der Veroneſiſche Maler Paul
Cagliari (aus der Familie bes berühmten Paolo Veronefe) mit feiner
ausdrudvollen Slate, feinem genielen Binfel und ſchönen Bariton, und
der geiftreiche, junge Advokat Margotta aus Neapel, dem ewig
idelnde Wige und „Calembours“ auf den Lippen ſchweben; bieje
Gilden das Kunft-, Literatur- und Wiffenjchaft-Vierblatt.
Der Spleen ift in dem bartlofen, von den Damen verzogenen
Jüngling Dr. Bud, und den Mit Lucy anfchmachtenden Mr. Benny
fon verkörpert, und die untrügliche Abenteurerfigur begegnet uns in
onfieur Mortier, der von nie befeffenen Millionen, nie geſchlage—
*) In Reapel giebt es überhaupt nur zwei Typen: ben „Signore“ und ben
„Razzarone".
33%
484 Auf Eapri.
nen Duellen ftrogt, Monte Carlo unſicher macht, große Abſchieds—
Diners zu feiner „bevorjtehenden Reife nach dem Orient“ giebt, feine
Tobesanzeige inferiren läßt und dann plöglich wieder auf Capri zum
Vorſchein kommt, um die Glückwünſche zu jeiner fröhlichen Aufer-
ſtehung Itg en zu nehmen. Man munfelt von feiner Verlobung
mit ber Hül fen, totetten Tochter bes Marquis d’Anunziante. —
Bei ſchönem Wetter macht die ganze Sefeliiaft unter Anfüh-
zung bes „Onorevole“ und den Liedern des Kammerſängers des
gür ten einen Ausflug auf die Berge, der, wenn die allgemeine
une gut ift, mit einem von ben Engländern veranftalteten Tanz
mit Mondftheinbeleuchtung auf dem Tragaroplag endet. In Erwäs
gung beffen wird die zuerſt vorgefchlagene Bergpartie zu einem Nitt
nad; Anacapri umgewandelt. ie Marquife, ſtrahlend vor Schön-
heit und Lebensluft, in ihrem marineblauen, mit goldenen Knöpfen
verzierten Zouriftenanzug, Der dazu gehörigen bunfelblauen Toque
auf dem prächtigen, natürlich gewellten, tiefbraunen Haar, zieht es
vor, fich anftatt des Ejels einer „Carrozzella“ zu bedienen.
„Gewähren Sie mir, dem Herz» und Leberfranfen, ein Pläg-
Gen in Ihrem Wagen, holde Marquife!“ fleht Graf Litta. Er fieht
aus, ala ob er ihr zu Füßen finfen möchte.
„Jeden Tag bringen Sie eine neue Krankheit and Licht, Grafl“
Tächelte die |höne Frau, „Dabei weiß fein Menſch, was Ihnen eigent-
lich fehlt. Steigen Sie ein!“
Der junge Advokat, deſſen anerkannt ſchwache Seite das Neiten
ift, nimmt den Nüdfig ein, und der Wagen eröffnet den Zug. -
Die Prinzeſſin Belmonte im grauen Promenabenkleid, einen
rieſigen, mit Sorrentiner Seidentüchern garnirten Strohhut, an dem
gm Ueberfluß noch eine große Diamantnadel funfelt, auf dem ges
äufelten Blondhaar, läßt fih von Mr. Bud auf ben Eſel heben.
Der jugendliche Yankee hat, als auserlefener Kavalier der Brin-
zeſſin, die Teichtfüßige Stute Terefina mit einem fchwerfälligen Lang-
ohr vertaufchen müſſen. Graf Miguel Miramon I feine kluge
Lis ab, um durch ihr befanntes Pochen mit der Pfote an der Thür,
der internationalen Literatin (allgemein kurzweg „Mademoifelle“ ge=
nannt) dieſe u benachrichtigen, daß man fie erwarte. Der Graf
hält die von Mr. Bud fehweren Herzens aufgegebene Tereſina für
fie am Zügel, während Don Feliciello, der dide Efel-, Pferd» und
Wagenlieferant von Capri, die hochbeinige Barracca für ihn ſelbſt
—— Lis erſcheint mit ber Verſpäteten. Sie trägt ein glatt-
efaltetes, HL Kleid und einen Meinen, dunfeln Neithut: die
ichterin ift zur Amazone geworden!
„Haben Sie noch in der Eile ein paar unglüdlich Liebende ve
eint, Mademoifelle, oder die Welt von einem Böſewicht befreit!
fragt fie der Herzog von St. Dvidio, mit dem ihm eigenen feine
Xädeln, indem er ihr die Hand zum Auffteigen bietet.
„Viel ſchwereres, mein Herr Herzog!" lacht fie munter, „i
habe mir einen Handfchuhkuopf feftgenäht.” ö
Auf Eapri. 485
Von Lis gefolgt, fchliegt Graf Miramon mit ihr den Bug.
Sie bilden das einzige Baar zu Pferde.
Auf dem großen Plage (la Piazza grande), der den Weg nach
Anacapri eröffnet, fehlagen Ejel und Pferde unverſehens ein feuriges
Tempo ein, wodurd eine fürchterliche Verwirrung entjteht und alles
aus Reih' und Glied kommt.
Die Caprefer Ejel haben feine Idee von Disziplin und Schule!
Wenn einer läuft, holen fie alle aus. Steht einer ftill, jo ift Feiner
mehr in, — _ — Fi: Des En len z zum
itergehen zu bewegen. t ganzes fittli jewußtjein Eonzen-
trirt is .. = Zreiber, ai ——
a8 It zu Pferde wird im ftillen von fämmtlichen Ejels-
reitern und "Reterinnen, beſonders von Mr. Bud beneidet. Es
imponirt fogar Don Feliciello, der ſtets feine Pferde lobt, wenn fie
gut geritten werden.
„Halt!“ ruft ihm Graf Litta zu, als es am Wagen der Mar-
quife vorbei trabt.
Gravitätifch erhebt er fi) vom Sige und gebietet mit einer
Handbewegung auch den Nachfolgenden Stillftand. Man’ glaubt, es
jei etwas ungewöhnliches gejchehen.
„Mabemoifelle!* ruft er der überrafchten Amazone zu, „went
Sie je wünfchten, es möchte fi jemand in Sie verlieben, jo er-
Icheinen Sie ihm zu Pferde, und er ift ein verlorener Mann. Sie
ind eine famoje Reiterin! — — Ich habe gejprochen, Marſchl“
— — — 6 oft die „Quififaner“ nach Anacapri fommen, guckt
das ganze Städtchen bewunbernd aus Thüren und Fenſtern. Herr
Hermann Moll öffnet weit die gaftlichen Pforten feines echt deutſch
eingerichteten Bierlolals. — — Der neapolitaniſche Onorevole ge=
hört zu feinen Stammgäften. — — — —
* *
*
Ein trüber Tag! Das’ Meer geht hoch. Das Dampfboot
bleibt aus. Die Luft athmet Schwermuth, aber Don Federigos
Säfte merken nichts davon. Die Damen haben große Toilette ge-
madt. Im Haar der Prinzeffin funkelt ein Diadem von Brillanten.
„Berehrte ——— Graf Litta zu der in einem Schaufel-
ftuhl ruhenden Literatin, die in ihrem ſchwarzen Seide das einzi
trübe Stimmungsbild darjtellt, „ich habe Nerven, beruhigen Sie mg
Wenn's jo fort geht, verliebe ih mic) allen Ernſtes gleichviel in
ven — norauögeieht, daß es eim weibliches Weſen ift.“
Die Angeredete zieht ein Büchlein aus der Tafche und fchreibt
nter eine Reihe von Beiwörtern auf einer Seite, die mit dem
tamen des Grafen Litta anfängt, das Wort „toll*.
„Darf man fragen, was dieſe merfwürdige Geheimfchrift bes
utei?“ mifchte ich mich neugierig in die Unterhaltung. Graf Mi-
non und der junge Advolat, die gleichfalls ein lebhaftes Intereſſe
486 Auf Capri.
für das Büchlein verrathen, klären mid, darüber auf: Mademvifelle
hat die Vervollfommnung ber geiftigen Entwidelung der drei junger
Leute in die Hand genommen, und führt unter anderem genau
Conto über ihr „Betragen“ (welches Gemütsjtimmung und gefammtes
Thun und Treiben der Betreffenden einſchließt).
Der Kürze halber bekommt jeder das einige täglich, in einem
Adjektivum ausgedrüdt, zu Iefen: Es ift im Kauft der Zeit eine voll⸗
ftändige Charafterifirung in Beiwörtern geworben.
„Wollen Sie mich-nicht auch in Ihre bildende Obhut nehmen?
gnädiges Fräulein.“ .
„Nein!“ erhalte ich kurz zur Antwort, „Sie find ein Deutjcher,
das heißt, es giebt an Ihnen nichts mehr zu ändern, nichts zu ver—
befjern. Mich intereffirt nur das Unferige” ....
Nach den Dejeuner findet eine Generalverfammlung im großen
Saale ftatt. Welch' eigentHümliche Bauart! Er hat Don Federigo
viel Geld und Kopfzerbrechen gefoftet, und ift ein wohlgelungenes
Semifc) von Luxus und Gejchmadlofigfeit. Im der Mitte, zwiſchen
vier Säulen, erhebt fi, eine Art Podium, auf welchem das Piano-
forte Platz gefunden hat; ber übrige Raum ift in fünf offene, be-
haglich ausgejtattete Schmollwinfel eingetheift, in welche ſich die
Nichtfosmopolitifchgefinnten ihrer Nationalität entjpri d zuͤrück⸗
iehen; derjenige der Engländer iſt gewöhnlich am ftärkften, der der
eutjchen am ſchwächſten bejegt. Die cigarrettenrauchenden Herren
und Damen (Cigarren find eine feltene Ericheinung in Quiſiſana, for
fange der größte Theil feiner Gäfte aus Italienern beiteht) ziehen
ſich in das anſtoßende Fumoir“ zurüd, bis die unterhaltenden Vor⸗
gänge im Saal fie wieder dorthin loden. .
Der Sänger des Fürften Corrigliano erfcheint mit feiner Man-
dolina. Er hat ſich während bes Dejeuners etwas heifer gefungen,
nimmt jedoch nichtsdeftoweniger mit einer Verbeugung, die feinem
ın alle Ehre macht, ben ar gejpendeten Beifall der Gefell-
haft entgegen. Dann giebt der Fürſt — Schüler feines Dieners —
jelber das „Ave Maria“ von Gounod auf der Mandolina zum beften.
Gleich darauf gudt Don Federigos Kellnergeficht verfchmigt lächelnd
durch die Spalte der Saalthür: „Seine Majeftät, der König Viktor
Emanuel, fommt angeritten, meine Serial — Aus um
Garten hinausführenden Flügelthür ſtürzt auf einem Steden gatop-
pirend der Maler Cagliari. Er trägt einen papiernen Helm auf der
Slage und hat die Baden fo funftvoll aufgeblafen, das Geſicht jo
eſchickt geſchminkt, verzerrt, verzogen, ba er allerdings eine gewiſſe
Kepnticfen mit ber befannten „Re galant 'uomo“ - Phyfiognomie
erhält.
Ein braufender Sturm allgemeiner Heiterkeit! Seine Majeftät
verjchwindet, um zwei vornehmen, Bee aufgepußten Türken
Platz zu machen, die einen mit allerlei Firlefanz behangenen, mufel-
männilgen Bitherfchläger mit ſich führen. Der eine verräth die
pompöfen Manieren des M. Mortier, unter dem Fez des anderen
Auf Eapri; 487
ragt die beifpiellofe Nafe des äfteften der jungen d'Anunziante her-
vor, und der pausbädige Zitherfchläger hat die bligenden Augen, die
umfangreiche Taille des Luftigen Marchefe Hektor Pignone, der erſt
am Abend zuvor feinen Einzug in Duififana hielt.
Der orientaliſche Sänger trägt ein Paar echt ncapolitaniiche
BPiedegrottacanzoni vor, und erregt damit eine fo hohe Begeiſterung
Hi Publitum, daß fänmtliche neapolitanifche Rangperfonen mit ein=
timmen. '
Endlich zerftreut fich die Geſellſchaft; Mr. Bennyfon giebt den-
felben Abend einen großartigen Ball, und Hofft ſich bei diefer Ge—
Tegenheit mit Mi Lucy zu verfoben. Graf Litta wird zu guterlegt
jentimental. Er bemerkt, daß ſich die Damen — fine Damen —
zurüdziehen und geht noch in aller Eile „pofnifch betteln“. "
’ „aniebenswürdige Prinzeſſin, ein legtes Lächeln! — Sehr ver-
Funden!“
„Schöne Marquife, ein Patſchhändchen! — Taufend Dank!“
„Ehere Mademoiſelle, ftreiheln Sie mir gefälligft die Borſten.
Ic bin gewaltig aufgeregt. — Sie follten nicht als Schriftitelferin,
fondern als Dapnetiiur durchs Land ziehen.“
„Sie Glüdspilz!” ruft Miguel Miramon mit einem eiferſüch—
tigen Blick auf die Marquife und die Prinzeffin aus. Dann flüjtert
er ber internationalen Literatin zu: .
„Ein herrlicher Negentag, um meine Lebensgefchichte los zu
werden, Mabemoifelle, wollen wir nicht in der Vorhalle fpazieren
gehen!“
„Wenn die ‚Lebensgefchichte‘ nicht länger als eine Halbe Stunde
Dauert. — Va pour une promenade in der Vorhalle!“
„Der Spanier ift ein Egoift!” ruft Fürft Gorrigtiane aus, „ers
hören Sie ihn nicht, mildherzige Mademoifelle! ein Votum ift,
daß fämmtliche Damen fih in ihre Gemächer zurüdziehen und bis
zum Diner der Ruhe pflegen. Ich beabfichtige heute Abend mein
beftes im Tanze zu leiten.“
Inzwiſchen Hat der junge Advofat fänmtliche Fächer der Damen
mit feinen Epigrammen geftempelt. Er nährt eine geheime Leiden-
{haft für Epigramme und Damenfächer! In Duifffane giebt es
keine einzige Dame, auf deren Fächer er ſich nicht etwa in folgender
Weiſe verewigt Hätte:
„Die vornehme Frau ift oft ohne Herz, aber nie ohne Fächer.”
„Der Fächer iſt die Gedanfenjprache der Frau, darum macht jie
ung jo gern Wind vor.“ . . J
„Die Frau ein Engel? — Sagt lieber ein Teufel. Und der
Fächer das Werkzeug ihrer hölliſchen Zauberfünjte.“ ‚
„Wenn die Fran fo gewiſſenhaft lernte ihr ig zu bilden,
wie ihren Fächer zu handhaben, wäre fie das Meifterwerk des
Schöpfers.“ . u
Zerbrich der Geliebten den Fächer und Du zerbrichſt ihr das
Herz“
488 Auf Capri.
„Willſt Du das Wejen der Frau, die Du liebſt, verftehen,
ieb acht auf den Fächer in ihrer Hand: bewegt fie ihn ſchnell, ift
fe unbeftändig, — Tangjam, fo hat fie ein tiefes Gemüt; ſchlägt fie
ihm oft auf, iſt fie gefallfüchtig; hält fie ihm lang geſchloſſen, jo
bleibt fie Dir treu" — u. |. w.
* *
*
Zür alle anderen fiel Mr. Bennyſons Ball glänzend, für feine
eigene Perſon verhängnißvoll aus. Im der Vorahnung des ihr zu-
gedachten Heiratzantrags war Miß Bun nicht nur ben Abend auf
ihrem Zimmer geblieben, ſondern hatte Mr. Bennyſons Balleinladung
in aller Form. zurüdgewiejen. Wir erfuhren diejen Umftand fpäter.
Um feinen Gram zu betäuben, Teiftete Mr. Bennyſon Uebermenfc-
Ads im Tanz und Champagner. Plöglich verſchwand er vom
Schaupla .
EEE gellner hatten ihn zu Bette gebracht. Einige Stunden
nad Mitternacht wurden die ballmüden Schläfer im eriten Stod
des Hotels durch ein entjegliches Knaden, Klirren und Stöhnen auf-
gefchredt. Die Beherzten liefen Hinzu und fanden Mr. ennpfon
mit blutenden Fäuften in den Armen des Marquis Ungaro, welcher
fi) tapfer bemühte, ihn zu Seigwicstigen und zu verbinden. Mer.
Bennyfon war nur mit einem langen Nachthemde befleidet: bleich,
mit bergersten Zügen; das grauenhafte Bild eines Irrfinnigen. Der
Unglüdliche hatte in einem Anfalle von Raſerei ſämmtliche auf die
Terraffe Hinausführende Fenſter eingejchlagen. — Den nächſten Mor-
gen erſchien ber Vorfall wie ein wülter Traum. Mr. Bennyfon
wunderte ſich über die zerbrochenen Fenfterfcheiben und feine arg
ugerichteten Hände. Im Übrigen war er vollitändig ruhig und ber
Shnen. Gegen Mittag beftellte er ein lukulliſches Diner für vier
Perfonen und [ud den rarquis Ungaro, den Grafen Miramon und
mich auf fein Zimmer zum Speifen ein. Die Einladung lautete auf
4 Uhr. Als wir und alle drei zugleich pünktlich bei ihm einjtellten,
jaß er im Nachthemde am Tiſch und jchrieb.
„Was wollen Sie?“ fuhr er uns barſch an, „ſehen Sie nicht,
daß ich an Miß Lucy ſchreibe und allein bleiben will?“
„Warum haben Ste uns denn zum Speijen eingeladen, lieber
Zreund?* warf der Marquis bejänftigend ein.
„Speifen — — jpeifen? Sie find wohl verrüdt! Ich werde
in meinem Fr Mg: nicht mehr fpeifen.” — — — Mit einem
Mal jehr höflich und freundlich: „Entſchuldigen Sie mich gütigf.
Ih muß den Brief auf die Poft tragen, jonft würde Miß eh
nicht mehr vor Abend befommen.“
Wie er ftand und ging, lief er zum Haufe hinaus. Bm
Stunden fpäter fand man ihn erſchöpft auf einem Felſenvorſprun
am Wege nad) Anacapri jigen, und brachte ihn wie einen entlaufı
nen Sträfling nad) Quififana zurüd. Den nächften Tag bezahlı
Auf Capri. 439
er feine fich ins ungeheuerliche belaufende Hötelrechnung, und fchiffte
ſich —— Schutze eines von Don Federigo engagirten Reife
begleiter® von Neapel aus nad) England ein.
Das war der Anfang vom Ende! Die faft ſprichwörtlich ge-
wordene Heiterfeit der Duififanergefellichaft erkrankte und lag bald
im Sterben. Man ſprach von der Abreile, padte Koffer und ſtudirte
Fahrpläne. Don Federigo ließ fein Mittel unverjucht, feine Gäfte
zu Satten, aber vergebend. Das Verhängniß ereilte ihm und noch
jemanden.
Der Präfelt von Neapel — Schwager des Grafen Litta —
theilte Serena telegraphifch mit, daß die Gräfin Litta mit dem
nächften Dampfboot auf Capri eintreffen werde. Er möchte für ein
Zimmer in feinem Hötel forgen und die Dame von der Marine ab-
holen, dem Grafen. jedoch ihre Ankunft verſchweigen. Es handle 19
um eine Ueberraſchung. — Schöne Ueberrajhung! Seit dem Due]
das dem Grafen beinahe den Arm gefoftet hatte, hielt er die Gräfin
eine3 derartigen Gemwaltftreiches unfähig. Aber Die Dame fah einem
wichtigen Familienereigniß entgegen und bedurfte eines Gatten in
ihrer unmittelbaren Nähe. Die Fett thut's einmal nicht anders! ....
je Der almungslofe Dichtergraf zeigte fich während des Dejeuners
jehr nervös.
„Sie find heute wirklich ungemütlich, here Mademoiſelle!“ fagte
er zu feiner ſchweigſamen Tifcpnachbarin. Ich fah es dieſer an, daß
fie entichlofjen war, ihn auf die ‚Ueberrafchung‘, von ber das ganze
Hötel ſich bereits unterhielt, nur er nicht? wuhte, vorzubereiten.
Was gie mich denn heute die Leute jo neugierig an?“
fährt er verdrießlich flüfternd fort, „al ob man nicht täglich Ge—
legenheit hätte, meinen ftruppigen Apollonkopf zu bewundern! Mar-
quife!“ richtet er das Wort laut an fein fchönes Gegenüber, „Made-
moifelle wird nad, Tiſche mit mir im Garten eine Cigarrette rauchen.
Sie find doch auch dabei?“
Bedaure!“ entgegnet diefe froftig, „ich muß nad) der Marine
fahren. Mein Mann fommt!“
„Mir kommt nichts auf der Welt ungelegener, ala ber Mann
einer ſchönen Frau!“ raunt der Graf feiner Nachbarin zu.
„Rauchen wir in der That nachher eine Gigarrette im Garten,
Freund!“ erwiderte dieſe mit erziwungener Gleichgiltigfeit, „aber allein,
ich habe Ihnen etwas zu fagen.“ ...
Die Gräfin Litta, eine noch Junge, bleiche Frau mit finftern,
unruhigen Augen, in einen langen, faltigen Mantel gehüllt und ein
:fegantes Hütchen auf dem Totöblonden, hochfriſirten Haar, erfährt
dei ihrer Ankımft, daß der Graf fich höchſt leidend auf fein Bimmer
urüdgezogen hätte. Sie zudt die Achjel und ein halb ungläubiges,
Bas verächtliches Lächeln umfpielt ihre vollen Lippen. Das Gericht
von dem Iuftigen Leben ihres Gatten war bis Mailand vorgedrun-
en, fein Wunder, daß ihr fein „höchft leidend“ feinen mit! eibigen
Eindrud machte! Schweigend begab fie ſich in das für fie eingerich-
490 j Auf Capri,
tete Gemach, und ließ den Grafen duch ihre Kammerfrau zu fich
bitten. Wird er fommen? Ja! ALS er jedoch dur) Die Vorhalle
geht, fieht er fchredhaft bleich und verftört aus, trägt den feit einiger
Zeit geheilten Arm von neuem in ber Binde und tritt unſicher,
Iamantenh, wie ein Trunfener auf. — — Sie war eine Erbin aus
—
Sriedrih Hölderlin.
3 Ein Lebensbild von Dr. Emil Traut.
3 der Gefchichte bes deutſchen Geiftes regt fich zu
mehrfachen Zeiten ein geheimnißvoller Zug nach
Süden. Es ift, als fchlummerte in der beutjchen
Volksſeele eine tiefe Sehnſucht nad) der verhangenen:
3 Zerne des mittelländifchen Meeres, aus welchem das
Hafftiche Land wie die Schönheitsgättin emportaucht. In gewiffen,
Perioden wird diefe Sehnfucht lebendiger und mächtiger denn je und
fodt die Geifter mit unmwiderftehlicher Gewalt auf die Wanderjchaft
en Hellas und Italien. So zog es im Mittelalter das jtolge
atfergefchlecht der Hohenftaufen unaufgaltfam iimärts über die
Alpen, jo tritt auch im vorigen Jahrhundert in Kunſt und Wiffen-
ſchaft die Sehnfucht nach Griechenland mit befonderer Heftigfeit her⸗
vor. Aber mur wenigen war es vergönnt, die Schönheit ungeblen-
beten Auges anzufchauen, vielen winkte es verderblich herauf auf:
Süden aus der norbiſchen Heimat weg und manch' Kaijerfrone und
manch' Saitenfpiel liegt zerbrochen im fremben füdlichen Lande.
Unter den Unglüdlichen, deren Geift ſich an der Sehnfucht nad) der
klaſſiſchen Antike verzehrte, findet ſich auch Friedrich Hölderlin, in
ihm wird diefer Drang mit maßlofer Heftigfeit rege; trunfenen
Geiſtes, die Seele voll von Heimweh nach Schönheit und Licht, ſtürzt
er ſich in die griechifche Gedanfenwelt, aber der ftolze Flug feines
Genius wird zum Itarusflug und von der fonnigen Höhe herab ſinkt
ku Geiſt in die öde Tiefe der Finſterniß. Selten iſt ein Leben fo
trahlena und verheikungsvoll aufgegangen, um fo fternenlos in Nacht
zu verfinken; wie ein erſchütterndes Schickſalslied klingt es wehmuths⸗
voll durch das Leben und Dichten des eblen deutſchen Sängers.
Johann Ehriftian Friedrih Hölderlin ift am 29. März 1770
zu Lauffen, unweit Heilbronn, geboren. Seinen Vater, einen würts
tembergifchen‘ Verwaltungsbeamten, verlor er in frühzeitiger Kind-
heit; die Mutter, die Tochter eines aus Altenburg in Sachſen itam-
492 | Ariedrich Hölderlin.
FREE . .
menden Pfarrers, namens Johann Andreas Heyn, fuchte ihm dieſen
Verluft durch eine aufopfernde Hingebung zu erjeßen, mit zärtlichem
Mutterauge wachte fie über der — und koͤrperlichen Entwicke⸗
lung des ſchönen Knaben. Hölderlin hat die mütterlichen Sorgen
und Mühen mit kindlicher Dankbarkeit vergolten, er hat in unwan-
delbarer Treue der Mutter, wie auch feiner Schwefter Henriette und
feinem Bruder Karl, der einer zweiten, aber gleichfalls durch Todes-
fall frühzeitig beendigten Ehe der Mutter mit dem Kammerrath God
entftaminte, mit überftrömender Liebe angehangen. Friedrich kam
bald auf die Lateinische Schule zu Nürtingen am Nedar, wohin jeine
Mutter ihrem zweiten Gatten gefolgt war. In ber altberühmten
Schule lef er mit dem fünf Jahre jüngeren Schelling, dem nach⸗
maligen berühmten -Philofophen, einen Freundſchaftsbund für das
Zeben; hier wurde ber ſtrebſame Schüler unter der Leitung bewährter
Lehrer in die Schriften der Alten eingeführt, Hölderlin widmete ſich
mit Eifer dem Studium ber griechifchen und römijchen Klaſſiker und
legte jomit bereit in früher Jugend den Grund zu der eigenartij
Richtung feines unverwandt nad) Hellas ausblidenden Geiftes. Im
fünfzehnten Lebensjahre trat Friedrich, für die theologiſche Laufbahn
beftimmt, in das nahe gelegene Seminar zu Denkendorf, vun wo
aus er reichliche Gelegenheit zu einem innigen und unmittelbaren
Verkehr mit den Seinigen hatte. Um jo ſchmerzlicher war für ihn
feine im Jahre 1786 erfolgende Verfegung in das Seminar zu
Maulbronn. Vom Mutterhaufe weit entfernt, verjenkte fich der zarte
Süngling um fo tiefer in feine Lieblingsfchriftfteller des Alterthums,
“auch verfuchte er fich bereits jegt an dichteriſchen Stoffen, welche
ihm eine anmuthige Liebesidylle mit der jungen ochter eined Maul-
bronner Beamten reichlich darbot. In den geheimnißvollen Kreuz⸗
gängen des Kloſters wie in den ſchönen Waldungen mit ihren ftillen
Seen um Maulbronn trafen-fich verftohlen die Liebenden und tauſchten
ihre Herzen gegen einander aus. Sein junges, —T Liebes⸗
lück vertraute Friedxich dann einer träumeriſchen, ſchwermuthsvollen
joeſie, welche in Hſſianſche Nebelgeſtalten zerfloß. Durch. diefe
urückgezogenheit feines Geiſtes auf ſich ſelbſt und die mente
eigung zu Louiſe gewann feine Denfart und Empfindungsweije
bereit3 jegt einen fast ätherifchen Zug und jene gefährliche Weich
it, welche den Dichter bei feiner Berührung mit der rauhen Wirk-
ichkeit des Lebens bis ins innerfte erigüttete Eine: anhaltende
Krankheit, in welcher ſich Hölderlin mit dunklen = obeögebanten bes
ſchäftigte, trug dazu bei, feine an ſich jo zarte geiftige ftitution
noch mehr zu verfeinern.
Im Herbft 1788 bezog Hölderlin die Tübinger Landesuniverfi-
tät, um fi, dem Wunfche feiner Mutter entjprechend, dem Studium
der Theologie zu widmen, obſchon ihn Neigung und Geiftesrichtung
der Dichtkunſt und der Philofophie zuführten. Seine Vorliebe für
Die rung der Haffiichen Antike wurde immer heftiger, er ver
fenkte fich mit Leidenfchaftlichkeit in die Sophoffeifche Tragödie und
Sriedrich Hölderlin. 498:
bie jerteimmerte Götterwelt Griechenlands; aber, ftatt fi) an dem
Anblid der erhabenen Sqhonhen jener klaſſiſchen Gedankenwelt zu
kräftigen und wie Goethe bie Gegenwart und Wirklichkeit damit wie
mit blühenden Kränzen auszuſchmücken, maß er ſeine Umgebung und
feine Zeit an ben Zuftänden des Perikleifchen Athens und fand in.
m egenjägen eine Quelle feelifchen Unbehagen und einer immer
wachfenden Unzufriedenheit mit der Mitwelt und fich felbft Dazu
beförberten der Höfterfiche Zwang, welchem er als theologijcher Semi-
narift zum Theil unterworfen war, und die Abneigung gegen das
Brodjtudium feine melancolifge Stimmung. An den gejelligen und-
lärmenden Vergnügungen ber Studenten nahm er nur geringen Ans
theil, dagegen pflog er mit gleicgefinnten Genofjen, darunter dem
bichterifch beanlagten Ludwig Neufjer, dem gleichfalls poetih ſtreben⸗
den Rudolph Magenau und dem Philoſophen Hegel einen freund-
ſchaftlichen Verkehr. Dft zog er ſich wochenlang in die Einſamkeit
zuräd, Bing feinen Träumereien nach und klagte feine wirklichen und
vermeintli Leiden feiner geliebten Mandoline. Die Deihätigung
mit der Muſik ift ihm bis an fein Lebensende theuer gewejen und-
iur ihn in den dunklen Tagen feiner Geifteszerrüttung vielfachen
voft gewährt. Hölderlin beſaß einen leidenſchaftlichen San zur
Tontunt, auf ber Flöte, welche er in Tübingen bei dem blinder
Flötenfpieler Dülon lernte, war er Meifter. Auch in feinen Werfen
zeige fü Sie mufilafifche Element mit bejonderer Stärke und feine
melodijchen Verſe ftrömen oft dahin wie Mufil. In Tübingen be-
ſchäftigte ſich Hölderlin auch bereits mit feinem Hauptmwerfe ‚Sue
zion“, doch hat er feine einzige dieſer Skizzen in jein ſpäteres Werk
mit aufgenommen. Auch gab er in der Tübinger Stubentenzeit einige
Igrifche Schöpfungen an die Deffentlichkeit, welche den nachhaltigen
Einfluß Schillers und Klopftods nicht verfennen laffen. Durch das
Studium Platos und Spinozas bildete der junge Stubent au
bereit3 feine Weltanfhauung aus, welche auf der Grundlage einer
unbegrenzten Anbetung der Natur dem Bantheismus zuftrebte. Be—
zeichnend für den Jünger Spinozas ift, daß er ım Jahre 1791 ſei—
nem freunde Hegel_die Worte Goethes aus der Spfigenie „Luft
und Liebe find die Fittiche zu großen Thaten“ mit dem Symbol
nv xaı may“ ins_Stammbuc) eintrug.
Nach Beendigung feiner afabemtfchen Studien und nachdem er
durch zwei Abhandlungen „Parallele zwifchen den Sprichwörtern
Salomonis und ben Sagen und Werfen des Hefiob“, ſowie einer
Geſchichte der jchönen Künfte unter den Griechen” gleichzeitig mit
gel die afabemiiche Magiſterwürde erlangt hatte, verließ Hölderlin
ı Sahre 1798 Tübingen, um zunächſt eine Hofmeifterftelle im Haufe
Freiherrn von Kalb in attershaufen anzunehmen, welche ihm.
chilier, der Freund der Frau von Kalb, verſchafft hatte. Ein Jahr
rauf fiedelte er mit feinem kränklichen Zögling nach Jena über.
er wurde er von Schiller, welchem er eine fchwärmerifche Ver—
zung entgegentrug, mit warmer Herzlichkeit aufgenommen und im
494 Sriedrich Hölderlin.
feinen poetifchen Beſtrebungen in liebevolffter Weife unterjtügt. Im
Schillerjchen Haufe traf Hölderlin auch zum erften Mal mit Goethe
ufammen. Hölderlin ſchreibt über diefe Begegnung an feinen Freund
teuffer: „Ich trat hinein, wurde freundlich begrüßt, und bemerkte
taum im Hintergrunde einen Fremden, bei dem feine Miene, auch
nachher lange fein Laut etwas befonderes ahnden ließ. Schiller
nannte mich ihm, nannt' ihn auch mir, aber ich veritand feinen
Namen nicht. Kalt, faft ohne einen Blick auf ihn begrüßt’ ich ihn,
und war einzig im Innern und Aeußern mit Schiller beichäftigt;
der Fremde — lange kein Wort. Schiller brachte die ia,
wo ein Fragment von meinem Hyperion und mein Gedicht an das
Schidjal gedrudt ift, und gab es mir. Da Schiller fid einen Augen-
bfid darauf entfernte, nahın der Fremde das Journal vom Tiiche,
wo ich ftand, blätterte neben mir in dem Sragmente und ſprach fein
Wort. Ic fühlt es, daß ich über umd über roth wurde. Häit' ich
gewußt, was ich jet weiß, ich wäre leichenblaß geworden. Er
wandte en zu mir, erkundigte ſich nad der Frau von Kalb,
nad der end und dem Nachbar unſeres Dorfs; und ich beant-
wortete das alles fo einfilbig, als ich vielleicht felten gewohnt bin.
Aber ich hatte einmal meine Unglüdsftunde. Schiller fam wieder,
wir ſprachen über das Theater in Weimar, der Fremde ließ ein paar
Worte fallen, die aber wichtig genug waren, um noch etwas ahnden
u laſſen. Aber ich ahnte nichts. Der Maler Meyer aus Weimar
fam auch noch. Der Fremde unterhielt ſich über manches mit ihm.
Aber ich ahnte nichts. Ich ging und erfuhr an demfelben Tage im
Klub der Profefjoren, was meint Du? Daß Goethe diefen Mit
bei Schiller gewejen fei. Der Himmel helfe mir, mein Unglüd uni
meine dummen Streiche & ‚u machen, wenn ich nach Weimar komme.
Nachher fpeift’ ich bei Schiller zu Nacht, wo diefer mich fo viel wie
möglich, tröftete, auch durch feine Heiterkeit und jeine Unterhaltung,
worin fein ganzer koloſſaliſcher Geift erichien, er) das Unheil, das
mir das erſte Mal begegnete, vergeffen ließ.“ Allerdings hatte fich
Hölderlin durch fein eigenartige Benehmen bei dem Dichterfürften,
wie er felber jagt, „eben nicht mit Glück“ eingeführt. Ende 1794
ging Hölderlin mit feinem Telemad) auf Wunſch der Frau von Kalb
na jeimar. Hier ſaß er freilich nicht mit an der Tafel der lite
zartl en Götter, doch fuchte und fand er mannigfache Berührungs-
punkte mit den in Weimar verfammelten Geiftesheroen. Dieſes
Leben mochte ihn aber zugleich die Unfreiheit, welche feine Hof-
meifterftellung naturgemäß mit ſich brachte, um fo drüdender er-
fcheinen laſſen; bereits begann fein Genius die Flügel mächtig aus-
zubreiten und er ftieß fi) dabei an der Enge der ihn umgebenden
Verhältniſſe. Hölderlin entfchloß ſich kurz, Diefer Abhängigkeit ein
Ende zu machen, und nahm feinen Aufenthalt wiederum in Jena,
wohin ihm außer Schiller namentlid, Fichte 329, der an der Thür
tingifchen Univerfität feine begeifternden Gedanken vor einem zahl-
zeihen Auditorium entwidelte. Hölderlins Abficht war daran? ge
Friedrich Hölderlin. 498
richtet, eine Profeffur an der Univerfität zu erwerben. Schiller naym
fich feiner auch jegt wicder „wahrhaft väterlich” an, wie Hölderlin
jelber an feine Mutter fehreibt, und lud ihn, um ihm zugleich peku—
niär zu unterftügen, ein, an feinem Journal „Die Horen“ mitzu- -
arbeiten. War Höfderlin doch fein „Liebfter Schwabe“. Hölderlin
befand fich noch mächtig im Banne des Schillerichen Dichtergeiftes
und noch fpäter gefteht er dem Meifter, daß er zumeilen im gehei-
men Kampfe mit beffen Genius fei, um feine (Freiheit gegen ihn zu
retten, und daß er befürchte, von ihm durch und durch beherrſcht zu
werden. Doc, war die Urfprünglichkeit feiner dichterijchen Schöpfer-
kraft zu gewaltig, um Hölderlin zum bloßen Sklaven der Schiller-
schen Mufe zu machen. Schiller felber ftand dem aufftrebenden
Jünger mit Rath und That zur Seite, er erfannte mit fcharfem
Blid die Schwächen des dichteriſchen Genius feines Schüglings und
wie eine Warnung Elingt des Meifters Rath an den jungen Freund:
„Nehmen Sie Ihre ganze Kraft und Ihre ganze Wachſamkeit zu-
jammen, wählen Sie einen glüdlichen poetiſchen Stoff, tragen ihn
Tiebend und forgfältig pflegend im Herzen, und laffen ihn, in ben
ſchönſten Momenten des Dafeins, ruhig der Vollendung zureifen;
fliehen Sie womög jr philoſophiſchen Stoffe, fie find die un-
Dankbarften, und in fruchtlofem Ringen mit denjelben verzehrt fich
oft die befte Kraft, bleiben Sie der Sinnenmwelt näher, jo werden
Sie weniger in Gefahr fein, die Nüchternheit in der Begeiiterung zu
verlieren oder in einen gefünftelten Ausdrud zu verirren.“ Während
der Jenenſer Lehrzeit erhielt Hölderlin reichliche Unterjtigung von
jeiner Mutter, die alles aufbot, die Lieblingswünfche ihres Sohnes
zu erfüllen. Dankbar erfennt Hölderlin die mütterliche Güte in
einem Briefe an feinen Bruder an: „Es müßte“, fchreibt er, „fein
menſchlich Herz in uns fein, wenn bie Theilnahme einer foldhen
Mutter uns nicht unendlich ftärfte in unferem geiftigen Wachsthum.“
Das Verhältniß des Dichters zu feiner Mutter iſt ein wahrhaft
ſchönes geweſen, ihr widmete er die Erftlinge jeiner Mufe in Eind-
licher Liebe, in der Fremde ſchweifen feine Gedanken immer wieder
zu der geliebten Mutter, an deren Herd fich hinzudenfen ihm Er-
holung nad) den Paradeftunden einer soft n Geſelligkeit gewährt.
Wie ein aus voller Seele ftrömendes Bekenntniß und ein Treus
gelübde richtet er von Jena aus die ſchönen Worte an die Mutter:
„Sie find beforgt um mich, theure Mutter! und ich habe feine Sorge,
als Ihnen fühe Tage zu machen, jo wahr Sie einzig find und Ihre
Güte! Es ift der erſte meiner Wünfche, diefe Güte vergelten zu
fönnen; werb’ ich's je können? Ich hab’ es mir heilig geſchworen,
von num an nicht müde zu werden im Fortſchritte zu reinem Guten
und Wahren, und in diefem Fortfchritte bin ich einer Hilfe gewiß.
Sie fennen dieje. Es ift mein fefter, ernfter Glaube, wie der Ihrige,
der Vater ber Geifter und der Natur verfagt feiner redlichen Er
mühung feinen Beiftand. Wenn wir dahin fraten und ringen,
wohin ein göttlicher Trieb in der Tiefe unferer Bruſt uns treibt,
496 Eriedrid) Hölderlin.
dann ift alles unfer! Selbft der Widerftand ift ein Berfgeug der
ewigen Weisheit, uns feft und ſtark zu bilden im Guten.“ Diefer
Brief ift gleichbezeichnend für Mutter wie für Sohn. Hölderlins
Hoffnungen, in Jena einen Lehrſtuhl zu gewinnen, fcheiterten jedoch,
ein anderer wurbe ihm vorgezogen, und eine tiefe Verſtimmung be-
mäcjtigte ſich des Dichters; er fühlte fich zurüdgefegt und in feinem
Seldftgefühl ſchwer gefränkt. Se war, zumal aud bie zur ve
gung ftehenden Geldmittel erſchöpft waren, feines Bleibens in Jena
nicht länger. Er verlieh die freundliche Stadt an der Saale, die er
jo hoffnungsfreudig betreten hatte, und kehrte zu den Seinigen zurüd.
Nun kam er, ber die Bruft gejchwellt von ſtolzen Plänen ausge-
zogen war, ohne Rang und Stellung, der Mittel entblößt, im Mutter-
haufe wieder an, das Glüd, das er geſucht, war vor ihm rn
wie ein Jrrliht vor dem Wanderer, trübe Schwermuth fenkte fich
wie ein Schatten über feine ruhmesburftige Seele.
Hölderlin ftand jegt vor dem Wendepunkt feines Lebens. Cine
neue Hofmeifterjtelle wurde ihm in Frankfurt am Main in dem an-
ejehenen Haufe des reichen Kaufherrn Gontard angeboten. Hölder⸗
Im traf im Sanıar nd der ee Soetbes BR Das
Glück ſchien ihm enbli wie ein mer Stern aufgehen zu
wollen, er ahnte nicht, dos der Schritt über die Schwelle Be glän-
‚enden Patrizierhaufes ihm zum Berhängnif werben follte. Zunädjft
Hihte er fi) von dem Lichte und Wärme, welche durch feine
neue geinftätte ftrömte, aufs wohlthuendſte berührt; feine Zöglinge,
zwei Knaben und ein Mädchen im Alter von fieben bis zehn Jahren,
dingen ihm bald mit Eindficher Zärtlichkeit an, verehrte er doch im
inde die Freiheit und ungetrübte Schönheit der menſchlichen Natur.
„Es ift ganz, was es ift, und darum ift es fo ſchön“, fagt er ein«
mal in feinem „Hyperion“. Auch die feinfühligen Eltern feiner
Pflegebefohlenen kamen ihm mit Achtung und Freundlichkeit entgegen
und juchten ihm die Abhängigkeit feiner Lebenzftellung nad, Kräften
u erleichtern. Seine finanziellen Verhältniſſe waren durchaus gün-
Mige, ſodaß er daran denken konnte, durch eine hochherzige Unter
ftügung feinem Bruder das Univerfitätsjtudium zu ermöglichen. Jetzt
nahm auch fein Dichterifcher Geijt einen — edlen Aufſchwung.
ſeine poetiſche Geſtaltungskraft wuchs zuſehens und ſeine Poeſie
reifte immer mehr und mehr unter den glühenden Augen einer ge—
liebten Frau. Cine gewaltige Beidenfchatt ftieg in feiner Seele auf
und ftrömte über im Liede in mächtigen Strophen von unendlichen
Wohiklang, Gedankenreichthum und Formſchönheit. Es find —
von einer Reinheit des Ausdrucks und einer Tiefe der Empfindung,
welche Hölderlin ben Rang unter den erſten Lyrikern Deutjchlands
ſichetn und zum Theil das Gepräge der af ität tragen. Wir
ſchwere ehren im Winde wogen bie herrlichen Verſe Hin und her.
„Ein Saitenjpiel und ſüße Sorgen und Träum’ und Thränen gabft
Du mir“, befennt er rührend im feinem Liebe an das Schiefal. Di
meiften und veifften feiner lyriſchen Schöpfungen find im Versma
Friedrich Hölderlin. 497
der griechifchen Dde gefchrieben, aber er beherricht das kunſtvolle
Metrum mit folcher Leichti— keit und künſtleriſchem Feingefühl, daß
ſich die Form aufs herrlichſie mit dem Geiſte vermält und der Ge—
danke wie von einem ſchönen Körper umgeben erſcheint. Es ſei ge—
ſtattet, einen kleinen Kranz feiner duftigſten Liederblumen zu binden.
Im „Sonnenuntergang“ feiert er in faſt griechiicher Weife den Ab-
ſchied des fchönen Bits:
Bo biß Du? trunfen dämmert bie Seele mir
Bor aller Deiner Wonne; denn eben if’e,
Daß ich gelaufcht, wie, goldner Töne
Boll, der entzüdenbe Sonnenfüngling
Sein Abenblieb auf himmliſcher Leier ſpielt;
Ee tönten rings bie Wälder und Hügel nad,
Doch fern ift er zu frommen Böltern,
Die ihn noch ehren, hinweggegangen.
Aus ber „Abendphantafie“ Klingt eine tiefe Sehnfucht nach Ruhe und
Frieden; das Lieb ift von einer zarten Wehmuth umgoffen, die in
der Natur das Bild bes Lebens findet:
Bor feiner Hütte ruhigem Schatten figt J
Der ehiaen, dem Geniügfamen raucht fein Herb.
Gaftfreumbli tönt dem Wanderer im .
Friedlicpen Dorfe bie Abendglode.
Wohl tehren jet bie Schiffe zum Hafen auch
In fernen Städten fröhlich verrauſcht des Maris
Geſchaft'ger Lärm; in filler Laube
Glänzt das gefellige Mahl ben Freunden.
Wohin denn ih? Es Ieben bie Sterbligen
Bon Lohn und Arbeit; wechſelnd in Muh' und Ruh
IM alles freubig; warum ſchlaft denn
Nimmer nur mir in ber Bruſt ber Stachel?
Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blüh'n bie Rofen und ruhig ſcheint
Die gold'ne Welt; o borthin nehmt mich,
Purpurne Wolfen! und mögen broben
In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb’ und Leib —
Doch, wie verſcheucht von thörichter Bitte flicht
Der Zauber! dunkel wird's, und einfom
Unter bem Himmel, wie immer, bin id.
Komm Du nun, fanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; dech enblic, Sugend, verglüft Du ja,
Du rubelofe, träumerifche‘
Friedlich und heiter iſi bonn das Alter.
In dem einſtrophigen Gedicht „Guter Glaube“ iſt ein tiefſinniger
Bebanke in reizvoller Anmuth poetiſch ausgeſprochen:
Schönes Leben! Du liegſt krant und das Herz iſt mir
m ee Fr en bie Furcht in mir.
ni lauben,
Er Merbeh, fo ang Fu Heif.
Der Salon 1889. Heft V. Band I. 4
498 ariedrich Hölderlin.
Rührend umd fromm wie ein Gebet Elingt feine „Wbbitte*:
Heilig WBefen! gefört ki ich bie goldene
Gotterruhe Dir oft und ber geheimeren,
Ziefern Schmerzen bes Lebens
Haft Du mande getrennt von mir.
O vergiß es, vergieb! gleich dem Gewölbe bort
Bor bem friebfi Mond, geh’ id dahin und Du
Ruhſt und glänzeft in Deiner
Schöne wieder, füßes Light!
Klaſſiſch ſchön ift fein Gefang „Die Heimat“, Liebesfehnfucht und
imweh nad) den Seinigen weht durch bie melodiſchen Reihen, um
in der faft antik zu nennenden Shtußwenbung i im allgemeinen Men-
ſchenſchickſal Refignation zu finden
Fa lehrt ber Schiffer Yeim an ben ftillen Strom,
bon Infeln fernber, wenn er geerntet hat;
So lam' auch ich zur Heimat, hätt! ich
Guter fo viele, wie Peib geerntet.
Ihr theuern Ufer, bie mic erzogen einft,
Stiltt Ihr der Siehe Leiden, verfpredht Ihr mir,
Ihr Wälder meiner Zugenb, wenn ich
Komme, die Ruhe noch einmal wieder?
Am kühlen Bache, wo ich ber Wellen Spiel,
Am Strome, wo id gleiten die Schiffe ſah,
Dort bin ih bald; auch, traute Berge;
Die mich behliteten einft, ber Heimat
Berehrte fichre Grenzen, ber Mutter Haus,
Und fiebender Gejcwifter Umarmungen
Begrüß' ich balb, und ihr umfchließt mich,
Daß, wie in Banden, das Herz mir heile.
Ihr treu geblieb’nen! aber ich weiß, ih weiß,
Der Liebe Leib, bieß henet fo bald mir nicht,
Bis et tem — —— den entend
mic aus dem Uni
Denn * bie uns das himmfifcpe Ba leihn,
Die Götter ſchenken heiliges Leid uns auch.
Drum bleibe dies. Ein Sohn ber Erbe
Bin id, zu lieben gemacht, zu Teiben.
Ahnungsvoll und —— beſchwört er in feinem Liede „Die
Varzen“ das Schiefal, ihm die Ausreifung feiner Dichterkraft zu
gönnen, es raufcht von feinen Saiten erhaben wie ein Chorlied der
griechiſchen Tragödie:
Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigenl
Und einen Herbft zu veifem Gefange mir,
Daß williger mein Herz, vom füßen
Spiele —28 dann mir ſterbe ĩ
Die Seele, ber im Leben ihr göttlich Recht
Richt warb, fie ruht and brumten im Orkus nice;
Doch ift mir einft das Heil ge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen:
Friedrich) Hölderlin, 499
Willtommen dann, o Stile der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenfpiel
Mic nicht hinabgeleitet; einmal
Lebt‘ ich, wie Götter, und mehr bedarf's nicht.
Aber das Schichal verjagte ihm die heißbegehrte Erfüllung feines
heifigen Wunſches; ſchon im Frühling feines Lebens zerpflücte der
Sturm bie Blüten feines Geiftes und das goldene Saitenfpiel, noch
voll der jhönften Töne, entglitt dem Arme: des Sängers.
Im Jahre 1797 erfchien nun auch der erite Band bes „Hype-
ion“. Hölderlin hat biefen Roman immer für fein Hauptwerk ge-
haften, er lebte und webte in demſelben, wie er jelber jagte, und hut
al fein Denken und Empfinden in demfelben niedergelegt, feine bejte
Lebenskraft unermüdlich daran gejegt. Der Roman ijt in Briefen
geigrieben, eine Form, welde der Literatur des vorigen Jahrhun-
erts beſonders nahe lag und ein Schwelgen in Gefühlen und das
Ausſchwingen ber Leidenſchaften in Iyrifche Attorde begünſtigt, da-
en der epifchen Darftellung einer Handlung widerftrebt. Auch
$ Iberfins „Hyperion“ entbehrt des eigentlich Fk ichtlichen Inhalts,
der Roman ijt ein unendlich dahin ftrömender lyriſcher Erguß. Aber
dieſe Briefe find von einer Schönheit und Gebanfenfülle der felten-
ten Art, die Profa gerflicht oft in eine rhythmiſche Sprache, welche
zum Gefange wird. Inſofern erinnert das Werk an Goethes Egmont
und ber eriten in Proſa ausgeführten Bearbeitung ber Iphigenie, in
welchen gleichfallö einzelne Stellen in Berje ſich auflöfen. „Hyperion“
iſt ein hohes Lieb der Natur, ein Hymnus an die Freundichaft, ein
Dithyrambus der Liebe. Hölderlin ift fein eigentlicher Schilderer.
der Natur, er verbindet das Lebendige mit bem Wefenlofen, das
Menfchliche mit Himmel und Erde, die eigenen Gefühle mit den leb—
loſen Geftalten der Erjcheinungswelt, ſodaß die Natur die Verkörpe—
rung feiner eigenen Empfindungen wird, wie ein lebendiges Wejen
mit ihren wunderjamen Räthſeln und Myfterien uns anblidt und
eine Seele zu haben ſcheint. Es hängt dieſe Feier der Natur mit
der. pontbeifiicen Weltauffaſſung Hölderlins zufammen, von welcher
auch der „Hyperion“ gefättigt ift. Wie eine Blüte hängt er am der
Natur, wie der Geliebte vor der Geliebten weint er vor ihrem An-
geficht die fehnfüchtigften Thränen, er möchte hinüberftrömen in den
länzenden Aether, wie ein Laut verflingen in ber ewigen Melodie
der Sphären. Es ijt diefelbe Stimmung in dem Romane, welcher
ölberlin in einem Briefe aus biefer Zeit an feinen Bruder einen
rakteriftifchen Ausdrud verleiht: „Freilich fehnen wir uns oft aud),
aus dieſem Mittelftand von Leben und Tod überzugehen ins unend-
liche Sein ber ſchönen Welt, in die Arme ber ewig jugendlichen
Natur, wovon wir auögingen.” Hhperion erinnert in feiner Natur-
anbetung an Werther, man fönnte ihn den griechiichen Werther
nennen; mit dem Goethejchen Helden hat er auch die Leidenſchaft⸗
lichkeit der Empfindungsweife und eine geivifje Veberanftrengung der
Gemütsfräfte gemeinfam, welche für Hölderlin, der die Goetheſche
. 34*
500 Friedrich) Hölderlin.
ähigfeit nicht beſaß, Bur die poetifche Darftellung fich von feinem
stoffe zu befreien, gefährlich werden mußte. Zugleich gewinnt im
„Hyperion“ die Sehnſucht Hölderlins nach a8 ihren klaſſiſchen
Ausdrud. „Ich Tiebe dies Griechenland überall. Es trägt die Farbe
meined zens. Wohin man fiehet, liegt eine Freude begraben“,
ſchreibt fein Fe Damit verbindet Hhperion-Hölderlin zugleich eine
griechische Auffafjungsmweife vom Schidjal, dem felber die olympifchen
Götter fich beugen mußten und das in feiner ftarren Nothwendig-
teit etwas graufames für die moderne Anfchauung hat. „Aber es
gt alles auf und unter in der Welt“, fchreibt er, „und es hält der
eh mit aller feiner Riefenkraft nichts feſt. Ich ſah einmal ein
Kind die Hand ausftreden, um das Monblicht zu haſchen; aber das
Licht ging ruhig feine Bahn. So ftehen wir da und ringen, das
wandelnde Schichſal anzuhalten.“ Dieſe leidenſchaftliche Liebe zu
Griechenland verführt den Dichter am Schluſſe ſeines Romans zu
den bitterſten Ausfällen gegen ſeine deutſche Heimat; mit ſolcher
Heftigfeit hat wohl ſelten ein Dichter fein eigenes Völk angeklagt.
„Thatenarm und gedanfenvoll* nennt. Hölderlin ſchon in feinen Ge»
dichten die Deutfchen, im „Hyperion“ verbichtet fich aber biefe Ver—
ftimmung zum wüthendften Hafje, welcher fich im mefentlichen gegen
die damalige politiiche und gejellichaftliche Unfreiheit de beutjr
Volkes richtete und ſchließlich doch auf dem Grunde einer tiefen
Liebe zum Vaterlande ſteht. Im „Hyperion“ hat Hölderlin gleich
zeitü Finer Liebe ein poetijces Denkmal gefegt. Diotima, die Heibın
des Romans, ift die Geliebte feines Herzens, die Mutter feiner Zög-
linge. Hölderlin betete Die Herrin des Haufes wie ein ER
Götterbild an. Frau Gontard war von ſchwärmeriſcher Natur, für
alles Schöne und Große leicht empfänglich, die Seele voll von
Sehnſucht nad giftigen Verkehr mit einem Gleichgefinnten. Da
trat Hölderlin, den feine Freunde mit einem Apollo verglichen
haben, in feiner jugendlichen Schönheit ihr entgegen und beide um-
loderte bald_die Fiamme ber vernichtenden Leidenſchaft. Hölderlin
erblickte in Diotima fein griechiiches Ideal, fie war ihm eine helle
nische Madonna. Zu Neuffer, der den Dichter in Frankfurt befuchte
und der Frau des Haufes vorgeftellt, deren Schönheit nicht genug
zu preifen wußte, fagte Hölderlin: „Nicht wahr, eine Griechin?“ Im
diefer Neigung fühlte ſich Hölderlin mengi ſelig, er hatte lange
des Liebesglüdes ſchmerzlich entbehrt, um fo feuriger neigte ſich fein
Herz der ſchönen Frau. „Ich bin in einer neuen Welt“, ſchreibt er
an Reuffer, „ich konnte wohl fonft glauben, ic) wilfe, was ſchön und
gut fei, aber feit ichſs fehe, möcht’ ich lachen über all mein Willen.
ieber Freund! es giebt ein Weſen auf der Welt, worin mein Geift
SJahrtaufende verweilen kann und wird, und dann noch fehe, wie
ichülerhaft all unfer Denken und Verſtehen vor ber Natur 15
gegenüber findet. Lieblichkeit und Hoheit, und Ruh' und Leben, un
Geiſt und Gemüt und Geftalt ift ein feliges Eins in diefem Weſen.
Du fannjt mir glauben, auf mein Wort, daß felten jo etwas geahndet
Friedrich Hölderlin. ’ 501
und ſthwerlich wieder gefunden wird in diefer Welt. Du weißt ja,
wie ich war, wie mir Gemöhnliches entleidet war, weißt ja, wie ich
ohne Glauben Tebte, wie ich fo- farg geworden war mit meinem
‚Herzen umd darum fo elend; konnt' ich werden, wie ich jegt bin, froh
wie ein Adler, wenn mir nicht dies, Dies Eine erſchienen wäre, und mir
das Leben, das mir nichts mehr werth war, verjüngt, geftärkt, erheitert
hätte mit feinem Frühlingslichte. Ich habe Äugenblicke, wo all
meine alten Sorgen mir fo durchaus thöricht fcheinen, fo unbegreif-
lich wie den Kindern.“ Im einem anderen Briefe an feinen Freund
heißt es: „Noch bin ich immer glüdlich, wie im erften Moment. Es
ift eine ewige, fröhliche, heilige Freundfchaft mit einem Wefen, das
fich recht in dies arme geift- und ordnungslofe Jahrhundert verirrt
hat! Mein Schönheitsfinn ift nun vor rung Es orientirt
ſich si an diefem Madonnenkopfe. Mein ftand geht in die
Schule bei ihr, und mein uneinig Gemüt befänftigt, erheitert 1
täglich in ihrem genügfamen Frieden. .... Sie ift ſchön wie Engel.
Ein zartes, geiftiges, himmlifchreizendes Geficht. Ach! ich könnte ein
Iahrtaufend lang in feliger Betrachtung mich und alles vergefien,
bei ihr, jo unerfchöpflich reich ift dieſe anſpruchsloſe, ſtille Seele in
diefem Wilde.“ Aber diefe Leidenschaft mußte ſchon wegen bes fitt-
lichen Konffiktes, in welchen fie gerieth, zum Verderben des Dichters
ausſchlagen. Bald verwandelte ſich der Seelenfrieden, der ihm aus
der en Neigung aufquoll, zum tragifchen Kampfe, welcher feine
Bruſt zerwüßlte und in welchem er feine phyſiſchen Kräfte aufrieb.
mBruberherz“, fchreit er in ber Dual feines Herzens in einem
Schreiben an den Bruder auf, „ich hab’ auch viel, fehr viel gelitten,
und mehr, als ic} vor Dir, vor irgend einem Menjchen jema 8 aus⸗
ſprach, weil nicht alles außzufprechen ift, und noch, noch leid’ ich viel
und tief, und dennoch mein’ ich, das Beſte, was an mir ift, fei noch
nicht untergegangen.“ Die unheilvolle Neigung konnte dem Gatten
nicht verborgen bleiben und fo wurde Hölderlin genöthigt, im Scep-
tember 1798 feine Stellung im Gontardſchen Haufe aufzugeben.
Ohne Abjchieb verließ er Frankfurt, der Himmel verhüllte die ſchönen
Sterne, nach denen er in holder Schwärmerei ſehnſüchtig aufgeblict
Bette, und Naht und Sturm empfingen den unglüdlichen Sänger.
it dieſer Zeit geht ein tiefer Riß durch fein ganzes Leben, an dem
fein Herz langſam verblutete. Hölderlin hat Die Neigung zu Dio-
tima nie überwinden fönnen. Noch lange Zeit blieben die Liebenden
im brieflichen Verkehr, nad; einer geheimen Werabredung blickten fie
‚u gleicher Zeit in denfelben Stern, um ſich in dem ſchönen Lichte
jleichjam geiſtig wieber zu jeden. Diotima zu vergefjen, hat Hoͤl⸗
erlin nit vermocht. „Wer in die Stille dieſes Auges gejehn“,
hreibt er im „Hyperion“, „wen dieſe ſüßen Lippen ſich aufgeſchloſſen,
‚ovon mag der noch fprechen?“
Hölderlin wendete fi) zumächit nach Homburg, um am Herzen
eines Freundes Sinklair von den Stürmen, die feine Bruft durch-
’gen, auszuruhen und in einem Kreiſe feinfinniger und hochgebildeter
502 Friedrich Hölderlin.
Männer Zerftreuung zu finden. Zugleich widmete er fich mit leiben-
haftlicher Energie Peihen poetifchen Beftrebungen, als wollte er aus
m Born der Dichtkunſt Heilung für fein Liebesweh ſchöpfen. Das
wahre Ziel der Kunſt entjchleierte fih ihm immer mehr, fie wurbe
ihm, wie fie ihm immer heilig gewejen war, zur Religion. Auch
äußerlich hat Hölderlin unable an der Vervolllommnung feiner
Schöpfungen gearbeitet, er meißelte unermüblih an ber poetifchen
Form, bis er den reinften Ausdrud feines Gedankens gefunden zu
haben glaubte. So hat er ein einzelnes Gedicht nicht felten in ſechs
verfeie nen Geftaltungen zu Papier gebracht. Mühſam entrang ſich
das Lied feiner gebärenden Seele, nicht wie Pallas Athene entjpra:
es ihm in vollendeter Schönheit. Ein poetiiches Glaubensbefenntni
hat er in einem aus dem Jahre 1798 aus ra! datirten Briefe
feinem Freunde Neuffer abgelegt; es zeigt ſich in diefem Schreiben
gleich, daß Hölderlin fich der Vermustdbaren Stelle feines Dichteri-
Ken Genius wohl bewußt war. „Das Lebendige in der Poejie“,
ſchreibt er, „ist jegt Basjenige, was am meiften meine Gedanken und
Sinne befchäftigt. Ich fühle fo tief, wie weit ich nod) davon ent
fernt bin, e8 zu treffen, und Dennoch ringt meine ganze Seele bar-
nad) und es ergreift mich oft, daß ich weinen mh wie ein Kind,
wenn ich um und um fühle, wie es meinen Darjtellungen an einem
und dem andern fehlt und ich doch aus den poetifchen Irren, in
denen ich herumwandle, mich nicht herauswinden kann. Ad! bie
Welt hat meinen Geift von früher Jugend an in ſich zurückgefcheucht,
und daran leid’ ic) nod) immer. Es giebt zwar ein Hofpital, wohin
ſich joe auf meine Art verunglüdte Poet mit Ehren flüchten lauu
— die Philofophie. Aber ich kaun von meiner erjten Liebe, vor
den Hoffnungen meiner Jugend nicht laffen, und ich will lieber ver-
dienſtlos untergehen, als mich trennen von der füßen Heimat der
Mufen, aus der mich bloß der Zufall verfchlagen hat. Weißt Du
mir einen guten Rath, der mich jo jchnell wie möglich auf das Wahre
bringt, fo gieb mir ihn. Es fehlt mir weniger an Kraft ala an
Leichtigkeit, weniger an Ideen als an Nuancen, weniger an einem
Hauptton als an mannigfaltig geordneten Tönen, weniger an Licht
wie an Schatten, und das alles aus einem Grunde; ich jcheue das
Gemeine und Gewöhnliche im wirklichen Leben zu jehen.“ Das war
aud der Grund, warum ihm die Poeſie nicht zur Heilquelle wurde;
-ein Üübermäßiger Idealismus, eine jaft krankhafte Subjeftivität führte
ihn in eine feindliche Pofition zur Wirklichkeit. Ihm war es nicht
jegeben, die Gejtaltungen der Außenwelt mit liebendem Auge anzu-
Pahuen und bie iehroffen Gegenfäge des Lebens in dem alles ve-
ſöhnenden Humor in der Idee und der Poeſie aufzulöfen; fein Bli
war trogig in fich ſelbſt gefehrt. Ahnungsvoll hatte Schiller üb
ihn an Goethe gefchrieben: „Er hat eine heftige Subjektivität u
verbindet bamit einen gewilfen philojophifchen Geiſt und Tieffin
Sein Zuftand ift gefährlich, da ſolchen Naturen fo ſchwer beizı
kommen iſt.“ Im der Homburger Zeit ſchuf Hölderlin fein Tragi
Sriedrid, Hölderlin, 503
dienfragment „Der Tod des Empebofles“, in dem er die Sage, nach
welcher ſich der Agrigentiner Philoſoph in den Krater des Yetna
eſtürzt hat, poetiſch verarbeitete. Das Drama ift eine Verherrlichung
r Naturphiloſophie, eine Apotheofe des Pantheismus; erdenmüde
und Iebenzjatt, wie vom Heimweh nad) der Natur ergriffen, wie von
Sehnſucht nad) der Auflöfung in das AU getrieben, ſtürzt der Phie
Ba) in den Flammentod. Die düftere Stimmung Hölderlins
offenbart ſich in dem ſchaurigen Trofte der Panthen:
„Mit in ber Bär und Purpurtraub'
Iſt heilige Kraft allein, es nährt
Das Leben vom Leibe fih, Schwefter!
Und trinkt, wie mein Held, doch auch
Am Tobestelhe ſich gtüdtid 1"
ölderlin vollendete jegt auch, feinen „Hyperion“, der einen witk-
ichen Abſchluß allerdings überhaupt nicht gefunden hat. Wie eine
bittere Ironie endet der Noman mit Briefpaſſus „Nächftens
mehr.” Hier entwand das Schiefal dem Dichter die Feder. Auch
die poetifche Erzählung „Emilie vor ihrem Brauttag“ entftand in der
Homburger Lebensepoche des Dichters. Diefe Belenntniffe einer
raut an ihre Freundin jind von einer unendlichen Zartheit, Ein-
fachheit und Schönheit und muthen umfo eigenartiger an, ala Höl-
derlin in ihnen den Ton eines ihm ſonſt jo fremden Realismus an-
ſchlägt. Daneben ſchuf Hölderlin in_diefer Zeit feine herrlichſten
Igrifchen Dichtungen, er ſtand auf der Sonnenhöhe feines dichteriſchen
Schaffens, aus tiefftem Schmerz ftrömten ihm bie reifiten Lieder.
Mit rührender Semiffendaftigtett folgte die Mutter den poetischen
Schöpfungen ihres Sohnes, aber die Traurigkeit feiner Weifen machte
ihr Herz bange. Im frommen Betruge juchte er Die mütterlichen
Sorgen zu wichtigen. „Das Gedichtchen“, vermuthlich die oben
wiedergegebene Dde „Die Heimat“, ſchreibi er, „hätte Sie nicht be—
unruhigen follen, theuerfte Mutter! Es follte nichts weiter heißen,
als wie ſehr ich wünfche, einmal eine ruhige Zeit zu haben, um das
u erfüllen, wozu mich die Natur beftimmt zu haben fchien. Ueber-
upt, fiebjte Dautter! muß ich Sie bitten, nicht alles für ftrengen
Ernſt zu nehmen, was Sie von mir lefen. Der Dichter muß, wenn
er feine Heine Welt darſtellen will, die Schöpfung nachahmen, wo
nicht jedes einzelne vollfommen ift, und wo Gott regnen läßt auf
Gute und Böje und Gerechte und Ungerechte; er muß oft etwas
unwahres und wiberfprechendes jagen, das fich aber natürlich im
ganzen, worin es als etwas vergängliches gejagt ift, in Wahrheit
und Harmonie auflöfen muß, und fo wie der Regenbogen nur ſchön
ift nach dem Gewitter, jo tritt auch im Gedichte dad Wahre und
Harmonifche aus dem Falfchen und aus dem Irrthum und Leiben
nur deſto jchöner und erfreulicher hervor.“ Aber nach dem Gewitter;
fturm, welcher die Seele des Dichters bis ins innerfte aufgewühlt
hatte, jollte ihm die Sonne in ihrer ftrahlenden Schönheit nicht
wieder aufgehen. Sein geiftiger und körperlicher Zuſtand wurde
504 Exiedric) Hölderlin.
immer gefährlicher; der einft blühende Züngling war zum Schatten
Herabgehunfen. Seine verbitterte Gemütöjtimmung 309 aus Der
Erfolglofigfeit feiner Unternehmungen neue Nahrung. in Plan,
eine äfthetif —— zu begründen, ſcheiterte, ſeine erneute Hoff⸗
nung, eine Dozentenſtelle in Jena zu erlangen, wurde vermuihlich
an dem Widerjpruch Goethes zunichte. Solche maflofe, ins unend⸗
liche ftrebende Naturen, wie diejenige Hölderlind, waren dem im
ſchönen Gleichgewicht der Kräfte ficher auf fi ſelbſt ruhenden
Dichtergotte entgegen. Im Dezember 1800 nahm Hölderlin in der
Hoffnung, an der großartigen Setfehermelt fein Teidendes Gemüt zu
erholen, eine Hofmeifterjtelle in der Schweiz an, woſelbſt er Lavater
und Zolliofer kennen lernte. Im Angeficht der himmelanjtürmenden
Gebirge bejann fich fein Genius wieder auf ſich felbft, Hötberlin
ſchrieb während feines Schweizer Aufenthalts einige prachtvolfe Oden.
Bald aber zeigten ſich an ihm die Spuren einer furchtbaren Geijtes-
ermattung. Die Hofinung, eine Ausgabe feiner Gedichte zu veran-
ftalten, rief ihn im Die Heimat zurüd, ſchlug aber fehl. So ent-
ſchloß er ſich, zumal mit Rückſicht auf feine ungünftige pefuniäre
Lage, eine Hauslehrerjtelle bei dem Hamburger Konful in Bordeaux
anzunehmen. Im Dezember 1801 reifte er nad) einem ſchweren Ab-
ſchied von den Ceinigen über die gefürchteten überjchneiten Höhen
der Auvergne; die Fahıt war wegen der Verfehräunficherheit des
rauhen Gebirges von befonderer Gefahr. „In Sturm und Wildnik,
in eisfalter Nacht und die geladene Piftole neben mir im rauhen
Bette — da hab’ id) aud) ein Gebet gebetet, das bis jept das Beſte
war in meinem Leben und das ich nie vergefjen iverde“, fchrieb er
kurz nad) feiner Ankunft in Bordeaux an die theure Mutter. So
Winter und Sturm um fich her und Winter und Sturm im Herzen
verließ er die Heimat. Zunächſt lebte er fi in die neuen Verhält-
niffe mit Leichtigkeit hinein, noch immer hoffte er, nad) den Prü—
fungstagen der Jugend zufrieden und glüdlich zu werden. Nach
turzer Zeit war Hölderlin verjchollen, wohin er Hi jeivendet, nie⸗
mand wußte darüber Nachricht zu geben. Endlich) im Sommer 1802
erſchien er plöglich wieder in Deutjchland, nachdem er wie cin Land»
freier Frankreich durchirrt hatte. In erfchütternder Weife hielt er
bei Matthijfon Einkehr. Leichenblaß, abgemagert, von hohem, wilden
Auge, langem Haar und Bart, wie ein Bettler — tritt er zu
- Matthiffon ind Zimmer. Erſchrocken ſteht Matthiſſon auf, die
ſchreckensvolle Gejtalt betrachtend, die nad) einer langen Pauſe näher
tritt, fich über den Tiſch neigt und mit dumpfer, geifterhafter Stimme
murmelt: „Hölderlin“. Alsbald ift fie auch ſchon wieder verfchwi
den. Im Juli traf er bei feiner Mutter in Nürtingen ein; er
ſchien im Zuftande des grauenvolliten Wahnfinns, jagte die Mut
und fämmtliche Hausbewohner in einem Wuthanfall aus dem Ha
und verfiel fodann in eine todesähnfiche Geiftesapathie, aus der
ſich nur allmählich erholte. Seit Waiblingers bivgraphifcher Ski
über den unglüdlichen Dichter geht die Sage, da Hölderlin
Eriedric Hölderlin. 505
Borbeaug durch sügeltofe Ausfchweifungen feine Geiftesfräfte er-
ſchöpft Habe, diefe Annahme entbehrt jedoch jeglichen Anhalt. Im
mütterlichen Haufe nahm er feine Bievfingshefeäft ung, die Poeſie,
wieder auf und verjenkte fich noch einmal in Die Werke der Alten.
Er überjegte fopar Sophofles’ König Debipus und Antigone in
fünffüßigen Jamben und dem Originale entfprechenden Chornetren.
In den Anmerkungen lagert neben geiftvollen Gedanken der herz-
zerreißendfte Unfiun. Der Landgraf von Heffen-Homburg nahm ſich
in biejer Lage bed Dichters an und v8 ihn als Bibliothekar in
feine Reſidenz. Allein der Zuftand Hölderlins wurde immer bedenf-
Ticher, fo daß man ihm nicht mehr fich felber überlaffen Fonnte.
Unter dem Worwande, daß er in Tübingen Bücher einzufaufen habe,
wurde er im Herbſt 1806 in das dortige Stlinifum gelodt, woſelbſt
die legten Heilungsverfuche mit ihm angeftellt wurden. Die fchließ-
liche Diagnofe war unheilbarer Wahnfinn. Im Sommer 1807
wurde er in der familie eines wohlhabenden und waderen Tifchler-
meijter8 namen® Zimmer in Tübingen untergebracht, in welcher er
bis zu feinem Tode gelebt hat.
In der erften Zeit hatte Hölderlin noch zuweilen Anfälle von
Raferei, in weldyer er einmal jämmtliche Gejellen zum Haufe hinaus-
trieb und die Thür verfehloß, fo daß er fchließlich mit Fauftichlägen
bewältigt werden mußte. Später verlor fich aber die Tobſuchi voll-
ftändig und feine Geiftesfranfgeit nahın den Charakter einer unge-
Heuren pſychiſchen Erfchlaffung an, welde eine Sammlung der
Gedanken ünd ein logiſches Aneinanderreihen der Vorſtellungen
unmöglich machte. Körperlich war ſein Zuſtand bis zu ſeinem Ende
ein vortrefflicher. In der Zuſammenhangsloſigleit ſeiner Ideen glich
er einem Kinde. Er mußte übrigens auch wie ein ſolches behandelt
werden. Nicht ſelten begleitete er ſeine Pflegeeltern in die Gärten
und Weinberge, woſelbſt er ſich auf einen Stein ſetzte und die Heim-
ehr erwartete. Was er fand, mochte es der geringfte und werth-
loſeſte Gegenftand fein, ftedte er ein und nahm es mit nad
ufe. In feinem Zimmer wollte er nichts dulden, was nicht ihm
elbſt gehörte, deßhalb ftellte er, ſobald er gegefjen hatte, das Ge—
irt —— vor fein Zimmer auf ben Fußboden hinaus. Cine
kindiſche Freude empfand er, ald man ihm ein Sopha in feine Stube
fegte, auf dem nun ein jeder Befuch Play nehmen mußte. Befuche
von Belannten empfing er gern, er befitelte fie mit „Euere Majeftät,
Euere Heiligkeit, Herr Baron, gnädiger Herr Pater“, war artig und
öffich gegen fie und mifchte in feine Unterhaltung mit Vorliebe
Kanpöfifhe Broden, bildete aud) neue, finnlofe Wörter. Oefters ver-
arrte er auch in feinen einmal begonnenen Selbſtgeſprächen. Sich
elbſt Tieß er gern „Herr Bibliothetar“ anreden. Einen erquidenden
Anflug übte auf ihn die Natur aus, noch immer hing er an ihr
it findlicher Liebe. Inter feinen Fenſtern floß der Nedar und
ufchte ihm von den ſchwäbiſchen Bergen heimatliche Grüße zu.
‚ne ſchöne Mondnacht Todte ihn mitten aus dem Schlaf ang
506 Eriedrich Hölderlin.
Fenſter. Da ftand der unglüdliche Sänger und fein erlojchener
Blid ſchweifte unftät in die duftende leuchtende Nacht. Auch die
Muſik blieb ihm in den Jahren des Irrſinns eine liebe Freundin.
Tagelang blich er am Klavier jigen und übte hunbertmal diefelbe
einfache Melodie. Hatte er einige träumerifche Akkorde gegriffen, jo
fiel plögfich fein Auge zu, das Haupt richtete ſich auf und er be
gann im wehmüthigen Gejange feine Leiden auszuftrömen. Im
Übrigen trug er für bie Geſchehniſſe um ſich her und für die Er
eignijfe der Zeit nur weuig Theilnahme zur Schau. Nur als man
ihm von den griechiſchen — erzählte, wachte feine alte
Liebe zu Hellas wieder auf; aber der arme Sänger, der ala Hyperion
im Geifte für bie Umabhängigfeit Griechenlands gekämpft hatte,
lauſchte nun mit verjtörten Sinnen den Stegesnachrichten aus feiner
eiftigen Heimat. Seine Kieblingsbejchäftigung blieb jedoch die Poeſie
Anfänglich beichrieb er mit einer wahren Wuth jedes Papier, das
ihm in die Hände fam. Sein Hauptthema war Diotima. 3
„Hyperion“ lag faft immer aufgejchlagen auf feinem Tifche. Er las
gern daraus vor. So erzählt Waiblinger, ber als Student mit
Hölderlin freuudſchaftlichen Umgang gepflogen, daß der Dichter nad)
einer Stelle aus dem „Hyperion“ einmal mit heftigem Geberbenfpiel
ausrief: „O ſchön, fhön, Euere Majeftät‘, dann weiter las und
plöglich Hinzujeßte: „Sehen Sie, gnädiger Herr, ein Komma!“ Die
Gedichtsfragmente aus diejer Zeit find noch immer von melodiſchem
Wohliaut erfüllt, aber die fternenlofe Nacht des Wahnſinns brütet
darüber und nur hier und da bligt wie ein Wetterleuchten ein
ſchöner Gedanke plöglih und fehnell verlöfchend aus den Zei
vor. Wie eine erjchütternde Zragif flingt es aus Dem See:
zälfte des Lebens“, welches als eine Probe ber Hölderlinjchen
ahnſinnsgedichte hier Plag finden mag:
Mit gelben Blumen hänget
Und voll mit wilden Rofen
Das Land in ben Ser,
Ihr holden Schwäne,
Und irunken von Küffen
Zunft ihr das Haupt
Ins heilig nüchterne Waſſer.
Weh mir, wo nehm’ ic, wenn
Es Winter if, die Blumen und wo
Den Sonnenfdein,
Und Schatten der Erbe?
Die Planen Reben
Sprachlos und Lalt, im Winde
Klirren die Bahnen. —
Endlich, am 7. Juni 1843 fand Hölderlin auch feinen Ieiblid n
Tod. Ein Lorbeerfrang, ber ihm im Leben verfagt war, j—mü 2
bas Haupt des entichlafenen Sängers. Seiner Leiche folgten v &
Brofeiforen und Studenten. In Tübingen liegt fein fterblicher ZH il
egraben. Aber fein Licd lebt ewig.
—
Sharon.
Bon Zanthippus.
illfommen, erquidender gas),
Schütteljt die Tropfen Du gleich
Von dem Geäjt mir herab!
Willfommen nad) laftender Schwüle des Tags!
E74 wie fühleft die Stirn du woblig
Ad, wie ſchlürft mit Entzücken die Bruſt
Deine belebende Jen te, welche
Wohlgerud von Millionen
Jäh vom Regen zerichlagener Blüten
Würzet beraufgenb!
Tief noch hängt das Gewölk,
Nachtend, es mahnt Pr Vorficht den Schritt.
Sr james Ohrs und reges Herzens
ande’ ich müde den einfamen fad,
Der das erfehnte Obdach verheißt.
gurh! weit witternder Hunde Gekläff
ünbet mich an en, das Dorf ift nah.
Seh’ ich die Giebel nicht ſchon
Ragen im gelblichen ſchmalen Streif
Dort, wo des Himmels Gewölbe
Aufliegt der trunfenen Erbe?
Nicht mehr reget das weithindröhnende Lich
Eintönig klagend, ber Rohrbommel mich auf.
Plöglich zerbricht das Gewölt,
Wie fi) ein Vorhang theilt.
Froher erathm’ ich, mich „gelihet das fchwärzliche Blau
Gleich) dem unendlichen Meere,
Wenn es der müßvoll hinauf klimmende Pilger,
Um des höchſten Gebirgs letzten
Vorſprung ſich wenbend, erfchaut.
Siehe, da gleitet er Hin, der filberne Kahn,
Sicher dahin durch ewige Zeichen,
Die auf der Weite ſchimmernd ſchweben.
Als ic ein Kind war, aiigte die Mutter lächelnd
Wohl im Monde den Mann und erzählte das Märchen.
Und nun heute? Geſteh' ich es nur, ich jehe
Deutlich des leuchtenden Schiffe hoshragenben Fährmann.
Grüßt er herab? Mir ftartt das Blut.
„Wer Du auch feift, ein Holder vder ein Unold,
Sci mir gegrüßt und verehrt, Erhabener!” -—
Kennft mic) wohl nicht? Bin Charon genannt.
508 Eharon.
dien nicht, F meinen 8 Ingrunbe nicht ſchlecht,
hrlich nicht ſchlecht mit euch Wichten,
ch und der alles erlöjende Tod.
Jehzo gleit' ich Dir hin wie ein liebliches Bild nur,
Das Di) nad) Tages Gewühl erfreut, denn Grüße
Tragt ihr ihm auf an die ferne Geliebte,
Srübe nehmt ihr zurück und Gelöbniß der Treue.
Und id) wehr' es Euch nicht, doch kennt ihr
Wenig des Sehnfucht weckenden
Weſen und Abficht. —
„Du biſt's Charon? Vergieb, dort wußt' ich Dich nicht.
Tauſcheſt Du fo wie bie Jugend uns täufcht und bie Hoffnung?
Schöne Maske, kenn' ich Dich nun? Hab Dank,
Daß Du jo freundlich Dich nennit.
Denn auch fo, Du löſeſt die Seele in Wehmuth,
Aengſteſt mich nicht. Deine ſtygiſche Flut erlabt mich.
Juhren und hüteſt getreu der Ladung,
nermäbli n erlicher Du!“ — Noth
Ja, man plackt ſich, doch geht es zur Noth jetzt,
Da ſich ein wenig des Gi Tohmuth —
Nicht auf lange, denn immer von neuem
gadt Euch die Mordgier an. Wie lang’ iſt's
af ich das Röcheln vernahm und den flehenden Blick ſah
Zaufender, die mit wollten über die Nacht zu ihrem Erlöjer?
Uns kann's gleich fein, doch macht man fich feine Gedanlen —
„Giebt es denn Heil für uns? D fag’ mir, Charon!“
gi? Ich mein’, ich hörte mal fo was,
iner hab’ es entdedt und fie hätten ihn graufem,
Teufliſch geſchunden dafür und Hingefchlachtet.
Und Jahrhunderte lang, jo dünkt mich,
ört" ich die Läfternde Lüge, |
on dem Gott, der die Liebe fei |
Und ein Herr der Schlachten zugleich. |
€ Er es fie jo gelehrt, fo Togen die Frechften. !
Wirſt es ja wiffen, was fit es uns an? 5
Wir thun unfere Pflicht, ihr feht, wie ihr durchlommt! —
„Sharon, kämſt Du herab! erfüllteft die Herzen, .
Lieber Freund der armen Gequälten,
Ad, mit Deinem milden Worte! Charon!
get Du mid, nicht? Weile doch!
ch, wo bliebejt Du? Charon! Charon!" —
Schaurig braufet der Sturm, von neuem
Stürzen die Waffer herab, doch ich bin am Ziele,
Gott fei Dank! Lange noch, lange
Blieb er mir fern der erlöjende Chlaf.
Weifebilder aus dem Südoflen Guropas.
Bon Irma v. Troß-Borofiyäni.
L
Auf der Bonau.
8 war vor zehn Jahren, ald faum die Kanonendonner bes
ruſſiſch⸗ türliſchen Krieges verhallt waren, daß ich zum eriten
Male nach dem Süboften Europas meine Schritte lenkte.
Ein böſes Geſchick lag auf mir. Ein einziger Augenblid
hatte den een Bau meiner energiichiten Beftrebungen, Die
wärmften Hoffnungen meines end zertrümmert. „Kant am
Herzen, arm am Beutel, ſchleppt' id) meine langen Tage‘. Da floh
ich die Heimat und fuchte im fremden, unbelfannten Lande Vergeijen
etänfchter Erwartungen, Kräftigung der Seele und des Körper zum
Beginn eines neuen Wirkens.
Im Herbſt des een Jahres nahm ich num noch einmal
einen mehrwöchentlichen Auf enthalt in Zalta, dem wegen Traubenkur,
Seebad und ftärfender Meeresluft von Ruſſen vielbefuchten kleinen
Städtchen an der Südoftküfte der Krim, und will es verjuchen, aus
beiden Reifen den Lefern diejer Hefte die mir ſelbſt unvergehlichen
Bilder, wenngleich nur in flüchtigen Umriffen, zu entwerfen.
Der flugähnlichen Rapidität, mit welcher der Kurier-Zug mic)
binnen zweimal vierundzwanzig Stunden von Wien nad) Odeſſa hätte
bringen fönnen, zog ich bie längere, aber auch unvergleichlich intereſ⸗
fe-tere Fahrt zu Schiff auf der Donau vor. Nach einer in Buda-
pı t gehaltenen kurzen Raſt beitieg ich am 17. September das ftatt-
Ti je Dampfboot „Kadetzky“. Es war elf Uhr abends und ich fand
& fo überfüllt, daß ich nur mit Mühe ein kleines Plägchen zum
€ gen auftreiben fonnte und jo die Nacht im gemeinfamen Salon
vı bringen mußte, wo die Damen auf den Divans herumlagen und
di Männer an verfchiedenen Tiſchen Karten fpielten, rauchten und
tr ıfen. B
510 Reifebilder aus dem Südoften Europas.
Angenehmer als diefe erfte Reiſenacht war der kommende Tag.
Zwar ift die Gegend hier flach und im ganzen einförmig, aber Die
Yeite mit veizenden Wäldchen bededten, theils gleich künſtlichen
öſchungen, nicht hoch aber fteil abfallenden Ufer, jowie ber immer
gewaltiger anwachſende Strom jelbft bieten doch ſtets anmuthige
feine Bariationen. Wir zogen vorüber am Biſchofs- und Jejuitenfig
Kalocja, am weinberühmten Szegizard und dem ſchlachtenberühmten
Mohacs. Dann kam Draued (bei Efjegg), wo ſich die Drau in bie
Donau ergießt, und man der Waffer fein Ende zu fehen glaubt.
Am 19. September nachts wedte mich ber Saflagierstwechfel in
Bazias; ich hatte zwar auch jegt feine Hängematte, doch aber einen
Divan zu meiner Verfügung, was immerhin ſchon als eine jehr
werthvolle Errungenjchaft betrachtet werben mußte!
Die allerdings bejtändig wechſelnde Reifegejellfchaft ift aus allen
Nationen zufammengewürfelt. Da Hört man außer ben Deutjchen,
franzöfifchen und englifchen Weltſprachen auch itafienifh, ungariſch
Terbitd, armenifch, griechiſch jprechen und durch einander jchreien, und
man iann fi) zum Zeitvertreib die verſchiedenſten Nationaltypen
beraugfuchen. — Die Gegend, welche wir heute durchziehen, iſt wım-
dervoll. Die Gebirge beginnen nad) Belgrad mehr und mehr anzu:
deiaen, aber die Dunkelheit der Nacht. verhüllte fie meinen; Blidk
immer enger drängen fie den braufenden Strom ein und ſchon haben
wir mehrere Engpäffe-paffirt, den bedeutendften zwilchen fieben bis
acht Uhr morgens. Ein eifiger Sturm wehte und entgegen; Dichter
Nebel dedte den Himmel und trieb in wilder Jagd um Die Hoch in
die finftern Wolfen tragenden Felſen, zwilchen benen des Stromes
ungeheuere Wafjermafje bald in wüthenden Stromſchnellen bahin-
ſchießt, bald in majejtätifcher Ruhe fich fammelt, welche fie einem
Bergſee ähnlich erjcheinen läßt. Dort erhebt fich, von einer eben aus dem
Nebel aufgetauchten Feljenjpige, kreiſenden Flugs, ein getvaltiger
Abler, ein an enormer Flügelweite ſeltenes Iplar; — da ragt
ein thurmähnlicher Feld mitten aus dem fchäumenden Strombett
heraus. Wahrlich! ich bereue es nicht, ungeachtet der Warnungen
meiner Reijegefähttinnen, ber winterlihen Temperatur Trog
zu haben, um, wie außer mir nur einige wenige Männer, in Plaid
und Pelz gehüllt auf dem Verdeck dieſes grohartige Schaufpiel zu
bewundern.
Um halb zehn Uhr morgens in Trenkova angefommen, mußten
wir auf einen Miniaturdampfer umfteigen, der unjere Bagage auf
einem Floß ind Schlepptau nahm. ittlerweile ift e8 warm ne
worben, bie Berge treten zu beiden Seiten zurüd, aber zeigen ſch
in ihrer vollen, bedeutenden Höhe.
Wir gelangen nun zu dem berühmten eijernen Thor, ein is
faft in die halbe Breite der Donau hineinreichendes Felſenriff, m f-
ches nur einen ſchmalen Streifen fahrbares Wafjer den Schiffen Lö it,
da die übrige Hälfte in ciner Länge von 30—40 Faden von KL pr
pen durchzogen ift, über die der Strom raujchende, ſchäumende We! m
Keiſebilder aus dem Sũdoſten Europas. 511
wirft. Der Kanal des Fahrwaſſers ift Sur ein vothes Zeichen, wie
jene an Eifenbahnen, angezeigt, Die Strede zwiſchen Trentova und
DOrfova kann nur bei Tage befahren werden.
Bald erbliden wir die Trümmer einiger uralten Gemäuer, die
Ueberreſte römifcher Seftungen Längs des Fluffes kann man auch
die deutlichen Spuren ber ei enfo alten trajanischen Straße verfolgen.
Auch entdeden wir die Stelle einer ebenfalls in jener Beit erbauten
Brüde, ſowie bie trajaniſche Gedenktafel, eine Felfenplatte mit latei⸗
nifcher Infchrift, welche jegt allerdings durch Rauch von Hirtenfeuern
fo edit ift, da man aus einiger Entfernung feinen Buchſtaben
mehr zu unterſcheiden vermag.
Immer weiter brauft Yo Schiff und Bild an Bild, zieht an
uns vorüber.
In einer Heinen Station befteigt eine reizende Serbin unferen
Dampfer, reizend Jemeht durch ihre dunklen Augen unter den langer
Wimpern, durch ihre blühenden Farben und die weichen, üppigen und
dod yarı zarten Formen ihrer Geftalt, als aud) durch ihre maleriſche
Nationaltracht, die alle diefe orzüge ihrer Erjcheinung im beiten
Lichte zeigt. Ein Heiner, hellrother Fez, von fchweren dunklen
Zöpfen umfchlungen, die ihrerſeits wieder von einem lichtblauen
Bande ummunden, diademartig durch eine gigernbe Brillantnadel
rm find; ein fehwarzes, enganfchließendes Leibchen mit blauen,
lipartigen Einfägen.
Und welch buntes Gewimmel regt fich dort am Ufer! Won ber
gelkrogenden Uniform der Tumäntfden und ſerbiſchen Offiziere bis
v Mangel an Kleidung ſich Tennzeichnenden Tracht des
—— auf Eſel reitende, bärtige Türken in weißem Hemd und
blauer Hofe, eine rothe Sehärne um die Lenden und den bunten
Turban auf dem Haupte; der Wallache in weiter Gatie und kurzem,
taum zum Gürtel teichendem Hem de, an welchem jedoch Gattin ober
Geliebie die mühfamft ie durchbrochenen Shume nicht fehlen
laßt; der ferbifche Bauer mit herabgebogenem Schnurrbart und der
Hohen, ſchwarzwoölligen Mütze und fein Weib, Kopf und Bruſt, faſt
wie bie Türfin, mit großen weißen Tüchern verhůllt Dort drängt
ſich die Uniform eines Marineoffiziers gi ifchen einen Schwarm von
nur mit Hemd und Schürze befleideten Wallachinnen, und hier wird
eine and Land tretende elegante Abendländerin von einem Kaufen
halbnackter, an Farbe den Rothhäuten ähnelnden Trägern überfallen,
welche zudringlich ihre Dienfte anbieten.
Unzählige große und Fleine Segelfchiffe begegnen und oder wer-
den von unſerem Dampfer überholt. Eben zog eine flotte von 19
Segeln an und vorliber, umkreiſt von Hunderten jchnellflügeliger
Möven, die pfeifgefchwind bald Hart an der Wafferfläche hinſchießen,
bald hoch über den ftolgen Maften. Zerner und ferner treten bie
Ufer des Stromes zutüd, und immer feltener werden die Spuren
menſchlichen Daſeins an denfelben; ja Stunden verrinnen ohne auch
nur ein einfames- Fiſcherboot, ober eimen feine Heerde tränfenden
|
i
i
i
512 Reifebilder aus di
reitenden Hirten entdeden zu Iı
Wildenten halb im hohen Sch
dahinſchwebenden Reiher.
Infolge ihres geringen F
gleiht die Donau nun weit mı
und die tiefe Ultramarinfarbe i
nirgend fonjt ihren Namen der
Die Sonne neigt fi gege
Ebenen und bejonders eine fern
der Balkankette, mit jenem wunl
wohner des Abendlandes in ent
Tag lächelt ein heiterer, freunt
ftrahlt das freundliche Tagesgeſ
gang entgegenfahren, befto rofigı
die Luft.
An Schiftowa mit dem gegt
fangreihen Stadt ganz türkiſche
ten Minarets gezierten Mofcheen
und Kähnen belebten Hafen, an
vorüber (Städte, welche in dem
eine fo bedeutende Rolle fpielte:
Galag ein, von wo ein rüuſſiſch
mündung ins Schwarze Meer un
g
Keine Stadt der Erde viell
nationalen Charakter, wie diefe
Nordens und Südens, des Occil
nicht erzeugt, durch Klima und !
Sommer erweden die verfchieder
Kleidung fich anpaßt; Schiffe au
empfängt und entläßt der geräu
an Getreide; faum gerin er viel
ſonders Luxusartikeln. In fein
roßer Luxus entfaltet, wie hie
ren größtentheils aus Bari
Zoiletten.
In Mitte des vorigen Yahı
felige Fifcherhütten an der Stel
Einwohner zählenden Handelsft
häfen unſers Kontinents, wie T
Seite geftellt werden kann, ja die
und ihrer, ausgenommen im «
Häufer, an Ausdehnung wohl ül
Kind unferes Jahrhunderts
Deine, Google
Reifebilder aus dem Südoflen Europas. 513
erabe, ſchneiden ſich in rechten Winkeln und überraſchen durch ihre
Kattice Breite, wie durch die fchattigen Alleen, mit denen fie
bepflanzt find. ’
Und welch ein — faſt aller civiliſirten und unciviliſirten
Nationen der Erde! Der kühl zurückhaltende Engländer, neben dem
lebhaft geſtikulirenden Italiener; der ſchachernde Jude, neben dem
nicht minder ſchlauen Griechen. Franzofen und Deutſche, Holländer
und Schweben, fie alle jtellen ihr zahlreiches Kontingent von Be—
wohnern. Selbjt ein Brüderpagr Shane verfauft köſtlich aromati-
ſchen Thee in feinem vorzüglid) ausgeftatteten Geſchaͤftsloklale. Koftüme
aller Art, außer der bereit3 am Schiff begegneten, drängen fich hier:
dort ein Trauben und anderes Objt verfaufender Tatar aus ber
Krim; hier ein Tcherfejfe zu Pferde; da wieder einige Armenier. —
Und alle die Laute und Sprachen! ein wahrer Thurm Babel!
Begegnete ich nicht auf jedem Schritte den ‚IJswostſchik“, nichts
würde mir fagen, daß ich in Rußland bin. Aber in welchem andern
Lande der Welt trifft man dieſe Art Ziafer? Ein Meines, leichtes
Wägel mit fehr engem Sitze für zwei Perfonen, mit einer durch
hohen ven über dem Kopf des Pferdes verbundenen Gabeldeichjel;
meift 108 ein zweites Pferd frei zur Seite gefpannt; der Kutjcher
im ruſſiſchen Kutfcherfoftüm, dem wattirten, weiten, bis zur Erde
reichenden Faltencod, der mich, wenn id) eben das bärtige Geficht
nicht jehe, in Zweifel läßt, ob ein männliches oder mweibliches Weſen
auf dem Bock die Zügel lenkt. Ich hatte indeß Bien Jswostſchit
bald eine ſehr anziehende Seite abgemerft: ihre Billigkeit. Für
20 Kopefen (etwas mehr als 20 Kreuzer öfter. W.) machen Tie jede
beliebige Fahrt in der Stadt. Und dennoch thut ihnen Ddeſſa das
Zeidweien an, heutigen Tages mehrere Tramway-Streden durch das
Innere der Stadt und nad den verfchiedenen, häufig bejuchten
Punkten der Umgebung zu befigen! Bebauernswerthe Jswostſchik!
Als ic) im verfloflenen Herbſte dafelbit ankam, empfingen mic)
die Hallen eines neuen, prachtvollen Bahnhofgebäubes, ftatt des alten,
ſchmutzigen Labyrinthes; auch fand ich bedeutende Verbeſſerung im
Pflaſter und in der Neinhaltung der Straßen, in welcher Hinficht
ſich Odeſſa vor ben meiften ruſſiſchen Städten vortheilhaft auszeichnet.
Am 22. September 1885, gegen drei Uhr nachmittags ſchiffte
id) mic) mit meiner junsen, ruſſiſchen Freundin, die wir Raiſſa
Pawlowna nennen wollen, auf dem Dampfer „Olga“ ein. Dreimal
- tönte das Beichen der Abfahrt: die Glode und das dumpfe Horn,
defjen düſter flagender Ruf über die heiter ſchwatzende Gefellichaft
auf dem Verdeck und durch die klare, ruhige Luft weithin fallt,
wie ein Warneruf vor den Gefahren, welche das krügerifche Meer in
jedem Augenblid heraufbefchwören kann. Geſchäftig drängen ſich die
Matroſen durch die Menge, welche ſich beim dritten Zeichen, den ab-
reifenden Freunden nod) einmal die Hände fhüttelnd, über die Zall-
treppe ang Ufer zurüdzieht. Die Anker werden gelichtet, und langſam
ſetzt fich der Schraubendampfer in Bewegung, langſäm windet er ſich
Der Salon 1889. Heft V. Band I. 35
514 Neifebilder ans dem Südoften Europas.
durch das Gewimmel der Schiffe zum Hafen hinaus, zwijchen den
doppelten Breakwater hindurch. Leije Beginn das wohlgebaute, aber
nicht ſehr große Schiff zu ſchwanken; leiſe nur, benn fpiegelglatt
dehnt ſich die Fläche des Meeres; feine drohende Woge, Tein weißer
Kamm hebt ſich: die beiten Auguren ruhiger, unbeläftigter Fahrt.
Weiter und weiter bleibt die hinter dem Hafen ua ſtolz aus⸗
dehnende Stadt zurück, unmerklich ziehen wir ans dem breiten Golf
auf die Hohe Sce hinaus; nad) etwa anderthalb Stunden verſchwin⸗
den die legten Unebenheiten des Horizonte, die legten Spuren bes
verlaffenen Landes und endlos dehnt fich das Meer ringsumher.
Prächtig war der Tag, herrlicher noch die Nacht. Der dunkle
Sternenhimmel über und ſchien mit der dunflen Sec unter uns fich
u einen. Silberflutend ſchimmerte der endloſe Streifen, den unſer
Hampfer Hinter ſich ließ im milden Licht des Halbmonds. Dort
und da Begegnete uns ein Segler mit hoch am Maſte glänzender
Laterne und zog langjam an uns vorüber.
Zange wollt’ ich mich nicht trennen von dem Genuſſe dicfer
imbejchreiblich jchönen Nacht, und ſpät war es, als ich meine Kabine
aufſuchte, in meine Hängematte kletterte und fanft gewiegt an ber
Seite meiner Freundin in ruhigen Schlaf verfiek.
UL
Sewafopol*)
Gegen fieben Uhr morgens liefen wir in die Bucht von Sewaſtopol
ein. Zwei weit ins Meer en Landzungen, von denen Die
zur Linken von einem folojfalen, maſſiven Fort gekrönt ift, umrah—
men fie. Weiterhin theilt fie ji in drei Arme, deifen längſter fich
wohl drei big vier Werft**) ins Innere des Landes erftredt, und den
rößten Schiffen weithin einzulaufen geftattet. Die Natur Hat hier
elbſt alles. getfan, um den bequemjten und ficheriten Hafen zu
ſchaffen, und außer dem von Felſen ganz eingefchlojjenen, aber Heinen
Keſſel von Balaklawa bietet das ſchwarze Meer nichts ähnliches.
Die vor dem Krimkriege jo bedeutende und blühende Stadt liegt
auf den verfchiedenen Landzungen und den Ufern ber Buchten zer-
ftreut, aber au) Heute no), 30 Jahre nad) ber furd)tbaren Belage-
rung, größtentheil® in Trümmern. Wir benugten die fünfftündtge
Naftftation unjeres Schiffes, fie in der Kreuz und der Quere zu
durchwandern. Ganze lange Straßen find nur aus Schutt- und
Steinhaufen und aus halb noch) ftehenden Mauern einftiger Häu
gebildet, aus deren ausgebrochenen Fenſterhöhlen Greuel und X
wüftung des Krieges wie aus hohlen Augen uns anjtiert. Dort ı
*) Bei im Deutfpen und Ruſfiſchen gleichlautenden Ortenamen behalten
bie der ruffifcen Ausfprade möglichft entfprecenbe Orthographie bei.
=>) Werft if das ruffifhe Lüngenma fir Gntfernumgen. 1,94 Merft
1 Ritometer, fobaß ungefähr 7 Werft auf eine geograppifcpe Meile Tommen
Reifebilder aus dem Sũdoſten Europas. 515
da hebt ſich allerdings ein neues Gebäude aus der Mitte der öden
Auinen; doch fcheint es uur dem Bild der Zerftörung ein lebendigeres
Relief zu verleihen. .
Dicht neben dem Landungsplag der Dampfichiffe führt eine
breite fteinerne Treppe zu dem von weißen Säulen getragenen Por-
tifus, vor welchem viele die Ueberfahrt über die Buchten vermittelnde
Boote verfchiedener Größe nor Anker Liegen. Das Ufer gegenüber,
dem Einfahrenden zur Linken, bejhügt noch ein zweites En und
hinter dieſem erblidt man an einer Kalt anfteigenden Anhöhe die
Friedhöfe der Hier gefallenen Ruſſen, Franzoſen und Engländer; fie
gleichen, um der vielen der fie befchattenden Bäume willen, ausge—
dehnten, freundlichen Gärten. Died ijt wohl das einzige Plägchen,
an defjen mildem Grün das von dem grellen Sonnenlicht des Südens,
den weißen Kalffeljen und den aus demjelben weißen Gejtein erbauten
Häufern geblendete und durch die fahle, nadte Erbe ermüdete Auge
ſich ausruhen kann.
Kaum hundert Schritte vom Landungsplage, am rechten Ufer
der weiten Bucht, hat man es verfucht, die traurige Dede burch
einige neue Gartenantagen, angenehm zu unterbrechen; aber auch fie,
weder von dem jteinigen Saltboden noch won dem regenfargen Him-
mel begünftigt, zeichnen fich, wie die ganze Landſchaft, Durch Mangel
an grünender, blühender Vegetation aus. Dicht am Meeresitrande
ladet und eine fühle Grotte, in welcher ein ſprudelnder Brunnen
plätfchert, zur Ruhe ein; unter dem heißen Sonnenbrande Lot mich
paſſionirie Schwimmerin indeß noch verführeriicher die Badehütte
in nächfter Nähe, wie primitiver Art fie auch ſei. Das von feinem
Wellenichlag bewegte Waſſer der Bai iſt blau, wie Saphir, tar und
durchfichtig, wie Krijtall; viele Klafter tief fieht man deutlich auf
dem Grunde jede Muſchel, jedes Steinchen glänzen.
Nach der köſtlichen Erquidung bes Seebades fteigen wir die
felfige Anhöhe über die Stadt hinan, auf welcher der wenig Schat-
ten aber eine weite Umſchau gewährende Boulevard, immer bergan,
u bem bebeutenditen Gebäude der heutigen Stadt führt: einer dem
:ommen Andenken ber im Krimtriege gefallenen ruſſiſchen Strieger
erbauten Stiche, in deren halb unterirdiicher Gruft die unter den-
jelben hervorragenditen Generäle und Admirale beigejegt find. Fried-
lic) ſtill und kühl ift'3 hier unten zwifchen den ſchweigenden Gräbern:
Friede des Todes.
In Sewaſtopol verließen viele unſerer Mitreiſenden das St
um zu Wagen Jalta zu erreichen; eine Strede von beiläufig 80 Werit.
Den Hafen_verlaffend und ſich nad) links, Südoft, wendend,
‚mfchiffte unfer Dampfer den kaum drei jt von Semwaftopol ent-
ernten Cherjonnes. Hier bezeichnet eine von der Land- und von
r Seeſeiie weithin fichtbare irde die Stelle, wo der erſte chriſtliche
ürft Rußlands, Wladimir J. 988, die Taufe empfing.
Noch einige Werft weiter kommen wir an ber Heinen Landzunge
fiofept vorüber, und nun beginnt das bisher flache Ufer almäyfıh
368
516 Heifebilder aus dem Südoflen Europas. u
anzufteigen. Einer von Menjchenhänden errichteten Mauer ähnfich,
chtoff ins Meer abfallend, erhebt es fich anfangs faum ein paar
uß, bald einige Klafter hoch, und jo höher und höher.
Wir fahren an dem uralten, in der Geſchichte der Krim oft
erwähnten St. Georgäflofter, mit feinem hochaufragenden Kicchthurm,
an dem halbverftecten Eingang zu dem Eleinen Hafen des Städtchens
Balaflawa — welches unjern Blicken jedoch verborgen bleibt —
und an dem Kap Phoros, der ſüdlichſten Spige der Halbinjel vorbei.
Bald erbliden wir num ganz auf der Höhe des Gebirges,
2800 Fuß über dem Meere, ein trog der Entfernung deutlich ficht-
bares, den Felſen durchbrechendes Thor, das Barbarthor, durch wel-
ches die von Sewaftopol nad) Jalia führende Strafe geht. Sie
überfteigt bier das SJarlagebirge imd bie Strede vom Baidarthor
bis Alupfa an der fteilen Höhe herab ift ein Meiſterwerk modernen
Straßenbaues. Der überrafhende Anblid des Meeres foll, befonders
bei Beiterem Sonnenaufgang, für folche, welche von Sewaſtopol kom⸗
menb, das Een paffiren, ein ganz unvergfeichlich herrlicher fein.
Das Schft ährt nun im öftlicher Richtung Länge der Küfte
dahin. Beftändig fteigt die Gebirgötette an, deren Höhenkamm auch
‚hier in felten umterbrochenen, fentrechten Wänden gegen das Meer
u abfällt. Aber auch mehr und mehr Raum gewährt fie an ihrem
But den am Abhange Hebenden Tataren-Dörfern: Kiteneis, Limen,
Iupfa, Mischer, Gaspra; fowie den immer zahlreicher werdenden
Schilöſſern und Villen der Großen und Größten bes Reiches, und
ben mit feinen weitberühmten Produkten ganz Rußland verforgenden
- Weinbergen.
\ Bei dem Kap von Yi-Todor, das ein bie Sc fer weithin
"warnender Leuchtthurm krönt, nimmt die Küfte eine nordöjtliche Ric
tung, und fehon erbliden wir in der Ferne das Zul unferer Reife,
‘dem wir, vorüber an den Schlöffern Orianda und Livadia, zuftenern.
IV.
Ialta
Wo die Jallakette ie volle Höhe — gegen 5000 Zub —
erreicht, und am weiteiten flaches oder nur fanft fich erhebendes Land
am Meeresufer läßt; wo fie von einer gegen Norden fih hinein⸗
windenden Thalſchlucht unterbrochen, ihre Berge wieder öftlid) und
mit dem Vorberg Ai-Danil bis ins Meer hinausfchiebt; da, im Nor-
den und Weften vom Gebirge umrahmt, Tiegt das Heine Städtcher
an der nad) ihm benannten, weiten und wenig ins Land einfchne
denben Bucht zwiſchen Air-Tobor und Ai-Danil,
Die geſchuͤtzte und füdliche Lage (44%/, Gr. nördl. Br.) gebe
Salta und feiner Umgebung ungefähr die Temperatur Oberitalien
und aus dem ganzen ungeheuern Zarenreiche ſtrömen Kranke uı.
Geſunde Hierher, um unter diefem warmen, heitern Himmel Genejung
Erholung, Kräftigung oder aud nur Vergnügen zu fuchen. Beſon
Reifebilder aus dem Sũdoſten Europas. 517
ders in den zum Gebrauche der Traubenfur und des Seebabes ſich
am beften eignenden Monaten September und Oktober ift Jalta und
feine Umgebung der Sammelpunft der vornehmen und reichen Welt.
Und fein Wunder ift ed, wenn Stranfe hier genejen, ek und
Sterbende zu neuer Hoffnung fich aufraffen und die kraftvolle Jugend
ſich kopfüber in den vollen Genuß des Lebens ftürzt: hab’ ich es
doch felbft erfahren, wie dieſes reizende Fleckchen Erde, das allen
Bauber des Meeres und des Gebirges, eines föftlichen Klimas und
ippiger Vegetation vereinigt, bie Bulte des Lebens fräftiger und
ES er fchlagen läßt und jeden Nerv zu intenfiverem Genuß bes
afeins anregt.
Noch auf dem vor Anker liegenden Schiffe überrafcht und das
maleriſche Bild des im Halbkreis an der Bai erbauten Stäbtchens.
Im Nordoften jteigen die zerftreut liegenden Häufer ben Hügel
hinan, auf deffen Gipfel die biendend weißen Mauern und Thürme
des hübſchen, ruſſiſchen Kirchleins hinter ſchwarzgrünen Ehpeeffen
und Cedern hervorjhimmern. Dicht am Meere erftredt fich der
fchattige Boulevard; an denfelben gegen Weiten fich anfchließend,
gerade vor und, der Duni, wo Hötel an Hötel fich reiht; weiter
qurüd die reichen Weinberge, aus denen unzählige, gejchmadvolle
Willen herausfugen; dahinter die mit dichten Wäldern bebedten
Höhen, deren gewaltige Stirnen nadt und fahl in die Wolfen vagen,
und über alledem die klare, Burchfichtige Seeluft, das golden=rofii
helle Licht des Südens, welches alle Konturen ſcharf und vente
hervortreten, die jetten Zarben von Wald und Meer, von Berg und
Himmel fi herrlich von einander abheben läßt. Wie oft ſchwelgte
ih in dem Anblick dieſes prächtigen Bildes, wenn das wogende
eer mich in feine Arme aufgenommen hatte und auf feinen ſalzigen,
— kräftigenden Fluten, fern vom Ufer, ſanft auf und nieder
nukelte. .
Wohl ragen une imifchen Alpen höher und ftolzer zum
Himmel, tragen die Gletſcher auf ihren gewaltigen Schultern, Vene
den aus ihrem Schoße die bdonnernden, Vernichtung und Gegen
bringenden Ströme ind Thal. Ihre oft grauenerregende Majeftät,
fuche fie hier nicht; aber alle Pracht, allen unbejchreiblichen Reiz,
welchen die Bermälung der See mit dem Gebirge, überwölbt von
dem milden, faft ewig heitern Himmel bes Südens, träumen läßt,
hat die Natur mit freigebiger Hand hier auögegoffen.
Die See! ewig wechſelnd und ewig gleich ſchön, ii jeder Stunde
des Tages und der Nacht in andern doc; ſtets wunderbaren Tinten
Spielen: vom dunfelften Ufttamarin, bis zum zarteften Bläulich-
rün; finfter und ſchwarz unter den barüber lagernden Wolken,
ſtrahlend und lächelnd im hellen Sonnenfhein, allen Farbenglanz
von Gold und Silber, Smaragd und Saphir, Onyr und Opal be-
ſchämend; heute ein zur Erde herabgefunfener Himmel, morgen Tod
umd Verderben donnernde Wuth der Hölle — wer vermag ihren
Zauber zu erklären? — Täglich ging ich ftundenlang am Strande
518 Heifebilder aus dem Sũdoſten Europas,
auf und ab, oder faß auf den Bänken hart am Waffer, ſodaß die
Wellen mir dicht um die Füße fpülten, und ward nicht müde, ihnen
gugufeßen. Eine nad) der andern ſchiebt fi heran, Höher und höher,
13 fie fich in die zurüctaufchende Brandung überftürzt und ſich in
unzählige, Heine, Fraufe, mit weißem Schaum bededte Welchen zer⸗
theilt, die mit riefelndem, Enifterndem Geräufch den ſanft anfteigenden
Uferkies, gleich zahlloſen, behenden, weißwollhaarigen Mäuschen und
Kaninchen, murmelnd hinauflaufen. Nun rinnen fie wieder zurüd;
aber ſchon begegnet ihnen die nächfte unermeßlich lange Woge und
überftürzt fich abermal3 mit dumpfem Dröhnen, und jo fort, Die dritte,
die vierte, und jede jtäubt mir ihren feinen, falzigen Sprühregen zu,
den ich mit demfelben trogigen Wohlgefühl einathme, wie die jcharje
Luft unferer Hocalpen. Sieh! da naht eine, höher, gewaltiger als
die vorigen; näher zum Ufer heran rüdt fie; jetzt ftürzt auch fie
in die fhäumende Brandung — ſchnell Füße und Kleid in die Höhe,
denn flugs! läuft fie über den Kies weg bis unter meine Bank.
Dort! dort fomınt eine andere, noch gewaltiger; aber fich! Die gegen-
ftrömenden Waffer brachten fie früher zum Falle, und fie kam lange
nicht fo weit al3 die vorige — wie jo oft im Leben das Streben
des Einen fein giel erreicht, das eines Andern dem Gegenjtrom eines
mitrigen Geſchickes unterliegt.
o treiben die Wogen unermüdlich ihr harmlojes Spiel in
frieblichen Tagen. Aber wie fchauervol rafen und toben fie, wenn
fie ein Sturm dem Lande zutreibt! Haushohe Ungethüme, wälzen
fie ſich Hetan, die Stirn überhangen von weißen, drohenden Loden.
Nichts jcheint ihrer titanif Gewalt widerftehen zu Zönnen; —
doch ſchon Beugt ſich das Niefenhaupt und in furchtbarem Bogen
ftürzt es mit donnerndem Toſen in die Tiefe, aus deren wildem
Aufruhr fehäumender Giſcht empor — — Soll ich es befennen?
Mein Herz jauchzt, troß heimlichen Bebens, bei diefem ſchauerlichen
Raſen. Ya, 3 mehr! mit unbezwinglicher Gewalt treibt's mich,
hineinzuſtürzen und den Kampf zu wagen auf Tob und Leben. -—
reilich, wohl fänd’ ich den erftern. Denn als ich einmal, bei etwas
mmegter See, die jedermann, aufer mich, vom Baden zurüdchtedte,
ind Meer hinaus zu ſchwimmen wagte, wurde ich beim Zurüdfehren,
ermübet von ber Anftrengung des Durchdringens der Brandung,
kraftlos und aufs äußerfte erfgöpft, außerhalb der Badehütte ans
Ufer gefchleudert, und Tann von Glück fagen, nicht an einem der
Pfoſten derjelben zerfchmettert, fondern nur mit einigen Kontuſionen
und blutenden Schrammen davon gekommen zu fein.
Jalta, im 12. und 13. Sahrgunbert unter den Byzantiner
Galita, fpäter ein tatarifches Dort Jalita, zählt auch Heute, obwoh
ſchon 1838 zur ruſſiſchen Kreisftadt erhoben, faum 2000 Einwohne
und nur wenige Straßen, bon denen der Quai die bedeutendftı
Doch welch ein bunt beivegtes Leben Brängt fi) hier zur Trauber
eit! Hier ftellen die Eugen Kaufleute, Armenter und Perfer, ihn
Foftbaren Waaren aus: glänzende Seiden- und ſchmiegſame Wollftof
Reifebilder aus dem Südoflen Europas. 519
aus dem Kaufafus, indifche und perfiiche Tücher und Teppiche, Gold-
und Silbergejchmeibe, Gürtel aus maſſivem oder Filigranfilber mit
feinem Dolce daran, wie fie von Tataren und Tſcherkeſſen getragen
werden, und viel andern feltenen Schmud; während die einheimiſchen
Tataren die Früchte des Landes in ihren hölzernen Buden verkaufen:
aller Art köſtliches Objt und vor allen die gejegnete Traube, den
Schatz der Krim.
Hier harrt die lange Reihe der bequemen Miethwagen; hier
reiten bie ſtolzen Kavalfaden durch, auf die nervigen, feurigen Tataren-
Rößlein, gefolgt von den tatarijchen Begleitern in ihrer Eleidjamen,
ſchmucken — Hier ſchlendert die Geld- und Blutsariſtokratie
Rußland: Fürjten und Grafen, Minifter und Generäle, Bankiers
und Gutsbejiger, die Creme der Gejellichaft und unter derſelben
mand Hodjitapler, mand) elegante Abenteuerin, er im Spiel, fie in
der Liebe ihr Glück verjuchend.
Aber auch die jehnigten, bronzefarbigen, halbwilden Geitalten
der türkiſchen Küftenjchiffer und der Tataren aus den Bergen, mit
nadtem Hals, Brujt und Armen, den vothen Fez oder ein ſchmutziges
Tuch turbanartig verjchlungen auf dem Kopf, ſtreifen dicht an dem
Monocle tragenden Dandy, an der vom Affenhündchen begleiteten
Dame vorüber.
Lentit Du zufällig einmal Deine Schritte durch den Schwibbogen.
de3 jogenannten Central-Gafthofes, gegenüber der Dampfidiffagentur
am Boulevard, fo verſchwindet wie mit einem Zauberſchlage die
vornehme Welt Hinter Dir. Ein durchdringender Geruch von brenz-
lichem Fe von Schweiß der Pferde und Menſchen, verwor-
renes ſchrei der Käufer und Verkäufer, der Fuhrleute, welche ihre
mit elenden $tleppern oder Ejeln bejpannten Karren durch die Dienge
drängen, empfängt Dich. Du befindet Dich auf dem Bazar. Tataren,
Türken, Griechen, Armenier, Ruffen, auch einige Karaim und Juden
— das treibt und ftößt fich durcheinander auf der natürlich unge-
pflafterten Straße, an deren Rande die Verkäufer mit untergejchla-
genen Beinen fauern.
Haft du bisher die Berechtigung anerkannt, Jalta ein Paradies
u nennen, ſo brichſt du hier doch griß in den Ausruf aus: „Welch
Nhmugiges Paradies!“ Selbſt der Quai, obgleich er in diefer Saijon
(aber auch nur bis Ende Dftober), täglich gefehrt und befprigt wurde,
erfreut fich durchaus feiner, dem —e Begriff des Wortes
entſprechenden Reinlichleit.
Trotz der ſieben Hötels (drei davon wurden im Laufe des legten
"ahrzehnts erbaut und zu einem achten in diejem Herbite der Grund
:fegt) findet man während ber High season oft fein, ober doch fein
affendes Obdach, und felbjtverftändlih nur zu Preifen, wie die
life Großen fie zu zahlen gewohnt find.
ir hatten daſſelbe im Grand Hötel de Russie genommen,
elches fich durch feine Lage und feinen Komfort auszeichnet. Im
üden von einem fonnigen, dicht hinter demſelben ſich erhebenden
520 Meifebilder aus dem Südoften Europas.
Hügel beſchirmt, genießt die Hauptfront dieſes palaftartigen Gebäudes
die volle unbehinderte Ausſicht auf das offene, nur durch den ſchma—
len Garten und den Quai vom Hötel getrennte Meer. In einem
Pavillon diefer Gartenanlagen, welche ſich janft zum Quai hinab-
guten, fpielte täglich nachmittags bis um elf Uhr nachts ein aus
erlin berufenes Orchefter. Wer wollte da nicht gerne ein oder das
andere Stündchen auf der geräumigen, zu beiden Seiten von breit
äftigen Platanen bejchatteten —— verbringen!
Die weite Bucht liegt vor und. Von ber Oſtſpitze Jaltas zur
Zinfen an, wo die Wogen fi) an vorjpringenden Feljen mit dumpfem
Braufen brechen, und wo nachts der warnende anal mit dunkel
purpurnem Auge glüht, bis ferne nach Süden an den grengenlofen
Horizont der hohen See reicht unfer Blid. Wenn dann die wenigen, eben
hier vor Anker Tiegenden Segelſchiffe jedes feine Laterne aufhißt und
fie ſich, ſchwimmenden Glühwürmchen gleich, auf den Wellen fachte
ſchaukeln; wenn des Mondes zauberifches Licht die umabjehbaren,
deife bewegten Fluten verfilbert; die breiten Blätter der Platanen
über uns fanft erzittern im weichen Hauche des Südens, der den
Duft von Roje und Heliotrop zu und Beraufträgt; wenn die bald
fröhlich jubelnden, bald fehnfüchtig flötenden Weilen der Mufif ung
auf ihren Schwingen wiegen: wortlos bleibt die träumeriſche Süßig-
keit ſolcher Augenblide!
Die Lebensweiſe der Badegäſte in Jalta iſt ſo ziemlich dieſelbe
wie in andern Kurorten: der —— des Stadtgartens, in welchem
morgens und abends eine Muſikkapelle ſpielt; eine Rromenade längs
des Strandes, dazwifchen eine kleine Raft auf den Bänken am Ufer-
fies, ber Vertilgung einiger fchwerer Gutedeltrauben gewibmet; ein
erquidendes Seebad*); die wöchentlichen Tanzjoireen und — das
Theater. (Denn zu unferer nicht geringen Ueberrafchung fanden wir
diesmal fogar ein. hölzernes Theaterchen erbaut, in welchem Operetten-
Vorftellungen gegeben werden). Außerdem in erjter Linie Ausflüge
in die herrliche Umgebung Jaltas.
Eine eingehende Schilderung all der jchönen oder intereſſanten
Punkte der Umgegenb würde ung zu weit führen, weßhalb ich mic)
darauf beſchränken muß, nur einzelne Blüten aus dem Tieblichen
Kranze reizender Bilder herauszugreifen und ben Leſern unſeres
Heftes darzubieten.
Bevor ich jedoch vom Lande erzähle, noch einige Worte über
deffen Leute, nämlich die zum Islam fich befennenben:
V.
Tataren der Krim.
Ein eigenartig, interefjantes Völfchen! Nachdem die Tataren
durch viele Jahrhunderte die Herren fowohl eines großen Theils des
TE) Dügleidh die Badepläge gegen den ſtart belebten Quai durchaus nicht woll-
tommen gebedt find, ftehen in dieſem „Paradiefe" aud ziemlich „Pparabiefifche”
Babeloftiime ſehr allgemein im Gebrauch
Reifebilder aus dem Südoften Europas. 521
heutigen europäifchen Rußlands als auch diefer crft im Jahre 1783
unter Katharina II. eroberten und mit Rußland vereinigten Halb-
infel gemwejen, joll gegenwärtig, infolge der beträchtlichen Auswan-
derungen nach der Türkei, ihre Zahl in der Krim auf wenig mehr
als 100,000 ‚ulammengefchmolgen fein.
Gewöhnlich von kleiner und ſchlanker Geftalt, aber mit breiten
Schultern und gewölbter Bruſt, befigen ſie eine unglaubliche Behen-
digkeit und Körperkraft. Man fieht fie in halb zerlumptem Hemde
und weiten Hojen, eine grellfarbige, meift rothe Schärpe um den
Leib, welche ihnen erforberlichen Falls auch als Trag- oder Schlepp-
jeil dient, die Füße in mit Riemen ummundenen Lappen und pan-
toffelartigen Schuhen ftedend, Arbeiter- und Laftträgerdienfte ver-
richten, wobei fie, geblidt bis zu einem rechten Winkel, lange Streden
weit unglaublich Aetvere Laften tragen. Ich ſelbſt ſah einmal auf
der Straße vier ſolche Tataren ein großes Piano in der Weife
transportiven, daß immer einer allein auf jeinem Rüden den von
einem Kiſſen unterftügten Flügel einige hundert Schritte weit trug,
worauf einer der andern ihn ablöfte.
Aber fo ftaunenswerth dieſe ihre Muskelſtärke auch ift, bin ich
doch überzeugt, daß es diefe armen, halbwilden Laftträger, oder
Kohlen⸗ und Holzführer aus ben Bergen nicht waren, deren Anblid
dem Kaiſer Alerander I. den Ausruf entlodte: „Welch herrliche Ge-
ftalten bes Orients! Welche edle Menſchenraſſe! Die Krim verlöre
ihre ſchönſte Eigenthümlichteit, wenn man die Tataren nicht ſchonte“
Aber in der nt von „geliten Fa Men ae guien
talifcher Schönheit, in welcher der tſcherkeſſiſche und griechiiche Typus
—28 ſind die Geſtalten der begüterten Klaſſe, welche hier durch
Gewerke, und Handeltreibende, hauptſächlich aber durch die Wagen-
und ferbebefiger und »Verleiher vertreten ift.
ibenſchwarzes Lockenhaar, fein gezeichnete, dichte Brauen, aus-
drucksvolle, dunkle Augen, edles ” il, runde Gefichtsbildung,
prächtige Zähne unter dem kurzen, wohlgepflegten Schnurrbart, Eräftiger:
gejhmeidiger Körperbau mit jchön geformten Füßen und Händen;
und alle diefe natürlichen Vorzüge gehoben durch das Fleidfamfte
Gewand: die fehwarze, runde wollige Müpe aus feinem Schaffell,
deren Fläche oben ebenjo reich mit Gold- und Silberborten gejtict
ift, wie das fnappanliegende Wams an Bruft und Hals; dieſes
und die weiten Beinkleider find aus ſchwarzem Tuch und von einem
foftbaren Silbergürtel um die fchlanfen Lenden umſchloſſen. Nach
orientalifeher Sitte vollenden niedere Schuhe dieſes Koftüm, unſere
jungen Tataren Haben fich jedoch meift zu den entiprechenderen un-
gariſchen Stiefeln emanzipirt. Wohl ein Dugend folcher prächtiger
Geftalten fehlendern tagsüber auf dem Quai umher, der Beitellungen
auf ihre Wagen und Reitpferde harrend. Auf Ausflügen zu Pferde
dienen fie als Vegleiter und Führer; obwohl die Vornehmen unter
ihnen meift ihre Diener ſenden und man es fich zur Ehre rechnen
fann, von ihnen ſelbſt begleitet zu werben.
522 Reifcbilder ans dem Sũdoſten Europas.
Mau begegnet ihnen in Höteld, in Öffentlichen Gärten, im Klub
und Theater, wo fie überall mit würdevoller Zurüdhaltung auftreten;
Es fann nicht wohl Wunder nehmen, wenn — wie von glaubwür-
diger Seite behauptet wird — diefe jungen, ſchönen Tataren fich
Holder Frauengunjt aus Hohen und nieder Kreifen erfreuen, und
man unter ihnen den glüdfichen Helden jo manchen Romanes
finden kann.
Es wird von den drei oder vier vermögenditen Pferdeverleihern,
welche zufammen eine Art geſchäftliche Afjociation bilden, behauptet,
ihr Erwerb fei ein jo bedeutender, daß fie im verfloffenen Jahre an
40,000 Rubel erfparten Geldes in der 8 ...... er Bodenfredit-
Bank anlegten.
Laßt uns indeß auch, ein Streiflicht auf die Reversſeite jolcher
Tataren-Eriftenz werfen!
Ein General miethet ein Reitpferd für feinen Sohn, einen halb-
wüchfigen, eigenwilligen und graufamen Jungen, der ‘das Thier, trog
der Gegenvorjtellungen feines Begleiters, des unglüdlichen Bejigers
deſſelben, fo lange mit Sporn, Bügel und Reitpeitſche martert, bis
& ſich bäumt und feinen Peiniger abwirft. Der Sturz zog dem
ungeberdigen Jungen nichts weiter als ein paar Beulen zu; der
entrüftete Vater indeß — ließ. den Verfeiher des Pferdes ergreifen
und ihm eine Anzagl Peitſchenhiebe verabreichen; zur Lehre, wie ber
Herr General ji) ausdrücte, künftig feine Pferde beffer abzurichten.
So gejchehen zu Jalta, in der Herbitfaifon des Jahres 1885.
- *
*
In den Dörfern Derefve und Gurfuff fanden wir wiederholt
Gelegenheit, das Innere von Tatarenhäufern zu betreten Wir
wurden mit Sreundlichfeit empfangen und, unferes Gejchlechtes Halber,
ohne Zögern in die Gemächer der Frauen geführt und von biejen
je neg jermögen bewirthet.
o unrein und verwahrloſt die Höfe und Strafen, ba man
allen Unrath auf diejelben wirft und die Wegräumung deſſelben den
bertenlofen Qunden überläßt; jo rein und nett fand ich ohne Aus-
nahme das Innere ber gäufer, das Revier der Frau.
In den Hütten der Armen, deren Befig oft nur in einem Tabat-
feld, einigen Nuß- oder Kaftanienbäumen und höchſtens noch einem
Ejel oder ein paar Schafen bejteht (Kühe find fehr felten, wegen
Mangel an Weideplägen), giebt es feine Möbel. Auf gefimsartig
on der Wand herumlaufenden Brettern fieht man. blankes Gefchirr,
beſonders Kaffeegeräthe, und funftvoll gejtidte Leinen, Handtücher
und Schärpen (Stſchabra). Das Schlafgemach bejteht meift aus ziei
Theilen, von denen der eine etwas en mit groben Teppicher
belegte und mit in den Eden aufgehäuften Kiffen Die eigentlich
Sclafftelle. Dean trug von den Kiſſen herbei, ud uns zum Sige
ein und brachte verſchiedenes Obſt. Während wir und daran gütli«
Reifebilder aus dem Südoften Europas. 523
thaten, ſaß der Hausherr mit untergefchlagenen Beinen neben uns
und rauchte; Frau und Tochter fanden dienftjertig befcheiden zur
Seite. Meiner Spradjunfenntniß halber mußte ich leider darauf
verzichten, fie um ihr Leben und Geſchick zu befragen.
n_dem aus zwei Stodwerfen bejtehenden Haufe eines vermö—
genden Tataren im Gurſuff fanden wir zwei bequeme Betten und
einen Tiſch aus geſchmackvoll geſchnitztem Giejenho, ferner Stühle
und ein gepolftertes Kanapee, auf welchem wir Blag nehmen und
und an in_Zuder eingekochten Quitten und duftendem Moffa laden
mußten. Trotz ber hier halb und halb eingedrungenen Civilifation,
fonnten wir unjere Wirthin weder durch Pantomime noch durch
Worte, welche ihr ziemlich gut ruſſiſch jprechender Gatte verdol-
metſchte, dazır bewegen, fi zu uns zu fegen und an unferm Dale
teilzunehmen.
Demüthig ftand fie hinter dem Stuhl ihres Herrn, ihre großen,
dunflen, von langen Wimpern beſchatteten Augen auf uns gerichtet,
um jeden unferer Wünfche zu errathen; jegt ihm Tabak reichend,
jegt uns Waſſer ſchenkend aus langhalfigem, einem römijchen Eimer
gleichernden Krug. Sie war jung, faum über 20 Jahre; ihr Geficht
von regelmäßiger Schönheit; ihr Gebieter erzählte uns, daß fie ihm
eine reiche Mitgift ag .
Mir aber fchnürte fchmerzliches Mitleid das Herz zufammen,
denn ich gedachte meines Gejprä mit einem Mullah (Priefter),
der, von uns über Schule und Unterricht befragt, und verficherte,
daß Knaben und Mädchen fleißig diefelbe bejuchen, Mädchen aber
nur im Lejen, bejonders des Korans, jedoch nicht im Schreiben unter
richtet würden. — „Warum?* — Weil fie dadurch in Stand gefegt
würden, im Falle nicht glüdlicher Ehe ſich in Briefen an Vater oder
Brüder über ihre Gatten zu beklagen, was ben letztern Unannehm-
lichteiten und fogar Zwift zwifchen den Familien herbeiführen möchte.
Unjere mwejteuropäijchen ner der Zulafjung der rauen zu
den höheren und höchften Lehranſtalten an Aufrichtigkeit übertreffend,
machte diefer Mufelmann wenigſtens fein Hehl aus dem Motive,
welches der Zurüdjegung des weiblichen Geſchlechtes in der Theil»
haftwerdung der Wohlthat des Unterrichts zugrunde liegt.
"Die Tracht der Frau ift, der türkifchen ähnlich, ebenfo kleidſam
als bequem. Niedere Schuhe, zu Haufe auch fpige Pantoffeln aus
weichen, farbigem Leber meift gelb oder roth; weite, am zarten
Knöchel feitgeichloffene Beinkleider; darüber eine bis übers Knie
bherabfallende Art Tunika, die manchmal durch ein anliegendes Leib-
hen und einen fpärlich gefalteten Rod erjegt wird; Schürze mit
Bruftlag und darüber um die ſchlanke Taille Gürtel oder Schärpe;
“uf den in vielen Flechten herabhängenden Haaren ein auf die Stirn
aebrüdter, breiter, runder Reif, von dem zu beiden Seiten der lange,
ft koſtbar geſtickte Schleier aus dichtem dunflem Flor herabhängt,
at welchem die Tatarin außer dem Haufe Antlig und Geftalt
erhültt.
524 Heifebilder aus dem Sũdoſten Europas: *
Bei Feſtlichteiten läßt die Tatarin ihr Haar offen herabwallen
und trägt reichlihen Schmud: Perlenſchnüre auf Hals und Bruſt,
Armbänder, angereihte goldene Münzen und Halbmonde als Kollier
oder als Verzierung des Reifes am Kopfe, und Gürtel aus filber-
oder goldgeftictem Sammet:
inder gehen ohme Schleier; ich fah deren viele überraschend
Kain, wenngleich der herrichende Gebrauch, den Mädchen vom
rüheften Alter an Haar und Fingernägel röthlichbraun zu färben,
europäiſchem Geſchmack höchſt widerlich erjcheint.
An Greifen und Greifinnen aber konnte ich feine Spuren ver—
gangener Schönheit entbeden. Verwittert und verwildert, ſehen fie
den vom Sturm verfrüppelten, moosbehangenen, knorrigen Eichen
des Hochgebirge ähnlich, weit eher geeignet durch ihr Aeußeres Schreden,
als Gefallen zu erregen. Und in der That geſtand mir a als
eine Dame ihr grufeliges Gänfehäutchen beim Begegnen eines ſolchen
alten Tataren auf einfamem Steige.
Dan rühmt das Volk als nüchtern und ehrlich; Verbrechen
ſollen felten unter ihnen vorkommen. Anderſeits hörte ich indeß
auch, daß die Häufig vorkommende Erſcheinung folojfaler, viele
taufend Morgen herrlichen Urwaldes verzehrender -Waldbrände das
Werk der Tataren fei, welche fie, ſei es aus Haß gegen die Befiger,
ſei es aud) nur, um bei den gegen das Umfichgreifen des Feuers
angeftelten Arbeiten wohlbezahlten Verdienft zu finden, anlegen. Bei
Nikita brannte in einer Nacht vor wenig Jahren das Landhaus der
Familie Sabinin ginali nieder, wobei die Veligerinnen, fünf Frauen,
mit all ihren vielen, koſtbaren feligfeiten zugrunde gingen. Der
öffentliche Leumund bezichtigte Diene Salt und Tataren der Nach⸗
barfchaft ala Räuber, Branbleger und Mörder. Der fich jahrelang
hingiepende Gerichtsprozeß brachte jedoch, troß ſtarker Berbachtögründe
eine Beweiſe gegen die Angeklagten and Zageliht. Tiefes Dunkel
ſchwebt über dem Gefchehenen, wie über vielen von dichten Urwäl—
dern bebedten, von finftern Höhlen durchzogenen, gänzlich unzugäng-
lichen Bergen der Krim. GSqhluß folgt.) :
Eine Frauenhand.
Aus ven Papieren eines ruſſiſchen Diplomaten. Bon A. Baronin Gildern.
ch war im Jahre 1878 bei unjerer Botſchaft in Paris
ala Attache. Eines Tages kehrte ich von einem
kurzen Ausflug nach Fontainebleau, den ich ganz
allein unternommen hatte, um den Strapazen ber
Ausstellungszeit, wo wir jungen Herten von allen
‚önen Zandsmänninnen als Fremdenführer benutzt
zu entgehen, mit dem aus Süden kommenden Er⸗
0, nad) ber Stadt zurüd, Auf dem Lyoner Bahnhof
entwidelte ſich ein ungemein lebhaftes Durcheinander, ein Haften,
Laufen und Schreien, das für den dabei Unbetheiligten wie ein er-
heiterndes Schaufpiel wirkte.
Langjam fchlenberte ich den Zug entlang, die Ausfteigenden
‚mufternd, als ich plöglich dürch den Anblid einer auffallend ſchönen
rauenhand gefeffeft Itehen blieb. Der Schaffner hatte, wahrfchein-
ich von dem Tumult überwältigt, ein Coupe erfter Klaſſe zu öffnen
vergeffen und bie weiße un mühte ſich vergeblich, den ſchweren
Drüder in Bewegung zu jeßen.
Ich hatte von jeher Paſſion für ſchöne charakteriftiiche Hände
und hätte ſchwören mögen, ba die Herrin der von mir bewunderten
im Befig einer edlen, ſchönen Seele jein müffe Die Hand war
nicht Klein, fondern lang und ſchmal, mit fchlanfen Fingern, rofigen,
zugeſpitzten Nägeln und feinem blauen Geäder — eine — —
geiftvolle Hand, die zugleich auf Energie und Temperament ſchließen
Tieß. Alle Phajen von anfänglicher Ruhe, leichtem DBemüben, Unge⸗
duld und Heftigfeit zeigten ſich in den feinen Formen, die kräftig den
Thürgriff umfpannten, um dann wieder läffig auf ber Fenfteröffnung
u ruhen. Mit wenigen Schritten eilte ich dem Coupe zu, riß bie
Kir deſſelben auf und bot, indem ic) meinen Hut lüftete, der Dame
meine Hilfe beim Ausfteigen an. Mit vornegmer Ruhe wurde mein
Dienst angenommen, einen flüchtigen. Moment ruhten die ſchlanken
526 Eine Srauenhand.
inger auf meiner Hand, denn die Fremde ftand an meiner Seite.
it Spannung erwartete ich den Anblid der Dame, deren Hand
mid, zu ben höchſten Erwartungen zu berechtigen ſchien, doch ver-
jeblich — ein weiter Reiſemantei von ſchwarzet Seide umhüllte Die
Dohe ſtalt vollftändig, ſowie ein Bichter langer Eröpejchleier Geficht
und Haar, ſodaß bei dem fladernden Laternenſchein nicht der Heinfte
Zug zu erkennen war. 5
die rechte Hand, mit einem Marſeiller Handſchuh bekleidet, hielt
eine elegante Le ve melde ich mich zu tragen anbot, was
mir als etwas ganz ſelbſtverſtändliches mit einem anmuthigen Neigen
des Kopfes gewährt wurde, ſodann bot EN der fremden meinen
Arm, um fie durch das Gedränge an den Wagen zu führen. Die
ſchlanke Linke Hand ruhte mit leuhtem Drud auf dem dunfeln Stoff
meines Medingotes, wie ein zarte Blumenblatt, und da es uns mur
langfam möglich war, vorwärts zu fommen, während wir einige
banale Phrajen wechjelten, hatte ich Zeit und Muße, mich an der:
felben zu entzücken, faft zu beraufchen. Endlich jedoch, viel zu früh
für mid, gelangten wir an einen giafer, in welden id; die Dame
bob. Sie dankte mir mit einigen ruhig Böfticgen Worten in unendlich
melodifhem Ton, nannte das Grand Hötel, wohin fie zu fahren
wünſchte, von wo fie auch ihr Gepäd, deffen Beſorgung ih zu über⸗
nehmen verlangte, abholen laffen wollte. Ein Winken der weißen
im und das Gefährt vollte Durch Die belebte Straße davon. Das
te war natürlicherweife,. daß ich mich im Hötel nach der ſchönen
Unbelannten, denn ſchön mußte fie fein, — erfundigte, jedoch ohne
Srfolg. Die Dame, verjicherte der Portier, jei zwar vo ”
doch die beſtellten Zimmer nicht mehr vorhanden geweſen, hatte
der Chef diefelbe in einem andern Hötel angemeldet, in welches,
wife er jedoch jelbft nicht.
In den meiften derjelben forjchte ich nach, jedoch umſonſt —
ich wanderte täglich mufternd in den Ansftellungsräumen umher —
umfonft, die Unbefannte war nicht zu entdeden. Nach und nach
traten andere Intereffen, an denen das Parijer Leben jo reich iſt.
in den Vordergrund und nach einer glänzenden Saifon hatte ih das
Heine Abenteuer auf dem Lyoner Bahnhof fait vergeffen.
Acht Monate jpäter wurde ich nach Petersburg berufen, um
einige Zeit. im Minifterium zu arbeiten; ehe ich einen höheren Poſten
im Auslande einnehmen follte. Lange Zeit ans der dortigen
ſchaft entfernt, ftürgte ich mich mit Lebhaftigfeit in das Leben und
Treiben meiner herrlichen Zaterftabt, und genoß in ‚vollen Zügen
alle die Bergnügungen, die nad) meiner Anjicht nur allein bort
finden find. Nirgends find die Frauen beitridender und Tieben
würbiger und die Reize meiner ſchönen Landsmänninnen entzüdt
mich je mehr, je länger ich fie nicht im Waterlande, in der ihm
nothwendigen Umgebung gejehen hatte. Auch meine vielen Freum
nahmen mich mit gleicher Herzlichfeit auf wie früher und bereichert
meine Kenntniffe mit allen den großen und Heinen Standalgefchichte
N
Eine Srauenhand. 527
am benen die Gefellfchaft überall, Petersburg jedoch noch ganz be-
fonders reich if. Dennoch ift man toleranter bei uns im hoben
Norden und der Klatſch nimmt jelten die gehäffige Form an, wie ich
es in andern Hanptftäbten bemerfte.
Einer meiner beften freunde beffeidete eine hohe Stellung im
Yuftigminifterium und da ich meiner fpäteren Carriere wegen, mich
eingehender mit den Rechtöwiffenfchaften befreunden mußte, fuchte ich
meinen früheren Schuffameraden oft auf und Tieß mich von ihm
ehren.
‚Herr von Karzoff war ein hochbedeutender Menſch, jedoch infolge
feiner Stellung, die ihn viel mit Polizeiangelegenheiten in Verbin⸗
dung brachte, äußerft vorfichtig und mißtrauiſch. Won ihm erfuhr
ich aud) die näheren Umſtände, eine alle Kreife aufregende Entdeckung
einer Nihiliſtenverſchwörung, deren Haupt eine Dame der Ariftofratie,
eine Fürftin Mefticheff war. Im ihrem Haufe auf der Beſitzung
unweit Moskaus hatte man in einem geheimen Gemach gravivenbe
Bapiere eines hochſt gefährlichen Anſchlags auf das Leben Baren
gefunden und jest harrte die Miffethäterin im feiten Gewahrjam bes
Petersburger Feitungsgefängnifjes ihres Urtheilsſpruches.
Mich intereffirte Die Gefchichte anfangs wenig, da ich ftets eine
Antipathie für die politifirende Fran eieffen und mich immer mehr
durch die geiftoollen Liebeintriguen meiner jchönen Freundinnen ge⸗
feffelt fühlte, außerdem kannte ich die Fürftin nicht, die während
meiner Abwejenheit im Auslande geheiratet hatte und in ber Peters-
burger Geſeliſchaft nur wenig gejehen war. Eines Abends jedoch,
als ich nach, dem Diner im —E meinen Freund Karzoff nach
Haufe begleitend, deſſen Aufforderung, noch eine Cigarre bei ihm zu
rauchen, nachgekommen und behaglich mit ihm plaudernd am fladern-
den Kamin jaß, fam zufällig die Rede auf den in Frage ftehenden
defjen Enduriheil in den nächften Tagen geſprochen wer-
ollte.
„Deportation nad Sibirien wird der ſchönen Frau blühen“,
ſagte Karzoff, ſich in Seelenruhe eine friſche Cigarrette anftedend,
„nur ſchade, daß es unmöglich ift, der energiſchen — einen Namen
ihrer Komilitonen zu entlocken. Ein Stückchen inittelalterlicher Juſtiz⸗
pflege, etwas peinliche Frage wäre hier ganz angebracht, deun was
nügt uns der Fang einer Frau, wenn die gefährlichen Vögel dem
Käfig entflohen find!" —
„Wie kam es eigentlich, daß man die Fürftin verdächtigte“, be-
gann ich, da Runen dem Prozeß viel Gewicht beizulegen ſchien,
„und woher ftammt diefe intriguante Frau, die Euch fo energijchen
Widerſtand entgegenfegt?“
„Woher fie jtammt? Aus Polen gebürtig und Tochter eines ver-
armten Edelmannes, heiratete fie vor wenigen Jahren den alten reichen
Fürften Mefticheff, der feiner ſchwachen Gejundheit wegen fich meift auf
feinem Landgute aufhielt und jeine ſchöne junge Frau nicht in bie
Geſellſchaft einführte. Vor mehr denn einem Jahre reifte der Fürſt
528 Eine Srauenhand.
mit feiner Gemalin nad) Nizza, von wo er nicht mehr zurüdfehrte
und die junge Wittwe wurde Erbin des glänzenden Vermögens.
Mit dem Tage ihrer Rückkehr auf den ererbten Beſitz fing die
joöne Zürftin an der Gegenftand des größten Intereſſes zu werden,
a fie alle Eigenfchaften verband, um bald einen Nachfolger ihres
verfchiedenen Gatten zu beglüden. Bald jedoch verbreitete ſich das
Gerücht, daß die Fürftin ſchon ihre Wahl getroffen und wahrfchein-
lich nach Jahresfriſt einen Neffen des verftorbenen Fürjten, Graf
Waſſil Nelidow ihre Hand zu reichen gebächte. Der junge Graf,
der ſchon zu Lebzeiten des alten Onkel jeiner jchönen Tante auf⸗
fallend gehuldigt haben foll, war. derjelben auch nad) Nizza gefolgt,
jomit der Medifance Gelegenheit zu den’ vagften Vermuthungen
jebend. Auf einmal, wenige Wochen find ſeitdem vergangen, erhält
r Minifter einen Brief, freilich anonym — wer Täßt fich jeboch
gern in einen folden Prozeß verwideln, — in welchem mitgetheilt
wurde, daß auf dem Landgute der Fürftin Mefticheff bei Moskau
der Herb einer weitreichenden Nihiliſtenverſchwörung fe. Man be
eichnete genau den Drt, wo die Zujammenfünfte ftattfänden, ſowie
bie Papiere aufbewahrt würden. Cine fofortige Unterjuchung ergab
+ die volle Wahrheit. Aus dem Boudoir der Fürſtin führte eine Klapp⸗
thür, welche cin ſchwerer Schrank verdedte, in ein Kellergelaß, welches
feinen andern Stuägang aufguieifen hatte, und daß die vorgefundenen
riftſtücde auf eine Verſchwörung neuelten Datums jchliegen laffen
mußten, bewies die genaue Kenniniß des jüngiten politiichen und
foaiatifäfgen Standpunftes Rußlands. Sogar eine eigenhänbige
nterfchrift der Fürſtin, worin fie fic verpflichtet, ihr Haus für Die
Verſchwörer zu Öffnen und die Korreſpondenzen au befördern, fand
fi vor — und trogdem leugnet die rau mit einer Kühnheit, die
jelbft alle erfahrene Leute düpiren fünnte. Du fennft mich und
weißt, daß jelbit die bfendendfte Schönheit meine Anfichten nicht
ändern, mich nicht beftechen kann, aber den mabonnenhaften Augen
der Fürftin, mit fammt der melodiichen Stimme derſelben wäre ir
beinah zum Opfer gefallen, wenn ich nicht die Beweiſe der Schu
in meinen Händen gehabt hätte. Seitdem befümmere ich mich nicht
mehr perjönlich um den Prozeß, der ſchon längft beendet wäre und
deſſen Heldin ſchon ſeit geraumer Zeit auf ber Reife gen Sibirien
ich befände, wenn man nicht immer noch auf eine Erklärung von-
jeiten der Fürſtin hoffte.“
„Und der vermeintliche Bräutigam?“
„Dit Scheinbar volltommen —e und unglücklich über die
entjegliche Sanblungäweife feiner Verwandten. Da er m
Wochen im Auslande weilte und erft nad Feſtnahme der Fürfti
zurüdfehrte, fiegt fein Grund vor, den bis dahin un! ſcholtenen. den
Zaren treu ergebenen Mann zu verdächtigen. Jedoch wird er unaus
geſetzt ſcharf beobachtet und falls irgend cin Zeichen des Einverſtänd
niffes mit der ‚Sauptfihutbigen vorliegt, fofort verhaftet.“
„Weißt Du, Karzoff“, i
egann ich nach längerem Nachdenken, si
Eine Srauenhand. 529
möchte dieſes fchöne intriguante Weib einmal fehen. Kanuſt Du
mir den Eintritt bei ihm verfcaffen?“
Nichts leichter ala das: — Du Berhärft die Angeklagte in
meinem Namen und bringft vielleicht durch diplpmatifche Kniffe und
galante Rebewendungen mehr heraus, wie wir gerade auf das Biel
zufteuernde Menſchen Doch, die Dich, Freund, und hüte Dein er-
regbares Herz — das Weib it das gefährlichite feines Geſchlechts.“
. Wenige Tage fpäter eifte ich mit einem Schreiben Karzoffs
dem Feitungegefängnik zu umd wurde, nachdem ber Commarbdant
meine 2egitimation geprüft hatte, zu der Fürftin geführt, Jedenfalls
— man bei Unterbringung der Gefangenen alle nur möglichen.
üdfichten einer Dame von Stande gegenüber genommen; die Bims
mer, welche ich betrat, agugten fogar von einem gewiffen Komfort
und nur die jchweren Thürriegel und die vergitterten Feuſter ers
innerten daran, daß bie Freiheit der Bewohnerin eine bejchränfte war.
Die Fürftin ſchien mein Eintreten nicht bemerkt zu haben. Sie
lehnte, den Rüden der Thür zuwendend in einem Sefjel am Fenſter.
Die helle Winterjonne, beleuchtete mit goldigem Schein eine Fülle.
prächtigen goldblonden Haares, das in natürlichen Locken auf ben
Naden fiel. Ein ſchwarzes Trauerfleid, deſſen vange Schleppe auf
dem Teppich lag, umfeleh eine wahrhaft königliche Geſtali und von
dem dunfeln Stoff hob ſich eine ariftofratifch feine Hand ab, die
läſſig zwifchen den Falten ruhte. War es ein Spiel meiner Phantaſie,
oder hatte ic) diefe Hand auf dem Lyoner Bahnhof in Paris bes,
wundert, jo fuhr e3 mit Blihesſchnelle durch mein Hirn — jedoch
bald wor jeber Zweifel überwunden, ich erfannte die fchlanfen Formen,
die roſigen Nägel und die charakteriftifche Bewegung ber feinen
Finger. Es war zweifellos mein entjchwundenes Ideal, die Hand,
die auf eine jchöne, edle Seele ihrer Befigerin jchließen ließ, wenns
gleich diefelbe noch zarter und durchſichtiger, das blaue Geäder noch
verſchärfter zu fein Seien.
Diefe Frau follte eine Hochverrätherin, eine Verächterin der
Sitte und edlen Weiblichkeit fein? — Ich machte eine unwillfürliche
Bewegung vorwärts, durch welche die Fürſtin meine Anweſenheit
bemerkte — fie wandte das Haupt und ich erblidte das ſchönſte
Weib, das meine Augen je gejehen. Nicht die regelmäßigen, an die
Reinheit ber Antike erinnernden Geſichtszüge, nicht der zarte, durch»
fichtige Teint, die feingeſchwungenen tofigen Lippen, bie tiefblauen
inelancholiſchen Augen mit den dunfeln Wimpern und den ſcharf⸗
zeichneten Augenbrauen, nicht die Elaffifchen Formen ber Gejtalt
ein war ed, was den mächtigen Eindrud verurfachte, fondern der-
ber echter Weiblichfeit und Unſchuld, der über der ganzen Er-
einung ſchwebte. Nach einem forjchenden Blick auf meine Perſon
erflog plöglich ein Lächeln wie Sonnenſchein die ſchönen Züge und
r mit anmuthiger Bewegung die Hand entgegenftredend ſprach fie
t fanfter, melodifcher Stimme: „It e8 möglich, mein Ritter vom
hnhof in Paris?"
Der Ealon 1889. Heft V. Bond. 86
530 Eine Frauenhand.
Mit Vegeifterung zog ic) die entzüdenden Finger an meine
Lippen und der Zauber der wunderbaren Frau drohte mir faft Die
Befinnung zu rauben. Ic ftammelte einige kaum verftändliche
Worte und blidte unverwandt in das fühe Antlig. Bald jedoch
überwand ich mit eiferner Energie meine een und plauderte
mit der nicht nur ſchönen, fondern auch geiftvollen Frau, wie eim
alter Belannter, bis ich mich plöglich des Zweckes meines Hierfein,
owie der Warnung meines Freundes erinnerte. Die Fürftin merkte
iofort mein jähes Erſchrecken und alle meine diplomatifchen Künfte
hielten nicht Stand vor dem ſcharfen und doch zarten Verſtändniß
0° Pc Ühe Halten mi) für eine Chnlbige" vi fie mit fo Hey
" ie halten mich für eine Schuldige?“ rief fie mit fo
zerreißender Trauer, indem fie die weißen Hände zufanmenpreßte.
Wie follten Sie auch anders denfen — haben mich doch jelbit
meine Freunde verlaffen“, fügte fie mit fchmerzlichem Buden der
Lippen hinzu. —
Hingeriffen von dem Liebreiz und den tiefen Seelenleiden ber
entzüdenden Frau, ſank ich auf das Knie und beſchwor diefelbe, meine
Dienfte anzunehmen, mir zu erlauben ihre Unſchuld ans Tageslicht
zu bringen.
Mit wehmüthigen Lächeln hieß fie mich aufftehen und fchüttelte
traurig ba pt.
„Nur ein Wunder kann meine Unfchuld beweilen — aber id
glaube an die Aufrichtigfeit Ihrer Gefühle, an Ihren Edelmuth,
rum bitte ich Sie um einen Dienft, der legte Verſuch zu meiner
Rettung, dem ich bisher nicht gewagt habe, ba ich niemand Hand, dem
ich mein Vertrauen fchenfen durfte. Es wird mir fehwer — jehr
ſchwer — aber ic) glaube, der Himmel hat mir in Ihnen einen
eund geſandt.“
Bei diefen Worten ftreifte fie von ber rechten Hand einen Ring,
den ein prächtiger Solitär —
„Wäre es Ihnen möglich dieſen Ring perſönlich in die Hände
des Baren zu legen? ollen Sie ihm jagen, Marin Wolnikows
Tochter bitte um feine Gnade, damit fie ihre Unfchuld zu beweijen
verfuchen könne?" —
fälligerweife Hatte ich in einer biplomatifchen Angelegenheit
am nãchſten Tage eine Audienz beim Baren und verjprad; daher,
wenn irgend möglich, ben Ring in bie Hände des hohen Herren zu
Iegen, boch bevor ic} ging, beſchwor ic) fie nochmals, mir ihr volles
Vertrauen zu jchenten, was fie jedoch auf ein anderes Mal verjchok
und mic) bat, fie zu verlaffen aus Schonung für ihre, von den Auf
regungen angegriffene Geſundheit.
ie reichte mir den Ring, und noch einmal zog w die ſchön
Hand an meine Lippen, dann ſchloß ſich die ſchwere Thür hinte
der bezaubernden Frau und wie aus einem Traum erwachend kehrte
ich in das Leben und Treiben der Welt zurüd.
Die Audienz fand ftatt und es gelang mir den Ring dem Zaren
— —
Eine Frauenhand. 531°
einzuhändigen, der ihn mit unverfennbarer Rührung betrachtete und
in feiner Brufttafche verbarg. “
Ich war bald darauf genöthigt, in einer außerordentlichen Mif-
fion nach London zu reifen, ohne vorher noch einmal die Erlaubniß
zu erhalten, die Fürftin aufzufuchen. In der Hoffnung, das Schidfal
der angebeteten rau in den beiten Händen zu wiffen, trat ich meine
ihrt an und als ich nach Wochen heimfehrte, hatte die fangene
ängft Peteröburg verlaffen, durch einen Gnadenakt des Kaiſers frei—
geiprochen, jedoch für Jahre des Landes verwiejen.
Mein Freund Karzoff war im höchſten Zorn und überjchüttete
auch mid mit Vorwürfen, daß ich mich zum Werkzeug dieſer gefähr-
lichen Intriguantin gemacht hatte. Durch ihn erfuhr ich, daß fich
die Fürſtin nad) Nizza begeben und befchloffen Habe, dort vorläufig
fi ee
Graf Waſil Nelidow war in Befig der Güter der Landeöver-
wiejenen getreten und nur verpflichtet, derjelben eine jährliche Revenue
u zahlen. Trogdem alle Anzeichen für die Schuld der. Fürftin
— konnte ich doch nicht an dieſelbe glauben, das Bild der
ſchönen Frau mit unſchuldigen Augen verfolgte mich Tag und
Nacht und heiße Sehnfucht nad) einem Miederfehen raubte mir Ruhe
und Lebensgenuß.
Sobald ich mich frei machen konnte, nahm ich Urlaub und be—
fand mich kurze Zeit darauf auf dem Wege nach Südfrankreich. In
Nizza ſah ich die Fürftin, doch wurde es mir fchwer, ihr zu. nahen,
da fie in völliger Abgeichiebenheit eine veizende Billa bewohnte und
feine Befuche empfing: Endlich, bei Gelegenheit eines Morgenfpazier-
ganges begegnete id) der Erjehnten, die in Vegleitung eines anmuthi-
jen jungen Mädchens ebenfalls die köſtliche Morgenfrifche aufzufuchen
Pen. Sie erfannte mich fofort, als -ich mit ehrfurchtsvollem Gruß
nabte, dankte mir mit freundfchaftlichem Händedrud für meinen ihr
geleifteten Dienft und lud mic) ein, fie zu bejuchen.
Natürlicherweife lieg ich nicht lange warten und war feitden
tünlicher Gaft bei Maria Petrowna, die mit ihrer jungen Verwandten
Alera Wernewska in einfachfter behaglichter Weife lebte. So freund-
lich nun auch die Fürftin zu mir war, fo lag dennoch ein Schleier
über ihrem ganzen Wejen ausgebreitet eine gewiffe fühle Zurück⸗
haltung, bie jede Frage, jede Ausiprache zurüddrängte und mir die
Möglichkeit zu vauben ſchien, endlich näheres über den Stand ihrer
Angelegenheiten zu erfahren. Nur einmal, als id), ungeachtet ihrer
Abweifung, nochmald meine Dienfte anbot und um ihr Vertrauen
bat, verwies fie mich auf eine fpätere Zeit, nach Ankunft de3 Grafen
Waſil, den fie in den nächſten Wochen erwartete. So fuchte ich
mir benn die Stunden, die ich fern von der ſchönen Frau ubringen
mußte, zu vertreiben, indem ich mich in das Leben und Treiben
Gesten ftürzte und manches Golbftüd dem Dämon Spielbank in
onte Carlo opferte.
Nach Ablauf einer für mich unendlich lang dünfenden Friſt
36*
532 Eine Srauenhand.
erſchien Graf Nelidow in Nizza, zwar fehnlichit erwartet von mir
und dennoch die Quelle neuer Qualen. Trogdem ich ben jungen
Mann ‚mit den Augen der Eiferfucht betrachtete, mußte ich geftehen,
daß ich felten einer jchöneren und fympathifcheren Erfcheinung be=
jegnet war, dem echten Typus des vornehmen Mannee. Wenige
Kühe nad) feiner Ankunft Hatte ich eine Einladung von Maria
Betrowna erhalten und fand diefelbe in ihrem Boudoir in lebhafter
Unterhaltung mit dem Grafen. Al ich eintrat, fam mir Ießterer
mit verbindlicher Freundlichkeit entgegen und indem er mir Die Hand
reichte begann er:
„Soeben teilt mir die Fürftin mit, welchen großen Dienjt Sie
derfelben geleitet, Laffen Sie auch mic) Ihnen danken. — Alles
nähere wird Ihnen Maria Petrowna ſelbſt erzählen, da wir auf
Ihre fermere Unterftügung zu technen wagen.“ —
Mein Erftaunen — wahrſcheinlich deutlich auf meinem Ge⸗
ſicht zu leſen fein, denn heftig erröthend wandte ſich der junge Graf
an feine Tante:
„Vertheidigen Cie mich, Maria, daß ic) wagte, an Ihrer Schuld-
Iofigfeit zu zweifeln — Sie wijjen, daß id mir mein Mißtrauen
— nicht verzeihen kann, — bin jedoch ſchwer beſtraft worden.“
Mit dieſen Worten ergriff er feinen Hut und ſich kurz verbeugend,
verließ er das Gemad). .
Die Fürftin ſchien verlegen zu fein und nach einem Anfang
igrer Rebe zu fuchen.
Indem ich mich auf einem niederen Tabouret neben ihr niebers
ließ, ergriff ich die herabhängende weiße Hand, mein Ideal, welches
mid) der jchönen Frau zuerjt zu eigen gemacht hatte und indem ich
meine Lippen ehrfurchtsvoll über diefelbe neigte, blickte ich erwar«
tungsvoll in die füßen Augen, die träumerifc ins weite fchauten.
Endlich begann die Fürftin, indem fie ſich tief in die Polſter
ihres Zauteuils lehnte und mit leichtem Erröthen ihre Finger aus
den meinen löfte: 5
„Waſil hat mich beauftragt, Ihnen Mittheilung von der ganzen,
mic) betreffenden traurigen Sachlage zu machen. Ic Hätte Ihnen
mit Freuden ſchon früher mein Vertrauen gejchenkt, do, wie Sie
aus dem Folgenden erjehen werden, konnte ich e8 nicht, ohne Per-
fonen, die mir nahe ftanden, zu fompromittiren. Meine Ausſprache
mit dem Grafen, den ich feit der unbegreiflichen Kataftropge nicht
gejprochen hatte, heifte mic, jedoch von einem böjen Zweifel und
fomit fann ich Ihnen als Freund mein volles Vertrauen zuwenden.
Ich muß, um Ihnen alles far zu machen, weit ausgreifen und Ho}
auf Ihre Vachſicht. — J
Der Ring, den id) Ihnen zur Weiterbeförderung an dei Zar
gab, ftammte von meiner Mutter, bie ihn mir auf dem Sterbebet
zugleich mit der traurigen Geſchichte ihrer Jugend vermachte. Dei,
Mutter, die noch immer eine hinveißende Erſcheinung war, foll i
ihrer Jugend biendend ſchön gewejen fein und erhielt durd) die hoh
Eine Srauenhand. 538
Verbindungen meines Großvaters die Stelle eines Hoffräuleind bei
einer der faiferlichen Prinzeffinnen. Dort fah fie der Zar, ein da-
mals junger Mann, ein großer Verehrer weiblicher Schönheit und
fühlte fofort ein lebhaftes Intereffe für diefelbe, daS mit einer
ſchwärmeriſchen Liebe erwibert wurde. Der Kıflfer umgab das Tieb-
liche Mädchen mit zarten Aufmerkjamteiten, die von der Umgebung
bald gemerkt, meinem Großvater hinterbracht wurden. Diejer, ein
echter, ftolzer Ruſſe, entbrannte in Teidenjchaftlicher Wuth gegen
jeinen Herren und fein unfchuldiges Kind und zwang dafjelbe, um
feinen guten Ruf herzuftellen Die Hand einem ent ernten Verwandten,
der in Polen Iebte, zu reichen. Wann und wo es meiner Mutter,
die ftreng bewacht worden war, gelungen ift, Abfchied von ihrem
faiferlichen Freund zu nehmen, ift unbekannt, doch erhielt fie dieſen
Ring von ihm mit der Aelimmung, wenn fie, oder ein Glied ihrer
Selen je jeiner Hilfe bebürfte, denfelben dem hohen Geber zu=
zuſtellen.
Meine Mutter lebte wie eine Heilige, janft, ſtill und ergeben.
Ih glaube, fie litt unfäglich, doch nie fam eine Klage über ihre
Lippen — felbft nicht als ic), das einzige Kind meiner Eltern, er-
wachen war. Als ich achtzehn. Jahre zählte, ftarh meine arme
Mutter und auf ihrem SKranfenbette erzählte fie mir von ihrer
ſchwärmeriſchen Liebe für den Zaren, von deſſen freundfchaftlicher
Buneigung, bie ihr Vater, fo faljch beurtheilt und jo jäh zerftört
hatte. Sie gab mir den Ring, den fie ftet3 heimlich bei ſich getragen
und ic) mußte ihr verjprechen, das Gleiche zu thun — mit einem
Segendwort für mid) und den Kaifer verjchied fie in meinen Armen.
— Bar e3 daher möglich, daß ich, die Tochter diefer Frau, nach
hem Xeben des von ber Mutter bis in den Tod Geliebten ftreben
onnte. —
Wie weit mein Vater die Gefühle feiner Frau gefannt hat,
ahne ic} nicht, doch glaube ich, daß er von ihrer Neigung wußte und
dem Urheber derjelben feinen Groll zumandte. Iedenfalls gehörte
mein Vater zu den heftigften Gegnern des ruſſiſchen Kaifers und
ich vermuthe, nicht nur aus politischen Gründen. Bald nach dem
Tode meiner Mutter heiratete ich auf Wunſch des Vaters den
Fürften Meftifcheff, der, obgleich Ruffe, ſeit Kinderzeit mit demjelben
eng befreundet war — ob auch ihre politifchen Anfichten diejelben
waren, erfuhr ich nie, da man in meiner Gegenwart ernite Gefpräche
zu vermeiden ſchien.
Ich, hatte für meinen Gemal eine freundfchaftliche Empfindun
und da ic) jung war und die Liebe nicht kannte, jo fträubte ich mic
nicht gegen den Willen meines Waters. Leider feffelte eine zuneh-
mende Keäntlihfeit meinen Mann viel an das Zimmer, ſodaß ar
Verkehr und Gefelligfeit nicht zu denken war; ich empfand dies jedoch
weniger, da id) an die Stille de3 Landlebens gewöhnt, mich aus-
teichend zu beichäftigen wußte.‘ Zur Gefellichaft hatte ich außerdem
ein junges Mädchen, die Tochter eines verarmten Nachbarn meines
534 Eine Sranenhand.
Mannes, die mehrere Jahre älter als ich durch die glänzenden oder
vielmehr ſchwindelhaften Verhältniffe, in denen ihre Eltern gelebt hatten,
viel in der Welt herumgefommen war und von allem nur Möglichen
u erzählen verftand. Außerdem kam Wafil oft in unjer Haus —
Klgte uns fogar jpäter nad Nizza, wohin wir der Gejundheit des
Fürſten wegen reifen mußten und wo er während der langen Krank-
heit meines Gemals meine Stüge und Trojt war. Auch Vera, fo
hieß meine junge Freundin, hatte mich hierher begleitet und wir Ieb-
ten, wenn das Leiden bes Kranken es geftattete, in dieſer herrlichen
Umgebung oft fogar ganz heiter. — Doch was foll id Sie mit
Kleinigkeiten ermüden. — Der Fürft ftarb — und Wafil bewarb
fi) bald darauf um meine Hand. Ich Hatte ihn gern, fehr gern,
hätte ihm vielleicht fogar fpäter mein Jawort gegeben, doch empört
von der Eile, mit der er mich, faum Wochen nad) meined Mannes
Tode beftürmte, wies ich ihm mit Verachtung zurüd. — Sie werden
begreifen, wie ſchwer es für mich ift, Ihnen, einem Fremden gegen-
über, ein folches Geftändnik zu machen, doch Wafil, mit dem ich
mich wieder verfühnt und treue Freundfchaft gefchloffen habe, war
der Anficht, daß nur volljtändiges Vertrauen uns ermöglichen könne,
in Ihnen einen Freund zu gewinnen.
Ich war damals erregt, in meinen Gefühlen verlegt und bachte
nicht daran, daß Wafil weniger unedel gehandelt hatte, wie ich ver-
muthete. Er kannte die Welt beffer wie ich und wußte, daß ſchon
längſt unſere freundfchaftlichen Beziehungen zu Lebzeiten meines
— ber öffentlichen Kritik ausgeſetzt, meinen Ruf zu ſchädigen
rohten.
Ich reiſte ab, begleitet von Vera, die mir treu ergeben und
meine einzige Vertraule war, nachdem ich Waſil jede Annäherung
auf das "Ernfthaftefte verboten Hatte. Auf der Reife durch Ober
italien, die wir vor unferer Rüdkehr nach Rußland unternahmen,
wurde Vera durch eine ftarfe Erkältung in Genua gefeffelt und da
ich nothwendiger Gefchäfte wegen nach Baris eilen mußte, wo mein
Vater weilte, ließ o die Kranke unter dem Flug meiner Kammer⸗
jungfer und reifte allein dorthin — wo mich das Schidfal mit Ihnen
gufarımen führte. Wera folgte mir bald und wir lebten monate
lang in altgewohnter Weife auf ben mir als Eigenthum zugefallenen
Beſitzungen
Waſil hatte einige Male verfucht, fich mir zu nähern, war jo-
gar, während ich in Fetersdurg zum Beſuch weilte, mehrere Tage in
meinem Schlofje verblieben, aber ich verharrte bei meiner Anficht
und heftig grollend, z0g er von bannen. Da Pest, ohne nur eine
Ahnung zu haben, um was es ſich handelte, durchjuchten Beamte
die ungemeldet meine Räume betraten, mein ganzes Haus, finden in
meinem Salon eine Fallthür, die ich mie geiehen hatte, da ein
ſchwerer Schrank fie verbarg, fowie in dem darunter befindliche
Kellergeſchoß den Herb einer Verſchwörung ber Nihiliſten. Ich war
feines Wortes fähig und al? man mir fogar eine Unterſchrift von
Eine Srauenhand. 535
mir zeigte, worauß flar meine Theilhaberjchaft bewiefen wurde, ſank
ich wie vernichtet zufammen. Ich war unfchuldig, aber unfähig es
zu beweifen, denn meinen Namenszug konnte ich nicht verleugnen,
wenngleich ich benfelben nicht unter die Schrift gejegt hatte.
Er entjann mich _jegt mit überraſchender Klarheit, daß ich einft-
mals in Nizza beim Schreiben von Wafil überrafcht, mit ihm plau-
dernd auf einem Bogen Papier meinen Namen ſchrieb — fpäter
fand Wafil das Blatt am Boden Tiegend und mir lachend zurufend,
daß es gefährlich fei, jo anoorfihtig mit feiner Unterförht umzu⸗
gehen, ſieckte er es zu ſich. — Im Augenblick thürmten ſich die
Gedanken in meinem Kopf — Waſil allein konnte der Schuldige ſein
und von meiner Zurückweiſung in Zorn gerathen, hatte er mich mit
in ben Abgrund gezogen. Es war ein wahnfinniger Gedanke, aber
ich fonnte nicht davon los kommen, doch ebenjo wenig ihn anklagen.
So nahm ich denn dies Unglüd ruhig auf mich, immer Hoffend, daß.
es mir gelingen würde, durch den Ring von dem Baren Rettung zu
erhalten. Sie fennen die Unzuverläffigkeit unjerer Beamten und-
können begreifen, daß ich dieſes foftbare Stüd nur wenigen anver—
trauen fonnte.
Da fchidte der Himmel mir Sie — und ich ward frei. J
Endlich nach langem Kampf ſuchte ich mit Waſil in Verbindung
zu treten — er fam und mit tiefer Betrübniß erkannte ich, wie uns
recht ich dem edlen Mann gethfan — wie wir und gegenfeitig ver—
fannten, denn auch er hatte, überwältigt von den Beweiſen meiner
Anklage nicht länger an meine Schuld geglaubt. Wir haben beide
geirrt und wo fein Vertrauen — da ift auch feine Neigung.
Das Papier mit meinem Namenszug befindet ji nod in
Wafils Beftg, er zeigte mir daffelbe foeben, ſodaß alfo nicht, wie ich
dachte, eine Entwendung und Benutzung meiner Unterſchrift ftatte
efunden haben Tann. Ob mein Gemal mit jener Verſchwörung in
Berbindung ftand, ob ein Racheakt vorliegt, ik uns unklar und wir
ftehen wie vor einem unlösbaren Räthſel.“ — Die Fürftin ſchwieg
und ehe ich mich jo weit faffen konnte, eine Frage zu thun, trat
Graf Nelidow in das Zimmer. Wir drüdten ung — die Hand,
zum Zeichen unferes gegenfeitigen Vertrauens und hingen barauf
alle unfern Gedanten nad).
„Und Vera, wo ift fie?“ unterbrach ich nach geraumer Weile
die Stille.
Die Fürftin fehüttelte das Haupt. „Nein, nein, feinen Verdacht“,
tief fie, „Bera war mir ftets eine aufrichtige Freundin, fie hat mein
Schloß erft verlaffen, als die Ausſicht auf eine Rückkehr aus dem
Gefängniß zweifelhaft wurde und das arme Mädchen genöthigt war,
kin Bro) zu verdienen, da der Vater nicht imjtande war feine
ochter zu unterhalten.“
„Haben Sie jpäter noch etwas von der Dame gehört, Maria
Petrownaꝰ“ fragte ich, bei meiner Idee verharrend.
* „Anfangs jchrieb mir Vera, doch fpäter fand ich es begreiflich,
536 Eine Srauenhand.
daß es für fie Peintich war, mit einer Staatögefangenen in Verbin-
dung zu ftehen. — Warum follte Vera mich auch betrogen haben!“
Faden wir noch einiges hin und her geredet hatten, forderte
Graf Nelidow mid) auf, mit ihm noch etwas zu promeniren, ehe wir
mit den Damen den Thee nehmen fullten.
Da ich die Abficht des Grafen, eine geheime Unterrebung mit
mir zu haben, merkte, willfahrte id, fofort feinen Wünfchen und bald
hlugen wir einen der wenig betretenen Pfade in der Nähe der
illa ein, um ungeftört zu plaudern.
„Lieber Freund“, begann Nelidow, „Sie ſprachen vorhin einen
Verdacht aus, ber mic feit der Unterredung mit der Fürftin Tebhaft
bejchäftigt, wenngleich id) mir über Die Gründe deffelben ſelbſt feine
Rechenſchaft abzulegen vermag. Jedoch um Sie genau zu informiren,
muß ic Ihnen auch die Eeinften Beobachtungen mittheilen, zumal
wir, wie Ihnen Maria Petrowna ſchon fagte, auf Ihre Hilfe unfern
ganzen Entdedungsplan bauen. Ich ſelbſt bin durch meine Ver—
wandtſchaft mit den Meſtiſcheffs gebunden, jelbft handelnd einzu=
greifen, wenigjtens öffentlich, wenngleich ich im geheimen nicht un=
thätig fein werde, und ic) fürchte, daß man mich fogar feldft im
Verdacht der Mitthäterfchaft und fomit unter permanenter Con—
trolle hat.“
„Maria Petrowna“, fuhr Nelidow fort, „Sprach vorhin von der
treu bewährten Freundſchaft eines jungen Mädchens Vera Kurwieff,
welche als Gefellichafterin in ihrem Haufe lebte. Die Verhältnifje
der Familie Kurwieff waren früher glänzende, wenigftens Iebte diefell
mit wahrhaft fürftlichem Komfort und Luxus, verkehrte auch viel
im Haufe meines Onfels, des Fürften Mefticheff, der damals noch
unverheiratet und ein vollendeter Lchemann war. So viel ich mich
entfinne, ſprach man von einer Heirat defielben mit der fchönen und
intereffanten Vera, der er in auffallender Weife gehulbi —5— ſoll.
Mein Onkel kehrte jedoch von einer Reife nach Polen als Bräutigam
meiner jegigen jungen Tante zurüd und führte diefelbe bald als Gemulin
heim. Da ich von den Gerüchten über Veras Verhältniß zu meinem
Ontel gehört hatte, war ich nicht wenig erftaunt, Diefelbe als Gefell-
ſchafterin der Fürſtin wiederzujehen und erlaubte mir ſogar darauf-
hin, dem Fürften meine Anlicht auszufprechen. Diefer lachte über
meine wunderbare Idee und verficherte, daß, wenn er je die defiht
gehabt Hätte, Vera zu heiraten, er dies hätte thun können, da dieſell
fiderfi nicht verweigert haben würde, Fürſtin Weihe ‚u werden,
a jedoch feine Gemalin große Vorliebe für das junge äbajen bege,
ihm auch die plöglich eingetretene traurige Lage defjelben dauerte,
wäre es ihm recht, wenn Die Vereinſamte eine Stellung in feinem
Haufe fände. ein Onfel fing bald nach feiner DVerheiratung an
zu kränkeln und nahın einige Monate vor feinem Tode aus Geb:
heitsrückſichten hier in Nizza Aufenthalt. Wera begleitete mein
Verwandten hierher und ich folgte ihnen bald nad. Unter diejer
Unnftänden war ich der permanente Kavalier der beiden Damen, Di
Eine Srauenhand. 537
durch ihre Schönheit überall auffielen, denn felbft neben der blen—
enden Erfcheinung der Fürftin behauptete ſich die pifante Brünette,
mit den bligenden ſchwarzen Augen.
Trogdem mein Interefje ganz allein meiner reizenden Tante
gewidmet war, konnte ich nicht umbin, auch Vera, die mich imgrunde
antipatijch berührte, Aufmerkſamkeiten zu erweijen, die von ihr leb—
hafter aufgefaßt wurben, als mir lieb fein konnte. Ich fühlte, daß
Vera mich zu feffeln verfuchte, befonders nach dem Tode meines
Onkels und fpäter nach dem Zerwürfniß mit meiner Tante. Maria
hatte Die Freundin in ihr Vertrauen gezogen, die wiederum mir ihre
Hilfe zur Verföhnung anbot. Ich trat infolge deſſen in eine leb—
yafte Korrefpondenz mit Vera, bie bei dem Geift und ber Welt-
fenntniß derfelben ihres Reizes nicht emtbehrte. Auf der Reife nad)
Paris, wohin die Fürjtin vorausgeeilt war, traf ich Vera allein und
erfannte mit wirtlichem Schreden, daß ich der Gegenſtand einer hef-
tigen Leidenjchaft von ihrer Seite fei, was um fo mehr befrembete,
da diejelbe meine Verehrung für Maria Betroong genau kannte.
Von da an wurden ihre Briefe immer Teidenfchaftlicher; fie ftellte
mir vor, daß meine Ausſichten bei meiner Tante volltommen ver-
nichtet feien und diejelbe niemals die Meine werden würde. Sch
wollte mich ſelbſt überzeugen, traf jedoch auf dem Schloſſe während
Marias Abwefenheit ein, nur von Vera empfangen. Sie hatte ihr
Betragen volltommen geändert, begrüßte mic) mit einer fanften
Melancolic, die bei meiner niebergeichfagenen Stimmung ihren Ein-
drud nicht verfehlte. Mein Abfchied von der Fürftin war ein FH er
gewejen und fehnitt jede Hoffnung auf eine Xenderung ihrer Gefühle
ab. Vera fchrieb mir noch einige Male, aber ic) antwortete nicht,
hörte nur, daß fie nad) dem üben gereift fei, wohin ich aud) zu
reifen gedacht hatte. Inwiefern Veras Vetragen zu dem an Marta
Begangenen Verbrechen im Verhältniß fteht und ob überhaupt eine
Verbindung zwiſchen beiden möglich, ift mir felbft unfaßlich, jeden-
falls jedoch) ift dies Mädchen nicht die treue ee, wie die Fürftin
meint. Trogdem habe ich außer einer anfänglichen Warnung, die
zurädgewiefen wurde, niemals mit Maria über dieſen zarten Punkt
u sprechen gewagt. — Doch jegt laſſen Sie uns heimfehren, die
Damen werben uns jchon erwarten.“
Bald darauf faen wir im hellerleuchteten blumengeſchmückten
Salon ınm den Theetifch, plauderten von diefem und jenen, was Die
ſchöne Wirthin fanımt der Tieblihen Alexa intereffiren konnte, und
au meiner innigjten Freude bemerkte ich, daß der Graf fi) mehr
m juugen Mädchen, als der Fürftin zuwandte Auch Marias
id ruhte mit feinem Lächeln mandmal auf dem jungen Paare
d ie tiefblauen Augen erhielten einen fveudigen Glanz.
ie ſchon erwähnt, hatte ich in den Stunden, die cin Beifam-
nfein mit der Zürftin ausfchloffen, in dem heiteren Gefellfchafts-
iben Nizzas Zerſtreuung und Erheiterung gefucht, ohne jedoch das
abſichtigie gefunden zu haben. Das Spiel freilich und die Be—
538 Eine Srauenhand. 1
!
obachtungen der verjchiedenen dort in Monte Carlo zufammentref-
fenden Elemente verfehlten ihre Wirkung nicht und oftmald Hatte
mich der Nachmittag auf dem Wege nad) Monaco getroffen, wo ich
dann den Abend zuzubringen pflegte.
Auch Nelidow war ein großer Verehrer des Spiels, wenngleich
er fi) niemals mit Leidenjchaft demfelben ergeben hatte und jo
unternahmen wir gemeinſchaftlich an einem der nächiten Abende einen
Ausflug nad) dem paradiejiich gelegenen Kafino, wo das Geld, zum
Gott erhoben, mit furchtbarer Gewalt die Menfchen an fich zieht.
Wir erreichten den Eingang in die Säle erit, als ſchon das Wond-
licht zauberhaft Terraffe und Gärten beleuchtete und drinnen ftrah-
lender Glanz und blendende Pracht herrſchte. Unſchlüſſig, wohin
und wenden, ob am Roulette ober am Trente-et-Quarante dem Dämon
zu opfern, fchlenderten wir durch die feenhaft ausgeftatteten Räume,
die von einer eleganten Menge durcjflutet wurden. Nur. leije
füftertöne drangen hier und da an unfer Ohr, während die in be»
timmten Intervallen wiederfehrenden Rufe der Croupiers wie der
Pendelſchlag einer Uhr die Stille unterbrachen und das Klappern der
Goldſtücke, das Raſcheln der Banknoten einen beinah unheimlichen
Eindrud eg Plötzlich, in einem der legten Säle einge-
treten, faßte mic Nelidvow am Arm und zog mich in eine, von
ſchweren feidenen Vorhängen verbedte Fenſterniſche.
„Sehen Sie dort Diele Dame im dunkelrothen Koſtüm mit dem
ſchwarzen Haar und ben leuchtenden Augen?“ flüftert er mir leife
& auf Die betreffende, uns gegenüber in einem Sefjel lehnende
;pielerin deutend.
„Gewiß,“ antwortete ih, „le diable rouge, wie man fie
ihrer Vorliebe für die rothe Farbe nennt, Ri mir_fogar perfönlich
befannt und id habe manden Abend in ihrem Kreiſe zugebradit.
Sie ift der amitfantefte Dämon, den ich je geſehen — übrigens eine
Landsmännin von und.“
„Es it Vera Kurwieff“, fagte der Graf mit Nachdrud, „was
denfen Sie nun von meinem Verdacht?" —
„Vera Kurwieff? — mir nannte man fie Gräfin Dolzinska, der
rothe Teufel. — it fie es jedoch wirklich, fo ift die Perſon wohl
imftande ein Verbrechen zu begehen, doc) eben fo klug, um ſich leicht
zu verrathen.“ .
„Sie ift e8_beftimmt, dod) möchte ich vermeiden von ihr gefehen
zu werden. — Lafjen Sie uns den Saal verlaffen und reiflich über
[egen, was zu thun ift.“
Wir fehrten mit dem nächſten Zuge nad) Nizza zurüd und ver-
brachten ben größten Theil der Nacht mit dem Austauſch unfer
Anfichten und dem Schmieden aller möglichen Pläne, die jedoch ſämm
lich auf äußert unficheren Fundamenten ftanden.
Da Nelidow genöthigt war, in furzer Zeit nad) Rufland zurür
äzufehren, famen wir überein, Maria Petrowna vorläufig nichts vr
unjern Verdächtigungen, fowie von der Anweſenheit Veras in Monc
Eine Srauenhand. 539
mitzutheilen und id) übernahm den Auftrag, mid) mit ber jogenannten
Gräfin Dolzinsfa in Verbindung zu jegen und nad) Möglichkeit ihr
RN und Treiben, ihre Belanntichaften und Beziehungen zu er—
orſchen.
Der Graf verließ bald darauf Nizza, nachdem wir einen Brief-
wechjel über die uns lebhaft bejchäftigende Angelegenheit verabredet
Hatten und aud die Fürftin Mejticheff trat mit der jungen Alera
eine Reife nad) Rom an, wohin ich natürlicherweife die Damen gern
begleitet hätte, wenn mich nicht die Beobachtungen Veras an Monaco
gefeffelt haben würden.
Jedoch ehe Maria Petrowna jchied, empfing ich das bejeligende
Geſtändniß aus ihrem Munde, daß fie meine Neigung erwidere, daß
fie meinen Bitten willfahren und mir die fo leidenſchaftlich begehrte
Hand zum ewigen Bunde reichen wolle — wenn ihre Unfchuld be
wiefen, wenn fie rein vor aller Welt baftehen, wieder unangefochten
in das Vaterland zurüdfehren könne. So ſchwer ich unter dieſem
Bmang, der mein heißerfehntes Glüd in unabjehbare Fernen rüdte,
litt, Maria war unerbittlich und ich fonnte die Gründe ihrer Weis
gerung nur achten. Ich hatte fomit für mein Glüd zu kämpfen und
der reis war ber jchweriten Arbeit, des unabläffigiten Bemühens
werth. — —
Zu meiner Freude war e3 mir möglich, einen längeren Urlaub
u erhalten, hauptfächlich durch Nelidows Vermittlung, der viele
Berbindungen mit den höchiten Beamten befaß, und jo Hatte id)
Muße, den Spuren ber verdächtigen Vera zu folgen. Leider war die
erſte Zeit, is nad) der Verhartung Marias vergangen, ohne daß
von einer Seite Schritte zur Entdeckung bed wahren Thäters gethan
worden waren, ba die Fürftin, fowie Graf Wafil, van der a
gegenfeitig überzeugt, ſich in tiefftes Schweigen hüllten — fomit war
jeder Anhalt verloven und nur dem Zufall oder einer höheren Fügung
ie Entwirrung dieſes Räthſels überlaffen. Trogdem ich bald zu
verzweifeln anfing, verfolgte ich dennoch meinen Plan mit Beharrlich-
feit und verwandte jeden Moment auf deffen Durchführung. Auch
Nelidow fuste, auf dem Schloß der Fürftin wohnend, mit äußerfter
Vorſicht der umbegreiflichen Gejchichte auf den Grund zu fommen
und wir Her ka wöchentlich Briefe und Anfichten über den ung
Iebhaft befchäftigenden Fall. —
Die Gräfin Dolzinska war wirklich mit Vera Kurwieff identiſch
und Ieugnete, als ich gelegentlich der Fürftin erwähnte, ee
nicht ihre früheren intimen Veziehungen, die fie jedoch, da diejelbe
unter einer Hochverrathsanklage geftanden Hatte, nicht weiterhin als
gute Patriotin aufrecht halten könne. Als ich die Namen Nelidows
nannte, bemerfte ich og, der großen Beherrſchung diefer Dame einen
zornigen Bli in ihren Augen aufleuchten, doch nur einen Augenblid,
dann plauberte fie Iuftig von andern Dingen und der „diable rouge“,
war an dem Abend ausgelafjener und Injtiger denn je.
Erſt fpät trennten wir und von einem opulenten Souper, bei
540 Eine Srauenhand.
welchem der Champagner in Strömen geflofjen war und Wera
Dolzinska mit dunfelrothen Rofen im tiefjchwarzen Haar und feurig
bligenden Augen die Wirthin gefpielt hatte.
Graf Dolzinsta, eine echte Spielerphyfiognomie, nahm ebenfalls
an unferm Aulammenfein theil und ich hatte zum erjten Male Ges
Tegenheit, die Gatten zu beobachten. Beide jtanden ſich wie Fremde
jegenüber, wenngleich der Graf voll Galanterie für feine jchöne
Semalin war, welche dieſelbe jedoch mit einem verächtlichen Lächeln
erwiberte und ihre Aufmerkjamfeit hauptjächlich einem jungen, als
immens reich befannten Ameritaner zunvandte, der vollftändig in den
Banden der Intriguantin lag.
Nachdem ich die Geſellſchaft verlafjen, irrte ich noch ſtundenlang
auf der einfamen Terrafje under, zergrübelte mein Gehirn ohne zu
einem Nefultat zu gelangen und zog mich endlich in mein Zimmer
zurüd, welches eine Treppe hod) in demjelben Hötel gelegen war, in
welchem die Dolzinsfis die Parterreräume inne hatten.
Während ich bei offenem enter noch ruhelos auf meinem
Lager vergeblich meine Gedanken zu jammeln fuchte, hörte ich plötz⸗
lich duch die Stille der Nacht ganz deutlich leiſes Flüjtern dicht
unter mir im Garten. Anfangs legte ich fein Gewicht auf dieſe
Beobachtung, doc, nachdem das leiſe Gejpräch fich länger hinzog,
eilte ic), von einem Inſtinkt getrieben an das Fenſter und beugte
mid) vorfichtig hinaus. Unten in einem der Dolzinzkifchen Zimmer
joien ein weibliches Weſen auf der goldenen Brüftung zu lehnen,
enn eine kleine Hand erjchien ab und zu lebhaft nelitufiren,
en eine außergewöhnlich fräftige Männergeftalt im Garten,
verjtedt von Rojengebüfchen, jtand.
Den Inhalt des Geſprächs konnte ich nicht erlaufchen, da beide
ſehr leife miteinander jprachen, doc) ſchien es mir nad) dem Tonfall
der Stimmen — die Ruhejtörer bebienten fich übrigens der euffiien
Sprahe — als ob der Mann heftige Vorwürfe erhöbe. Plötzlich
jeboch klirrte leije ein Fenfterriegel und die Geftalt des en
Wanderer verfchwand lautlos zwiichen den Bäumen, jo daß dieſe
Unterbrechung nicht geeignet war, meine Ruhe zu vermehren, im Gegen-
theil mi) in ein Meer von Gedanken und Phantafien warf, ift
begreiflich und als ich endlich nad) einem kurzen, enerquiichen
Schlummer die Morgenfonne emporfteigen fah, Yien mir dag Er⸗
lebniß der legten Nacht wie ein wüſter Traum, Die Folge unjeres
opulenten Gelages.
Ich hielt mich jeitdem der Geſellſchaft der Dolzinskis ferner,
beobadjtete jedoch die Gräfin umauögeieht, hauptfächlich in der
Spieljälen, wo jie mit Leidenschaft dem Dämon Huldigte, und n
ihr ganzes Naturell, jedes Zwanges ledig, erft recht zur Geltu
Tamı. Nie ſah ich jie hier in Vegleitung ihres Mannes, ebenfower
in der de3 jungen Amerifaners, wenngleich es zweifellos fein &
war, welches in großen Summen durch die Finger der jungen Fr
glitt; hatte fie doch felbft geäußert, daß Glüd im Spiele nur vı
n
Eine Frauenhand. 541
handen wäre, wenn fie allein unter Fremden die Chancen beobachten
und benugen fünne; abergläubijch wie alle Spieler, liebte fie daher
Teine befannten Gelichter um fi.
Hatte mic) vor länger denn Yahresfrift die Hand Maria
Petrownas beim erjten Sehen fofort gejeffelt, hatte ich aus ihren
ebfen Linien und Bewegungen richtig auf die fchöne Seele, den
reinen, hochherzigen Charakter und das zarte Gemüt der gänzlich
Unbefannten gefchloffen, die rofige, wohgepflegte Veras mit den
Grübchen und den kurzen runden Fingern mit ben kleinen fpigen
Nägeln, erregte, wenngleich fie eigentlich hübſch zu nennen war, in
mir ſtets einen gewiffen unbehaglicden Eindrud, und nie war es mir
möglich gewefen, wenn: ic) dicke weiche, vom Handſchuh entblößte
Rechte der jungen Dame zum Gruß in der meinen fühlte, meine
Lippen darauf zu drüden.
Unedel, feidenschaftlich, fer war dieſe Hand, felbft einen Zug
von Graufamfeit und Rachſucht meinte ich darin zu erfennen und
die Art, mit welcher die juwelengejhmücdten Finger in den Gelb»
maffen wühlten, deutete zugleich auf Habgier und Verſchwendungsſucht.
Tage waren auf diefe Weife hingegangen, ohne daß es mir ger
Lungen wäre, eine Spur von dem nächtlichen Wanderer, ber mit der
Gräfin Dolzinsfh, denit zweifelsohne war es dieſelbe geweſen, vom
Garten aus ſich unterhalten hatte, aufzufinden. Die große, fräftige
Geftalt war unverkennbar, aber diefelbe fchien von Monte Carl
verſchwunden zu fein und ich ergab mich jchon in das Schidjal,
wieder einmal an einem falfchen Hoffnungsfchimmer gehangen zu
haben, al3 plöglich der Gefuchte im Kaſind erſchien, und ohne zu
pointiren, die Geſellſchaft mujterte.
Ich näherte mich ohne Auffehen der Stelle, wo er ſich befand
und erfannte, daß ich es mit einem Menjchen von jedenfalls niederer
Abkunft und Erziehung zu thun hatte. Seine Geftalt und Gefichts-
ge waren nicht unfchön, jedoch von einer gewilfen gewöhnlichen
ildung, feine Bewegung unfrei und haftig und feine Kleidung von
einer gejuchten Eleganz, Die gerade das Gegentheil des beabjichtigten
Eindruds hervorzubringen pflegt. Er umtreifte langſam den Tiſch,
an welchem die Gräfin faß und vom Glück Begünfligt, Gold uni
Banfnoten in Haufen vor ſich liegen hatte.
Sie ſchien ihn nicht zu bemerken, denn achtlos glitt ihr Blick
über die Fräftige Männergeftalt, die ab und zu durch eine unruhige
Bewegung mit der Hand ihre Anweſenheit oder Erwartung eines
Zeichens andeutete. '
Nach einer Weile ergriff die Dame einen an ihrer Bruſt be=
‘eftigten Nofenftrauß und jog den Duft deffelben ein. Gleich darauf
‚var der unbefannte Dann in der Menge verſchwunden. Die Gräfin
ſpielte weiter, wie mir ſchien, zerftreut, fie verlor einige Goldrollen,
padte dann nervös zitternd die übrige, recht anfehnliche Summe
zufammen und erhob fic).
Ich folgte ihr ungeſehen durch die Säle, wo an einem Trente
} 542 Eing Sranenhand.
et Quarante der Graf Icbhaft engagirt war, ebenfo der junge Ameri-
faner. Geräufchlos ſchritt die zierliche Geftalt mit den fagenartig
gejchmeidigen Bewegungen durch die gefüllten Räume, die Schleppe
ihrer blutrothen Atlasrobe graziös emporhebend, dem Ausgang zu.
\ Es war inzwifchen Abend geworden, dunkle Wolfen verdedten
das Licht des Mondes und ein Fühler Wind raufchte in den Wipfeln
der Lorbeer- und Drangenbäume in den, das Kaſino umgebenden
Gartenanlagen, die troß der reihen Erleuchtung heute in Dunkel
gehüllt waren. Draußen im Veſtibül hüllte ji Vera Dolzinska
in ein grohes ſchwarzes Spitzengewebe, welches Kopf und Oberkörper
bedeckend, die Geſtalt völlig uͤnkenntlich machte. Fröftelnd zufammen-
ſchauernd, trat ſie ins Freie, ſah ſich gitm nad) allen Seiten um, -
während welcher Zeit ich, Hinter einer Säule verborgen, fie beobachtete
und verſchwand dann eilig Hinter einer Gruppe Hodämmiger Cacteen
und Blattgewächſe.
Unſchlüſſig, was zu thun, verfolgte ich den nüchſten in die Park—
anlagen führenden Weg. Der Boden war vom Regen burchweicht
und einzelne ſchwere Tropfen fielen von den Bäumen und Sträuchern
bernieder. Tiefe Stille herrfchte in dem ſonſt von einer eleganten
Menge belebten Garten und nur vereinzelte Laute Drangen aus den
‚Hötel3 herüber.
Nicht lange dauerte es und ich ſah zwei dunfele Geftalten fich
auf einem Nebenpfade langſam Bewegen, Sofort verbarg ich mid,
da Diefelben auf mich. zufchritten. An der einen Stimme erkannte
ih Vera Dolzinska, während die andere unzweifelhaft dem vorhin
beobachteten Manne angehörte.
Die Unterhaltung war lebhaft, äußerft heftig fogar vonfeiten
des Unbefannten, der die Gräfin befchuldigte, ihr Hort gebrochen zu
haben und mit feiner Rache drohte. In fanftefter Weife mit den
füßeften Schmeicheltönen juchte diefe den Aufgeregten zu befänftigen
md betheuerte ihm, daß nur jein Wohl, fein One fie Betoogen habe,
den ſchweren Schritt zu thun, daß ihr Herz ihm allein gehöre, daß
fie fchwer an dem Opfer zu tragen hätte. — Was weiter gejprochen
wurde, entzog fich meinem Ohr, da die beiden Streitenden Wege ein-
ſchlugen, wo id, aus Sorge entbedt zu werden, nicht zu folgen ver-
mochte. Ich eilte infolge deſſen auf die Terraffe zurüd, wo wenige
Minuten fpäter Vera Dolzinsfa aus einem Seitenpfad trat und dem
Kaſino ſich zumandte. Als fie in die Nähe defjelben anlangte, näherte
“ mic ihr mit der erftaunten Frage, woher fie allein bei dem
etter füme. Sie behauptete in unbegreiflicher Kühnheit und Geiftes-
gegenwart, daß ein nervöfer Kopfichmerz fie genöthigt hätte, für
einige Minuten den heißen Spieljälen zu entfliehen und auf der
Terraſſe Luft zu ſchöpfen.
Ich bot ihr bienftbereit meine Begleitung an, fie legte ihren
Arm in den meinen und wir fchritten einige Zeit plaudernd die er-
leuchtete Straße auf und ab.
Eine Srauenhand. . 543
Bald darauf begegnete uns der Fremde. Ein wüthender Blid
Ttreifte mich und Veras Hand zudte, unmerflich faft, auf meinem Arm.
„Kernen Sie den Herren?“ fragte ich fie in anfcheinend harm—
Lofer Weile.
„Nein“, antwortete diejelbe, „ich hab ihn nie gefehen! — Doc
wie kommen Sie darauf?“
Ich durfte mich nicht verrathen und fuchte daher durch einen
Sir das Geſpräch auf andere Bahnen Er Ienten.
m Abend jchrieb ich einen ausführlichen Bericht an Nelidom,
Doch je mehr ich mic) in die Sachlage vertiefte, um fo weniger ſuchte
ich einen Grund Veras Handlungsweije mit dem an Maria verübten
Verbrechen in Zufammenhang zu bringen. Der Fremde war jeben-
falls ein früher begünftigter Berehrer des leichtfinnigen Mädchens,
welcher durch ihre Heirat in Zorn gerathen, von der jchlauen und
Äntriguanten Frau von einem fie fompromittirenden Schritt zurück⸗
jehalten werden follte.- Jedoch befchrieb ich dem Grafen genau die
Ferföntigteit des Unbekannten, der jedenfalls ein Ruffe, fchon früher
in Verbindung mit Vera Kurwieff gejtanden haben mußte.
Wiederum gingen Tage hin und alles blieb beim alten. Das
Wetter hatte fi inzwiſchen aufgeklärt und Nächte ftellten fich ein,
wie nur der Frühling jolche in den paradiefiichen Gefilden der
Riviera hervorbringen kann.
Die Bank in Monaco bereitete eines jener Zauberfefte vor, bei
welchem die Kunft in Venugung der herrlichen Natur das Groß-
artigfte leiftet, was nur denkbar ift. Tanz, Muſik, Beleuchtung der
Anlagen und Feuerwerk bieten dem Ohr und dem Auge, was nur
die Phantafie eines Menfchen erträumen fann und von nah und
fern eilt der Strom ber Fremden dem Monte Carlo zu, um fich des
wunderbaren Schaufpield zu erfreuen. Trotzdem mir derartige Feſte
von meinem früheren Aufenthalt an der Riviera befannt waren;
blieb dennoch, bie zauberhafte Wirkung nicht ohne Einfluß auf meine
erregten Nerven. — Einſam unter der bunten Menge lehnte ic, an
einem Lorbeerbaum, während unter den Klängen einer raufchenden
Mufik Feuergarben zum dunfelblauen Himmel emporjtiegen, während
Meer und Park in allen Farben des Regenbogens erglänzte, an ein
ubermärchen gemahnend. — Mit heißer Sehnfucht gedachte ich der
fernen Geliebten, deren Hand zu erringen mein eifriges Bemühen
und das dennoch fo weit in die Zukunft gerüdt war. Freilich müßte
ich meiner Pofition und der mir in Ausſicht geftellten glänzenden
Laufbahn entfagen, wenn ich Maria unter dem jegigen Verdacht zu
meiner Gattin machen wollte und meine Vermögensverhältniffe waren
durchaus nicht derart, um einen fürftlichen Hausjtand, wie ihn Die
Geliebte gewohnt gewefen, zu führen — dennoch hätte ich mit Freu-
den Ehrgeiz und Luxus geopfert, um die angebetete rau zu gewin-
nen — aber vergebens, Maria beharrte auf ihrem: Willen.
Das herrliche Schaufpiel hatte Ingmifchen feinen Fortgang ge-
nommen; die Beleuchtung wechſelte, Raketen und Leuchtkugeln ftiegen
544 Eine Srauenhand.
auf, Lampions ſchimmerten zwifchen den Büſchen und aus den mweit-
geöffneten, im Glanz von taufenden von Kerzen ftrahlenden Sälen,
erflangen die cleftrijivenden Weifen einer Iodenden Ballmuſik. Eine
vollfommen melancholiſche Stimmung überfiel mich inmitten des
Jubels und der freudigen Unterhaltung, die in allen Sprachen der
civiliſirten Welt mich umfchwirrte und ich fehnte den Augenblick
herbei, wo die Maffen fich verzogen, wo ich im Anſchauen der Herr»
lichen Natur das ‚ruhige Steiägewicht meiner Seele wieberzugeivin=
nen hoffte. — Endlich trat auch dies ein; die Menge vertheilte fich
im Kajino und den verfchiedenen Hötel® und nur ab und zu eilte-
einer der beim Feuerwerk betheiligt gewefenen Arbeiter buch den
ftillen Park. Ein Lampion nad) dem andern erlofh und nur- der
— — Rndenſchein erhellte mit magiſchem Licht die wunderbare
La
Tief in Gedanken verſunken, wanderte ich den. einſameren Stellen
der Anlagen zu, als plöglich ein lauter Hilfefchrei, dem gleich daran
ein Schub folgte, mich in die Gegenwart zurüdverfegte. So rafd
ich vermochte, eilte ich der Richtung bes Gehdrten nad) und gelangte
bald an. eine freie Stelle, wo ich im hellen Mondenjchein eine weib-
liche Geſtalt am Boden liegen jah, während ein Schatten unter ben
Bäumen verſchwand. Im Hugenblid war id) an der Seite der Un⸗
glätten, die ich emporzurichten fuchte und in welcher ich. zu meinem
chreden Vera Dolzinsfa erfannte, die ohnmächtig in meinem Arm
lehnte. Meinen Anjtrengungen gelang es glüdlicherweife bald, bie
Bewußtlofe zu erweden, denn trog Schreien und Schießen Hatte ſich
fein Menſch an dem einfamen Ort eingefunden — kam doch der—
gleichen in Monaco zu oft vor, um noch auf bejondere Theilnahme
Anfpruch zu erheben. Ic} geleitete Die Gräfin, welche heftige Schmer-
gen in der Schulter verfpürte in das Hötel, wo jedoch nicht bie
eifejte Verwundung zu entdeden war und das fehmerzhafte Gefühl
nur dem Fall zugel rieben werden Tonnte. Nachdem ich durch Veras
Kammerfrau dieſe Mittheilung erhalten, zugleich mit der Witte vor-
läufig nicht von dem zu zu fprechen, begab ich mich perſönlich zu
der Gräfin, ihr meine Theilnahme, zugleich) auch meine Verwunderung
auszufprechen, fie mit dem von ihr Kot verleugneten Menfchen in
Verbindung zu finden, die einen jo gefährlichen Ausgang hätte,
nehmen fönnen — mit einem Manne, defjen ganzes Benehmen auf
einen weit unter ihr ftehenden jchließen ließ.
Einen Augenblid ſah mid) Vera Dolzinska mit durchdringenden
Bliden an, dann brach fie in ein filberhelles Lachen aus, welches
ihren ganzen Körper erſchütterte, und mit ſpöttiſch bligenden Augen
rief fie mir zu: ,
„Sie halten mich fiherlic, für eine Nipiliftin ſchlimmſter Sorte,
bas ift föftlich — Herrlich! — feider jedoch für Sie nicht richtig
und fomit erwächſt Ihnen nicht der Ruhm, eine furchtbare Ver—
ſchwörung entdedt zu haben! — Jedoch, Sie jollen für Ihre Dienfte
belohnt werden — ich will Ihnen beichten!”
Deine, Google
Eine Frauenhand. 545
Graziös Ichnte ſich die ſchlanke Geftalt in ihrem Seſſel zurüd,
während die Hände nervös mit den Duaften des rothen Plüſch—
ewandes fpielten und die Augen unruhig hin- und hereilten. Das
veben überftandene Abenteuer hatte die Gräfin, wie leicht zu be—
greifen war, bebeutend erregt und jchon wollte ich mich mit einigen
böflichen Worten zurüczichen und um Aufſchieben ihres Berichts auf
Den morgenden Tag bitten, als fie mit einem leichten Seufzer und
melandolifchen Bliden die Erzählung begann:
„Swan Sabanoff war Inſpektor auf meines Vaters Befigung
und der Sohn eines früheren Leibeigenen. Wir hatten ala Kinder
miteinander gefpielt und er fahte feit biefer Zeit eine heftige Liebe
zu mir. Nach dem unglüdlichen Verluft unferes Vermögens fah ich
mic) genöthigt, eine Stelle als Geſellſchafterin der Fürftin Mefticheff
anzunehmen, bei welcher ich verblieb, bis man Die verbächtigte Frau
nad) Peteröburg transportirte. Iwan hatte inzwiſchen Anzeichen
einer Geiſteskrankheit merfen laſſen und beläftigte mich, wo ich ihn
traf, mit feiner Anbetung. Aus Furcht vor jeinen Wuthausbrüchen
fcheute ich mich, ihn ernitlich abzuweien und vermied nur nach, Mög-
Tichkeit eine Begegnung. Bald nachdem ich das Schloß der Fürftin
mit: dem Wohnjig einer befreundeten Familie vertaujcht hatte, bot
mir Graf Dolzinzki die Hand und ich wurde feine Gattin. Kurze
& nad) unterer Hochzeit verließen wir Rußland, nadjdem ich
jritte gethan hatte, den unglüdlichen Iwan einer Heilanftalt zu
übergeben, doch leider vergeblih. Plötzlich tauchte er hier auf und
verfolgte mich mit feiner wahnfinnigen Liebe und Eiferfucht. Ich
fürchtete einen Eflat, fuchte ihn zu beruhigen und feine Abreiſe
u befchleunigen. Bis heute gelang es mir, ihn von einem für mic,
ompromittirenden Schritt zurüdzuhalten. Jetzt, nachdem er foeben
im vollen Wahnfinn den Schuß auf mich abgefeuert, bleibt mir nichts
übrig, als den Unglüdlichen der Polizei zu übergeben und Sie wür-
den mich fehr verbinden, wenn Sie fi der Angelegenheit annehmen
wollten. — Morgen früh wollen wir das Weitere verabreden, jegt
bedarf ich dringend der Ruhe.“
Mit freundihaftlihem Händedrud entlie mich die ſchöne Frau
und ia, jtand wenige Minuten fpäter in dem Veſtibül als ein fehr
trauriger Diplomat, der durchaus nicht wußte, was zu beginnen.
Jedoch gänzlich theilnahmlos konnte ich all! dem abenteuerlichen
Getriebe nicht zujchauen und fo beeilte ich mich, den Polizeidirektor
aufzufuchen und denſelben von dem Attentat auf die Gräfin Dolzinska,
fowie von der Perjönlichfeit Iwan Sabanoffs in Kenntniß zu jegen.
Der Herr verſprach mir das Möglichite zu thun und einigermaßen
beruhigt, fehrte ich in das Hötel zurüd.
Trog der Aufregungen der fegten Stunden fiel ich bald in einen
feften Schlaf und erwachte erjt jpät am nächſten Morgen, als die
Sonne ſchon hoch am Himmel ftand, durch ein Klopfen an meiner
Zimmerthür. Es war mein Diener mit den Poftfachen.
Ein Brief von Nelidow fiel zuerft in meine Hände. . Er fchrieb,
» Der Ealon 1889. Heft V. Band I. 37
546 Eine Sranenhand.
daß wichtige Entdedungen, die er nicht näher befchreiben könne, ihm
feffelten und meine baldige Rückkehr nach Rußland dringend nöthig
machten. Ein zweiter Brief ohne Poftftempel von unbekannter Hand
verfegte mich in eine gewilfe Unruhe. Vera Dolzinsfa theilte mir
mit, daß fie beichloffen habe, mit ihrem Mann jofort Monaco zu
verlaffen, u.a dem unglüdlichen Sabanoff aus dem Wege zu gehen.
Zugleich überreichte ber Diener ein foeben von Polizeidiveftor ein-
gelaufenes Schreiben, worin berjelbe um meinen Beſuch bat.
In fliegender Eile beendete ich meine Toilette und während ich
im Speifefaal frühftückte, ließ ich mir vom Chef des Hötels_ über
die plöglicde Abreife der Dolzinsfis Bericht erftatten. Diefelben
hatten in Begleitung von Mr. Bader, dem jungen Amerikaner, am
frühen Morgen in einem Miethwagen Monaco verlajjen, ohne an-
gegeben zu haben, wohin fie zu zeilen gedächten.
Als ih in das Bureau des Polizeidirektors trat, kam dieſer
mir fon in untuhiger Erwartung entgegen.
„Roc geftern Nat habe ich einen Beamten auf die Fährte
des don Ihnen genannten Menjchen gefandt“, begann er mit der
ganzen Aufgeregtheit des Sübländers „und fchon am frühen Morgen
befand er fich in unferm Gewahrfam, jedoch in einem jammervsllen
Zuftand — als der Detektiv, den ich mit dieſer Angelegenheit be=
traute, den Verdächtigen aufgefunden hatte und ihn verhaften wollte,
riß derfelbe mit Bligesfcnelle einen Revolver hervor und ſchoß fich
duch die Bruft. — Haben Sie etwas von ihm zu erfragen, jo ver-
ſuchen fie bald Antwort zu erhalten, denn der Arzt giebt ihm nur
wenige Stunden.”
Mit unheimlihen Schaubern betrat ich den Raum, in welchem
der Sterbende gebettet lag. Nerztliche Hilfe war vergeblich, Das
eigte mir der erfte Blick auf Dice wachsgelben Züge, in welchen
denn Tropfen Blut mehr zu pulſiren fehien. Ich fegte mich an das
Lager, auf welchem der Anal üche junge Mann mit gejchlofjenen
Augen im Schlummer ängft ich ftöhnte. Tiefes Mitleid ergriff mich
mit dem Armen, der ein Opfer feiner Leidenjchaft geworden war und
unter Fremden. auf verbrecherijche Weije feinem Leben ſelbſt ein
Ende gemacht hatte.
Ich nahm eine der fieberhaft zudenden Hände in die meinen
und nannte feinen Namen.
Er fuhr aus dem Schlaf empor. „Wer ruft mich“, begann er
in ruſſiſcher Sprache und indem er mich ſcharf fizirte, fuhr er ebenfo
fort: „Vera endet Sie — was will fie noch von mir?"
Ich ging fofort auf feine Ideen ein und antwortete:
„Die Gräfin Dolzinsta ſchickt mich — Sie jollen mir ver
en.“
„Gräfin Dolzinska“, fchrie mit leidenſchaftlicher Erregung de
Kranke und in fi) zufammen finfend, fuhr er im Zlüfterton for
„fie ift_ der Fluch meines Lebens."
„Wo ift fie?“ fragte er nach einer Paufe.
Eine Srauenhand. 547
„Sie verließ Monaco Heute Nacht“, antwortete ich, indem ich mit
Herzklopfen jedes Wort des Sterbenden erwartete.
„Haben Sie mir nichts zu ſagen — was Vera Kurwieff —
und die Fürſtin Mefticheff betrifft?“
Wie vom Blitz getroffen fehnellte Sabanoff empor.
„Sie kommen nicht von Vera“, rief er mit gebrotyener Stimme,
„fie hat mich verlaffen — Vera hat mich geopfert!”
Thränen erfticten feine Worte und feinen Körper überflog ein
Trampfhaftes Zittern.
IH fuchte den Unglüdlichen zu beruhigen, ngte ihm, daß i
ein Freund der armen, ſchwer geprüften Fürftin Meſticheff fei, ba|
ich auf Vera Dolzinsfa von Anfang an Verdacht geworfen, jedoch
von der fchlauen Imtriguantin nichts habe erfahren fünnen, als big
geftern Abend.
an bat Sie Ihnen ihre Schuld geftanden?“ flüfterte der Un—
glückliche.
Ich wagte dem Elend gegerüber feine Lüge. \
fin Dolzinska hat mich beauftragt, Sie der Polizei zu
melden.”
„Der Polizei? Sie — Vera hat das gethan? Vera hat mich
des Mordes angeklagt? Mit einer Lüge hat fie mich verderben
wollen? Und ich habe dieſes Weib geliebt — mehr wie mein Leben!
— Sie follen alles erfahren. Ich weiß, daß mein Ende nahe ift.
Hören Sie! Ich bin der Sohn eines früheren Leibeigenen, der Hof-
meifter und Wirthichafter auf dem Gute des Herrn von Kurwieff
war. Ich kam oft in das Schloß zur Herrſchaft und fpielte mit der
Heinen Vera, die in einem Alter mit mir war. Als ich größer
wurde, trafen wir und ferner, aber meine Anbetung für das jchöne
Mädchen fteigerte fi von Tag zu Tag. Ich Hätte willig mein
Leben für Daffelbe gelaffen und war beglüdt, wenn Vera einen Dienſt
von mir verlangte. Mit Eiferfucht betrachtete ich jeden Mann, der
auf das Schloß fam und fürchtete eine Verheiratung der Jugend»
gefpielin wie das größte Unglüd, was mir zujtoßen fünnte,
Der alte Fürjt Meftiheff war ein häufiger Gaft im Kurmwieff-
Haufe, er ritt ftundenlang allein mit Vera durch die Wälder
und id) fah mit heißem Weh oft von verborgenen Stellen, mit wel-
chem fühen Lächeln fie dem alten Verehrer fchmeichelte.
Eines Tages traf ich Vera allein im einjamen Forſt, aufgelöft
in Thränen, ſchmerzdurchwühlt im Moofe liegen. Ich eilte zu ihr,
fiel zu ihren Füßen nieder, küßte ben Saum ihres Kleides und be-
fchwor fie, mir ihren Kummer anzuvertrauen, damit 9 ihr helfen,
oder fie rächen könne. Sie ſchüttelte den Kopf und hieß mich gehen,
während von neuem ein frampfhafter Thränenjtrom ihren Augen
entquoll. Da vergaß ich mich und geftand ihr, der hochgeborenen
Dame, meine Anbetung und Liebe. Sie wies mich nicht zurüd, fon«
bern reichte mir Die Sand, die ich mit Küffen bededen durfte und
fagte, indem fie mich mit ihren feurigen Augen anblickte: „Ich habe
37%
548 Eine Srauenhand.
Dein Wort, Iman — Du allein follft mich rächen“ Bald darauf
erfuhr ich, daß Fürſt Mefticheff eine andere ala Gemalin heimzu—
führen gevälte und daß der Kurwieffihe Reichtum nur Schein ge-
weſen fei. Das glänzende Leben im Schloß erreichte plötzlich fein
Ende, Pferde und Gquipagen wurden abgeſchafft, feine Feſte gegeben
und fein Befuc empfangen. Nach furzer Zeit verlieh Vera das
traurige spuus ihres Baterd und wurde Gejellfchafterin der jungen
Fürftin Mefticheff.
Mic) führten die Geichäfte, da ich inzwiichen an Stelle meines
alten Vaters Inſpektor geworden war, öfter nach der Mefticheffichen
Befigung, wo ich außerdem mehrere Freunde hatte.
Vera ſchien glücklich und Heiter zu fein und ihre Rache vergejfen
u haben, beſonders ſeit der junge Graf Nelidow, ein Neffe des
ürften, ein häufiger Gaft im Schloffe war. Nach Jahresfrijt etwa
reifte die Herrfchaft nach Nigza, wo der alte Fürſt nach langer
Krankpeit ſtarb. Die Fürftin fehrte darauf in — Veras
zurück und bald verbreitete ſich das Gerücht, daß Graf Nelidow ſich
um die Hand jeiner ſchönen jungen Tante bewürbe und die Hochzeit
nach Verlauf des Trauerjahres Mattfinden ſollte.
Trotz eifrigen Bemühens war es mir nicht gelungen, Vera feit
der Rückkehr aus dem Süden zu fehen, doch war ich überzeugt, daß
die Enttäufchung eine große und bittere fein mußte.
In diefer Zeit iraf ich eines Tages-den Grafen Dolzinski, einen
unferer nächften Nachbarn, der mich in einer gejchäftlichen Angelegen-
heit zu fprechen wünſchte. Nach langen Umſchweifen fam er endlich
zum Zwecke ſeines mir zugedachten Beſuchs, der mich mit unheilvoller
Ahnung erfüllte.
Um Ihnen furz mitzutheilen — der Graf hatte ſich mit ver-
ſchiedenen feiner Standesgenojjen, bie der altruffiichen Richtung an-
gehörten, beſonders empört durch die neueren Einrichtungen der Re-
ierung, die ihnen viele ihrer alten Rechte genommen hatten, in ein
Bünbnib zur Befämpfung diefer Neuerungen eingelaffen. Dieje, einen
etwas gefährfichen Charakter habenden Zufammenfünfte hatten jeit
Jahren vollfommen aufgehört, doc waren in dem verborgenen
Schlupfiwinfel Papiere zurüdgeblieben, die für ihn, ben Grafen Dol-
zinsfi, ſehr konipromittirend werden konnten und die er zurüdzuhaben
wünfchte. Ich weigerte mich anfangs und Hatte nicht übel Luft, den
Grafen höheren Orts anzuzeigen, doch höhnifch lachend wies er mein
Bebenfen zurüd, indem er mir erflärte, daß mein alter Water der
Helfershelfer, mithin cin Schuldiger gewejen und jofort dem Ge»
fängniß verfallen, ficherlich fogar nach Sibirien gejchiet würde, wenn
der Ort, wo die Schriftjtüde lägen, entdeckt würde. Ich eilte in
peinvollfter Aufregung zu dem greifen Vater und hörte zu meinem
Schreden, daß alles Wahrheit, daß ein von dem alten Mann unters
ſchriebenes Schriftftüc feine Theilhaberſchaft an der Vereinigung bes
ftätigte, um die andern dadurch vor Verrath zu ſchützen. Cr bezeichnete
mir genau den Ort, gab mir einen Schlüfjel, erklärte mir die Wege
Eine £rauenhand. " 549
und geheimen Schfupfwinfel und beſchwor mich. ihn von der Angft
und Unruhe zu befreien. Dem Flehen des alten Mannes konnte ich
nicht widerjtehen und jo entjchloß ich mich, den Gang zu wagen.
Ich erreichte am Abend das bezeichnete Schloß, wo die Zufammen-
fünfte ftattgefunden hatten’ und da ich dort befannt war, wurde es
mir nicht ſchwer, den genau bejchriebenen Holzſtall aufzufinden und
mich daſelbſt zu verfteden, bis alles ſich zur Ruhe begeben hatte.
Dann padte ih mit Vorfiht an der bezeichneten Stelle die Holz—
loben beiſeite, wodurd) eine faſt unfichtbare Thür, die ich mit meinem
Schlüſſel öffnete, den Eingang in einen zweiten Raum frei machte.
Erſt nad) fangem Suchen ward es mir hier mit Hilfe einer Laterne
möglich), nach der genau gegebenen Anweiſung eine ſich auf einen
Drud leicht bewegende flappenartige Einrichtung zu finden, die genau
dem Gemäuer angepaßt, ſich in den Fugen der Seine bewegte und
von Uneingeweihten unmöglich ji erfennen war. Kaum jedoch
drängte ich mich durch die fchmale Deffnung, als ich in einem er
Teuchteten Kellerraum — Vera Kurwieff gegenüber jtand. — Ich
vergaß Ihnen zu jagen, daß ich mid im Schloffe der Fürftin
Mejticheff befand — daß der Fürft das Haupt der Verſchwörung
geweſen, von feinem Tode im Süden überrajcht, die Spuren zu ver-
tilgen vergeffen hatte. — Vera war nicht weniger erjchredt als ich,
verjuchte jedoch bald in herrijcher Weiſe, Erklärung über mein Ein—
dringen wie ein Räuber in der Nacht zu fordern. Lange Zeit ftrit-
ten wir hin und her und ſchon war ich verjucht, mit Gewalt die
Papiere an mich zu bringen und zu entflichen, wenn nicht einerjeit®
die Sorge, von dem heftigen Mädchen verraten zu werden, ander-
jeit3 meine Leidenſchaft und bie Hoffnung, durch Lijt hinter das
Geheimniß, welches Vera in den unheimlichen Raum geführt hatte,
zu kommen und mich dadurch meinem Ziel die Angebetete zu gewin-
nen, zu nähern gehofft hätte. Ich hatte meinen Auftrag, Papiere
zu holen, gejtanden, wenngleich ohne vorläufig einen Namen zu
nennen und fuchte diejelben aus der bezeichneten, in den Boden ein-
gelaffenen eijernen Kafjette hervor, während mir Vera Kurwieff er—
zählte, daß fie beim Suden eine® ımter einen Schrank gerollten
Schmudftüds, diefen mit Mühe fortgerücdt und unter dem Teppich
die Fallthür entdedend, der Neugier nicht habe wibderftehen können.
Die treuherzige Miene, mit der fie dieſes vortrug, verleitete mich
anfangs, Dielem Märchen Glauben zu fchenfen, bis ic) in den Papieren
auch den Namen Kurwieff las und das Mädchen dadurch zwang,
mir die Wahrheit zu geitehen. Ebenſo wie Graf Dolzinsti, war
auch der alte Kurwieff Mitglied des Bundes, auch ihn hatte die
Sorge, bei den jegt der — Umtriebe wegen ſtrengen Unter⸗
ſuchungen und fäiveren Strafen, die ihnen bei der Entdedung biefer
imgrunde ungeführlichen Vereinigung erwachjen Eönnten, getrieben, feine ,
Tochter um Herbeifchaffen der Papiere zu bitten. Dieſe verſprach
das auch in Abweſenheit der Fürftin, die auf kurze Zeit in Peters-
burg weilte, zu thun, da eine geheime Fallthüre von dem Salon der—
550 Eine £rauenhand.
jelben, welches Gemach der Fürft früher bewohnt hatte, in den Keller
führte. Nachdem wir die Papiere geordnet, entfuhr mir ganz unbe—
wußt und unbedadht eine Aeuberund: „Wenn dieje Briefichaften hier
entdedt würden, Fünnte ſich die Fürstin, fo unſchuldig fie ift, auf
eine Reife nach Sibirien vorbereiten.” Die Wirkung dieſer Worte
war eine furchtbare, Veras ‘ganzes Geſicht glühte in einem unheim⸗
lichen Feuer, ihre Augen bligten und ihre Hände ballten ſich frampf-
haft ineinander.
„OD, wenn das möglid) wäre, wenn id) mich an der Frau, die
zweimal das Glüc meines Sebens zerſtört hat, rächen könnte! Iwan“,
tief ſie darauf mit zärtlichem Ton, „hilf mir, räche mich — und ich
werde Dein Weib!”
Diefe Verheißung, der liebevolle Ton und die feurigen Augen
madjten mich wahnfinnig — ich lag zu ihren Füßen, küßte ihre
Hände und ſchwor, alles zu thun, was he verlangte — dagegen ver⸗
langte ich einen heiligen Eid von ihr, das Verjprechen, die Meine
zu werden, zu halten. .
Sie Gelobte und ic ward ihr Werkzeug. Neue Zeitungen aufs
zührerifgen Inhalts ſchaffte ich am nächſten Abend heimlich herbei
und Vera frönte das Ganze duch eine zufällig im Schreibtiſch der
ürftin gefundene Unterfchrift, die dieſelbe in eigenthümlicher Gewohn-
eit oft auf leere Blätter frigeln pflegte und aus Zerſtreutheit
manchmal zu vernichten vergeh. Die Thüre nad) außen war unfenntlich
von innen und nachdem ich den Knopf des Niegels abgedreht hatte,
unmöglich zu öffnen. Auch von dem Eingang löfte ich den Drüder,
warf den Schlüffel zur Thür des Holzjtalles ins Wajfer, nachdem
ich jebe Spur eines Eintritt verwilcht hatte. Wochen gingen in
Erwartung des Kommenden Bu — ſchon _padte mid) die Het und
ih hoffte, daß Wera ihren furchtbaren Entſchluß aufgegeben hätte,
als die Verhaftung der Fürstin jtattfand. Laſſen Sie mich Jam
en von den Qualen, bie id) erdufdet. — Meine wahnfinnige Leiden-
Kart Sehe mich zum Verbrecher gemacht und die Strafe folgte auf
dem Fuße.
13 ich Vera an ihren Eid gemahnen und fie zu meinem Weide
zwingen wollte, war fie verichwunden und die Nachricht ihrer Ver—
mälung mit dem Grafen Dolzinsfi war die Singige Kunde, Die zu
mir getange Ich eilte auf die Befigung des Örafen, wo ich die
Treulofe nicht mehr antraf, ich jedoch feitgehalten und als geiftesfranf
einer Irrenanftalt überwiefen wurde. Monatelang blieb ich dort
gefeffelt, bis es mir gelang, zu entfliehen. Nachdem ich mich mit Geld
und Papieren verjehen hatte, reiſte ich hierher, wo ich endlich Ge-
legenheit fand, Vera zu ſprechen. Sie kennen die Gräfin — Sie
wiffen, wie fanft und unſchuldig fie zu fein vermag und obgleich ich
von der Faljchheit der fo heil Geliebten überzeugt war, lich ich
mich dennod) anfangs täufchen, glaubte an das Opfer, welches fie
ebracht, um ihren Vater und auch mich vor Entdeckung, mit welcher
Botzineti gedroht, zu ſchützen. Bald jedoch erkannte ich den Leicht-
Eine Srauenhand. 551
finn und die Habgier Veras. Nur das Geld des reichen Grafen
hatte fie gelodt und id) ward das Opfer, welches zur Ausführung
ihrer Race dienen mußte. Jetzt ſehe ic) alles Elar vor mir, was
meinen von Leidenjchaft geblendeten Augen bisher verborgen gewefen war.
Der alte Fürjt Meſticheff ſowie Graf Nelidow, hatten eine andere
Vera vorgezogen. Ste haßte die junge Fürfin und wollte ſich
rächen, hoffte wohl auch, durch Entfernung derfelben den Grafen für
fich zu gewinnen." Als ihr dies nicht gelang, wählte fie Dolzinski
mit Kine Reichthum und fperrte mich in das Irrenhaus.“
Erjchöpft hielt der junge Mann inne und lehnte fich mit ge-
ſchloſſenen Augen in die — zurück.
Ich ſelbſt war tief ergriffen, feines Wortes mächtig. Ich reichte
dem Kranken, deſſen brennende Lippen zu trinfen verlangten, und mit
leifer Stimme fuhr er fort:
„Ich jah Vera täglich mit heißem Wehgefühl und jprad fie
heimlich einige Minuten. Der Graf follte mid) nicht fehen — meiner
Sicherheit wegen, wie fie behauptete. Geftern nad dem Feſte im
Park fam fie an einen vorher verabrebeten Plag. Ich beſchwor fie,
mit mir zu fliehen, — drohte mit meiner Rache, drohte mich und
* fie zu tödten — da rief fie nad) Hilfe und ic) richtete die Kugel
-auf mich ſelbſt, ohne jedoch zu treffen. Erſt als man mid als
Mörder verhaften wollte, war ic) glüdlicher — nun hat die Qual
bald ein Ende.“
Ein Ohnmachtsanfall endete feine Rede. Eilig rief ich den Arzt,
ſowie den Poligeidireftor herbei, entwarf felbjt in gebrängter Kürze
eine Erklärung des an Maria Petrowna verübten Verbrechens, und
als der Krante ſich von feiner Schwäche etwas erholt hatte, las ich
ihm in Gegenwart der Zeugen fein Geſtändniß vor, unter weldes
er ohne Zaubern feinen Namen jegte und verließ, nachdem ich alles
nur mögliche zur Pflege des Sterbenden angeordnet, zwar tief er—
griffen, doch von glüdjeligen Gefühlen durchdrungen das Haus, wel-
ches ich fo wenig hoffnungsvoll betreten hatte.
Der Telegraph benachrichtige Maria Petrowna mit wenigen
Worten von ber glüdlihen Wendung und kaum geil Tage jpäter
begleitete ich meine geliebte Braut und Alexa na) Rußland, um dort
im Verein .mit Nelidow das Nähere zu beiprechen. Die Erklärung
Sabanoffs erwies ſich als zutreffend und es war Graf Wafil ge-
fungen, ſchon vorher die Spur einer geheimen Thür eines zweiten
Ausgangs aus dem Kellergewölbe zu vermuthen, auf welche Ent-
dedung er in feinem Briefe hingewieſen hatte, ohne jedoch der Sache
völlig auf den Grund zu fommen, was bei der Gejchidlichfeit und
Kift, mit welcher die beiden Verbündeten zuſammengewirki Hatten,
wohl ohne die Ausſprache des Sterbenden niemals zu erwarten ge-
weſen wäre.
Die Ehre des alten Fürjten Mefticheff veranlaßte uns von
einem öffentlichen Prozeb Abitand zu nehmen. Maria Petrowna
wandte fich perjönlich an den Zaren, der ihr in gnädigfter Weife-
552 Eine Sraneı
Gercchtigfeit widerfahren lieh. Wie
eines bedeutenden Vermögens, wenn
viele traurige Erinnerungen für fie
fürftlichen Herrſchaft auf unjeren be
an Waſil Nelidow abgetreten wurde.
Kurze Zeit jpäter vereinte und ber Segen der Kirche, zugleich
Waſil mit der lieblichen Alexa.
Mich zog es unwiderſtehlich dem Orte zu, wo ich die Geliebte
uerſt geſehen, wo die ſchöne Hand, die jetzt als ſchwer erkämpfter
reis in der meinen ruhie, mich begeiſtert und gefeſſelt hatte. Im
Paris feierten wir in ftillfter Zurücgezogenheit die erjten Wochen
unferes Eheſtandes und oftmals fuhren wir hinaus nad) dem herr=
lichen Fontainebleau, um bei der Ruͤckkehr auf dem Lyoner Bahnhof
des eriten Zufammentreffens mit glücklichem und danfbarem Herzen
zu gebenfen.
Bon Vera hörten wir nicht weiter, als daß jie Europa ver-
laſſen hatte, um in Amerifa ihr Glück zu juchen. Der unglückliche
Sabanofj jtarb wenige Stunden, nachdem ich ihn verlajfen und auch
Graf Dolzinsfi machte feinem Leben ein Ende, nachdem er dem
Dämon des Spiels jein beträchtliches Vermögen geopfert hatte.
Mein Freund Karzoff ift der eifrigite Verehrer meiner fchönen
Frau und redet fich felbjt ein, daß er nie an ihrer Unſchuld ge
‚zweifelt habe. ö
Maria lächelt und Iegt verftohlen ihre geliebte Hand in bie
meine — ich bin glüdjelig im Beſitz ber jchönften Frau mit dem
beiten Herzen — ber edeliten Scele. Meine Ahnung hat mich nicht
getäufcht — die Piychologie der ſchönen Frauen hat mich nicht
betrogen.
Seffing in Berlin.
Eine Studie von C. Trog. \
giebt in Verlin wenig Häufer, die mit Iufchriftens
tafeln geſchmückt find, welche das Andenken an gei-
ftige Celebritäten auffriichen, wie wir dies fo zahl
reich in anderen Städten, 5. B. in Paris, finden, wo
jelbjt Humboldts Wohnung, Quai Malaquais Nr. 3,
nicht gergeflen iſt.
Während jedes Kind in der Reſidenz die Stätten kennt, auf
denen man den Helden, die int Schlachtenwetter Ruhm und Ehre
gewannen, Denfmäler errichtet hat, wiſſen wohl nur wenige Berliner,
daß in dem jchmalen und hohen Hauje der Spandauerjtraße Nr. 68,
welches auf ſchwarzer Marmortafel in goldenen Buchſtaben die Ju—
ſchrift trägt:
In dieſem Haufe lebte und wirkte Unfterbliches
M. Mendelsjohn,
geboren zu Deſſau 1729, geftorben in Berlin 1786,
vor mehr denn hundert‘ Jahren nacheinander eine Zahl der damals
bebeutendften literariſchen Celebritäten wohnten. Seine ehr befchei-
denen Räume jahen den Dichter Rammler, den Naturforicher My—
lius — beide Jugendgenojjen Leſſings — dann Nicolai, Lefjing und
endlich Mojes Mendelsjohn, welder diejes Haus erwarb, dem dann
die pietätsvollen Nachkonimen Mendelsſohns fpäter die oben ange
führte Inſchrift verlichen.
Es gewährt gewiß einen bejonderen Reiz, den Spuren großer
Männer nachzugehen und ihre Wohnftätten aufzufuchen, wodurd
deren entferntes Wirken uns näher tritt.
Unter den geiftigen Bannerträgern, den Schöpfern unferer na—
tionafen Literatur und Kultur, ift es einer, der, wenn auch nicht nach,
feiner Geburt, doch vorzugsweife Berlin angehört, und das.ift Lejfing.
554 Seffing in Serlin.
Und doch melden feine Nachihlagebücher genau, welche Zeit er in
Berlin verlebte, darum aud) die Kenntniß, in welchen beiden Häufern
er wohnte, gewiß mehr zufällig it.
Eines diefer Häufer wurde oben bereits genannt, das fpäter
Mendelsſohnſche Haus, das der damalige geniale Berliner Männer-
Treig nicht anders Er nennen pflegte, als „unjer Haus“. Das zweite
Gebäude*), in welchem Leſſing den größten Theil jeines Berliner
Aufenthaltes verbrachte, ift das Haus Nr. 10 am Nicolaikirchhofe,
von dem ein alter Bericht jagt:
„Es ift ein ganz jchmales, altes, jpißgiebeliges, zweiftödiges
Haus in Holz um! 3 nanert gebaut, bie Front nur zwei Fenſter
breit; im untern Geſchoß tft jegt eine Böttcherwerkſtatt, das Stod-
werf über demfelben fpringt nach alter Bauweiſe auf Holzbalfen
weit vor. Im diefem Haufe, das ſchon damals als ein jehr unan-
feontices galt, bewohnte Leſſing jahrelang die „jehr kleine“ Stube
zweiten Gejtods, zu der eine hühnerfteigartige Treppe hinauf-
führt. Die Ausficht aus den beiden Fenſtern des engen Raumes
geht auf den jchwarzbraunen Bau der Nicolaificche. Das ift auch
eine Merfwürdigfeit. Denn diefe ältefte Pfarrkirche Berlins hat vor
fiebenhundert Jahren an der Wiege der künftigen preußifchen Haupt-
ſtadt gejtanden, als diefe nur eben noch aus den Hütten der erften
Anfiedler Albrechts des Bären bejtand, und in ihr Liegen zwei be—
rühmte Landsleute Leſſings begraben: der erfte große Staatsmann
Preußens, der Leipziger Schneiberjohn Lamprecht Diftelmeier, der
als Staatsanzler des erſten proteitantiihen Kurfürften die Grund-
Tage zu Preußens Größe legte, und ein zweiter berühmter Lands—
mann Leſſings, der große Staat3- und Naturrechtslehrer Freiherr
Samuel von Puffendorf, wie Leffing ein armer Pfarrersfohn aus
dem Sachfenlande. Preußen hat e3 verfäumt, als den dritten fich
Leſſing zuzueignen, der jo viele Jahre lang umfonft jtrebte, in Ber-
lin einen Pla zu finden.“
geffing fa im Jahre 1748, neunzehn Jahre alt, nad) Berlin
und blieb dafeldft, ein halbes Jahr (1752) abgerechnet, das er, um
zu promoviren, in Wittenberg verlebte, bis 1755, aljo ſechs Jahre
lang, dann ging er nad) Leipzig und trat bald darauf feine bekannte,
aber mißglüdte europäiſche Reiſe mit dem jungen und reichen Wink
ler an. -Im Jahre 1758 zog er wieder in Berlin ein und blieb
daſelbſt bis 1760. Die Zeit von 1760 bis anfangs 1765 verbrachte
er in Breslau als Sefretär des Generals Tauenzien. Er jehnte fich
aber fort und fort nad) Berlin zurüd und fo finden wir ihn denn
Car im Mai 1765 wieder in der Spreeftadt, wo er fich zu längerer
erbleiben einrichtete. Als er aber zu feinem Schmerze jehen mußt:
wie alle feine Hoffnungen fehl fhlugen, zog er im Herbfte 1767 na
Hamburg und fehrte Geitden nicht wieder zu längerem Aufenthalt«
nad Berlin zurüd.
®) Nr. 68 der Spanbanerftvaße it abgebrochen, Mr. 10 Nicolaitirchhof Reht noc
1
£effing in Serlin. 555
Das Leben nahm den jungen Leſſing in eine harte Schule, Als
blutarmer Student fam er nad) Berlin, und er mußte jede ſich dar—
bietende Gelegenheit wahrnehmen, um des Lebens Bedarf zu eriwer-
ben. Und doc} Hatte diejer neunzehnjährige Student, den feine Geg-
ner nod) lange fpottend ben „Studiosus medieinae“ nannten, bereits
die Aufmerkjamfeit vorzüglicher Kreiſe auf fich gefenft; denn feine
Gedichte in den Zeitungen, und ein Drama, das in geipgig aufge
führt und mit großem Beifall aufgenommen worden war, legitimirte
ihn glänzend als einen echten Sohn des Parnaſſes. Dan darf
wohl annehmen, daß Lefjing dies ſelbſt fühlte und wußte, und wenn
er, als er von Schulden gedrüdt Leipzig verlaffen hatte und nad)
Berlin zurüdgelehrt war, fich daſelbſt nicht dem Theater zumenbete,
0 fag der Grund dafür nur in feiner bittern Armuth, die ihn auf
einem einfamen Dachſtübchen faſt zur Verzweiflung brachte. Es
fehlte ihm alles, felbft die nothmuenbige Aieidung, um ſich vor eins
flußreichen Leuten zeigen zu können. Da griff Mylius ein und half
dem Freunde aus der fchlimmften Noth, Nun ordnete selling Bi
bliothefen, er gab Unterricht und jchriftftellerte; da aber die Verſe
und Dramen fein Geld brachten, dag er doc) verdienen mußte, um
leben zu fünnen, fo ſchrieb er Profa; er wurde literarifcher Redae—⸗
Pe der Voſſiſchen Zeitung und der größte Feuilletoniſt Deutfch-
lands.
Wie man aber damals felbft in gebildeten Kreiſen über einen
„gewiſſen Leſſing“ dachte, mag eine Anekdote darthun, welche Roch—
tig in Leipzig zu erzählen pflegte. Rochlitz war in jeiner Jugend
Bögling der Leipziger Thomasſchule, welche damals unter Leitung
des Neftors Fiſcher, des befannten Herausgebers des Anakreon, jtand.
Die poetifche Ader des jungen Rochlitz that ſich frühzeitig fund, aber
freilich in einer verpönten Richtung. Statt ſich in griechiſchen oder
lateiniſchen Hegametern oder Pentametern zu ergießen, überftrömte
fie von beutichen Reimverjen. Man wollte jogar von ae alden
Verſuchen feiner Ingenbligjen Feder wiſſen. Der Reltor Fiſcher,
welchem dieſes zu Ohren fam, ließ Rochliß, den er als fleißigen und
tolentvollen Schüler werth hielt, auf feine Stube fommen umd redete
ihn folgendermaßen an: „Mein lieber Rochlig, Er ift auf dem beiten
Wege, die ſchönen Gaben, welche Ihm unſer Hertgott verliehen, un—
verzeihlih zu mißbrauchen. Er ahnt vielleicht nod) gar nicht, wohin
jolches Treiben zufegt führen fanı: — Da will id Ihm ein ab-
ſchrechendes Beijpiel aus meiner eigenen Jugend erzählen. Ich machte
anf der Univerfität die Bekanntſchaft eines jungen Menſchen von
jönen Anlagen und Kenntniffen. Latein und Griechiſch hatte er
is dem Grunde ftudirt, er las den Thucydiden, ja den Ariftophas
m, daß es eine Luft war, und wir lajen fie zujammen. Nun ſeh'
einmal: der junge Mann geriet in die Sceilichaft von Komö-
ianten und Zeitungsfchreibern und verwarf ſich total. Seine Klafr
"er blieben liegen, er lief ins Theater und am Ende wurde er fel-
r nichts bejjeres, als ein Komödienfchreiber. Wenn Er feinen
556 £effing in Serlin.
Namen wiffen will“, — Hier drehte ſich der alte Fifcher auf feinen
Abfägen herum — „es war ein gewiljer — Leifing!“
Ueber ‚die Lebenszeit Leffings in Berlin vom Jahre 1750 an,
über fein Kämpfen und Ringen und feine Begegnung mit Voltaire
jagt der bereits erwähnte alte Aufſatz eines Lejfingfenners und Lej-
fingverehrers: „Im diefen erjten fritiichen Auffägen erfcheint Leſſing
bereit8 auf einer folchen freien und fejten Höhe über den fiterarijchen
und äfthetifchen Parteien jener Zeit, daß man nach diefer Seite hin
über Die Arbeiten des faum zweiundzwanzigjährigen Studenten faft
mehr erjtaunen muß, als über feine jpäteren veifiten Werke. Da—
neben legte er hier den Grund zu feiner genauen Kenntniß der fran-
zöfifchen Literatur durch die vertraute Bekanntſchaft mit dem fran-
‚öfifchen Sprachlehrer Richier de Louvain, der um diefe Zeit Privat-
— Voltaires zu Berlin war. Dieſe Bekanntſchaft vermittelte
vᷣgert die erſte und letzte perſönliche Annäherung Leſſings an den
ichter der Henriade. Voltaire war ein Jahr ſpäter als Leſſing
zum zweitenmal nad) Berlin gekommen. Kaum giebt es in der Li—⸗
teraturgefchichte einen größeren Kontraft, ala den zwifchen ihrem bei-
derjeitigen damaligen Auftreten. Während der Jüngling Leſſing, der
vom Geſchick auserſehen war, Deutſchlands Literatur aus der fran-
zöfifchen Knechtſchaft zu befreien und vor allem gegen den Götzen
der damaligen Zeit, gegen Voltaire, die töbtlichiten Streiche zu füh-
ven, in einer Berliner Dachſtube haufte und, um feinen Unterhalt zu
gewinnen, für fümmerlihe Bezahlung Voltaireſche Prozeßakten aus
m Franzöfifchen ins Deutfche überjegte, refidirte Voltaire, der
Günftling des größten Herrſchers jeinerzeit, im Pavillon des Königs-
ſchlofſes zu Berlin, mit Ehren, Gold und Auszeichnungen überfchüt-
tet! Hier war es, wo ber heitere Verfaffer der Dramaturgie den
„göttlichen“ Voltaire fennen und nach Gebühr ſchätzen lernte. Der
„erste Mann des Jahrhunderts“, wie ihm die bewundernde Liebe des
großen Friedrich genannt hatte, war befanntlich neben feinem Reich
thum an Geift und Wig eine ſehr gemeine Menſchenſeele. Er ſtahl
nicht nur Wachslichte zum Vergnügen, fondern cr verwidelte ſich da-
mals aud in einen ſehr ſchmutzigen Prozeßhandel wegen einer in
Gemeinſchaft mit dem Juden Abraham Hirſch betriebenen Finanze
ſpekulation mit ſächſiſchem gapiergeib, bei welchem der berühmte
„Vorkämpfer für Wahrheit, Hecht und Licht“ nicht weniger als zwei
Falſchungen von Handſchriften und einen fchriftlichen Meineid be»
ging. Der ebenjo leidenjchaftliche als pfiffige Voltaire ließ es ſich
nicht nehmen, bei dieſem Prozeßhandel, über welchen man in Seins
Annalen der Gejepgebung V. 248 das Nähere findet, feine Strei
chriften felbft zu verfaffen. Zum Weberfegen derjelben ward ihm bo
jeinem Sefretär der junge Leſſing empfohlen. Infolgedefjen wurt
Leſſing eine furze Zeit lang im Jahre 1750 täglid) von Roltair
zu Tiſch geladen. Hier lernte er die gemeine Natur des gefeierte
Schöngeiftes fennen und die Verachtung welche feine noble und rei:
Dentart gegen die gauneriſche Habjucht des Franzofen, deren ganı-
kn
Keffing in Kerlin, B 557
Umfang er zu durchichauen Gelegenheit hatte, empfand, gab jeiner
ſpäteren äfthetijchen Polemik gegen ihn jene vernichtende Schärfe, die
ihm font überall, wo er nicht Gemeinheit der Gefinnung vor fich
hatte, fremd war. Sein Urtheil über den Prozeß Voltaire gegen
den Juden, das er fpäter mit den Worten des alten Fabeldichters
Phädrus ausſprach“) (fiehe Werke XI, ©. 108, Lachmann), fegte er
damals in einem vertraulichen Sinngedichte nieder, das jedoch erit
nad Doltairgs ſchimpflicher Entfernung aus Berlin gedrudt werden
durfte. Es lautet in den Anfangs- und Endzeilen:
Dem ſqhlaueſten Hebräer in Berlin,
Dem kein Betrug zu ſchwer, fein Kniff zu ſchimpflich ſchien,
Dem Helden in ber Kunſt, zu prellen,
Lam's ein — was giebt der Geiz nicht feinen SHaven ein! —
Bon Kranfreihe Witigen ben Wibigften zu fchnellen.
Ber kann es fonft, als Voltaire fein?
Und kurz und gut, ben Grund zu faflen,
Barum die Lift
Dem Juden nicht gelungen iſt,
So fällt bie Antwort ungefähr:
Herr Boltaire war ein — größerer Schelm als er.
Voltaires Rache juchte ſich ſpäter zu entjchädigen in einer Verdrehung
des Namens Fe aus dem er Le Singe achte! eine Rache, die
janz der Veranlaffung jenes Epigramms würdig war. Die Bekannt-
halt mit Voltaire nahm auch font ein fchlechtes Ende. Eine Heine
literarijche Indiskretion, die fich Leffing mit den ihm mitgetheilten
Aushängebogen von Boltaires Sieele de Louis XIV. erlaubt hatte,
indem er diefelben einem Freunde zu leſen gab, führte einen voll-
ftändigen Bruch durd) einen Briefwechſel herbei, von dem leider Lef-
ſings Antwort nicht erhalten ift.”
Nach den Zeiten der Noth und Entbehrungen erblühten Leſſing
in Berlin auch ſonnige Tage; das war bejonders von 1758—1760
der Fall. Gab ihm das Bewußtfein der Reife friſchen Jugendmuth,
fo erhöhte andererfeits der innige Verkehr mit den genialen Freun—
den, die gegenfeitigen Anregungen und Mittheilungen derjelben, des
Lebens Werth, Trog alledem wollte es Leifing nicht gelingen, in
Berlin eine Anftellung zu finden, fo ſehr fich feine Freunde auch
darum bemühten. Friedrich der Große, dem er zweimal als Biblio-
thefar vorgejchlagen war, lehnte ihn beide Mal ab, weil er ihn nur
aus dem Federkrieg mit Voltaire kannte und den Heros in ihm nicht
ahnte, der feines Geiſtes Schwingen mächtig entfalten follte. Dieje
beharrlichen Abweifungen fränften Leffing ſehr und er gedachte Ber—
lin ganz und gar zu verlafjen und nach Moskau an die borten neu
errichtete Univerfität zu gehen. Er würde diefen Plan auch) ausge
*) Zum Zuben: „Du ſorderſt, was Du, ſcheint es, nie verloren haft.“
Zu Voltaire: „Du Rahleft, glaub’ ich, mas Du fifig Teugneteft.“
558 £effing in Serlin.
führt Haben, wenn das fehöngeiftige Leben mit feinen Buſhfreuuden
ihn nicht mit maguetifcher malt an Berlin gefefielt Ytte. „Die
ftrebfamften und tüchtigjten Männer Berlins, ein Mendelsfohn und
Nicolai, Ramler, Sulzer und viele andere, waren ihm herzlich be
freundet, und mit Sehnfucht gedenkt er in einem Briefe an Ram⸗
ler (1760) der heiteren Berliner Gejellfchaft und der geiftfeben-
den Abende des Freitagsflubs und der Aronegeeele nie in denen
Vorlefungen, Gejpräche und Disputationen über Wiſſenſchaft, Poefie
und Kunjt mit heiteren Mahlen abiwechjelten, während die gro|
Erfolge der preußifchen Waffen dem Leben höheren Schwung ver-
Tiehen. Ein bejonders fröhlicher Kumpan Leffings in ben legten
Jahren feines Berliner Lebens war Ramler. Auch er wohnte im
der unmittelbaren Nähe Leffings, der damals ſchon das Menbels-
ſohnſche Haus in der Spandauerftraße bezogen hatte. „Ich fann
mich bier“, ſchreibt Ramler einmal an Gleim (1759) „mit Leffing ab-
rufen, oder wenigſtens abjehen“. Beide waren Freunde eines guten
Glaſes, und wenn fie Quft verfpürten, ihre ‚Baumannshöhle“ wie
fie den Weinkeller nad) dem Namen des Küfers nannten, aufzufuchen,
jo hing der Eine oder der Andere ein rothes Band zum Fenſter
hinaus und das Signal ward fofort elpeftirt.
Kennt man in Berlin dieſe erfte literarijche Weinfneipe noch?
Müfte fie nicht aud) durch eine Gedenktafel ausgezeichnet werden?
Giebt es in Berlin ein ‚Café Leffing“ oder eine „Weinftube Leffing“,
welche an den Heros erinnert, der die ſchönſten Trinklieder gedichtet
Hat? Wer giebt Antwort?
Es wäre gewiß ein würdiger Schmud ber Refidenz, wenn es
den Selfing-Derehrern gelingen wollte, die Stätten, an denen der
große Todte weilte, durch Gebenktafeln mit pafjenden Infchriften
aussugeichnen, damit das Andenken an Leffing nicht nur in der ges
bildeten elt, fondern auch in den verjchiedenen Volkskreiſen Ieben-
ig. bliebe.
Der Schreiber.
Novellette von Kermance Potier.
ie wollten fid) aud einmal einen guten Tag anthun, der
Schreiber Ambros und fein Freund, der Hannes, des Hand»
ichuhmachers eriter Gehülfe.
Geld Hatten fie ja genug, beinahe fünf Gulden, denen
man freilich nicht anjah, wie viel Noth, Elend und Entbehrung an
ihnen Elebte.
Ambros und Hannes führten gemeinfame — Erſterer
beſorgte die Inſtandhaltung des Logis, letzterer die Kuͤche. Hannes
bewunderte immer den feinen Geſchmack feines Kamersden, der jo-
wohl die Anfprüche kannte, Die der Schönheitsfinn an feine Umgebung
ftellt, denn der Schreiber ſcheute feine Kojten, wenn es die Aus-
ſchmüchung des Quartiers galt. Sogar eine alte Tifchdede hatte er
beim Trödler für fchweres Geld erftanden, und dieſe Tiſchdecke war
fein Kleinod, feine Liebe; wehe dem Hannes, der in freuler Ge—
dankenloſigkeit feine Zinger darein wijchte! Auch um Gemälde hatte
Ambros ſich umgethan. Won einem alten Zungferchen, Barbara mit
Namen, waren fie ihm zugefommen, vier Silhouetten ihrer Groß-
eltern und ein Stillfeben, einen Tiſch mit Melonen darjtellend. Und
wie das gehütet wurbe!
Während Hannes den Kaffee ohne Kaffeebohnen jehr ſchmack⸗
voll bereitete, fegte der Schreiber die Stube, fäuberte jedes Fledchen
mit peinvoller auigfeit und verlieh das Haus nicht eher, ala bis
er ſich von deſſen vollendetfter Ordnung überzeugt hatte. Dann
rottete er in bie Kanzlei, in die er niemals noch zu jpät gefommen
und wo er für einen Gulden den Tag feine acht Stunden fehrieb.
Eigentlich hatte ſich der Ambros zu etwas höherem geboren ge—
ahlt. Bejonders auf jene oberflächliche Bildung, die er na duch
Afriges Leſen von Büchern jeder Qualität errungen, that er ſich viel
zugute. Was ihn jedoch von Hannes am meiſien unterjchied, das
war feine große Liebe zur Menjchheit, die ihm als der Urquell alles
860 . Ber Schreiber.
Edelmuths und aller Erhabenheit erſchien. Sein einige Jahre älterer
Freund wollte iym immer von der Schlechtigfeit der Welt erzählen,
er aber fagte: „Hör mir auf; Du mußt vom Einzeltvejen nicht auf
die Allgemeinheit ſchließen. Ich für meinen Theil fege bei den
Reuten Mets das Beſte voraus.“
„Und ich das Schlechtefte”, erwiderte Hannes, „und ich habe
mich noch felten getäufcht.“
Am Sonntag blieb der Schreiber gern daheim bei einem
guten Buche, indes der Handſchuhmacher fein Stammbeifel auffuchte,
um ſich dort, wie Ambros behauptete, feine Menfchenkenntnig und
ſonſt noch allerlei zu holen.
Einmal aber, der fünf Gulden wegen, die ‚Hannes in ber „ges
meinfamen“ Sparkaffe ahnte, um die herumzuſchleichen fein Antheil
an der Sache war, bewog er doch den Ambros mit ihm ins Wirthe-
haus zu fommen. „Wir müffen uns einen guten Tag anthun“,
hatte er gemeint, „wozu jparen „wir“ denn, wenn wir nichts davon
genießen?“
Und fo fchleppte er den Gejponfen eine gute Stunde Weges in
die Vorſtadt hinaus, wo die „güldene Schnepfe* ihr gaftfreundliches
Neft aufgefchlagen Hatte.
Er —* wie zu Hauſe.
Er machte den Ambros, der ſich zaghaft in den Winkel drückte,
mit den „Damen“, Töchter bieberer — bekannt und ver⸗
ſetzte ihm einen aufmunternden Puff in die Seite, worauf er ſeine
Schüchiernheit überwindend, einen Sechsſchritt wagte, bei dem er fich,
fang, hager und edig wie er war, nicht ganz vortheilhaft ausnahm.
Er glich vielmehr einem Hampelmann, der mit ruhiger Gleichmäßig-
feit am Schnürchen gezogen wird, in ftumpfer Apathie Arme und
Beine bewegt. Sein Geficht bfieb immer fo nett aufgeräumt wie
feine Wohnung, fein Sturm lebhafter Gefühle brachte es aus feiner
gewöhnlichen Ordnung.
Er lächelte auch fehr reinfich, nicht fo breit und mit jo auf-
- gejperrtem Maule wie der Handſchuhmacher, der in etwas auffälliger
Weiſe einer häflichen, dafür aber fühn herausgepußten Brauerd-
tochter huldigte.
„Was er nur will von dem Mädchen?” dachte Ambros, „die
Tann ihm doch unmöglich gefallen!“
Biemlich gelangweilt beſchloß er im geheimen davon zu ſchleichen,
damit ihm der Hannes nicht aufhalte. Als er jeboch zur Thüre
hinaus wollte, jtand auf der Schwelle ein junges Mädchen, das er
vorher nicht gefehen. Er ftarrte fie groß an, er wußte jelber kaum
warum. Sie war halb Kind noch und halb ſchon Weib; zart und
feingliederig war ihre Geftalt, ihr von heller Lebensluſt ſtrahlendes
Geficht zeigte einen Föftlich ftaunenden Ausdrud und ihr keckes,
braunes Auge ſchien mit großer Frage in die Welt zu Ieuchten.
Das unverhohlene Entzüden, mit dem Ambros ſich an ihren
Anblid weidete, ergögte fie ungemein und fo rief fie ihn an:
Der Schreiber. 561
„Na, was gudt er denn fo dumm? Wil er vielleicht mit mir
tanzen?“
„Ich möchte ſchon“, ftammelte das Schreiberlein, „indeß — id)
bin ein bißchen ungeübt.“
„Ei was, nur dreiſt!“ meinte fie fröhlich und legte den Arm
auf feine Schulter.
Er umſchlang fie mit einer Hajt, deren er fich fpäterhin
ſchämte und er preßte ihren feinen Körper feft an fi und cine
ungewöhnliche Erregung verlieh ihm Muth und cine Gewandtheit,
die ihm felber ganz umbegreiflich vorfam. Er flog nur fo dahin,
das feberleichte Ding im Arme, das ihm lachend und ohne Scheu
in die trunfenen Augen ſchaute. Ambros dachte einen Augenblid,
er träume zur. Auf ihren Wangen aber [ag das rothe Leben und
ihre vollen Lippen rebeten eine glückverheißende Wirklichkeit.
r „Ich kann nimmer“, fagte fie plöglich und blieb tief aufathmend
jtehen.
Der Schreiber trat etwas zurück aus den Reihen der Tanzenden,
ohne jedoch das Mädchen Loszulafjen.
& fragte fie nach ihrem Namen und ihren Eltern.
“ Hab’ Kine, entgegnete fie kurz, „sind todt. Der Schuepfen-
wirth, der Trinfer, iſt mein Oheim. Dem helf' ich in der Wirth-
ſchaft und am Sonntag, da fchiebt er mich herein in die Stube.
Die Burfchen tanzen und trinfen dann mehr, denn wenn ich fomme,
wird’3 immer gleich lebendig. Vroni heiß’ id); aber nun gebt
mich freil®
Damit entwand fie ſich Ambros und eilte auf den nächſten
Tiſch zu, an dem ein Dugend lärmender, junger Männer faßen, die
fie alle laut und fröhlich begrüßten.
Sie that fehr vertraut mit ihnen und hell und jauchzend, wie
das eines Kindes erflang ihr Lachen; dem Schreiber aber ging es
jedesmal gleich einem Feuerſtrome durch die Glieder.
Sie tanzte mit ausgelaffener Fröhlichkeit; Ambros drängte ſich
Fa doch gelang’s ihm nicht mehr in ihre Nähe zu kommen, fie
og von einen Arm in den anderen umd achtete feiner gar nicht.
So drüdte er ſich endlich an den Pfeiler eines Fenfters und beob-
achtete fie mit gierigen Blicken.
Er ſchrak fichtlih zufammen, al® der Hannes auf ihn zutrat
und ihm jagte: „Komm’, Ambros, es ijt Zeit, dag wir heimfchren,
morgen heißt’ wieder am die Arbeit.“
Schweigend gehorchte er dem Freunde.
Der ſchwüle Dunft, der Weinduft, das Schreien und Lärmen
beflemmten feine Brujt und machten ihm das Haupt bleifchwer, aber
er ſprach aud) dann noch nichts, als er wieder die freie Gottesluft
athmete und der Nachtwind feine Stirne fühlte.
Auch Hannes blieb gegen feine Gewohnheit lange ftumm. Er
ſchien etwas auf dem Herzen zu haben und nicht recht zu willen,
wie fi) davon befreien. Plöglich begann er und feine Stimme
Der Ealon 1889. Heft V. Band. 38
562 Der Schreiber.
lang weich und eindringlich, als rede er zu einem Kranken: „Ambros,
da3 thu’ mir nicht an — die jchlag' Dir aus dem Sinn!“
Ambros erwiderte nichts und Hannes fuhr fort: „Mußt nicht
glauben, daß ich ein Verleumder bin, aber die Vroni — ich Tüge
nicht — die Vroni iſt nicht brav.“ J
Da brauſte der Schreiber auf: „Schlechter Menſch, der Du biſt!
Jeden verſchimpfiren, wenn Du einem nur weh thun kannſt. Was
weißt Du denn über das Mädel?“
„Gutes gewiß nicht — frag', wen Du willſt. Es kennt ſie ja
jeder, wie das ſchlechte Geld.“
Aber der Ambros erzürnte ſich grimmig und wollte nichts hören
und ſchalt den Freund einen albernen Tropf und häßlichen Ehr—
abſchneider. Und anderen Tages kam er nicht heim aus der Kanzlei
und kam auch nicht zum Abendeſſen. So machte ſich der Hannes
auf den Weg nach dem Schnepfenwirthshaus. Und da ſaß richtig
der Schreiber mit rothem Kopf und glänzenden Augen und vor ihm
Kate die Vroni und drehte fi) in den Hüften und fchäferte und
lachte.
Und eines Abends jagte Ambros: „Hannes, mit und Bweien
it's zu Ende, Du mußt Did) nach einem anderen Logis umſchauen,
die Vroni wird mein Weib.“
Der Handſchuhmacher ſchlug entjegt die Hände zufammen.
„Menſch“, rief er aus, „biit Du wahnfinnig?“
„Ich möcht es nicht behaupten“, entgegnete Ambros gemüthlich,
„ich verdiene mir mein Brod, das Mädel liebt mich, wer hat etwas
Dawider?"
Hannes zudte die Adjeln; er ſchnürte fein Ränzel und ging.
Ambros aber ſchwelgte in Glüd und Seligfeit. Nach einem
Monat war er verheiratet. Und er war mit allem zufrieden und
trug die Heine Frau auf Händen und ärgerte ſich niemals, daß er
noch ebenfo wie als Junggejelle die Wohnung in Stand Halten und
die Magd im Haufe erfegen mußte, denn die Vroni durfte fich nicht
plagen, die war ja viel zu zart und zu fein.
Hannes, der den Freund in der neuen Wirthfchaft nur jelten
bejuchte, jagte einſtmals, nachdem er ſich vorerft tüchtig geräufpert
hatte: „Mich hält's nicht lange bei Dir. Haft es ja ganz nett und
hübſch umd alles, was ich da jehe, ift mir jo wohlvertraut. Da
hängt unfer Melonenbild, da die Ahnfrau der Jungfer Barbara und
da prangt auch die liche, liebe alte Dede, die mid) jo oft geärgert.
Aber eins vermiß ich) — Deine Frau!“
Ambros ſuchte eine gewijje Verlegenheit zu verbergen, von de
er nicht recht wußte, wiejo jie eigentlich in ihm aufitieg.
Er fragte fich hinter dem Ohr und meinte zögernd: „Wird aud
der Vroni leid thun, Did) immer zu verfehlen. Aber ſiehſt Du, de
Oheim thut viel für uns, alle Augenblide ſchickt er Wein oder Eie
oder Butter ins Haus und da geht dann die Vroni immer zu ihı
und Hilft ein bißchen — —“
Der Schreiber. 563
„Auf dem Tanzboden?" fragte Hannes mit unſchuldsvollem
Schafsgejicht.
„Ach, was fällt Dir ein! Im der Küche verjteht fich.“
„Ambros“, begann da Hannes ernit, „wenn einer einen Sad
Thaler hat, fo geht er und verjenft ihn wohl und fperrt Kijten und
Kaften zu, daß ihm feine unbefugte Hand über den Schatz geräth,
Du aber — —“
„Sei ruhig“, unterbrach ihn der Schreiber, „ich weiß, was Du
jagen willit. Soll ich den Sterfermeifter meines Weibes fpielen?
Ihr etwa an der Kittelfalte Hängen? Wird fie mir deßhalb tugend-
hafter jein? Höre mic, es giebt nur zwei Fälle, entweder Die
Vroni liebt mich oder fie liebt mich nicht. Im erjteren Falle iſt
Treulofigkeit jeelifh undenkbar, im legteren — —*, er ftodte.
„Nun, im leizteren —“ drängte Hannes.
Ambros lächelte glüclih in fi) hinein. „Der kommt nicht
vor, fie liebt mic) ficher.”
Und er glaubte und vertraute. Sie brauchte ſich nur an feinen
Hals zu hängen, ihn mit ihren Küffen zu fättigen, ihr Haupt an
das feine zu Ichnen und mit ihren großen, angitvollen Kinderaugen
zu ihm aufjchauend, ihn zu fragen: „Du bift doc) nicht etwa böf’
auf mich?“ da umjchlang er fie zärtlich.
„Nein, nein“, rief er aus, „wie könnt' ich denn?“ Und alle
Bwveifel, die fid) doc) leije in ihm regen wollten, ſchwanden.
Nur einmal hatte die junge Frau eine tiefere Verjtimmtheit in
ihm wachgerufen. Eines kleinen Zmiftes bafber hatte fie ihm trogig
-ertlärt: „Wenn ich einmal einen Neichen finde, bei dem mir's wohl
geht, jo fomm’ id) Dir gar nimmer heim. Baſta!“ Da war ihm
ein heißer Schmerz gegangen durch die ganze Seele und rauher als
& ſonſt feine Art, hatte er erwidert: „Schweige, Weib, Du denkſt
nicht, was Du ſprichſt.“
O, fie hatte wohl gedacht!
Es war an einem Palmjonntag; das holde Ahnen des Früh—
lings zog ſchon leuchtend durch die Welt. Ambros hatte einige
Weidenzmweige mit einer bunten Schleife gefauft und die Vroni hätte
den geweihten Strauß hinter das Madonnenbild über ihrem Bette
fteden jollen, aber es fam nicht dazu.
Sie hatte das Haus am Morgen in ihrem beiten Staat ver-
laſſen, um zur Kirche zu gehen, wie fie gejagt, doch es wurde Mittag
und Abend und Nacht und das junge Weib fehrte nicht heim.
Am Montag, es dunfelte bereits, da pochte der Hannes beim
Schreiber an. Er fuhr erjchrect Ei jammen, als diejer ihm öffnete,
Schweigend betraten beide Männer die einfache Stube In
einem Winkel beim Dfen lagen die Weidenfägchen.
„Ambros, was haft Du?“ fragte der Handjchuhmacher, nachdem
er ſcheu um ſich geblidt; er hatte das beklemmende Vorgefühl nahen
Unglüds, es fchwebte ein fühler Schauer durchs Gemach und er
ürchtete ſich förmlich vor dem Ton feiner eigenen Stimme,
38“
564 Ber Schreiber.
Ambros hatte ſich indeß wit ermüdet in einen Stuhl geworfen.
Er verſchlang die Hände ineinander und ftarrte, der Gegenwart des
Freundes nicht achtend, finfter zu Boden. j
Noch einmal fragte Hannes was geſchehen. Da hob der
Schreiber das Haupt und nur cin Wort trat über feine Lippen,
aber dieſes eine Wort war der furchtbare Schrei einer zermarterten
Seele, eine ganze traurige Geſchichte. „Fort!“ rich er aus.
Hannes erblaßte. Er griff fi mit der Hand nach dem Herzen,
als verfpüre er ein jähes Wehgefühl; er hatte verjtanden, was
Ambros meine und erſt nad) langer Paufe ſprach er zögernd: „Wiel-
leicht ift ihr ein Unglüd zugeſtoßen?“
Ambros lachte häßlich auf.
„Das glaubt Du?“ ſchrie er Heifer. „Du? Nun denn, ich
nicht. Ich, fuchte fie beim Oheim, der grinfte mich höhniſch an und
fagte achjelzudend: ‚hab’ fie nicht gejeh'n‘ Der ift ſchier nicht ohne
Schweigegeld ausgegangen.“
„Sie kann wiederfommen“, tröftete Hannes, „wir melden den
Fall der Polizei — —“
„Wir melden gar nichts“, entgegnete Anıbros ruhig, „fie hat
gefunden, was fie fuchte, das tft alles. Die paar Werthſachen, die
ihr angehörten, hat fie mitgenommen; umfo bejjer, brauch id) nichts
zu behüten. Die wenigen, mühſelig erjparten Grofchen find auch
mit ihr gewandert und ich freü' mich dei. So lange fie dieſes
Geld noch hat, jo lange wird fie meiner denken. ‚Das hat der arme
Narı, der Ambros, fich erfchrieben‘, wird fie ſich jagen und ich kenn'
ihr ſchwaches, erbärmliches Herz und ich weiß, fie wird feufzen, fie
wird mit ihrer Heinen Hand haftig über die feucht gewordenen Lider
ftreichen und danu — dann freilich ift alles wieder vergeffen.“
„Und Du, was wirjt Du thun?“
„Weiter leben, Hannes, weiter arbeiten, weiter ſparen. Nicht,
daß ic) an diefem verachteten Dajein hänge, ich werde mich nicht
heute plagen, wie cin Hund, um mid, morgen wieder plagen zu
dürfen wie ein Hund, aber fichjt Du, mir ſagt's eine befimnte
Ahnung, es fommt nod) einmal eine Stunde, wo ‚fie‘ mich braucht!”
„Nun, ich denfe, dann jagft Tu fie von der Schwelle? Das
ſag' id) Dir, wenn die mein Weib wär, ich fänd' mir feinen Strid
zu derb, den ich nicht tanzen ließ auf ihrem Rüden.“
Ambros lächelte und dieſes Lächeln verflärte fein abgehärmtes,
unfchönes Antlig wie ein Strahl weichen Lichtes. „Das verftehft
Du nicht, Hannes. Was weißt Du von Liebe?“
„Will auch gar nichts wilfen — brauch’ nichts zu wiſſen. Mir
ift ein ehrlicher reund lieber als Hundert fchlechte Weiber — ja.
Und Du fei vernünftig — Kopf in die Höh' und das Frauenzimmer
hol der Teufel. Denk ihrer nicht mehr. Wir ziehen wieder zu
einander in das alte Haus vorm Thor. Gelt? Und was ich thun
fann Dir das Leben ertragen zu helfen, das will ich thun, ich, fo
wahr ich der Hannes bin!“
Ber Schreiber. j 565
Und er reichte dem Freunde feine beiden großen Hände Hin.
Ambros fchlug ein und fah ihm lange in das derbe, gute Geficht.
Dann wendete er fi) ab und weinte, weinte wie ein gezüchtigtes
Era An es wurde ihm viel, viel leichter und er fam wieder zu
ich ſelbſt.
Aber die Frau vergaß er nicht. i
Es gab jo mande Nacht, wo die Lagerftatt an des Hannes
Seite leer blieb, denn der Schreiber ftrich durch die öden Gajlen
der Stadt, fein verlorene® Glüd zu fuchen.
„Einmal, Hannes, wird fie mir begegnen“, ſprach er geheimniß-
voll, „ih weiß es. Und wenn fie mir noch fo ferne ftehen wird
und ich auch ihr Antlig nicht werde ausnehmen können, ſo werd’ ich
fie erfennen an dem Dufte, der ihr eigen, an dem Kniſtern ihrer
Gewänber.”
Das verftand der Handſchuhmacher nicht. Cr wiegte mur be—
trübt das Haupt; galt's ihm doch längſt für abgemachte Sache, da
der Ambros übergeichnappt jei. Und er beflagte ihn tief und ehr-
lich, aber feine Verjuche, ihm zu heilen, blieben wirkungslos.
Noc eines hatte der Schreiber ſich angeeignet, einen Zug, der
Hannes aus verjchiedenen Gründen mißfiel — geizig war er ge
worden!
Er gönnte fich nicht einmal das, was er zum Leben brauchte. .
Er Hungerte, er verfagte jich jede Freude.
"Das ijt. für ‚fie‘“, ſprach er, „fie wird es brauchen.“
Und er legte Kreuzer zu Kreuzer mit äÄngftlicher Genauigkeit
und er zählte voll füßlicher Gier allabends den Eleinen, klimpern—
den Schag.
„Werde doch endlich geſcheit“, bat Hannes flchentlich, „wozu
flannirſt Du bei Nacht und Nebel in der Welt herum, was juchit Du?“
„Sie“
„Wofür jparjt Du?”
Für fie.“
Und eines Nachts fam er heim, zitternd vor Froft, bebend an
allen Gliedern. Er machte Licht und rüttelte Hannes aus dem Schlaf.
„He, was giebt's?“ rief diejer und jtarrte Schlummertrunfen in
das Geficht des Freundes, auf deſſen Wangen unheimlich vothe
Flecke brannten.
„ICh Hab’ fie gejehen.“
Hannes fuhr auf.
„Du haft?“ fragte er.
Ich fchlenderte durch die Viertel der Reichen im Kern der
Stadt. An einem Haufe fah ich ein Dugend erleuchteter Fenſter
and die wogenden Schatten, die ich ausnahm, zeigten mir, dag man
tanzte dort oben. Ich will weiterwandern, da fnarrt das Thor und
entläßt eine Schaar lautlärmender Gejellen. Aus dem Gewirre ihrer,
wohl von Wein und Rauch heiferen Stimmen, klingt das helle Lachen
einer Frau und ic) drüde mic, an die Dauer, um nicht umzuſinken
566 Ber Schreiber.
und preffe die Lippen aufeinander), daß mir fein Schrei entfährt,
denn es war fie — fie, mein Weib — meine Vroni!“
Laut aufſchluchzend ſank der Schreiber vor dem Bette des
Freundes in die Kniee, das Haupt in die Kiffen vergrabend.
„Was geſchah weiter?“ ragt Hannes nad) einer Weile.
„Sie gingen fort, plaudernd, fehreiend, lachend; ich hörte alles
wie dumpfes Gebraufe, fo unklar und wirt. Es faufte mir im
Ohr und ein Schwindel padte mich. Ich fiel aufs Straßenpflafter
wie ein Betrunfener. Ob ic) lange gelegen, weiß ich nicht, nun
aber thut mir jedes Glied fo furchtbar weh und ein Fieber ſchüttelt
mich, daß mir die Zähne Elappern.“
Der Schreiber erkrankte ſchwer, Hannes fürchtete ſchon, es gehe
mit ihm zu Ende. Aber er raffte fich nochmals auf. hatte die
HZähigkeit aller hinfälligen Naturen, die zu elend zum Ichen und doch
zu ftarf zum fterben find.
Um Weihnachten fühlte er fich wieder vollfommen wohl. Am
heiligen Abend jedoch pochte jemand an die Thüre und Ambros
ftürzte hinaus, zu fehen, wer es fei.
Es mochte ein ausgelafjener Junge gewejen fein, denn man
vernahm fleine, eilige Schritte. Oder war’ ein anderer? —
Der Schreiber indeß dachte nur: „Das ift fie — fie.“
Und er lief über den Korridor und die Treppe und jah auf die
Strafe und blieb im zugigen Flur. Als er wieder in die Stube
trat, ergriff ihm das Fieber aufs neue und er legte fich, um nimmer
aufzuftehen.
Eines Nachmittags, die Sonne ſchien fo lieb und hell ins Ge
mad) des franfen Mannes und ftrahlte wie eine Aureole um dejjen
armes, müdes Haupt.
Der Handſchuhmacher ſaß am Bettrand; da fügte Ambros:
„Hannes, mein Freund, heb’ nur das Geld gut auf. Und eins ver-
pri mir. Wenn Du einmal die Vroni ſiehſt und wenn’s ihr elend
gi — und e3 wird ihr elend gehen — dann — dann erbarm’
ich ihrer, laß fie nicht im Spittel fterben, um meinetwillen nicht —
Bi hy Di Er Hatte fic) Halb aufgerichtet und faltete flehend
jeine Hände.
„Sei ruhig“, bat Hannes, „ich werd’ fie nicht verlaffen.“
Ambros ſank in die Kijjen zurüd. Ein Lächeln voll Glück und
Dankbarteit fräufelte feine Lippen. Plötzlich deutete er auf bad
Ahnenbild der Jungfer Barbara. „Hannes, geh’, das Bild hängt
ſchief.“ Aber es hing ganz gerade. Dennoch ftand der Handſchuh⸗
macher auf und verſchob es ein wenig.
Als er fich wieder umwendete, da neigte fich der Schreiber etw
ur Eeite, e& ging fo wie ein Schleier über feine Züge und er ſeufz
Keine müde Seele aus. Auf feinem Angefichte aber lagerte eine u
endliche Ruhe und eine heilige Befriedigung.
9
Wien — 1888.
Bon 3,
inem alten Wiener Achtundvierziger wäre vielleicht der Wunfch
nabegelegen, jtatt ewig als guter Deutfcher den Franzojen
alles nachzumachen, einmal weni rgfteng es ihnen zuvor zu
F thun und ben Bewohnern von Seine-Babel zu zeigen, wie
man auch ohne einen, ins modernfte Eiffel-Eijerne über—
festen, babylonifchen Thurm die Erinnerung an eine revolutionäre
Erhebung in würbevoller Weife begehen fünne. Sei es nun, daß
wir Deutjchen, die wir ja doch einmal zum Revoltiren nicht das
Zeug befigen, auch nicht gerne derartiger Verjuche gedenfen, oder jei
es aus irgend einem andern, wie immer bejchaffenen Grunde, wir
° feierten nun ftatt der Erinnerung an die böfen Tage von 1848 die
Erinnerung an den NRegierungsantritt unjeres Kaiſers, wir feierten
die glüdliche Vollendung des vierzigiten Jahres feines jchweren
Serrigeramtes,
Bei den Feften, die wir heuer begingen, drängte ſich uns un
willkürlich der Vergleich der Stadt Wien von 1888 mit der Stadt
Wien von 1848 auf. Und kaum konnte es uns gelingen, in jenem
dieſes wiederzuerkennen. Eng und klein, von dem breiten Bande der
Baſteien und Glaecis umfchlofjen, mit einer ausgeſprochenen Phyſio⸗
gromie ausgeftattet, taucht das vormätzliche Wien aus dem Nebel der
ergangenheit, — groß und weit umd mit dem internationalen An—
fteiche einer Weltftadt liegt das Wien von heute vor und. Und jo
aufrichtig und innig unfere Wünjche für den Aufihwung und die
Vergrößerung unferer Stadt auch jind, wir fönnen nicht ohne ein
gewiſſes Gefühl der Wehmuth des Wiens unſerer Väter ‚gedenken.
Die Bafteien find längft gefallen; ihren Plag hat nun eine Kette
von Paläften ausgefüllt; — bald, ein Jubiläumsgejchent, das der
Kaijer jeiner. geliebten Haupt- und Reſidenzſtadt giebt, werden aud)
die Kinienmäle fallen, und ohne Hemmung werden, wie einjt die
innere Stadt mit den Vorftädten, in nächiter Zukunft dieje mit den
200 win — 1000.
Vororten zu einem einzigen uferlojen Häufermeer zum neuen Wien
zufammenjchlagen. Schon die Reihe der großartigen Yauten, mit
welcher das werdende Wien ſich in den erften Decennien der Regie—
rung Kaiſer Franz Joſephs fehmücte, das Gewerbemufeum, das Mu—
fitvereinsgebäude, das Künftlerhaus, die Afademie ber bildenden
Künfte, die Hofoper, die Börfe und wie fie alle heißen mögen, wür
den diefelbe zu einer für Wien bedeutungsvollen machen, — Die
Prachtbauten neuerer und neuejter Zeit, deren einige noch ihrer Vol⸗
lendung harten, die beiden Hofmufeen, der Juftizpalaft, das Parla-
mentögebäube, das Rathhaus, da8 Burgtheater, die Univerjität, die
Botivficche und endlich die neue Hofburg fichern ihm den Dank der
Wiener noch in ihren fpäteren Generationen. Speziell von den
Wienern ift e3 daher jehr wohl zu begreifen, wenn fie heute ber
blutigen Revolution vergeſſen und die vierzigjährige friedliche Revo—
Iution, deren Srrungenkaft die Weltftadt Wien ift, zum Haupt»
gegenftand ihrer Feier machen.
Ganz Wien hatte eine Jubiläums-Phyfiognomie. Hätte nichts
anderes dem Freniden, der heuer umjere Stadt bejuchte, angedeutet,
daß wir ein Jubiläum feierten, — ein Bli in die Schaufeniter un-
jerer Geſchäftsleute hätte ihn darüber zur Genüge belehrt. Denn
vom Zuderbäder bis zum Schufter herab hatte wohl fein Gewerbe:
mann vergeffen, fein Glück mit einem Jubiläums-Artifel zu verfuchen.
Wir bededten ung mit Jubiläums-Hüten und ftanden auf Zubiläums-
Sohlen, wir aßen Jubiläums» Torten und tranfen dazu aus Jubi—
läums-Strügen, von den taufend Jubiläums-Dingen, welche die Ga-
Ianteriewaaren=Indujtrie erzeugte, nicht zu fprechen. Als beſonders
geeignet, diefe Jubiläums-Stimmung zum Ausdrud zu bringen, mußte
natürlich die Veranftaltung von Ausstellungen erfcheinen.
An folchen Hatten wir heuer wahrlic, feinen Mangel. Sobald
die erften Tauen Lüfte das Nahen des Frühlings in Ausficht ftellten,
wurde ihre Reihe eröffnet, um mit dem Falle des letzten gelben
Blattes erjt wieder gejchloffen zu werden. Den Anfang machte die
Zubiläums-Kunft-Ausftellung im Künftlerhaufe, welche man — kühn
genug — trogdem Frankreich unter den ausjtellenden Staaten fehlte,
eine internationale zu nennen wagte. Der modernen Kunft war es
aljo zuerft gegönnt, ihre Huldigungen dem Jubilar zu Füßen zu
legen. Ihr folgte ſogleich in der Kaijerin-Maria-Therefia-Ausftellung
jene des vorigen Säkulums. Dieſe Ausftellung, deren Zweck e3 war,
in pietätvoller Erinnerung an bie große Monarchin ein anfchauliches
Bild ihrer Perſon und Zeit zu geben, fand ihre Veranlajjung in
der feierlichen Enthüllung des Katferin-Dlaria-Therefien-Monuments,
welche Feier, nachdem die Aufftellung des Kolofjal-Denktmals Jahre
in Anſpruch genommen hatte, begünjtigt durch die Verhältnife des
Platzes (es ſteht dajfelbe zwijchen den beiden Hofmufeen), fowie
durch das herrlichite Maiwetter, zu einem Feſte erften Ranges wurde.
Der Vortag der Enthüllung war zugleich der Eröffnungstag der
Zubiläums- Gewerbe-Ausjtellung in der Rotunde. Dieje, ihren Di:
‚Wien — 1888. 569
menjionen nach die größte unſerer beurigen Ausstellungen, dürfte für
weitere Kreije wohl auch die anziehendfte gewefen jein; Urtheils—
fähige erklärten fie überbies für weit gediegener al3 die, wenngleich
größere Weltausftellung von 1873. Schon ihre Räumlichkeiten, die
weite, riefige Rotunde mit dem PBapierthurm der Schlöglmühler Pa-
pierfabrif in ihrer Mitte, als Wahrzeichen unferes papierenen Zeit-
alters, mehr aber ber prächtig angelegte Park vor dem Weftportale
mit feinen zahlreichen Ausftellungs-Gebäuden, mit feinem Nejtaurant,
Cafe, feinen Kofthallen und feinem Mufikpavillon, machten die Aus-
jtellung zu einem ungemein beliebten Verfammlungsort nicht nur der
Fremden, fondern auch ber Wiener jelbit. Was Wunder, daß Diefe,
die während ber ſechs Monate ihrer Dauer völlig heimiſch in ihren
Räumen geworden waren, am 1. November nur mit ſchwerem Her-
‚en daraus jcheiden konnten. Noch aber war die Gewerbe-Augitel-
ung nicht gejchloffen, als in ber Stadt ſelbſt durch faſt vierzehn
Tage eine andere Ausstellung das Interejje de3 Publitums in An—
ſpruch nahm. Es war dies die Reichs-Obſt-Ausſtellung, die als eine
der großartigften in ihrer Art bezeichnet wurde und in einem reichen
und bunten Herbftbilde zeigte, was Natur und Menſchengeiſt im
Bunde zu leiſten imſtande wären.
Die ganze Ausjtellungs - Periode hindurd) fehlte es aber auch
nicht an Feſten und Quftbarfeiten anderer Art. Solche brachte uns
der Auguſt in Hülle und Fülle, in welchem Monate nämlich der
deutſche Radfahrerbund in Wien tagte. Einen Hauptanziejungspunft
bildeten daſelbſt die Wettfahrten im Prater und der Feſtzug über
die Ringftraße. Saum aber hatten wir den letzten ſcheidenden Rad- ,
fahrer auf den Bahnhof geleitet, fo mußten wir uns ſchon wieder
zum Empfange der Schügen, welche zum Schüßenfejte nah Wien
lamen, vorbereiten. Abermals gab’s einen Feſtzug über die Ring-
ftraße, der dann aber in die Schu einbog, wo er vom Kronprin-
en empfangen wurde. Die folgenden Tage fand das große Feſt—
Kochen im Prater ftatt. Kein Gaft jedoch von den vielen, die wir
heuer bei uns empfingen, fand fo begeilterte Aufnahme, als Kaijer
Wilhelm IL Die wenigen Tage, die der junge Monard) ung Wie-
nern ſchenkte, war alles in freudiger Erregung; jedermann wollte den
Kaiſer gefehen haben, — nicht etwa aus leerer Neugierde, denn wir
Wiener find gewohnt, Könige unfere Gäfte zu nennen, jondern aus
echter, wärmjter Sympathie. Alle Straßen und Pläge, wo man
feinen Wagen zu erblicen hoffte, waren dicht mit Menſchen beſetzt,
welche, ſobald man des Kaiſers anfichtig wurde, durch ſchallende Hoch-
rufe ihm dieje Sympathien befundeten. Nicht lange, nachdem Wil-
helm II. Wien verlaffen hatte, ging man daran, ein bejonders für
das Kunſtleben unjerer Stadt bedeutungsvolles Feſt zu feiern: Die
Gröffnung des neuen YBurgtheaters. Jahre hindurch beobachtete man
das Wachen des Prunkbaues von Hafenauer, von Jahr zu Jahr
mußte man leider jeine Eröffnung verjchieben. Nach einem thränen-
reihen Abjchiede vom alten Haufe, von deffen Brettern herab dur
570 . Wien — 1888,
ein volles Jahrhundert fo viele berühmte Schaufpieler den Wiener
die Meifterwerfe der Poeſie interpretirt, erfolgte endlich am 4. No—
vember als dem Namenzfefte Franz Joſephs die feierliche Eröffnungs-
vorftellung. Und da wir num ſchon beim Theater find, wer könnte
da unferes lieben kleinen Joſephſtädter Theaters vergeffen, dem es
heuer vergönnt war, auf ein Jahrhundert feines Beilandes zurüd-
zubliden?!
So kam der 2. Dezember, der eigentliche Iubiläumstag, heran.
Für diefen Hatte jeder fich die großartigiten Feſte erhofft; für ein
mehrtägiges, großes Volföfeft mit Tanzböden, Rieſenkuchen, Seil
tänzern und einem Stuwerſchen Feuerwerfe, für ein Felt, das ben
Prater in ein Schlaraffenland verwandeln follte, wie wir es ſchon
erlebt, wäre im Dezember wohl nicht mehr die rechte Zeit; aber eine
Illumination mit Fahnenſchmuck, Lampions und Triumphbögen aus
helllodernden Gaßleitungsrohren, wie wir es ebenfalls ſchon erlebt,
oder vielmehr noch viel großartiger, fei das Mindefte, was man er-
warten dürfe. Und wer weiß, was man noch alles bejchlofjen und
geträumt hätte, wäre nicht höchſten Ortes der Wunfc lautbar ge-
worden, man möge alle Eoftipieligen und geräufchvollen Feftlichkeiten
vermeiden und den Gedenktag vielmehr. durch Spenden und Stiftun-
en zum Wohle der Armen begehen, — ein wahrhaft fürjtlicyer
Bunig! So war denn die Herjtellung eines riefigen Granit-Obe-
fisfen, der die Spige des Drtler ſchmuͤcken follte, defien Transport
nach feinem Beſtimmungsorte im letzten Yugenblide aber noch bes
hördlich unterfagt wurde, das Einzige, was man thun fonnte Um
jo eifriger begann man zu ftiften. Blinde, Lahme, Taube, Krüppel
“ aller Arten wurden bedacht, der Waifen, der verwahrlojten und kran—
fen Kinder nicht vergefjen, bürftigen Künjtlern Unterftügungen aus-
gejegt, — 8 wäre wahrhaft vergebliche Mühe, all’ die Etiftungen
und Schenkungen aufzählen zu wollen, von den 12 Millionen Franıs
des Baron Hirſch bis zu den Släfeziegeln herab, mit welchen ein be-
kannter Käfehändler die Armen Wiens erfreute. Man follte wahr-
lic) meinen, die Pferdebahngefellichaft werde im nächſten Jahre den
Verkehr einftellen, da jedermann in den Stand gefegt fei, ſich nö-
thigenfall3 einen Einfpänner zu mieten... Nicht minder mächtig
flog der Duell der Jubiläumsfchriften. Um von allen nur die
größte und gediegenjte hervorzuheben, fei hier die Feſtſchrift der
Stadt Wien: „Wien 1848—1888**) genannt. Der ganze Entwide-
lungsgang unferer Stabt in den legten vierzig Jahren wird hierin
eingehend von berufenen Federn: befprochen: ihre Gefchichte von Zeiß⸗
berg, die bauliche Neugejtaltung von Weiß, die Entwidelung des
Gemeinwejeng von Gloſſch, die Pflege von Wiſſenſchaft, Kunft u“
Literatur von Hannaf, Zimmermann und Lützow, der immenje Au
ſchwung unjeres Kumftgewerbes von Falfe, die wichtigften Ereignij
*) Wien 1848-1888. Denfichrift zum 2. Dezember 1888. Herausgege
tom Gemeinberathe der Stadt Wien. 2 Bände in fer. = 8°,
Wien — 1888. 571
im Mufif- und Theaterleben endlich von Hanslik und Scheibel, —
durchwegs Namen von Klang und Bedeutung. Ein ſchwungvolles
Beltgebicht von Robert Hamerfing leitet die Reihe biefer Abhand-
ungen würdig ein. Auch mehrere Medaillen verdanfen dem Feſte
ihr Entjtehen und aud unter diefen fteht wieder obenan die Medaille
der Stadt Wien von Tautenhayn und Scharff, auf welcher auch im
Bilde der Dank der Stadt ihrem Eunjtfinnigen Gönner gegenüber
zum Ausdrud gebracht ift.
Und —A dieſer Dank, mit dem wir auf vierzig ſegensreiche
Jahre zurückblicken, kann zu groß nicht ſein. Noch hat die Stadt
ihre Wandlung nicht vollendet. Zwar verfügen wir ſchon, oder wer-
den wir doch ..in Bälde verfügen über all! das, was an das Wort:
Großftadt fich fmüpft. Bereits tönen in unferer Stadt die Mund»
arten der Welt, die Trachten der Welt drängen ſich in unferen
Straßen, alle Nationen der Welt find uns als Gäfte willfommen, —
wir gehen auf die Weltjtadt zu: Möchte es uns aber dennoch ver=
önnt fein, daß auch ſpäteſte Gefchlechter von Wien, der Weltjtadt,
Aigen dürfen, was Hamerling von dem Wien von heute jagen durfte:
Und e6 verblieb ihr höchſtet Stolz und Wertb
Im Frieden, wie im Anſturm wilder Horden:
Ein treues beutfches Herz an deutſchem Herdl
trübfelig bin? Emmas Kinder haben fi) geitern an
den Majern gelegt und Agathe Gronert hat wegen
unerwarteten Bejuch foeben abjagen lajjen; jo fige
jeit vier Uhr allein mit Fräulein Lchmann, die, wie
Hirpifles nicht gut allein zu genichen if. Nun, nur
: Zie gefommen jind, liebes Srängcen.“
„ uu es nur meinem Mann zu danken, wenn ich Sie dem
unliebfanen tete à töte entreißc“, entgegnete die jo lebhaft Begrüßte
mit einem trüben Lächeln, das dem jugendlichen, blühenden Geficht
wunderlich anftand, „und wer weiß, ob Cie es ihm danfen werden,
fiebe Anna. Denn ic) bin heute eine gar zu jchlechte Gejellichafterin,
trog meines guten Willens. Aber Cie werden Geduld mit mir Haben,
wenn ic) Ihnen jage, daß gejtern — jujt an meinem Geburtstag —
zwei unferer Hausgenofjen geftorben find — der Bibliothekar Bar—
lels und die junge Frau Baumeifter Werner.“
Frau Dr. Berend war blaß geworden.
„Mein Gott“, jagte fie erjchüttert, „Martha Werner todt! Iſt
es möglich? Cs find noch nicht drei Wochen her, als ich fie auf
dem Ball des Präfidenten ſah, ftrahlend von Glück und Heiterfeit
und aller Augen durch ihre reizende Erfcheinung auf fich lenkend.
Der arme Mann! Die armen, verlajfenen Kinder!“
Franzisfa war im Vorzimmer auf einen Stuhl gejunfen und
weinte bitterli. „Sie fehen, id) fann mich nicht beherrichen“, fagte
fie endlich jeufzend, „meine Gedanken fünnen nicht los von dem
Eindrud, den ich heute Morgen bei Werners empfangen habe. Meir
Mann md ich gingen natürlich gleic) zu ihm hinauf. Der Bau
meijter nahın uns an. Ach, er war fajt unfenntlih! Was ift de
Schmerz für ein Maler! Er reichte uns die Hand und forderte um
Alt und Yung. 573
auf, Plag zu nehmen. Nichts fonnte jehredlicher fein, als dieſer
ftumme Schmerz, der gewiſſermaßen die Höflichkeit eines Weltmanng
zu einer Waffe gegen ſich jelbjt machte. Während Marthas Mutter
uns von den legten Stunden ihrer Tochter erzählte, jaß er ganz ſtill
da, die Augen auf den Teppich geheftet, dejien bunte Farben mir
heute grell und jchreiend erjchienen. Indem kam das jüngjte Kind
herein, es machte jeine erjten Gehverfuche, Tief mühfam auf ihn zu
und flammerte ſich mit feinen Händchen feit an ihn an. Er hob es
auf feinen Schoß und nun ftemmte es feine Beinchen feft auf die
Kniee des Vaters, fah ihn mit den ſchönen, braunen Augen, es hat
ſie von feiner Mutter, lachend an, zauſte in feinem Bart und jauchzte
und kreiſchte vor Luft. Ach, diefer Ton! Ich meinte, die Thür
vom Sterbezimmer müfje aufgehen — ſelbſt eine todte Mutter müjje
bei dieſen Tönen erwachen! Mic, fahte dabei eine ordentlich wilde
Sehnſucht nad) meinem Gretchen und faum waren wir wieder in unjerer
Wohnung, als ich das Kind fehlafend aus feinem Betten nahm,
nur um es in meinen Armen zu halten. Und doch ward mir dabei
nicht ruhiger zu Muthe, fondern immer ſchwerer und jchwerer ums
Herz. „Wer weiß“, jagte id) mir, „wie lange Du es noch haben
darfit und wie bald das Schickſal Dich von ihm und Deinem Wanne
Hinwegreißt.“
Sie jah einen Augenblid vor ſich hin und ſetzte mit einem tiefen
Seufzer Hinzu: „Denn es ijt ein fo leidiger Trojt, zu denfen, daß
Hunderte oles Unglüd zu tragen haben. Es ift fein Ausnahmefall,
daß Menfchen, die fa Neben und die den Werth ihres Lebens in
ihrem Beifammenfein empfinden, jäh von einander getrennt werden
und der Eine allein vorwärts muß mit dem Bewußtjein einer ent—
jeglichen Leere und Verfaffenheit in fi und um fi. Taufende
gehen mit einem halben — umher. Und wie furchtbar, dabei
einen fo langen, langen Weg vor ſich zu haben! Der Baumeiſter
ift faum breikig Jahre alt.“
„Das wird ihn tröften“, fagte Fräulein Lehmann, die, des lan-
gen Wartens überdrüßig, die Thür geöffnet hatte und mit ihren
lugen, falten Augen die Sprecherin betrachtete, „glauben Sie mir,
das iſt jein beſter Troſt.“
Die junge Frau war bei der unerwarteten Anrede heftig auf»
eiprungen und maß die ihr unliebe Rednerin mit einem Blick, der
fa nit einmal die Mühe gab, eine offenbare Geringichägung zu
verbergen. „Sie find eine allzu eifrige Tröfterin, Fräulein Leh—
wann“, fagte fie mit zitternder Stimme, „aber ich fünnte Ihnen in
einer Aenderung ein bekanntes Dichterwort entgegenjegen: Wer ſich
über gewiffe Dinge tröften kann, hat des Troftes nicht beburft. Und
dann noch eins — der Troft ift heutzutage etwas in Mißkredit ge-
tommen, man braucht ihn zu oft zum Deckmantel einer geiftigen
Bequemlichkeit oder Gleichgiltigkeit — fo follte ein jeder wenigſtens
varten, bis der feine in Anſpruch genommen wird — er fünnte fich
‚onft leicht Mifdeutungen ausfegen.“
574 Alt und Jung.
„Die fürchte ich nicht“, verfegte Fräulein Lehmann gleihmüthig,
„ich bin nicht mehr zwanzig Jahre alt, und die Furcht vor Dem
„Mifverftandenmwerden“ habe ich als läftige Zwangsjade längſt über
Bord geworfen; ich wollte die Arme frei haben. Und nun fommen
Sie in Ihre Sophaede, mein Kind“, jegte fie mit einer Gutmüthig-
teit hinzu, „Sie jehen ganz blaß aus ımd ein wenig Ruhe wird
Ihnen gut fein. Sie follen fi auch meinetwegen feinen Zwang
anthun, ich nehme die perjönliche Freiheit nicht nur für mich in
Anſpruch.“
Die Angeredete blieb zögernd ſtehen, aber Unna legte ihr bit—
tend den Arm um die Schulter und ſagte: „Kommen Sie, Fränz-
Gen."
So ſaßen fie in dem behaglichen Boudoir ihrer liebenswürdigen
Wirthin. Durch die feinen Fenftervorhänge brachen die Strahlen
der untergehenden Märzfonne und beleuchteten die taufenderlei Heinen
Dinge, mit denen aufmerffame Liebe und ein guter Geſchmack über
das Zimmer einer Frau den Reiz anmuthigen Behagens zu breiten
wiffen. Ueber dem zierlichen Schreibtifch, auf dem die erften Veilchen
dufteten, hing ein ſchöner Stich der Murillofchen Madonna aus dem
Louvre. Wie diefe herrliche Geſtalt da auf der ſchmalen Mondfichel
ſich erhob, mit den verflärten Augen und den faft krankhaft feinen,
in verzüdter Andacht über der Bruft zufammengelegten Händen, er-
ſchien fie den betrübten Frauen wie das Bild einer entichwebenden
Pſyche. Die Fenfter und Blumentiſche jtanden voll blühender Bflan-
zen, die-Infeparables, Annas Lieblinge, die in einem goldglänzenden
Käfig ihre Wohnung mitten im Grünen hatten, duckten ſich ſchläfrig
aneinander, die Kaffeemaſchine jummte einförmig und zugleich fingen
Fräulein Lehmanns Stridnadeln wieder zu klappern an — furz,
alles war zu einem gemütlichen Plauderſtündchen bereit — aber
es blieb ftill in dem Raum. Franziska Hatte fich in die Sophafiffer
zurücgelehnt und ſah mit einer Miſchung von Groll und Kummer
auf ihre Nachbarin. Endlich, jagte fie ohne weitere Einleitung: „Sie
glauben aljo nicht an den Schmerz des Baumeiſters Werner?“
„Wer hat das gejagt?“ fragte das alte Mädchen aufblidend.
„Nun, Sie — Sie ſehen ihn ja bereits getröſtet.“
„Weibliches Referat“, ſagte Fräulein Lehmann achjelzudend.
Dabei führte fie ihr Stridzeug dicht vor die Augen — fie war jehr
furzfichtig — nahm forgfältig eine Maſche ab, ließ es dann in den
Schoß finfen und begann: „Nein liebe Frau Doktor, Ihr erregtes
Empfinden läßt Sie mir Unrecht thun. Ich glaube an den Schmerz,
ja, an bie Verzweiflung Ihres Hausgenoſſen. Ich glaube am bie
bittern Thränen, die er vergießen wird, an die einſamen Nächte, ı
denen ihm fein Verluſt unerjeglih, an die grauenhaften Stunde.
in denen er ihm unfaßbar erſcheinen wird. Sa, das Laden feine
Kinder wird ihm ein Hohn, dev Händedrud jeiner Freunde eine Lo“
und das immer gleichmäßig dahingehende Treiben der Außenw
eine Beleidigung feines ſchmerzlich erjchütterten Innenlebens fein,
Alt und Sung. 575
wird Die ganze Reihe der herben Empfindungen koſten, deren Die
Seele eines jogenannten Gefühlsmenjchen fähig iſt. Ueber den größten
Kummer hinweg wechjelt aber ohme Unterlak Tag und Nacht, Som-
mer und Winter. Der Baumeifter ijt jung, er hat Pflichten, er hat
Kräfte, er hat Ehrgeiz.”
„Aber kann die Befriedigung des Ehrgeizes für die Liebe ent-
ſchädigen?“ fragte Anna.
„Nicht eigentlich — aber unfere Seele jchließt wohl oder übel
Kompromifje mit dem Schickſal ab. Bankerott macht nur der, ber
zu alt ift, um von neuem zu beginnen oder ber eigenfinnig alles auf
einen Wurf ſetzte. Die meiften Menfchen tragen einen ganzen
Speicher unbrauchbar oder werthlo8 gewordener Dinge in ihrem
Herzen — man tilgt fie aber allmähli unter Thränen hinweg
und fängt jchlieglic ein neues Gejchäft an. Doch, wie gejagt, man
muß jung dazu jein.“
„Sie glauben alfo nicht an die Dauer eines großen Gefühls?“
fragte Franzista bitter.
„Gewiß, ich glaube daran“, fagte Fräulein Lehmann jegt ſehr
ernft, „aber jedes Gefühl will genährt, will gepflegt jein. a fort-
währenden Schatten fommt eben feine Blume und feine Empfindung
fort, fie müffen dann verpflanzt, Gottlob, fie fönnen verpflanzt wer-
den. Wäre dem Menfchen nicht diefe Fähigkeit zutheil geworden, fo
würde Die ganze Welt ein großes Tollyaus fein und id) für meine
Perſon finde, daß es fchon mehr als genug Verrückte ohnedem giebt.“
Niemand antwortete. Draußen flug es fünf Uhr und bie
Glocken begannen den Sonntag einzuläuten. Frulen Lehmann zog
ihre Taſchenuhr aus dem Gürtel und regelte fie. Nach einer Pauſe
fragte fie: „Und der Bibliothekar Bartels ijt auch geftorben? Cben-
falls am Typhus?"
„Mein, er war vorgeftern noch ganz gejund. Cin plöglicher
Schlaganfall — ein Herzihlag — ich weiß nicht recht ...“
„Sie haben Fräulein Bartels ſchon gejehen?“
„Nein, noch nicht“, entgegnete Franziska, welche, fie wußte nicht,
warum, dieſe einfache Frage verlegen machte, „wir kannten uns jo
wenig, die Gejchwilter Iebten ganz für fi und ihre alten Be—
ziehungen.“
„3a, ja“, jagte Fräulein Lchmann.
„Wir werden natürlich der alten Dame behilflich fein, wo und
wie wir können“, fuhr die junge Frau lebhaft fort, „aber fie haben
imige gute Freunde aus ihrer Jugendzeit in der Stadt, die ſich das
Recht der Hilfe nicht nehmen lafjen werden, und dann, jo herzlich
leid uns diejer Zall auch thut, jo ijt dies Mitgefühl durch die Theil-
nahme an Werners Geſchick doch etwas in den Hintergrund gedrängt
worden. Der Bibliothefar war ſchon fiebenzig Jahre alt, die
Schweſter mußte auf eine jolche Trennung gefaßt jein, es ift ja nicht
ein gleich herbes Schidjal, wie die Baumeijters, wo eine junge,
blühende, geliebte Frau von Mann und Kindern Hinweggerijjen wird,
576 Alt und Sung.
drei ſüße, kleine Mädchen als Waiſen zurückbleiben, denen die Lie
einer Mutter fehlt, welche denn am Ende doch nicht ſo leicht
einem andern Geſchäft zu Faufen iſt.“ f
Fräulein Lehmann ‚erwiderte nichts auf diefe Unfpielung, fon-
dern fagte ruhig:
„Sie werden mein Intevejfe vielleicht begreiflicher finden, wenn
ih Ihnen fage, daß die Gejchwifter Bartels in demfelben Dorf mit
meiner Mutter aufgewachſen find und daß infolgedeffen auch ich zu—
weilen das Glüd hatte, in die Häuslichkeit ber beiden zu blicken.
Ic juge, das Glüd, denn obwohl mich das Leben genugſam herum—
geworfen hat, um mir einen Einblid in vielerlei Verhältniffe zu ges
währen, jo habe ich doch nirgends ſonſt die außerordentliche Fähig-
feit gefunden, wirre Fäden eines launiſchen Gefchids in ein jo har—
moniſches und dauerhaftes Gewebe zu verwandeln, daß es felbjt nach
fünf Jahrzehnten noch feinen Ri und fein Verblaſſen zeigte, ſon⸗
dern jeden, der es anfah, durch feine Frijche und warme Färbung
anmuthen und erheitern mußte. Die Bartels waren die Kinder eines
Gutsbefigers, in defjen Familie ſich das prächtige Gut in Schlefien
von Geſchlecht zu Gefchlecht vererbt hatte. Meine Mutter erzählte
ern, wie es die ſchönſien Stunden ihrer Kinderzeit gewejen, wenn
de das Pfarrersfind auf das Schloß beftellt wurde und unter den
mächtigen Eichen im Park mit den vornehmen Puppen von Trudchen
Bartels jpielen durfte oder Thomas Bartels fie in feinem Pony-
wagen fpazieren fuhr. Es gab immer etwas neues, ſchönes oder in-
terejjantes auf dem Schloß: bald ein noch nie gejchenes Spielzeug,
bald eine jeltene Frucht oder eine märchenhafte Blume in den Ger
wächshäufern, oder eine hochmüthige, aber blendend hübſche Coufine,
die zum Beſuch aus Berlin gekommen war und Wunderdinge aus
der Hauptftabt erzählte, dazu auch, zum größten Erjtaunen meiner
Mutter, eine wirkliche Franzöfin, mit welcher Trudchen auf das
Herrlicfte_radebrechte. 7
Ber Thomas zeigten ſich früh gute, geiftige Anlagen, und ob-
wohl e3 dem Vater widerftvebte, den einzigen Sohn ftubiren zu
laſſen, gab er doch dejjen brennendem Wunfche nah. Mit vierzehn
Jahren wurde er auf das Gymnaſium gebracht; Trudchens Thränen
flojjen reichlich bei dem Abichied. Denn bis dahin waren die Ge—
ſchwiſter ohne Unterbrechung beieinander gewejen und hatte man
früher den fräftigen Knaben zuweilen an der Puppenwiege bejchäf-
tigt gejehen, jo fonnte es jpäter dem Spaziergänger im Park begeg-
nen, plöglich aus der Höhe einen Gejang aus der Ilias oder dem
Nibelungenlicd zu vernehmen und bei näherer Umfchau Bruder und
Schweiter in den Baumzweigen zu erbliden, wo fie Kirſchen aßen
und die ſchönen Wiljenichaften pflegen. Trudchen fuhr und ritt
mit ihrem Bruder, ja, fie lief jogar mit ihm auf dem Dorfteich
Schlittſchuh, was damals eigentlich ganz unerhört für ein Mädchen
war und die größte Entrüftung meiner Großmutter hervorrief. So
war für Trudchen denn der Weggang ihres Bruders ein ſehr jchmerz-
Deine, Google
Alt und Jung. 577
Tiches Greignib, über welches fie nur die Ferien tröften fonnten, in
denen die beiden ſich denn auch der ausgelafjeniten Fröhlichkeit hin-
jaben. Die übrige Zeit Ichte Trudchen ganz ftill, meiſt mit ihrer
änfelnden Mutter zufammen umd über ihre Arbeit gebeugt, benn
auch Trudchen hatte ihre Talente; fie ftidte wie eine der Noch
jetzt wird zu den Feſttagen in dem Heimatdorf meiner Mutter eine
Altar und eine Kanzeldecke aufgelegt, bie ihre geſchickten Finger mit
zierlichen Muftern in Goldfäden benäht haben. Gern zeigte jie mei-
ner Mutter die Entwürfe und Anfänge zu ihren Arbeiten, bie zuerft
das eigene Haus ſchmückten oder den reichen Verwandten ala Ge—
ſchenk überfandt wurden, fpäter aber in die Läden wanderten, um
tägliches Brod im eigentlichen Sinn des Wortes zu erwerben. Denn
ganz plöglic, kam das Unglüd über bie Familie. Der Vater war
eine eble und gutherzige Natur, aber mit einem unbegrenzten Ver
trayer auf die Zukunft erfüllt, die feiner Meinung nad) morgen das
bköſen mußte, was heute unentwirrbar erfchien. So hatte er ſich mit
bedeutenden Summen für feinen äußerſt leichtfertigen Bruder ver-
bürgt, die Gaautbforberungen famen, fie drängten, fie häuften fi,
und ba es befanntlich in den gebildeten Kreiſen für ehrenvoller gilt,
feine Wittwe von Verwandten und Stiftungen erhalten zu lajjen,
als die Folgen einer folchen Unbefonnenheit ſelbſt zu tragen, fo ſchoß
fich Herr Bartels eines ſchönen Junimorgens, e3 war jujt zur Ro-
jenzeit, eine Kugel durch den Kopf.
Nun hatten aber rau Bartels und ihre Tochter eine Eigen-
heit, wunderlich genug für arm gewordene Leute, fie wollten um
jeden Preis fell linden bleiben; es war ihnen nicht möglich, Wohl-
thaten anzunehmen. Bis auf weniges verkauften fie daher den Reit -
ihrer Habe und zogen in die Stadt. Hier beforgte die Mutter das
Heine Hauswefen, während die Tochter ftricdte und ftidte. Und da
das Schickſal ſich an irgend einer Stelle doc, liebenswürdig zeigen
"muß, fo glüdte es ihr auch, viele gute Kunden zu grinnen, fo
daß fie ein bejcheidenes Ausfommen hatten und fogar Thomas fein
Studium zu einem bejtimmten Abſchluß bringen fonnte. Freilich,
die erträumten Studienteifen fielen ins Waffer, und Sie wiljen, wie
weit er es gebracht hat, zum Archivar dieſes Städtchens denn leider
ift ein wiffenfchaftliches Intereffe noch keine Garantie für die Bega-
bung und felbit eine leidenfchaftliche Liebe zum Studium nicht im-
mer bie Verfünderin eines Titerarifchen Talents. Der junge Bartels
war eben aud nur Mittelgut. Er arbeitete aber fleißig und jo er-
warben ſich die beiden alles, was fie brauchten. Ließ es ſich ein
wohlhabender Vetter vom Lande einmal einfallen, einen Sad Kar-
toffeln, einen Korb Obft oder etwas vom „Hausfchlachten” in die
Heine Wirthſchaft zu ſchicken, jo wurde ihm gewiß bald mit irgend
einer niedlichen Arbeit von Trudchens Händen gedankt. Denn, wie
gejagt, die Selbititänbigfeit war ihre fire Idee, der Wunſch, niemand
auch nur das Seringfte ſchuldig zu fein, ber fie bis in die Heinften
Verhältniſſe hinein beherrfchende Gedante.
Der Salon 1889. Heft V. Band I. 39
Bu Bull CB (
580 Alt und Zung.
Die Fenfter des Haufes ftanden weit offen, denn es war ein heißer
Tag geweſen. Von dem Balkon der eriten Etage lugten ein paar
Kinder neugierig herunter; Franziska erfannte mit Rührung in den
friſchen Geſichtern die braunen Augen und die anmuthigen Züge
ihrer verftorbenen Freundin Martha. Der obere Balkon war leer.
„Fräulein Bartels benugt ihn nicht mehr viel feit dem Tode
des Bibliothekars“, erklärte Franzisfas Vater, der den Blicken feiner
Tochter gefolgt war, „Du wirft fie überhaupt verändert finden; fie
ift ſehr alt geworben.“
„Und wie geht es bei Baumeiſters?“
„Werner hat ein trauriges Jahr hinter N Er Hatte zu viel
an ber reizenden Frau verloren. Seit einem Monat aber munfelt
man allerlei von einer neuen Verlobung mit Emilie von Holten,
Du befinnft Did, wohl auf fie? Ein vortreffliches Mädchen! Er
tönnte feine bejfere Wahl treffen. Die Kinder würden eine vorzüg-
liche Mutter an ig haben.“
Ein bitteres Lächeln flog über das Antlig der Frau Profefjorin.
Sie erwiberte nichts.
Noch an demfelben Abend ftieg fie zu Fräulein Bartels hinauf.
Das. Heine Dienftmäbchen, welches jchon mehrere Jahre bei ben
Barteld war, öffnete ihr.
„Das Fräulein ſei nach dem Kirchhof gegangen“, entgegnete fie
auf Franzisfas Trage. Heute ſei der Geburtstag des Herm Thor
mas, aber fie mäffe bald zurüdfommen, die Frau Profelfor möchte
nur eine Meine Weile Gcduld haben.“
Franziska trat in das Wohnzimmer, in das fie, fie wußte ſelbſt
nicht met Gefühl, mächtig hineinzog.
. Die Thür zum Balkon ftand offen und die helle Dämmerung
des Sommerabends beleuchtete die Blumen draußen auf der Balu—
ftrade und das ftille Gemäch. Hier war fein eiliger Kinderfuß über
den großblumigen Teppich gejchritten, feine muthwillige Hand hatte
die Töpfe der Epheupflanzen, welche die breite Wand des Zimmers
fort ganz umfpannten, aud) nur um einen Zoll verrüdt, feine unge
ulbigen Fingerchen die taufenderlei Kleinigkeiten am Nähtiſch Durch
einander geworfen, jedes Ding ftand genau an feinem Pla und
diefe peinliche Ordnung verlieh auch dem Geringften und Unbebeu-
tendften Werth. Der Epheumand gegenüber jtand ein großer Schreib-
tiſch; er hatte dem Bibliothekar gehört, und die ſcharfen Mugen der
Beſchauerin erfannten deutlich auf ein paar Briefen die Aufſchrift
an den todten Beſitzer. Wozu lagen fie dort? Die junge Frau
wandte ſich Haftig um und erſchrak faſt — denn aus dem grünen
Rahmen heraus blidten ihr gerade die Vorträts von Trudchens El-
tern, faft wie lebend, entgegen. Die Delbilder jtellten fie als Braut-
paar dar, die Mutter in dem weißen Gewand mit furzer Taille, wie
e3 im Anfang dieſes Jahrhunderts Mode war, der Vater im blauen
Frack mit ftattlichen Knöpfen. Auf beiden Gefichtern lag der be
friedigte Ausdrud eines wohlüberlegten, wohl begründeten Glücks.
Alt und Fung. 581
Unter diejen beiden Bildern fah Franziska das ihr fehon befannte
von Thomas und Trudchen. Früher hatte es ihr ein muthwilliges
Lachen entlodt, dies fo fteif und jo bunt gemalte Geſchwiſterpaar.
Der Knabe ſtützte fich auf einen großen Folianten und in feinem
Antlitz Tag jener feierliche Ausdrud, welchen das ausgehende neun-
zehnte Jahrhundert mit, feinen: Photographieapparaten kaum noch
jennt, der Ausbrud des ftolzen Gefühle, der Gegenftand eines Kunft-
werks zu fein. Auch dem Trudchen war dies erhebende Bewußtſein
nicht ganz fern geblieben, es ſah, wie es mit feinen blonden Locken
und mit dem großen Lilienftrauß in der Hand vor einem mit un«
aehigen Blüten bededten Roſenbuſch ſaß, wie eine eine Dame aus.
ie Geſchwiſter hielten fich einander an der Hand, und als Fran—
zisla an die einfame Veivohnerin des Zimmers te, fand fie zum
erſten Male diejen konventionellen Ausdruck der Gejchwifterzärtlich-
feit rührend, wie die Erinnerung an ein verlorenes Glüd.
Aber e3 war auch gar zu an, zu einfam hier. Franziskas Ges
danken flogen hin nach ihrem eigenen, finderbelebten Haufe, fie dachte
an ihr unruhiges Leben in Breslau, an die Nüdfichten und einen
Opfer, welche bie Stellung ihres Mannes von ihr forderte und
welche fie als die erften und fcheinbar werthlofen fo ſchwer empfand,
an die Enttäufchungen, die auch ihrem glüdlichen Leben nicht eripart
eblieben waren, aber jegt, wo bie ungewohnte Stille fie faft beaͤng⸗
tigte und die Abendichatten tiefer fielen, ftand ihr Leben wie ein
vogeldurchzwitſcherter, blütenreicher Sommertag vor ihr. „Warum
bleibe ich hier?“ fragte fie fi. Ja, warum blieb fie? Unterbefien
begann das Mäbchen draußen in der Küche ein Lied Fig fingen. Das
war doch ein Zeichen menfchlicher —— Franzisla, die ſich der
Thür genähert hatte, blieb nun wieder ſtehen. Sie Hätte Fräulein
Bartels fo gern geſehen I
Wieder fiel ihr Blick auf den alten —— Ein beſchrie⸗
bener Briefbogen, vom Löſchblatt faſt verbedt, zog ihre Aufmerkſam⸗
keit an. Sie ging einen Schritt näher — das Bapıer deigte Trud-
chens Säriftsüge, Wie indisfret!* ſchalt fie ſich ſelbſt und trat
zurüd. Aber nicht Tanı je, denn das Papier Iodte fie zauberiich an.
„Nun könnte ich fie vielleicht Tennen lernen“, dachte fie, und
kaum daß fie es recht wußte, hielt fie den Brief in der Hand. „Wie
indiskret“ jagte fie noch einmal halblaut und dann las fie:
„Rein, mein lieber Freund, ich habe Sie nicht vergeffen, trotz
meines Schweigens feit Jahr und Tag. Sie ftehen noch vor mir
mit dem gütigen, theilnehmenden Bid, den Sie auf den Sarg Ihres
Jugendfreundes und auf mich hefteten. Ich weiß auch, daß ich Sen
u ſchreiben verfpradh, da Sie zu fchnell wieder nad) Ihrem Pfarr
bot mußten, um durch mic) von Thomas’ Iegten Tagen zu hören;
ich weiß auch, daß ich zur Feder griff, um mein Verjprechen zu er-
füllen, aber ich fühlte, daß ich es mat konnte. Erſt heute bringe
ich s über Heute iſt meines Bruders Geburtstag und ich
weiß, daß ſich da unſere Gedanken begegnen. Ich danke Ihnen für
582 Alt und ung.
das Gedenken an ihn. Für mich ift diefer Tag wie jeder andere.
Ein großer Verluft hebt jeden Unterjchied der Tage auf. Dennoch
gehe ich heute an Thomas’ Grab. Selten genug thue ih es. Es
ift das Einzige, was wir nicht gemeinfam haben; ich liebe es nicht,
denn es ift und bfeibt mir fremd.
Wie die Tage fehleichen und wie wenig uns die Erinnerung an
eine fchönere Vergangenheit über die langen Stunden hinweghilft!
Da fige ich an meinem Senfterplag und arbeite und leje, und meine
Blide gehen hinüber nach dem Gebirge, das in unbeweglicher Schön-
heit vor mir liegt. So vergingen auch früher die Jahre, aber jegt
bin ich allein. Als mein Bruder jtarb, fanden ſich viele wohlmet-
nende Tröfter. ‚Sie haben ihn jo lange gehabt‘, jagten fie, ‚Sie
mußten auf diefe Trennung gefaßt fein, jo fehwer fie Ihnen auch
ankommt. Und welch’ fchönen Tod hat er gehabt! Denfen Sie,
wenn er lange gelitten hätte! Unjer Leben währet 70 Jahre, jagt
das Bibelwort, und Sie haben die ganze, lange Zeit fid) einander
zum Glück gefebt‘ Die Leute meinten es gut, jie hatten von ihrem
Standpunkt aus recht und doch hatten ſie tauſendfach unrecht.
Kettet nicht in einem gemeinſamen Leben jedes Jahr feſter anein-
ander? Bindet nicht jede gemeinfame Erinnerung mehr und mehr?
Wird das Herz nicht immer unfähiger, fih Erfag zu ſuchen? Man
redet jo viel von der Leidenfchaftlichteit der Jugend, aber, licher
rg es giebt eine Leidenjchaftlichkeit des Alters, die erft mit ung
tirbt, die ung jterben läßt, denn fie ift ohne Zutunft
Am letzten Abend, den mein Bruder und ich zuſammen ver—
lebten, hatten wir uns über irgend eine Stelle in Goethes Gedichten
eftritten und Thomas hatte den Band ervorgeholt, um nachzu⸗
Aa en. Ich jehe ihm noch neben mir figen, das Haupt in die
Hand geftügt und das ihm fo befreundete Buch durchblättern. Er
jah blaß aus, er hatte ſchon ein paar Tage über Mattigkeit geklagt,
joweit Klagen in feiner Urt lag, mit einem halben Wort.
Plögfih Hob er den Kopf. ‚Weiht Du noch? fragte er mit
einem müden Lächeln und reichte mir das Buch hin. Gr Hatte dag
Lied ‚An den Mond‘ aufgefchlagen, welches meine Mutter fehr ge—
liebt hatte, und begann es mir vorzulefen bis zu den Worten ds
befaß es doch einmal, was fo köſtlich ift, daß man cs zu feiner
Dual, nimmer Dh vergißt‘. Da unterbrach er fi. ‚Wie troſtlos
das if, ſagte er, ‚Die Vergangenheit iſt das Einzige auf der Welt,
mas und unverändert zu eigen ift, und fie folle uns zur Dual
werben? Ich kann es nicht glauben, es wäre zu unbarmherzig.
Iſt die Erinnerung migt die einzige Zlamme, an der ſich une
alten Herzen erwärmen fünnen?‘ ‚Oder verbrennen‘, fagte ih. De.
Wort ſchlüpfte mir, ohne daß ich's wußte, über die Lippen. Ic
hätte es gern zurüdgenommen, denn nichts hatte meinen Bruder i
feiner Jugend unruhiger gemacht als der Gedanke, die Erinnerun
an unfere reiche Kindheit fünne irgend einen Stachel für mid) habeı
und dieje Unruhe kam trotz meiner gegentheiligen Verficherung noı
Alt und Sung. 583
manchmal über ihn. So fegte ich haftig hinzu: ‚Nein, nein, Du haft
recht, unfere gemeinfamen Erinnerungen find ſchön umb.ih Tiebe fie‘
Dabei fah ich in fein blaſſes Geſicht. Eine unerklärliche Angft über-
fiel mich. Ich befige ihn ja mc jagte ic) mir, aber wie magne—
tiſch angezogen, blieben meine Gedanken an dem Worte noch haften.
Noch! Be lange? Thomas las das Lied nicht weiter. In ber
Nacht darauf ftarb er. Nun beſaß ich ihn nicht mehr. J
Aber die Dual blieb mir, mein Freund. Nun biſt du fertig‘,
fagte ich mir, ‚arbeite oder gehe müßig, Fotafe ober wache, das iſt
eins für dich und für ihn. Er braucht dich nicht mehr, niemand
braucht dich mehr‘ Sie werden mir freilich erwidern: ‚Es giebt
gu Arme und Kranke in der Welt, Du fannft ihnen dienen mit
einen Händen, mit Deiner Theilnahme — aber was ift das?
Niemand braucht mich mehr wie ich bin, mit meinem Herzen, mit
meiner Eigenart. Das ift das Einjamfte, das Troftlofeite im Leben,
und mit ebenzig Jahren geht man nicht mehr Menjchen fuchen.
Der ſchöne Tod, von dem die Leute redeten, machte mich Halb ver-
rüdt. Ich wollte meinen Bruder zurüd, blind, jtumm, blöbfinnig,
aber lebend. Nichts als ihn haben, mich für ihn nöthig fühlen, nur
fein ftilles Lächeln fehen, das mir immer vor Augen ftand, das
wäre mir genug gewejen; aber niemand mehr etwas fein können,
das fernt fi nie — nie.
Doc ic) follte Ihnen von Thomas erzählen und rede immer
nur von mir. Dean jagt, daß das Alleinfein egoiftifch macht. Ver—
zeihen Sie mir.
Sie fehen, mein Freund, ich bin ganz alt geworben, nicht nur
an Jahren, ſondern auch an feeliicher Lebensfähigkeit. Dennoch juche
ich meine Pflicht zu thun. Die Schweftern im Krankenhaus ver-
fihern mir, daß ihnen meine laienhafte Hilfe eine wirkliche Stütze
fei, und id) fühle, daß bie Kranken mir fogar etwas gut find. Viel⸗
leicht empfinden fie, daß fie meinem Leben etwas geben und das thut
ihnen wohl. — Aber am liebften fige ich an meinem Fenſter, ehe
hinaus in die Weite und träume wie mit 16 Jahren. Denn eins
bat die Jugend mit dem Alter gemeinfam, das Träumen und das
Safe in Das große, ungewiſſe Etwas hinaus, fernab von ben Vor⸗
tellungen, die ſich nad unferen Sinnen bilden. Die Jugend träumt
fich jene unbelannte Welt, weil fie die irdiiche Glücsform, wenn ich
mid) fo ausdrücken darf, noch nicht kennt, das Alter, weil fie eben
biefe Glücksform erkannt Hat. Sp gehen wir am Anfang und am
Ende unfere® Lebens mit unferem Sehnen in_jene Unendlichkeit hin-
1% und lieben fie, glauben ihr troß ihrer Schattenhaftigfeit, nach⸗
.m fo vieles, was uns feſt, unerjchütterlic, rein, treu und frei da=
zuſtehen fehien, wie Schemen an uns vorbei in jenes große Schatten
eich) verfhwand .. .“
‚Hier das Schreiben ab. Franziska legte es jtill an jeinen
Bla zurüd. Es dunfelte jegt ftark, der Mond war glänzend hinter
en Bäumen heraufgeftiegen und der „Nebelglanz“- feines Lichts lag
x
584 Alt und Iung.
geifterhaft über den Wipfeln. Das Mädchen draußen hatte aufge
hört zu fingen. Wieder war ed tief ftill in dem Raume. „Das
Schattenreidh“, jagte die junge Frau halblaut vor ie] hin. Dann
feufzte fie tief auf und ging hinaus. Sie fühlte, daß fie Fräulein
Bartels jegt nicht unbefangen gegenüber ftehen konnte.
Die Dienerin kam bei dem Geräuſch ihrer Schritte aus ber
Küche und nahm die Grüße für ihre Herrin an. Das Fräulein fei
jewiß noch zu dem Tungenfüchtigen Nähmäbchen in die Wilhelm-
— gegangen, da fie jo fange ausbleibe, klagie fie, und es ſei ihr
doch gewiß nicht gut, fo lange Zeit bei den Kranken zu figen, fie fähe
ohnedem ſchon bla und elend genug aus, aber an fich denke fie
überhaupt nur ſtets zulegt oder am liebſten gar nicht.
Am anderen Morgen ftanden die Fenfter von Fräulein Bartels
Schlafzimmer weit offen und die weißen Vorhänge flatterten zumei-
Ien vom Winde getrieben hoch in die Luft. Das Trudchen war in
der Nacht geftorben.
Niemand wußte die Stunde ihres Todes. Das Heine Dienft-
mädchen ſaß in der Küche und erzählte unter Schluchzen, wie das
räulein geftern fpät nad) Haufe gekommen, da fie die kranke
äherin nicht in ihrer legten Noth habe allein laſſen wollen, wie
fie jo müde und krank ausgeiehen und nur nach Ruhe verlangt, wie
jie Ian Morgen tobt im Bett gefunden und wie fie fo friedlich und
glüctich dagelegen, juft, wie der Herr Thomas. „a, fie kann wohl
zufrieden fein“, jchloß das Mädchen unter Thränen, „aber was wird
nun aus meiner Franken Mutter und den Heinen Gejchwiftern? Ad,
du grundgütiger Himmel! So lange das Fräulein lebte, hatten wir
einen leibhaftigen Schugengel.“
Franziska war wie erftarrt. Sie fauerte in einer Sophaede
und ſah fehr bleich aus.
„Aber Franziska“, hatte ihr Vater gejagt, „Du bift thörict.
Gonne doch Trudchen die Ruhe, das iſt das Beſte für fie, ſeit⸗
dem fie den Bruder verloren.“ .
„Du haft ja recht“, entgegnete fie, „aber bitte, laß mich allein,
ach, laß mich allein!“
Gegen Abend dachte fie, daß die Tobte, die ihr ganzes Leben
lang bie Blumen geliebt hatte, vielleicht keine auf ihrem legten Lager
habe. So ftieg die junge Frau die Treppe hinab, um im Garten
einige Roſen zu pflüden. Vor der Hausthür ftand ein eleganter,
offener Wagen. Eine Dame, in welcher Franzisfa Emilie von Saten
erfannte, jaß darin. Der Baumeiſter ftand am Wagenjchlag und
hob eben fein zweites Töchterchen hinauf.
„Darf ich bei der neuen Mama fiken“, fragte das fein
Stimmen. B
„Gewiß, mein Kind", entgegnete der Vater.
Dann beugte er ſich zu den anderen, neben ihm wartenden Kin
bern nieber und feßte fie — auf die Kiffen.
Die drei Heinen Mädchen trugen prächtige Todtenkränze a
Alt und Jung. Br
Arm, der Baumeifter ſelbſt hielt einen Hefrothen Rojenftrauß. in der
Hand, den er Fräulein von Holten gab, nachdem er fich neben fie °
gefebt Hatte,
„Rad; dem Friedhof“, rief er dem Kutſcher zu.
Er ſah ernfthaft aus, als er auf jeine Kinder blidte, die ihm
jegenüber ſaßen und die neue Mama mit den fchönen, braunen
ugen ihrer Mutter anfahen. Es war nicht? von dem ftrahlenden,
teiumphirenden, faſt troßigen Glüdsausdrud in feinen Mienen, wel-
her jeden frappirt Hatte, ber ihn als Bräutigam der liebreizenden
Martha gejehen, aber wie feine Blicke von den Kindern hinweg zu
dem Mädchen an feiner Seite wanderten und feine Hand die ihre
feit umfchloß, las die Beobachterin an der Hausthür in beider Antlig
‚ eine erufte Hoffnungsfreudigfeit, die an eine Bufunft glaubt.
Der Wagen rollte davon. Franziska ging in den Garten und
ſchnitt Roſen und Reſeda für das Trudchen ab, das dort oben der
erjehnten Unendlichkeit entgegenfchlief.
—
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Am Kamin. 587
‚ „ Während der Pfarrer große Augen machte, richtete der Herzog
an feinen herbeigewintten Küchenmeifter die Frage: „Auf wie hoch
kommt mir dieſes Eiergericht zu ſtehen?“
Der Gefragte entgegnet: „Ich habe den Herrn Herzog davon
bereits unterrichtet, er wird fich erinnern, daß bei diejem Gerichte,
u deſſen Erfindung er mitzuiwirfen die Gnade gehabt hat, die Her
Hetung jedes einzelnen Eies einen Aufwand von fechs Franken ver-
u t.
Als der gute Pfarrer dies vernahm, war er wie niedergedon-
nert vor Schred und erſchöpfte fich in Entſchuldigungen. Es fchien
ihm, daß er weder vor Gott noch Menjchen die Erinnerung an eine
fo foftbare, wenn ſchon unfchufdige Lederei werde verwijchen können.
„Dein lieber Pfarrer“, mahm nochmals der Herzog das Wort,
„wenn Sie jämmtliche vier Eier genoſſen hätten, würden Sie ſich
eine ſchwete Verdauungsftörung zugezogen haben. Um jo, übelen
Folgen vorzubeugen, ‚habe ih yech Einhalt gethan. Trinfen Sie
jest zuvörderſt ein Glas von diefem edeln Wein; dann wollen wir
herzhaft den Fiſchen zufpredien.“ J
Ein unverbürgtes Gerücht beſagt, daß derſelbe Herzog von
Escar in Gemeinihaft mit feinem genialen Koch ein abenteuerlich
zaffinietes Nezept für Zubereitung eines erquifiten Entenbratens er⸗
t habe.
Nach deifen Wortlaut hatte man ſich zumächit jechsunddreißig
Enten zu verichaffen, die verſchwenderiſch gefüttert werden mußten.
Vorzugsweife jollten fie mit’ Kaftanien geftopft werden, welche, wie
man weiß, ein fejtes, weißes und faftiges Fleifch geben. Nach Ein-
tritt einer gewiſſen Periode der Mäjtung, wurde jedes einzelne
Stück unterfuht. Dann fonderte man vierunbgmangig als die beit-
befundenen ab, während die zwölf minderfeiften geichlachtet, gekocht,
Hleingefchnitten und an die überlebenden vierundzwanzig Enten ver
füttert wurden. Ebenſo wurde nach einer gewiſſen Friſt mit zwölf
weiteren Enten, und endlich mit noch neun foldyen von dem letzt⸗
verbliebenen Dugend verfahren, ſodaß zuletzt drei Stüd übrig waren.
Bezüglich Tegterer wurde es als eine ſchwierige Aufgabe angejehen,
welche von ihnen der Ehre theilhaftig werben Tone, gebraten auf der
Tafel des Herrn Gouverneurs zu erfheinen. Die beiden Gefährten
diejes bevorzugten Eremplars erhielten die Bejtimmung, den zur
Verſpeiſung durch den Herzog gewählten Lederbiffen wie eine Art
Panzer zu umſchließen.
Dann ftedte man die jo vorgerichtete und volljtändig gejpidte
Ente an den Spieß und zünbete helles euer darunter an. Die
beiden Kameraden der Entenkönigin wurden bei diefem Verfahren
natürlich ausgedörrt, verfalkt, zu Ajche verbrannt, aber ihre glühen-
den Säfte hatten das Fleiſch des Hauptbratens durchtränkt. Die
lüdliche Elitenente, geſchützt gegen ein allzu wirkſames ‘euer,
jatte mit Hilfe einer mäßigen, aber durchdringenden Hige die Kraft,
den Saft und den Duft ihrer um fie befejtigten Mitichweftern aufs
1
588 Am Kamin. !
gefaugt. Sobald diefer Peogeh beendet, jhien, wurde das Gericht
heiß auf die herzogliche Tafel gebracht. .
Ob die Geſchichte von diefem abfonderlichen Rezept zu_ einem
uten Entenbraten wahr ift oder nicht, läßt fich jegt nicht mehr ent-
Beten. ki den übereinftimmenben Erzählungen von Zeitgenoſſen
in Rede jtehenden Herzogs von Escars koͤnnte man wohl an
die Wahrheit derjelben glauben. Da man aber ſchon am alten
franzöfiihen Hofe pifante Neuigkeiten ohne Rüdficht auf deren
Wahrheit gern hörte und raſch perbreitete, fann fie auch ebenfo gut
auf Erdihtung beruhen, obwohl in jener Zeit die bei uns fo all-
tägliche Jeitungsente noch nicht befannt war.
In der That fol es in humoriſtiſcher Rüderinnerung an bie
Helbenthaten des vormaligen Herzogs von Escars auf dem Gebiete
der Kochkunst geichehen fein, daß König Ludwig XVIIL dem Sohne
deifelben, der getreu ie langjährige Verbannung mit ihm getheilt
Her 1815 den Titel eines erſten Oberfthofmeifters verlieh. Als
jolcher hatte er bei Feſtmahlen, bie ber franzöfiiche Hof den Groß⸗
würdenträgern ber Krone oder hochgeftellten Perſönlichkeiten des
Auslandes gab, den König zu vertreten, da ber letztere wegen feiner
— nur Mitglieder ſeiner Familie zum Mittagseſſen bei
ich empfing.
Glocken.
in Grinnerungeblatt.
Sie hatten nur ſich auf der genen weiten: Welt, Mutter und
Sohn, und fpielten zufammen in Sonnenfchein, in Sturmetagen, —
und als fejweres Seien über ihn gelommen, da war fie die Pflegerin
bei Tage, bei Nacht. Die rauhere Heimat mußte er verlaffen und
Mütterlein 3 mit in bie fremde, das Lächeln auf der Lippe, im
erzen das bitterfte Weh. Jahr um Jahr rang ihre Sorge-mit den
tten des Todes, die ihr einziges Erdenglück bedrohten, und bie
Liebe theilte fie, und aus dem Gnadenquell der Genefung fproß aufs
neue ftilles Glüd.
Einst ſaß die Mutter beim Sohne, und ſprach: „Wenn ich einft
ſcheide, jo mad’ e3 ganz till ab; nichts überflüffiges, richt einmal
beftelltes Geläute; es vergrößert Deine Laft und die bezahlte Mah—
nung erhöht nur das Weh; dent’, wenn fie mich forttragen, der liebe
Gott läßt für mich läuten, und dann ift mein Sonntag.“
Und es fam die Stunde, wo die Mutter vom Eopn ſcheide
mußte. Als eben die Sonne aufftieg, brach) das treue Herz umi
empor ſchwang ſich die Seele zum ewigen Licht. .
Sie trugen Mütterlein fort, unter Blumen, die fie jo fehr ge
liebt. An einem Sonnabend war's, am fpäten Nachmittag, de
Sonne ging leuchtend zu Rüſte. Sie trugen den Sarg aus dem
Haufe_und Hinterdrein an Freundesarm, fchritt der Sohn zu Tot
- Am Kamin. 589
jetroffen; die Menge drängte, ftill ward's, die Häupter entblößten
rn in heiligem Schweigen.
Man job den Sarg in den Wagen; bie jchwarz behangenen
Pferde zogen an; da — zitterte ein metallener Klang durch die un-
bewegte Luft, ein Wieberflang folgte, und nur von anderer Ric;
tung, von Thurm zu Thurm mit ehernem Hall: — es läutete mit
vollen Gloden, — fie läuteten den Sonntag ein!
Und unter unbeftellten Glodentlang, da ſenkten fie Mütterlein
in ihr ewiges ftilles Bette; — am Nande ftand der Sohn und
weinte ihr nach: „ſchlaf füh“! und bficdte empor zum Himmel in
abendlicher Purpurpracht: — Mütterleins Sonntag!
Hermann Hirfihfeld.
Aippſaqen.
Englijche Geishälfe. Es iſt ſchwer zu ſagen, ob England reicher iſt an
Geigpälfen ale andere Länder, und ob imatiide Berhättniffe ober bie Exziehunge-
weiſe in gewiſſen Leuten die auri sacra fames auf Koſten anderer Eigenfchaften über»
mäßig entwideln. Sicher if jedoch, bag bie Habſucht und ber Geiz in feiner nadteften,
abferedendfien Form im der guten Gefellihaft wenigftens zu: Geltenheit gehört;
ſolche Eigenthpümlichkeiten finb nicht gentlemanly, und e® muß ſchon ein Herzog oder
minbeftens ein Carl fein, der fi) Schäbigleit oder gar Geiz erlauben barf. : So find
auch alle Geizhäffe, beren Abflerben im ber Ieten Zeit gemeldet wurde, au® ben
niedrigen Ständen; am beflen fituirt war vielleicht der ehemalige Banktommis in
Croydon, ber vor Furzem in vorgerüdtem Alter tobt in feinem Bett gefunden wurde.
Er war in feinem Wohnort als Sonderling befannt: jedes Kind fannte die feltfame
Geftalt, bie feit einem Menfepenalter anfcheinend im felben fhäbigen Rod zur felben
Stund um die Ede huſchte, um Nahrungsmittel einzufaufen.
Der alte Herr pflegte fie eigenhändig zuzubereiten, und baß er fi nie überaß,
das Tonnten die Krämer ihm bezeugen. Niemand burfte feine ürmlich möblierte
Wohnung betreten, er beforgte alles ſelbſt, flidte alles jelbft. Da überrafhte auch
ihn der Tod, ber feinen ſchont, und ein Schweſterlind bes Verftorbenen machte bie
erfreuliche Entdedung, daß ihm ein Vermögen von über ER. 100,000 zugefallen ſei:
der alte Herr hatte vor etwa 40 Jahren, zur Zeit ber Eifenbahnfpefnlationen, ben
Srundftein zu einem Vermögen gelegt, da® jegt Verwandten gehört, um bie er ſich
zeitlebens nie gelümmert.
Männer und Frauen find gleih ſchlimm, nur mit dem Unterſchiede, daß die
erſteren ihr zufammengefdharrtes Gelb gemeiniglich profitabel anlegen, bie letzieren
«8 einfach beifeite legen. Wenigſtens hat Mrs. Deinnett in Newark, bie biefer
Tage flarb, nach biefem Grundſatz gehandelt. Sie wohnte allein in einem Häuschen
außerhalb der Stadt und Iebte jo —— die Rachbarn ihr häufig Speien
fidten, die fie mit, Zeichen der größten Dankbarkeit entgegennahm. Nach ihrem
Tode fand man, daß die Schnüre ihres Bettes mit Banknoten ummwidelt waren;
eine 5 Pfb.-Note flat, in einen Staublappen gerwidelt, in einem Loch in der Mauer.
Gelbftüde im Betrage von Lit. 35 waren umter ben Kohlen verfiedt und in einem
Schrant ſtat ein Bündel Noten, fo did, daß man es mit beiben Händen faum
faffen tonnte. Cine Kifte voll Golb- und Silbermünzen wurbe aus dem Haufe:
heſchafft, und das ganze Vermögen, bas einem Neffen zufällt, wir auf Ef. 11,000.
geihägt, fo weit bis jet ermittelt ıf. Ein Teftament, das dem Stabtpoliziften Lſt.
500 verzmacpte, war nicht rehtögiltig unterzeichnet.
Die Wohlthätigen in Feamington werben fi hüten, wieber einem bebürftigen.
alten Mann zu helfen. Seit 16 Jahren ſah man regelmäßig jeben Tag ben
Soward Gibſon zur Eifenbahnfation gehen und bort Kohfenftüdchen und Späne
auflefen, bie er in eine Schuhmacerwerlflätte trug, wo man ihm aus Witleiden [hlafen
3590 Am Kamin.
ließ. Mitleibige Nachbarn unterflügten ihn, und nie gab er mehr als 2"/, Schilingr
ver Wode aus. Much feinem Tode fand man Werthiepriften im Betrage von ER.
10,000, auf weiche zwei in London refibierende Neffen als Inteftaterben Auſpruch
euboben haben Im: Wergleich mit biefen geigigen Meichen ift freifish ber alte
John I. Saul, der vor ein paar Tagen in Camdenton ftark, ein bloßer Bettler.
Er verdiente feinen Lebensunterhalt, indem er gebrudte Gefänge in ben Etrafen
von Somers Town feil hielt, wo er feit 34 Jahren bekannt war. Im feiner
Tafpe fand fi ein Bankjchein für ER. 60, die mum der Krone zufallen, da feine
Anvermwandten belannt find.
Aus Daviſaus Leben. Daviſons Bil« in Dresden befand fih in unmittelbarer
Nähe eines der Babnıhöfe, zum Theile auf ber Bahndirektion gehörigem Terrain, m
ihr Garten war mit Bewilligung eben biefer Direktion in Terraffen angelegt.
fi hier einmal ein Unglüdefal ereignete, mußte bie Polieibehörbe eine take
fihtigung vornehmen, und in Echaaren famen die Vahnarbeiter die Terraffe hinauf,
Hammerten fih an bie Stäbe des Gartengitters und glogten hindurch. Davifon
bemerkte dies und vief mit dem ihm auch im täglichen Leben eigenen Pathos: „Wiel
fol mein Beſitzthum den Blicken ber neugierigen Menge preißgegeben werben?
Leute, Ihr zertretet mir ja bie Terraffe!" Da antwortete eine Die Terraſſe ih
der Direltion, Sie fein bloß be Kerſchbeeme.“ — Ein andermal ber Wagen
meifter von einem Trupp Arbeiter ber, ber in ber Nähe von Davilons Behanfung
Rand, einen fürdterfihen darm Cr eilte hinzu unb fuhr die Feute an: „üßt
Ihr Kerle Euch denn immer zanken?“ „Wir fein es ja gar nich, Herr Wagenmeifter.
Das is der Dapijon, der fpielt Kummebje!”
Eine Reufge-Aneldote. In einer Poſſe von Wilten hatte Reuſche, ber treffe
Tide Komiter, feinem Partner gelegentlich zugurufen: „Apagel Apage!“ („Forl
a) Unbelannt mit ber Bedeutung dieſes Wortes begleitete Ticobor 3 Reuſche zum
schredden des Dichters, der ben Dee beiwohnte, jebe® „Apage!“ mit ber wider
finnigen Bewegung des Heranmwintens, wahrſcheinlich Dachte’ er fich dabei: „Ah, Pagel”
Eine Zeit lang fah fi der Berfafler dieſe Verwirrung mit verlegenen Diienen an
umd mußte nicht vedht, wie er ohne zu große Beihämung bes Darſiellers ibm feinen
Sertpum Marlegen jolle. Eudlich fügte er zu ihm im beſcheidenſten Fluſterteu.
„Sie verzeihen, Herr Reufce. Sie haben {H; da bei dem „apage“ eine eigenthlm-
The Nitance zurecht gelegt." — „Allerdings! — „Sie nehmen dabei einen jchel⸗
mifchen Gefichtsausbrud an und lächeln madden Sie mit eingelkiimmtern Zeigefinger
eine Bewegung, als wenn Sie jemanden zu fih winken wollen!" — „Rum ja; was
iſt dagegen einzuwenden? — „Nichts, rein gar nichts! Aber ich meine, Daß
vielleicht noch wirtſamer märe, wenn Sie mit der Ihuen Agentglmligen Berve in
etwas unwirtſchem Tone „apage!“ riefen und tabei eine fräftige abweiſende Geſte
machten. Wie wäre es, wenn fie es einmal fo verjuchten?“ Und nach einer Pauſe
erwiderte Reufche in barfhem, beleibigtem Tone: „Wenn Sie glauben, daß das Ihr
Stüd retten Tann, meinetwegen!"
Eine Hübicpe Erinnerung an Dingelftedt. Als Hadländer anfangs ber
fünfziger Sahte an feinen „NRamenlofen. Gefcichten“, bie zuerft in ber „Rölnifcen
Zeitung“ erfchienen, arbeitete, betam er eines Tages ben Beſuch von Berthold Auer ·
Bay und Franz Dingelftedt (geft. am 15. Mai Tan, welde auf einer gemeinfamen
Neife in der jchönen Schwabenfabt rafteten. Man verabredeie für ben folgenden
Tag eine Wanderung durch Stuttgart, bei welcher Hadländer Führer zu fein verfprad,
aber zur beſtimmten Stunde burhans umvorbereitet angetrofien wurbe. adfänber,
der infolge einer Berlegung an ber Hand mit einem Schreiber arbeitete, faß im
„Node des Schlafs“ in emfiger Dichterthäi t feinen Gehilfen dittirend unb wehrte
alle zümenden Standreden feiner Freunde ab mit Hinweis auf einen Brief
„Kötnifgen Zeitung", in weichem diefelbe ein nene® Kapitel ber „Namenfo,
ichten“ verlangte. Als alles Zureden vergeblich war, kam Dingelftent auf ei:
originellen Gebanten: „Dace Dir’, jagte er zu Gadländer, „Deine Toilette, m
lerweile made id Dein Kapitel!" Ladend ging der Autor auf ben Borfhlag ı
Die „Namenlojen Geſchichten' jind leicht am einander gereihte Erzählungen. Dir
ſtedt hatte die Feuilletons ber „Kölniſchen Zeitung” verfolgt, alfo ließ er fih von ..
Sekretär nur den Anfang vorleſen und diltitte dann weiter. Er foll faum m
Am Kamin. 591
Zeit zur Vollendung feiner improvifirten Arbeit gebraucht haben, als Hadländer zur
gänzlichen Herftellung feines äußern Menfchen in Anfprud nahm, Man lachte feelen-
vergnügt über den gelungenen Genieftreih, und mit einigen Heinen Abänderungen
wurde bie Arbeit Dingeliebts dem Roman Hadläuder's einverleibt — diesmal eine
wirkfih „namenfofe”, ben wahren Namen bes Berfafler® verichweigenbe Gedichte!
Nah Sibirien Verbaunte. Aljäpelid werben aus Rußland 1600 Perjonen
auf dem Sanbwege nah Sibirien verichidt und durdfgnittfih 1100 Berfonen nad
Sadalin transportirt. Diefe 2700 Perfonen find ausſchließlich zur Zwangsarbeit
verurtheilte Verbrecher. Die Zahl der zur Anfiebelung Berurtheilten dagegen
Befäuft fid) jährlich auf 2644. Dazu fommen noch etwa 3599 Perjonen, bie zum
Rechtöverluft verurtheilt waren und von ihren reſp. Gemeinden nicht wieder aufge
nommen find. Zählt man dann nod bie Familien ber Verſchickten hinzu, melde
dieſen in bie Verbannung folgen, fo erhält man annähernd 20,000. Im Gebiet
von JIafutel Loflet ber Unterhalt jebe® einzelnen Gträffinge ber Krone jährlich,
130 Rubel ımb ber Unterhalt während bes Transports nach bem Beflimmungsort
etwa 200 Rubel. J
Die Hübigen Meinen Schülerjeprbücer (Knaben-⸗, Madchenjahrbuch) von
Dr. Mar Bogler (Verlag von Theodor Hofmann in Gera) erweiſen ſich auch biejes
Jahr wieder als befle Begleiter der Jugend durch das Schuljahr. Beide Bücher
enthalten eine Menge Lehrfloff in Tabellenform, Stunvenpfäne, Kalender, Notizenraum
z.; das Kuabenjahrbuch bringt dazu eine gutgefchriebene Biographie Gabelöbergers
(mit Bild), das Mäbchenjahrbnc eine folche ber Iugendfchriftftellerin Frida Schanz.
— Die ganze Ausftattung ber Bücher ift hübſch und höchſt praftiich.
Murilies „Unbeflette Gmpfängnig“. Murillo (mit feinem vollen Namen
Bartolomeo Efteban Murillo) ift ber größte Maler, ben Spanien hervorgebracht hat.
Zu Sevilla 1618 geboren, ging er, nachdem fid fein Genie früh gezeigt hatte, juni
nach Madrid, mo #6 fein Ruhm zur Höhe erhob. Cin romantifces Piebesverhältui
mit der ſchönen Donna Beatrir de Cabrera y Sotomayor feflelte ſchon früher das
Herz des jungen Künffers und regte ihn zu hohem Kunfifireben an. Beairit ber
fhloß, daß fle Murillo nach Madrid folgen werde, wo beide im Herbft des Jahres
1643 'eintrafen. Murilo ward von Velatguez, welcher ihm eine Zeit Tang fogar eine
Bohnung einräumte, freunblid aufgenommen, während Beatrir auf bem Korjo bi
Puerto orientale einen Palaft bewohnte. Belasquez verſchaffte feinem Landsmann
die Erlaubniß, die Werte Tizians, Rubens’ und Ban Dyke im ber Kenigfigen Galerie
zu topiven; aber Murillo kehrte Bald zum Studium ber Werke des Balesquez und
des Ribera zurlick, welche er übertreffen lernen wollte. Nach zwei Jahren war fein
Ruhm fo Hoc) gefiegen, baß_ berfelke benjenigen bes Belasguez und Nibera ver-
dunelte: Er Tehrte nach Sevilla zurüd und machte mit Beatrig be Cabrera Hochzeit.
Als diefe den größten Theil ihrer Sanbbefigungen einbüßte, war Murillos Ruf be»
reits fo weit verbreitet, baß feine Veftellungen ihn im ben Stand fegten, feiner Gattin
—X go Entbehrungen auferlegen zu müffen. Er verzierte bier im Kofler
me! äume, unter benen ber fogenannte Meine Gang beſonders erwähnt werden
maß, mit einer Folge von Gemälden heiligen Inhalts, Grofartig find Murillos
acht Werte ber Barmberzigteit im Klofter San Jorge de Ia Caridab, ferner feine
Arbeiten in ber Kirche be 108 Venerables und bem Kloſter ber Kapuziner.
Murillo, welcher 1682 flach, darf als der erſte ber Naturaliften betrachtet werben.
Er beſaß ein prachtbolles, glühentes Kolorit, ein bewundernswerthes Hellduntel und
einen großen Stil ber Behandlung. Gr war ber Grlinber ber Malerafademie in
Madrid. Bon feinen Schülern hat ihn feiner erreicht. J
Das berühmte Bild Murillos, das unſere Illuſtration wiedergiebt, iſt das Bild
ber „Unbefleckten Empfängniß“, auf welchem bie beilige Jungfrau mit gefalteten
Händen, auf einem Halbmond in ber Luft ſtehend und von Eugeln umſchwebt, in
weihevoller Verklärung inbrünftige Blicke nah dem Himmel richtet, von welchem
gibenen Sonnenftrahl auf fie hermieberfirömt. Die Konzeption zu biefem entzdenben
ifde läßt einer unferer phantafievoliften Dichter Murillo aus dem Anblid ber Ger
fiebten, eben jener oben erwähnten Beatrizg, ſchöpfen.
'592 Am Kamin.
Bor der Goiree,
So bin ih fhön! Warum foll ich's nichts fagen,
Wenn alles mir zu Füßen liegt,
Und ſtolze Männer mir ihr Sehnen Hagen,
Das Höcfte kühn um meine Liebe wagen,
Bon meiner Schönheit Reiz beflegt.
So bin ih ſchön! Die Rofe foll mic ſchmüden,
Am Bufen dufte fie, im Haar!
Veradjtungsvoll troß' ich des Neides Tüden,
Ich will mich felbft und — Einen nur beglüden
Aus ber Verehrer Sklavenfchaar.
Benn in des Tanyes wildbewegte Wogen
Sich wonnig taucht mein glühenb Herz,
Da kommt auch Amor ſchnell Daßergeflogen,
&r zielt, er trifft mit bem erprobten Bogen
Und bringt den wonnevollen Schmerz.
Für Einen ſchmüch ih mih! Fur Einen will id glänzen,
Mit ihm nur ſpricht mein Aug’ intim.
Ich taufchte den Triumph von. allen ZTänzen,
Den ſchönſten von ben Schönheitsfiegestränzen,
Gern um ben Myrthenkranz — von ihm.
Franz Sirſch.
Eo zielte ig! Diefe jelbfibermußten Worte umb bie entſprechende Geberbe dazu
bilden das Sujet unferes_Bilbes, das wir einen illuftrativen Beitrag Nager
latein nennen möchten. Eine ländliche Sagbgefellihaft verhandelt im Birayakanı
beim Bier ihre Jagderlebniſſe und ta giebt es auch, mie gewöhnlich, einen Jagd»
miündhaufen, ber ein wenig ftarfe Gedächtnißphantafie hat und Wunderdinge von
feiner Schiegtunft zum beften giebt, bie nicht nur ben gemintigen Kumpanen,
fonbern auch ber hübfchen Kellnerin ein Lächeln abloden. Bieleicht erzählt der
waltige Nimrod, wie er des Nachts auf Rebhühner ausging, feinem Hunde &
Laterne an ben Schtwanz band und wenn er ftanb, bei Laternenfchein bie Hühner zu
Dutzenden ſchoß. Unb fo weiter in infinitum.
Die Verblüfften auf unferm legten hubſchen Bildchen veranſchaulichen un bie
Thatfache, daß die Frechen immer beſſer wegfommen, als bie Treuherzigen unb Ber
ſcheidenen. Die jungen Sprößlinge der getmikhigen Hundefamilie find ganz ver»
blüfft über ben lecken Miteffer aus dem Spatzengeſchlecht, ber fi) bei ihnen einge»
finten hat. Ey ge aber mit ber Berwunderung zu Ende fein und dem
inbringling die Zähne zeigen werben, wirb das Späßfein „Proft Mahlzeit!” fogen
und. hinweg fliegen. Des der Lauf der Weit! x
18. In dem Auffag „Mailänder Geinnerungen. (Heft IV., 1889,
®
MNenefte Moden.
Ar. 1. Anzug „Directoire“ für Mädhen.
Auf dem vordern Rodtheil aus braunrothem PIitfch befindet fih am uutern
Rand eine cichorienfarbige, feibene doppelte Rofenfalbel. Die an ber Schulter fal-
Nr. 1. Anzug „Divectoire” für Madchen.
Der Salon 1899. Heft V. Band I. 40
504 Aeuche Moden.
tigen Vordertheile find am Hals über einem Sammetlatz mit gleichem Stehtragen offen.
In der Taille gehen die faltigen Tpeile übereinander unb werben dort von einem
gleichfalls faltigen Stoffgürtel gededt. Die Enden beffelken find an ber Seite ge-
ſchlungen und — auf dem Rod aus braunrothem Wollenſtoff, wovon auch bie
Taille und bie oberen Nermel angefertigt find, herab. Die Enden der Schärpe fint
unten mit einem Stofftnoten verſehen. Unter ben an ber Schulter unb über dem
Ellbogen eingereihten Ueberärmeln aus Wollenftoff befinden ſich enge, bis ans Hand ·
gelent reichende Aerımef aus Plüfch. Der kraunrothe Plüfhbut Hat ein rofa Kalten-
futter. Um ben Kopf deſſelben find braunrothe Federchen gelegt.
Mr. 2. Haartrat. (Rüdanfiht.)
Ar. 2m. 3. Baartracht. (Rüci- und Vorderanſicht.)
Die Herftellung dieſes einfachen Kopfputzes iſt ſehr leicht. Dan theilt das
Haar bie hintere Mitte herab, kämmt bafielbe etwas gegen ben Sirich, bamit es
etwas loſe und voller wird, twinbet die beiden Strähne, nachdem das Außenhaar
auriidgefämmt ift, nad) oben. Bei vollent, langem Haar läßt man die Enden, zu
Heinen Yoden georbnet, bohflehend mac) dem Geficht zu, über die Gtirnfödden fallen
Bei wenig Haar erfegt man die Windung und dachen mit fünftlichem Haar.
Ar. 4. Leichter Mantel für Mädden.
Derfelbe iR aus grauem und beigefarbigem Tarrirtem Seidenſtoff angefertigt
und mit roſa Atfasfutter verfehen. Die Borbertbeile des Mantels find im Ganzen
geſchnitten und gefatten bem Arm an ben Eeiten einen mit einem reiten Afrafan-
freifen befegten Ausrweg. Der Rüden ift anliegend und hat Rodfalten, Ein breie
FERaAS
Wenefle Moden. 595
ter Umleglkragen von Aftvafan umgiebt ben Hals. Vorn wird ber Mantel mit einer,
mit langherabbängenben Enden verfebenen grauen Sammetjchleife befeſtigt. Bon da
an ift ber Pelzbefag am Rand des Mantels ſchmal und wird erft am untern Rand
deſſeiben wieder breiter. Der runde graue Filzhut hat einen hinten umgefchlagenen,
mit greißferkigem Sammet belegten Rand. Große graue Sammetfchleifen bebeden
ben Kopf befielben und halten eine ſchöne mattroja Feder.
Ar. 5. Heberroh aus ſchwarzem Plüfd.
Der .anliegende Mantel hat übereinandergehende Vorbertheile. Ein großer
Nr. 3. Haartracht. (Borberanfict.)
Pelztragen reicht bis in die Taille. Auf dem vordern Rochtheil des Mantels ber
findet fih ein fchräg aufgefeptes, in ber Taille ſpihes, nad) unten ſich verbreiterndes
und wieber fpi; ausgehenbes Selztheil. Der amfiegeude Rüden enbigt in Rod-
falten. Die engen Nermel haben am Yanbgelent gleichfalls einen breiten Pelzbejat.
Der runde, otterfarbige Prilfchhnt if gleicfarbig Kefet und mit gofbburchmirkten
Bändern gamnirt.
Ar. 6, Bifite- Mantelet,
Die nad) innen zuriidgefhlagenen Bindenärmel der Bifite find im Rüden ſehr
anfiegenb und mit Piluſch gefüttert. Diefe nach oben genommenen Theile ber
Aermel treffen über der Bruft_zufammen und find mit einer Ugraffe über einem
befticten Lagtheil- gefchfoffen. Der ändere Nermel aus ſchwarzem ober farbigen ge-
muftertem Cammet tritt vorn auseinander Eis zur Schulter, von da an if ber
Rand beffelgen mit Pelz befegt, glei den vorn langheradreichenden yunteil .abger
40*
Deine, Google
boresb Gobgle
598 Uenefte Moden.
fgrägten Vorbertbeifen. Der Nücden ift auliegend umd enbigt ohne Schoß. Die
tabalfarbige Sanmetcapote ift mit Beigefarkigen Atfasrüigen und Schlupfen Bejekt.
Nr. 7. Anzug für eine Rinerwärterin Nr. 8. Anzug für ein
drer Hanne, Meines Nätgen.
Ar. 7. Anzug für eine Kinderwärlerin oder Amme.
Der weite Zaltenmantel iſ aus fenerfarkenem Wolleuſtoff, ſowie an ben Vor ·
Neneſte Moden. 599
bertheilen herab und am untern Rand mit einem kreiten, ſchwarzen Sammetbeſatz
verfehen. Der große Kragen if ebenfalls aus ſchwarzem Sammer. Der Mantel ift
Nr. 9. Biſite.
600 Aencfte Moden.
nur am Hals mit einer Metallſpange geſchloſſen. Die Haute hat eine feuerfarbene
Bandkrone mit hinten langherabfallenden Bändern.
Ar. 8. Anzug für ein Kleines Aädchen.
Der Mantel aus Sammet, —E ober auch uut indiſchem Caſchmit hat an-
liegende Vordertheile und am glatten Rücken angeſetzte Rockfalten. Der über bie
Säpuftern reichende Pelerinenkragen ift mit einem Streifen Schwanpelz befegt, eben fo
aud vorn herab, am Hals, an ben Aermeln und am untern Rand des Mantele.
Der runde Hut’ aus weißem Fily ift mit einer weißen Feder und ebenfolden Bän-
dern ausgeputzt. Der Heine Muff aus Schmanpel; ift mit einer weißen GSeiden-
ſchnur am Hals befeftigt. Gamaſchen vom Stoff des Mautels.
Ar, 9. Biſite.
Phantafiejade aus nußfarbenem Tuch. Diefelbe if vorn über einem ſchwarzen
Nr. 10. Morgenhaube „Charles VII."
Sammetlag ſeht meit offen. Alle Ränder ber Vorbertheile, der Aermel und des
Kragens find mit Stiderei aus Seidenſoutaſch (ſſchmalen Bördchen) verziert. Der
anliegende Rüden hat Schögcen. Die Aermek find oben anliegend und unten weit
offen. Der große, runde, mußfarbige Tuchhut ift mit ſchwarzem Sarımet gefüttert
und am ande mit dedern befegt. Oben am Kopftheil befinden ſich hochflehende
und zurüdgebogene Federn.
Ar. 10. Morgenhaube „Charles VII“
Diefes graziöfe Häubchen ift aus zivei Theifen geibem Surah hergeſtellt, welche
vorn in ber Mitte mit einigen alten zufammengehalten und mit einer breiten, gele
ben, mit Grin und Gold keftidten, nad ben Ceiten Hin fid) vernindernden Gpike
befegt find. Den hintern Raub der Mütze umgiebt gleichfalls eine ſolche Faibel
Diefelbe ift in ber Hintern Mitte breiter unb mit einem Kopf aufgefeßt, wird nad
vorn zu ſchmäler und dient, eingereiht auf einen Stoffftreifen befeftigt, zugleich als
Befeftigung unter bem Kinn, von wo fie leicht ineinander gefchlungen im zwei Theilen
herakhängt. Cine Meine Rofette ans grünen Nometenkändchen ift obenauf angebracht.
Rebaction, Verlag und Trud von . 9. Panne in Neubmig Bel Telpaig-
Deine, Google
Bor der Sdeidung.
Novelle von Eduard Müller.
a ijt ja auch das liebe Kind! Guten Tag, mein
fleiner Erwin! Was bift Du für ein herziger Junge!
Und wie groß für Dein Alter! Zwei Jahre ift er,
nit wahr? Sei willtommen, ſeid willtommen!
Soll ih Dich hineintragen, Erwin?“
„Nein — Mama!“
Wie, Du willft nicht von mir getragen fein?“
von Mama!“
Die Mama ergriff die Hand, welche die Freundin bem Kinbe
um Willtomm geboten hatte, und hielt fie feft unter ben jchelmi-
— Worten:
„Iſt er nicht ein verzogener Junge? Zeig' ihm nur erſt all
Deine Herrlichleiten in Haus und Hof, und er wird Dir nicht von
Fi See gehn. — Erwin, jet giebjt Du dem Herrn Pfarrer die
indie
Erwin ftredte feine linke Hand dem bei den beiden Damen
ftehenben, jungen Mann entgegen.
„Ein artiger Knabe“, jagte der Pfarrer lächelnd und ftrich dann
der jungen rau an feiner Seite die Wange.
„Bon Dir will er offenbar noch nichts wiffen, Marthchen“, jegte
er hinzu. „Das find Tantenfchmerzen, nicht?“
Die genedte Pfarrfrau ww dem Gemal dur) einen Seufzer zu
verftehen, daß fie angejichts ſchönen Knaben auf dem Arme der
Freundin troftbedürftig fei.
ünf Jahre war fie bereit3 verheiratet und Hatte fein Kind im
Haufe. Das Mutterglüdt der Freundin wollte fie wenigftens mit-
jenießen, den kleinen Erwin mit Liebe überjchütten. Das war ihre
dnfucht, feit das Kind auf der Welt war. Wiederholt Hatte fie
Mutter und Kind eingeladen, zwei Jahre hatte fie ſich gedulden
müffen, nun endlich waren fie gefommen.
Der Galon 1889. Heft VI. Band I. 4
602 Bor der Scheidung.
An der Gartenthür hatte fie mit dem Ueberſchütten begonnen,
war ober fogleich mit aller kindlichen Entfchiedenheit zurüdgemwiefen
worben.
‚. ‚Sie war ja nicht die Mama, das Recht auf Lieblofung wurde
ihr von dem Heinen Mann nicht ohne weiteres zugeftanden.
Sie hätte deßhalb mit dem herzigen Kleinen ſchmollen fünnen.
Nun, vierzehn Tage Tonnte jie ihn pflegen umd umwerben. In der
Zeit Hoffte fie feine Zuneigung zu erobern.
Wenn nur der jpöttiiche Satte fie und die Fesumbin in den
erſten Stunden des Wiederſehens allein Laffen wollte! Sie hatten
ſich ganz gewiß fehr viel anzuvertrauen; bejonders die junge Pfarr-
frau war darauf gefaßt, im Herzen der Freundin allerlei Wunder-
james zu ergründen. Erſte Bedingung aber war, daß fie felbft un-
beobadjtet und Kara ungenedt Dabei blieb.
Er that ihr den Gefallen. Bald, nachdem fie ins Haus einge
treten waren, entjchuldigte er fich bei Frau Findeiſen, feinem Gaft, |
mit Amtsgefchäften und verſchwand. |
Als er ganz unhörbar geworden war, rüdte Frau Marta |
dichter heran an Wanda, von Wunſche befeelt, recht ausführlich
und genau die Beichte der Freundin zu vernehmen.
Erwin durfte indeß einen Beutezug nach dem Nähtiih unter
nehmen und alle Fächer mit Knöpfen in Unordnung und alle Fäden !
in Verwirrung bringen. Das Mäulchen war auf diefe Weife wenig- |
ſtens zum GStillftehen gebracht, und die Mama hatte einmal bie
Hände frei.
Die Mama fah recht abgejpannt aus. Sie war erniter gewor⸗
den, fie ſchien fogar Anlage zu haben, bitter zu werben, und auf
ihrer Stirn lagerte eine Wolfe des Unmuths, die auch angefichts der
gewinnenden ‚Derztichteit der Freundin nicht ſchwinden wollte,
Frau Martha beobachtete das alles.
„Die Ruhe hier wird Dir wohl thun“, fagte fie zärtlich. „Das
Zandleben bietet gerade in der jeigen frühen Jahreszeit Föftliches.
Wir werden uns viel im Garten aufhalten können, Erwin wird an
unferen Hühnern und Tauben feine Freude haben, Beſuche brauchen
wir nicht zu machen und werden durch folche nicht beläftigt, am
Bach, der unten am Garten vorüberraufcht, können wir ftundenweit
über Wiefen hingehen und mein Mann wird uns oft begleiten
fönnen. Ich Habe mich auf Deinen Beſuch unfäglich gefreut, Liebe
Wanda. ir wollen die vierzehn Tage auch recht glücklich fein,
ganz wie vor Zeiten, nicht wahr?“
„Wie ich froh bin, allem Widerftand zum Trog die Reife z
Dir gemacht zu Haben, kann id) Dir nicht ausdrüden“, erwidert.
Wanda, nur war äußerlich von einer „rohen“ Wirkung nichts wahr:
gunehmen, viel eher von „Troß“, der den „Widerftand“ zu über:
mern fchien.
Die Frage Marthas nah dem Ausgangspunft des „Wider \
Standes“ Teitete die Beichte ein.
Bor der Scheidung. 603
au Wanda entwarf ein Bild chelichen Lebens, wie es von
dem Idyll ländlichen Pfarrlebens mit feiner Sorgenfreiheit und dem
Gleichmaß feiner Tage nicht greller fi) abheben konnte. Sie ent-
hüllte der Freundin die Leiden an der Seite eines Gatten, der al
Eingewanderter und Inhaber eines jungen Gefchäfts, von Haus aus
mit ſehr bejcheidenen Mitteln verfehen, in der Großftadt den Kon—
kurrenzkampf mit jo vielen älteren Firmen aufgenommen hat. Da
jörte Frau Martha von einem Manne erzählen, der vom frühen
orgen bis zum jpäten Abend Gerwinnes halber unterwegs ift, und
der auch in ben duch Effen, Trinfen und Schlafen ausgefüllten
an diefer fieberhaften Thätigkeit der Sorgen und Gedanfen an
jeine gejchäftlichen Unternehmungen ſich nicht zu entlebigen vermag.
Da Haute fie hinein in ein Stüd großftädtifchen Elends: die junge,
jebildete Frau“ eine Fremde unter den vielen hunberttaufend ‚Men-
hen, ohne Belanntichaften, ohne jeden anregenden Umgang, den
janzen Tag über allein mit dem Kinde und dem Hausmäbchen; der
Gate am — erſchöpft heimkehrend, bald verſtimmt durch allerlei
widrige Begegniſſe, bald beſeſſen von einer neuen geſchäftlichen Idee,
die anderen Tages verwirklicht werden foll, ftets abgezogen vom
frohen, ruhigen Genießen des umfriedeten, häuslichen Glücks, wort⸗
Targ gegen die rau, oft von nervöſer Reizbarkeit und Ungeduld,
nur gegen das Kind von einer Nachjicht, die an Schwäche grenzt
und mit allen Erziehungsprinzipien der Mutter in Widerjpruch fteht;
die Sonntage, die Tage der gejchäftlichen Ruhe, ohne Frieden, ohne
BBeibeı die neue Woche folder Art oft mit einem Mißklang an-
be
„Martha, ich halte diefe Leben nicht mehr aus, ich gehe zu—
grunde, wenn ich ‚nich nicht von ihm trenne.“
So endete die Veichte, die jo ganz anders verlief, als Die
Freundin erwartet hatte. Erſchüttert, verlegen ſaß die Pfarrfrau da.
Wie viel Unglüd war doch in den Gottesfrieden bes Bin
hauſes eingefehrt! Und wie andächtig dankbar empfand Frau Martha
wieder einmal das Gottesgeſchent ihres Lebens; den guten, eblen
Gatten voll Nachficht, Duldung und ſtets ‚gleihfeibenber Liebe; die
wenn auch bejcheidene, doch auskömmliche Lebenslage; bie erquidende
Nuhe des Landlebens! Doch nur einen Augenblid beherrichte fie
dies Danfgefühl; dann wurde ihr de von dem Iebhaften —8
erfüllt, zu helfen, zu lindern. Sie gab dieſem Wunſche ſogleich den
berzlichften Ausdruck.
„Du kannſt mir helfen“, verſetzte Wanda in den Armen der
eundin und blickte mit ihren dunklen, ernſten Augen feſt in die
janften, hellen Marthens. „Ich bin ohne Vermögen, wie Dir be—
Sur Hz bin eine Waife und habe niemand, bei dem ich eine
uflucht finde.“
„Du vergißt, Wanda, daß Du eine Freundin haft“, warf Martha
faſt verlegt ein.
„Deren Herzendgüte ich fenne und auf bie ich in der That
ar
Lane
604 Bor der Scheidung.
zähle. Ic bin entichloffen, allein in das Leben zu
mir als Lehrerin mein Brod zu verdienen, aber Dich wollte ih
bitten, meinen Erwin in Pflege zu nehmen. Dir allein auf der
Welt vertraue ich mein Liebites an, Du wirft ihm eine zweite
Mutter fein, das weiß id); unter Deinen Augen und in der Zucht
Deines Mannes wird das Kind an Leib und Seele gedeihen, wäh—
rend ich unter den jegigen Verhältniſſen für nichts einftehen Tann.”
Erwin hatte gerade einen jchillernden Perlmutterfnopf entbedt,
mit dem er vom Fenſter her nach dem Sopha gelaufen fam. Da
er aber zuvor verjchiedene Zmwirntollen und Bänder zu Boden ge—
worfen hatte, jo blieb er mit ben Füßen in einem Gewirre von
Fäden hängen und fah fich zu feiner nicht geringen Bekümmerniß
im Laufen beengt und | — gefeſſelt. Eben wollte er deßwegen
u weinen beginnen, ala Martha feine Noth erblickte, zu Hilfe ſprang,
m neben ihn auf den Boden fegte und ihn befreite.
Der Heine Schelm aber, das ſchöne, glatte Frauenhaupt dicht
vor Augen, betrachtete daſſelbe erjt mit ftilem Wohlgefallen, dann
ſchlang er plöglich feine Heinen Arme um ihren Hals und legte
jene linfe Wange zärtlich an die ihrige, ganz wie er bei Gebelaune
mit feiner Mutter zu koſen pflegte.
Fe drüdte Frau Martha den Heinen Schmeichler
ans Herz.
Es traf das jo merkwürdig mit den legten Worten Wanda
und mit den eigenften, innigſten enswünfchen Martens zuſam⸗
men, daß man verjucht war, zu glauben, aud der Kleine habe fein
Einverftändniß erfläven wollen.
Frau Martha war fo beraufcht von diefem Vorgang, daß fie
jeden Verſuch unterließ, der Freundin vorzuftellen, ob Ausparren
und Geduld nicht doch räthlicher ala die Trennun, fe
Sie hob den Knaben empor, behielt ihn aut em Arme und
fagte zu Wanda:
„Wir befprechen alles ausführlich und in Ruhe. Jetzt laß mir
Deinen Liebling nur auf ein paar Angenblide. Ich will ifm meine
Hühner zeigen. Mein Mann wird Augen machen, wenn er fieht,
dag Erwin nun doch zur Tante gegangen ift. Nicht wahr, mein
Erwin, wir vertragen und? Die Tante hat auch ſchöne Hühner.“
An der Treppe angelommen, wandte fie fi) nad der Mutter
des Kindes um:
f „Komm, liebe Wanda, fieh Dir auch einmal meinen Hühner
hof an.“
Glück in den Augen und Röthe von der ungewohnten Anftren-
ung auf den Wangen, ſchritt die Pfarrfrau, das Kind auf dem
rme, zum Hof hinab.
Sinnend, den Blick zu Boden gefenkt, folgte Wanda, Zwiefpalt
im Herzen, Bekümmerniß auf dem jchmalen, zarten Geficht.
Der Pfarrer ftand am Fenſter feiner Arbeitsftube Als er
jeine Frau im Hof erblidte, das Kind auf dem Schoße, Täubchen
»or der Scheidung. 605
auf den Schultern und Hühner zu Füßen, wünſchte er, das Bild
feſthalten zu können.
So ausnehmend gut gefiel e3 ihm.
1 * *
*
Frau Martha entdedte an Erwin immer neue Schönheiten,
neue Borzüge. Ihr gen trug Verlangen, das Sind zu behalten,
ihr Verftand hieß fie, die Freundin beruhigen und derjelben die ver-
iaflene Häuslichfeit und den Gatten in milderem Lichte fehen zu
lafſen.
du diejer Verſtandesübung wurde fie namentlich von Ihrem
Gemal angehalten.
Er war durch die Eröffnungen feiner Frau über die Abſichten
der Freundin ſehr überrafcht worden. Er nahm den Fall ſehr ernft.
Ernſt genug behauptete zwar auch feine Frau die Sade zu
nehmen, indem fie fich zum berebten Anwalt des gepreßten Herzens
der Freundin aufwarf, und deren leidenfchaftliche Anklagen gegen
den oft rauhen und wenig liebenswürdigen Gatten fo Teidenfeiaht ich
wiederholte, daß der Pfarrer ihr die Wange klopfte und fie ſcherz⸗
weije bat, feinen Haß gegen die ganze Männerwelt in ſich auffeimen
u laffen, eine Nederei, die Frau Martha nicht ganz am Platze fand.
Sndeffen, wenn er fie gleich darauf gemefjen und nachdrüdlich bat,
recht verſöhnlich auf Wanda einzuwirfen und fie zu wiederholter
Selbitprüfung zu ermahnen, fo wurde fie jedes Mal wieder zweifel-
haft, wer von ihnen es am ernfteften und beiten mit Wanda meine.
Jedenfalls that fie, wie er fie geheißen, und verfuchte Wanda um-
zuftimmen, mußte es freilich ftets wieder als ausfichtslos einftellen.
Der Pfarrer war ein junger, tüchtiger Mann, der volles Ber:
ftändniß für den Ernft der Lage bejaß, in welche feine Frau ſich
und ihn durch die Einladung der wenig glüdlichen Freundin ge-
bracht. hatte.
Nach außen Hin ruhig, regte ihn das Ungewohnte und Unge-
wöhnliche feiner Stellung zu einer Frau von jo trüben Erfahrungen,
und die zu einem jo folgenjchweren Entſchluß, wie die Trennung
für Leben verbundener Gatten ijt, ſchon gelangt war, nicht wenig
auf. Er ſah den Beitpunft herannahen, da er beftimmte Stellung
u nehmen genöthigt fein, da Frau Findeiſen fich direft an ihn um
ath wenden werde.
Er fühlte felbft das Bedürfniß, ‘e8 zur Ausſprache kommen zu
laſſen, aber nicht minder das, zuvor fich felbft über den Fall Kar
zu werben.
Von einem einfamen Spaziergang zurüdgefehrt, der ihn meit,
bis in den fernen Wald, geführt hatte, begab er ſich eines Abends
in den Garten, wo er rau Findeifen vermuthete.
Frau Martha war in der Küche mit der Zurichtung des Abend-
brods beſchäftigt, Erwin bereit zur Ruhe gebracht.
Bor der Scheidung.
Der Tag hatte viel Hige gebracht, die Luft fich erft jegt etwas
‚„ abgefühlt. Die Sonne war ſchon länger unter, doch der Himmel
noch von Licht umfloffen.
Im mittleren breiten Weg de3 Gartens ſchritt Frau Findeijen
Yangfam auf und nieder.
Nach den eriten Worten der Begrüßung begann der Pfarrer:
„der Eleine Erwin ift ſchon fchlafen gegangen, wie mir oben
gelost wurde. Hat ſich gewiß recht müde gelaufen, daß er fein
ager fo zeitig jucht.“
„Sch bin glücklich darüber“, erwiderte Frau Findeifen. „In der
Stadt war das Kind abends gewöhnlich fo aufgeregt, daß es vor
9 Uhe nicht eingefchlafen ift. Mitunter habe ich eine Stumde lang
an feinem Bett gejeffen und es in Schlaf zu fingen verfucht. Wenn
Erwin meinen Mann heimtommen hörte, war in der Regel alles
vergeblich. Er verlangte wieder Heraus und es find oft Bittere
Thränen gefloffen, wenn ich ihm nicht den Willen that. Gewöhnlich
ging mein Mann ungeachtet meiner Bitten ins Schlafzimmer zu
Erwin und brachte ihn in die Wohnftube zurüd. Dadurch wurde
das Kind natürlich vollftändig munter, verlangte mitzueffen und war
fchließlich jo erregt, daß e&, in die dunkle Kammer getragen, heftig
zu weinen anfing. Meine Aufgabe war dann, das Einfeläferungee
werf noch einmal von vorn zu beginnen.“
„Ihr Mann hat den Knaben gewiß fehr lieb“, fagte der Pfarrer
nad) einer fleinen Paufe.
Frau Findeifen ſchwieg betroffen. Nach ihrer Meinung hatte
fie_dem Pfarrer einen Beweis ber Unverjtändigfeit und Rügſichts-
Tofigfeit ihres Mannes gegeben, und der Pfarrer hatte den Beweis
von Liebe zum Kinde darin gefunden.
Darin Iag ein Widerfpruch, der fie reizt. Cie wollte nicht
gern mißverftanden werden und begann deßh tb:
„Ich weiß nicht, was ich in dieſem Bunfte denken fol. Acht
Tage bin ich nun mit dem Kinde von Haus weg, und mein Mann
hat fi) nod mit feiner Silbe brieflich nad, Erwind und meinem
Befinden erkundigt. Ich habe ihm meine Ankunft im Pfarchaufe
umgeben gemeldet, bin aber bis heute ohne jede Nachricht von ihm
geblieben.”
Nun ſchwieg der Pfarrer betroffen. Seine Frau war einmal
vierzehn Tage bei einer Freundin in K. gewefen, und er hatte ihr
jeden zweiten Tag einen Brief, mindeftens eine Karte gefchrieben.
ier ſchien wirklich) ein Beweis von Herzensfälte auf Seiten
des Mannes erbracht.
Sie fchritten aufs neue den langen Mittelweg hinauf, als der
Pfarrer begann:
„Könnten Sie fich denn ganz von Ihrem Kinde trennen?“
„Wenn es fein müßte, ja“, antwortete fie gedrüdt mit einem
erftidten Seufzer, und feßte hinzu: „Wenn ich nämlich die Gewiß-
heit hätte, daß Erwin im geordnete, harmonifche Verhältniffe, in
Bor der Scheidung. 607
liebevolle Hände käme. Wie nur eine Mutter ihr Kind, liebe au
ih Erwin über alles, aber“ — hier Eonnte fie den Thränen nid)!
mehr gebieten — „mein Kind ſoll nicht Zeuge ehelichen Zerwürf-
nifje werden. Dieſe trübfte aller Lebenserfahrungen möchte ich ihm
fparen, deßhalb fann ich mich von ihm trennen, und — wenn mir
auch das Herz darüber brechen follte.“
Der Pfarrer befämpfte feine Erregung nad) Kräften.
„Ih kann mich in Ihre Lage wohl hineindenfen“, jagte er mild.
„Sie machen ſchweres durch. Wie ich bereits weiß, wollen Cie ſich
von Ihrem Gatten trennen. Sie können natürlich allein urtheilen,
ob ein Aufammenleben mit ihm unter den jegigen Verhältniſſen noch
möglich ift Aber jagen Sie mir, bitte, das eine: Können Sie ſich
ein Zufammenfeben unter veränderten Verhältuilfen denken? Alfo
. B., wenn Ihr Gatte einen anderen Beruf oder aud) nur eine ge-
Figerte, ruhigere Thätigfeit in feinem jegigen Berufe hätte?“
Frau Findeifen preßte ein weißes Tuch heftig gegen die Augen
und rang nad) Fafjung, bis fie ganz ruhig fagen fonnte:
„Mein Gatte ift ein braver, vortrefflicher Menſch, der ein bef-
ſeres, glüdlicheres Los verdient hätte. Wie er jegt zu ringen und
zu fämpfen genöthigt ift, reibt er fih auf. Es überfteigt feine
Kräfte, er überfchägt diefelben, ich habe es ihm oft gerug gejagt,
aber er ift ftetS taub gegen meine Vorftellungen geweien. Wie glüd-
lich könnten wir leben, wenn er einen bejcheidenen Poften einneh-
men wollte, wie ihm ſolche wiederholt angeboten worden find. Aber
nein, die unfelige Sucht nad) Gewinn, die alles verjchlingende Gier
nad) Reichthum geftattet ihm dergleichen nicht. Wir paſſen nicht
zufammen, e3 iſt mir flar geworden. Wir würden beide zugrunde
gehen. Mag es fein, nur in ſoll nicht mit ins Verderben ge—
zogen werden. Er ſei um jeden Preis gerettet.“
Der Pfarrer wandte IK tief erjchüttert ab. Was vermochte er
dem entjchiedenen Willen diefer fein organifirten und doch fo feclen-
ftarfen Frau entgegenzufegen? .
Das Bild des Knaben ftand plötzlich vor feinem geiftigen Auge,
diefes lebhaften, gewedten Kindes mit den dunklen Augen der Mutter
und deren fräftigen Willensfundgebungen. Er vergegenwärtigte fich
das Entzüden feiner Frau, wenn fie ihn durch den Garten führte,
die ſchönſten Blüten brach, fobald er nur ein Händchen verlangend
danach ausftredte, und wenn fie ihn auf den Armen tragen und
herzen fonnte. Er hatte das Wunder mit eigenen Augen erlebt, wie
das Kind, das anfangs Martha wie eine Zudringliche abgewiejen,
fi) allmählich innig an fie angefchloffen hatte.
Ganz von dieſen freundlichen Vorſtellungen beherrfcht, richtete
er an Frau Findeifen die grage:
„Slauben Sie denn, daß das Kind feine Eltern nicht vermiſſen
werde?“
„Die erften Tage vielleicht“, erwiderte fie, „dann nicht mehr.
In feinem Alter verdrängen nene Eindrüde die früheren gänzlich.
"608 Bor der Scheidung.
Geben ihm feine Pflegeeltern nur die Liebe der rechten Eltern, fo
hat das Kind vollauf, was es verlangt und braucht und wird ſeinen
Erzichern mit gleicher Anhänglichkeit lohnen.“
In der Hausthür erfchten die Frau Pfarrer, die brennende
Lampe in der Hand. Das Mädchen mit dem Abendefien auf einem
Brett folgte.
Unter der Linde am Haufe ließ man ſich zum gemeinjamen
Mahle nieber.
Den Gefprächsftoff lieferten Erwins heutige Aeußerungen und
Taten. Da gab es viel zu lachen.
Die drei Menfchen bekamen das Thema gar nicht überbrüffig.
Die Pfarrfrau glaubte fogar im Stillen zu bemerken, daß ihr Gemal
noch an feinem Abend das Geſpräch jo eifrig gepflogen.
Diefe Wahrnehmung machte fie ſehr froh.
* *
*
„Bat Frau Findeifen noch feinen Brief von ihrem Mann er
halten?“ redete der Pfarrer zwei Tage ſpäter im Garten feine Frau
an, in deren Nähe Erwin mit Kieſelſteinen fpielte.
„Nein! Mic; wundert nur, daß fie täglich verftimmter über das
Ausbleiben wird. Es follte fie vielmehr in ihrem Entſchluß be—
ftärfen, fi) von ihm zu trennen, e3 follte fie ermuthigen. Iſt es
doch eine neue Thatſache, welche ihre Gefühle der Abneigung recht-
fertigt.“
Ich meine, folange fie noch feine Frau ift, muß fein Benehmen
fie fränfen und verlegen“, entgegnete er. „Martha, wir unfererjeits
müffen zu einem fe N gelangen, hör’ mir, bitte, aufmerffam zu.
Das Kind würde ſich ohne —75 an uns gewöhnen, es fragt fe
nur, ob wir uns nicht ebenfalls derart an daſſelbe gewöhnen würden,
daß uns fin Verluft eines Tages tief beugen würde. Behält näm-
lich auch die geſchiedene Frau in den erften Jahren ben Knaben, jo
wilfen wir doch Bi ob der Nichter ihn ihr auch dauernd zuerfennt,
oder ob der Vater fein Recht geltend macht. Das Leptere ift fogar
— In diefem Falle müßten wir alſo Erwin wieder
‚geben.“
„Lieber Mann, ganz dajjelbe Habe ich mir auch ſchon gejagt.
Aber darf denn die Liebe nad) folhen „Wenn“ und „Aber“ fragen?
Können wir an dem Kinde der armen Freundin gutes thun, fo laß
es uns thun, ohne erft unfer eigenes Intereffe dagegen abzuwägen.
Sieh’, wir find ja ſchon längft darin einig, daß wir einmal jo ein
kleines Wefen an SKindesftatt annehmen wollen. Wie leicht macht
e3 uns der Himmel, diejen Vorfag auszuführen! Das Kind der
Freundin, den gefunden, ſchönen Knaben mit den offenen Sinnen und
dem Tiebebebürftigen und liebeempfänglichen Herzen — wahrlich, es
foftet wenig Ueberwindung, dieſes Kind wie fein eigenes zu lieben.
Gütiger konnte das Geſchick es wirklich nicht mit uns meinen.“
Vor der Scheidung. 609
Der Pfarrer ergriff die Hand, die auf feiner Schulter lag und
drüdte fie herzlich.
Wein Marthchen ift bereit® entſchieden“, fagte er Tächelnd,
„nun, Du haft die Laft, bei Dir liege auch die Entſcheidung. Wenn
Du glaubft, da wir Deine Freundin durch die Mittheilung unſeres
Entſchluſſes aufheitern, jo rufe fie herab.“
Die Pfarrfrau warf ihrem Gatten einen zärtlichen Blick zu und
Tief zum Haus.
gu Findeifen Teiftete dem Rufe unverzüglich Folge.
Sie glaubte anfänglich, der Briefbote habe etwas für fie ge-
bracht, und vermochte ihre Enttäufhung nicht zu verbergen. Sie er-
klärte, feit heute Morgen habe fie mit einem ungefannten Gefühl
von Angft zu fümpfen, das fi) von Stunde zu Stunde fteigere.
Der Pfarrer bat fie, in die Laube einzutreten, wo fie einmal
ganz offen über das Schidjal des Kindes jprechen wollten.
Wanda empfing die tröftliche Gewißheit, daß fie ſich in ihrem
Vertrauen auf die Hilfe der Pfarrleute nicht getäufcht habe, aber
merfwürbigerweife wurde der Drud der Unruhe, unter dem fie ftand,
nicht von ihr genommen.
Etwa zehn Minuten mochte fie in der Laube gejeffen haben,
als fie durch laute, männliche Stimmen, die aus einiger Entfernung
in den Garten herüberflangen, erjchredt wurde, und mit dem jähen
Angitruf: „Wo ift Erwin?“ emporfuhr.
Fran Martha erſchrak heftig. Sie hatte noch vor etwa einer
halben Stunde das Kind im Garten um fich gehabt. Im Geſpräch
mit ihrem Manne und in dem weiteren mit Wanda hatte fie des
Kindes wirklich nicht mehr geachtet.
Wanda fprang aus der Laube nad) dem mittleren Gang und
Wpähte denfelben hinauf und hinab.
Der Pfarrer und Martha eilten ihr nad).
Marthg nahm zuerit wahr, daß die Gartenthür am Ende des
— halb geöffnet war. Dort hinaus mußte das Kind gegan-
gen fein.
Dort floß auch der Bach vorbei. Zwiſchen Gartenzaun und
Bach zog fich ein ſchmaler Wiefenftreifen hin. Das Ufer des Baches
war von da bis zur Schleufe abwärts gemauert und ziemlich Hoch.
Ein Geländer war nicht vorhanden.
Das Waſſer war zwar nur einen Fuß tief, aber ein Sind, das
hineinfiel, fonnte darum wohl ertrinten.
Alles das ftand Wanda, als Martha auf die Halb geöffnete
sartenthür zeigte, blitzſchnell vor der Seele.
„Erwin! Mein in!“ Mit diefen Worten ftürzte fie durch
ın Baumgang fort.
Die Pfarrleute, fchredensbleich, folgten. '
Wanda hatte die Gartenthür noch nicht erreicht, ala ein Herr
irch diefelbe in den Garten eintrat, ein Kind vor ſich auf den
rmen tragend.
610 Bor der Scheidung.
„Feodor!! — Erwin!“ ſtieß Wanda Heraus und blieb wie ge—
lähmt ftehen. i
Ihr Mann näherte fe ihr und Iegte den Stnaben, der an der
Stirn blutete und deſſen Kleider vollitändig durchnäßt waren, in
die Arme der Mutter, die ſich mechaniſch ausbreiteten, das verun-
glüdte Kind. zu empfangen.
„Seine Augen find noch geſchloſſen“, fagte er mit zitternder
Stimme, aber fo weich und mild, ala bewache er den Schlummer des
Kindes, — „doch Herz und Lungen find in Thätigfeit. Sieh’, wie
leicht er athmet. Auch die Wunde läßt zu bluten nah. Der
Seeden hat ihn nur überwältigt. Entkleide ihn umd lege ihm
ins Bett.“
Wanda wollte gehorchen, aber ehe fie ji zum Gehen wandte,
muhte fie noch einen Blick ihres Mannes aufzufangen fuchen, der
ihr galt.
Er mußte gleichfalls den Wunſch, ihr in die Augen zu bliden,
begen, denn ihre Blicke begegneten einander: in ihren Augen zitterte
der Schreden nah und eine gewiſſe Scheu und Demuth; aus den
feinigen brad) ein Strahl froher Zuverjicht fiegreich hervor. |
Ob er weiß, daß er Din zurüdgewonnen hat? dachte Wanda '
in demſelben Augenblid. — Und ic) wollte mich von diefem Mann
trennen? Und von dem Kinde dieſes Mannes? — ”
Als diefe Herzensfragen ihr die Röthe ins Geficht trieben, und
fie ihm verzagt in die Augen ſchaute, nickte er ihr treuherzig zu.
„Ich erzähle Dir den Hergang, Wanda, indeß wir zum Haufe
fchreiten“, fagte er freundlich.
Wanda ging mit Erwin voran und vernahm, wie Feodor hinter
ihr den Pfarrleuten erzählte:
„Ich kam den Wieſenweg am Bach herauf, als ich hier in der
Nähe Abe Schritte vor mir mehrere Schnitter don der Arbeit
weglaufen und zum Bad eilen fah. Einer von ihnen rief mir,
näher fommend, zu: Ein Kind ift ins Waffer gefallen! Aufgepaßt!
Ich denke nicht ander3 ala ein Kind der Schnitter, das am Bach
gejpielt hat, ift in Gefahr, und fpringe fofort durch die Erlen Hin-
unter ins Waffer, um daſſelbe feinem Lauf nach überjehen zu fünnen.
Anfangs war es ziemlich tief. Es ift dort die Schleufe, wo das
Waffer gejtaut wird und zum ae auf das nahe Mühlrad geleitet
iſt. Ich ſtand bis an die Bruft darin und ſchritt der Strömung
entgegen. Kam das Kind angeſchwommen, konnte e& mir nicht ent
gehen. Der Bach wurde immer flacher. Die Schnitter fonnten d--
dichten Weiden und Erlen wegen nicht? ſehen. Auch ich jah un
hörte fange nichts. Plöglih, um eine Schleife biegend, erblide ü
Erwin, im Wafter liegend! Er muß beim Herabfallen mit der Stirr
auf den großen Stein gejchlagen fein, der aus dem Waffer ragt un
ihm das Leben gerettet hat. Denn mit dem Kopfe blieb er bewuß
108 auf dem Steine liegen, während der Heine Körper ganz it
Waffer ſank. Wie glüdlich war ich, als ih ihn am Leben fand, wı
Bor der Scheidung. 611
unbefchreibfich glücklich! Ich dankte Gott, nicht anders, als ob mir
das Kind zum zweiten Male gejchenkt jei.”
„Und was führte Sie des Weges daher, Herr Findeiſen?“ fragte
der Pfarrer fast jHüchtern und Scheiben.
„Die Sehnfucht nah Frau und Kind, Herr Pfarrer“, erwiderte
er mit Serageiinnender Offenheit. „Nie, tie laffe ich fie wieder
von meiner Seite. Ich ahnte ja immer, da eine aud nur furze
Trennung mir die größten Qualen bereiten würde.”
Da jubelte Wanda:
„Feodor, Feodor, fich' doch nur, er fchlägt die Augen auf, —
er lächelt, da er uns beifammen erblidt. Nicht wahr Erwin, Papa
und Mama follen bei Dir bleiben?“
Und ein feines Stimmchen hauchte ſchwach:
„Bapa — Mama!“
Im Rüden des glücklichen Elternpaares aber ſank Frau Martha
ihrem Gatten an die Bruft und verbarg ihr glühendes Antlig.
„Danke dem Herrn, daß er verhütete, daß unfer gutes Wollen
fich in Schuld verwandelte“, flüfterte er ihr ins Ohr.
Sie dankte — mit ſchwerem Herzen.
* *
*
Als Erwin den Genejungsfchlaf jchlief, nachdem er etwas Fräf-
tige Nahrung zu fich genommen, fanden Feodor und Wanda fi im
Garten zufammen und jchritten unter dem Fenſter des Schlafzimmers
Arm in Arm auf und nieder.
Er war ganz Freude, ganz Liebe. Endlich war's ihm gelungen,
für fein Geſchäft einen Kapitaliften zu finden, der ftiller Theilhaber
wurde, aber verlangte, daß Zindeifen für einige Wochen cin Bad
auffuche, um neu gefräftigt das vergrößerte und nunmehr völlig ges
ficherte Geſchäft zu übernehmen.
Der Erfolg nad) Jahren vergeblihen Mühens und harten
Schaffens hatte in Feodors. ganzem Wejen Wunder gewirkt. Das
Leben der legten zwei Jahre erfchien ihm wie ein böfer Traum, und
fein Herz quoll über von Dankbarkeit und Verehrung der Gattin,
welche die Zeiten der Entbehrung und der Entjagung fo treu mit ihm
geibeit hatte. Nun waren fie am Ziel, nun hatten fie überwunden.
un follte auch ihr Leben in Behaglichkeit und Gleichmaß hinflieken.
Eine bequemere Wohnung, von einem Garten umgeben, war ge
miethet, eine andere Zeiteintheilung getroffen, um ein ſchönes Fami—
lienleben pflegen zu Fönnen.
oo.
Der Wagen ftand vor ber Thür des Pfarrhaufes, der die Gäfte
nach dem Badeorte entführen follte.
Nie ift vielleicht wieder ein rührenderer Abſchied im Pfarrhauſe
vorgefommen, al3 an jenem Morgen.
612 Bor dr
Erwin winkte |
Mutter, und die P
Kindes nachzublicken.
Die Eltern ha
Pfand ihres zufünftigen Glückes.
Bald lagen Pfarrhaus und Garten wieder in altgemohnter Ruhe.
Manchmal meinten die Pfarrleute, wenn fie den Mittelgang auf=
und abfehritten und von Erwin fprachen, jein jubelndes Stimmchen
über die bunten Blumen her erklingen zu hören.
Oder waren es Engelftimmen, die aus den guten Herzen der
Pfarrleute herauftönten?
Die drei Verbrechen.
Ferflucht ift in Frankreich, wer fchreibt und ſpricht
Und feinem Volke ſchmeichelt nicht.
Drei Sünden jedoch darf mit ftrafendem Ton
Verwerfen ein jeder der „Großen Nation.“
Er darf ihr fagen, wie tief es ihn kränkt,
Daß fie zu gering von ſich ſelber denkt.
Er darf ihr fagen, wie's ihn entſetzt,
Daß fie ſiets dis fremde EV überſchätzt.
Mit Zorn darf er rügen, daß ſie nicht
Verächtlich genug von Deutſchland ſpricht.
Benno Rüttenauer.
me
Reiſebilder aus dem Südoſten Guropas.
Bon Irma v. Groll-Borofyäni. ’
Schluß.)
VI.
Hrianda,
I nennt man Alupfa die Perle der herrlichen Schlöffer
nd Villen, von denen die Sübküfte der Krim überfäet,
ohl mag die breite Bucht Gurfuffs durch ihre weiten
ud Meer hinaus gefchleuderten Felſen, durd) die von
den Wellen ausgewählten Höhlen und durch die Ruinen ihrer uralten
Veſte das Intereſſe des Beſuchers aufs höchfte erregen; aber auch
Du, Drianda, darfit Dich vor Deinen Schweitern nicht ſchämen und
ich ziehe Dir feinen ber von Balaklawa bis Aluſchka aneinander ge-
reihten Paläfte und Landfige vor.
Das in italieniſchem Geſchmack aufgeführte Schloß wurde vor
drei Jahren das Opfer einer Feuerabruntt Man munfelte verjchie-
en deren Entſtehungsurſache. Viele Hagen die Nihiliften als
Irheber an.
Wider Erwarten der Anhänger des Großfürften Konftantin
(Oheim bes gegenwärtigen Zaren) brachte die —— ſeines
Schloſſes — deren Urſache wohl nur in einem überheigten fen zu
ſuchen ift — die Aufhebung feiner Verbannung naı ianda nicht
mit fih. Wie verlautet, foll die Wiederherftellung deffelben binnen
kurzem in Angriff genommen werden.
Der Tuftige Chulen jang, welcher ben mit einer Fontäne und
tropifchen Gewächſen geſchmückten innern Hof umgiebt, fowie die
Kolonnaden an der gegen das Meer gerichteten Front, geben auch
aut noch Zeugniß von dem jtolzen, prächtigen Stile des Baues,
! Ten Koften auf eine halbe Million Rubel veranfchlagt wird.
Unweit des Schloſſes fteht eine uralte Eſche, aus deren wohl
r Fuß didem Stamme ber jtarfe Strahl eines frifchen Brunnens
« ill. Eine auch etwas bizarre Laune verkörpert ſich in den brei
! einen Teichen, welche Die genauen geographifchen Karten des ſchwar—
i ı und kaſpiſchen Meeres und des Araljees in natura darftellen.
614 Reifebilder aus dem Südoften Europas.
In dem mehr einem Urwalde als einem kaiſerlichen Garten
ähnlichen Parke ijt forgfältig jedes zutagetreten ber Kunſt ver-
mieden. An den mädjtigen Stämmen der alten Bäume Elettern
üppige Schlingpflanzen hinan, welche gleich ſüdamerikaniſchen Lianen
von einem Baum zum andern hin- und zurüdlangend dichte, undurch-
dringlicde Laubdächer bilden. In ſolchem fchattigften Dickicht ver-
“birgt fi) das Kleine, aber reizende Häuschen, welches der Großfürſt
bewohnt, während jeine Familie und Dienerfchaft in geräumigeren,
durch ein geſchmackvoll angelegtes Blumenparterre vom Schloſſe ge
trennten Gebäuden untergebracht find.
Ein ſchmaler, wohlgeebneter Pfad führt an dem überjchatteten
Teiche, auf welchem zahme Schwäne ihr ſtattliches Gefieder entfalten,
vorüber zu einem durch Fels und Baum geborgenen ftillen Plägchen
an taufchender Kasfade und von da fachte anfteigend zu dem hoch
über dem Schlofje auf einem Eleinen Feljenplateau erbauten Rondell
griechifcher Säulen.
Ueberraſchend ſchöner Anblic bietet ſich hier über die mächtigen
Wipfel des des: vor ung, düſter und öde, die dachlofen, zum
Theil mit Schutt erfüllten Gemächer des zerftörten ftolzen Baues,
und dicht daneben, im lieblichen Farbenfchmud der Blumen und
Gräfer, die Gartenanlagen und das improvijirte Wohnhaus, vor
deſſen Veranda zwei fürftliche Kinder fröhlih und forglos jpielen.
Im Hintergrund des Parkes und Schloffes ragen zwei gewaltige
Felſen ins Meer: verjtoßene Söhne des Gebirges, trogige Wächter
bes Ufers. Der rechte, breit und maffiv; der linke, fchlant umd hoch,
und auf feiner Spige ein enormer Maft, defien wehende Flagge Die
Anwejenheit des Großfürften verfündet. Weiter zur Rechten erhebt
fich der durch ein Kreuz bezeichnete Gipfel des Kreuzberges, im Hin-
tergrunde von dem noch höheren Ai-Nifolo überragt, und im Rücken
fteigt ſteil und fchroff, theils bewaldet, theils in nadten Wänden
und Zaden der Hauptzug des Jaila-Gebirges an.
in jtummes Staunen verſunken ftand ich gelehnt an eine Der
ſchlanken Säulen diejes Tempels, errichtet der ewig herrichenden,
hier ra in höchftem Glanze offenbarenden Göttin: Natur. — Ach! nicht
einen flüchtigen Augenblick möcht' ich hier weilen und wieder weiter
wandern müjjen. Ihm rief mein Herz zu: ‚Verweile doch, Du bit
fo fdhön!“
Stunden und Stunden jüb ich dort, und immer wieder kehrt
ih dorthin zurüd, um zu laufchen dem dumpfen, ewig erneuten
Brauſen de3 brandenden Meeres tief unter meinen Füßen, dem
Waldesraufchen über mir; um Berg und Meer zu jchauen im wunder
baren Lichte des füdlichen Himmels, das jedem Gegenftande fo zauber⸗
vollen Glanz und Relief verleiht; oder zu ſchauen im wilden Ges
witterfturm, dem bie alten Fichten ächzend fich beugen, wenn der
brechenden Wogen weißer Schaum Hoch am Felſen emporfprigt.
Neifebilder aus dem Südoften Europas. 615
VIL
At Petri.
Ein heiterer, klarer Dftobermorgen, frifh und milde, umfing
uns, al3 wir kurz nad fieben Uhr in den mit drei feurigen, kräfti—
gen Roßlein beſpannten Korbiwagen ſtiegen. Saure Arbeit harrte
ihrer!
Dieſe hier allgemein gebräuchlichen Wagen bieten Raum für
fünf Perſonen, ſind ungemein leicht und mit einem auf vier eiſernen
Stangen aufzuſpannenden Zeltdache verſehen. Der rückwärts, gleich
einem Bedientenfige, angebrachte Platz iſt in Hinſicht auf die freiere
Rundſicht ber günftigfte.
Oberhalb Livadıa zweigt unfere Straße von der nad Drianda
und Alupfa führenden recht? ab, in die Berge hinauf; zuerft Durch
Weingärten, dann durch mächtige Laub- und Fichtenwälder, deren
Fräftigender, würziger Harzesduft, je höher wir fteigen, umfo mächtiger
auf uns einjtrömt.
Sechs bis fieben Werft von Jalta entfernt, in ber Nähe des
höchſt pittoreslen Wafferfalles Utſchan-Sſu, fommen wir an einem
Heinen Holzhäuschen vorüber, in welchem während der Saifon Thee
und einige Erfriſchungen geboten werben. Dieſer, wenngleich im
Sommer und Kerbit ziemlich wafferarme Fall ift um feiner Um-
gebung willen einer der herrlichſten Punkte der an Naturſchönheit fo
reichen Gegend und häufiger Zielpunft einer Morgen- oder Nad;-
mittagfpazierfahrt. Auch uns z0g es oft hierher, bald zu Wagen,
bald zu Bere: doch davon fpäter! Denn ‚diesmal — wie ja jtetd
wir armen Menjchenkinder nimmer zufrieden mit dem Erreichten,
Genofjenen — drängt’ es ung ‚weiter, höher hinauf.
unaufhörlichen langenwindungen (ih zählte deren von
dem bereit8 hochgelegenen Orte des Utjhan-Sfu bis zur erreichten
Höhe 44) leitete Die breite und ſichere Straße bis zu dem Hodj-
platenu das Iaila-Gebirges, 4000 Fuß, über dem Meeresſpiegel.
Diefer in feiner Art umübertroffene Bau, im Jahre 1872 unter weit
größern Schwierigkeiten und funftvoller ausgeführt, ala die Straße
vom .Vardar-Thor nach Alupfa, ift das Werk des Genie-Oberften
Schiſchko, dem zu Ehren aud ein unmittelbar am Ende der Straße
fich erhebender und eine bedeutende Rundſicht gewährender Hügel Wi-
Schiſchko benannt ift.
Dunkler, dichter Nadelwald umgiebt ung, hauptſächlich aus einer
der Krim eigenen Art Föhre (Pinus Taurica) gebildet. Nur an den
füblichen Abhängen der Schluchten miſchen ſich Birken und Eichen
darunter; und dort und da auch eine einfame Admmarggrüne Ceder.
Ueberall aber an den hohen, ſchlanken Stämmen hinan, durch die weit
auögebreiteten Aeſte wur die hier fo reichlich gedeihenden Schling-
jewächfe: die verjchiebeniten Arten von Epheu und Klematis, wilder
Sopfen u. a; oft in armdiden Stämmen, Rieſenſchlagen gleich, ſich
616 Reifebilder aus dem Sũdoſten Europas.
an den Bäumen emporwinbend, und zwifchen und über denfelben
ihre malerischen Laubwände und Kuppeln ausbreitend.
Immer jteiler fteigen die Abhänge an; enger und Höher treten
die gigantiſchen Felſen zufammen; unfere Straße, mehr und mehr
dem Geſtein abgejprengt und mit Duaderjteinen flafterhoch unter
mauert, führt hier an ſchwindelnden Abgründen, dort durch wilde
Schluchten oder wüftes Geröll und Getrümmer über und unter uns.
Immer wieder öffnet jich dem Blick die ſchönſte Fernficht über Wald
und Gebirg, über Dorf und Stadt, umd weiter hinaus über das
unabjehbare, vom Helliten Sonnenlicht beftrahlte und, von jolcher
‚Höhe gefehen, ſich dunkel und regungslos ausdehnende Meer, das am
fernen Horizonte dem Himmel ſich einet.
Enger und fteiler wird die Straße, häufiger und fchärfer wer-
den bie Wendungen; aber weithin tönt das Silberglödlern, welches
unfer vorſichtiger Kutfcher an die Deichſel hängte, und weithin hört
man das reihen und Quitſchen der Räder, wenn und ein Tatar
mit feiner ‚von Ochſen ober fleinen Saumpferden gezogenen Arba
(tatarifcher, hölzerner Karen) entgegen kommt, und en benach⸗
tichtigt, wartet man an den breiten Stellen der Straße, wo ein Aus—
weichen möglig. „Darum alfo, ſagt' ich bei mir felber, ſchmieren die
Tataren die Räder ihrer Arben nicht!" Ueber deren ohrenzerreißen-
des Quitſchen zur Rede geftellt, antworten fie: „Ich bin ein ehrlicher
a fein Dieb ober Näuber; man mag hören, welchen Weges
ich fahre.“ "
Nach kaum drei Stunden, in melden unfere Thiere 28 Werft
größtentheils ſtark anfteigend zurüdgelegt Hatten, jahen wir uns
plöglich, nach einer Iegten Wendung, auf einer wohl bei einer geo⸗
raphiichen Meile breiten Hochebene. Bon hieraus ru fih die
Kun ſtſtraße nur mehr als Saummeg, über den jenfeitigen Abhang ins
Innere der Halbinfel führend, fort. Nach einer weiteren Fahrt von
etwa drei Werft über bürre, beinahe ebene Steppe beftiegen wir an
der Nordweitjeite derfelben eine der höchſten darüber fich erhebenden
Kuppe, den Wachtelberg, von welchem der Bli den ganzen füblichen
Theil der Krim beherricht.
Nordweitlich erjhaut man Sewaftopol, weitlich den Kirchthurm
vom Kloſter St. Georg und nach drei Weltgegenden fieht man ſich
dom Meer umfchlungen; nur gegen Nordoft reiht ſich Berg an Berg,
Kuppe an Kuppe. Beittiger als die übrigen, von dieſen getrennt,
erhebt ſich in grauer Ferne ber Höchfte, nach Form und Lage von
mir für Tiehatyr-Dagh*) gehalten. . .
Zu dem kleinen, nur im Sommer von einem einfamen Tataren
bewohnten Holzhäuschen am Ende der Straße, dicht unter dem $
Schiſchko, zurüdgefehrt, nahmen wir unſer frugales Mittagsmal
Dieſe tatariſche Beneum bebeutet „Zeitberg“ nach feiner zeltähnli
Kom.) Er —— iſt — erheben Keim, über 5000 Fuß h
Er fieht außerhalb ber Hauptgebirgelette, unweit bem 40 Werft nördlich von Ja
an ber Küfte fiegenben Alufchta.
Reifebilder aus dem Südoften Europas. 617
Thee und etwas mitgebrachten Proviant, ben angebotenen Schiſchlik
oder Schaſchlik (im eigenen Fett am Spieß gebratenes Hammelfleiſch,
das Lieblingsgericht des tatarifchen Gaumens) verſchmähend, und
machten uns bald wieder auf den Weg, um die 4052 Fuß hohe
Spite Ai-Petri am füdlichen Abfall der von Felsblöden überjäeten
umd von unzähligen mauerartigen Steinwänden durchzogenen Hoch
ebene zu erreichen.
Etwas abjeit3 von dem zur Spige führenden Fußpfad giebt es
mehrere über 100 Fuß- tiefe vertifale Höhlen, deren im Winter ſich
anjammelnder Eisvorrath Jalta im Sommer verforgt. Tataren laſſen
fih) an Seilen hinab und fürdern das Eis mittels Haden umd
Striden zutage, welches fie dann bei nächtlicher Kühle auf ihren
kleinen mageren, aber der Bergpfade wohlgeübten Kleppern zur Stadt
Hinabbringen. ö .
Der nicht fteile Anstieg zum Horn felbft führt durch ein Gehölz
knorriger, verfrüppelter Eichen, uralt fait wie die Fetzecae zwiſchen
und auf welchen ſie emporwuchſen. Stämme und Aeſte ſind dicht
mit ſchwärzlichem Mooſe bedeckt, welches wie zerrüttete Fetzen von
Trauerflor an ihnen herabhängt, herbſtliche Windſtöße fahren ſauſend
durch ihre Zweige und fie laſſen knarrend und ächzend ihren legten
Blätterichmud herabfinfen.
geäbrend meine Gefährten noch eine furze Raſt hielten, eilte
ich, aus dem Gchölze heraustretend, die letzten paar hundert Schritte
zum Gipfel hinan. Heftiger noch — mich der Sturm, und
plötzlich ſcheint der Boden mir unter den Füßen zu ſchwinden —
ich ſehe nichts, als den Himmel über, das Meer unter mir in der
unermeßlichen Tiefe. Der Sturm umbrauſte, die Geier umkreiſten.
die Schauer der Einſamkeit durchbebten mid, in Mitte der große
artigen Natur-Gewalten.
Platt an den fteinigen Boden gefchmiegt, den Kopf über dem
raufigen Abgrund, blick ich um mic, Vorne und zur Linken der
Ari Inde Abjturz, fenkrechte, wohl gegen 2000 Fuß hohe Wände;
zur Linfen ragen aus tiefer Schlucht noch ein paar thurmhohe, wilde
zadige, gänzlich unzugänglice Zinken empor; vor mir aber, tief un-
ten am Su e der Bond, lagern fich dunkle Wälder und weiße Ort-
ſchaften — von diefer Höhe aus gefehen, alles verfchwindend klein
— und dann — das unendliche Meer.
Es wird behauptet, daß man von hier aus bei jehr reinem
Wetter mittels fehr guten Fernrohrs die im Süden gegenüber liegende
Küfte Kleinaſiens zu unterjcheiden vermag.
Lange lagerten wir dort oben, wie auf einem im unendlichen
Raume frei ſchwebenden Punkte, deſſen Ausblid, wenn man ihm auch
einförmig nennen fann, doc) am überwältigender Grofartigfeit von
wenigen übertroffen werden mag. .
Zur gute zurücgefehrt beftiegen wir fogleich den bereit ge-
haltenen Wagen, um nicht auf dem Berge noch von der Dunfelheit
überrafcht zu werden. Mit ſicherer Hand Ienkte unſer Kutſcher feine
Der Salon 1889. Heft VI. Band 1J. 42
618 Reifebilder aus dem Südoften Europas.
drei fehnichten Rößlein meijt in fcharfem Trabe die ganze Höhe Ginab,
nur bei den rafchen Wendungen etwas innehaltend, wobei fid) die
Thiere fo auf die Hinterbeine ftemmten, daß fie faſt zu ſitzen famen.
Solche Kunft: und Wageftüde führen die Tataren mit ihren wohl-
geübten Pferden täglich aus und doc) hört man faft niemald von
vorkommenden Unfällen.
Nebenbei tifchte und unfer verwegener Wagenlenker wohlgemuth
einen Heinen Abriß feiner Lebensgefchichte auf: Berjcpmähter, erfter
Jugendwerbung, von Militärdienft und nachheriger Wiedervergeltung
jener ihm angethanen Verſchmähung durch raſche, glüdliche Heirat
mit einem andern Mäbdchen, während das erſte noch der Freier harte.
€r fprady mit Stolz und Liebe von Bube und Mägbdelein, mit wel-
hen feine Ehe gejeguet. Dabei bligten feine feurigen, dunflen Augen
unter den fchön gejchwungenen Brauen, der Wind fchüttelte feine
pechſchwarze Lodenfülle und lachend wies er uns zwei Reihen blen-
dend weißer Zähne.
VIII.
Alupka
Alhambra der Krim! Du Verkörperung des ſchönſten Märchens
aus Taufend und Einer Nacht! Verwirklichung des Traumbildes
lühendſter morgenländifcher Phantafie! Wer, der Dich gefehen,
Önnte Deiner je vergeffen?
Gegen Norden vor jedem rauhen über die fahle Steppe daher
braufenden Sturm beſchützt durch den gewaltig ſich ausbreitenden und
zum Himmel tagenden Bergkoloß, dem — der fo hoch, daß "
er die Schauer feiner Abftürze dem Beſchauer unten nur ahnen läßt
— ſchmiegt fi) an den Abhang zu feinen Füßen bis hinab zum
Deeresiunde, einer der ausgedehnteiten, funftooll angelegten und ge-
hegten Parke der Welt. Und in Mitte diefes alle Pracht ſüdlicher
und nördlicher Vegetation in ſich vereinigenden Parkes, in weldem
düſtere Grotten und bemoofte Felſen, lieblich murmelnde Quellen
und fühle, ſchattige Haine, wie durch Zauberberührungen der Wun-
derlampe Alladins überrajchen — fteht das aus dem graugrünen
Granit ber Gegend, in edler Vermiſchung des gothijchen mit dem
maurifchen Stil aufgeführte Schloß.
Schon beim Einfahren durch das gewölbte Thor des Hofes
fühlt man fih in eine dem Alltagsleben fremde, romantifche Welt
verfegt. Links umschließt den geräumigen Schloßhof eine hohe
Mauer mit Zinnen und unzähligen Thürmchen. Aus einer Ni;
inmitten diefer Mauer fprudelt eine reichliche Quelle in ein zierlid
Beden. Am Ein- und Ausgang des Hofes führen ſchmale, jteine:
Wendeltreppen in den Park oberhalb des Schloſſes. Zur Ned.
aber ſteht hoch und ftill“ das herrliche Gebäude, deſſen flaches D
auch mit Thürinchen gefehmüct und deffen Hohe Fenſter, ebenjo !
die Mauer gegenüber, von Epheu jo dicht umranft und überwuch
Reifebilder aus dem Südoften Europas. 619
find, daß der Wind in diefer grünen Hülle, wie in den Wellen der
See, fpielt, und daß nur an den Binnen die zu dem romantischen
Bauftil und zum Rahmen der ganzen Umgebung fo harmonifch ftim-
mende Farbe des Geſteins durchbricht.
Der Beſuch der inneren Räume ift, wenn die Befiger*) ab-
wejend, dem ‘Fremden gejtattet. Einer der tatarifchen Diener erbietet
fich bereitwillig als Führer und öffnet Dir, gegenüber der fühl
tiefelnden Fontäne, das Hauptthor, auf deſſen Schwelle Dich das
in Mofaif ausgeführte Wort: „Salve“ freundlich empfängt. Du
wandelt durch Hohe, Iuftige Säle und traute che Gemächer;
überall hat auserlefener Geſchmack und edler Kunitfinn die Pracht
des Drient® mit europäijchem modernen Komfort zu einem allen
Sinnen ſchmeichelnden Ganzen zu vereinigen gewußt. Immer neue
immer thun ji Dir auf und auch Hier glaubft Du von einem
uber befangen zu fein, indem das von außen wenig umfangreich
icheinende Schloß fo viele Räume biete. Das Terrain erlaubt
nämlich) von feiner Seite einen voll beherrfchenden Ueberblick über
den ganzen Bau, welcher mit allen bamit zufammenhängenden
Gängen und Flügeln an hundert Gemächern enthält. Fürſt Woron-
zow hatte benjelben in verfchiedenen Zeiträumen der erften Hälfte
unferes Jahrhundert? nach, verfchiedenen Plänen englifcher und deut⸗
scher Architelkten ausführen laſſen und ſoll dafür das hübſche Sümmchen
von nahezu drei Millionen Rubel verausgabt haben.
Die dem Meere zugewandte Vorberjeite trägt reinen maurifchen
Charakter. Der weite, runde Bogen über dem Portal, durch welches
man in den von einem plätjchernden Springbrunnen ſtets erfrifchten
Speifefaal_ gelangt, iſt mit einer arabifchen Injchrift in goldenen
Lettern gejchmüct, und reiches, fein gemeißeltes Gitterwerf ziert ſo—
wohl den Eingangsbogen, als die hohen Balkone zu beiden Seiten
deſſelben, hinter denen die angeregte Einbildungsfraft dunfeläugige
Jren in ſchwarzer Mantille erſcheinen zu ſehen und den zarten
lang der Mandoline zu hören erwartet. R
Siehliche, augerlefene Blumenbeete prangen in allen Farben auf
den zum Meere ſich Hinabjenfenden Terrajjen, von welchen die drei
oberjten durch eine breite fteinerne Treppe miteinander verbunden
find. Auf den Abjägen diejer wahrhaft fürjtlichen Treppe mit brei-
ten niedern Stufen ruhen drei Löwenpaare in natürlicher Größe,
von Künftlerhand aus weißem Marmor gemeißelt.
Eine von Schlingrofen bededte, niedere Mauer trennt die oberen
ZTerraffen von den unteren Anlagen, in welchen ein ftolzer Säulen-
Pavillon den Booten zum Schuge dient und eine ziwilchen Felſen
verborgene Babehütte Dich zu köſtlicher Erquidung ladet.
*) Das 16 Werft von Yalta entfernt liegende Alupka war ehemals im Veft
ber Fürften Woronzom, if} jeroch vor einigen dahren durch Ausfterben biefer Familie
dem Grafen Schuwalow zugefallen.
4*
620 Reifebilder ans dem Südoften Europas.
Hier erffetterte ich mit vieler Mühe und nicht ganz gefahrlos
einen mächtigen Felſen, am welchem die weißichäumenden Wogen
empor ledten, und gab mich ungeftörter Bewunderung der mich um=
gebenden Herrlichkeit hin. Um mich breitete das tiefblaue Meer ſich
aus, leife nur brandend an den jchroffen Felſen unter und neben
mit, und vor mir lag, oberhalb der weißen Stufen und der bunten
Blumenteppiche der jchönfte Feenpalaſt, umduftet von Roſen und
Morten, Magnolien und Orangen, umraufcht von Dfiven- und Lor-
beerbäumen, von Pinien und Platanen. Schwarz faſt Heben die
ſchlanken Pyramiden der Eypreffen Fi ab von Meer und Himmel
und umrahmen wundervoll die zarte Farbe der Thürmchen und Spig-
Tuppeln des Schloffes, an deffen beider Seiten ber prächtige, bis
dicht unter das Steingeröll des Gebirges anfteigende Park ſich aus-
dehnt, durchſchlungen von labyrinthiſch fich Ereuzenden Wegen, die
bier zu einem überrafchenden Ausblid in die Ferne, dort zu einem
rings von grünen, überhangenden Zweigen umjchloffenen, glatten
Wafferfpiegel führen. Und hoch über der traumhaft fchönen Lands
Ichaft thront in erhabener Hoheit der alte Bergesrieje Ai-Petri.
Seine weißen Wände erglänzen in dem blendenden Strahlen der
üblichen Sonne und wundervoll zeichnen ſich die Umrifie, ſcharf
und zadig, gegen den azurblauen Hintergrund des Himmels,
R.
Said
Das kaiſerliche Livadia, einft der Lieblingsaufenthalt der Ge—
malin Alexanders II.; Maharadſch; das liebliche Nieder-Maſſandra
mit feinem Namensgefährten, dem ernſt-ſchönen Ober-Maffandra*),
ein Feines, in feinem Bau nie vollendetes Schlößchen, das inmitten
eines bie älteften Bäume ber Krim bergenden, ausgedehnten Urwaldes
liegt; Nikita mit feinem in gs Rußland berühmten Faijerlichen
Inſtitut zur Erlernung ber Botanif und Kunftgärtnerei, in einem
als botanifcher Garten höchft intereffanten Parke gelegen; der an
prächtigen Ausfichtspunften (deren einen ber größte ber ruſſiſchen
gesen, Puſchkin, mit einem Liede verherrlichte) reiche Park von
urfuff und das gleichnamige, 42 Werft von Jalta entfernt am
Bergeshang maleriſch hingelehnte Tatarendorf, vor welchem fich ein
ing Meer vorfpringender Felfen ſchroff erhebt, der die Reſte der von
Yuftinian erbauten Feitung Gurfovitov**) frönen: — welche Fülle
reizvoller Naturfhönheiten bieten dieſe Bilder dem entzückten Äuge
dar! Nicht zu vergeffen des aus tiefer Bergesfchlucht srilchen mädhti
gejpaltenen Klippen hervorbrechenden Baflerfa es Utſchan-⸗Sſu (mel
*) Maharadſch, Ober und Nieder - Maſſandra gehören, wie Aupfa, zu den
ehemaligen Befigungen bes verftorbenen Fürſten Woronzom.
**) Den Angaben bes aus ber Feder eines byzantiniſchen Schriftſtellers aus dem
VI. Jahrhundert flammenben Werke: „De aedificiis Justiniani“ zufolge.
Reifebilder aus dem Südoflen Europas, 621
her Name im Tatarijchen „Fliegendes Bajer“ bedeutet), der ſich in
mehreren Abjägen, über 300 Fuß hoch, oben in filbernem Schleier
über die Felſen ſich ausbreitend, unten ſchäumend und tofend in die
unergründlich fcheinende Tiefe jtürzt. Ein jchmaler Fußweg leitet
zu einem am höchften Abjag des Falles vorfpringenden kleinen eljen-
Plateau, von wo ſich ein unvergleichlich ſchöner Ausblid öffnet auf
Wald und Stadt und Meer.
Unvergeßlich bleibt mir bie Erinnerung des herrlichen Augen-
blids, da ich hier zum Tepten Mal gejtanden. Es war ein leicht
bewöltter, ftiller Herbftabend. Die Tämmerung brach über die enge
Waldesſchlucht herein. Wir rüjteten und zur Heimfehr. Da brach
im Oſten durch die grauen Wolfen eine dunkelrothe Gut, und langjam
erhob fich, Hinter halb durchſichtigen Schleiern, des Mondes volle,
ftrahlenlofe Scheibe über Meer und Nebel jcheinend. Wunderbar
erglänzten die ftäubenden Waſſer in jeinem jilbernen Lichte, aber
finfter, ſchwarz und ſchweigend umragten uns die hohen, alten Baum-
riefen. Höher jteigend ftrahlte der Dond Helfer, die Wolfengehänge
unter ſich lafjend; goldflutend erglänzte die See zur Rechten; düjtere
Nebelgeftalten wallten und wogten am Gebirge zur Linken durch-
und übereinander; vor uns lag Jalta, terrafjenförmig an der nord-
öftlichen Anhöhe hingelehnt, illuminirt mit hunderten von Lichterchen,
einem angesünbeten Weihnachtsbaume gleich, den leuchtenden Arm
um die Meeresbucht ſchlingend — —
Bevor ic) zum Schluſſe eile, ſei es mir noch geitattet, einige
Worte über die —— unſeres gewöhnlichen tatariſchen Füh—
rers Said beizufügen, jenes nicht unintereffante Produkt helero—
gener Faktoren: einer reg- und ftrebjamen Naturanlage, orientaliſcher
Erziehung und bejtändigen, doch oberflächlichen Verkehrs mit der
überfeinerten Kulturwelt de3 Dccidents, deren Träger je nach Laune
fich feiner bald als eines vergnüglichen Spielzeuges bedienten, bald
wieder, im Bewußtjein ihrer auf Rang und Rajje begründeten höheren
Menschenwürde, ihn verächtlich von ih ftießen.
uf unjerem Ausfluge nad) Gurſuff war es, da ich zum erſten
Mal Gelegenheit hatte, in den eigenthümlichen Charakter Saids einen
Blick zu werfen.
Die heißen erften Wochen hatten wir verftreichen laffen, ohne
auszureiten. Eines etwas friſcheren, ſchönen Morgens nun beichlofjen
wir mit einigen Freunden den Ausflug nad) dem ob feiner land—
ſchaftlichen Reize und gerühmten Gurfuff, und da uns die doppelte
Strede von 16 Werft, als erſter Ritt nad) langer Paufe, zu ftarf
dünfte, fam ich mit Raiffa Pawlowna überein, nur ein Pferd zu
miethen und es abwechjelnd zu reiten. Schon ein paar Tage vorher
endeten wir uns wegen Reitpferde an Said, welcher bei unjerm
erſten Aufenthalt in Jalta, obwohl faum dem Knabenalter entwachjen,
uns ftet3 als zuverläßlicher und intelligenter Begleiter gedient und
und nach unferer Wiederfunft mit unverhehlter Freude erfannt und
begrüßt hatte. Die bereitwilligft gebotenen waren uns als die ſchönſten
622 Heifebilder aus dem Südoften Europas.
Bei nt aller en Saltas Betannt, ” uns jedod die
reife zu Hoch gegriffen fchienen, lehnten wir fie ab.
Heute mn eitte id) auf die Straße und beſtellte bei dem erſten
beiten Pferdeverleiher um einen mir billig dünfenden Preis Wagen
und Reitpferd nebſt Begleiter. Wie war id) erftaunt, als ich, im
Neitkoftüm die breiten Steinftufen der Terraſſe des Höteld hinab-
fteigend, Said mit feiner „Örille“, einem zwar nicht jehr Fräftigen,
aber fchlant und zierlich gebauten und vorzüglich zugerittenen Brau⸗
nen, unfer harren fand. Er mußte e3 bei feinen Kameraden durch-
geſetzt haben, daß fie weld immer von uns ausgehende Beftellung
um jeden Preis annahmen und ihm überließen.
Schweigend begrüßte er uns und hob mich in den Sattel,
ſchweigend ritt er um eine halbe Pferdelänge Hinter mir zum Stäbt-
hen hinaus, bis id, felbft die Frage an ihn richtete, ob Selimet, bei
welchem ich die Beſiellung gemacht, mit ihm in Compagnie ftehe?
Mit halb fcheuem, halb verlegenem Lächeln antwortete Said zögernd:
„Er ift — mein Freund; — ich wollte die Ehre, das Glüd, meine
einftigen Gönner zu führen, feinem andern zugeftehen.“ Und mit
ſchlecht verhehlter Unruhe fügte er Hinzu: „Sind Sie mit meiner Grille
nicht zufrieden?" — „O, gewiß!“ it dieſer DVerficherung klopfte
ich dem edlen Thiere liebloſend auf den ftol; gebogenen Naden. Dies
{dien Sad Muth zur erfehnten Annäherung u geben. Nicht mehr
in dem bisher ftramm ehrerbietigen Tone des Untergebenen, fondern
in dem fchmeihelnd Vergebung bittenden bes Kindes lang feine
Trage: „Sie zürnten mir, nbarpnja (bebeutet im ruffifchen, in,
meine Gnädige). Ich verneinte Dies zwar, erklärte ihm aber, daf er
feine Dienfte zu hoch gejchägt habe, worauf fich feine ſchönen Brauen
finfter zufammenzogen und er in fein früheres Schweigen verfiel.
In jenem Augenblide achtete ich jeboch weder feiner noch meiner
Worte; denn erft fpäter wurde mir unfer Unrecht gegen ihn und
fein daraus entfpringender Unmuth klar.
As Falle Pawlowna nad äurüdgelegter Hälfte bes Weges
die Grille beitiegen, hatte fie diefelbe, deren euer ich, dem lang
—e— Vergnügen des Reitens mich hingebend, nicht eben ſehr
jemäßigt, von Schweiß triefend und ermübet gefunden. Stets große
iebhaberin der Pferde, war ihr hierüber eine bedauernde Bemerkung
entfchlüpft, welche aber von Sard als ein Tadel feines zu leicht er=
ſchöpften Thieres verftanden wurde und feine Kränkung noch ver-
mehrte. Zwar erlaubte er fich fein Wort der Erwiderung, aber als
Raiffa, wie fonft, den Faden eines Geſpräches anzufnüpfen verfuchte
blieben feine Antworten wohl ehrerbietig, aber einfilbig.
Der ſchöne und fröhlich verbrachte Tag neigte ſich feinem Ende
zu und ic) beftieg mit unfern Freunden den Wagen, um Gurſuff —
von wo wir zum Strande abgejtiegen waren und uns zu den etwe
drei Werft vom Ufer entfernten, in ek loe" Binfen und Zader
auftagenden und an mächtigen Tropfiteinhöhlen reichen Felfeninjeh
hatten rubern laffen — wieder zu verlajfen. Raiffa wollte nun das
Reifebilder ans dem Südoften Europas. 623
geftärkte, blank geriebene und geftriegelte Pferd zuerjt reiten. Said
half ihr in den Sattel und legte ihr Steigbügel und Kleid zurecht,
ala fein eigenes Pferd, defjen Zügel {oje an feinem Arm hing, durch
eine harmloje Bewegung feiner Hinterbeine in höchſt ominöße Nähe
eines mit Aepfeln gefüllten Korbes fam und, feinen Schweif zur
Seite hebend, diefelben mit der unwillkommenen Vermehrung durch
Früchte ganz anderer Qualität bedrohte. Wir machten den unglüd-
lichen Bejiger der Aepfel durch Zeichen und Zurufe auf diefe nur
von ung im Wagen Sigenden bemerkte Gefahr aufmerkfam, vermochten
aber nicht, dem Reiz auf unjere leicht in Bewegung gejegten Lach—
musfeln zu widerjtehen und braden in ein homeriſches Gelächter
aus. Mit affenartiger Geſchwindigkeit hatte der tatariſche Obitver-
fäufer feinen Yepfellorb vor dem über demjelben jchwebenden Unheil
gerettet; jedoch, ohne Zweifel bereits vorher darüber aufgebracht, daB .
wir feinen Felsen feine filberflingende Aufmerkſamkeit bewiefen,
überfiel er den unfchuldigen Sard, dem von der Urſache unjerer
Heiterkeit, fowie des Zorns des Aepfelbefigers nicht die geringfte
Ahnung dämmerte, mit den heftigften von wilden Tone und leiden—
ſchaftlichem Geberdenfpiel begleiteten Vorwürfen in den harten Gurgels
tönen feiner Mutterjprache.
Erft fpäter wußte ich, daß Said von vielen feiner Landsleute
wegen der Gunſt, mit welcher ruſſiſche Badegäſte ihn auszeichneten,
wie auch wegen jeiner Mißachtung manchen foranfchen Geſetzes ges
ſcheut und angeleinbet, der Abtrünnigfeit und Untreue und des
Gemeine Sad: 'achens mit den chriftfichen Unterdrüdern angeffagt
wurbe.
Die wilden Worte des Obitverfäufers enthielten derartige Vor—
würfe. Andererjeitd argwöhnte Said vielleicht, jelbit der Gegenftand
unferer SHeiterfeit zu fein; jedenfalls erregte dieſe fein bereits tief
verlegtes Gemüt noch mehr und all’ die wirkliche und vermeintliche
Ungerechtigleit übermannten feine Selbſtbeherrſchung. Heftige Wechfel-
reben folgten und jchon jah ich die mit dem maffiven, filbernen Grij
der Reitpeitjche bewaffnete Fauft Saids fich erheben — aber au
die zarte, behandſchuhte Hand Raiſſa Pawlownas fich jachte auf jeine
linfe Schulter legen. (Er hielt mit derfelden Hand noch den Bügel
der Grille). ot
Wie durd) einen Zauberbann ftand er einen Augenblick regungs⸗
los, während fie in fanftem, doch willenafeftem Tone ſprach: „Said,
reiten wir" — Ein väthjelhafter Big ſchoß unter dem dunklen
Gewölf feiner Brauen hervor auf meine junge Freundin, und laut
103 ſchwang fi Said mit langgewohnter Leichtigkeit und Anmuth
auf jein Werd.
Schon jenften fich die Schatten der Dämmerung über die Berge
herab, al3 id) an dem aus fteinernem Löwenkopfe jprudelnden Brun-
nen auf halbem Zunge zwiſchen Gurfuff und Jalta, wo unfere Pferde
geträntt und die Reiter erwartet wurden, mit Raiffa Pawlowna
abermals den Play tauchte.
624 Meifebilder aus dem Südoften Europas.
Den hoben jteilen Berg herab, welchen die Straße überjchreitet,
mußten wir im Schritte reiten, und der Wagen gewann einen Les
deutenden Vorfprung. Es fuhren mir jo mauche hämiſche Bemer-
kungen durch den Kopf, die man fich über einzelne, von jungen Tataren
begleitete Reiterinnen ins Ohr zilcdelte, und um Salta mit meiner
Geſellſchaft zugleid zu erreichen, trieb id) meine Grille an. „Im
Schritt, Sudarynja! Der Weg ift fteil und dunfel, die Grille müde
geritten; fie könnte ftürzen“, — rief mir Said zu und begann, mix
zu erfliren, wie er nicht gewußt, daß zivei Amazonen fein Pferd
zeiten würden, in welchem Falle er jein räftigftes gewählt hätte,
ftatt dieſem, welches er uns: vorgeführt, weil es fein beſtgeſchultes
und ficherfteg. Aergerlich aufgeregt über den erfahrenen Widerftand
und meine unangenehme Situation und unterrichtet von der Schlau—
heit und Gewinnfucht der Einwohner im allgemeinen, muthete ich
diefen Aeußerungen eine jchiefe Abficht zu und unterbrach Said un-
geduldig: „But, gut! wir vergaßen dies zu erwähnen. Ihr wünjcht,
dab wir dem übereingefommenen Preife einige Rubel zulegen, und
ohne viele Worte zu machen, fagt nur gleich, wie viel?" — Kaum
war dieſe unüberlegte Rede über meine Lippen, fo bereute
ich fie.
Im Nu ritt Said fo dicht an mich heran, daß fein Knie den
Hals meiner Grille ftreifte- Seine mich durchbohrenden Augen
ſprühten Entrüftung und Stolz; die gewöhnlich von findlich heiterm
Uebermuthe unfpielten Lippen zudten, und fein fräftiger, gegen mic)
zurüdgebeugter Körper jchien zu beben. Einige Minuten lang ſtarrte
er mich lautlos an. Endlich He er mit tonlofer Stimme, langjam
und mehrmals abjegend, hervor: „Sie irren ſich, Sudarynja! Ich
handle nicht aus fchnöder Gewinnfucht, wie vielleicht mancher meiner
Gefährten. — Ehrgefühl und Selbftbewußtfein lebt in meiner Bruſt.
— Ich habe alles aufgeboten, die, welche ich als meine alten Freunde
betrachtete, zufrieden zu ftellen. — Es ift mir nicht gelungen. Raijja
Yamlorna hat mein Pferd getadelt! Was liegt mir an allem
übrigen!“
Ich muß geftehen, daß mich geheimes Grauen erfüllte, mich mit
dem erzürnten Sohne eines halbwilden Volkes mitten in Nacht und
Wald allein zu fehen. Indeß mehr noch als Furcht trieben mich
Scham über meine niedrige Vorausjegung und Bedauern, wehegethan
zu haben, ihn mit allen Mitteln meiner Beredſamkeit zu beſchwich-
tigen. Vielleicht Hatte auch er in meinen Zügen das Staunen ge-
leſen, welches "%r mir einflößte und mochte jontit feinen Zweifel in
meine Worte fegten, da ich unſer gegenfeitiges Mißverſtaͤnduiß ber
dauerte und ihn verficherte, daß wir feine Pferde als die vorzüglich—
ften ſchätzten und daß meine Freundin nur ihr Mitleid mit dem von
mir zu ſcharf gerittenen Thiere äußern wollte.
In der Folge, als wir über die in den Ichten Jahren bedeutend
geitiegenen Tagespreife unterrichtet wurden, ftellte ſich heraus, daß
aids erfte, ums zu hoch gedünften Forderungen ſehr mäßig geweſen
Reifebilder aus dem Südoften Europas. 625
Wir wagten e3 nicht, ihm eine Entſchädigung anzubieten, aber da e3
an uns war, begangenes Unrecht gut zu machen, jo betrauten wir
ferner nur ihn mit unjern Aufträgen und gab es feine Diskuſſion
mehr des Preijes wegen. b B
Auf allen unferen Ausflügen wußte unfer waderer Führer die
Dienftfertigkeit eines geſchulten Dieners mit der zarten Aufmerffam-
feit eines Galantuomo zu verbinden, welde treue, feine Mühe
ſcheuende Ergebenheit wir mit freundlichen Danfesworten und einer
vertraulichen Unterhaltung zu belohnen fuchten, die ihn zu beglüden
ſchien und uns den Reiz der Plaudereien eines begabten, aber nur
bruchſtückweiſe unterrichteten Kindes bot. Ueberrafchte er uns oft
mals mit feinen treffenden Bemerkungen, jo mußten wir doc) ebenſo
oft über die Naivetät feiner Fragen lächeln.
Er wußte uns viel interefjantes über Sitte und Lebensweije
feines Volkes, über die Eigenthümlichkeiten der Umgebung, deren
Schönheiten und Vorzüge er fannte und fchägte, mitzutheilen. Er
ſchwärmte über die Theater in Moskau und Petersburg und nod)
mehr über den Circus. Suhr ımd Salamousky. Und als Raiſſä
Euplowng im Laufe des Gefpräches den Wunſch äußerte, bei Frau
alamonsty — welche befanntlic) eine Reitſchule Hält — Unterricht
zu nehmen, jauchzte Card freudig auf: „O, dann werden Sie -Ihre
Kunft im Circus zeigen! Nicht wahr?“
Aus der Art und Weije, wie er ung jo manche Epifode jeines
Lebens erzählte, Teuchtete die in allen Bekennern des Islams wur—
zelnde Verehrung des Mächtigen, des Herrichenden, welche das unter-
worfene Wolf der Tataren in jedem Ruſſen ſehen muß.
Von uns gelegentlich befragt, wiejo einer der Wagenverleiher
— aus früherer Zeit uns als trefflicher Reiter befannt — hinfend
geworben, erzählte er, wie berfelbe nach einer Auktion in Alupka
von Rofien, Wagen und Pferdegejchirr_des Fürften Woronzov, auf
dem Heinnvege die eben erftandene, von Tataren nie gebrauchte, lange
Geißel ſchwingend, ausrief: „Seht bin ich felbft der Fürft" —
„Diefe frevelhafte Rede“, fügte Said mit Beiliger Scheu Hinzu, „hörte
Gott: die Pferde wurden fcheu, warfen den Wagen um und er zer—
ſchmetterte feinen Fuß.“
Aber gerade dieſe Hochachtung für den Höhergeftellten, welche
in feinen Augen auch dejfen Lafter verflärte, verbunden mit jugend-
lichem Leihtfinn, führte Said dahin, den Vorfchriften jeiner Religion,
feines Volkes zuwider, gi von ruffiichen Adeligen und Reichen zu
deren Zechgelagen und Startenfpielen verleiten zu lafjen.
Eines Tages erwähnte ic, nicht ohne Abficht, mit ehrfurchtes
voller Anerkennung der Geſetze des Korans. — „Ach was, Geſetz“,
war feine lachende Antwort -— „beobachten doc) nicht einmal Chriften
ihre eigenen!" — Ich konnte ihm nicht widerfprechen.
Welch ſchwerem Konflikte fein Gemüt preisgegeben war durch
den Antagonismus feiner ihm durch Stand und Nation zugewieſenen
Stellung in fteter Verührung mit einer fozialen Sphäre, der er
1
626 Reifebilder aus dem Südoften Europas.
nicht zugehört, und feines reizbaren Ehrgefühls und feidenfchaftlichen
Temperamentes, hiervon giebt folgendes Beijpiel Zeugniß:
Eines Tages fuhren und ritten wir in größerer Gefellfchaft,
unter welcher Ni eine Baronin B... und ihr Coufin, Dragoner-
Lieutenant Dmitri Betrowitih T... befanden, dem Ai-Nifolo zu.
Durd Herrliche Waldungen führt der Weg hoch über Drianda auf
diefe Vergfuppe, welche weiten Ausblid bis an die ferne, im Nebel
verſchwimmende Küfte von Sudaf im Norden der Halbinjel gewährt.
Die volle, nicht mehr ganz jugendliche Geftalt in das füra-
ähnliche, die fehwellenden Formen zur Schau ftellende Leibchen ihres
eleganten Spigenfleides gezwängt, lehnte Baronin B. neben mir im
Wagen, bald, bei ſcharfen Veudungen der Straße, einen gefünjtelten
Schreckensſchrei ansftoßend, bald dem Kutſcher fein zu langfames
ahren verweifend und ihm befehlend, die ſchweißtriefenden, den ſteilen
erg hinauffeuchenden Pferde noch mehr anzutreiben. Dazwifchen
unterhielt fie ſich nedifcd, mit Dmitrii Petrowitſch, welcher reitend
unfern Wagen, wie eine Bremfe die Pferde, umſchwärmte und feiner
Schönen Couſine galante Schmeicheleien und feurige Blide zumarf.
Einige hundert Schritte unter dem Gipfel müffen die Wagen
urüdbleiben, da derfelbe nur zu Fuß ober a Bferde erreicht wer⸗
n kann. Einer plöplichen Laune nachgebend, lehnte die Baronin
den dargebotenen Arın des vom Pferde gefprungenen Lieutenants
ab und erffärte, mit den übrigen Fußgängern allein gehen zu wollen;
worauf Dmitrii trogig fein Mer wieder beftieg und mit den andern
Neitern und Reiterinnen vorausritt. Kaum aber hatte die Baronin
einen Eleinen Theil de3 unbefchwerlichen Saummeges zurüdgelegt, als
fie erflärte, erjhöpft zu fein und Said befahl, fein mit Plaids und
einigen Erfriſchungen beladenes Thier dem zweiten Führer zu über-
laſſen und ihr Hilfe zu leiften. Gehorfam unterzog fih Said auch
dieſem Theil feiner Führerpflicht und die Baronin legte, ſich Enapp
an feine Schulter herandrängend, ihren weichen, vollen Arm tief in
ben feinen, fo ihm zwingend, einen nicht unbedeutenden Gewichtstheil
ihres üppigen Körpers die noch übrige Strede hinaufzufchleppen. Auf
dem furzen Wege blieb fie, wie um Kräfte zu fammeln, wiederholt
ftehen und verfuchte durch verjchiedentliche Fragejtellungen mit Said
ein Geſpräch anzufnüpfen.
Ihr —— ührer ließ fie mit paſſiver Gleichgiltigkeit ger
währen. Sein Seitenblid fiel auf fie aus feinen fonft jo er en,
“ jegt wie fchläfrig halb geichloffenen Augen; fein Wort, das fein
gehrerbienft nicht dringend erheifchte, drang aus feinen regungslofen
ippen.
Seiner ihr fo wenig Verſtändniß entgegenbringenben Blödigk
müde, ſtellte fie nachgerabe die erfolgloſen Angriffe ihrer Zunge €
aber feinen Arm hielt fie feft, bis ſie, auf dem fleinen Plateau i
Ai-Nikolo angefommen, fi an den Wuth und Verachtung paareni
Bliden weiden fonnte, mit welcher ihr Couſin Sad maß. Da
ließ fie ſich nachläſſig auf einem über weichen Nafen gebreite
Reifebilder aus dem Südoften Europas. 627
Plaid nieder und rief Pmitrii Petrowitſch mit fehmeichlerifch ver—
jöhnender Miene an ihte Seite. Ich achtete jedoch ihrer Unterhal
tung mit dem Lieutenant nicht weiter, da ich mid) mit Raijja und
den andern Geſchmacksgenoſſen damit vergnügte, die von diefem Punkte
prachtvolle Ausficht zu bewundern.
Schon bereiteten wir uns wieder zur Heimkehr, ala Said, mit dem
‚weiten Führer damit beichäftigt, die Ehgeräthe und fonjtigen Gepädss
Ye zu jammeln und ihren erden aufzuladen, in die Nähe dieſes
Paares fam und Dmitrii Petrowitich, über bie Achſel nach ihm ſchie—
lend, feine bisher Teije geführte Konverfation mit erhobener Stimme
fortfegte: „Diefem Hund von einem Tataren, der ſich unterfangen
tte, Die Frau meines Freundes unanftändig anzuſtarren, gab legterer
jeine Reitpeitfche in fein freches Geficht zu tollen. — He, Sad!“
wandte er fi nun piötzlich an diejen, „was würdeſt Du wohl thun,
wenn man Dich fo traftirte?“
In diefem Augenblide fprang Raijfa, welde wenige Schritte
von Said entfernt am Abhange jaß, ha ng empor und riß den Shawl,
auf welchem fie geruht, in die Höhe. Bleich bis in die zufammen-
geüiffenen Lippen trat unjer‘ junger Führer, dem Lieutenant den
üden wendend, auf fie zu, neigte ſich gegen fie, um KH den Shawl
abzunehmen und, ihrem voll Entrüftung und Mitgefühl auf ihm
ruhenden Blick begegnend, zeigte er ihr als Antwort auf jeme
empörende Frage mit raſchem Griffe — einen in feinem Gürtel vers
borgenen Dolch. Wer den dieſe Bewegung begleitenden, wilden
Bornesblig feines Auges fah, konnte, aller mujelmanjchen Schidjale-
ergebung zum Trog, an ber allfälligen Ausführung feines blutigen
Gedankens nicht zweifeln. .
x.
Abfdied.
In den eriten Tagen des November trat jelbft in unjerer
ſchönen Krim kühles, wechſelwendiſches Wetter ein. Windſtöße fuhren
aus ber Schlucht von Derekoje hervor und trieben häufige Regen-
ſchauer von den Bergen bis an die Küjte herunter. Die Abkühlung
der Luft ließ es uns räthlich erjcheinen, die Seebüder aufzugeben,
wenngleich jo mande fie bis Mitte des Monats fortfegten, da das
Waſſer noch immer 14°—15° R. behielt.
Jaltas Straßen lagen bereits ftill und einfam. Die vornehme,
⸗legante Welt Hat einigen wenigen, meiſt den mittleren Klaſſen an—
ehörigen und ernfter leidenden Patienten, welche fommen, die jo
auhen Wintermonate des übrigen Rußlands unter milden Himmel
u verbringen, Play gemad)t.
Die Armenier padten ihre koſtſpieligen Waaren zufammen,
chloſſen einer nad) dem andern ihre Kaufläden und zogen dei andern
>rgpögeln, bejonders den beliebten Goldfinken nad, in die Zentren
3 Reiches. Hier und da nur paffirte noch ein Reiter die Straße;
. an
628 Reifebilder as dem Südoften Europas.
die abgehegten Rößlein fonnten num von den großen Strapazen der
legten Donate in den Ställen ausruhen, ımd die wenigen Pferde-
inhaber, welche ſich blicken ließen, ſaßen ober jchlenderten am Quai
umber.
Auch unferes Bleibens war nicht länger in diejem freundfichen
Seeſtädtchen. Für den legten Tag unferer Anwejenheit hatten wir
unfere Pferde für einen Tagesritt nad) dem höchſten Kumm des
Saila bejtellt. Aber der Morgen brachte Regen bi? gegen Mittag,
und als es fich aufhellte, hatte dev Rüden des Gebirges ein blendend
weißes Silbergewand angelegt, funfelnd und gligernd im Sonnen:
ſtrahl wie Millionen Diamanten.
Da erſchien Sard und ſchlug uns ftatt des unthunlich gemwor-
denen Ausfluges zu Pferde eine Spazierfahrt vor. Sp fuhren wir
über Livadia und Drianda an den Bergen hin, nod) einmal den
herrlichen Eindrud der von der durch Wolfen brechenden Sonne be-
leuchteien veizenden Bilder in uns aufnehmend, um uns im üden
Winter des frojtigen Nordens ihrer Erinnerung zu freuen.
Bei der Rückkehr fanden wir Said unfer harrend, um Abjchied
zu nehmen. Für die legte ge jede Bezahlung ablehnend, bat er
dies gleich einer bei feinem Wolfe Denen gegenüber übliche Chren-
bewirtjung anzunehmen. Wir äußerten ihm dankend unfere Zufrie-
denheit mit feinen geleifteten Dienſten. Da legte er die Hand auf
die Bruft und neigte den Kopf indem er betheuerte: „Diejes Wort
gilt mir mehr al3 alle Schäge der Welt!“
In ähnlich feuriger Redeweiſe drückte er feine Freude über den
lücklichen Verlauf all unferer Erkurfionen aus und die Hoffnung,
Kaffe Pawlowna, da fie einmal erwähnt hatte, Petersburg beſuchen
gu wollen, im Winter dort zu treffen. Endlich that er die Bitte,
is zu unferm MWiederfommen feiner nicht zu vergeffen, was wir,
ihm freundlich die Hand ſchüttelnd, gern verjpradhen.
Dies alles hatte er im feiner findlich treuherzigen, harmlojen
Weiſe, der jedes Sich-Mebernepmen, jedes Zunahetreten jene lag,
Bosgebracht, Kaum jedoch ſchloß fich die Thür Hinter unjerm armen
Sard, dem das Herz ſchwer genug fein mochte, ald Ratija, fich lachend
in ihren Armftuhl zurücklehnend, mit bitterer Ironie mir das Bild
ausmalte, wie fie, allenfalls im Foyer des Opernhaujes, in ausgewähl⸗
tefter veicher Toilette am Arm ihres Bruders, des Oberlandesgerichts-
präfidenten von 8 ..., begleitet von deſſen Freund, Sr. Excellen;
dem Staatsrathe W. . ., plögli von diejem tatarifchen Rofjever-
miether als alte gute Bekannte vertraulich begrüßt werde. Doch mie
Mc Zechen auch ihre Schilderung begleitete — es Hang nicht h |
und froh.
Ic aber lehnte mic, über die Zenfterbrüftung, in die ti :
Abenddämmerung hinausblidend, durch welche das regelmäßige Bre
jen der Brandung vom Meere herauftönte, und das Lied vom A: .
und der wunderichönen Königstochter" wollte mir nicht aus dr
inn .. ..
Reifebilder aus: dem Südoften Europas. 629
Des andern Tages mit dem Frühlicht gewedt, hatten wir, wie
es jede Abreije mit jich bringt, noch mandjerlei zu bejorgen und ein-
gupaden und vollauf zu thun, um. den und nad) der Dampfichiffs
gentur führenden Wagen um fieben Uhr zu befteigen. Satds, den
wir nicht mehr zu jehen dachten, ward mit feinem Worte erwähnt.
Der November-Dlorgen war bewölft und düfter angebrochen,
aber, zum Glück für unjere bevorftehende Seefahrt, ruhig und ſtill.
Als wir den zum Landungs- Pavillon führenden Steg betraten, da
ſtand ftill und iraurig, Said auf demjelben. Nach artigem Gruße
.bahnte er uns einen Weg durch das Gedränge der Padträger und
Matrofen und harrte ehrerbietig unferer Anrede.
Nach ein paar flüchtigen legten Abjchiedsworten beftiegen wir
das Kleine, ſchwanke Boot, das uns über die fanft jchaufelnden Wel-
Ien den Dampfichiffe zu trug.
Mit gekreuzten Armen auf der Bruftwehr des Pavillons Iehnend,
die runde Müge, deren ſchwarze Wolle ſich mit feinem ſchwarzen
Lockenhaar vermengte, tief über die düjter bligenden Augen gedrüdt,
Stand Said ſtumm und unverwandt uns nachblidend.
Und jo jah id) ihn, umrahmt von dem unvergleichlich ſchönen
Panorama, gleich einer Statue noch vegungslos ftehen, bis ich feine
Ichlanfe Gejtalt — den dunkeln Punkt im hellen Bilde — der zu»
nehmenden Entfernung wegen felbjt durch mein Fernglas nicht mehr
zu unterfcheiden vermochte.
u |
Gin Genofe und Maler der Genies.
Bon Dr. Adolph Kohut.
einfamer, unbefaunter, verfaffener Mann war es, den fie
or 20 Jahren zur legten Ruheſtätte in Altona begleiteten.
ir ftarb wie ein armer Poet aus der „alten, guten Zeit“,
.hne daß fich ein größerer Kreis der Leidtragenden um fein
Begräbniß befümmert hätte, nur einige gefühlvolle Leute aus ber
ärmften Volksklaſſe weihten ihm eine ftille Bähre des Mitleids und
-beteten für die arme Seele des unglüdlichen, tauben Malers und
Dichter? I. P. Lyfer!
Und doch gab es eine Zeit in den dreißiger und vierziger Jahren
unfere® Jahrhunderts, ala der Name I. P. Lyfer oft und ehrenvoll
genannt wurde! Gehörte er ja eint zu den Davidsbündlern, die
mit Robert Schumann, Carl Band, Louis Schunfe und andere ein
Tuftiges Leben in Pleige-Athen führten und die Aufmerkfamfeit aller
Gebildeten auf ſich Ienkten! War er ja einft einer der intimften
Sreunde Heinrich Heines, Ludwig Börnes, Egg Zaubes und ©“
ugfows! Genoß er ja einſt als Porträtiit und Karikaturenzeic
einen über die Grenzen Deutichlands hinausgehenden Ruf! H
doch einft feine, von ihm mit köſtlichen Illuſtrationen verfehe
Märchen hunderttaufende von Kinderherzen höher fchlagen lajjen
ihn beliebt gemacht im Palaft wie in der Hütte!
Vergeſſen und verſchollen — ruht er in holfteinijcher Erde,
ner Heimath. Niemand kennt fein Grab! Seine Freundesh—
haben einen, wenn aud) nur befeheidenen, Kranz auf feine Gruft
legt, obſchon fein ganzes Leben feinen Freunden gewidmet war unt
war er in Wort, Schrift und Stift den iegften Apoftel eines j
Senius abgab. Für den Ruhm des Sohnes Mozarts, Heinrich Hei
Robert Schumanns, Nicolo Paganinis, Emil Devrients, Franz Li
Jenny Linds und anderer Ritter vom Genieland war er unent!
2.
Ein Genoffe und Kaler der Genies. 631
thätig, — aber ach! er gehörte zu den beffagenswerthen Menſchen,
die, gleich dem Schillerfchen Poeten, bei. der Theilung der Welt zu
kurz famen. Er hatte neben jeinen vielfeitigen und glänzenden
Gaben nur die eine nicht — den Sinn für das Praktiſche und Ge-
ſchäftliche; hierzu gefellten ſich noch ſchwere Schickſalsſchläge, häus-
liche Miferen — eine unglüdliche Ehe mit einer befannten Dichterin
und einft gefeierten Improvifatorin — und Jahrzehnte lange völlige
Taubheit. — Alles verließ ihn, nur ein guter Freund blieb ihm big
zu feinem letzten Athemzuge treu: der Humor, jener goldene Humor,
der unter Thränen Tächelt.
3. P. Lyſer Hat es aber wohl ‘verdient, daß er der Vergeffen-
Heit entriffen werde. Er war eine fo interejiante Perfönlichleit und
hat fo zahlreiche leuchtende Spuren jeiner Thätigfeit hienieden hinter»
laſſen, daß ein Porträt des Mannes gewiß die weiteften Kreiſe in-
tereffiren dürfte. Wenn auch die Heine- und Schumann-Biographen
auf ihn Hingewiefen und erjt neuerdings Frimmel in feinen „Bee—
thoveniana“ mit Recht betont hat, daß die Zeichnung des größten
Tonheros aller Zeiten, Ludwig van Beethovens, ſeitens Lyſers bie
befte und treuefte ift, melde wir befigen, fo genügt eine Derartige
flüchtige Andeutung nicht. Ich bin nun in ber glücklichen Lage, über
daS Leben und Wirken, namentlich aber über die Beziehungen Lyſers
zu unferen Geifteöheroen, ein guueztäffiges Bild entwerfen zu fünnen.
3. P. Lyſer wurde am 3. Oftober 1803 zu Flensburg geboren.
Er Hatte urfprünglich Muſik und alte Sprachen |tudirt und ift ala
blutjunger Menſch in vielen Konzerten als Pianiſt erfolgreich auf-
jetreten, boch wurde feine geiftige. Entwidelung vielfach dadurch ge-
Femme, daß er in feinem 16. Jahre ſchwerhörig wurde. Als Zeichner,
namentlich al Karikaturenzeichner, und muſikaliſcher Schriftfteller er⸗
regte er bald jo großes Aufjehen, daß der Buchhändler Julius
Campe, der bekannte Verleger Heinrich Heines und Ludwig Börnes,
ihn nach Hamburg 3% wo er für jenen literarifch thätig war.
Wir willen aus den Mittheilungen Strodtmanns, daß zwiſchen
Heinrich Heine und Lyſer fi bald eine intime Freundichaft ent»
widelte. ‘Dem ungezogenen Liebling der Grazien gefielen die farfa-
ftijchen Bemerkungen und ber fchlagende Wig, namentlich aber die
draftifchen und drolligen Karifaturenzeichnungen des ſchönen, jungen
Mannes, deſſen Zeichenftift mit unglaublicher Schnelligkeit und Ge-
ihieflichfeit über das Papier fuhr. Lyſer war eigentlich der Water der
chnellmalerei, ein Vorläufer Wilhelm Buſchs und all der Humoriften
des GStifts, die fpäter diefen Zweig der Zeichenkunft zu jo hoher
Blüte gebracht haben. Weberdies verfügte Tyſer über ein fehr chnei-
diges Urtheil und erkannte den Genius Heines bereits zu einer Zeit,
ils dieſer noch ſchwer um Unerfennung ringen mußte,
In den Fahren von 1828 bis 1830 war der Verkehr zwiſchen
ben beiden wahlverwandten Geiftern ein beſonders reger und herz=
licher. Faft jeden Tag befuchte Heine in der engen Mattentwiete
feinen Freund und verbrachte überdies bei ihm h mande Nacht.
632 Ein Genoffe und Maler
Diefer mußte ihm dann ftarfen Thee
Milch noch Rum, wohl aber viel Zude
ausgeftredit, über deſſen Härte Harry He
er zahlreiche Lieder, die er Lyſer leſen
felben gab der Dichter fehr viel und faf
Verdift und acceptirte die Einwendun
ſchonungsloſen Kritikers.
Die meiften diejer im kleinen
Lieder hat Heine in feinen Reifebriefen,
veröffentlicht, doch hat er auch gar man
nur diefem verdanfen wir das Betanntr
der Fülle derartiger Gedichte nur das
Poem Heine hier einen Plag finden.
Im Mondenglanze ruht das
Die Wogen murmeln leife;
Mir ward das Herz fo bang
Ic den® ber alten Zeife,
Der alten Weife, bie uns fin
Bon den verfornen Ctübten,
Wo aus dem Meeresgrunbe E
Gtodengelänt' und Beten —
Das Fäuten und das Beten,
Wird nit den Städten from
Denn was einmal begraben i
Das lann nicht wieberfommer
Der begeifterte Lyſer verfündete in
deren Zeitfehriften das Lob Heinrich Hei
dieſer erjt von einer nur kleinen Gemein
Poet war für diefe wohlwollenden Beſp
feine Anregung verfertigte — zu mehre
groteske Jlluſttationen, in denen Thier:
nell mit einander verbunden find. Eben
manns „Tulifäntchen“. Cine reizende £
Harzreije muß fich im Beſitze der Gatt
welche dieje von dem Poeten bei feiner
Geſchenk erhielt. Der Dichter figt, wi
die Zeichnung gefehen, auf dem Bilde in
läſſig in der Hütte des alten Bergmanı
den Weibe halb abgewendet am Fenjter
Mond ſcheint herein. Vor dem Wande:
auf dem Fußſchemel fnieend, und fpri
unter die Zeichnung geſchrieben:
Daf Du gar zu oft gebete
Das zu glauben wirb mir
Jenes Zuden Deiner Lippı
Kommt wohl nit vom B
w3l193 998 uog ↄqjyuiabjvuibi
N &
X
Ein Genoſſe und Maler der Genies. 633
1830 zeichnete Lyſer in gelungenjter Weife feinen Freund Heine.
Wie frappant Lyſer die aratterififhen Züge der von ihm gezeich-
neten Perjonen zu treffen verftand, Beiveiten unter anderem bie
Porträtjkizzen, welche er auch von Beethoven, Carl Maria von Weber,
Paganini, E. T. A. Hoffmann, Emil Devrient, Franz Lifzt u. |. w.
entworfen hat. Eine flüchtige Begegnung genügte ihm Ye, um
mit bewundernöwerther Treue und Wahrheit das Bild eines Menſchen
wiederzujpiegeln.
us zahlreichen Aeußerungen Heines wiſſen wir, wie jeht der
Dichter gerade dieſe außerordentliche Begabung des Porträtiften
fejäbte, So behauptet er in den „Florentinischen Nächten“, dab von
allen bekannten Porträts Paganinis feines den wirklichen Charakter
des Geigerfönigs wiedergebe. „Ich glaube, es ift nur einem ein-
igen Menfchen gelungen, die wahre Phyfiognomie Paganinis aufs
Wler zu bringen; es iſt ein tauber Maler, namens Lyſer, der in
feiner geiftreihen Tollheit mit wenigen Sreideftrichen den Kopf
Paganinis jo gut getroffen hat, daß man ob der Wahrheit der Zeich-
nung zugleich lacht und erſchridt. Es ift mir leid, daß ich dieſe
kleine Zirung nicht mehr beſitze. Nur in grell ſchwarzen, flüch-
tigen Strichen fonnten jene fabelhaften Züge erfaßt werben, die mehr
dem ſchweflichen Schattenreich als der jonnigen Lebenswelt zu ge-
hören ſcheinen. ‚Wahrhaftig, der Teufel hat mir die Hand geführt‘,
fagte mir ber taube Maler, geheimnikvoll kichernd und gutmüthig
ironisch mit dem Kopfe nidend, wie er bei feinen genialen Eulen-
piegeleien zu tun pflegte. Dieſer Maler war immer ein mwunders
licher Kauz; troß feiner Taubheit liebte er enthuſiaſtiſch die Muſik,
und er ſoll es verſtanden haben, wenn er fid) nahe genug am
Orcheſter befand, den Mufifern die Mufif auf dem Gefichte zu lefen
und an ihren Fingerbewegungen die mehr oder weniger gelungene
Exekution zu beobachten. uch fchrieb er die Opernfritifen in einem
ſchätzbaren Journale zu Hamburg. Was tft eigentlich da zu ver-
wundern? In der fichtbaren Signatur des Spieles fonnte der taube
Dealer die Töne: je .
Heine war bis an fein Lebensende mit Lyfer in Freundjchaft
verbunden; es ſchmerzte ihn jehr, daß der „taube Maler“ fo wenig
Proteftion genoß und oft hart genug um das tägliche Brod ringen
mußte. „Daß für ſolche Menfchen in Deutichland nichts gefchieht,
ift empörend“, fchreibt er einmal an Campe.
Mit rührendem Eifer vertheidigte der „taube Maler“ ſtets ſei⸗
nen Freund gegen alle Angriffe. Auch in Gedichten befang er ihn;
von dem Charakter derfelben mag hier das nachftehende Sonett aus
dem Jahre 1833 ein Zeugniß ablegen:
Heinrich Heine.
Ein zweiter Knabe mit bem Wunberhorn
IR er durchs beutfche Vaterland gezogen,
Unb mädtig rauſchten des Gefange® Wogen
Aus feines Herzens tiefftem, heil’gen Born.
Der Salon 1889. Heft VI. Band L 43
634 Ein Genoffe und Maler der Genies.
Doch unfre Eſel vedten ihre Ohr'n
Und bie Singoö sglein kamen angeflogen,
Und maren ber Manier gar fehr gewogen,
Weil fie gemütgfid — da erfat ihn Zomt
Das Horn zerbrach er, winkte dem Le Grand:
Oeran. Geipenfter-Tambour, komm heran!
Das blöde Bolt, es bat uns nie verftanden.”
Der Tambonr mächtig feine Trommel rührt!
Gemüthlih Hell) in Deutſchland mufizirt,
Und Deutſchiands Sänger Hagt in fernen Landen.
Die Verehrung für alles Große und Schöne, namentlich aber für
das Genie, und das Beitreben, zu allen Beiten defjen Ruhm zu ver-
künden, zog ſich durch das ganze Leben Lyſers als beſtimmendes
Moment, glei) einem rothen Faden. So war es jeine heißeſte
Sehnſucht, den Olympier, für ben damals auch Heine noch fämwärmts,
Goethe, kennen zu lernen. Er reifte zu diefem Behufe 1831 direkt
nad) Weimar, mit einem warmen Empfeblungsbriefe ines an
Riemer, den Sekretär des Dichterfürften, ausgeftattet. Mit Hopfen-
dem Herzen trat Lyfer in das Heiligthum Goethes. Der Dichter
war abwefend, und nur deſſen vierjähriger Enkel, Wolfgang, im
Zimmer. Das Kind fah den Fremden mit feinen großen Augen
fragend an; der taube Maler verftand dieje ftumme Sprache und er
erzählte ihm ein gar wunderfames Märchen vom „Siebelhänschen‘.
D, wie das Bübchen Yaufchte! Wie es fi) an den Hals des Mär-
chendichters, der fo herrliche Gefchichten zu berichten wußte, an-
ſchmiegte! Beide bemerften nicht, wie Goethe leife die Thür aufmachte.
Diejer blieb ftehen und rührte fich nicht, bis dag Märchen zu Ende
war. Mit Rührung blidte diefer auf bie idyllifche Gruppe. Dann
klopfte er Lyſer auf die Schulter, reichte ihm die Hand und fah ihn
freundlich an. Da der „taube Maler“ ſich nur jchwer unterhalten
tonnte, ging die Konverfation mühſam vonjtatten. Goethe erlaubte
ihm, ihn zu zeichnen; die Porträtffizze fand den lebhaften Beifall des
Dichtergreifed; man erfieht dies aus den Worten, die er an ben
Maler richtete. Sie lauten:
An ben tauben Maler I. P. Lyfer:
Bas Du kanuſt, das ſollſt Du treiben,
Was Du nicht kannſt, laffe bleiben.
Weimar, 11. Aug. 1831. Goethe.
Dieſe Zeilen müſſen ſich im Nachlaß des 1870 in Leipzig ver-
torbenen Dichters und Ueberfegerd Adolf Böttger vorfinden, be
iefelben von Lyſer zum Gefchent erhielt.
Da fi im „Fiedelhänschen“ bereits die Eigenart des fpäterer
vortrefflichen Märchendichters Lyſers fundgiebt, mag der Anfang de
*) Der befannte Dichter Th. Winkfer, der unter bem Mamen Theodor He
ſchrieb und bie „Abendzeitung“ in Dresben herausgab.
Ein Genoffe und Maler der Genies. 635
allerliebſten Märchens*) hier abgedrudt werden, wobei ich bemerfe,
daß dafjelbe auf Anregung Heines entftanden iſt. Diejer erwähnte
dem Derfafjer gegenüber einſt des Grimmſchen Märchens: „Klein
Friedel mit der Geige“ und die Idee gefiel Lyſer fo jehr, daß er
ſofort das Nachftehende dichtete:
„Es ift ſchon viele Jahre her, da Iob einfam am Wege ein Fleiner
zerlumpter Junge und dachte daran, daß er ſchon jeit geftern früh
nichts gegefjen habe, und wo er wohl heute etwas herbefomme, um
feinen Hunger zu ftillen. b
Der arme Junge hatte feine Mutter mehr und fein Vater war
ſchlimmer als feiner, denn er war vom frühen Morgen bis zum
Ipäten ‚Abend betrunken und wenn er betrunfen war, dann tobte,
ſchalt und fluchte er gottesläfterlich und prügelte das arme Häns-
Gen, wie er früher die Mutter geprügelt hatte.
Die Mutter hatte jo viel geweint und fich gegrämt, daß fie
.benn auch bald ſtärb. Hänschen weinte auch, aber nur fo lange,
als der er auf ihn losſchlug; hielt der Vater mit Schlagen ein,
fo hörte Hänschen gleich mit Weinen auf und war zufrieden ımd
ter Dinge, wenn er auch manchmal tüchtig faften mußte, denn der
jater hatte kein Geld für Brod, jondern nur für Bier und Brannt-
wein. Warum Händchen bei all’ dieſem Jammer fo zufrieden war,
das lag erjtens darin, daß er ein herzensguter Junge war, mit einem
ehrlichen Sinn und einem reinen Gewifjen — dann hat es aber auch
eine andere Bewandtniß und davon will ich jegt erzählen.
Hänschens Vater war Dorfmufitant und fpielte die Geige in
ben Schänfen und auf dem Tanzplatz unter der Linde. Früher hatte
er recht gut gefpielt, ſodaß —— der alte verſtorbene Pfarrer ihm
mit Vergnügen zugehört hatte; aber ſeitdem er ſich das abſcheuli—
Trinken angewöhnt hat, fidelte und fragte er jo heillos, daß die
Ratten und Mäufe davon liefen und Hunde und Kapen fich darüber
Ärgerten. Dem Hänschen ging es durch die Ceele, denn er hatte
die Violine immer fo lieb und er wußte, wie fchön fie fingen konnte,
wenn der Vater nur gewollt hätte.
Er nahm ich einmal die Freiheit, zum Vater zu jagen: „Ach,
Vater, Du behandeljt die liebe Violine jet noch fchlechter, wie Die
jelige Mutter und mic, gieb acht! fie wird auch bald ſterben!“
Der Vater ftand erſt gan verwundert da und wußte nicht, was
er antworten follte — endlich aber Tief ihm die Galle über; er jagte
gar nichts, fondern prügelte Hänschen graufamer denn je und ging
avon.
O Wunder! als Hänschen weinte und ug ſtimmte die
Violine an der Wand leiſe mit ein. Als Hänschen bies hörte, wurde
es ihm immer wehmüthiger ums Herz, und er und die Violine
weinien wohl eine ganze Stunde zuſammen, ſodaß Hänschen ſchon
*) Bei dem großen Umfang be Märchens verbietet ſich leider eine Wiedergabe
deſſelben in feinem vollen Umfange,
8%
wuynung.
Genoſſe und Maler der 4
ihr lebelang nicht mehr
ie Liebe für die Violine
fagen: Er rüdte ſich eine
rab und begann fie von
uuch die vierte Saite, we
‚ und die der Vater in |
ngen war, wieder in Ord
is fie den rechten Ton
ollte fie wieder an ihren
d traulid: „Hänschen, 5
ft mich behalten, will &
achen und weinen in Fr
verfegte Hänschen. „°
üg er mich tobt und wi
useinander gingft.“
nicht hören“, ſprach Bio!
8 Sonnenuntergang im
nid) und den Bogen und
o die Erlen flüftern unt
hren, was Du thun u
nen denn!“ rief Hänscher
verlangft.“
du willft, ſprach Violine
nöchen, langte nach dem Bogen hinunter und
den Bach.
illkommen!“ murmelte der Bad. „Willkommen,
a die Erlen und flüfterten die Blumen. „Kudud!“
neuer Mufifant! — willfommen! Kudud! Kudud!
tieglige und Zeifige und Grasmücden, die Finken
ten und fangen: „Willfommen! willfommen!“
ift es hier“, rief Hänschen, fegte fi an ben
hm die Violine in den Ärm und bat fie: „Nun,
ie mach ich's, daß Du einftimmft in die ſchönen
her?"
Biofine alles, was er zu thun Habe, und rief
aß fie dem Händchen fehren möchten und die
ten ſich rund umher und gaben jeder erſt die
183.3, 6, 6) d 6, 1 — 1, 0, dy 0, hy a, g“
uf der Violine nachzumachen, und das gelang
Vögel: „Bravo, Hänschen, Bravo!” riefen.
tachtigall herbei und fagte: „Ich will finge
vireftor fein und mich begleiten; der Bach ſe
ihr anderen aber bildet den Chor.“
L*, jagte Hänschen, „die Blumenglödchen müff
fie müffen aber etwas lauter läuten, wie ı
jenoffe und Aaler der Genies. 637
ſprach die Nachtigall, „und Blumenglöckchen
derr Mufikdireftor befiehlt.“
: den Taft an, und der ganze ögelehor be=
zert. Nun fang die Nachtigall. O, wie die
inschen- begleitete fie auf der Violine und
n dazu klingeln. Alle anderen Stimmen aber
h fummte nur ganz leiſe.
he und Hirſche aus dem Waldesdunfel herbei⸗
ichen Eichfägchen fprangen Baum auf, Baum
jaßen ganz manierlich auf den Hinterläuften
. Die Tannen aber liefen Harz fallen, da-
sgen immer frifch ftreichen fonute; fo. jpielte
ne ſank, da mußte er nach Haufe.
lieben Sänger!“ rief er.
direftor!” jchrieen alle. „Komm bald wieder!“
ll flötete:
3ald — o bald
am grünen Wald
hr zurüd, Du holder Knabel
1es, alles, was ich habe, .
eb’ ih Dir im grünen Wald;
br zurit@! bald, 0 bald,
ad, o bald —
u holder Knabel“
jrte richtig alle Tage wieder und lernte immer
stimmen des Waldes verjtchen und fie nach—
n Violine... .*
* *
*
o schloß ſich Lyſer auch am Ludwig Börne,
dugfow und Guftav Kühne an. Bei all feiner
für Heinrich Heine, billigte er nicht die maß-
n auf Vörne in feinem befannten Buche; im
Wolfgang Menzel jekundirte er jenem wader
und Zeitichriften jener Beit verjegte er dem
) heftigen Gegner des „jungen Deutjchland“
._Den Feinden Börnes widmete er einjt das
Sonett:
: ‚Ans Kreuz! und kreuzigt ihn fogar;
fagte, könnt Ihr nicht vergefien!
je doch und theuer Euch vermeffen:
ſchulbigte, fei nicht mahr!
ud feiner, denn nur allzuklar
m Krebs an Euren Seelen freffen!
de! madht Euh nur Garefien,
wird um fo früher offenbar.
638 Ein Genoffe und Maler der Genies.
Er tundet Wahrheit, kundet Freiheit, Recht,
Und jeder Jude umd jeber Chriſtenknecht
vemuht fih d’rob, ihm in den Staub zu zerr'n.
Umfonft, ihr Thoren, ſtark ſchwingt er ſich auf,
Bollendet feinen fühnen Siegeslauf!
Kriecht, faule Knechte, Ihr, vor Eurem Heren!
Seine Ausfälle auf Wolfgang Menzel find für unferen heutigen
Befomad fo ftark, daß ic) auf eine Wiedergabe derjelben verzich-
ten muß.
Auch mit den übrigen Führern des „jungen Deutſchland“, mit
Seincig Laube, Karl Gutzkow, Ludolf Wienbarg und anderen, ver-
and ihn innige Freundichaft und Sceefenverwandtichaft. Nach feiner
Gewohnheit feierte er diejelben durch Stift und Wort. Es würbe
mich zu weit führen, wollte ich alle jeine Auslaffungen über Die Ge-
nannten hier anführen. Nur zwei Fresko-⸗Sonette an Laube und
Gutzkow fei mir gejtattet abzubruden. Bezüglich des Erfteren fingt er:
Recht kühn, ja ted bift Du empor geftiegen,
Und flimmerft jegt am literar’fhen Himmel
Und fepauft Herab und fadhft ob dem Gewimmel
Tief unter Dir, denn leiht wird Dir's zu fliegen.
Allein, mein freund! wir woll'n uns felbft nicht trügen!
Denn auch Sternihnuppen flimmern oft am Himmel,
And) bie Ratete hebt ſich mit Getümmel,
Doch auf wie lang? — Das Wahre nur kann fegen.
rum, flimm're nicht! Laß leuchtend Dich une ſchau'n.
onn’, Mond und Sterne lernten uns Vertrau'n,
Sie leuchten uns in einfach, großer Pracht.
Wenn einft Europa wirklich ſich verjüngt,
D, daß Dein Lieb vollendet bann erllingt,
Das Deine befte Stunde uns gebracht!
Und an Gugfow richtete ev bie nachſtehenden Verfe, als jener
feine Schrift „Briefe eines Narren an eine Närrin“ veröffentlicht Hatte:
Im Aug’ die Träne, lächelt Du uns an, "
Und fingeft feuigend uns ein fröhlich Lieb,
Bon Luft und Liebe, bie Dein Herz durchglüht,
Dod ach, fein andres jo empfinden Tann!
Du wanbelft einfam auf ber lichten Bahn!
Im Sphärentanz das Weltall Di umfprüht,
Dod wie fi aud Dein treues Herze müht,
Kein gleihgefinnte® es erringen fann.
Muß denn der wahre Dichter einfam fein?
Entfirömt das Lieb nur aller Luft und Bein?
Bleibt nur ber Unerfannte rein und wahr?
Faſt glaub’ ich es! Mir geht es oftmals fo:
Benn alles um mich her recht wüf und roh,
Bird Mufe meine Rärrin, id — ihr Narr!
Ein Genoffe und Maler der Genies. 639
Lyſer war durch und durch eine humoriftifche Natur und er-
heiterte ſtets die Gefellfchaft durch feine föftlichen Zeichnungen und
wigigen Impromptus. Hatte diejer wunderliche Kauz feinen tollen
Tag, ſchonte er mit feinen Nedereien und Anfpielungen auch feine
beiten Freunde nicht. Als Gutzkow einjt in einem intimen Zirkel,
dem auch Lyſer beimohnte, auf Seinrie) Heine räfonnirte, ärgerte
das ben „tauben Maler“ fehr. Ohne fich in eine Debatte einzu-
Iaffen, verfiel er auf folgenden Einfall. Er ließ fi von der Herrin
des Haujes einen — Rettig geben, ſchälte ihn ab, zeichnete Gußtows
Kopf flüchtig darauf und überreichte ihn jedem Einzelnen in ber Ge—
felichaft. Unter allgemeinem Gelächter wurde Gutztow erkannt, und
eis diefer mußte ſich jagen, daß er meifterhaft — getroffen jei.
ie Anfpielung auf die Bilfigleit des Rettigs und — Gutzkows ver-
fiand jeder. Gutzkow aber hütete fi), in Lyſers Gegenwart auf
Heine weiter zu ſchmähen.
In den Jahren von 1832—1835 lebte I. P. Lyſer in Leipzig
ala einer ber „Davib3bündler". Mit Robert Schumann, begründete
er die „Neue Zeitſchrift für Muſik“ und war einer der eifrigiten
Mitarbeiter derjelben. Aus den Briefen Robert Schumanns wiſſen
wir, wie hoch ihn dieſer ſchätzte. Er nennt ihn ftets „jeinen Freund“.
Im „Humorift* brach Lyſer wiederholt eine Lanze für den genialen
Komponiften.
Wie mit Schumann, fo wurde er auch mit Mendelsfohn-Bar-
tholdy und Giacomo Meyerbeer intim befreundet. Schon frühzeitig
wies er auf die außerordentliche Bedeutung diejer großen Meifter
Hin. Als „Die Hugenotten“ von Meyerbeer in Dresden zum erſten
Male gegeben wurden, jchrieb er über dieſelben eine Broihüre und
der Komponift war ihm ftets für die ihm gezollte Anerkennung
freundfchaftlich ergeben.
Bereits vor 5 Jahrzehnten hat er das große muſikaliſche und
dichterijche Genie Richard Wagners bewundert und preift in feinen
Schriften Franz Lifzt, daß diefer Mann für den Genius des Dichter
Komponiften ſchon zu einer Zeit in die Schranfen getreten, als faſt
alle Welt noch gegen ihn Partei genommen hatte.
Mit Eifer widmete er fi, wie in Leipzig, jo aud) fpäter in
Dresden, wo er ein Jahrzehnt lebte und fich zu feinem Unglück ver-
heiratete, der kritiſchen und a erg Thätigfeit. Er war
an den nambhafteften Blättern jeinerzeit ein viel gefuchter und ge—
ſchätzter Mitarbeiter. Mit der Schröder-Devrient, Johanna Wagner,
Joſeph Tichatfchek, Jenny Lind und anderen berühmten Sängern und
Sängerinnen jtand er in regem Verkehr. Mit einem wohlwollenden
UrtHeil verband er immer die größte Unparteilichkeit.
Von feinen jehlreichen Schriften find am bemerfenswertheften
die „Künftlernovellen“, welche urfprünglih in der Schumannichen
Zeitſchrift srhienen find und „Abendländifche taufend und eine Nacht“
— eine Fülle der jinnigften und poetiichjten Märchen enthaltend.
In allen jeinen Werfen vereinigt fi glüdliche Erfindungsgabe mit
640 Ein Genoffe und Maler der Genies.
tiefer Empfindung und innigent Gefühl. AL die reichen Erfebniffe
und Beziehungen feines Lebens ſchilderte er in einem Anfang der
dreißiger Jahre erſchienenen, längſt vergriffenen Buche: „Aus der
Mappe eines wandernden Malers“. Faft alle feine Bücher ſchmückte
er mit gehtreihen Zeichnungen und Bignetten.
Als blutjunger Dann lernte er in Wien Ludwig van Beethoven,
der glei) ihm taub war, und Wolfgang Amadeus Mozart, den Sohn
des unjterblichen Mozart, kennen. Ich habe ſchon erwähnt, daß er
erfteren in meijterhafter Weije zeichnete. Mit letzterem hatte er ein-
mal eine intereffante Unterredung, worin ſich der Sohn des unfterb-
ach Meifter8 darüber beklagte, daß der Ruhm feines Vater ſchwer
auf ihm lafte. „Die, die mir wohlwollen“, jagte Mozart junior, „er:
warten das Ungeheuerfte von mir — das macht mir Angſt, wie id:
ihren hochgefpannten Erwartungen entjprechen jollte; die Gleichgilti—
gu zudten die Achfeln und fagten: er heißt zivar Dear aber ein
ozart wie fein Vater kommt nicht zum zweiten Male auf die
Erde... Wenn ich meinen Vater nicht jo innig liebte und ver-
ehrte, wenn ich ihm nicht vergötterte — ich hätte ihn Baffen können,
weil er mir ein Leben gegeben, das ein, verfehltes werden mußte
umfomehr, als es mir nicht an Talent, vieleicht jogar nicht an ber
deutendem Talent fehlte .. .“
Es war Lyfer ein Bedürfniß, junge Talente zu fördern. Sein
ſcharfes Auge erkannte fofort die bedeutende Begabung; jo wies er
3. B. zuerit auf das malerifche Genie des fpäter jo berühmten Hiſto—
rienmalers Profefjor Groffe in Dresden hin, als dieſer noch blut-
jung war.
Von den Kindern Lyſers fei hier nur Guſtav Lyiers Erwähnung
gethan. Derſelbe Iebt in den Vereinigten Staaten — in Milwanfee
— als geachteter Journaliſt und Redner. Er hat ſich auch durch
treffliche Weberfegungen aus dem Englifchen befannt gemacht. Treu
fteht er jenſeits des Ozeans zu Kaifer und Reich.
Seit 1852 lebte Ahfer in Altona, bis zu feinem legten Athem-
zuge ſchriftſtelleriſch beſchäftigt. Wie ſchon erwähnt, ftarb er vor
zwei Jahrzehnten einfam und verlaffen.
— Or —
Haft ein Zeichen mir gewährt,
ie's mein Brief von Dir begehrt;
Rothe Schleif' am Mieder.
— auch jo Dich gleich erkannt,
enn wer hat fo zarte Hand,
Solche ſchlanke Glieder?
Deines Augenpaares Pracht
Durch die Maske fröhlich lacht,
Möcht' fie von Dir reißen!
Birgt jie Doch die Wangen Dein,
gi t fie doch das Grübchen ein
uf dem. Kinn, dem weißen.
Leife raunft Du: „Lofer Wicht,
Mütterlein, fie ſieht es nicht,
Darfit die Hand mir drücken!“
Einmal haft es nur gejagt,
Einmal hab’ ich's auch gewagt,
Sprachlos vor Entzüden!
Ber hat mir dies Glück gebracht?
Mummenfchanz, der Dich erdacht,
Ihm hab’ ich's zu danken.
Meiner Maste Kekmicher Schein,
Hat getäufcht das Mütterlein,
’3 fann nicht mit mir zanfen.
Darum ich dem Mummenfchanz
Mitten in des Feites Glanz
Diejes Gläslein ſpende;
Seh' im Geiſt mein Mägbelein,
Seh’ der Locken gold’'nen Schein,
Zühl den Drud der Hände!
ı
t
i
Klavierwerten aller Art nennen. Diefe fpielte ih mir jelbft zu
meinem Vergnügen unzählige Mal vor, befonders auch, wenn ich
mi) von Sorgen gedrüdt und muthlos fühlte und immer bin ich
da erheitert und in guter Stimmung vom Klavier aufgeftanden.
Diefe Zonfhöpfungen alfo, deren wohlthuenden Eindrud Haydn,
und mit ihm viele feiner Zeitgenoſſen — Laien wie Künftler — jo
lebhaft empfand, waren die Vorbilder gewejen, denen er nachjtrebte,
und in der That zeigt ſich in feinen Klavierwerken ein dem Philipp
Emanuel jehr nahe verwandter Geift Tiebenswürdiger Heiterkeit,
ſchalkhafter Laune und _graziöfen Humors, wie denn auch in der
dom, namentlich) der Sonaten, ein erheblicher Unterfchied zwiſchen
iden Meiftern nicht erkennbar ift. Mit Recht durfte daher Philipp
Emanuel a Haydn aus deſſen Werfen als feinen Schüler erfen-
nen, und er ijt es, der jene wichtige mufifafifche Epoche, welche wi
die Haydnfche nennen, verbreitet und eingeleitet hat.
Auch Mozart hat mit feiner Anerkennung der hohen Verdienft
Zage nicht qurüdgehaften, wenn er zu Doles in Leipzig in feine
treuherzigen Weife von ihm fagte: „Er ift der Vater, wir find d’
Bub’n. Wer von uns was Recht's ann, der hat's von ihm gelern.
und wer das nicht eingejteht, der ift ein Hundsfott.“
" Vater des modernen Alavierfpiels. 643
ı Zeugen gegenüber darf die Bedeutung eines
‚ezweifelt werden, defjen Name zwar in der Ge-
r Kunft, mit fortläuft, um den und feine Werfe
lange Zeit hindurch jehr wenig befünmert hat,
jiten Periode die Forſchungen Bitters, Reifmanns
ı das ihm gebührende Licht geftellt Haben.
en, wenig wechjelvollen Lchen Philipp Emanuels
rioden jehr genau unterjcheiden: die der Jugend,
»ie Hamburger Periode, von welcher die mittlere,
und der Wirkſamkeit nad) die bedeutendfte, ihm
ner Bach“ gegeben hat.
ers Jugendſchickſale find bald erzählt. In der
Cranachs, in Weimar, wo fein Vater damals
sireftor an der Schlofiche war, am 14. März
er neun Jahre jpäter nad) Leipzig, als Johann
fitdireftor an den beiden Hauptlicchen und zugleich
t Thomasſchule erwählt wurde.
vurde die Pflanzftätte feiner allgemeinen Bildung,
Bige, aber zur Nederei geneigte Zögling brachte
Ugen Streiche nicht felten den ftrengen Direktor,
ıefti, ebenjo in Harnijch, wie den unter demjelben
3ater in Verlegenheit.
ve die mufifal — Ausbildung um ſo weniger ver⸗
Knabe von früh auf eine ungewöhnliche Bega—
ır Zonkunft befundete. Schon mit zehn Jahren
ierigen Klavierftüde des Vaters vom Blatt, der
dem Klavier und auf der Orgel, jondern auch in
tufit gründlich unterrichtete und ihn an den Ge-
‘homaner theil nehmen lieh.
nlagen, diefer Ausbildung, diefer vorherrſchenden
t, follte Philipp Emanuel nicht Tonkünftler, fon-
tden. So bejtimmte es wenigftens der väterliche
orfamen Sohn nad) wohlabjolvirter Thomasschule
) verführerifchen Leipzig in das funftarme Fränk—
verbannte, um an dejjen Univerfität der Rechts—
allem Fleiß obzuliegen. Ob und mit welchem
jen, wiſſen wir nicht, wohl aber, daß der junge
funftdürren Boden der alten Meßſtadt bald einen
m hervorzuzaubern wußte. Unter ben Studiofen
: guten Stimmen, andere mit jonftigen mufifali-
tenntniffen und Fertigkeiten. Alle dieſe zerſtreu—
te Bach zu einer „mufifalifchen Akademie‘, deren
tänden nad) nicht unerheblich gewefen fein müffen.
yer Meifter im feiner, in jpäteren Jahren mit
uedergeſchriebenen eigenen Lebensbeſchreibung da=
le damals vorfallenden öffentlichen Mufifen bei
irt und: fomponirt habe.“ So wurde der Beſuch
644 Der Bater des modernen Klavierfpiels.
König Friedrich Wilyelm I. in Frankfurt zur Mar
durch Aufführung einer Santate gefeiert, welche mi
begann: „Entbedt durch tauſend frohe Töne
Bas, Mufen, euch vor Luft entzüdt,
Da ihr ben größten Held erklidt,
Den Held fo vieler Giegesfabnen,
Im Jahre 1738 war der afademijche Kurſus been
follte num die juriftifche Laufbahn praftijch weiter ı
ihm als ein feineswegs ſüßes Los erſchien. Wie ein Rı
drang daher die Aufforderung des damaligen Kror
maligen Königs Friedrich des Großen, zu ihm, als C
Kapelle zu treten, welche er in feiner Hefiden, Rhein:
pin hielt und deren eigenes thätiges Mitglied er als ;
war. Als jolden hatte ihn Bach, der den ehrenvoll
taufend Freuden angenommen, auf dem Klavier bei je
zu begleiten, wozu nicht geringe Geſchicklichkeit und &
hörte, da Friedrich, ſich jchr feiner Empfindung über
dem Takt nicht eben genau nahm und namentlich die
jagen zu überhaften pflegte. Gewiß ift, daß der Begle
leichte Aufgabe zu voller Zufriedenheit des hohen
Kunftfreundes tölle
Nachdem daher Friedrich 1740 den, Thron beitie
junge Meifter als „erjter Cembalift* in der Königlich
gefteltt, ein ſehr wichtiger Pojten, auch infofern, als
das Klavier das ganze Orchefter zujammengehalten w
Mit welchem Eifer und mit welchem Erfolge de
das bis dahin in feiner Hauptftadt faft gänzlich de
mufifalifche Leben erwedte und auf alle Weife beförde:
In feiner neu geſchaffenen Oper, wie in feiner Stapı
eine große Anzahl ausgezeichneter Künftler ihrer Zei
des Königs Lehrer und mufifalifcher Beirath, Graı
Benda, Agricola und andere, während als Theoretifer
Kirnberger eines hohen Rufes genofjen. Wieviel C
einen ftrebfamen jungen Künftler, fid) in jeder Wei!
Dies iſt auch von Bad) anerkannt worden, der in je
ſchen Skizze darüber jagt:
„Meine preußijchen Dienſte haben mir nie fo ı
gelafjen, in fremde Länder zu reifen. Diefer Mangel ı
Reifen würde mir bei meinem Metier mehr fchädlid
wenn ich nicht das bejondere Glück gehabt hätte, in
Vortrefflichite von aller Art von Muſik zu hören ı
nicht, daß ein Artikel in der Muſik übrig fei, wovon
der größten Meifter gehört habe.“
Mit welchem Erfolg dieſe vielfache Gelegenheit
Klavierfpiels.
avon giebt fein
ben feine zahlreich
eugenden Beweis.
eutendite Klavierſ
— feiner geit, ı
> größte Theil jei
nt gewidmet war,
von unjeren heut
ter erheblich unter
ords, und für di
d auch feine Klar
igen Injtrumenten
Ht zur Geltung f
sel für den fird
e Philipp Eman
ı er mit fühnem
af dem bis zu fei
ten Wege nicht n
wovon in Brudı
veis liefern follte.
t, vermehrt, erne
ven Inhalt. Da:
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dem Reiz ſich nic
palt mit ſich fel
kaliſchen Welt offer
fein ureigenes, f
m zu ergießen, eı
eſes Wortes — ;
Gediegenheit des
geringe That —,
nde, denn die W
erden. Sie athme
fahren war, als
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tert und des
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ſchöpfliche Phanta
n Verlangen nad)
ch nie — zu entj}
Havierfompofition
Fugen zc. mit un
tverjtändlid; habe
> e8 bedarf einer .u.....0-.-
Buten, um das mvergänglid)
646 Der Vater des modernen Klavie
Schöne vom Vergänglihen zu fondern. Viele
Lich folhe, welche auf Beftellung von Verleg
find, tragen zu jehr das Gepräge ihrer Zeit, ı
u erjcheinen, in anderen aus innerem fünjtler
nen Schöpfungen aber zeigt fich der Meift —
Einbildungskraft, geiftvoller, den Spieler zum Denken und Empfin-
den nöthigenden Sehanbhung, von genialer Kühnheit in der Harmonie.
Zu diefen ewig ſchönen rfen gehören namentlid) die „Sonaten
und Phantafien für Kenner und Liebhaber“ die großen Rondos und
einiges andere. Sein Beftreben war, immer gejangreich zu fchreiben
und zu vermeiden, daß die Melodie durch allzugehäufte Tontombi-
nationen in der Begleitung verdunkelt und erſtickt würbe. In der Vorrede
zu feinem ‚groben Lehrwerk: „Verfuch über die wahre Art das Klavier
zu ſpielen“ jagt Bad) bezeichnend für feine Auffaffung: „Ein Muſikus
ann nicht anders rühren, er fei denn ſelbſt gerührt, und dahin
bringt es ein Slavierjpieler nie durch bloßes Bolten, Trommeln
und Harpeggiren; wenigſtens bei mir nicht.“
Es ift feine übertriebene Behauptung, wenn man Philipp
Emanuel Bad) den Begründer des modernen Klavierjpield nennt.
Alle feine Nachfolger Haben fi) auf ihm gejtügt und Dies aud oft
willig anerkannt.
Doc) aud) auf anderen Gebieten der Tonkunſt, namentlich auf
dem der Kirchenmufif iſt Dad in Berlin ſchöpferiſch thätig gewefen.
Hervorzuheben unter dieſen Arbeiten ift ein herrliches „Magnifitat“,
welches fich der gleichnamigen Schöpfung feines Waters würdig ans
veiht, ſich aber dadurch von berjelben unterfcheidet, daß den Solo-
gefängen mehr Bedeutung als den Chören eingeräumt worden ift,
wie denn überhaupt Bad) ſich mit Vorliebe dem Einzelgefang und
daher auch dem deutjchen Liede zumendete.
Das Lied war bisher von den großen deutſchen Tonfegern ges
ring geachtet und faſt gänzlich vernadhläffigt worden. Bach war
es, der dem Liede zuerft Farbe und Leben gab, der die ante,
welche die gewohnte ftrophenmäßige Kompofition dem Tondichter
auferlegte, nicht felten kühn durchbrach und dadurch, ſowie durch eine
ausbrudsvoll ſich dem Terte anfchmiegende Begleitung recht eigentlich
der Schöpfer des durchlomponitten Liedes wirde. Zu nennen find
hier Bachs „Deutjche Lieder“ nach Texten von Gleim, Kleift und
anderen, vornehmlich aber die geiftlichen Lieder Gellerts, die in ihrer
tiefen Innerlichfeit dem Empfinden des Meifters ganz befonders zu.
fagten und ihn wahrhaft begeijterten.
Inzwiſchen war in den Berliner Muſikverhältniſſen allmählich
eine. Veränderung eingetreten, das frifche Streben durch eine gewi
Einfeitigfeit, die man den „Berliner Geſchmack“ nannte und die zu.
Stillftand, der zugleich ein Rückſchritt ift, führen mußte, erfegt wor
den. Der alternde, von Sorgen abgezogene König ſchenkte der Muf
nicht mehr die frühere Theilnahme, und wies, mit großer Treue a
den Idealen feiner Jugend fejthaltend, alles neue von ſich. Mar
r des modernen Slavierfpiels. 647
n_genöthigt, das Flötenfpiel aufzugeben —
Freund begraben“ jagte er, nachdem er die
ın Kaften eingefchlofjen — und in den Kam—
zerjtreuter Zuhörer.
Bach nicht recht behagen; er fand fich über-
daher nicht unlieb, als er 1768 einen Auf
n fimf Hauptfichen Hamburgs und zugleich
neum an Stelle des berühmten Telemann
> gewährte der König die erbetene Entlafjung,
a8 Scheiden aus deſſen Dienjten und über-
: genug werden, der eigentlichen Wiege jeines
enjchenalter gewirkt, geheiratet und eine
: und wo vielfache freundjchaftliche Verbin—
Runftgenojfen, ihm theuer jein mußten.
8 neuen Wirkens fand Bach vielleicht auch
3 erwartet hatte. Hamburg war nicht mehr,
uvor und nod, fpäter, eine hervorragende
ie deutfche Tonkunft, wo Reinke, Keifer und
an Bach gelernt und Matthefon das Fritifche
t hatte. Dir dem wachfenden Reichthum der
ır der Sinn und die Theilnahme für die
und die Mufit im befonderen gefunfen und
mehr materiellen und äußerlichen Genüffen
yer konnte auch Bad) zu Burncy, als biejer
e, in Bezug auf das muſikaliſche Leben da-
„Sie hätten fünfzig Jahre früher hierher
der joviale Meijter mit den gegebenen Ver-
ner ebenfalls Burney gegenüber gethanenen
ud die Hamburger nicht gerade große Ken-
Mufit, fo find fie dagegen meijtens fehr gut-
: Berjonen, mit denen man ein angenehmes
ühren kann.“
‚iemlich vereinfamt, gewann Bach doch ver-
Bidung, feines geiftig vegfamen und frifchen
t bedeutender Männer, wie Büfch, Reimarus,
: der unmufifalifche und ungejellige Klopſtock
ift Bach, ſchöpferiſch ſehr sHätig gewefen, und
riode die reichere war und den Höhepunkt
midelung bezeichnete, jo ift doch während der
rfchöpfung der Phantafie noch ein Nachlaffen
zunehmen.
ach hier wieber viele Klavierwerke, allein es
ex Meifter in feiner legten Periode mit Vor—
jit und dem Oratorium zugewendet hat.
648 Ber Bäter des modernen Klavierfpiels
Obgleich Bach) auf diefem Gebiet manches Sd
gänglihem Werth gefchaffen, wie ben herrlichen gr
„Heilig“ und das Oratorium: „Israel in ber Wüjte‘
im allgemeinen diefe Arbeiten an die tiefinnerliche
Schöpfungen Johann Sebajtians nicht hinan. Hervo
die weihevolle Kompoſition der _Cramerjchen Pſalme
Wie das Leben Bachs äußerlich überhaupt we
liches bietet, fo verflojjen au) die Hamburger Jah
Zamilienleben, in gejundem Wechſel von ernjter A
Erholung ſehr ruhig. Nicht felten fuchten auswärti
den berühmten Mann auf. So kamen Burney, Rei
zart — der Ießtere wenige Jahre vor feinem und
vor Bachs Ableben — feinetwegen nad) Hamburg,
nicht genug Worte finden, um die Lichenswürdigfeit
und den überwältigenden Eindrud zu fehildern, di
spiel auf fie gemacht. Beſonders bemerkenswerth ift Di
hierüber zu Doles in Leipzig: „Mit dem, was er
wir heute nicht mehr aus; aber wie er's macht, da
feiner von uns gleich.“
Wir aber können diefe Rückſchau nicht beffer ft
den Worten, welche ein Verehrer unſeres Meiſters
Tode in ein ihm damals zugehöriges, jegt in der K
Berlin befindliches Exemplar der „Wahren Art di
geichrieben hat:
„Am 14. Dezember 1788, abends um acht Uhr
berühmte und vortreffliche Kapellmeifter und Mu
Karl Philipp Emanuel Bach in Hamburg, im für
Jahre feines Alters. Deutſchland hat an ihm ein
Muſiker und Klavierjpieler verloren, und ich fage nic
id) behaupte, daß er wohl in feiner Art der größ
und der größte Komponijt für dies Inftrument in
Er war der wahre Vater aller guten Klavierfpiel
durch feinen Verſuch über die wahre Art das Klavie
durd) feine vortrefflichen Kompofitionen, welche wagre weeiterjmae
find und gewiß fo lange die Welt ftcht, bei Kennern fchön bleiben
und zu Muftern dienen fünnen, ganz unfterblich gemacht. O, welch’
ein großer Mann war Bad! An feinen Klavierfachen kann man
ſich nicht fatt fpielen und ohne ihn würden alle SHavierfpieler noch
im Zinftern tappen, denn nur er hat gezeigt, wie dies Inftrument
mit Geſchmack behandelt werden muß.“
So urtheilten Philipp Emanuels Zeitgenofjen über ihn, und
wenn wir, von unferem heutigen Standpunft aus, nicht ganz fo üb
ihn urtheilen können, fo bleibt es doch fraglich, ob ohne ihn dief
Standpunkt erreicht worden wäre, und in diefem Sinne dürfen n
ihn den Vater de3 modernen Klavierjpiels nennen.
» —e —
650 Marianela.
Die Bauern ſchwatzen oft, ohne zu denken, entwel
zum beiten gehabt, oder fie wifjen ebenfalls durch
Gruben liegen. Ein fo großes Etablifjement wie
müßte man doch in weiter Entfernung jehen oder
hierher gelangt nicht ein einziger Laut, ebenfo ı
einen Menfchen auf dem Wege. Dabei dauert ec
janze halbe Stunde, bevor der Mond aufgeht. Wi
tens ſehen fünnte, wo ich mich befinde! Was t
-der die ganze Welt durchreiſt hat? Ich glaube
ängſtlich zu werden. O nein, die Bauern haben
alſo den Ang jeradeaus, vorwärts!“
Er folgte Stege aufs geradewohl, ſowei⸗
ſcheiden vermochte, aber ſchließlich mußte er ftehen
Terrain wurde jo abſchüſſig, daß er fürchtete, i
hinabzuſtürzen.
„Das iſt eine angenehme Lage!“ rief er. „Wi
Siehjt Du etwas in der Tiefe? Nein, nichts, abfı
die Öragmatten gehen hier zu Ende, ich fühle r
meinen Füßen, jede Spur von Vegetation ift gefı
ſcheinlich bin ich in die Gruben felbit hineingelan
Tiches Weſen ift zu erſchauen, fein Laut zu verne
ich thun? Hier ıft ein ur der emporzuführen |
Kaum hatte er einige Schritte auf diefem We
in der weichen Erde einzufinten begann und dahe
langte, daß er nicht weiter gehen konnte. Er jei
Stein, der mitten in dem Iojen, der Vulkanaſche
Tag. Ganz gelafjen ſteckte er fich eine Cigarre a
Gedanken. Plöglih hörte er den Gefang einer W
in melancholiſchem Tonfall langjam in der Ferne
„Es giebt aljo wirklich menfchliche Weſen Hi
ſprach der Reiſende vor ſich hin, „das fcheint ır
ftimme zu fein. Nun beginnt der Geſang wieder
Stimmen. Welch’ ergreifende Melodie! Man jr
die Töne aus der Tiefe der Erde kommen, — a
fie ng wieder. Hallo, Mädchen, Mädchen! War
chließlich ſchwieg der geheimnigvolle Gefang
Ruf verflang ohne Wirkung.
„Das iſt wirklich ſchade“, fagte er, „aber fe
Hundert Jahre! Wer fann cs abändern? Ich n
die Zeit abwarten. Es war übrigens eine zienlid
mir, daß ich meine Bagage vorausſchickte und alle
Bruder in Socartes aufjuchen wollte.“
Er fühlte einen ſchwachen Wind aus der Tie
unter feinen Füßen glaubte der Verirrte Schritte ;
erhob er ſich und rief:
„Mädchen, Mann, oder wer Du aud) bift, ke
nad) den Gruben von Socartes gelangen?“
Marianela. 651
Frage geſtellt, als ein Hund zu belfen be-
agte:
te der Neifende, „ih will Dir nichts böfes
en —5 ver &
und gehorchte timme feines Herrn
ven, dem er bereit3 ziemlich nahe gekom—
faegangen, und Golfin fah in einem Abs
ftande von ungefähr dreißig Fuß vor fich oder richtiger gejagt unter
ſich eine männliche Geftalt gerade an der Stelle ftehen, wo die ab-
ſchüſſigen Seiten de3 Berges von dem Wege durchfchnitten wurden.
„Gott jei Dank“, rief er, „ich konnte nicht glauben, daß ich dem
Wege fo nahe war. Guter Freund, können Sie mir jagen, ob ich
mid) in den Gruben von Socartes befihbe?“
„3a, aber die Häufer in Socartes liegen ein gutes Stüd Weges
von bier ab.“
Die Stimme des Sprechenden flang friſch und angenehm, man
fühlte, daß fie einer Dienitbereiten Perfon angehörte. Der Reifende
hörte fie ebenfo gern, wie er den Mondfchein fah, der mit feinem
milden Schein die öde Gegend erhellte,
„Es wird Licht”, fagte er, „es kommt mir vor, als ob ich ge—
raden Wegs aus einem Chaos emporgeitiegen ſei. — Ich danfe fir
Ihre gütige Nachricht. Beim Sonnenuntergang verließ ich Villa—
mojada, und die Leute fagten, daß ich nur nöthig hätte, geradeaus
zu gehen... .“
b Gedenken Sie nad) Socartes zu gehen?“ fragte der junge Mann,
ohne ſich von der Stelle zu rühren und den Neifenden zu betrach⸗
ten, obgleich derfelbe I ganz nahe gefommen war.
„3a, aber ich muß mich verirrt haben.“
„Dies ift nicht der Eingang zu den Gruben. Sie haben fi
wirklich verirrt. Hätten Sie den rechten Weg eingeichlagen, fo
wären Sie bereit in zehn Minuten in Socartes geweſen, jetzi dauert
& etwas länger, denn wir müſſen einige Galerien pajfiren und
mehrere Treppen auf- und abjteigen, die ſich durch die ganze Aus—
Beömung ber Gruben hindurchziehen.“
„Nun, dann bin ich doch nicht gar viel vom Wege abgegangen“,
ſagte lächelnd Golfin.
Ich werde Sie mit Vergnügen begleiten, ich kenne die Gruben
aus: und inwendig.“
Halb hinabgleitend näherte fich der Reijende dem jungen Manne.
Als er dicht bei ihm war, fagte er erjtaunt:
„Sie find — — —“
„Blind, ja! Aber dennoch kenne ich die Gruben pollfommen,
Stod ſchützt mich vor dem Fallen, und Choto folgt mir. Sie
innen ſich mit voller Beruhigung von mir führen laſſen.“
4*
652 . Marianela.
u
Bie Führung.
„Blind von der Geburt an?“ fragte der Reiſende mit einem
Imterefje, das nicht allein dem Mitleid zu entfpringen fchien.
„Sa, von der Geburt an. ch fenne die Welt nur durch die
Gedanken, durch das Gefühl und das — Soviel habe ich ein⸗
ſehen gelernt, daß der bewunderungswertheſte Theil der Welt mir ver-
ſchloſſen ift; ich weiß, daß die Augen aller anderen Menjchen anders
find als die meinigen. Die Anderen ſchauen die Dinge felbft, ich
vernehme fie nur auf Umiwvegen. Diefer Vorzug der anderen Men-
ſchen erfcheint mir fo wunderbar, daf ich nicht einmal die Möglich-
Teit zu faffen vermag, ihn felbft zu befigen.“
„Wer weiß, ob — — +- ber fagen Sie mir, was ift das
für ein merkwürdige Schaufpiel?“
Sie befanden ſich in einem Keffel, der ausfah wie der Krater
eines Bulfans mit umebenem Boden und nod, unregelmäßigeren
Wegen. Ueberall erhoben fich phantaftifche Geftalten, die man nur
mit. den Figuren, welche von ben am ginmel dahinziehenden Wollen
gebildet werden, vergleichen konnte. Durch den Mondſchein wurde
der Raum in ber Einbilbung bes Beſchauers mächtig vergrößert.
Die Farbe diefer in verfchiedenen Stellungen auögefkredten, obgleich
in Todesruhe verbleibenden Rieſen verlieh ihnen das Ausſehen von
Mumien. warz gefärbt und in Roth ſchimmernd, fahen fie aus,
als ob der Tob fie in fieberhafter Unruhe überrafcht und zu ewigem
Schlafe at hätte. Das tiefe Schweigen, das hier herrichte,
war unheimlich. ö
„Wo befinden wir uns, mein Freund?“ fragte Golfin, „ich ge-
ftehe, es ift mir zu Muthe, als ob ein Alp mich brüdte.“
Dieſer U der Gruben wird la terrible genannt“, erwiderte
ber Blinde, auf den bie Gemäsftimmung des zufälligen Reiſelame⸗
raden ohne Einfluß war. „Er wurde bis vor zwei Jahren bear»
beitet, als die Galmeigänge aufhörten. Jetzt arbeitet man in anderen
Gruben. Das, was Ihr Erftaunen erwedt, find Blöcke von eifen-
haltigem Thon, ber übrig geblieben ift, nachdem das Metall, um deſſen
willen man ‚die Gruben bearbeitete, gewonnen worden war.
Anbli fol befonders im Mondfchein unbefchreiblich großartig fein,
ich Tann natürlich nicht darüber urtheilen.“
„Ein großartiger Anblid“, beftätigte Golfin, „obgleich er bei
mir mehr Furcht als Vergnügen ermwedt, weil er mic an meine
Neuralgie erinnert. Es fommt mir vor, als ob ich mid) im Inneren
— — befände, das von entſetzlichen Kopfſchmerzen heim—
geſucht ift.“
Choto, Choto, ici!“ rief ber Blinde. „Nehmen Sie ſich in
acht, mein Hert, wir gelangen jegt in einen Gang hinein.“
Golfin fah, wie der Blinde nach einer Kleinen Deffnung ging,
AMarianela. 653
Stode voranfühlte. Der Hund fprang voraus,
ange umherſchnüffelnd. Der Blinde folgte ihm
t, die einen Menfchen, der in ewigem Dunkel
flegt. Golfin jchritt Hinter ihm her, ohne ein
Unbehagens unterdrüden zu können.
ich“, bemerkte er, „daß Sie fich, ohne irgendivo
värts bewegen fünnen.“
ufgewachien und fenne die Gruben von Schritt
ivd es falt, hüllen Sie fi gut ein, wenn Sie
Wir fommen bald ins Freie hinaus.“
t der rechten Hand die Wand, die mit fenfrecht
zimmert war. Dann fagte er:
ı gut vor, daß Sie nicht Über die Weichen, welche
gelegt find, ftolpern! Das oben gewonnene
ab und durch diefen Gang ins Freie gefchafft.
t, mein Freund, find Sie ficher, daß uns nicht
Es lommt mir vor, als befände ich mich im
werd. Pflegen Sie oft in diefer ſchönen Gegend
jeiten des Tages. Ich befinde mich hier außer-
un fommen wir aufs XTrodene, hier iſt reiner
gehen wir wieder auf Stein, — bier träufelt:
jer durch das Geftein, — jet gehen wir über
chem man zahlreich verfteinerte Mufcheln findet,
Nejem Moment befinden, ift Schiefer. — Hören
ı quaft? Jetzt find wir nahe beim Ausgange.
ie ihre Beligerin figt hier jeden Abend.“
roſchꝰ
wollen. — Jetzt find wir gleich draußen im
aß ich auß der Ferne ein paar Augen uns be
Als ſie tns Freie gelangt waren, hörte der Reiſende denjelben
wehmüthigen Geſang wie vorhin. Der Blinde blieb ftehen und
fragte mit einem Lächeln, das ſowohl Freude als auch Stolz aus-
zubrüden ſchien: „Hören Sie?“
„Sa, ich habe diefe Stimme ſchon einmal früher gehört, und fie
gefiel mir jehr. Wer ift denn dort, der da fingt?“
Anftatt zu antworten, rief der Blinde mit der ganzen Kraft
feiner Lungen: „Nela! „Nela!“
Das Echo wiederholte diefen Auf in der Nähe und in der Ferne.
„Komme nicht hierher, ich komme zu Dir, erwarte mich beim
Eifenhammer!*
rauf wandte er fi) an den Reijenden und fagte: „Nela ift
meine Führerin. Wenn «3 finfter und fühl zu werden beginnt,
fehren wir zujammen von der großen Wiefe zurüd. Mein Water
654 Marianela.
will nicht, daß HF mich unvorjichtig der Aben
deßhalb wartete ich in einer Hütte am Wege, o
tief, um meinen Mantel zu holen. Aber da erin
daß ein Freund mich ze Haufe erwartete, ich wi
ging mit meinem Hunde die Gruben hinab, wo
Eifenhammer werden wir ung trennen, denn m
zufrieden fein, wenn ich länger ausbleibe. N
weiter führen.“
„Hier muß ſich irgendwo Waffer befin
Neifende.
„Das Geräuſch, das Sie Hören, und das |
tönt, verliert fih in einem Abgrund links von
wie tief er ift, und ebenfo wenig weiß man, wo
Viele glauben, daß es bei Ficöbriza ins Meer :
es fei ein Fluß, der ins Innere der Erde wie ı
jemals wieder ans Tageslicht zu kommen.“
„Und niemand ift in diefen Abgrund hinab
„Man kann nur auf eine einzige Weife do:
„Wie meinen Sie das?“
„Zudem man fich Hinabjtürzt. Aber nic
wieder_zurüdgefehrt.“
„Das ift fchabe, denn fonjt würde man «
fich im Asgrunde befindet.“
„Die Deffnung zu demſelben ift ziemlich w
aber vor zwei Jahren fanden die Grubenarbeite
Schieferwand, an welchem man denfelben kochen:
wie an ber Oeffnung hörte. Diefe neu entdeckt
her mit den Gängen im Inneren zufammenhäng
Luft von oben hineinftrömt. Am Tage können
lich fehen, man kann fich auch bequem dicht 1
aber vielen wird bange vor dem Getöfe, dad m
Nela und ich figen gerne dort. Man glaubt,
dem Ohr zu hören. Nela behauptet, daß fie
könne, aber ic) habe nie folche gehört. Das
ftet3 gleich einem Gemurmel oder eher, als ob j
le, Manchmal erklingt es wie betriib
öulic) aber viel Öfter jcheint es böfe oder höf
„Was mic) betrifft“, fagte der Reiſende lär
mir, als ob jemand gurgle.“
„Sa, von hier tönt c& wirklich fo, aber w
länger aufhalten, wir müjfen noch einen Gang
„Was? Noch einen Gang?“
„3a. In der Mitte theilt er ſich und dann
von engen Gängen. Das find Stollen, die fri
fpäter verlaffen worden find. Es ift ein vollfon
wärts, Choto!“
Der Hund drang durch eine jchmale De
Aarianela. 655
Wicfel, das ein Kaninchen verfolgt. Der Blinde fühlte mit feinem
Stode auf dem engen und fchlüpfrigen Wege vor fich hin und fchritt
dem Neifenden voran. Nie zuvor hatte diefer einen in jo hohem
Grade entwidelten Taftfinn gefehen. Der Stock ſchien die Eigen-
Kohn der Hand angenommen und gleichjam Leben erhalten zu
n.
„Wiſſen Sie, wie es mir hier vorkommt?“ ſagte der Reiſende,
der bemerkt zu haben ſchien, daß der Blinde Vergleiche liebte. —
„Diefer Wirrwarr von Gängen erfcheint mir wie die Gedanken
eines ſchlechten Menjchen; ich jelbit glaube hier der böje Gedanke
u fein, der in das Gewiljen des Menjchen eindringt und fich jelbjt
in aller feiner Widerwärtigfeit erfennt.“
Golfin glaubte einen Moment, daß fein Begleiter ihn vielleicht
nicht veritanden hätte, aber diejer antwortete: „Für denjenigen, der
das mir unbefannte Reich des Lichtes fennt, ten wohl dieſe
Gänge traurig erfcheinen, aber ich, der in der Finiterniß lebt, finde
hier etwas, das mit meinem eigenen Wejen übereinjtimmt. Ich gehe
bier ebenjo bequem einher wie auf der breiteften Strafe. =enn
nit mandjmal die Luft fo — und die Feuchtigkeit ſo groß
wäre, würde ich dieſen unterirbiſchen Ort allen anderen, die ich
kenne, vorziehen. In meinem Gehirn fühlte ich etwas ähnliches wie
Sie vorhin beim Durchſchreiten des Ganges bemerften, und in dieſem
Gange, wo wir uns jet befinden, jchiveben meine Gedanken frei
umber“
„Ach, wie entjeglih muß es doch jein, nie das Blau des Hims
melögewölbes jehen zu fönnen! Hören Sie, mein Freund, nimmt
denn diefer Gang gar fein Ende?“
„3a, wir find bald draußen... Sie fprachen von dem Him-
melögewölbe. Sch ftelle es mir wie eine große, runde Kuppel vor,
die man ftets mit den Händen zu ergreifen glaubt, ohne fie doch
jemals zu erreichen.“
Sie waren aus dem Gange hinausgetreten. Golfin athmete die
frifche Luft in vollen Zügen ein. Wie jemand, der von einer großen
Bürde befreit worben iſt, blidte er zum Simmel empor und vief:
„Gott. jei Dant, daß ic) euch, Sterne des Himmels, wiederjehe! Nic
mals feid ihr mir jo ſchön vorgefonmen wie in diefem Augenblide.“
„Sm vorbeigehen“, fagte der Blinde, indem er einen Stein, den
er in der Hand trug, zeigte, „habe ich diefen Kriftall mitgenommen.
Können Ste behaupten, daß Ddiefer Stein, deſſen feine Form mir
ein Gefühl anzeigt, nicht ſchön ift?“
„Lieber Freund“, fagte Bolfin gerührt und voll Mitleid, „es
traurig, daß Sie nicht begreifen fünnen, daß diefer Stein nichts
deutet im Vergleich mit dem Firmament, das mit feinem wunder—
ren Licht über und ausgejpannt ift.“
Der Blinde erhob betrübt den Kopf und fagte in dem Tone
siefften Niedergeſchlagenheit: „Iit e8 wahr, daß fid) dort Sterne
nden
656° Marianela.
„Gott iſt groß und barmherzig“, ſagte Golfin, die Hände auf
die Schulter feines Begleiters legend, „wer weiß... wer weiß... .?
Man muß täglich die wunderbariten Dinge erleben.“
Dit diefen Worten firirte er fcharf den Blinden, indem er das
ſparſame Licht benußte, um die Pupille deffelben zu betrachten.
Mit einem traurigen Lächeln jagte der Blinde, da er verftand,
was ber Fremde meinte: „Ach, ich habe feine Hoffnung!“
Sie waren indefjen auf einen offenen Platz gelangt. Im Mond-
ſchein ſah man weit ausgedehnte Wiefen und eine Gruppe von
weißen Häufern.
„Dort links wohne ich; hier oben ftehen drei Häufer, das ift
alles, was man von der Stadt Aldeacorba noch vorfindet. Alles
andere ijt verfchwunden, weil die Hausbefiger ein vu nad dem
anderen verkauft haben, als fie erfuhren, daß fie auf einem reichen
Lager von Galmei wohnten. Unſere Vorfahren faßen auf Miltionen,
ohne daß fie es wußten.“ rs
Ein Mädchen, ſchnellfüßig und mager, kam ihnen jchnell ent—
gegengefprungen.
5 „ale, ſagte der Blinde, „haft Du mir meinen Mantel mit
gebracht?“
a3 Mädchen hing den Mantel um feine Schulter.
„Haft Du vorhin gejungen?“ fragte der Reiſende. „Weißt Du,
daß Du eine ſchöne Stimme Haft?“
„3a“, fagte der Blinde, „fie fingt ſehr ſchön. Nela, führe diejen
Herrn jegt weiter. Ich bleibe Hier, ich höre bereit? meinen Vater
— Er wird mich ſicherlich ſchelten, — — ich komme,
ich komme!“
„Eilen Sie nun nach Hauſe, die Luft iſt kalt und könnte Ihnen
ſchaden. Ich danke Ihnen für Ihre Führung und ich Hoffe, daß
wir gesunde werden. ch werde einige Zeit hier verweilen, ich bin
ein Bruder des Ingenieurs Karlos Golfin.“
„D, Don Karlos ift mein und meines Vaters Freund, er ers
wartete Sie bereits gejtern.“
„Ich kam erjt gegen Abend nach Villamojada, man jagte mir,
daß Socartes nicht En K und daß ich zu Fuß dahin gehen könnte.
Da mir die Gegend gefiel und ich mir aud) Bewegung machen
wollte, ging ich, wie die Leute mir fagten, gerabeaus und fchidte
meine Bagage mit dem Bogen auf dem Landwege nad) Socartes.
Leben Sie wohl, die Kleine Nela wird mich führen.“
UL
Bas Bwiegefpräd.
„Halt, Mädchen“, fagte Golfin, „geh' nicht fo ſchnell! Lak mid
erft eine Cigarre anzlinden.“
Es war fo ftill und zubig in ber Luft, daß Golfin jeine Cigart
anzünden konnte, ohne jene Vorſichtsmaßregeln zu treffen, die dü
—ñi
AMarianela. 657
Luft anzuwenden pflegen. Als er das Streich
befeuchtete er damit Nelas Figur und ſagte in
tomm hierher und laß mic, Dein Geficht Sehen!”
vetrachtete ihn mit Erftaunen. Während des
n dem das Streichholz noch brannte, Teuchteten
wie glühende Kohlen. Sie jah wie ein Kind _
ıd mager war, aber aug zugleich wie ein er⸗
eil ihre Urtheilskraft und ihr Selbſtbewußtſein
ſen war. Ungeachtet dieſes Kontraſtes war ſie
n und trug ihren kleinen Kopf mit einem ge—
fe meinten, daß fie einer großen Dame gliche,
Vergrößerungaglas gefehen. Andere meinten,
ausjähe mit vollen, ausgewachjenen Frauen-
e zum erjtenmal jah, wußte man nicht, ob man
ndern oder vielmehr das Stillftehen ihrer Ent»
te.
u?“ fragte Golfin, der das Streichholz, da es
ennen begann, jallen lieh.
ich, fechzehn Jahre alt bin“, antwortete das
inerjeit3 ihn aufmerfjam betrachtete.
! Aber dann bift Du ja im Wachen zurüc-
aus, als ob Du Höchttens zwölf Jahre alt
Gottes!“ rief das Mädchen mit einem Tone
iß aus, „fie jagen auch, daß ich eine Miß⸗
?“ wiederholte Golfin, indem er feine Hände
„So, jagen fie das? Komm, laß uns weiter
fich jedoch befonbers zu beeilen; fie hielt ſich
wer Seite des Fremden, als ob fie feine Gefell-
: Ehre hielte. Sie war barfuß, ihre Heinen,
die genauefte Bekanntſchaft mit allen Uneben-
hre Kleidung war furz, und von geringwerthi-
Kleidung jowohl, wie das kurze, loſe herab-
gefräufelte Haar — alles zeugte von einer
ıer gewiſſen Unabhängigkeit, die vielmehr an
ne Bettlerin erinnerte. Im Gegenfage zu der
> ftand Die verfchämte und zurüdhaltende Art,
d die auf einen bejtimmten Charakter fchließen
me lag ein angenehmer Ton, eine natürliche,
r Burc) künſtliche Mittel angelernte Artigkeit,
ir auf den Boden als auf den Himmel gerichtet,
varf fie diefelben verftohlen auf den Fremden.
gte Goffin, „lebft Du in den Gruben? Iſt
yäftigt?"
ich weder Vater noch Mutter habe.”
658 ‚Marianela.
„Armes Kind! Dann arbeitejt Du wohl felbft im Bergwerk?"
„Rein, Herr! Ich tauge zu nichts“, wieberholte das Mädchen,
indem es die Augen niederjchlug.
„Aber Du bift wirklich viel zu verfchämter Natur, mein Kind!“
Golfin beugte fih herab, um ihr ins Gelicht zu jehen. Es
war mit Podennarben bededt. Die Form des Kopfes war oval, die
Stirn niedrig, die Nafe dünn und fpig, aber nicht häßlich, die Augen
kimaz und lebhaft, jedoch meift mit dem Ausdrud des Kummer.
‚hr urjprünglich Dunfelrothes Haar hatte, ohne Pflege wie es war,
feine urjprünglich dunkle Farbe durch die Sonne, die Luft und den
Staub verloren, ihre Lippen waren fo dünn, daß man fie faum
jehen fonnte; ihr Mund lächelte fait immer, aber man fah an ihm
nicht den Ausdrud der Begehrlichfeit und der Leidenjchaft, die den
Mund des Bettlers gewöhnlich entftellen.
Golfin ftreigelte ihre Wangen mit feiner feinen Hand und
Tagte: „Armes Kind, der liebe Gott ift nicht freigebig gegen Dich
geweſen. Bei wen wohnſt Du?“
„Bei Herrn Genteno, der mit den Maulefeln hier unten die
Aufficht Fr:
„Du ſcheinſt nicht im Ueberfluß emporgewachfen zu fein. Wer
war Deine Mutter?“
„Die Leute fagen, daß meine Mutter Heine Saden auf bem
Markte in Villamojada verkaufte. Ich wurde am Allerheiligentage .
geboren, und dann ging meine Mutter als Amme nad Madrid.“
„Eine bübfche Mutter!“ ſprach Golfin vor ſich hin. „Dann
weißt Du wohl nicht, wer Dein Vater war?“ .
„Ja“, erwiberte Nela mit einem gewiffen Stolz, „mein Bater
war erfter Laternenanfteder in Billamojada.“
„Nun, das war doch etwas!“
Als die Behörde bejchloß, daß Bilfamojabe Straßenbeleuchtum:
ben follte*, fuhr das Mädchen mit einer Wichtigkeit fort, als o)
ſie ein großartiges, hiftorifches Creigniß erzählte, „befam mein Vater
ie Anftellung, die Laternen zu pugen und anzuzünden. Mein Vater
wohnte mit meiner Tante, die mich erzog, zuſammen. Wenn mein
Vater abends ausging, um die Laternen anzuzünden, nahm er mid)
in einem Korbe mit, in welchem er Die Lampengläfer, das Del und
die Dochte bewahrte. Einmal, als er die Laternen auf der Brüde
anzünden follte, fiel ic) aus dem Korbe in den Fluß. Heilige
Mutter Gottes, die Leute fagen, daß ich, bevor ich dort hinabfiel,
recht hübſch gewefen fein fol.“
„Gewiß warjt Du das, und Du bift es noch”, fagte der Frem
mit mitleidiger Freundlichkeit. „Aber fage mir, wie lange hajt ”
hier in den Gruben gelebt?“
„Die Leute fagen, dab ich hier dreizehn Jahre gewejen L
Meine. Mutter nahm mich zu fi, nachdem ich in den Fluß gefalı
war. Dann wurde mein Vater frank, aber meine Mutter wollte
nicht pflegen, da er nichts beſaß, um für fich zu bezahlen. Infe
Marianela. 659
:al, wo er ftarb. Die Leute jagen aud), daß
bichiedete, weil fie zu viel Branntwein trank.“
Was machte Deine Mutter dann?“
m großen Loch dort oben und ftürzte fich
nicht wieder herauf?“
noch dort unten“, antwortete das Mädchen
. 1e der Welt.
„Und feitdem haft Du hier arbeiten müffen? Die Arbeit ift
ſchwer. Du haft Diejelbe Farbe wie das Metall befommen,, das
man hier bricht. Du ſiehſt mager und abgezehrt aus, Du befommft
grib ſchlechtes Eſſen. Diefes Leben fann auch den Fräftigften
örper zerſtoͤren.“
„Nein, Herr, ich arbeite nicht, Die Leute ſagen, daß ich durch-
aus zu nichts tauge. ’
„Ad, Du Thörin, Du bift ein Juwel.“
„Nein, nein, ic fann nicht arbeiten. Wenn id) einmal etwas
tragen fol, dann fühle ich mich fo ſchwach, daß ich umfalle.“
„Das kann wieder gut werben, wenn Du zu Leuten kommit, die
Dich zu behandeln verftehen, dann wirjt Du auch arbeiten können.“
ein, Herr, mich zur Arbeit benugen wollen, hieße nur andere
behindern und befchweren.
„Biſt Du denn eine umtreiberin?”
„Nein, ich führe Pablo.“
„Wer ift Pablo?“
„der blinde, junge Dann, den Sie in der Grube trafen. Seit
anderthalb Jahren bin ich feine Führerin, ich begleite ihn überall,
wir fpazieren viel im Freien.“
„Pablo fcheint ein angenehmer, junger Mann zu fein?“
Bei diefen Worten blieb Nela ftehen, fah dem ‘Fremden mit
vollem Ernfte ins Auge und ſagte mit einem Blicke, der vor Ent»
üden ftrahlte: „Heilige Mutter Gottes, er ijt der beite Menfch auf
den! Mein armer Herr hat, obgleich er blind it, mehr Verſtand
als alle, die ſehen können.”
„Mir gefällt Dein Herr. Sit er nicht hier aus dem Orte?“
Ja, Herr, er ift ber einzige Sohn des Don Franzesco Pens-
guilas, eines jehr guten und reichen Herrn, der in Aldeacorba wohnt.”
„Nun, mag Dein Herr Did) leiden?“
„sa, er iſt fehe gut zu mir. Er fagt, er fehe mit meinen
gen, weil id) ihn überall hin führe und ihm alles beſchreibe. Er
jt mich, wie ein Stern ausficht, und ich ſage es ihm fo genau,
er ihm fat ſelbſt zu fehen glaubt. Auf dieſelbe Weiſe mache
es mit den Gewächien, den Wolfen, dem Himmel, dem Wajfer,
Bligen, mit einem Worte mit allem, was man ſich benfen kann.
age ihm, was häflich und was ſchön ift, und auf diefe Weife
» ihm alles klar.“
Sch ſehe wohl, daß Du nicht geringe Mühe mit ihm haben
660 Marianela.
mußt. Was häßlich und was ſchön iſt — — alſo Du beſchäftigſt
Dich mit ſolchen Sachen. Kannſt Du leſen?“
„Nein, En ich jagte Ihnen ja bereits, daß ich zu nichts tauge.“
Diefe Worte ſprach das Mädchen in einem Tone der Hefften
Ueberzeugung und mit einer Geberde, al3 ob es fagen wollte: „Wie
können Sie jo dumm fein fi) einzubilden, daß ich etwas fönnte?“
„Würde es Dich nicht freuen, wenn Dein Herr von feiner Ylind-
heit geheilt würde?“
Das Mädchen antwortete anfangs nichts, dann jchlieklich rief
es: „Heilige Mutter Gottes, das iſt unmöglich!“
„Unmöglich ift e3 nicht, obgleich es jehr ſchwer ift“.
„Der Ingenieur, der dem Bergwerk vorftcht, hat dem Water
meined Herrn Hoffnung gemacht.“
„Don Carlos Golfin?“
„a, Herr! Don Carlos Hat einen Bruder, der Augenarzt ift.
Er behauptet, daß derjelbe Blinden das Geficht wiedergeben und Die
Augen der Schielenden gerade richten könne.“
„Das muß ein tüchtiger Mann fein!“
„3a, Hert, und da der Arzt an feinen Bruder fchrieb, daß er
ihn hier zu bejuchen beabfichtige, fo bat ihn Don Carlos, daß er
feine Inftrumente mitbringe, um Pablo jehend zu machen.“
„Nun, ift der gute Mann gefommen?“
„Rein, Herr, er hat zu viel in Amerika und England zu thun,
ſodaß er nicht hierher fommen konnte. Aber Pablo lacht nur dar-
über und iagt, da der Mann ihm jchwerlich etwas geben könne,
was die gi ige Jungfrau ihm bei der Geburt verfagt habe.“
„Vielleicht hat er recht, aber fage mir, find wir bald am Biel?
Ich ſehe Schornfteine, aus welchen ein Rauch ſchwärzer als der Ab-
grund emporfteigt.“
„3a, Herr, der Rauch fommt aus Defen, die Tag und Nacht
brennen.”
Alles ſchien gleihjom unter einer Dede von Rauch und Ruß
zu liegen. Schwarze Mafjen dick, fi) in phantaftifchen For-
x
men in dem unficheren Mondjchein ab. 5
„Diefe Gegend einmal zu fehen, muß angenchmer fein, als hier
für immer zu wohnen“, jagte Golfin, der ſchneller zu gehen begann.
„Die Rauchwolken hüllen alles in Finſterniß ein, fogar die
Lichter verdunfeln fie.“
Sie gingen an den Defen vorüber, deren Hige fie ſchneller zu
jehen zwang. Kurz darauf befanden fich die Wanderer mitten vor
dem von Rauch beimugten WVohnhaufe, aus dem die Töne eine?
Pianos erklangen.
„Ah, meine Frau Schwägerin fpielt”, fagte er.
Das Licht in dem Zimmer Teuchtete Far und freundlich dur
das Fenſter, die Balfonthüren ftanden offen. Man jah einen Klein
Lichtpunkt auf dem Balkon glimmen. Bevor der Fremde an d
Hausthür gelangt war, fiel ein Eigarrenftummel von oben herab.
Marianela, 661
„Da habe ich meinen bejtändigen Raucher“, rief der Neijende
mit einer Stimme, die vor der Freude des Wiederſehens und der
Geſchwiſterliebe vibrirte: „Carlos, Carlos!”
Teodoro!“ ertönte die Antwort vom Balkon.
Das Sortepiano ſchwieg. Man hörte fchnelle Schritte im
Haufe, der Reifende gab feiner Führerin eine Silbermünze und eilte
in® Haus.
W.
Familienleben.
Nela eifte fort nad) einem Haufe, das zwiſchen den Hochöfen
und den Ställen gelegen war, in welchen bie zum Grubenbetriebe
ehörigen Maulefel ihr Quartier hatten. Das Haus, in welchem die:
Famile Centeno wohnte, war neu, aber dennoch weder hübſch noch
quem. Es war niedrig und. hatte nur drei Zimmer, ſodaß es rechi
knapp mit dem Plate für die Familie ausfah, die außer den Eltern
aus vier Kindern, der Katze und Nela beftand. Das Innere dieſes
Haufes fonnte die Wahrheit ber Behauptung Nelas beweifen, daß
fie nicht bloß felbft zu nicht? taugte, fondern auch anderen hinder⸗
lih war. Für alles fand man einen Platz, für die Samilie Centeno,
für Die Werkzeuge, die im Haufe gebraudt wurden, für die Guitarre
des einen Sohnes, für die Materialien, aus welchen derjelbe Körbe
verfertigte, für ein halb Dugend alter Sattelzäume für die Maul—
thiere, mit einem Worte für alles, außer für die Tochter des Lam«
penanzünderd. Stets hörte man fagen: „Man kann wirklich nicht
einen Schritt thun, ohne auf diefe verdammte Nela zu jtoßen“, oder
& hieß au: „Geh’ in Deine Ede, pfui, ein jo unangenehmes Ge—
Thöpf! Sie taugt zu nichts und hindert andere, etwas zu thun!“
Das äuferfte Binnmer wurde zur Schlaffammer für die Eltern
benugt und bildete gleichzeitig das Eßzimmer. In dem anderen.
{chliefen die beiden erwachjenen Töchter Mariuca und Pepita. Der
ältefte Sohn, Tomafio, ſchlief auf dem Boden, der jüngſte, Celipe,
der erft zwölf Jahre alt war, in der Küche, dem duntelſten und
eingeräuchertiten Theile des ganzen Haufes.
Während ber Jahre, welche Nela bei der Familie zugebradht,
— ſie ihren Platz in dem entfernteſten Winkel, aus welchem ſie
ortwährend berjagt wurde, je nachdem die Familie den Platz zu
etwas anderem gebrauchte. Tomaſio, deſſen Beine ebenjo gekrümmt.
waren, wie fein Verftand befchränkt, hatte als Befchäftigung das
erfertigen großer Körbe ergriffen, von denen niemand wußte, wozu
verwandt werben follten. Schließlich ftand ein ganzes Dugend
jer Riefenförbe in ber Küche aufgeftapelt. Gerade zu berfelben
it war Nela von dem legten bisher ledigen Winfel verjagt worden.
we Blicke fehweiften fehnell umher, ohne daß e3 ihr gelang, einen
tz zu entdeden, wo fie während der Nacht fchlafen konnte. Da.
ım fie einen glüdlichen Einfall, fie frocd) in einen der Körbe und
662 Marianela.
brachte die Nacht dort in tiefem Schlafe zu. Das war zweifelsohne
ein bequemer Platz, und wenn es ſie fror, deckte ſie einen anderen
Korb über ſich
Während des Abenbefjens führte man gewöhnlich ein febhaftes
Gejpräh über Die im Laufe des Tages audgeführten Arbeiten.
Mitten in diefem allgemeinen Geplauder konnte mar hin und wieder
eine Aufforderung hören: „Komm her“, und Nela erhielt dann von
irgend einem aus der Familie einen Teller mit etwas Eſſen. Ein
ander Mal hörte man Vater Centeno mit feiner Beiferen Stimme
feine Frau daran erinnern, daß fie der armen Nela noch nichts ge-
geben habe, oder es fonnte auch gefchehen, da Senana (jo nannte
man Gentenos Frau — Senora Ana) unter ihren Kindern eine
magere Geftalt fuchte und fchließlich jagte: „Nun, da bift Du ja, ich
glaubte, daß Du heute auch in Aldeacorba bleiben würdeft.“
Nach der Mahlzeit beteten fie den Roſenkranz. Gleich Bacchi
Priefterinnen wankten Mariuca und Pepita, die Augen mit den
groben Händen reibend, zu Bett, dann hörte man ein regelmäßi
und energijches Schnarchen bi8 zum Morgen. Tanafio jtredte ſich
auf dem Boden und Celipe legte fich auf den zerriffenen Filzteppich
nicht fern von ben Körben, in welchen Nela verſchwand.
Wenn die Kinder dann zur Ruhe gegangen waren, blieben die
Eltern noch eine Weile auf. Centeno nahm eine Zeitung und machte
alle möglichen Grimaffen, welche feine emergifche Abſicht, leſen zu
wollen, anbeuteten. Senana nahm aus einem Koffer einen Strumpf
hervor und zählte die darin befindlichen Silbermünzen, um biefelben
dann wieder forgfältig in den Strumpf zur verbergen. Dann nahm
fie mehrere in Papier eingewidelte Goldmünzen hervor. Während
deffen hörte man hin und wieder einige abgebrochene Aeußerungen,
wie: „Ich habe 22 Real für Mariuca ausgegeben — — nod) fehlen
uns 11 an 500 — —“ ober auch: "die Detmen De—pu—tir—ten,
welche für den Vorſchlag ftimmten, — geftern fand eine Sig—fig—
ung—jtatt.“ Senanas Finger zählten. Centeno folgte mit Mühe
n Buchitaben, durch deren Labyrinth fein Verjtand einen Weg
ſuchte. ch und nach wurden aus ben Silben Worte und Sätze
dann hörte man nur noch lautes Gähnen, und ſchließlich wurde alles
ftil. Während der Nacht, von der wir hier fprechen, hörte man ein
Geräufeh in den Körben. Celipe, der noch nicht eingeichlafen war,
gewahrte, daß die Körbe ſich von einander trennten und Nela in
der Deffnung zum Vorjchein fam.
: „Celipe*, fagte fie, „Ichläfft Du?“
„Nein, Nela. Du fiehft ja aus wie eine Maus, was
willſt Du?“
„Sieh, hier ift ein Franc, den mir der Herr heute gejchent.
nimm ihn! Wieviel haft Du fchon gejammelt? Bisher habe
Dir nur Kupfermünzen ſchenken können, aber heut kann ich Dir -
lich Silber geben.“
„Gieb her, ich danfe Dir! Wenn ich alle Kupfermünzen
|
Marianela. 663
Du mir gegeben haft, zuſammenrechne, dann habe ich ſchon mehr ala
acht Frans befommen.“
Ich brauche Fein Geld. Aber Hüte Dich, daß Senana etwas
merkt, fie glaubt fonft, daß Du das Geld zu unnügen Dingen ver-
wenden willit, und dann bekommſt Du Schläge.“
„Nein, Nela, Du weißt, daß ich das Geld gebraude, um ein
ordentlis Kerl zu werben. Am nächſten Sonntag werde ich ein
A⸗B⸗C-Buch in Billamojada faufen, um leſen zu lernen. Hier laffen
fie mic) ja nichts lernen. Selbſt Don Carlo war der Sohn eines
Mannes, ber in Madrid die Strafen fegte, und wieviel hat er nicht
gelernt! Keiner hat ihm geholfen.“
„Nun, und Du Beabfichtigft es auf dieſelbe Weife zu machen?“
„3a, gewiß, da meine Eltern mich nicht aus dem verdammten
Bergwerk herausnehmen wollen, jo miß ich mir ſelbſt einen Weg
bahnen, id) bin zu gut, um bier ewig zu bleiben. Sobald ich ge-
zig Geld gejammelt habe, gehe ich jofort nad) Madrid, um mein
ick zu verfuchen.“
„Beige — Gottes! Was iſt das für ein Geheimniß, wo⸗
mit Du Dich trägſtꝰ⸗
„Hältſt Du mich für einen Narren, Nela? Ich ſage Dir, daß
ich hier nicht länger zu bleiben vermag. Ich weine die ganzen
Nächte und... Glaube nicht, daß ich fehlecht bin, aber ich muß
& Dir fagen, doch Dir allein .. .“
„Was denn?“
„Ich habe meinen Water und meine Mutter nicht fo lieb, wie
ich eigentlich ee j
„Sagft Du das, dann befommit Du fein Geld mehr von mir.
Bedenke, was Du ſagſt.“
vermag nicht, gegen diejes Gefühl zu kämpfen. Du fiehft
es ja felbft, wie jchlecht wir per haben. Wir leben nicht wie
Menfchen, jondern wie Thiere. Manchmal komme ich mir ſelbſt viel
geringer ald ein Maulefel vor. Einen Korb mit Erz Fr nehmen, ed
ur den Wagen zu werfen und den Augen nad) dem Ofen zu fchie-
ben ... der, welcher viele Jahre mit Diefer Wrbeit zugebracht hat,
der muß fchließlich elend werden.“ (Hier begann der unglückliche
Knabe bitterlich zu weinen.) „Wenn ic) meinen Eltern jagen würde,
daß fie mich von hier wegſchicken und mich ftudiren laſſen möchten,
jo mrben fie jagen, daß ic) ein Narr bin. Nun, was fagft Du
Dazu?"
„Was ſoll ich dazu fagen? Ich tauge ja zu nichts. Nur das
mn ih Dir fagen, dab Du KR übles von Deinen Eltern
nken darfft.“
„Das jagft Du nur, um mich zu tröften, aber Du weißt ſehr
r, daß ich recht habe, und ich glaube auch, daß Du jet weinſt“
„OD ja, jeder hat Veranlaffung zur Betrübniß. Aber es tft fpät,
r müffen Hafen“ .
*
”
664 Mar
Man hat fich vielfältig übe
° Städten herricht, beflagt, aber m.
hat der Landbewohner. Für eii
tirt fein göttliche oder menjchli
irgendein moraliſcher Begriff. J
gaube, gepaart mit dem Verlang
jauer, von der Leidenſchaft behe
ſcharren, um fie fpäter gegen €
Gold umzumwechfeln, ift das niedri
Senana und ihr Mann fam
Kinder eine tägliche Einnahme, di
in dem Bergwerk bei Socartes ni
lich vorgefommen fein würde. Di
Manne und ihren Kindern weni
gewiffenhaft an fie abliefern uf
ten, jondern gebuldig das Efend
Senana ganz ruhig die Sache ihr
es nicht, ehe fie Betten für fie aı
veranlagt fand, fie mit einigerm
jehen! Wie gering auch bie lei
Ihrigen verabreichte, jo war es no
rung beſtellt. Die Eltern buchſtal
hielten ich infolge defjen für unge
ten fie auch, daß Schulbildung ga
Die Mutter beherrfchte die J
zeigte mitunter Neigung zur Opp
nicht, weil fie glaubte, ihre Kinde
um glücklich zu fein. Sie hielten
giebt viele Arten zu Lieben!
Da die eigenen Kinder auf
ann man ſich fchon denken, wie $
und außerdem ein volltommen u
fein Recht hatte, das Dafein zu f
weniger Nahrung und Herberge
feft davon überzeugt, daß ihr Edel
ie Nelas Teller füllte, fagte fie
ch meinen Pla im Himmel verd
Sie begriff nicht, baf ein |
liche Behandlung manchmal viel t
Nie hörte Nela irgend etwas vo
ihr Elend und ihre Niedrigkeit zu
beffer. Denn fie wurde menigfken
Freilich, ftrafte man das Mä
lich ein, daß diefer Vorzug nur i
verächtliches Mitleiden mit ihrer
als hätte man zu einem der arm
{chöpf, es wäre beifer, Du wareſt
Deine, Google
j . u
20
I
Martanela. 665
V.
Penäguitas.
Der in Ringen emporfteigende Rauch der Hochöfen, welde die
ganze Nacht hindurch gearbeitet hatten, begann nad) und nad) eine
hellere Farbe anzunehmen. Die Sonne erhob fich über die Berge,
und nad) und nad) wurde ganz Socartes mit feinen röthlichen Sand-
fteinhügeln und feinen vom Rauch geihwärzten Gebäuden fichtbar.
Die Glode rief zur Arbeit, und hunderte von Menfchen famen, noch
mit dem Schlaf in den Augen, aus ihren Wohnungen heraus. Lang-
ſam verfießen die Maulefel ihren Stall und begaben ich allein nad)
der Tränfe. Dann wurden fie vor die langen Wagenreihen gefpannt,
um das Erz in bie Hochöfen zu bringen. Alles hatte eine rothe
Farbe, jogar der Bach, der Socartes durchfloß, hatte Rofenwafler.
Nela trat aus dem Haufe der Familie Centeno. In der Hand
trug fie ein Stüd Brod, das Senana ihr zum Frühftüd gegeben
te. Eſſend ging fie ſchnell durch Socartes nach dem Haufe in
ldeacorba.
Aus einem neu angeſtrichenen freundlichen Haufe kam ein hoch⸗
gewachſener, junger Mann heraus. Er hatte eine gerade Haltung
und ſchritt, ohne ben Kopf zu bewegen, vorwärts. Auch feine Augen
blidten unbeweglich, fein Geficht war wie von Elfenbein, feine Züge
jo ebel, als ob fie von Phidias gemeißelt wären.
Er ſchien ungefähr zwanzig Jahre alt zu fein. Sein ganzes
Ausfehen war ein folches, daß die Blindheit, bie ihn daran verhin-
derte, jeine eigene Schönheit zu begreifen, ein unerhörter Irrthum
des Schöpfers zu fein fchien. .
Sein Vater, Don Franzesco Penäguilas, war der geachtetfte
aller reichen Grundbefiger der Gegend. Er war redlich, gutmüthig,
freigebig und nicht ohne Bildung. Er hatte feine Feinde, und mehr
aß ein Streit war durch feine Wermittelung beigelegt worden.
Seine Frau war früh geftorben und hatte ihm nur einen blind-
geborenen Sohn hinterlafjen. Dieſe Blindheit war der größte Kum-
mer des Vaters. Wozu nügte ihm all’ fein Reichthum? Was Hatte
er für Freude daran, daf alle feine Unternehmungen gelangen? Er
würde gern feinem Sohne feine eigenen Augen gegeben haben und
während feiner übrigen Lebenszeit felbft blind geweſen fein, wenn
Fr Opfer möglich gewejen wäre. Alles erdenkliche wurde
indeffen. gethan, um dem — Manne das Leben ſo angenehm wie
möglich zu machen. Keiner ſeiner Wünſche wurde ihm abgefchlagen,
feine Mittel gefpart, um ihm eine gute Erziehung zu geben und feine
natürlichen Anlagen zu vervollfommnen.
VI.
Thorheiten.
Pablo und Marianela gingen ins Freie hinaus. Choto ſprang
röhlich vor ihnen her.
Der Salon 1899. Heft VI. Band 1. 4
666 Ma
„Nela*, fagte Pablo, „heut
Luft ift mild umd friid, die, |
Wohin wollen wir gehen?” "
„Auf die Wiefe Hier vor un
mitgenommen ?“
„Sieh nad! Vielleicht find
Oberrodes!*
„Heilige Mutter Gottes, Ei
Kuchen in einem Papier! Ad, n
uns giebt es fein Gebäd.“
„Aber follen wir wirklich he
„Wohin Du willft, mein L
Augen vor Vergnügen ftrahlten.
\ „Nun, dann werden wir nad
aber nur, wenn Du es felbft wil
„Gewiß will ich das, und ı
uns bei der Mühle nieber, die,
fener fpricht und nur halbe Wor
„Scheint die Sonne heute kl
daß fie e3 thut, fo kann ich es
weiß, was Licht ift.“
Ja, EA ſcheint fie jehr El
Denn weißt Du, die Sonne ift
einmal ins Geficht fehen.“
Weßhalb nicht?“
n Weil e8 wehthut.”
Wo denn?“
„Im Auge. Was fühlit Di
‚au meinft, wenn wir beide
Ja.“
Dann kommt es mir vor,
angenehme Weichheit ſich in mein
„Siehſt Du, das war es g
liebe Mutter Gottes, dann weißt
„Mit Friſche?“
Rei
„Womit denn?“
„Mit dem andern.“
"Ich merke, da es Sachen
Früher fuchte id) mir eine Vorftell
und dachte: Wenn die Leute |pre
in Schweigen verharrt und nur I
Dagegen fage ich: Wenn wir beibı
und wenn Wir von einander getri
„Ganz dafjelbe meine ich, ob
Ich werde meinen Vater bit!
jo daß wir ftets beifammen fein
Mariancla, ' 667
Mariancla Hatfchte in die Hände, hob die Nöde etwas empor und
begann zu tanzen. x
„Was thuft Du, Nela?“
Ich tanze. Ich bin fo fröhlich, daß ich nicht ftillftehen kann.“
Sie waren in den Wald gelangt und liegen ſich unter einem
Baume nieder. Das Mädchen pflüdte ein paar Blumen und gab
fie dem Blinden. .
"sch Kann fie nicht fehen und dennoch halte ich fie gern in der
Hand. Mir jcheint, als ob etwas in mir ift, was den Blumen gleicht,
ala ob ich in mein Inneres ſehen künnte.“
„Ja, ich verftehe. Die Sonne, die Sterne, die Blumen und
den blauen Himmel haben wir auch in uns; mir ift es, als ob fie
auch fehen Fönnte, wenn ich die Augen jchliehe.“
„Rela, Du mußt etwas Iernen, was ich felbft nicht kann: Du
mußt Iefen lernen.“
„Und wer joll mich das lehren?“
„Mein Vater. Du weißt, daß er mir nichts abichlägt, Du
darfft nicht länger fo wie bisher leben. Während ber achtgehn Mo—
nate, die Du meine Führerin geweſen biſt, habe ich Dich kennen ge-
lernt; ich weiß alles, was Du benkit, wie gut Du bift, und welche:
Iebhafte Borftellung Du Dir von allem machſt.“
"Sch glaube, daß ich nur geboren bin, um Deine Führerin zu
fein, und daß ich meine Augen nur deßhalb befommen habe, damit.
Du alles Schöne, was bie Erde trägt, jehen mögeft.“
„Sage mir, Nela, wie fiehft Du aus?“
Das Mädchen antwortete nicht. Es fam ihm vor, ala habe es
einen Schlag ins Geficht befommen. (Schluß folgt.)
Henriette Herz. 669
licher Arzt, der auch als Schriftfteller einen be—
»ß, um fie; er war fiebzehn Jahre älter ale
gaben ihm die Eltern das Jawort, da er ein
‚ter und im Beſitz einer geficherten Lebens-
rauf heiratete Henriette den Heinen, häßlichen
weil die Eltern es wünjchten, und weil fie fic)
Schrittes nicht bewußt war; und doch beging
ie Konvenienzehe fchlieht, eine Sünde wider den
Nenfchheit und der Natur, eine Sünde, in der
nd untergehen, während Edle zur Strafe für fie
jemzuge ein unbefriedigtes Sehnen nad) einem
tragen.
ift die Liebe; fie iſt ein unumjtößliches, ewiges
ı Ewigfeit zu Ewigfeit bejtchen wird. Wie der
ıjenden um die Sonne freijt, wie von Urbeginn
chen Tag und Nacht ftattfindet, jo uralt und
wiſchen Dann und Weib, die in der Ehe ihre
findet, die dem Weibe als liebende Gattin, als
‚en Pla anweijt. Diefen Play hat Henriette nie
‚a fie eben eine Konvenienzehe gefchlojjen, in der
zegenjeitige Hochachtung nicht hinausfamen, der
hlte. Henriette Herz fagt ſelbſt darüber: „Dteine
idliches Verhältnig nennen, wenn vielleicht nicht
liche Ehe. Die Ehe bildete für meinen Mann
met jeine® Seins, und nächſtdem war’ die unjere
eſegnet. Wäre mir dies Glück vergönnt geweſen,
eine gute Mutter geworden, wie ic eine gute
das Zeugniß darf ih mir geben: Mein Mann
o gluͤcklich, als er überhaupt durch eine Frau
In dieſen Worten fpricht ſich ihre Sehnſucht
: 68 iſt Refignation in das unerbittliche Schickſal.
ht genug benugt, als ich noch fähig war, zu
n anderer Stelle in ihren Erinnerungen. Einſt
ogin Dorothea von Kurland zum Diner; Prinz
de fie bei der Hand und führte fie vor die edle
Worten: „Betrachten Sie diefe Frau! Und dieje
worden, wie fie es verdiente!" — ein Ausſpruch,
bejtätigt, indem fie jagt: „Recht hat er freilich.
ein Mann gegen mich war, jo liebend er fich die
:ijtes angelegen fein ließ, jo vertrauensvoll er
ewäbhrte, die mir das Leben verfchönen konnte,
fie im Herzen trug, fannte er nicht, ja, wenn ich
fie gleich einer Kinderei zurüd.”
aſſus klingt wie der Angſtſchrei einer gequälten
bh Liebe ftöhnt, nad) der erquidenden Labjal, die
als köſtlichſtes Kleinod in das Herz des Men-
670 . Henriette Her.
chen legte. „Und ob iht redet mit Engelszungen und hättet der
Liebe nicht, es wäre nur tönend Erz und eine Elingende Schelle“,
fagt die Schrift, und auch riette Herz empfand bie befeligende
und doch für fie jo bittere Wahrheit der Worte des Apoftels in voll-
fteın Umfange, und wenn fie ihr Leben aud) ein reiches und ſchönes
nennt, jo fehlte demjelben doch die höchite Seligfeit.
Nichts ift natürlicher, als daß fie Erſatz für diefelbe ſuchte und
denjelben in ihrer gejellfchaftlichen Rolle fand, foweit e8 eben für
Ehe und Mutterglüd ein Surrogat giebt, fo daß ihre Konvenienz-
ehe gewiffermaßen die piychologiiche Urfache ift, daß fie Jahrzehnte
hindurch der Brenupunft des Berliner geieligaftfihen Lebens war.
Zu biefer Rolle befähigte fie in erfter Linie ihre jtrahlende, unver-
leichlihe Schönheit: ihr Wuchs war hoch und edel; eine gefällige
Bit der Formen verhinderte nicht, daß fie den Eindrud des ſchlan⸗
fen madite; fie war eine reine, milde, echt weibliche Schönheit mit
einem klaſſiſchen Profil. Ihre Nafe fegte ſich in faft, Lothrechter
Linie an die Stirn; ihr Heiner Mund zeigte eine Reihe perlenartiger
güne; ihre dunfeln, leuchtenden Augen wurden von fehwarzen
rauen beichattet, welche wunderbar mit der Fülle bes reichen dunkeln
Haares harmonirten.
Zu_diefen berüdenden Eigenfchaften der äußeren Erfcheinung
eſellie fich, nachdem fie einige Sabre verheiratet war, ein gediegenes
iffen, um fie zum Anziehungspunfte zu machen und die Notabili-
täten des Geiftes um fie zu onen. Mit recht durfte fie fpäter
von ſich jagen: „Es giebt kaum eine Wiffenfchaft, in welcher ih mich
nicht einigermaßen wenigſtens umgejehen hätte und einige trieb i
ernit, jo PHyfit und fpäterhin mehrere Sprachen.“ Ihre Ke i
der Letzteren namentlich war bedeutend und erhob ſich weit über das
gewöhnliche Niveau; ſie verſtand erau riechiſch, lateiniſch, fran-
zöſiſch, — italieniſch, ſpaniſch um! ——— und überſetzte
unter Beihilfe Schleiermachers zwei engliſche Reiſewerke: Mungo
Parks Reiſe in das Innere von Afrika (Berlin 1799) und Wald
des Jüngeren Reife in die Vereinigten Staaten von Amerifa (Berlin
1800). Dieſer mühevollen Aufgabe unterzog fie fih, um zur Aus—
fteuer einer armen Verwandtin beizutragen — ein Werk, das jo
echt bezeichnend für ihre aufopfernde Herzensgüte ift.
Diefe und ihr tiefes Gemüt, ihr ftarl ausgeprägtes Freund-
ſchaftsgefühl müffen wir als drittes‘ Moment zur Erklärung ber
Stellung anführen, die Henriette Herz damals in der ——
einnahm. Ganz erklärlich und verſtändlich wird uns dieſelbe jedoch
erjt, wenn wir einen Bli auf die damaligen gejellfchaftlichen Ber-
hältniſſe Berlins werfen. Henriette verheiratete fich ſieben Jahre
vor dem Tode Friedrich® des Großen. Zur damaligen Zeit lag ber
—R Schwerpunkt, ſoweit es ſich um höhere, geiſtige Ge—
— leit Handelt, entſchieden in den Händen der Juden. Die Gebil-
deten bderfelben trieben, angeregt durch Moſes Mendelsfohn, Philo-
jophie und waren den geiftigen Intereffen überhaupt zugethan. Die
Henriette Herz. 671
jüdifchen Damen warfen ſich auf die Literatur, nicht allein auf die
neu erwachende deutſche, fondern auch auf die franzöfiiche, die in
Voltaire ſoeben den legten Vertreter ihrer Glanzperiode hatte hin-
ſcheiden fehen (1778). Es gehörte damals zum guten Ton, dab in
den reichen jüdiſchen Säufern jedermann fließend franzöfiich ſprechen
fonnte; einzelne beſonders Eiftige lajen jogar Shateipeare im Dri⸗
ginaf und die großen itafienifchen Klaſſiker in der Urjprache.
Hierzu ftand der chriftliche Mittelftand in einem ftarf ausge
prägten ee feine Verireter waren beſchränkt; die Frauen
kannten feine geiltigen Interefjen, die Männer waren pedantijch und
fanden ihr Pmirbigftes Beiſpiel in dem gelehrten Buchhändler
Nicolai. Boten fo die hrütlichen Häufer wenig Anziehendes für bie
Geiftes-Arijtofratie, fo war auch der Hof nicht der Sig höheren ‘
geiftigen Lebens; Friedrich der Große war ganz in franzöfijcher Bil-
dung befangen und lieferte in jeiner Schrift über bie deutſche Litera⸗
tur den eflatantejten Beweis, daß er auf diefem Gebiete um Jahrs
zehnte zurüdgeblieben fei; fein Nachfolger, Friedrich Wilhelm IL,
wurde zu ſeht von ben Reizen jeiner Maitrefien, von jeiner Neigung
zu möjtischer Frömmelei in Anſpruch genommen, als daß er jeinen
gef zu einem Site höheren geiftigen Lebens hätte machen können.
Do gähnte übera Kangemeile und Geiftfofigfeit, und der ik
Kreis, der ſich in den Icpten Jahren der Fridericianiſchen Epo
gebildet, nahm alles geijtig bedeutende, ohne Nüdficht auf Religion
und Rang, in fi auf. In Siefen Kreis trat Henriette Herz durch
ihre Verheiratung, und da ihr Mann mit allen damaligen Trägern
ber Intelligenz bejreundet war, jo muß es bei ihrer Schönheit,
ihrem Geift, ihrem Gemüt ganz natürlich erjcheinen, daß fie zu der
großartigen Stellung im gejelliaftlichen Leben gelangte, die fie Jahr⸗
zehnte Ginbure) einnahm, daß ihr Haus der Mittelpuntt deſſelben
wurde, daß fich bei ihr Diplomaten, Künftler, Dichter und Schrift
fteller_einfanden.
Der Ton, welcher in dem Haufe von Marcus Herz herrichte,
war ein von edelſter Vegeifterung für Kunſt, Literatur und Wiſſen⸗
{haft durchglühter. Marcus Herz, der Schüler Kants, hielt bei fich
chiloſophiſche Worlefungen und folche über Erperimentalphyfil; zu
jeinen Zuhörern gehörten u. a. Delbrüd, der Erzicher bes —
riedrich Wilhelm IV. und die Gebrüder Humboldt. Der gelehrte
usherr war ein großer Lejfing-Verehrer, während feine fühle Ver-
ftandesrichtung von Goethe und Schiller nicht begeiftert werden
fonnte. Dieje Heroen unjerer Literatur fanden dagegen in jeiner
feinfinnigen Gattin die glühendfte Verehrerin, wie % auch hag
eine der Romantik ward.
Charakteriftiih für den Kreis, zu deſſen Mittelpunkt ſich Hen-
riette Herz nad) ihrer Serheiratung alsbald erhob, ift ber allgemeine
Trieb, nach gegenfeitiger Belehrung und Veredelung. Dieſes jo an-
erfennenswerthe Streben fand feinen Ausdrud in den Leſegeſell-
ſchaften, welche fi zu Ende des vorigen Jahrhunderts bildeten; jo
672 Henriette Herz.
am eine folche allwöchentlich zufammen bei Dorothea Veit, der Toch-
ter Mofes Mendelsjohns, auf welche wir jpäter noch zu ſprechen
tommen. Später vereinigte man fich beim Hofrat) Bauer, dem
Kaftellan des fünigl. Schloffes, bis fi) in noch jpäterer Zeit die
Mittwochsgeſellſchaft Eonftituirte, die zu dauerndem Vejtchen und zu
hohem Ruhme gelangen follte. Eine Geſellſchaft, welcher Serriette
Herz jo recht das Gepräge ihres Geiftes aufdrüdte, war der Tugend»
bund; er hatte Statuten und verfolgte den Zweck gegenfeitiger geiitiger,
wiffenjchaftlicher Heranbildung, aber auch den werkthätiger Liebe.
Diefem QTugendbunde gehörten u. a. an: W. v. Humboldt, der ſich
im fiebzehnten Jahre an Henriette Herz anſchloß; Karl von Laroche,
Dorothea Veit und Henriette Mendelsjohn. Brieflich jtand dieſer
Bund mit Karoline von Botzegen und Karoline von Dachroeden
in Zeſpindung Durch dieſen brieflichen Verkehr lernte W. v. Hum-
boldt in der Letzteren feine ſpätere Gattin kennen.
Unter den Männern, welche den Salons ber Henriette Herz im
eriten Jahrzehnt nad) ihrer Verheiratung zur Zierde gereichten, find
hervorzuheben: Karl Wilhelm Ramler, einer der vorzüglichiten Ueber-
jeßer, hochberühmt wegen feines poetijch-technifchen Feingefühls; Job.
Jakob Engel, der legte bedeutende Vertreter der moralifirenden,
Tationalifth en Richtung; Karl Philipp Morig, ein trefflicher Schrift-
fteller der Sturm- und Drangperiode, ein „guter Kopf“, doch ein
„erzentrifches Driginal“, wie ihn die Beitgenöffen mit Recht charaf-
terifirten; der befannte Theologe und Probft der St. Nicolaikirche
Johann Joachim Spalding; der politiſche und hiſtoriſche Schriftſteller
von Dohm; Johann Friedrich Reichardt, Kgl. Kapellmeiſter, bekannt
als Komponiſt von Opern und Liedern, namentlich zu Snethefehen
Gedichten; der große Bildhauer Johann Gottfried? Schadow, der
Schöpfer der Duabriga auf dem Brandenburger Thor zu Berlin;
der Buchhändler und erde Fr. Nicolai, der in der Gefchichte
unferer Literatur eine jo eigenartige Stellung einnimmt. Auch
Friedrich von Geng verkehrte bis zu feinem Uebertritt in den öfter
reichiſchen Staatsdienft in dem Herzichen Ktreife; in ihren Erinnerungen
fällt fie das denkbar ungünftigfte Urtheil über ihn; fie leitet das
Schwinden jeines Freijinns von einer öſterreichiſchen Penſion her,
die ihn mundtodt gemacht habe und nennt ihn frivol und leichtjinnig
— Bezeichnungen, die der große Publizift auch wohl verdient. Die
Diplomatie wurde in dem Salon der Henriette Herz nicht allein
durch diefen Ränkeſchmied vertreten. War doc der Graf Merander
von Dohna-Schlobitten, der ſich zur Beit der tiefiten Erniedrigung
Preußens jo große Verdienfte erwarb, einer ihrer aufrichtigften Gen
ehrer, welcher ihr nad) dem Tode ihres Mannes feine Hand an
amd auch auf fie einen tieferen Eindrud gemacht zu haben ſche
wenngleich fie ihm auch einen Korb ertheilte. Bon jonjtigen Dip
maten verdient noch der fchwediiche Geſandte Karl Guſtav von Bri.
mann, ber fi) auch als Dichter einen ehrenvollen Namen erwork
Hervorhebung.
Henriette Her. 673
Vorzugsweife waren es jedoch Männer der Dichtkunſt, die ich
um die fehöne Frau jcharten. Zu ihren intimeren Freunden gehörte
auch Friedrich von Schlegel. Er Ternte durch fie während feines
Berliner Aufenthaltes die Gattin de3 Kaufmanns Veit, die Tochter
Mofes Mendelsfohns, die Mutter der Maler Morik und Philipp
Veit, kennen, zu der er bald in ein jchr vertrautes Verhältnik trat,
was deren Scheidung von ihrem Gatten zur Folge hatte. Im diefer
Angelegenheit fpielte Henriette Herz die Vermittlerin neben Schleier-
macher, der auch der Scheidung der unglücklichen Che das Wort
redete. Als dann 1799 Schlegels Roman „Lueinde erfchien, in welchem
der DVerfaffer eine Apotheoje der finnlichen Liebe verjucht, erregte
das Verhalten Henriettes und Schleiermachers in diefer Sache viel-
jaı Anstoß, und vergeblich war des Iehteren Bemühen, diefen Ans
ſtoß durch jeine „Vertrauten Briefe über Lucinde“ zu bejeitigen.
Den großen Schleiermacher, den Bahnbrecher der neuen prote-
ſtantiſchen Theologie, hatte Henriette Herz jchon 1794 flüchtig fen-
nen gelernt. Dieſe Bekanntſchaft wurde 1796 erneuert und vertieft,
als er Prediger am Charitékrankenhaus zu Berlin wurde. Schleier
macher war damals noch ganz unbelannt, und Henriette Herz gebührt
das Verdienſt, ihn zu literariichem Schaffen ermuntert zu haben; er
fügfte fi) ungemein Hingezogen zu dev wunderbaren Frau, mit ber
er eins jener idealen Freu hafesbinbniffe ſchloß, an denen die da-
malige Zeit reich ift. Es war ein Verhältniß, das ftets ungetrübt
und fledenlos blieb, und in das fich nichts mifchte, was irgendwie
nach Leidenschaft und ‚Liebe ausſah. Schon am 6. September 1798
ſchrieb Schleiermacher aus Landsberg an Henriette: „OD Sie Frucht⸗
bare, Sie viel Wirkende, eine wahre Geres find Sie für die innere
Natur!“ Am 25. Februar 1799 richtet er die Worte edler Selbjt-
Charafteriftit an die Freundin: „Ich ftrede alle meine Wurzeln und
Blätter aus nach Liebe, ich muß fie unmittelbar berühren, und wenn
ich fie nicht in vollen Zügen in mid, fchlürfen kann, bin ich gleich
teoden und welt.“ Als er dann 1802 Berlin verlieh und als Hof-
prebiger nach Stolpe ging, hatten fie das fteife „Sie“ mit dem ver-
traulihen „Du“ vertaufcht und am 16. September des genannten
Jahres charakterifirt Schleiermacher die Freundin mit den Worten:
„Qereinigt fi in Dir nicht vieles, was Du ſonſt nur getrennt oder
wenigften® ganz anders modifizirt ſiehſt? Soll ih Dir etwa alles
vorrechnen? Deine Berufstreuc, Deine Liebe, Deine pajfive Wiſſen—
ichaftlichkeit, Deinen Weltfinn u. ſ. w.? Deine unendliche Mimik, aus
der ſowohl Deine Philologie als Deine Menjchenfenntniß entjpringt,
ein praftifches Talent, das bis zur Umerfättlichfeit geht.“ u
and Henriette Herz mit Schleiermacher in einem ideal-fchönen, rein
atonijchen Verhältniß, mochte bafjelbe auch das Kopfſchütteln be-
‚Higer Sittenrichter erregen und den Berliner Voltswig zu einer
wilatur herausfordern: Dan ftellte Henriette Herz dar, wie fie
t dem Heinen, unanjehnlichen Schleiermacher fpazieren ging, indem
ihn als Knider (Sonnenſchirm) in der Hand trug, während
614 Hedriette Ser.
ihm ſelbſt ein folder Knicker Eleinjten Formates aus feiner
Laſche fah,
Neben ihren Beziehungen zu Schleiermacher zogen namentlich
die zu dem jugenblichen Ludwig Börne bie allgemeine Aufmerkfam-
feit auf fi. Diejer, damals noch Lion Baruch genannt, weilte als
16—17jähriger junger Mann im Haufe von Marcus Herz, ber feine
Studien überwachen jollte. Obwohl Henriette bereit 38 Jahr alt
war und folglich die Mutter bes jungen Menfchen hätte jein können,
verliebte fich der Letztere in bie noch immer ſehr ſchöne Frau und
gerieth im eine fo leidenſchaftliche Ertafe, daß er fich zweimal ihret-
wegen das Leben nehmen wollte. Unter diejen Umftänden war fein
Bleiben in dem Herzſchen Haufe nicht länger möglich, man ſchicte
den feurigen Jüngling nad) Halle, wohin Schleiermadher inzwiſchen
ebenfall3 verfeßt worden war, dem Henriette den jungen Heißſporn
aufs wärmfte empfahl. Nachdem Börne bereits ber berühmte Publi-
ift geworben, ſah fie ihn 1819 in Frankfurt a. DM. wieder; „von
inet tollen Leidenſchaft· war er geheilt, wie fie fi in ihren Er⸗
innerungen ausdrüdt. Später ſah fie an noch einmal in Berlin (1827).
Mit diefen Hangvollen Namen ift unjere Blütenleſe von großen
Geiftern aus dem Herzſchen Salon noch fange nicht erichöpft.
ihren beiten ‘Freunden zählte der namhafte Kiebertompanit Karl
riedrich Zelter, ber Direltor der Singafademie war. Während
feines Berliner Aufenthaltes (1736—1806) verfehrte auch der als
Geistlicher und Freimaurer befannte Ignaz Aurelius Fehler in ihrem
Haufe; ferner der um die Einrichtung des Berliner Mufeums hoch
verdiente Archäolog und Runfthiftorier Alois Hirt. Des Erzieherd
von Friedrich Wilhelm IV., Johann Friedrich Delbrüd, gedachten
wir fchon weiter oben, ber Dichter der „Lieder zweier Liebenden“,
2. 3. ©. v. Gödingk, den Henriette auf einer Reife nad) Sein
kennen gelernt, verfehlte ebenfalls nicht, bei jeiner An
in Berlin (1798 —1807) in ihrem Salon zu erjdeinen. Bent
fühl stand U. W. —8 chlegel der jo allgemein verehrten Zrau
ges jegenüber. Umfo mehr hai te ie, wie wir ſchon anzudeuten Ge-
[egenheit hatten, ber Geniale 3 effe Friedrich des Großen, Prinz Louis
Ferdinand von Preußen, ein Fürſt, in welchem Tapferkeit, Exzen-
trigität, ungezügelte Sinnli at and em um bie Oberhand
ftritten, und welcher als tollfühner Held bei Saalfeld 1806 feinen
Tod finden jollte. Der Epoche vor dem Befreiungsfampfe gehört
unter den Freunden der Henriette Herz auch ber große Hiftorifer
Johannes von Müller an, der von 1804—1806 in Berlin weilte
und fi) dann leider von Napoleon dazu beftimmen ließ, in we
fälifche Dienfte zu treten. Durch Schleiermacher fam Henriei
Herz mit den geilligen Koryphäen des Vefreiungsfampfes in Berü
am und lernte Männer wie Ernjt Morig Arndt, den jpäter
Ehmager Schleiermachers, den Hiftorifer Niebuhr und ben verbien'
vollen Buchhändler Georg Reimer kennen. Auch mit Alerander vı
der Marwig, der in der Schlacht von Montmirail den Heldentod jaı
Henriette Herz. 675"
war Henriette befannt. Unter ihren hervorragenden Freunden und
Belannten nad) der Zeit der Freiheitöfriege find Varnhagen von
Enſe und Adalbert von Chamifjo zu nennen.
Die hervorragende Stellung, welche Henriette Herz in der Ber-
liner Gejellfchaft einnahm, brachte es mit ſich daß auch die geiftigen
Größen, welche Berlin nur befuchsweife berührten, der Erjteren ihre
Aufwartung magten, So wurde auch Schiller 1804 in ihren Kreis
Hineingezogen. Im ihren Erinnerungen giebt uns Henriette jehr in
tereffante Einzelheiten über Schillers damalige Erſcheinung, die wir
hier im Wortlaute folgen laſſen:
„Er war von hohem Wuchfe, das Profil des oberen Theiles
des Geſichtes war ſehr edel; man hat das feine, wenn man das
feiner Tochter, der Frau von Gleichen, ind männliche überfegt. Aber
jeine bleide Farbe und das röthliche Haar ftörten einigermaßen den
Eindrud. Belebten fich jedoch im Laufe der Unterhaltung feine Züge,
überflog dann ein leichtes Roth feine Wangen, und erhöhete fich der
lang feines blauen Auges, jo war es unmöglich, irgend etwas
ftörendes in feiner äußeren Erſcheinung zu finden.“
Henriette Herz hatte ſich Schiller nad} feinen Werfen als einen
Mann mit feuriger Phantafie, lebhafter Ausdrucksweiſe gedacht, der
in feinen Reden rüdhaltlos feine Ueberzeugung ausſpricht. Sie jah
fi) jedoch in diefer Erwartung getäufcht, was aus folgendem Citat
aus ihren Erinnerungen Seruongeit:
„Sch meinte, er müſſe im Laufe eines Gejpräches etwa wie fein
Pofa in der berühmten Scene mit König Philipp ſprechen. Zu
meinem Erftaunen nun ftellte er ſich in feiner Unterhaltung als ein
ſehr Tebensfluger Mann dar, der namentlich höchſt vorfichtig in feinen
Aeußerungen über Perſonen war, wenn er durch fie irgend Anjtoß
zu erregen glaubte. Doch Half ihm in Berlin die Zurüdhaltung
nicht viel, die ſchlauen Hauptitädter wußten bald, dab feine Frau
durch ihre fein gefponnenen dragen weniger gewappnet war wie er;
und fo erfuhr man denn von Zrau, was der Mann zu vers
fomeigen für gut erachtete.“
ier Jahre früher hatte Henriette Herz den größten Humoriften
Deutfchlands, Jean Paul bei ſich empfangen, wie fie wenigſtens in
ihren nicht immer ganz zuverläffigen Erinnerungen berichtet, während
A. W. Schlegel in einem boshaften Briefe an Ludwig Tied, das
Gegentheil fchreibt: „Die Herz hatte neulich eine ganze Geſellſchaft
auf diefen großen Mann gebeten; ich wollte ihn doch gern ſprechen
“ren und war auch von der Partie, aber denke Dir die Kränfung,
: bie Herz erdulden mußte: er geht mit Bernhard vor ihrem Fenjter
:über, ohne zu ihr herauf zu kommen und jein Verjprechen zu
üllen. Die Herz verlor beinah die Fajjung.“
Es bleibt und nun noch übrig, über die Beziehungen zu berich-
‚ welche die Leßtere zu berühmten Gejchlechtsgenoffinnen hatte.
ehr nahe ftand ihr vor allem Dorothea Veit, wie wir bereits er—
hnt; freundfchaftliche Beziehungen unterhielt fie aud) mit ber
676 ' Henriette Herz.
Herzogin Dorothea von Kurland und deren Schweiter, der Dichterin
Eliſa von der Rede. Auf einem Diner bei der Erfteren lernte fie
Zrau von Stael kennen, mit der fie ebenfalls freundſchaftliche Be-
-ziehungen anfnüpfte Ganz kühl jtand fie jich dagegen mit Rahel
Zevin, der jpäteren Gattin Varnhagens; jo jchreibt diefe am 29.
November 1808 an den Lesteren:
„Schleiermacher heiratet ganz beftimmt die Wittwe des Predigers
von Willich. Und friert Madame Herz diefen Winter, jo ijt es,
parce quelle lui fait gräce du Koppelpelz!“ ebenjo am 12. Novem-
ber 1810: „Madame Herz lebt gepugt, ohme zu willen, daß man
fi) ausziehen fann, und wie einem dann iſt“; endlich aus Dresden
am 28. September 1811: „Die Hofräthin Herz iſt feit geftern hier;
ich habe fie heute Abend in Körners Worzimmer mit Meier ger
ſprochen. Sterile, affektirt.“
Das äußere Leben Henricettens verlief im Vergleich zu ihrem
reichen Innenleben und den zahlfofen Eindrüden, die fie bei ihrer
Empfänglichfeit durch den Verkehr mit fo vielen hervorragenden
Männern und Frauen erhalten mußte, ſehr jchlicht und einfach. Im
Jahre 1803 ftarb der Hofrat; Herz; fie war ihm eine treue, dank:
bare Freundin gewejen und adhtete ihn nad, feinem Tode hoch.
Leider geftalteten jich nach demjelben ihre pefuniären Verhältniſſe
drücend, da ihr nur eine kleine Wittwenpenjion blieb. 1806 wurde
ihr der ehrenvolle Antrag geftellt, die Erziehung der Prinzefjin
Charlotte, der jpäteren Kaiferin von Rußland, zu übernehmen, den
fie jedoch ablehnte, da fie aus Rüdficht auf ihre noch Ichende Mut-
ter nicht zum Chriftenthum übertreten wollte. Nach Einbruch der
Kataftrophe von 1806 gerieth fie in große pefuniäre Noth, da ihr
feine Penfion und auch feine Binjen gezahlt wurden. Sie wandte
fich in derjelben an W. von Humboldt in Rom, der ihr Rath und
Hilfe fehaffte, und fuchte mit Schleiermadher, der, wie ſchon der Brief
der Rahel anbeutet, in jenem Jahre in den Stand ber heiligen Ehe
trat, eine Zuflucht auf der Infel Rügen. Bon jonftigen Reifen aus
jener Zeit find die nad) Dresden (1810), wo fie auch Goethe ken—
nen lernte, und die nah Wien (1811) hervorzuheben.
Nac dem Frieden von Tilfit, welcher Henriette Herz wieder in
den DBeji ihrer Revenuen brachte, fehrte auch im ihren Kreis der
Ernft der Zeit ein. Die Poeſie und Kunft trat in den Vorder:
grund, alles drehte fich um das wiedererftehende Vaterland, dem auch
‚Henriette von ganzem Herzen ergeben war. Als echt deutſche Frau
betheiligte fie ir 1813 in der rührendften Weiſe an der Füriorne
für die Verwundeten und ftimmte mit ein in den allgemeinen ©
über die Vefreiung vom Joche Napoleons.
Der Tod ihrer Mutter (1817) ermöglichte Henriette die
führung eines Schrittes, den Schleiermacher ſchon Tängft gewür
fie trat zum Chriftenthum über, dem fie ihrem Geifte, ihrer E
nung nad) ſchon längft angehörte. Gleich darauf entfernte fie
Reife nad) Rom zwei Jahre (1817—1819) aus Berlin; fie =
Henriette Her. -. 677
im ber dortigen Geſellſchaft bald ebenfalls eine hervorragende Stellung
cin. Als ſie von Rom abreifte, ſchreibt die‘ wenig, befannte Malerin
Zuife Scidler: „Die edle fchöne Herz waß ber allgemeine Liebling
geworben, viele Thränen flojjen ihr nad.
Auf ihrer Rückreiſe beſuchte fie Arndt in Bonn und wurde
dort Zeugin der polizeilichen Konfiszirung feiner Schriften und
Papiere. In Berlin nahm fie ihre alte Serelligfeit wieder auf, las
Daneben viel und ertheifte Jungen Mädchen unentgeltlichen Sprach⸗
unterricht. Die Gabe, der Liebling der Menfchen zu fein, blieb ihr
bis ins höchſte Greifenalter erhalten, als die Schönheit der Form
geſchwunden war. Der Schmerz des hohen Alters, der im Verluſt
der Freunde befteht, blieb ihr nicht erfpart: v. Gödingf, A. v. Dohna,
Niebuhr, Karoline v. Humboldt, Schleiermacher, Karl v. Laroche,
®. v. Humboldt ftarben vor ihr; auch wurde ihr Alter-von ſchweren
Krankheiten heimgefucht. Als der Neft ihres Lebens von pefuniären
Sorgen bedroht fchien, verwandte ſich Alezander von Humboldt für
fie bei König Friedrich Wilhelm IV., der ihr eine einmalige Unter-
ftügung und eine Penfion von 500 Thalern jährlich bewilligte.
Der letzte Lichtpunft ihres Lebens war der Bejuch, welchen ihr
großmäthige, Königliche Geber am 6. Juli 1847 abftattete, am
22. Dftober deſſelben Jahres entjchlummerte bie edle Greifin und
ging hinüber ins Jenſeits, von welchem ihr irdijches Dafein und
Wirken ein Abbild geweſen; denn wenn je ein Menfchenleben eine
Berli des fchönen Goethefchen Ausfpruches: „Edel fei der
Menſch, Hilfreich) und gut“ dargeftellt hat, jo war es das ber Hen-
riette vn — fie war die bejte Freundin Schleiermachers, und ſchon
darin liegt das Urtheil über fie. Der Zauber echter, ebelfter Weib-
lichfeit, reinſter Herzensgüte, aufrichtigiter Beſcheidenheit ftrömt von
ihr aus. Sie war mit einem Worte ein ganzes Weib, und mit
Wehmuth muß es ung erfüllen, daß fie den höchſten Beruf des
Weibes, den als Gattin und Mutter nicht ausüben fonnte.
Bo
Deine, Google
Aus alter Beit der Fiſcherti. 679
Wirthſchaftsſtufen doch typiiche Grundformen, welche wohl für alle
Voͤlter ſoweit unfere fulturhiftoriiche Forſchung reicht, zutreffend fein
dürften. Als ber Urzuftand, aus welchem fich die menjchlichen
Wirthfchaftsleiftungen entwidelt haben, ift die Stufe des Jäger: und
Fiſchervolkes anzıyehen, auf welchem ber Menſch ſchon Hinfichtlich
ſeiner Vebürfnißbefriebigung noch eine gewiſſe Verwandtichaft mit
dem Thiere gezeigt haben muß. Ein halber Sklave der Natur richtete
der Menſch damals fein Augenmerk noch ausjchließlich auf den Erwerb
von Lebensmitteln, die er in ber äußeren ihn umgebenden Natur zu
finden gewohnt war. Es waren die menjchlichen Lebensverrichtun-
en zu dieſer Zeit aljo noch eine reine Occupation der Naturjtoffe.
Lehe Familie oecupirte für fich die Naturprodukte, welche fie für
ihre Bedürfniſſe gebrauchen fonnte und felbft in der vorgejchritteneren
it bes Jägervolkes wird man fich nicht um bie Entjtehung der
Xebenägüter gefümmert, gejchweige an eine Produktion von Gütern
durch Tünftlichen Stoffumfag gedacht Haben. ‘Freilich mag es wie
wir noch jehen werben, eine Art gewerblicher Arbeit gegeben haben;
aber der Intelleft wird Me viel über ſolche Leiftungen hinaus⸗
gefommen fein, welche nicht ausichließlich diefem täglichen Raub aus
dem Naturreiche dienten refp. erleichtern halfen. Wenn man als ein
wefentliches Merkmal des Kulturgrades einer jeden Volkswirthſchaft
das Verhältnik annimmt, in welchem Maße jeder der brei Produltions
faktoren: Arbeit, Natur und Geld (womit hier das von dem Menschen
hergeſtellte materielle Produktionsmittel zu verftehen ift) bei der Ge—
winnung von Gütern oder Lebensmitteln thätig iſt, jo fann man fagen,
daß die Natur bei dem Jägervolf der Hauptfaftor jeder Produktion
war. Bei dem Fiſchereivolk, wo eine ſchiebung dieſes Verhältnijfes
zuerſt zugunſten eines kulturellen oder wirthſchaftlichen Fortſchritts
eingetreten iſt, iſt die Natur zwar auch noch ein Haupifaltor ge—
blieben; wir ſehen aber, daß ſich daneben der Faktor Arbeit erhöhte
Bebeutung erworben hat und wohl läßt ſich deßhalb auch jagen, daß
unbeſchadet der großen Wahrjcheinlichkeit, daß Jägervölfer und Fiſcher⸗
völfer ſchon in einer annehmbar älteften Zeit neben einander eriftirt
haben, daß die Steime der Kulturentwidelung bei dem Fifchervolfe
einen ungleich jünftigeren Boden ala bei dem Jägervolfe gefunden
haben. Der — hatte zum Unterſchiede vom — den Kampf
nicht bloß gegen ein Einzelweſen, ſondern gegen eine allgemeine
Naturmacht aufzunehmen und wenn auch Meere und Flüſſe in älteſter
Zeit ungleich ergiebiger für den Fiſchfang geweſen ſein werden, ſo
wird der Fiſcher doch immer zur Befriedigung ſeiner Lebensbebürf-
“je ein beträchtlich größeres Maß von Ueberlegung und Intelligenz
-thig gehabt haben, ala der Jäger. Die Zorm der Vergefellichaf-
gung tritt auch zuerſt bei dem Sijchernolfe auf. Die Art des
roderwerbs möthigte zum gemeinfamen Handeln und eine ſich
raus geltend madenh Summe von Einzelintelligenzen wird zum
veck einer beftmöglichen Ueberwindung des Naturwů landes, Wind,
zaſſer ze. auch die erften Anfänge der Schiffahrt gefördert haben.
680 Aus alter Zeit der Kiſcherei.
Iſt es doch befannt, daß die Urform des heutigen Schiffes, eins ge-
treue Nachbildung des Siphförpers gewefen fein joll. Unjere Kennt⸗
niffe von Zifcherei treibenden Urvölfern find dank vieler Alterthümer,
welche uns die Geologie aus unfaßbar fernliegenden Zeitepochen ber
Erde erjchloffen Hat, nicht fo mangelhaft geblieben, wie noch häufig
angenommen wird.
Die Geologie unterfcheidet bekanntlich eine Reihe von Perioden
der Erdbildung, deren legte (vom Alluvium, dem heutigen Seitalter
der Erde, abgefehen) das Diluvium war, jene Formation der Erd»
oberfläche, in welcher der Menfch zum erften ale auftrat. Der
europãiſche Kontinent charakterifirte ſich in biefer diluvialen Zeit der
Erdoberfläche durch große Gletſcheranſammlungen, welche ſich von
den Gebirgen herab in die Ebenen ausbreiteten und dem Klima und
Boden Europas einen fait arktiihen Charakter gaben. Die von den
Eismaffen der Hochgebirge freigebliebenen Ebenen waren von riefigen
Thiergeftalten belebt, die zum größeren Theile ſchon in vorhiſtoriſcher
Zeit, wenige erft fpäter ausgeftorben find. Das gigantische Mammuth
bevölferte noch die Wälder, das zweihornige Ahinoceros die Sümpfe,
das Zlußpferd die Seen und Stühfe Moſchusochſen, Bifon und Auer
ochjen tummelten ſich in den Niederungen. Infolge ſäkularer
bungen hatte fi allmählich der europäik je Kontinent der Diluvial-
eit und mit ihm Deutſchland, deſſen nördlihes Flachland über den
Üfeeresfpiegel tauchte, vergrößert; tveben und Finnland ftiegen
ala Schugwälle zwiſchen ber Dftfee und den arktiſchen Meeren, nebſt
feinen falten Strömungen und Eisbergen empor, ein wärmeres Kon-
tinentalflima und wärmere und namentlich, trodenere Winde hatten
ſich eingeftellt; vor ihnen waren die Gletfcher zurüdgerichen, ihre
Bchmelslinie war befonders bergaufwärts gerüdt und Far fh mb ich
bis in das Bongebirge binaufgezogen. Deutfchland Hatte Damals im
allgemeinen die Konfiguration gewonnen, welche e3 heute befigt.
Der Menſch haite ſich allmählich ausgebreitet. Er hatte in der
erften Zeit des Diluviums als ein Höhlenbewohner auf der denkbar
niedrigiten Stufe der Kultur gelebt. Die Benutzung der Metalle
waren ihm unbefannt. Werkzeuge und Waffen waren einzig roh
behauene Feuerſteine und grobbearbeitete Knochen, an Stelle ber
fpäteren aus Thon gefertigten Kochgeſchirre hatte er fich Schiefer-
und Sandjteinplatten bedient. Es tit befannt, daß dieje ältere Zeit
des Diluviums nach diefen fteinernen Kulturattributen deßhalb auch
die „Steinzeit“ genannt wird. Diefer älteren Steinzeit war dann
nad) taufenden von Jahren die jüngere Steinzeit gefolgt mit ihren
Pfahlbauten und Hühnengräbern. Sie in ber älteren, fo war in-
beffen auch in biejer jüngeren Steinzeit dem Menjchengeichlecht
Aderbau noch jo gut wie fremd geblieben. Allein Jagd und di
Fiſcherei waren die einzigen wirthfehaftlichen Leiftungen. Die
waltigen ungeregelten Wajjerftröme des älteren Diluviums hatten
ihre Betten ausgegraben und ungeheure Binnenfeen waren übri
blieben. Ein großer Fifchreihthum, an den uns Beute nı
Aus alter Beit der Kifcherei, 681
großen Wafjerläufe am der Grenzſcheide Europas, Wolga und Don
erinnern, zeichneten die Waffergebiete aus und es fann nicht zweifel-
der fein, daß ſich Beruf und Lebenäneigung des biluvialen Men-
hen befonders auf bie Dccupirung der reichen Waſſerſtände ge»
richtet haben.
*
Zu den ehrwürdigſten Zeugen der Lebensverrichtungen des
unſerem en Saint unzählig viele Jahrtaujende zurüd-
fiegenden Men! Hensel lechts, können die auf den Infeln Sardinien
und Sieilien, Elba und Pianofa, einem Heinen zwiſchen ber italieni-
ſchen Küfte und Korſika liegenden Cilande, vorgefundenen Ueberrefte
von —— — aus Knochen und Stein (Quarſiten und Ob-
fidian) gerechnet werben, nicht zum wenigften auch deßhalb, weil
ſchon in diejer Zeit den Bewohnern diefer Infeln, wie dies aus
vielen Anzeichen mit großer Deftimmtgeit zu ſchließen ift*), Die
Schiffahrt nicht unbekannt gewefen fein fann. Die auf diefen Infeln
gefundenen Filchereigeräthe jtimmen ber Hauptfache nach überein mit
den im mittleren und nördlichen Europa gemachten und aus ber
gleichen Zeit ftammenden Funden. Belonbers bei ben Zifchfpeeren
mit und ohne Widerhafen, eine Art Harpune, und bei dünnen Spießen
ift die Identität recognoscirt worden. Es feheint übrigens, daß ber
Europäer zu jener Zeit, da er noch mit dem Hippopotamus, dem
Nashorn und dem Mammuth die Sümpfe und Flüfje bewohnte, ben
gi ing in einer Art betrieben hat, wie fie jelbft heute noch in manchen
ndestheilen gang und gäbe ift. Die aufgefundenen Steinfchafte
haben zum Theil auf beiden Seiten zum Theil aber nur auf einer
Seite Heine Widerhäkchen oder Zahnreihen. Man jcheint aljo das
„Speeren“ ober „Spießen” der Fiſche auf eine Art geübt zu haben,
wie dies befanntlich heute noch zur Frühlingswende eines jeden
Jahres in einigen Gegenden Niederöfterreich® Brauch iſt. Mehrfach
find an den Sno und Steinharpunen bei der Baſis Verftär-
tungen oder Einferbungen bemerkt worden, was darauf fchließen läßt,
daß an dieſer Stelle der Schaft mit einem Strid umfchlofjen geweſen,
ber zur Heranziehung der Beute gedient hat. Joly erzählt in feinem
Bude „ enſch vor der Zeit der Metalle”: Die Inöchernen Har-
zunen der heutigen Kurilen-Infulaner ähneln ungemein den Geräthen
Dordogner-Troglodyten, das find Stämme der Höhlenbewohner,
aljo ebenfalls der älteften Menſchen, welche die Landſchaften der heu-
tigen Garonne und Gironde (unterhalb Bourg) bewohnt Haben.
Bald mit beweglicher, bald mit feſter Spige verjehen, figen dieſe
Harpunen an einem Holzſchaft. Derſelbe hat ein Loch gum Hindurch-
ziehen eines Strides, ber iheils am Schaft, theils an der beim Har-
) Das zu jenen Geräthſchaften verwendete Steinmaterial kann nämlih in
jenem geologiſchen Zeitalter nicht auf bem genannten Infeln exiſtirt haben, es ift
dehhalb nur anzunehinen, daß es von ben Bewohnern dieſer Infeln von den benach-
barten vuffanifhen Küften importirt worden ift,
Der Ealon 1889. Heft VL Bam. 46
682 Aus alter Beit der Fifcherei.
puniren fi von felbjt loslöſenden Spitze befeitigt ift. An das freie
Ende des Strides ift außerdem nod eine Blaſe gebunden, die, auf
der Wafferfläche ſchwimmend, den Weg des flüchtigen Thieres
(ildes 2.) anzeigt. Die dem Ufer der Bezere entlang liegenden
‚Höhlen bargen eine enorme Dienge Lachsgräten. Dies beweiſt ſchlagend,
meint Joly, „daß die Höhlenbewohner in dem ihren Wohnungen
nahe gelegenen Fluſſe und den anderen, dem Ozean zufließenden
Strömen des Perigord, biefen wohlichmedenden Fiſch (Lach nämlich)
angelten oder vielmehr harpunirten.“ Daß auch die Angel neben
der Harpune und dem Speer bem Menjchen der Steinzeit jchon be
fannt geweſen ift, davon legen zahlreiche Funde ebenfalls Zeugniß
ab. Es ſcheint aber, daß der älteren Steinzeit nur die geraden und
als ſolche nur durch große Wiberhafen an der Spitze gefennzeichnete
Angeln angehört haben, während die Krummangel, aljo der eigent-
liche Yngelhaten der Jüngeren Steinzeit, dem vorgejchritteneren Stadium
dieſes Zeitraums, dem der Pfahlbauten näntih, eigen war. Wenig⸗
ſtens find die Srummangeln, welche aus Stnochen, Steinen und auch aus
Holz gefertigt wurden, vorzugsweije bei den Ueberreften der Pfahlbauten
aufgefunden worden, während an den verjchiedenften Fundſtätten der
Höbhlenbewohner die Arummangel feltener aufzutreten pflegt. Dens
noch ſcheint diefe vorgejchrittene Technif auch vereinzelt den Höhlen-
bewohnern ſchon befaunt geweſen zu fein. Sehr überraſchend wird
die aus prähiftorifchen Denkmälern hergeleitete Annahme fein, daß
den älteren Steinzeitmenfchen (alfo ben Böpienbewohnern) auch jchon
der Fischfang mit Negen und ähnlichen die Kunſt des Stridens und
fechtens vorausjegenden Geräthen (Reuſen) befannt gewejen fein
oll. Ueberrefte von Negen hat man bei den Fundſtätten der Woh-
nungen dieſer Menfchen bisher zwar noch nicht mit zweifellojer
Gewißheit eruiren können; wohl aber find zahlreiche Funde von
Nadeln aus Holz und Knochen gemacht worden, aus welchen dieſe
Annahme Hergeleitet worden ift. In den „Mittheilungen“ Bere
liner Anthropologifchen Geſellſchaft vom Jahre 1872 geſchieht u. a
einer im allulivalen (aljo der heutigen Erdoberfläche angehörenden)
Torf bei Bagow nahe Brandenburg a. d. Havel ausgegrabenen, aus
irſch⸗ oder Efengeweih gefertigten Negitridnadel Erwähnung, welche
ert v. Erzleben, Mitglied des deutſchen Fiſcherei-Vereins der ge:
nannten Geſellſchaft vorgelegt Hat. Achnliche Nepitridnadeln find an
andern Stellen und ebenfalls ala aus dem Diluvium jtammend re
cognoscirt, gefunden worden. Am zahlxeichiten find die Funde eben-
falls in Fraukreich gemacht worden. Won Ueberreſten von Netzen
ſelbſt ſcheint jedoch aus dieſer geologijchen Epoche bisher, wie gei
noch nichts befannt geworden zu fein. Friedel erzählt. zwar,
auf Petit Anſe Island, Vermilion Bay Louſiana in einem ger‘
Steinfalzlager nahe den oberen Schichten der Ablagerung ein mat
artiges —e— gefunden worden iſt, deſſen Erhaltung dem :
ſtande gigeſcrieren werden dürfte, daß es mit der praͤſerviren
Zafe des Salzes in Berührung gefommen ift und für deſſen Urfor:
Aus ‚alter Beit der Sifherei. 683
das Diluvium anzunehmen ijt; dennoch fcheint es mit diefem Funde
jeine befondere Bewandtnig gehabt zu haben, denn der genannte
orfcher fummt bei der Beſtimmung defjelben nicht ‚über eine ge—
wiffe Wahricheinfichteit hinaus. Die Kenntniß der Negfischerei für
den älteren Steinzeitmenfchen vorweg in Zweifel zu ziehen, dazu
liegt indeſſen umfo weniger Veranlaffung vor, als und andere Zeug:
niſſe der Kunſtfertigkeit diefer älteften Zeit überliefert worden find,
nad welchem ein gewilfer Grad manueller Geſchicklichkeit unjeren
älteften Vorfahren wohl ſchon thatfächlich geläufig _gemweien zu fein
ſcheint. Es ift hierbei befonders an die in den Höhlen vorgefun-
denen Zeichnungen und Kunftichnigereien zu denfen und an die viel-
fachen Skulpturen von Thiergejtalten, mit welchen die erhaltenen
Wurffpeere und Angeln ausgertattet find.
In der Zeit der Pfahlbauten, und befanntlich reichen diejelben
bis in die Bronzezeit hinein, wurden die wirthichaftlichen Bedürfniſſe
ſchon mit wejentlih anderen Mitteln befriedigt. Die fogenannten
„Einbäume* (da3 waren Nahen aus einem Stamme gefertigt), die mit
dem Feuer ausgehöhlt wurden umd äußerlich eine rohe Vearbeitung
mit Aerten zeigen, Harpunen und Fiſchſpeere, Netze, alle Arten Angeln,
Fiſchkörbe, Reuſen und anderes Nezwerk aus Baft und Binſen gefertigt,
alle diefe Utenfilien find in mehr oder weniger gut erhaltenen Ueber⸗
reſten ein jaft regelmäßiges Beiwerf der aufgebedten Pfahlbauten.
In der Bronzezeit, d. i. diejenige Periode, in welcher für einen
großen Theil der befannten Erde die wahrjcheinlih vom Norden
eingeführte Bronze, d. h. eine Legirung oder Mijchung von etwa
90 Theilen Kupfer mit 10. Theilen Zinn an Stelle des Steins das
leitende "Arbeitmaterial wurde, find dieje Geräthſchaften der Pfahl-
bauten zum Unterfchiede von denen der Steinzeit fänmtlid aus
diefem Metall gejertigt, ſodaß diejelben infolge deſſen nicht bloß
ierlicher und geididter in der Konjtruftion, jondern auch praftijcher
fir den Gebrauch gearbeitet find. Wie die Geräthichaften der Be—
—X ſo zeigt ſich auch im Bau ihrer Boßnungen jelbjt der Ein-
fluß der brauchbareren Metallwerkzeuge u. a. 3. B. in ciner gefäl-
ligeren Bearbeitung aller Konjtruftionstheile der Wohnungen. Der
Zwed der meijten Pfahlbauten war wohl der Betrieb der Fiſcherei
umd-wenn er auch nicht immer allein gewerbsmäßig betrieben wor-
den ift — zeigen fich doch bei den meiſten jpäteren dieſer Wafjer-
burgen ſchon deutliche Spuren von Aderbau — fo wird er doch ala
wichtiges Nebengewerbe oder wenigſtens als Nothbehelf gehandhabt
worden fein, wenn der Verfehr mit dem Lande bei eintretenden Hoch-
fluten in den Flüffen und Seen, an welchen dieſe Pfahlbauten be-
ſonders zahlreich gefunden worden find, abgebrochen war und fo
dazu genöthigt hatte.
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Es war ein Traum!
Bon A. Engel.
Ih in ſchneller Blick des Erkennens flog von einem zum
andern. Der j mge Dann, welcher eben noch nach⸗
Am Tälfig die Promenade auf und nieder gefchlendert war,
A als mm tere ihn bie ganze Welt nicht, zog ehrerbietig
EL den Hut und behielt ihn in der Hand, als bie efe-
gante Dame, bei deren plöglichen Anblic eine jähe
’ Nöthe über feine Stirn gezogen war, vor ihm ftehen blieb
und ihm freundlich die Hand reichte. Obgleich beide in ber
Haltung bie vollendeten Zormen der Gejellfchaft zeigten, jo hie
fie doch die gewandtere. Seine Lippen bewegten ſich ein paar Mal
vergeblich, als wollten fie etwas jagen, was feine Vernunft, oder
vielleicht auch fein Herz im Augenblid wieder verwarf.
Endlich jagte er: „Das ift ein unerwartetes Begegnen, gnädige
Frau” Das war ehrlich und einfach).
„Und ebenfo erfreulich wie unerwartet, Herr v. Meerheim, mir
wenigſtens“, fügte fie lächelnd Hinzu. „Nun, wie geht es Ihnen, wie
leben Sie, und was führt Sie hierher?“ j
Jetzt lächelte er, b. h. feine Lippen. Seine Augen blieben ver»
fchleiert, als hätten fie irgend ein Leid zu verbergen.
„Dit ber Beantwortung biefer ragen würde ich gleich den
N meined ganzen Lebens vor Ihnen ausſchütten —2 gnã⸗
dige Frau.”
„Sie haben recht. So beantworten Sie mir bie letzte. Was
führt Sie in die Hauptitadt? Dies Menfchengewoge ftimmt doch
nicht mit Ihrem Hang zur Einfamfeit.*
„D, gnädige Frau, ber Hang zur Einfamfeit nimmt mit ben
Jahren einen verjchiedenen Charakter an. In der erſten Jugend
will man allein fein, um zu ſchwärmen. Es ift die Zwiſchenſtation
der Schule, in welcher man das mensa und mensae lernt ımb be
&s war ein Traum. 685
Schule des Lebens. Diefe kurze Ferienzeit benugen twir, um und mit
EHimären herum RN treiben.“
„Sie 2% aterialiſt geworden, der Ideale Chimären nennt.
D, über dieſe Proſa des Lebens!“
„Gewiß nicht, Sie mißverftanden mich, gnädige Frau“, rief er
lebhaft. „Die Ideale des Knaben und Mannes müffen ein verſchie—
denes Antlig tragen. Die Erfahrung muß fie regeln. Jener will
in ber Welt ein Paradies ſehen, und erfennt er, daß nicht alle
Menſchen Engel find, jo nennt er fie gleich Teufel. Ich wollte nur
jagen, daß ich ein williger Schüler des Lebens geworden bin. Es
hat meine Heftigfeit forrigirt und mir zum Lohn dafür eine werth-
volle Gabe verliehen, die Toleranz.“
Frau von Vliffingen blidte zu im auf. Sein Blick zeigte
trotz des tiefen Ernſies eine feltene Milde und Freundlichkeit.
„Um wieder auf mein Einfamfeitsbedürfniß zu kommen, jo ver-
trägt fich das recht gut mit dem Getreibe, das mich hier iebt.
Man fühlt fich nie weltfremder, als in der jogenannten großen Welt,
und nie einfamer, als wenn man ſich von recht vielen Menfchen umgeben
fieht, von denen man ſich fagen muß, daß nicht ein einziger zu einem
gehört, nicht ein einziger Antheil an einem nimmt.“
„Werden Sie nicht bitter, lieber Freund.“ ö
Ich bin nicht bitter, grädige Frau. Nur die Wahrheit ift es
zuweilen. Sehe y) aus wie ein Peljimift?“
„Nein“ fagte fie, ihn prüfend anblidend. „Sie fehen ſogar zu—
frieben aus“, und ein bifchen melancholiſch fügte fie bei ſich felbit
Hinzu, fagte es aber nicht laut.
„Nun wohl, das verdanke ich dem großen Korrektionshaufe, Welt
enannt. Es lehrte mic, die Exbitterung hinunterzufchluden, wenn
ich, meine kühnen Wünſche nicht erfüllten, und meine eigene Kühn-
beit tabeln, ftatt ein fogenanntes Schidjal, das aller Unzufriedenheit
um Vorwurf dienen muß, kurz, es lehrte mich die Beſcheidenheit
3 großen Mannes.“
Während dieſes Gefpräches hatte er die Vorübergehenden kaum
beachtet. Jetzt wurde er plötzlich aufmerkſam auf ein junges Mäd-
hen, das mit zwei auffallend hübſchen Kindern an der Hand
näher kam.
„Da find auch meine Kinder“, gt: Frau v. Vliffingen. Kaum
Iatte die Kleinfte ihn einen Augenblik mit ihren großen dunfeln
ugen prüfend angejehen, als fie fid) eilig von der Hand ihrer Be—
gleiterin losriß & ſchnell ihre mingigen üße fie fragen wollten,
Tief fie zu ihm Hin, und mit ihren Eleinen Armen feine Kniee um-
faffend, drüdte fie ihr Geficht zärtlich an ihn. Er büdte fi) zu ihr
Hay „Du kennſt mich wieder, Loni?“ Er zog fie an ji) und
üßte fie.
Als er fich wieder aufrichtete, ſchien ſich der Schleier in feinem
Auge verdichtet zu Haben zu einer Perle.
Frau v. Vliffingen fpielte mit ihrem Sonnenſchirm und blickte
686 &s war ein Traum.
in die Ferne, als fähe fie dort etwas ihrer Aufmerkſamkeit ſehr
würdiges
„Sehen Sie, gnädige Frau, die Kinder bringen mich wieder auf
Ihre Frage zurüd“, wandte er fich mit einer gewilfen Hajt wieder
zu ihr. „Warum ich in der Refidenz bin? Das Leben hat eine der
pädagogifchen Hauptregeln mir gegenüber außer acht gelaffen. Es
gab mir zu viel Gelegenheit Saat zu werben. > babe für nie
mand als mein eigenes Id, zu forgen, und ſelbſt für das brauche
ich mich nicht abzumühen. Die einzige Arbeit, welcher ich mich dafür
zu unterziehen Habe, ift mit den leichten gBertgeugen eſſer, Gabel
und Löffel gethan. Das Wenigfte, was id, thun fann, ift doch, Daß
ich hin und wieder den Schauplag biefer Tätigkeit verändere.“
„Sie benugen den Umftand, dat Sie niemand verpflichtet find
aur, um allen zu helfen.“
„igomtbige rau, die Zeit der Majchinen iſt nicht geeignet Heroen
zu bilden.“
Er bemerkte, wie Frau v. Vliſſingen plöglich die Farbe wechfelte.
In jähem Schreden ftredte fie die Arme aus. Sie wollte etwas
rufen, aber die Stimme verfagte ihr. Er wandte fih um. Sein
13 Stand einen Augenblid ſtill. Loni lag auf dem Geleife der
ferdebahn und ein Pferd hob ſchon den Huf, um über fie hinweg-
zugehen. Das Kind hatte fich von ihnen entfernt und neugierig und
arglos umbergefehen, bis ein ſchnell heranrollender Wagen fie aus
ihren kindlichen Betrachtungen geriffen. Indem fie diefem ausweichen
wollte, ftolperte fie über eine Schiene der Pferbebahnlinie und ftürzte
unmittelbar vor ben von ber anderen Seite kommenden Wagen, Den
fie gar nicht bemerkt hatte.
Vergebens tönte das Warnungsfignal, vergebens fuchte ber Con-
ducteur mit aller Gewalt zu bremjen. Die Worübergehenden blieben
mit ftodenden Pulſen ftehen. Nur einer ftürzte wie ein Wahnſin⸗
niger herbei. Mit der rechten Hand den Pferden in die Zügel
fallend, daß fie hoc aufbäumten, riß er mit der Linken das Kind
vom Geleife. Aber indem er ſich bückte, riffen die fcheuen Thiere ihn
nieder. Der Wagen machte noch eine rudende Bewegung, ehe er
zum ftehen gebracht wurde und ging über Meerheims Körper hinweg.
Keiner der Anweſenden wagte fi zu rühren. Ein utzmann
eilte herbei den Verunglückten aufzurichten. Frau von Vliſſingen
wankte;. Es wurde ihr dunkel vor den Augen. Aber ein gewaltiger
Wille ſchien fie aufrecht zu erhalten.
„Eine Drofchfe* forderte fie mit fefter Stimme. Der Schutz⸗
mann winfte fchiveigend eine folche heran, und vorfichtig wurde 1
Ohnmächtige hineingehoben. Frau v. Bliffingen wollte felbft Helfe
Aber fehaudernd wandte fie ſich ab, als fie die blutgefärbten Ste
ſah. Sie nannte ihre Wohnung.
„Er ift nicht todt; es ift vielleicht nur der Arm“, meinte —
Schutzmann, als müffe er etwas tröftliches fagen, indem er die Heine Lo
in den- Wagen hob. Frau v. Vliſſingen preßte fie ſchweigend an fi
&s war ein Traum. 687
Es war nur der Arm. Aber der war aud) verloren.
Es war eine lange, bange Nacht, welche Frau v. Vliffingen am
Lager des Retters ihres Kindes zubrachte. Sie hatte I} nicht um
ihre Kinder befümmert, hatte ſelbſt nichts genofjen. Regungslos
überwachte fie das tobesblafje edle Geficht des nod immer Obhn-
mãchtigen. Ob fie betete, daß er noch einmal die Augen auffchlagen
möge, ob fie bangte nad) dem Augenblik, ba er ein Beichen geben
würde, daß er Iche? Sem Gedanke und fein Gefühl jtand auf dem
ftarren Geſicht geſchrieben. Die Aerzte hatten ihr Hoffnung gemacht.
Aber der Arm war fort. Der Slate Schimmer der Nachtlampe fiel
taufam gerade auf die Stele, wo die treue, Hilfreihe Hand hätte
iegen mühjen. Frau v. Bliſſingen ftrich manchmal leiſe die dunfeln
welligen Haare aus ber Stine, öfter und öfter, mit nervöſer Haft.
Dabei zitterte ihr die Hand, und es begann um die krampfhaft zus
ſammengepreßten Lippen zu zuden.
Ihre Berührung fehien eine magnetische Gewalt auf ihn zu üben.
Ein leiſes Stöhnen entrang ſich feiner Bruſt.
„Heiß“, flüfterte er, ei
Sie erhob ſich unhörbar, Töfchte die Lampe, und öffnete die
Gardinen. Der Tag graute. Sie fröftelte- Als fie dem Kranken
die fühle Hand auf die Stirn legte, athmete er ruhig weiter. 5
Ein roter Streifen umjäumte den Horizont. Die Vögel be-
jannen ein leifes Gezwitſcher unter dem Fenſter. Der Morgenwind
Phielte mit den thauglängenden Blättern. Ueber Frau v. Bliſſingens
Augenlider legte ſich eine ſchwere Müdigkeit, und ihre Hand ſank
ſchlaff auf das sp tiffen des Kranfen nieder.
lötzlich ſchrak fie auf. Sie wußte nicht, ob fie ſchon gefchlafen
hatte. Aber fie hatte deutlich einen tiefen Seufzer gehört.
Mit angjtvollen Augen jah fie Meerheims Blick auf jo ge
richtet, einen Blick, der aus einer andern fernen Welt zu kommen
ſien.
c „Eleonore“, ſagte er leiſe. Wie viel Glück und Zärtlichkeit lag
in diefem einen Wort. „Eleonore, ic) Hatte einen föredtichen Traum.
Mir träumte, es lägen Jahre dazwiſchen, feit wir uns zulegt gefehen
— und geliebt“, er lächelte matt. „Verzeihe dem Tügenhaften Traum-
ott, Eleonore, mir träumte, Du wärft treulos — cs war.entjeßlich.
u treulos — wiederholte er mit einem gläubigen Kinderlächeln —
Du großes, warmes Herz —“
Er ſchwieg einen Augenblid. Sie ftarrte ihn an, als trete eine
plögfiche Geiftererfcheinung vor fie hin.
„Es war fo einfam um mich — in mir. Die Welt war fo
öde — wie man fchredlich träumen kann — Du treulos —. Ich
bin bei Dir, Eleonore! Küffe mich auf die Stirn!“
Sie beugte fich über ihn, ihre Hand feit auf die Bruft preffend,
als wolle fie den Auffchrei unterdrüden, der fi) daraus emporrang.
Die falten zitternden Lippen fenften fi) auf feine bleiche Stirn.
„So iſt es gut“, flüfterte cr. Seine Augen hatten fich wieder ger
688 Es war ein Traum.
kötoifen, und über feinem Geficht Tag ein friebliches, glückliches
ächeln. Eleonore -rang die gefalteten Günde feft ineinander. Als
die alte Wärterin eintrat, welche fie für die Nacht fortgeſchickt hatte,
fah diefelbe fie kopfſchüttelnd beforgt an:
„Önädige Frau haben das Fieber! Sie jollten fich hinlegen!“
Sich zu dem Kranken niederbeugend fügte fie hinzu: „Das iſt feine
Ohnmacht mehr, das ift Schlaf.“
Eleonore blidte erfchroden auf. _
„Erquickender, geſunder Schlaf, gnädige Frau“, beruhigte die
Alte. „Der gute junge Herr wird Ihre Pflege entbehren müſſen,
wenn Sie Tetbft fih krank machen“, meinte fie diplomatiſch. Sie
kannte die Wirkung ſolcher Worte aus Erfahrung. Eleonore legte
fi) auf das Sopha im jelben Zimmer, und wurde erſt aus ihrem
feſten laf geweckt, als die Aerzte kamen. J
Still umſianden ſie alle das Bett. Selbſt dieſe Männer, welche
Stenen des Schmerzes und Leidens genugſam gewohnt waren, konn⸗
ten einen Anflug von Rührung nicht verbergen, indem fie auf das
bleiche Geficht des Kranken blidten, der ohne Ahnung von ber furcht-
baren Entdedung, welche feiner beim Erwachen harrte, jo friedlich
ſchlummerte. Ein Zug ftillen Leidens lag um feinen Mund, der
leonore geftern entgangen war.
Die Fenſter wurden geöffnet. Eine frifche, reine Herbftluft
drang herein. Ihr Hauch fi belebend über Meerheims Stirn.
Er flug die Augen auf und. blickte wirt und fragend von einem
zum andern. Indem er den Verſuch machen wollte, ſich emporzu-
richten, zudte ein qualvoller merz über fein Geſicht. Das er-
wachte —— — hatte ihm grell ſeine Lage beleuchtet.
Die alte Wärterin ſchlich Teife hinaus. Die Werzte biffen fich
auf die Lippen. Nur Eleonorens Bli hing ftarr wie gebannt an
dem elenden Schaufpiel des Seelenfampfes in den zudenden Zügen
ihres Freundes. Langſam und voll ſchlug diefer die Augen wieder
auf, und ein Blick unendlichen Mitleids traf die gequälte Frau.
„gaben Sie noch heftige Schmerzen?“ fragte einer der Aerzte.
'eerheim verfuchte zu lächeln.
„Mir ift ganz wohl. Ich gehöre zu den Menfchen, meine Herren,
die immer denken, es hätte noch jchlimmer kommen Eönnen. Den
Gedanken empfehle ich Ihnen ala Rezept für Ihre ungeduldigen
Patienten."
Der Doktor Hatte bei den erjten Worten ein leichtes Stirn⸗
runzeln bemerkt, da® auf Schmerz deuten ließ. Er glaubte die Ur-
ſache von Meerheims mehr als gewöhnlicher Selbſtbeherrſchung er-
rathen zu haben, und wandte fich deßhalb an Eleonore:
„Gnädige Frau, wollen Sie gütigit unferem Kranken eigenhändig
einen fühlenden Trank bereiten?“
di Eleonore ſah ihn mißtrauiſch an, ging aber doch ſchweigend
hinaus.
„Sie haben doc Schmerzen?“ begann der Arzt fein Verhör.
ET Ey ueee
verftümmelten Arm anfehend.
„Nur dort?“ fragte jener feinem Bli folgend.
„Ih glaube, hier habe ich auch ein Andenken mitbefommen“,
ſagte er mit der Linken auf feine Bruft deutend.
Die Aerzte fahen fich, nachdem fie ihn an der bezeichneten Stelle
unterfucht hatten, bedeutungsvoll an. „Ein verdammter Pferdehuf“,
murmelte der eine.
„Was kann das arme Thier dafür" fagte Meerheim, ſich er⸗
Ieapfı in jeine Kiffen zurüdlehnend. Er legte fein Gewicht auf die
einung der Aerzte, und ihre Gegenwart beläftigte ihn fichtlich.
Sie empfahlen ſich denn auch stein, ale Frau v. Üıffingen wieder
Fr unter deren forjchenden Blicken fie fich entjchieden befangen
ühlten.
Nachdem Meerheim begierig das Glas geleert hatte, das Eleo-
nore ihm reichte, ſehte dieje I wieder ſchweigend an fein Bett. Er
ſchloß zeitweife die Augen, bald richtete er He finnend zur Dede
empor, bald blidte er Eleonore freundlich an, ohne zu jprechen. Sie
beobachtete ihn gejpannt. Die Schmerzenzlinie um jeinen Mund
ſchien ausgeprägter. Aber der Schleier, welcher über feinen Augen
Tan mar —— Sie ftrahlten eine Klarheit, ja Freudigkeit
ihr, fie wußte ſelbſt nicht warum das Herz zuſammenkrampfte.
ıddo, möchten Sie das Kind ſehen?“ fragte fie. Er nidte.
itt hinaus, und fehrte mit der Eleinen Loni an der Hand
Sie wollte dem Kinde jagen: „Sieh da, Dein Lebensretter“,
brachte fein Wort heraus. Haddo blickte das Kind ftill an.
‚löfte fich eine Thräne aus feinem Auge und floß die Wange
Aufſchluchzend barg Eleonore ihr Geficht in ihre Hände und
aus. Endlich war der Bann gebrochen.
; fie zurückkehrte, waren ihre Augen ftarf geröthet, aber fie
ig, tal heiter. Sie fand Loni am Bettrand figen, neben fich
Be schwarze Katze, die fich ſchnurrend und ſchmeichelnd an
liebfojende Hand jchmiegte.
erften Augenblid hatte das ſeltſame Benehmen ber beiden
‚nen dad Kind beängftigt. Haddo aber hatte ſich ſchnell ge-
d auf feine Frage, ob denn ihr Grethchen noch lebe, war fie
ausgelaufen ihren Pflegling zu holen und befand fih nun
Ich egepodener Stimmung über die Anerkennung, welche
gefunden.
ni, verjchone doch Onkel Haddo mit dem Thiere*, ſagte
ü ſah ganz betreten aus. „Soll ich fie fortnehmen? fragte
t.
uſcht.
ikel Haddo ſagt, die Thiere wären treu und gut, meinte ſie,
jätte fie lieb.“
ß fie nur, Loni*, fagte er, das Thier ftreichelnd, „ſiehſt Du,
:n bei mir.”
6“ Es war ein raum.
Sie behielten das Kind den ganzen Tag bei fi. Seine Gegen-
wart verhalf ihnen am beften zu dem Gleichgewicht der Gemüter,
Als Eleonore zur Ruhe mahnte, verſprach fie Loni, fie bürfe am
nächsten Tage wieder fommen. „Und bringjt Grethchen wieder mit,
ſagie Ontel Haddo freundlich, dem Kinde lächelnd nachfehend, wie
fie ftolz mit ihrer fleinen ſchwarzen Freundin verſchwand. Des
Abends, als die Mama ihr fon, nachdem fie für Onkel ‚gabbo ges
betet hatte, der liebe Gott möge ihn bald wieder gejund werden
Iaffen, gute Nacht gejagt hatte, erzählte fie noch einmal, Onkel Habdo
habe gelagt, fie müffe Grethchen gut gepflegt haben. Diejetbe ei jo
groß und a! geworden. Mit einem glücklichen Lächeln auf dem
tofigen Geſichtchen fchlief fie ein.
Mehrere Tage waren vergangen. Haddo hatte fich bei der un-
ermüdlichen Pflege Eleonorens ſchnell erholt, d. h. er fonnte das
Bett verlajfen. Ens Wundfieber war gewichen. Aber Eine Wangen
waren eingefallen. Tiefe Ränder Hatten ſich unter feinen Augen
gebildet. „Das kommt noch nad“, hatten die Aerzte auf Eleonorens
angftvolle Fragen geantwortet. Ste hatte dies Drakel säfg ges
deutet und meinte, es fei von den Folgen ber Operation Die Rede.
Von den Schmerzen in der Bruſt des Kraufen wußte fie nichts.
Sie erjchraf, als Haddo davon ſprach nad) Haufe zurüdzufehren.
„Eleonore, Ste wiſſen, wie gern ich bei Ihren bliebe“, hatte er
gejagt. „Aber die Stadtluft ift fein Element für mid. Ih muß
aufs Land, und darf dort auch nicht fo lange fehlen.“
„Sie können weibliche Pflege noch nicht entbehren, mein Freund“,
wandte fie ein.
„Ich darf mich nicht zu ſehr verwöhnen lafjen, gnädige Frau.
Dan entbehrt doppelt, je länger man genoffen hat.”
„Wer jagt Ihnen, dag Sie entbehren jollen?“ -
Er ſah ie fragend an. Cie fpielte nervös mit den Quaſten
der Tifchdede. Im ihrem Antlig wechſelten Röthe und Bläſſe.
„Ich kann doch nicht bei Ihnen bleiben.“
„Aber ih — ich fann mit Ihnen gehen.“ Nun war. eg heraus,
was fi) jo gefträubt Hatte über die ftolzen Lippen zu gehen, und
was als ſchwerer Entſchluß ſchon längit in ihrem Herzen ent-
ſchieden war.
Ueber fein Geficht flog es wie heller Sonnenfchein.
„Das Wort von Ihnen, Eleonore, das ift eine fürftliche Be
lohnung für das Selbftverftändliche, was ich gethan. Aber —“ er
ftodte, indem ein Schatten über fein Antlig flog.
„Aber —?“ fragte fie dunfelerröthend.
„Aber ein Haddo von Meerheim nimmt nicht als Opfer
Dankbarkeit und Mitleid, was einjt das Herz ihm als freie €
gemähet Eleonore“, fagte er, als fie fchwieg, „darf ich Ihnen
eeſchichte erzählen? Sie ift einfach, aber auch kurz.
Sie nidte ftumm.
„Es war einmal — fo fangen ja die Märchen aus alten
em Duft, das Bl, Blume zu Blume. Benn Er LIEDIC Das Schone,
den Duft, das Blühende. Aber er liebte es mit reinem, arglojem
Herzen. Deßhalb umgaufelte er wohl die Blumen. Dabei träumte
er aber von einer, die herrlicher, duftender, feuchtender fein müſſe,
als alle anderen. Er fannte jie nicht, aber er jehnte fich nad) ihr,
und fam endlich, je mehr er einfah, daß er ein Schwärmer fei, auf
den traurigen Gedanken, die Blume, von der er träume, bfühe wohl
gar nicht auf Erden, vielleicht im Himmel.
Da fah er einmal ein paar dunkle Augenjterne. Eine wunder
bare Seligkeit überfiel ihn, denn aus denjelben ſchien ihm feines
Traumes Erfüllung entgegenzubliden. — Es waren ein paar Sterne,
und fo betrachtete er fie. Unerreichbar hoc) ftanden fie für ihn wie
ihre Geſchwiſter am hurne Aber das iſt ja das herrliche an den
Sternen: man darf fie anfchauen, ſich beraufchen an ihrer Pracht,
uud darf fi) andächtig durch fie ftimmen faffen, ala wäre man in
icche.
Bald war dies Augenpaar für den Knaben die Leitjterne feines
Lebens. Sie bfidten ihn nicht mehr fo kalt, jo aus unerreichbarer
Sk an, fondern fie jenkten fich freundlich in die feinen, und fie
mußten doch wohl burchgebrungen fein, bis zum Allerheiligiten feiner
unberührten Seele, denn fie verriethen ein ſympathiſches Leuchten.
— Maa foll ich fagen, gnädige Frau? Eine rau, welche ſchon
n3 Luft und Leid erfahren, der zwei blühende Kinder die
infamfeit belebten, war dem Knaben gewogen. Sie hätfchelte
fiebtofte ihn wie ein Kind, und er dachte nicht darüber nach,
hr war. Er fühlte fi) nur ala Heros, als Engel des Lichts,
Uem Guten und Edlen fähig ift, wenn er zu ihren Füßen
ine Lippen auf ihre Hand preſſen durfte, und ihre jchlanfen,
inger gebanfenvoll durch feine wirren Loden gleiten fühlte.
henglüd, Eleonore, läßt fich nicht ſchildern, wie Menjchen-
nicht, wenn es am echtejten ift. Die Dichter haben es
Bei ihren tönenden Worten klingen wohl die Saiten unferes
nad), aber in die Tiefe dringt fein Schall von außen. Da-
'igt nur das eigene Gemüt, und feiert und duldet Stunden,
n Menſchenmund und Menfcenohr nichts wiſſen. — Der
ar thöricht und heftig. — Ob er die Gunft jener Frau
‚ ob fie anderes zu thun hatte — die Sterne jtanden für
terreichbarer Höhe. Ich fagte, es war ein thörichter Knabe.
ihle feines Herzens tobten gegen den Himmel an. Nachdem
n zweiter Prometheus, Himmelslicht der Seligfeit von oben
ußte er nun auch die Strafe des Prometheus erdulden: ein
Adler, der Menfchenhaß nagte an feinem Leben. Jedes edle
cſchien ihm nur als Rauſch, auf den ein elender Katzen⸗
olgte. — Das Leben nahm ihn in die Schule. Er wurde
ſchlechteſte Schüler. Er lernte die einfachite Weisheit, fich
iben zu bewahren durch ſich felbft. Ein Engel verflärte
692 Es war ein Traum. \
feine Erinnerung. Diefem Licht konnte die Bitterkeit feines Herzens
nicht widerftehen. Der Knabe trägt als Mann noch diefelbe Wurde,
aber nur ala Ehrenzeichen, erworben im Dienfte der Treue.
Die Kühnheit Feiner Wünſche hatte fich gelegt. Nur ein einziger
war ihm geblieben, und der fchien unerreihbar. Jahr auf Fahr
fegte das Leben welte Blätter auf dad Grad, das er in jeinem Herzen
egte. In immer nebelhaftere Ferne fank fein Glüd, und eine immer
inkhaftere Sehnſucht ergriff ihn, es noch einmal faſſen zu bürfen
— nicht? neues, nichts anderes, nur dajjelbe ganz jo wie es war.
Nur einmal noch wollte er zeigen wie er lieben fonnte, wie er noch
- Yiebte, mit einer That fühnen, was er im Wahnfinn feines Echmerzes
an jenem Engel gefündigt. Sie. jehen, das war ein Wunſch wie ihn
die Helden aus Taufend und eine Nacht nicht fühner haben Eonnten.
Und es wurde ihm erfüllt, Eleonore. — Fieberträume überwältigten
das Bewußtſein des Mannes, der einst der thörichte Knabe war.
Sie warfen ihren dunfeln Schatten über die legten Jahre feines
Lebens... ALS er erwachte, da ſah er über jich die Sterne Ienchten,
welche die Leitfterne feines Lebens waren. Die Vögel fangen jubi-
lirend Lieber, welche alles Entzücen in den jchlummernden ‚Herzen
wieder weckten. Die Morgenröthe überftrömte den Himmel mit ihren
Strahlenfluten, und ms rothgofdenen Schein über mein Haupt,
feuerflammende Propheten einer euchtenden ufunft. In den Bäumen
rauſchten und flüfterten alle füßen Geheimnifje und ungelöften Räthſel
eines mit glühenden Hoffnungen umfaßten Dafeind. Weiche Hände
ruhten liebkoſend auf meiner Stim, und von ihnen aus ftrömten
Schauer der Wonne eines Mmiebergefchentten Lebens durch meinen
Körper, und als die Lippen, nad) denen ich gelechzt, wie ein in der
Bihe verfchmachtender mic) berührten, da — da Hatte ſich mein
fitiomer Wunfd erfüllt, wie fein Zauberer aus Taufend und einer
acht ihn befjer erfüllen konnte.“
Er athmete tief auf. In der ſich fteigernden Lebhaftigfeit, mit
der er gejprochen, war er aus der Rolle des objeftiven ja ler
gefallen. Indem er fi mit dem Taſchentuch über die Stirn fuhr,
verfuchte er die Spuren der Erregung aus feinen Mienen fortzu-
wifchen. Frau v. Vliffingen faß mit tief gefenktem Haupte vor ihm.
„3a, Eleonore“, ſagte Haddo aufftehend. „Das Leben hat mich
das große Los ziehen laſſen. Ich habe Gelegenheit gefunden, zu
zeigen wie ich lieben fann, und die treue Freundeshand, welche Sie
PR zurüdgeitoßen, ich habe fie Ihnen doch reichen dürfen — für
immer.“ Er zeigte auf feinen verjtümmelten Arm. Sie barg ihr
Geſicht in ihre Sünde. Indem er ihr feine Linke auf die Schu
legte, beugte er fich zu ihr nieber und wiederholte leiſe: „Eleon
— für immer.“ Lange preßte er feine Lippen auf ihr volles brau:
Haar. Dann fehritt er ſchnell hinaus.
Am nãchſten Morgen reifte er ab.
Eleonore hörte nichts wieder von ihm, machte auch feinen V
ſuch Nachricht von ihm zu erhalten.
Es war rin Traum. — An Adalbert Matkowsky. 693
Im nächſten Frühling,. als das erjte Grün aus den Knoſpen
brach, fam die Kunde, Haddo von Meerheim fei an einem Brujt-
leiden. geftorben. — Ueber die Urfache feines Leidens fei nichts be—
Tannt. Er jelbft habe r nicht anders. Darüber geäußert, als er
habe ſich einmal unbedeutend verlegt. -
An Adalbert Matkowsky.
Motto: O hochſtes Götterziell Aus nieberm Erdenduuſt
Hinaufzuretten ſich ins freie Reich ber Kunſt.
ex bis zum Sitz der Seele dringt,
Wie Du der Schönheit ‚eine ing
So wundervoll heroifch Fühn,
Wer heil'ger Wahrheit Goldrubin
Wie Du aus Dichterwerken gräbt,
Daß ihr geheimftes Leben lebt,
Wer fo der Liebe Götterglut
Und aller Schmerzen Tobesflut
Bor die entzüdte Seele ftellt,
Das Echo einer ſchöner'n Welt:
(D wonnefeliger Götterfchein!)
Der nennt des Genius Krone fein!
Begeiftrung trägt ihn himmelan
Mu feiner Künftlerdornenbahn;
Statt feilen Lorbeers Ruhmezblatt
Im ſich er höchſte Wonne hat
Und fegreich ührt durch Tod und Nacht
Ihn echter Dichtung Weihemacht!
Wilhelm Arent.
Bie Soffioni. . 695
daß ihre Verwerthung ſich lohnt, nimmt der Boden, emporgedrängt
durch den ſtarken unterirdiichen Drud der Dämpfe, die Geftalt cines
einen Kraters an. Das Gejtein wird durch die chemiſche und mecha⸗
niſche Einwirkung ber Gaſe zerfrejfen und zerftört, bis es auseinander
brödelt und in Staub zerfällt. Doch nicht nur Borſäure findet mar
in diefen Kratern, fondern aud) Alaun und Schwefelfriftalle, doch
werden dieje beiden letzteren Mineralien heute nicht mehr ausgebeutet,
indem man bie ganze Aufmerfjamfeit auf die Herftellung des Borax
fonzentrirt, bie einen weit beträchtlicheren Nugen abwirft, als die
Ausbeutung jener anderen Schäge des Mineralreiches. Unter den
Gajen, die fe den auffteigenden Dämpfen beimifchen, fpielt der
Schwefelwafferftoff Die hervorragendfte Rolle. Ringsumher verbreitet
m abjcheulichen Gerud) faulender Eier über die Landſchaft, ohne
jedoch einen nachtheiligen Einfluß auf den Geſundheitszuſtand der
in den Soffioni bejchäftigten Arbeiter auszuüben, ja er hat gar noch
die ſchätzenswerthe Eigenichat, die benachbarten Weinberge der gan-
zen Uhngegend vor ber Traubenfäule zu bewahren, die im weiteren
Umkreiſe jo häufig auftritt, fich hier aber nie zeigt!
Erft im legten Viertel des vorigen Jahrhunderts wurde in den
Soffioni von Monte-Rotonde in den tosfanijchen Maremmen, jenen
ungejunden, fieberjhtwangeren Sumpfgegenden, die fid) an der Meeres-
Tüte vom Ausfluffe des Cecina bis nach Orbitello in einer Länge
von 20 und einer Breite von 1’/, bis 4 Meilen ausdehnen, die
Boraxſäure entdedt. Bis dahin waren die allerdings befannten
Gasquellen nur als intereffante Naturerfcheinungen betrachtet und
befucht worden, aber an_eine induftrielle Benutzung derjelben Hatte
noch niemand gedacht. Schon vor Chrifti Geburt erwähnte der alt-
römiſche Dichter Qucretius der Soffioni; doch mag er wohl nicht ge-
ahnt haben, welche Bedeutung diefelben einft gewinnen würden.
Erft der neueren Chemie blieb es vorbehalten, den werthuollen Stoff
aufzufinden, der. den wejentlichen Beſtandtheil der auffteigenden
Dämpfe bildet. Ein Deutſcher, namens Höffer, der Hofapothefer des
Großherzogs Leopold von Toskana, des nachmaligen deutſchen Kaifers,
war, wies im Jahre 1777 zuerſt den reichen Schatz der Borarfäure
in der Soffioni von Monte-Rotonde nad), indem cr die Eigenjchaft
derjelben, Altoholflammen grün zu färben, kannte.
Nicht jobald war der Pachreis geleten, daß die Soffioni Bor-
füure enthielten, al3 man aud) den Verſuch anjtellte, die Säure aus
en Gasquellen zu gewinnen, indem man die Dämpfe durch Waffer
ftreichen ließ, bei welchem Verfahren diefelben fid) in_reichlichen
Mengen abfegten. Zu diefem Zwecke wurden künſtliche Wafferbehäl-
ter, jogenannte Zagoni, d. h. Kleine Seen angelegt, die aus mehreren
Etagen beftanden, durch welche die Dämpfe nadeinander hindurch⸗
geleitet wurden, um fich jo zu Boraxſäure zu fondenfiren. Der Urs
—F dieſes Verfahrens war der berühmte italieniſche Naturforſcher
ascagni, doch hatte dajjelbe nicht den gewünfchten Erfolg, und jo
wurde das Unternehmen bald wieder eingeftellt, bis im Jahre 1816
696 Bie Soffioni.
ein in Livorno angejeffener franzdfifcher Kaufmann, Larderel, die
Verfuche wieder aufnahm und zum ausgiebigerem Betriebe derjelben
eine Geſellſchaft zuſammenbrachte. Dieſe Gejellichaft gründete jofort
drei verjchiedene Etabliffements, die elf Jahre ang im Gange waren,
dann aber auch wieder aufgegeben wurden, da der erzielte Gewinn
faum die Herftellungsfoften deckte.
Wenn Ka) der Erfolg den gehegten Gamaztungen nicht entſprach
und die Gejellichaft fich infolge en auflöfte, ließ doch Larderel
fi) nicht entmuthigen. Aus eigenen Mitteln entjchädigte er bie
Aktionäre der Compagnie, und ſetzte das Gejchäft nun für eigene
Rehnung, fort, bis feinen muthigen, energifchen Anftrengungen ber
gehoffte ohn endlich zutheil wurde. Es gelang ihm nämlich fchlich-
ich doch die Dämpfe der Soffioni aufzufangen und ben Konden-
firungsteffeln zuzuführen. Da diefe Dämpfe im Momente, wo fie der
Erde entjteigen, faft die Temperatur des fiedenden len haben,
fo konnte begreiflicherweife die Verdunſtung ber Flüſſigkeit und
die Krijtallifation der Boraxſäure gemwijfermaßen ohne Unfojten be—
ſchafft werden. Bald flieg bemn aud) die Produktion der Werke, die
nad) wenigen Ye in den Maremmen zu zwölf angewachſen und
ſämmtlich im Beſitze des erwähnten Srangofen waren. Es wurden
jest jährlich über anderthalb Millionen Kilogramm Borax in ben
Handel gebracht und ein Reingewinn von 700,000 Franken erzielt.
ine englijche Geſellſchaft nahm kontraltlich Larderel das fümmtliche
Erzeugniß feiner Borarwerfe ab, biß nach jeinem Tode ber Vertrag
gelöft worben iſt.
In gewiſſer Beziehung noch intereffanter, als bie Borazquellen
von Monte-Rotonde, find die Oprazgerntnnungs-Stabtiffements eines
anderen franzöfifchen Industriellen, namens Durval, die fi in Der
am Zuße des Monte-Rotonde ausbreitenden Ebene befin ier
zeigen ſich die Gewäſſer eines Sees, eines ſogenannten Schwefelſees,
die, einen wahrhaft höllifchen Charakter tragend, an die bunfeln
Fluten des Styr gemahnen, der in neunfacher Windung die Unter-
welt der altgriechiichen Mythe durchfloß. Die Farbe dieſes unheim-
lichen Sees ift ein dunkles Feuergeld, und aus den Wirbeln und
Strudeln, die vielfach an dem Bali zutage treten, laſſen ſich
die Soffioni, welche der Tiefe entitrömen, erfennen. Bis auf weite
Entfernung ift das Braufen und Bilchen berjelben vernehmbar.
Durval hatte den glüdlichen Gedanken, den unterirdifchen Herden
diefer Gasftrömungen nad); gehen, und fand, daß wie man an andern
Stellen in ber Tiefe a fleradern ftößt, jo der Grund bes
Schwefeljee und feine Umgebung von Gasabern durchzogen ift.
Wie nun die angeftellten Arbeiter auf die Gasabern der Sof-
fioni trafen, ftiegen die Dämpfe mit fo wilbem Ungeftüm durch ben
geöffneten Ausgang hervor, daß jie Steine, Wafler und Erdniaſſen
zu beträchtlichen Höhen, zum nicht geringen Schreden der arbeiten-
den Bergleute, in bie dut ſchleuderte, die fig vor dem Steinregen
kaum zu fehügen vermochten. Man hatte hier das Bild einer Meinen
AUG qua0556 10a 20) pulabjvurbiag mama PporG
aax mag 200 ipui⸗ 29q jun uaſuaq
Bie Soffioni. 697
vulfanifchen Eruption vor Augen, nur daß die Flammen, wie auf
dem Aetna oder Vefup, fehlten. Eine vor wenigen Jahren noch er=
fchloffene Soffioni hatte eine ſolche Mächtigfeit, da man das Ziſchen
des Dampfes mehrere Stunden weit hören konnte. Es war ein ſolch
fchredliches Getöſe, als wenn eine große Anzahl Lokomotiven auf
einmal den Dampf ausftrömen läßt. Der Strahl aber war fo ftarf,
daß man darauf verzichten mußte, ihn unter die Verdunftungsfeffel
u leiten, vielmehr ſich veranlaßt ſah, Die Deffnung, welcher er ent-
Vrubelte, wieber zu verftopfen, was endlich nach vielen vergeblichen
Bemühungen gelang. b
Obgleich die Temperatur der Gafe eine fo bedeutende ift, jo iſt
doch die Tiefe, aus welcher fie der Erbe entitrömen, keineswegs er-
heblich genug, um fich diefe Erſcheinung erklären zu können. Be—
kanntlich wächſt die Wärme auf je 36 Meter, die man in die Erde
hinabſteigt, um ein Grad Celſius. Mithin. gelangt man erjt in einer
Tiefe von ungefähr 3000 Metern zur Temperatur de ſiedenden
Waſſers. Nun aber erreichen die Gasquellen von Monte-Rotonde
nirgends eine Tiefe von hundert Metern, woraus mit aller Wahr⸗
Ichemlichfeit hervorgeht, daß fie entweder einem noch viel tieferen
Herde entjpringen, ober ihre Temperatur mit chemiſchen und elektri⸗
ſchen Erfcheinungen zufammenhängt, die wir nicht zu erfennen ver>
mögen.
Das Central-Etabliffement der Larderelſchen Boraxwerke Sefinbet
fih zu Monte-Cerboli. Aber auf der ganzen Strede von Monte
Notonde bis dahin fommt man überall an Gasquellen vorüber, die
Veranlaffung zu einer ganzen Reihe von Borazbereitungsanftalten
gemarben find. Die Etabfiffements gewähren einen sigentgämtichen
nblid. Die aus Mauerwerk beftehenden Kuppeln, welche die Sof-
fioni überwölben, die zuweilen hoch über den Boden Hinführenden
Kanäle, welde die Dämpfe zu den Verdunſtungsbaſſins leiten, Die
etagenweife ſich erhebenben Vehälter ober Lagons, die Anftalten
unter freiem Himmel, wo das Wafjer verbunftet und die Kriftalli-
fation vor fich geht, die Gefäße, in denen die Boraxſäure trocknet,
der efelhafte Geruch des Schwefelwafjerftoffes und endlich die diden
Dampfwolten, die fortwährend über diefem allem lagern — dies
alles macht auf den Neuling einen überaus frembartigen Eindrud.
Nah und nach find die Fabriken Larderels zu einer Heinen
Arbeiterftabt angemadien, welcher auch der jegige Beſitzer, Larderels
Sohn und Erbe, die Humanfte Theilnahme angedeihen läßt. Der Ort hat
eine eigene Apothefe, die auf Koſten des FZabrikheren die Kranken gratis
mit den nöthigen Medifamenten verficht. Auch den Arzt bejoldet er
aus feiner eigenen Taſche, und derfelbe muß nicht nur den Fabrifarbei-
tern, ſondern aud) allen armen Leuten der Umgegend feine Behandlung
unentgeltlich angebeihen laſſen. Für die Kinder jeiner Arbeiter hat er
Schulen gegründet; ja er — ſogar eine Art Muſikakademie ins
Leben gerufen, die von großem Werth ift und ſchon nennenswerthe
Refultate in Anbetracht der mufifalifhen Anlage der Bevölferung
Des Salon 1889. Heft VI. Band L 40
698° Bie Soffloni.
aufzuweifen hat. Auch die Spar- und Darlehnskaſſen,
fond für Arbeiterwittwen, eine Waifen- und Altersver!
fehlen nicht. Ueberhaupt ift die ganze Einrichtung des g
biiffements eine mufterhafte zu nennen. So iſt Lardere
Name de3 Drts, mit allem verjehen, was nicht bloß zur $
dern auch zur Annehmlichfeit des Lebens beiträgt. Ce
Theater ift eingerichtet, wo von Zeit zu Zeit die |
Frauen und Kindern ihre dramatiichen und muſikal
bewundern laffen. Vom Großherzoge von Toskana wı
der dieſes merkwürdigen Induftrieunternehmens zun
Monte-Gerboli erhoben, und ihm als Wappen ein di
ſprudelnder Gasquell, eine jener Soffioni verlichen, der
ihre nach Millionen gi ten Reichthümer verdankt.
Die toskaniſche Borarfäure erſcheint in gelblichwe
und wird bejonders von den Fayence- und Porzell
erftellung der Glafur verwendet: Dann verdient !
melzmittel zur Bereitung des fogenannten Lothes,
Schmiede und Metallarbeiter zum Flüſſigmachen von
Kupfer, Zinn ıc. gebrauden, jeachtung.
Vor der Entdeckung der tosfanischen Soffioni wi
zu enormen Preiſen aus Oberägypten und Oft
Gegenwärtig foftet berfelbe nur die Hälfte deffen, wa
“ bezahlt werden mußte. Dazu kommt noch, daß eine
5 bewohnte Landſchaft in eine volfreiche, belebte Gege
worben ift, und Toskana eine jährliche Einnahme von
Zranten fichert. Im neuefter Zeit find auch in Kal
offioni entdedt worden, die, wie es fcheint, ſchon j
Einfluß auf den Gewinn der italienifchen Boraxwerke
— So viel bleibt aber gewiß, daß wenn aud) der Boı
im Werthe finft, und viel wird es wohl nicht werder
werthung deſſelben von Jahr zu Jahr zunimmt, das
doch ein Segen für bie Gegend bleiben wird und es
riften wie für den Forſcher reichlich die Mühen lohnt
& befuchen, wenn ihnen ihre Pilgerfahrt durch Itali
de führt.
Danzecv, Google
8
700 Am Kamin.
und geftattet mir nur im Domino zu erfcheinen. Durch einen Zur
fall erfuhr ich gejtern von Emma von ®...... 9, dab zwei gleiche,
janz neue hellblaue Atlasdomino, geſchmückt mit weißem ſpaniſchen
lieder, in einer Masfenverleihanftalt der Mariahilfer Vorftadt, zu
haben find. Diefe Dominos wollen wir uns ausleihen, und fönnen,
ohne erfannt zu werben, ganz nett intriguiren!”
Wie Frau Melanie Augen Ieuchteten im Vorgenuß bed neuen
Vergnügens — wie der Heine Mund füh zu lächeln verjtand —
behezte fie doch mich, die gefcheite Evatochter — wie follte fich da
nicht ein Mann beftriden lafjen?
„Und nun, beſte Freundin, ſagen Sie „ja!" Schlüpfen Sie aus
dem Schlafrod in das Straßenkoſtüm; wir nehmen einen Bogen —
ih muß um zwei Uhr zurück und zu Haufe fein, wenn mein Männ-
hen aus dem Bureau fonımt.“
. Ah! Melanie zählt achtzehn Jahre, und in dem Alter ift einem
noch der Lebensweg mit Rojen und Schmetterlingsflügeln gepflaftert.
Zehn Minuten fpäter faßen wir im Wagen und fuhren der
Mariahilfer Linie zu.
Unfer Comfortable fchien feine Eile zu haben, und ihm, fowie
jeinem verfchlafenen Lenker fa man die „Nachtfuhren” gewaltig
ſchon an. Doc, alles nimmt ein Ende, und aud) wir langten vor
einem alten Haufe der &..... ſtraße an, über deſſen Wesgantnfenfter
in prunfenden, roth und grünen Lettern, das Wort „Masfenleih-
anftalt“ thronte. Es hätte dieſes Avifos nicht bedurft, um die farne-
valfüchtige Menſchheit aufmerkſam zu machen, daß man fich hier in
einen Narren verwandeln Eonnte.
Am erften Fenfter hing ein „geiwefener“ Türke, dem man es
anſah, daß er bei Schwender oft nach Odalisken gefucht. Er würde
fich jetzt beffer für einen „Lumpenball“ geeignet haben. Neben ihm
machte fid) eine Pompadour-Robe, in großgeblumtem Rotofomufter
breit, deren ſchmutzig tofa-gelbliche Farbe den Eindrud hervorrief,
als jeien Dezennien mit Sturm und Regen über fie dahingezogen.
Sie erinnerte mic) an manche verwajchene und vergilbte Schönheit.
Am nächften Fenfter hing ein ungarifcher „Ezikos“, und neben
ihm zu weiteren Betrachtungen blieb mir nicht Zeit, denn Melanie
D.... war aus bem Wagen und, wie ein Eichfagel in drei Tempos
die Stiege hinauf, wo fie fofort Sturm läutete und im Eingang
verſchwand. Während ich noch den Lenker unjeres Vehifels bezahlte,
am die Eleine Frau mir fchon wieder entgegen.
„Wir müffen uns ein halb Stündchen gedulden; die hellblauen
Atlasdominos mit weißem lieder find zwei Damen zur Anficht ge-
jendet worden, die aber ausdrücklich ſchwarze verlangen. So bfei
uns die Hoffnung, daß fie fie nicht nehmen, was mic) ungeme
ärgern würde. Kommen Sie nur mit hinauf, wir werben ob
warten!”
Wer „A“ jagt, muß aud) „B“ fagen. Aljo, was Hilft’? Waı
ten wir.
Am Kamin. 701
Eine freundliche kugelrunde Frau empfängt uns, fährt mit der
Schürze über ein wurmftichiges und einſt pfirfichfarbenes Plüſchſopha
und ladet uns zum Sitzen ein.
„Wollen fih die Fräul'n nur ein bißerl gedulden. Ich habe
den Schanerl ſchon hinter dem Probirfräul'n hergefchidt. Sie wird
gleich fommen.“
„Wir figen faum, und Frau Neltenhuber, die Befigerin der
Mastenverleihanftalt, hat uns in erfichtlichem Stolze verrathen, daß
fie einft Hilfagarderobiere im Burgtheater geweſen, da fäutet es
wieder. Dan öffnet. Es tritt eine dide böhmifche Köchin ins „Atelier“,
wie Frau Neltenhuber ihren haldfinftern Salon nennt, in dem die
Koftüme an Wänden und Stellagen wie Kraut und Rüben durch—
einander hängen.
Als die Babuſchka uns beide figen fieht, will fie, verſchämt,
nicht mit der Sprache heraus; aber die frühere Hilfsgarderobisre
sieht fie in die eine Ede und nun faht die dide Küchenfee Courage.
„Ale, bitt' ich Ihne, Frau Neltenhuberifche, möcht ich eine
„Schneekönigin“ machen, was hab'ns geliehen Stubenmabel unfriges.“
Die Masfenverleiherin weiß recht gut, in welchem Zuftande fie
das weiße durchſichtige leid zurücbefommen würde; fie redet der
Babuſchka aljo mit aller Energie ab, und zieht aus einer Kijte ein
undefinirbares Etwas.
„Seg'ns, da i8 a Tauben! Das is a Koftim für Ihnen! Sie
jan ſchön mollet, und a Jedes muß a Freude hab’n, wann er Ihnen
anfchaut.“
Das fettglänzende Antlig Babufchlas ftrahlt vor Vergnügen.
„Alfo meinen’s, daß ich mach ein Gefliegel, Frau Velten
berische?“
KEN Ich garantir Ihnen, Sie fan die ſchönſte Maske
im Saale!“
Noch immer zögert Babuſchka und zupft verlegen am Schür-
zenbandel. j . —
„Aber wird Wenzel meiniges, was iſe bei Deitſchmeiſter, mi
gleich erfennen — —“
Die Oarderobiere padt die Maske ſchon in ein mitgebrachtes
Tuch von der Babufchka.
nd, freili! Wo denfen’3 denn Hin? Die Flügel verftellen Ihnen
ja vollſtändig. Wo wird Ihnen denn ber Wenzel in an Tauben
ſuchen? — ja, wann's an Hähnd'l wär oder a Ganſel, aber a Tau-
ben — wann’s heim kommen, jo thun’3 die Flügel noch a bißerl
ber a kochtes Waffer halten, damit fie ſich noch ſchöner Eräufeln.“
Statt der „Schneefüönigin“ nimmt Babufchfa richtig die Taube.
Beim Anprobiren fommt e3 zutage, daß die holde Küchenfee ein
grobes Hemd trägt, dem bie Farbe der Unſchuld gewichen, daf aber
auch die riefigen Konturen der Böhmin ſich faum mit äußerfter Ge—
walt in den Faubenfrad preffen laſſen.
702 Am Kamin.
„Gehte ſchun“ — nidt Babuſchka eifrig — „wann geb’ ich
Wenzel meiniges den Nachtmahl allanig.“
Während die Köchin die verlangte Leihgebühr bezahlt und mit
den Taubenflügeln zur Probe ſich vor dem halbblinden Spiegel
ſchmückt, läutet es wieder.
Ein junger Mann tritt herein; einige Padete mit Pottenborfer
Wolle unter Arme verrathen uns den Praftifanten; wir beide
thun, als hätten wir feine Ankunft gar nicht bemerkt, weßhalb er
muthig auf Frau Nelfenhuber zugeht.
Ich habe neulich im Burgtheater einen Ritter gejehen, der mit'n
war kommen is, und eine Menge Federn aufm Kopf gehabt hat,
FR effas, wie heißt er denn glei? — 's war was von „grün“
ei." .
Frau Nelkenhuber fieht verachtungsvoll auf den Jünger Mer
kurs herab, dann meint fie:
„Sie werben Ihnen wohl irren! Nicht im Burgtheater, herent⸗
SE im Opernhaus hab'ns das gefehen, und der Ritter heißt
ohengrün!“
Des Praktikanten Züge erhellen ſich freudig.
„Richtig! Lohengrün — ich hab's Halt vergeſſen!“
ge verliert ſich die Fugelförmige Geftalt der Garderobiere faſt
volftändig in die Tiefe einer bunten Trugel, aus ber fie einen
blanken Helm mit wallendem Federbuſch, Stulpftiefel, ein raffelndes
Schwert und einen weißen Mantel Hervorbringt. Endlich nimmt fie
von der Wand einen grünen Jägerrod, wie ihn wohl der Mar um
Freiſchütz“ trägt und „Lohengrün“ ift fertig.
Kaum ift der junge Großinduftrielle verſchwunden, fo ftürmt
ein zweiter Jüngling herein. Er will aud ein ſolches Koſtüm
re Aid alle grünen Röde find fort — nur ein gelber ift
n .
„Na, ich will a an grünen — das is nig — —“
„Aber, Sie Tſchapperl“ — lächelt die Garberobiere überlegen
— „Lohengelb i8 ja viel feiner.“
Der Commis ftugt. Endlich feheint ihm das Einguleuiten.
„Wirklich? Lohengelb — hm! mir fcheint der Reichmann Hat
aan gelben Rod angehabt — ? —
„Ra, da ſag'n S'ös! Ich fage Ihnen, Sie machen Effekt!“
Und Lohengelb zieht befriedigt feiner Wege — wenn auch
ohne Schwan.
Ein neues Bild.
Im Rahmen der Thüre erjcheint ein nicht mehr ganz jung.
Sräulein, den goldenen Zwicker auf der Naſe und auf den furz ver
ſchnittenen Zoden den in gegenwärtiger Winterfaifon ftarf vermaift
großen Rembrandthut. Das Fräulein iſt ſichtlich eine fleißige
manleſerin; unter ihrem Arme fteden brei in rothen Maroquin- ge
bundene Bücher, auch verräth es Die gewählte und gegierte Sprach-
weife. Den Augenauffchlag des Fräulein Wefjely fopirend, flötet fü
Am Amin. \ 203
„Hätten Sie nicht das Koftüm der Maria Stuart? Ich mache
nur die Maria Stuart! Etwas anderes nehme ich nicht!“
Die Masfenverleiherin fommt nicht in Verlegenheit.
„Da haben Sie ganz recht, Liebes Fräulein — wenn der Menſch
mal an Gufto Hat, ſoll er ſich's was Toften laſſen.“
Die Romanleferin ift befriedigt, daß man ihre Anficht betreffs
der Stuart theilt.
„Sa, fehen Sie, ic) war gewiß ſchon in zwanzig Maskengar⸗
deroben, aber ich lann das Koftüm nirgends befommen.“
Frau Neltenhuber zudt verächtlich die Achjeln.
Ich bitt' Sie, was find denn das meiſt aud) für Leute, die
Masken verleihen wollen: Schneider, Modiſtinnen 2c., die feine
Ahnung von klaſſiſcher Büldung haben. Das ift bei mir was
anderes. Ich war jehnehn, Jahre im Burgtheater Garderobiere” —
nd wuchs die Fugelrunde Gejtalt mindeſtens um zwei Zoll — „man
jat was gelernt — Studium gemacht — Sehen’3, da haben wir hier
eine Maria Stuart, wie's zum Tode aufn Schafott geht.“
Und die Garberobiere zeigt ein hochrothes Sammetfchleppkleid,
das eine große moderne Tournüre rückwärts und an den Geiten
Paniers hat.
ber — roth —?" wagt bie Verehrerin von Schottlands un
stnafelger br in zu fragen.
ben Sie denn bie Tage nicht bie Zeitungen
rar vg Be bo ſchwarz auf weiß geftanden, daß die Maria
tuart ſich, juft um die Elifabeth zu ärgern, nudelſauber heraus-
gepugt hat, mit Sen Sammetlleid und rothe Senbihuben
Die beredte Geſchäftsfrau bringt nun für die Kundin ein Koſtüm
zufammen, in dem man alle Jahrhunderte vereinigt findet. Ohne zu
handeln legte die „Stuart für eine Ballnacht“ eine neue Zehnernote
auf den Lil r und fchreitet im Kothurnitolz davon, während bie
giant Ar noch nachruft:
Vergeſſen's nicht den Schleier übers ganze Gewand zu breiten
— 's ift nur, daß man den großen Fettfleden auf'm cul de Paris
nicht fo ſieht“ — fügt fie erläuternd, zu uns gewenbet, Hinzu.
Endlich kommt aud) das Schanerl und mit ihm das Probir⸗
fräulein. Die blauen Dominos folgen zurüd, weil die beiden Damen
ſich — haben, als fette Fliegen zu erſcheinen.
Die heilblauen Atlasſchleppen mit weißem ſpaniſchem Flieder
ſind ee neu, und ganz teizend, und Frau Melanie ſchlüpft
gleich zur Probe in einen derfelben, in dem fie fi ausnimmt, wie
das Tüpferl über'm „i“.
Die Dominos hätten wir nun zur legten Opernredoute — aber
wird uns das Intriguiren und das Vergnügen dort nicht fehlen?
704° Am Kamin.
Hippfadgen.
Die Entdedung der Kohlenfänre durch Friedtich Hoffmann (geb. 1660 in
Halle, fubirte 1678—1681 in Zena, gef. 1743 in Halle) und beffen Nachweis ber
ſhadlichen Wirkung derſelben auf das thierifhe Leben, erregte bei vielen deutſchen
Univerfitäten Anftoß, als der Religion zuwidet unb an Gottlofigteit grenzend. Zu
jener Zeit verfuchten etliche Jenenſer Stubenten in einem geichloffenen Gartenhaufe
nahe der Stadt Geiſterbeſchwörungen, um mit überirdiſcher Hilfe einen Schatz zu
heben und erflidten bis auf einen an ben Dämpfen von Holzlohlen, bie fie in der
Talten Befctwörungenächt angezündet hatten, alfo nicht gerade an Kohfenfäure, fon«
bern an Kohlenorybgas, bad man bamale’ noch nicht fannte. Der eine Gerettete
berichtete von erſchreclichen Geränfhen, von Spufgebilben dor Ohren und Augen,
als er bie Befinnung verlor und man nahm allgemein an, daß ber böſe Geiſt bie
BVerwegenen getöbtet habe. Hoffmann gab zu, daß allerbings ein fehr böfer Geift
die jungen Lente in Berfuhung geführt babe, näntlich ber Geift ber Habſucht und
Thorheit, und baß ein jehr höfer Geift, nämlich das Kohlengas (Spiritus mineralis),
bie Urfahe ihres Todes geweſen fei. Er behauptete, daß Taten Geift fie auch ger
töbtet haben wurde, wenn fie latt ber Geifterbeihwörungen Pfaimen gefungen hätten
und fprah ben Teufel von aller Schuld an biefem Borfalle frei. Die theologiſche
Fakultät, feibft Kent, waren entfeßt über ſoich haarfträubenb verwegene Behauptung.
Tas deutſche Nofendl hat in bem letzien Zabren ziemlich viel von ſich reden
gemacht und wird, je nad dem Stanbpunfte ber Verihterflatter, eutweder für eine
bloße Kuriofität ohne jeden Hanbeiswerth, ober für ein Prodult von —E
Bedeutung erklärt, daß enblich das orientalifche Roſendi verbrängen wird. Ee
dedhalb einige Notizen über biefen neueften heimifen Iubufriegtweig von Senrefe
fein. Der Plan, in Deutſchland auf wiſſenſchaftlicher Grundlage Roſendl zu beftil-
firen, rührt von ber Peipziger Firma Schimmel und Comp. her, bie im Jahre 1884
3'/, Kilogramm barftellte. Gegenwärtig ſoll biefelbe Firma damit umgehen, biefen
Berjuch zu wieberholen. ferner haben bie Gebrüder Schultheiß in Steinfurth in
Heflen ein Rofenöl von folder Dualität befilist, daß es bem orientalifen ganz
nahe kommt, doch ift noch unentſchieden, ob bie Herftellungstoften bes beutichen
Rofenöls eine Konkurrenz mit bem ausländiſchen gefatten. Die letgenannte Firma
hat 60 Ader Land mit Centifolien nur zur DeiHation bebaut und es ift ihr auch
gelungen, aus bem berühmten Rofen- und Rofenöl-Bezirl von Kafanfil eine Partie
der bort benußten Damascener-Rofe zu erhalten. Ihre Blätter, bie Fl nad dem
Einfammeln deſtillirt werben, follen von 50'/, Kilogramm gegen 30 Da
ergeben. Berſuche, Rofenöl aus ben Blumenblättern ber Thee-, Bontbon- und
Remontant-Rofe zu gewinnen, hatten teinen befriebigenden Erfolg, da von ihnen erft
129%, Kilogramm etwa 30 Gramm Del lieferten. Das deutſche Rofendl bildet
glänzende Kriftalle, bie bei 28 bis 32°C. ſchmelzen, während der Schmelzpuntt der
Kriftalle des türkiichen Roſenöls, wie Bauer angiebt, zwiſchen 11 und 16°C. Tiegt.
Salon · Auchertiſch.
Martin Greifs:
Aouradin, der Schte Sohenllauſe.
Trauerſpiel in fünf Aten. Stuttgart, I. ©. Cotta, 1889.
Wie in ben Liebern, fo offenbart fich and in ben Dramen Martin Greifs eine
Dichternatur von vornehmer Gigenart. Die Mufe Greifs vertieft fih mit Vorliebe
im bie tragifhen Abgründe des Lebens. In Anlage und Ausführung feiner Drar
Hufbigt ber Dichter des „Gorfig Uffelbt", des „ero", bes „Barino Falieri“,
„Being Eugen“ ben Grunbfägen eines gefunden" Realiomus. "Nie finkt er zum
piften gemeiner Wirklichkeit herab, ja er macht nicht felten von dem echte
Dister® Gebraud), Natt des ermübenben reafiftifgen Bereit, fymbotifche Ahbre
turen in kunſtlerijch wirtſamer Weiſe anzuwenden. Die Dramen der ledten Ip;
„Heinrich der Löwe“ und „Die Pfalz im Rhein“ bezeichnen einen Wortfchritt,
Dichters, der fih nun mit Stoffen befchäftigte, bie ihn ſchon lange gelodt hatten
zu beren Berwältigung fein Talent bejonder® gejhaffen ſcheint. Dielen beiden Ho
Am Kamin. 705
ſtanfendramen, die mit großem Beifall aufgeführt wurben, hat er jetzt fein neueftes
Stüd: „Keuradin, der letzte Hohenſtaufe“ folgen laſſen Der letzte Hobenftaufe, der
im Kampfe um fein gutes Recht unterliegt und auf bem Bfutgerüfte zu Neapel
firbt, if eine der rührendften Geftalten ber Gefcichte, und fie wächft vor den Yugen
unjere® Dichters zu tragiſcher Größe empor. In Konradin, wie ihm uns ber tief
blidende Dichter jchildert, haben die ebelften Eigenſchaften des Geiſies und Herzens
einen verhängnißvolen Bund gefhloffen. Cs ift bie Tragil des jugendlichen Idea-
Hismus, bie uns hier vorgeführt wird. Meifterli) und mit einbringenber Deutlich.
keit hat ber Dichter das Hiftorifche feines Vorwurfs, bie typiſchen Repräfentanten
der Zeit Konradins bargeftellt; die Porträts Karls don Anjou, bes abenteuerlichen
Konrad von Antiodien und anderer, find von ſprechender Lebenswahrheit. Wir be
greifen, warum das Unternehmen Konrabins mißlingen mußte, das nilchterne Urtheil
feit fi) auf bie Geite feiner Mutter, bie ihm von dem Zuge nach Stalien zurid-
zubalten fucht. Aber wir begleiten ben muthigen Züngling, ber inhn bie von feinen
Vorfahren überfommene ſchwere Aufgabe auf feine Schuitern nimmt, und feinen
edlen Leibensgefärten Friedrich von Defterreich, mit tiefem Anteil auf’ ihrem {hid«
falsvollen Wege nad Stalien. Das neue Stüd hat einen Iebhaften Puls; Schritt
für Schritt werben wir durd neue Wendungen überrafcht, bie unfer Iutereffe auf
dae Kommende fpannen. Im dritten Alte wird 3.8. Biolante, die Tochter des
Verräthers Frangipani, eine Geflalt von Glut und Peibenfhaft, in bie Handlung
eingeführt und der Dichter verknüpft mit einem glüdlichen Griff das Los dieſes
Mädchens mit dem Geſchick des unglüdlihen Konradin. Der vierte Alt fett bie
Schlacht von Tagliacoygo und beren unmittelbare Folgen meifterhaft in Scene. Die
‚Höhe feiner Kunft erreicht ber Dichier im fünften At. Wie [hön if} das Iekte Ge-
ſprach reifen Kontabin und Friebrich Bon erfchlitternder Gewalt iſt das Auftreten
ber Mutter, bie vor einem Madonnenbilde ihr Leid ausfirömt und die fpäter, von
Schmerz überwältigt, am ber Leiche ihres Sohnes zuſammenbricht. Diefe Scenen
gehören zum Mächtigſten und Schönften, was Greif gebidhtet hat. — Möge bem
bedeutenden Werte der feinen Borzügen entſprechende Mnenerfeig zuhet derden.
J . Engenfeiner.
Das Buch ven der Schwiegermutter. Cine kulturhiftoriih- binmorifiifche
Unterjuhung. Bon Dr. Abolph Kohut. Züri, Berfagemagazin (Schabelit).
Genanntes Schriften hebt nit eiwa einen neuen Stein auf, um ihn auf bie diel«
derleumbete Schwiegermutter zu werfen, fonbern es bezwedt vielmehr eine eflatante
Gprenrettung ber wurbigen alten Dame, daher es allen Schmiegerföhnen und folden,
bie es werden wollen, zur aufmerffamen Leftüre empfohlen fein mag. Im ſechs
Abſchnitien · „Der Kampf gegen die Schwiegermutter‘, „Die Schwiegermutter in
Fiteratim ımb Dietung", „Die Schwiegermutter in ber Witgpreffe und Anekbote”,
„Barode Anfichten über Schwiegermutter", „Eine Schwiegermutter, wie fie nit
fein fol, „Die Rehabilitirung ber Schwiegermutter”, beleuchtet ber belichte Ber-
fafler fein intereffantes Thema von allen Geiten unb fämpft energifch gegen bie feit
uralten Zeiten beftehende uud im neuerer Zeit zum modernen Spott und Chic ger
wordene Berjpottung ber Schwiegermutter, ohne inbeflen dem cingewurzelten Bor-
urtgeil in allen Fällen alle und jede Berechtigung abfpredien zu fönnen. „Vielleicht“,
heißt es gegen ben Schluß bes ritterlihen Plaiboyers, „finden fih noch anbere,
melde gleich mir gegen ben unmwürbigen Epott eine Lanze einlegen und ben Zeit
genoffen die Wahrheit bes Satzes vor bie Seele führen, daß über rauenehre und
Srauenmülrbe nicht gefpottet werben durfe unb daß der Wig ſich gewiffe Schranten
auferlegen müfle.“
Bildertifg.
Einen Grup an Deinen Herrn.
Hier auf biefer Bank im Garten,
So verſchwiegen laufchig, ftill
Will ih des Geliebten warten,
Fals er heute Tommen will.
Sieh, da fommt fein treues Thier,
Earo, hier!
706 Am Kamin.
Schmiegſt dich eng an meine Glieder,
Während meine Hanb bi ſtreicht,
Fäufft dann ſuchend auf und nieber,
If bein Herr ganz nah vielleiht?
Trug er einen Gruß auf bir?
Sag’ es mir!
D, id weiß, du kannſt verſtehen,
Kluge Thier, was man Dir fagt.
Möcptet du nicht zu ihm geben
Und ihm jagen, wenn er fragt:
Eben flug die Glode vier,
Ich wär” hier.
Bern des Glüdes Sonn’ uns fceinet,
Haft bu’s gut, mein Hunger Hund,
Werben wir bereinft vereinet
Im begtildtem Epebund.
Ah, da kommt mein Offizier!
Wache hier!
Die Eiferfüctige.
Ein Drama in Schnabahüpferin.
Verfonen: Gran, der Dub. Refi, feine Herzallerliebſte. Kathi, das Ghäntmabl.
3%
1. At. Im ber Scänke. 2. Alt. Bor der Schänfe.
Franzi gu Kathi): —
Du ſchwarzau Diandl, (vie ihren ranzl in ber inte befaufät hat)
Bie Kar —X Due % Seh, fau nur, Du Schlechter,
Daß der Schelm aus Dein Augen Lumpft, pumpft buch; das Lamb,
&o nansbligen ta? Fin en mit dem Make,
und's Diandf hat Bier a, fi, i6 das a han
Und's Dianbl fat Wei Saat
Und bem Yuaben, dens gern hat, Bon mei Lumpen, mei vumpen
Dem ſchanlt fie brav ei. Go Sana,
San unfer brei Brüder Y
ab ;,dn Der anf, dom Durn Bu ne.
t jeder fei er! . u
Ka die ea. Une Dei dh, wenn a Au A,
8 1a item Hr jagen Schau, weil gar’ fo viel gern Haft,
n mire fei
Und Sei tufigen Brüdern, Sam fi
De tannf mi berfragn. Zen Sin i, ten Bleib" i
's muß nit grab b’ Gambs Und treu is mei Sinn,
Und a Sitſch mit grad f j Treu Bleib i mein Schak,
Die Diandin zwar Nele ma nit, Weil i a Schönere net fin.
Doch verfdießt man fi drei. Refi (erföhntigen:
Und morgen und heunt Und a biffala Lieb
San nit altoeil guat Freund, Und a Biffala Treu
DLR © LBuflert bergebe, Und a Biffala Falfheit
Laß mi's heut no berlebel 38 allweil babei.
Kathi: Granzl Gärtfig):
Die Küg mach'n Fleden, A Ringer am finger,
Mei Muetta hat's giagt, A Krangerl im Haar,
Drum nehm i mi gemalti Und fo gänge ma zum Pfarra,
Borm Küffen in ad. Schau, jo wern mer a Paarl
Am Kamin. 707
Adam und Evas Erbjünde. Cine große Neuigfeit! Das zierliche Dämchen
aus ber Rolokozeit trägt fie brühwarm ber Freundin zu! Da giebt's ein Ziſcheln
und Kihern. Ya, es ift eine Wonne für mandes Gemüt, ſich vet auszuſchwatzen
aud auf Koften des lieben Nächten. Das war fo zur Zeit unferer Urgroßeltern
umb da® wirb auch noch fo fein zur Zeit umferer Urentel.
Bei den Frauen ift das Schwagen, eine Erholung, eine Uebung. Man kommt zu-
ſammen, es wirb ein halbes Stündgen Kaffee getrennten, dann ein halbes Etinbden
mufzist, dann ein halbes Gtünbihen geipielt, bann ein halbes Gtündchen geſchwatzt
unb manqh guter Ruf geht babei zugrunde. Saphir ſchildert dieſe Cpibemie ber
Weiber beiberlei Geſchiechts fehr lebendig, wenn er fagt:
Da find wir in einem Kaffeszimmer. Ein paar Frauen aus bem Mittelalter,
mit altdeutfchen Zungen, mit Tartjgen- Zungen, ein paar Mädchen, brei, vier Töchter
des Haufeß, bie den Zipfel ihres Lebensfrühlings in bie Männerwelt hineinflattern
laſſen wie ein Nothfignal von einer Zeftung, bie fih auf Gnad' und Ungnab’ ergeben
will, ein paar Freundinnen, ein paar ſchöne Freundinnen, bie man zivar wegen ihrer
Schönheit nicht leiden Tann, bie man aber doch am fich zieht, weil fie biefer Fr jener
gerne fieht und man biefen und jemen gern bei fi fehen möchte — —; und ein
Saar Gfacsemäuner, Balmänner, gefhmeiig, dehnbar, yähe und — am Ente fett
leben. Rum geht's 108, bie rauen reden erft von allen Leuten gutes, nichts als
gutes! Allein danu Tommt das — mAber!" &o ein „Aber“ ift ein Heino 3
aber die Frauen kehren darauf um mie ein geſchickter "Rutfcher auf einer Sup)
fhüffel. „Mber” {ft ber gefellige Sämappgalgen, — uf jappelt fi bie —
Reputation zu Tode. „Aber“ iſt der Wendepunkt bes Krebſes, von. biefem „Aber”
an geht alles gute, was man von einem gefagt hat, zurüd, und mirb zu lauter
Scheeren, bie den Tieben guten Namen —ãA— und ewiden
Auf einem „Aber“ fclagen bie längften Weiberzungen einen Kreiſel. Webe
dem ehrlichen Menfchen, über den ein gewiffe® Weiber-Aber binfähet, er if geräbert
auf fein Iebelang! — Aber dieſes „Aber“ ift Honig unb Mil gegen bie „Wenns
der Männer.
Bei geiviffen Frauen iſt das „Aber“ romantifh, fie reden ſchlechtes von bem
unfeufbigften Menſchen, aber fie hüllen es ins fabelhafte, fie ſtellen fi, als wenn
fe nicht daran glaubten, fie umgeben es mit einem: „ich kann's ar nicht glauben“,
— „jo will bie böfe Zelt jagen”, — „es ift gewiß, übertrieben”, u. f. w. Kur,
geroifje Frauen verleumben tomantifch, & if ein Nibelungenlie, eine Tradition;
aber viele Männer betreiben e8 Siforifch, fie verleumden geſchichtlich gründlich,
Haffiih. Sie haben alles ſelbſt erforicht, ergründet, fie geben bie Onellen an, fie
haben barüiber nachgedacht, fie verleumben mie die Zacituffe. Kurz, aber PH
Drängen wir un jegt ein bißchen in ein „Berleumbunge-Bidnid”, das ift ein
wohlfeiles, unſchuldiges Vergnügen. Es kommt einem nicht gar zu hoch! Jeder bringt
eine qugerichtete, eine ont ugeridhtete Berleumbung mit; und bann verzehrt man
alles burheinander. C6 if ein iebenemirbiger Spa! Der eine bringt einen heik-
abgefogten Ehemann, gefpidt mit erfundenen Echänbligeiten, mit erbichteten Licb-
föaften; ber anbere bringt eine hübſche, junge rau, vecht im ber Brühe von Ber-
Teum! „mit allen Fe ber ſchanduͤchſten Anſchuldigungen; wieder ein
amberer bringt ein junges, zartes Mäbchen, delilat gebraten am pieße ber Ber-
bädtigung, mitrhe gebraten auf ben gelinden Kohlen, bie man auf ihr ſchönes Haupt
fommelte; der vierte bringt einen pifanten Stanbal von einem feiner Bufenfreunde,
mit bampfenden Trüffeln aus feiner eigenen Küche
Sie werben fragen, meine holben eferinnen, woher jet das Verleumden ber
jungen Männer jo überhand nimmt? So muß ih Ihnen erwibern, aus beim gänz-
ficjen Mangel an Bildung! Aus dem Mangel, den der größte Theil unferer männ-
lichen Jugend an geiftiger und moraliſcher Nahrung befam, aus ihrem Unvermögen,
fonft eine Konverfation zu führen, aus ber bejammernöwerthen Berlegenheit, in welche
fie gerathen, wenn fie in einer gebifbeten, geiſtreichen Gejelligaft mit an bem großen
Triebrad ber allgemeinen jelligteit treten follen, aus ber bemitleibenswerthen
Aengftlicpkeit, ‚die fie befällt, wenn fie ein fittfames, wohlerzogenes, feingebildetes
Mädden nur fünf Minuten unterhalten follen, ohne vom legten Ball, vom bor-
legten Eotillon und von ihrem eigenen Reitpferb zu ſprechen; aus ber totalen Un«
: 708 Am Kamin.
mögligpleit, einem Frauenzimmer gegenüber, welches Sinn hat für ben geifligen
, Kern ber Konverjation, fur bie eblern Belandtheile des Geſpräche, für einen Heiteren
unb inhaltsvollen Ideenaustauſch im gefelligen Kreiſe, ſich aud nur eine Biertelftunbe
lang intereffant erhalten zu Fönnen. Auß biefer innern geiftigen Hohlheit und aus
dieſer moraliſchen geäflerigteit ihres Ichs entipringt das inftinftmäßige Bebürfniß,
fich doch auf irgend eine Weife geltend zu machen, auf irgend eine Weife mit beizu-
tragen zur Gefellichajt, und da fie aus eigenem Geift- und Herz-Gädel gar nichts
Tiefern lönnen, fo fpießen fie gute Namen auf bie Konverfationsnabel, um fie ent-
weber zum Spaße ber Gefellihaft zappeln zu laflen, oder um ſich einen Werth
geben zu wollen. Was foll man bagegen thun? Man fameigt und lachelt, denn:
Da müßt’ es gar viel Kleiſter geben, wollt man aller Leute Maul verkleben !"
Gemien auf der Flucht vor Dem Adler. Die Gemfen, welde vom Adler
erichredt werben, nehmen jo fchnell Reißaus, daß ſelbſt der einft fo berühmte Schnell-
Täufer Bit Käpernidt ihnen nicht nachfommen könnte. Da ber Sprung einer Gemfe
22 Fuß betragen fann, jo fann man fi) eine Vorſtellung davon machen, wie ſchneil
die fühnen Springer bie größten Hinberniffe des flüftereihen Alpenterrains über ·
winben. Ueber bie fteifften Klippen läuft bie Gemfe mit größter Gidperheit und im
wenigen Sägen erreicht fie bie fteilfte Höhe. Der Mbler iR nähf bem Jäger ber
ſchlimmſte Feind ber Gemfen. Er erfpät bie ruhig weibenden Thiere und ftürzt
wie ein Bli aus heiterem Himmel hernieber auf bie erſchrecte Heerde. Der ger
waltige Raubvogel ergreift, nod; ehe die Mutter e8 abwehren Tann, einige Zicklein
und fein Berggeift ſchützt mit feiner Götterhand das gequälte Thier. Aber hoffent-
fiy hat in unferm alle das kluge Leitthier, bie „Borgais“, den furchtbaren Feind
bemerkt. Wenn das Leitthier Gefahr wittert, fo pfeift e8 heil auf, ſiampft mit einem
ber Borberläufe auf ben Boben unb beginnt fofort bie Flucht, woranf ihm bie ganze
Heerde im Galopp nachfolgt.
hi Drudfehler- Berichtigung. In die Heine Erzählung Gloden“ (Geft V,
Jahrgang 1889) hat ſich gleih am Anfange ein Drudfehler eingeſchlichen. Es muß
nicht heißen: „Ipielten zufammen, fondern hielten zuſammen.“
Neueſte Moden.
Ar. 1. Baartrocht.
Man tHeilt das Haar von ber Stirn Bis in ben Naden in zwei Hälften, um
biefe Heibfame Srifur perzuflellen. Gebe biefer Hälften wird nad) innen gerollt und
Mr. 1. Haartracht.
..nander verbunden. Die nah vorn fallenden Euden werben zır Meinen Lödchen
infelt und vermittele einer Agraffe bochgeftedt. Unter diefen befinden ſich die
} : Ealon 1889. Heft VI. Band I. 48
710 ‘ Aeuefte Moden.
natürlichen ober auch kunſtlich angebrachten Stirulöckchen. Unter ben nad oben ger
drehten Haarfträfuen ift auch mod) ein nach unten herabhängenber Strähn’ befiekt,
welcher bei Haarmrangel durch einen Kinfficen Strähn Teicht erfett werben kann.
Ar. 2. Binterhut für junge Mäddien.
Der fehr breite Rand des grauen Filzhutes iſt mit Borde eingefaßt. Den
Nr. 2. Winterhut für junge Mädchen.
niebigen Kopf umgeben ſchräggeſtellte, hochſtrebende ſchwarze Flügel und
fehleifen.
Ar. 3. Vinlerhut.
Der helltabalfarbene, runde Filzhut hat eine breite Krempe und flache.
um welchen ald einziger Ausputz cine Boa aus geträuſelten Straußfebern, geſch
gen iſt. Das eine Cube derſeiben ift am Hintertopf, einer Fedet gieich hor“
Neueſte Moden. zı1
befeſtigt. Das andere Ende if von dort aus nad) vorn genommen und um ben
Hals gefplungen.
Ar. 4. Anzug aus kupferfarbiger broſchitler Beide und ſchwarzem Hpigenfloff.
Auf einem, in gfeihmäßige Falten gelegten erften Rod aus ſchwarzem Spiten«
Pr. 3. Winterbut.
# befinden fih von der Taille aus bis an dem untern Rand des erſten Nockes
sende, glatt berabfalfende, muten gefpaltene Theile ans broſchirtem Seidenftoff,
He dert denfelben frei laſſen. Die nach dem Rücktheil reichenden Theile find in
Falten gefent. Das vorn berabgebende, unten ſchmäler werdende Theil iſt am
‚rn Ende etwas verkürzt und eudigt mit einer ſchöuen Seidenfrauſe. A den
iten Gefinten fid Breite Taſchen, welche a der muteru Cuerjeite, mit, Shenille-
48*
——
Deine, Google
714 Neueſte Moden.
franfen und Bällchen befegt find. Die anliegende Taille ans Seidenftoff if vorn
jadenartig über einem bi6 zur Taille berabreidenben Zaltenlag aus ſchwarzem
Spienfoff offen, welcher unten in einer Rofette enbigt. Kurze Ellbogenärmel mit
Nr. 6. Müpe für Herren.
Spigenfalten an ber Schulter und Meine Rofette am untern Rand. Helle Haudſchube.
Ar. 5. Anzug ans Gröpen-und Tüll mit himmelbfauen Blumen beflict.
Der erfte Rof ans Crepon if völlig glatt Der auf demfelsen beſindliche
zweite Ro aus beflidtem Tüfl kilbet an den Geiten eine vorn hohgehene Dra-
njade aus bimmelblauem Surah.
perie, welche mit einem, im eine ſcharfe Spibe nach unten ausgehenden Theil
beftidtem Crepon bededt if. Cine fböne Ehenitlegnafte, die big zum Rand
Nodes reiht, beendigt dieſes Theil. Im Rucken iſt der Tüllrock, in alten ger
!
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